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Full text of "Waldbäume und Kulturpflanzen im germanischen Altertum"

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Waldbäume und Kulturpflanzen 



im 



germanischen Altertum. 



Von 



Johannes Hoops, 

ord. Professor an der Universität Heidelberg. 



Mit acht Abbildungen im Text und einer Tafel. 



Straßburg 

Verlag von Karl J. Trübner. 

1905. 



Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, vorbehalten. 



M. DuMont-Schauberg, Straßburg. 






Wilhelm Braune und Fritz Neumann 

in Freundschaft gewidmet. 



Vorwort. 

Die philologische Forschung der letzten drei Jahrzehnte 
hat unter dem Zeichen der Sprachwissenschaft gestanden. 
Wenn auch noch eine Fülle sprachgeschichtlicher Probleme 
der Lösung harrt, so scheint es doch, daß die nächste 
Zukunft außer der Literaturgeschichte vor allem der Alter- 
tumskunde gehören wird. Verschiedene gründliche Arbeiten 
liegen bereits vor, welche, auf den neuesten Ergebnissen 
der Prähistorie imd Sprachwissenschaft aufbauend, be- 
stimmte enger mngrenzte Gebiete erschöpfend behandeln. 
Doch bedarf es noch gar mancher Einzelf orschimgen, bevor 
eine auf der Höhe der Zeit stehende, abschließende Gesamt- 
darstellung der germanischen Altertumskunde erfolgreich 
in Angriff genommen werden kann. 

Es scheint mir empfehlenswert, solche SpezialStudien 
von vornherein auf eine möglichst breite Basis zu stellen, 
den Forschungen nach allen Seiten hin weite Perspektiven 
zu geben und nicht bloß gelegentliche Blicke in die Ge- 
biete der Nachbardisziplinen zu werfen, sondern sich ein- 
dringender und gründlicher darin umzutun. Denn nur wenn 
man jeden Augenblick imstande ist, das Licht aller in Be- 
tracht kommenden Wissenschaften auf jeden Pimkt der Unter- 
suchimg zu konzentrieren, wird man zu allseitig befriedi- 
genden Ergebnissen gelangen, die ihrerseits wieder klärend 
und fördernd auf die Fachwissenschaften zurückwirken 
können. Dadurch werden solche Spezialarbeiten über den 
Rang bloßer Materialiensammlimgen und Bausteine empor- 
gehoben und vermögen sich zu Monographien von selbst-, 
ständigem und bleibendem Wert auszuwachsen. 1 



VI Vorwort. 

Im vorliegenden Buche habe ich versucht, die Stellung 
der Pflanzenwelt im germanischen Altertum nach den an- 
geführten Gesichtspunkten zu behandeln, und zwar habe 
ich die Waldbäume und die Kulturpflanzen als die beiden 
für die Menschengeschichte bedeutungsvollsten Kategorien 
herausgehoben. Eine Jugendneigung ziu* Botanik bot dem 
Philologen das nötige Anschauungsmaterial, ohne das eine 
derartige Arbeit gar nicht zu machen ist Eine langjährige 
Beschäftigung mit der prähistorischen Forschung lieferte 
die uniungänglichen archäologischen Kenntnisse. 

Ich bin bemüht gewesen, alle drei einschlägigen Wissen- 
schaften, Botanik, Archäologie und Sprachwissenschaft, in 
meiner Darstellung gleichmäßig zu ihrem Recht kommen zu 
lassen, und ich habe mich nicht gescheut, wo es erforder- 
lich schien, nicht bloß in philologischen, sondern auch 
in botanischen und archäologischen Fragen eigne, von 
den hergebrachten abweichende Ansichten zu verfechten. 
Vielleicht habe ich dem Philologen oftmals zu viel Bota- 
nisches, dem Botaniker zu viel Philologisches imd dem 
Archäologen von beiden zu viel geboten; aber ohne ein 
Eingehen auf Details und Einzeluntersuchungen hat eine 
solche Arbeit wenig Wert. Auf der andern Seite war mein 
Augenmerk überall darauf gerichtet, aus der Fülle des 
Stoffs die leitenden Ideen deutlich erkennbar hervortreten 
zu lassen. Eine derartige Darstellung dürfte am besten 
geeignet sein, den Vertretern der einzelnen Fachwissen- 
schaften eine klare Übersicht über das ganze vielgestaltige 
Gebiet zu ermöglichen. Wie sehr es oftmals nicht nur den 
Philologen, sondern auch den Botanikern, Forsthistorikern, 
Archäologen, Historikern und Nationalökonomen an einem 
beherrschenden Überblick über die verschiedenen Seiten der 
von uns behandelten Fragen fehlt, hat sich mir bei meinen 
Arbeiten mehrfach gezeigt. 

Da das Thema dieses Buchs so leicht kaum von einem 
andern wieder angeschnitten werden dürfte, habe ich es 
für ratsam gehalten, sowohl in der sprachlichen wie in der 
botanischen und archäologischen Untersuchung Rückblicke 



Vorwort. VII 

* 

in die prähistorischen Epochen zu werfen. Dadurch er- 
gaben sich mancherlei neue Gesichtspunkte hinsichtlich der 
Kultur und der Urheimat der Indogermanen, und zugleich 
erhielt so die Behandlung der historischen Zeiten erst die 
wünschenswerte entwicklungsgeschichtliche Grundlage. Zu- 
gleich war es mein Bestreben, die Konsequenzen meiner 
Untersuchungen möglichst selber nach allen Seiten hin zu 
verfolgen und die Ergebnisse derselben für die verschiedenen 
Wissenschaften fruchtbar zu machen. 

Meinen Kollegen Osthoff und Schötensack spreche 
ich für manche Beratimgen in sprachwissenschaftlichen 
bezw. prähistorischen Fragen und Herrn Dr. C. A. Weber 
in Bremen für verschiedene bibliographische Nachweise auf 
botanischem Gebiet meinen herzlichen Dank aus. Sonstige 
Verpflichtimgen habe ich am gegebenen Orte anerkannt. 

Die Direktion der hiesigen Universitätsbibliothek ist 
meinen Wünschen nach Anschaffimg von Büchern stets in 
der liberalsten Weise entgegen gekommen. Es ist mir eine 
Freude, dies hier öffentlich auszusprechen. 

Ein besonderes Verdienst endlich hat sich meine Frau 
um dieses Buch erworben durch die mühevolle Anfertigung 
des Registers und so manche andere Hilfe während der 
Ausarbeitimg und Drucklegung. 

Heidelberg, 1. April 1905. 

Johannes Hoops. 



Inhalt. 

Erster Teil. — Waldbäume. 



Seite 



Erstes Kapitel. Die Wandlungen der Baumflora Nord- 

und ACtteleiu-opas seit dem Ende der Eiszeit ... 3 

I. Das Alter der nord- und mitteleuropäischen Flora . . 3 

II. Die Waldperioden der nordischen Länder 6 

1. Allgemeines 8 

2. Die arktische oder Dryasperiode 12 

3. Die Kiefemperiode 13 

4. Die Eichenperiode 29 

5. Die Fichten- und Buchenperiode . • 31 

6. Hydrographische und klimatische Veränderungen • 33 
III. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen . 39 

1. Norddeutschland 43 

2. Süddeutschland und Böhmen 58 

3. Die Alpenländer 61 

4. Ergebnis • . . . 64 

Zweites Kapitel. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas 

im Steinzeitalter 66 

I. Die Baumflora des nordischen Steinzeitalters .... 66 

1. Angebliche Spuren des Menschen aus der Kiefemzeit 67 

2. Die Baumkohlen der jütisch-dänischen Muschelhaufen 69 

3. Gleichzeitigkeit der nordischen Steinzeit mit der 
Eichenflora 77 

4. Klimatische und hydrographische Verhältnisse im 
Steinzeitalter 79 

II. Die Baumflora der^frühneolithischen Siedelungen in der 

Kieler Föhrde 81 

III. Die Baumflora der Schweiz zur Pfahlbautenzeit ... 85 



X Inhalt. 

Seite 

Drittes Kapitel. Wald und Steppe in ihren Beziehungen 

zu den prähistorischen Siedelungen Mitteleuropas . 90 

Mensch und Urwald 91. Der landschaftliche Charakter 

Mitteleuropas in prähistorischer Zeit 94. Bedeutung der 

Steppengebiete für die ältesten Siedelungen 97. Die 

Erhaltung waldfreien Geländes und ihre Ursachen 102. 

Viertes Kapitel. Die Baumnamen und die Heimat der 

Indogermanen 112 

Einleitendes 112. Eiche 115. Nadelholz 120. Esche und 
Espe 121. Buche 125. Eibe 126. Schlüsse 127. 

Fünftes Kapitel. Die Waldbäume Deutschlands zur Römer- 
zeit und im frühen Mittelalter 133 

I. Einleitendes 133 

II. Süddeutschland • . .* 139 

1. Die Laub- und Nadelholzgebiete Süddeutschlands in 

der Gegenwart 139 

2. Schwarzwald 142 

3. Das fränkische Nadelholzgebiet 154 

4. Die übrigen Nadelholzbezirke 158 

5. Das Laubwaldgebiet der Schwäbischen Alb .... 159 

6. Das Laubwaldgebiet des Neckarlandes 161 

7. Odenwald und Spessart 165 

8. Die Rheinebene 167 

in. Das mittelrheinische und hessische Bergland 172 

rV. Die nordwestdeutsche Tiefebene 176 

1. Die Bewaldung des Landes im allgemeinen .... 177 

2. Laubhölzer 181 

3. Nadelhölzer 183 

4. Ergebnisse 200 

V. Harz und Mitteldeutschland .... • 208 

VI. Ostdeutschland 217 

VII. Die geographische Verbreitung der einzelnen Holzarten 

im alten Deutschland 226 

1. Laubhölzer 227 

2. Nadelhölzer 232 

VIII. Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in histo- 
rischer Zeit 242 

Sechstes Kapitel. Die forstliche Flora Altenglands in 

angelsächsischer Zeit 254 

I. Laubhölzer 255 

n. Nadelhölzer 266 



Inhalt. XI 

Seite 

Zweiter Teil. — Kulturpflanzen. 

Siebtes Kapitel. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nord- 
europas im Steinzeitalter 277 

I. Die ersten Spuren menschlicher Bodenkultur in Europa 277 
II. Die Kulturpflanzen der einzelnen Länder Mitteleuropas 

zur jüngeren Steinzeit 283 

1. Bosnien 283 

2. Ungarn 285 

3. Oberitalien 288 

4. Das nördliche Alpenvorland und das Bodenseegebiet 291 

5. Süddeutschland und Böhmen 300 

6. Mittel- und Norddeutschland 304 

III. Die Kulturpflanzen Nordeuropas zur jüngeren Steinzeit 306 
rv. Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kultur- 
pflanzen Mittel- und Nordeuropas 310 

1. Welches ist das älteste Getreide? 310 

2. Weizen, Emmer, Einkorn 313 

3. Gerste 321 

4. Hirse 323 

5. Hülsenfrüchte 327 

6. Andere Gemüse 329 

7. Flachs 330 

8. Mohn 333 

9. Anfänge des Obstbaus 334 

V. Gesamtbild 337 

Achtes Kapitel. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indo- 

germanen 342 

I. Ackerbau der Indogermanen in der Urzeit 343 

II. Die älteste Kornart der Indogermanen 353 

III. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen . . . 357 

1. Sprachliche Zeugnisse für die Bedeutung der Gerste 

bei den Indogermanen 358 

a) Die gemeinidg. Gruppe von aind. ydvas .... 358 

b) Die gemeineurop. Gruppe von lat. far .... 359 

c) Die gemeinidg. Gruppe von hordeum : gerste . . 364 

2. Bedeutsame Rolle der Gerste im Kulturleben der 
Inder, Griechen und Germanen 371 

3. Das Gerstenkorn als kleinstes Gewicht und Längen- 
maß bei den indogermanischen Völkern 374 



XII Inhalt. 

Seite 

Neuntes Kapitel. Rückschlüsse auf die Lage der Heimat 

der Indogermanen 377 

Zehntes Kapitel. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nord- 
europas zur Bronze- und älteren Eisenzeit 385 

I. Die Schicksale der älteren Kulturpflanzen im Bronxe- 

und Eisenalter 386 

1. Weizen, Emmer, Einkorn • .... 387 

2. Gerste 391 

3. Hirse 394 

4. Die übrigen steinzeitlichen Kulturpflanzen 397 

II. Bohne 399 

m. Hafer 403 

IV. Spelz 411 

1. Jüngste Hypothesen von Buschan und Gradmann . 411 

2. Prähistorisches Vorkommen des Spelzes 414 

3. Die Deutung der klassischen Spelznamen 415 

a) Spätlat. spelta 416 

b) Die andern antiken Namen für Spelzweizen . 423 

4. Literarische Zeugnisse für Spelzbau bei den Römern 428 

5. Verbreitung und Träger der Spelzkultur 435 

6. Heimat und Alter der Spelzkultur 440 

V. Roggen 443 

VI. Zusammenfassung 453 

Elftes Kapitel. Die Kulturpflanzen der Germanen in vor- 
römischer Zeit 456 

I. Getreide 458 

II. Gemüse 462 

III. Pflanzen der Technik 470 

rV. Mohn 474 

V. Obstbau 475 

VI. Heilpflanzen 481 

Zwölftes Kapitel. Die Stellung des Ackerbaus im Wirt- 
schaftsleben der Germanen ziu* Römerzeit 483 

I. Das angebliche Nomadentum der Germanen 485 

II. Die technische Höhe des altgermanischen Ackerbaus 499 
m. Der jährliche Wechsel der Wohnsitze und Feldmarken 

in Cäsars Zeit 508 

1. Art des Wechsels 509 

2. Ursache des Wechsels 511 



Inhalt. xm 

Seite 

IV. Das Agrarwesen zur Zeit des Tacitus 520 

V. Zeugnisse für frühzeitige Seßhaftigkeit 526 

Dreizehntes Kapitel. Die Einführung der römischen Obst- 

kultur in die transalpinischen Provinzen 534 

I. Allgemeines 534 

II. Die einzelnen Obstarten 541 

Vierzehntes Kapitel. Die kontinentale Heimat der Angel- 
sachsen und die römische Kultur 566 

Fünfzehntes Kapitel. Die Kulturpflanzen Altenglands in 

angelsächsischer Zeit 590 

I. Getreide 590 

1. Gerste 591 

2. Weizen 595 

3. Hirse 597 

4. Hafer 598 

5. Roggen 599 

n. Gemüse und Gewürze 600 

III. Obst und Beerenfrüchte 603 

IV. Gewerbe-, Zier- und Heilpflanzen 614 

Sechzehntes Kapitel. Die Kulturpflanzen der altnordischen 

Länder in frühliterarischer Zeit 617 

I. Getreide 617 

1. Allgemeines 617 

2. Gerste 627 

3. Weizen 631 

4. Hirse 632 

5. Hafer 633 

6. Roggen 635 

7. Hamalkymi 637 

II. Die übrigen Kulturpflanzen 638 

1 . Einführung des Gartenbaus in die nordischen Länder 638 

2. Gemüse 641 

3. Obst 647 

4. Gewerbe-, Zier- und Heilpflanzen 648 

Nachträge 652 

Register 656 



Abbildungen. 



Seite 

Figuren i u. 2. Skulpturen von Getreideähren aus Renntier- 
geweih, von Nelii in der Grotte des Esp^lugues bei 

Lourdes gefunden 278 a. 279 

Figur 3. Felsenbild von Bohusiän in Schweden aus der Bronze- 
zeit, einen von Rindern gezogenen Hakenpflug mit 
Pflüger darstellend 500 

„ 4- Prähistorischer Hakenpflug aus D0strup in Jütland . . 501 

„ 5. „ „ „ Papau bei Thom . . 502 

„ 6. Ackermann mit ochsenbespanntem Hakenpflug. Von 
einer altgriechischen Trinkschale des Nikosthenes aus 
dem 6. Jahrh Tafel zwischen S. 502 u. 503 

,j 7. Aussendung des Triptolemos durch Demeter und 
Kora. Von einem attischen Glockenkrater aus dem 
5. Jahrh Tafel zwischen S. 502 u. 503 

,, 8. Aussendung des Triptolemos. Von einer böotischen 

Vase aus dem 5. Jahrh 503 

„ 9. Bauer mit Hakenpflug und Rindern vom Bronzeeimer 

aus der Certosa von Bologna . 504 

„ 10. Hakenpflug aus Spanien und Kalabrien. 19. Jahrh. . . 505 



Abkürzungen. 



abret. = altbretonisch. 

acymr. := altcymrisch. 

adän. = altdänisch. 

adj. = Adjektiv, adjek- 
tivisch. 

ae. = altenglisch (oder 
angelsächsisch). 

afghan. = afghanisch. 

afT(an)z. = altfranzösisch. 

afries. = altfriesisch. 

agall. =: altgallisch. 

agerm.= altgermanisch. 

ags.= angelsächsisch(oder 
altenglisch). 

ahd. := althochdeutsch. 

aind.= altindisch. 

air.= altirisch. 

aisl. = altisländisch. 

akslav. = altkirchensla- 
visch. 

alban. = albanesisch. 

altarab.= altarabisch. 

and. = altniederdeutsch. 

anord. = altnordisch. 

anorweg. = altnorwegisch. 

apreuß. = altpreußisch. 

arab. r= arabisch. 

armen. =s armenisch. 

as. = altsächsisch. 

aschw(ed). = altschwe- 
disch. 

aslov. ^ altslo venisch. 

assy r. = assyrisch. 

äthiop.= äthiopisch. 

avest. = avestisch. 

awnord.=altwestnordisch. 

bal.=balücT (belüci). 

bret.sB bretonisch. 



bulg. = bulgarisch. 
c.= Caput, Kapitel, 
ca. = circa. 
com.=comisch. 
cy mr. =: cy mrisch. 
czech. = czechisch. 
d.= deutsch. 
dän.= dänisch. 
dass.= dasselbe, 
dial. = dialektisch. 
dor.= dorisch. 
eig.=: eigentlich, 
engl. = englisch, 
esthn. = esthnisch. 
f. -= Femininum. 
finn.= finnisch, 
franz. = französisch, 
friaul. = f rianlisch. 
fries. = friesisch, 
frz. = französisch. 
gäl.=gälisch. 
gall.= gallisch, 
gemeinindg. = gemein- 
indogermanisch, 
germ. = germanisch. 
got.= gotisch, 
gotländ. = gotländisch. 
götting. = göttingisch. 
gr(iech).= griechisch. 
Grdf . = Grundform, 
hd. = hochdeutsch, 
hebr. =hebräisch. 
hindust. = hindustanisch. 
Hs(s). = Handschrift(cn). 
idg. = indogermanisch. 
illyr.= illyrisch. 
ir.= irisch. 
it(al). -= italienisch. 



kelt.-= keltisch. 

klruss. = kleinrussisch. 

kret.= kretisch. 

lorimgo t =s krimgotisch. 

kroat. = kroatisch. 

kurd. sskurdisch. 

kymr. =kymrisch. 

kypr. = kyprisch. 

]ak.= lakonisch. 

langob. oder longob. = 
longobardisch. 

lapp.=s]appisch. 

lat.= lateinisch. 

lauenburg. = lauenbur- 
gisch. 

lett.= lettisch. 

lit.= litauisch. 

m. = Maskulinum. 

maked. = makedonisch. 

mbret. = mittelbretonisch. 

md. := mitteldeutsch. 

me. = mittelenglisch. 

mhd.= mittelhochdeutsch. 

mir. = mittelirisch. 

mlat. = mittellateinisch. 

mnd. *= mittelnieder- 
deutsch. 

mndl. = mittelnieder- 
ländisch. 

mpers.=: mittelpersisch. 

n.=Ncutrum. 

narab. = neuarabisch . 

nbulg. =neubulgarisch. 

ncymr. =neucymrisch. 

nd. =- niederdeutsch. 

ndän. = neudänisch. 

ndl. =niederländisch. 

ndsächs.=niedersächsisch. 



XVI 



Abkürzungen. 



ndsorb. = niedersorbisch. 

ne.=neuen^isch. 

nfranz. = neufranzösisch. 

ngriech. = neugriechisch. 

nhd. = neuhochdeutsch. 

mr.= neuirisch. 

nkymr. = neukymrisch. 

nnd. = neuniederdeutsch. 

nndl. = neuniederländisch. 

nord. = nordisch (skandi- 
navisch). 

nordfries. = nordf riesisch. 

nordthilr. = nordthürin- 
gisch. 

norw(eg). = norwegisch. 

npers. = neupersisch. 

nschwed.=neuschwedisch. 

nslov. = neuslovenisch. 

nsorb. = niedersorbisch. 

ebd. = oberdeutsch. 

Oldenburg. = oldenbur- 
gisch. 



osorb. B obersorbisch. 

osnabr. = osnabrückisch. 

osset. = ossetisch. 

österr. = österreichisch. 

ostiran. = ostiranisch. 

pahl., pchl. = pahlavi, 
pehlevi. 

päl.=päli. 

pain(irdial.) ■= Pamirdia- 
lekte. 

panjab., penjab. = panjabi, 

' penjabi. 

pers.= persisch. 

pg. = portugiesisch. 

pl. = Plural. 

poln.= polnisch. 

portg. = portugiesisch. 

preuß. =: preußisch. 

prov. = provenzalisch. 

rom(an). = romanisch. 

russ. = russisch. 

schwed. = schwedisch. 



Schweiz. = schweizerisch, 
serb. = serbisch, 
siebenbürg. = siebenbür- 

gisch. 
slav. = slavisch. 
sorb. = sorbisch, 
span. = spanisch, 
spätlat. = spätlateinisch, 
tatar. = tatarisch. 
thrak. = thrakisch. 
türk. = türkisch, 
umbr. = umbrisch. 
urgerm. = urgermanisch, 
urkelt. = urkeltisch. 
V. = Vcrs. 

vorgerm.= vorgermanisch, 
vulglat. = vulgärlateinisch, 
walach. = walachisch. 
waldeck. = waldeckisch. 
westf . = westfälisch. 
Wz. = Wurzel. 



Erster Teil. 

Waldbäume. 



Erstes Kapitel. 

Die Wandlungen der Baumflora Nord- und Mittel- 
europas seit dem Ende der Eiszeit. 

I. Das Alter der nord- und mitteleuropäischen Flora. 

Literatur. A. Engler Versuch einer Entwicklungsgeschichte 
der Pflanzenwelt t insbesondere der Florer^ebiete seit der Tertiär* 
Periode. 2 Bde. Leipzig 1879 — 82. Aug. Schulz Grunäzi^e 
einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt Mitteleuropas seit 
dem Ausgang der Tertiär zeit. Jena 1894. Derselbe Entwich' 
lungsgeschichte der phanerogamen Pflanzendecke Mitteleuropas nörd' 
lieh der Alpen. (Forschungen z. deutschen Landes- u. Volks- 
kunde, hrsg. V. A. Kirchhoff. XI 5.) Stuttgart 1899. CI. Reid 
The Origin 0/ the British Flora. London, Dulau & Co. 1899. 
C. A. Weber Versuch eines Überblicks über die Vegetation der 
Diluvialzeit in den mittleren Regionen Europas. (Allgemein-ver- 
ständliche naturwiss. Abhandl. 22.) Berlin 1900. 
Die Flora Nordeuropas ist verhältnismäßig jung. Durch 
die allgemeine Klimaverschlechterung im letzten Abschnitt 
der Tertiärepoche und die darauffolgende Eiszeit war die 
tertiäre Vegetation einerseits nach den Donauländem und 
dem südlichen Rußland, anderseits nach Frankreich und 
dem Mittelmeergebiet zurückgedrängt worden, wohin ihr 
die paläotropische der Eocänperiode vorausgegangen war. 
Skandinavien, Dänemark, Jütlemd, die norddeutsche Tief- 
ebene, die Täler und Vorländer der Alpen und der größte 
Teil Englands bis an die Themse lagen unter Eis begraben, 
imd die nicht vergletscherten Gebiete Mittel- und Stiddeutsch- 
lands, sowie Südenglands waren von einer arktischen oder 
subarktischen Tundren -Vegetation, charakterisiert durch 
Salix polaris, Dryas octopetala, Betula nana ua. bedeckt, 



4 I. Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eisseit. 

welche zum Teil vor dem Eise her von Norden eingewandert 
war, zum Teil sich an Ort und Stelle aus den anpassungs- 
fähigsten Gliedern der tertiären Flora gebildet hatte. Ver- 
schiedene Vorstöße der mediterranen Flora nach Norden 
unter dem Schutz der Temperatursteigerung in den Inter- 
glacialzeiten wurden durch neue Kälteperioden vereitelt. 
Auf dem unvergletscherten Landrücken, der sich von Frank- 
reich über Mittel- und Süddeutschland nach Böhmen und 
weiter nach Südrußland zog, hat sich die Vegetation teil- 
weise schon seit der letzten Interglacialzeit zu behaupten 
vermocht ; aber in dem größten Teil Mittel- und Nordeuropas 
ist die heutige Flora dauernd doch erst seit dem letzten 
Zurückweichen des Eises ansässig. 

DieBesiedelung des zunächst natürlich völlig vegetations- 
losen ehemaligen Gletscherbodens erfolgte teils von Westen 
und Süden her durch das alte tertiäre Florenelement, ver- 
mehrt durch Mitglieder der Mediterranflora, ^) teils von Osten 
her durch Pflanzen, welche von Asien aus in zahlreichen 
Scharen nach Zentraleuropa vordrangen und jenen die neuen 
Gebiete streitig machten. 

Die Britischen Inseln sind wohl überwiegend von Süd- 
westen her erobert worden. Der Durchbruch des Kanals 
zwischen England und Frankreich ist wahrscheinlich schon 
in einer früheren Epoche der Eiszeit erfolgt.') Als die Nordsee, 
durch die Eismassen nach Norden hin blockiert, zu einem 
Staubeckensee geworden war, mußten sich ihre durch die 
deutschen Flüsse geschwellten Gewässer einen Ausweg 
durch die Niederungen zwischen Dover und Calais nach 



*) Diese war inzwischen durch zentralasiatische Gewächse be- 
reichert worden, welche noch in ante- oder frühdiluvialer Zeit über 
Vorderasien und Nordafrika nach den südlichen Mittelmeerländern ge- 
wandert waren. Vgl. Solms-Laubach Weizett und Tulpe. Leipzig 1899. 
S. 25 ff. 

•) Die Ansicht von Engler {Entwicklungsgesch. I 180) und 
A. Schulz {Grundzüge 173), daß die Landbrücke erst in postglacialer 
Zeit oder frühestens während der letzten Glacialzeit zerstört wurde, 
ist mir weniger wahrscheinlich. Zu der oben vorgetragenen vgl. Reid 
Origin 0/ the British Flora 39 f. 



I. Das Alter der nord- und mitteleuropäischen Flora. 5 

dem Atlantischen Ozean suchen. Die neue Wasserstraße 
wird zunächst noch ziemlich schmal und mehr stromartig 
geblieben sein, so daß die Pflanzen sie ohne Schwierigkeiten 
überschreiten konnten. Als aber die asiatischen Floren- 
elemente in Frankreich eintrafen, war die Kluft zwischen 
den beiden Ländern schon so weit geworden, daß nur eine 
kleine Zahl von Pflanzen noch hinüber gelangte. 

An der heutigen Flora Mitteleuropas und der nordischen 
Länder sind Pflanzen beiderlei Ursprungs ziemlich gleich- 
mäßig beteiligt. Es gibt asiatische Gewächse, die bis an 
den Atlantischen Ozean, und mediterrane, die bis zimi Ural 
vorgedrungen sind. Die arktische Flora, welche in der 
Glacialzeit Mittel- und Süddeutschland bedeckt hatte, wurde, 
soweit sie sich nicht den neuen Verhältnissen anzupassen 
vermochte, von den siegreichen Eindringlingen an den Ge- 
birgen in die Höhe getrieben oder gezwungen, dem zurück- 
weichenden Eise nach Norden zu folgen. Dänemark ist 
ausschließlich von Süden her besiedelt worden, Skandinavien 
der Hauptsache nach von Dänemark aus über die Land- 
brücke, durch die Jütland bald nach dem Ende der Glacial- 
periode über die heutigen dänischen Inseln mit Schonen 
verbunden wurde und lange Zeit verbunden blieb; nur ein 
kleinerer Teil der gegenwärtigen Vegetation Skandinaviens 
ist von Osten her über die finnische Seenplatte eingewandert. 

Auch nach dem Ende des eigentlichen Eiszeitalters mit 
seinen wechselnden Perioden intensiver Kälte und kontinen- 
taler Hitze hat es in den zentral- und nordeuropäischen 
Ländern jedenfalls nicht an mannigfachen, teils lokalen, teils 
weiter verbreiteten Klimaschwankungen gefehlt, wärmeren 
und kühleren, trockneren und feuchteren Perioden, in denen 
sich die verschiedenen Formengruppen der Pflanzenwelt je 
nach ihrer Natur ausbreiteten oder zurückzogen. Die zahl- 
reichen großen Lücken in der Verbreitung der Arten in der 
Jetztzeit erklären sich zum Teil auf diese Weise. Es läßt sich 
auch unter unsem Augen in manchen Gegenden ein Rück- 
gang gewisser Pflanzenarten, eine Ausbreitung anderer be- 
obachten. Aber dauernd hat die Vegetation aus Mittel- und 



6 I. Kap. Wandlungen der Baomflora Nord- n. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Nordenropa seit dem Ende der Glacialepoche nicht mehr 
zu weichen brauchen. 

Die Wald bäume der germanischen Länder nun, die 
uns hier speziell interessieren, gehören fast alle der alten 
tertiären Flora an, die früher schon einmal in unsem 
Breiten zu Hause gewesen, aber durch die Eiszeit südwärts 
zurückgedrängt war, und die nun nach dem endgültigen Auf- 
hören der Kälte die verlorenen Gebiete wieder zu besetzen 
strebte. Den einzelnen Arten ist dies verschieden gelungen. 
Die Fichte {Picea excelsa Link) zB., welche in prägladaler 
Zeit im Waldbett von Cromer wuchs,*) ist in Westeuropa 
nicht über das mittlere Frankreich hinaus gelangt. Die Tanne 
{Abies alba Mill.) erreicht noch heute in Zentralfrankreich 
und an den Nordabhängen des deutschen Mittelgebirges die 
Nordgrenze ihrer spontanen Verbreitung. Die Buche {Fagus 
silvatica L.) hat als letzter der großen Waldbäume, wenn 
auch noch in prähistorischer Zeit, ihren Einzug in Dänemark 
imd Skandinavien gehalten, während sie in Rußland bis heute 
imbekannt ist. Auch die Eibe {Taxus baccata L.) reicht nur 
wenig nach Rußland hinein. 

Dieses nördliche Vordringen der Waldbäume seit dem 
Ende der Glacialzeit, mit seinen mannigfachen Hemmnissen 
imd Wechselfällen, läßt sich teils an den Lagerungsverhält- 
nissen der Torfmoore Nord- und Mitteleuropas, teils an den 
Baiunkohlen der jütisch-dänischen Muschelhaufen, teils an 
den pflanzlichen Resten der schweizerischen und österreichi- 
schen Pfahlbauten und anderer prähistorischer Kulturstätten 
verfolgen. Zum Teil vollzieht es sich aber auch noch 
imter unsem Augen im vollen Licht der Geschichte. 

II. Die Waldperioden der nordischen Länder. 

Literatur. Japetus Steenstrup Geognostisk-Geologisk Under^ 
sog eise ofSkovmoserne Vidnesdam-og Lillemose idet nordlige Sjelland, 
Det K. Danske Vid. Selsk. Naturv. og Math. Af handl. Kjöbenhavn 
1842» S. 17 ff. Die grundlegende Abhandlung, die den Anstoß 



*) Reid Origin of the Brit, Flora 64. 151. Weber Veget. d, Dilu- 
vialuit 6. 



n. Die Waldperioden der nordischen Länder. 



zu weiteren Untersuchungen der subfossilen Baumreste in den 
nord- und mitteleuropäischen Mooren gab. A. G. Nathorst 
Om ndgra arktiska växtlemningar i en sötvattenslera vid Alnarp i 
Skdne, Lunds Univ. Ärsskr. (Acta Univ. Lundensis) 7 (1870), 
Nr. 9. Gibt die erste Nachricht von Nathorsts Entdeckung 
einer fossilen Glacialflora in Schonen aus postglacialer Zeit. 
Derselbe Om den arktiska vegetationens utbredning öfver Europa 
norr om Alperna under istiden, öfversigt af Kongl. Vetenskaps- 
Akademiens Förhandlingar 30, 6, 11 — 20 (1873). Weist das Vor- 
handensein einer fossilen Glacialflora auch in den ehemals ver- 
gletscherten Gebieten Mitteleuropas nach. Axel Blytt Essc^ 
on the immigration of tke Norwegian Flora during altemating 
rainy and dry periods, Christiania 1876. Auch norwegisch er- 
schienen im Nyt Mag. f. Naturv. 21. Vgl. das Referat in Justs 
Bot. Jahresber. 4 (1876), S. 693 ff. A. Engler Versuck einer 
Entwicklungsgesckichte d. Pflanzenwelt. Leipz. 1879—82. Axel 
Blytt Die Theorie der wechselnden kontinentalen u. insularen Klimate. 
Englers Bot. Jahrbücher 2, i — 50. 177—184 (1881). Gunnar 
Andersson Studier öfver torfmossar i s'ddra Skdne, Bihang tili 
K. Svenska Vet.-Akad. Handl. 15, III 3 (1889). R. Sernander 
Die Einwanderung der Fichte in Skandinavien. Englers Bot. Jahrb. 
^5» 1—94 (Jan. 1892). Axel Blytt Om to Kalktufdannelser i 
Gudbrandsdalen, med bemarkninger om vore fjelddales postglaciale 
geologi. Christiania Vid.-Selsk. Forhandlinger 1892, Nr. 4. Ober- 
setzt in Englers Bot. Jahrb. 16, Beibl. Nr. 36 (Aug. 1892). A. G. 
Nathorst Über den gegenwärtigen Standpunkt unserer Kenntnis 
von dem Vorkommen fossiler Glcuialpflanzen. Bihang tili K. Svenska 
Vet.-Akad. Handl. 17, III 5 (1892). Mit einer Karte und ausführ- 
lichem Literaturverzeichnis. Gunnar Andersson Växtpaleon-' 
tologiska under sökningar af svenska torfmossar. I. II. Ebenda 18, 
ni 2 (1892) u. 8 (1893). Axel Blytt Zur Geschichte der nord- 
europäischen^ besonders der norwegischen Flora, Bot. Jahrb. 17, 
Beibl. Nr. 41, S. 1—30 (1893). Rutger Sernander Studier 
öfver den Gotländska Vegetationens Utvecklingshistoria, Diss. 
Upsala 1894. Derselbe Om ndgra arkeologisha torfmossefynd. 
Antiqvar. Tidskrift för Sverige 16, 2 (1895). G. Andersson 
Die Geschichte der Vegetation Schwedens. Bot. Jahrb. 22, 433—550 
(1896). Mit sehr ausführlichem Literaturverzeichnis. August 
Schulz Über die Entwicklungsgeschichte der gegenwärtigen phanero- 
gamen Flora u. Pflanzendecke der skandinavischen Halbinsel u, der 
benachbarten schwedischen u, norwegischen Inseln. Sonderabdruck 
a. d. Abhandl. d. Natf. Ges. Halle 22. Stuttgart 1900. Jens 
Holmboe Planter ester i Norske torvmyrer. Et bidrag til den 
norske vegetations historie efter den sidste istid. Skrifter 



8 I. Kap. Wandlangen der Banmflora Nord- u. Mittelenropas seit der Eisseit. 

udgivne af Videnskabs-Selskabet i Christiania 1903. L Math.- 
naturvid. Klasse. Mit ausführlichem Literaturverzeichnis. 

1. Allgemeines. 

Am frühesten und besten ist das Auftreten der Wald- 
bäume in Dänemark und Skandinavien erforscht worden, 
wo freilich die Verhältnisse auch besonders klar und ein- 
fach liegen. Schon 1841 hatte Japetus Steenstrup in den 
Torfmooren des nördlichen Seelands eine regelmäßige 
Aufeinanderfolge von Schichten mit den Resten der Zitter- 
pappel, Kiefer, Eiche tmd Erle konstatiert, welche nach- 
einander längere Zeit am Rande der Moore gewachsen 
sein müssen, so daß die einzelnen Schichten ebenso vielen 
verschiedenen Vegetationsperioden entsprechen. 

Diese epochemachende Entdeckung Steenstrups ist seit- 
dem durch ihn selbst und durch andere Gelehrte, wie 
Vaupell, Nathorst, Blytt, Sernander, Andersson, Holmboe, 
Rostrup etc., nach den verschiedensten Richtimgen hin 
ergänzt und erweitert worden, und es hat sich gezeigt, 
daß die gleiche Reihenfolge von Ablagerungen auch in 
den Waldmooren des südlichen Schwedens wiederkehrt, 
welche auf dem Gruslager der glacialen Periode aufge- 
bettet liegen. Unter der Zitterpappelschicht aber haben 
Nathorst und Steenstrup in den südschwedischen und 
seeländischen Mooren später (zuerst 1870 und 1871) noch 
Reste einer Glacialflora entdeckt, welche beweisen, daß 
die Wald Vegetation mit Betula und Populus tremula als 
Vorläufern nicht direkt auf die Eiszeit folgte, sondern 
daß nach dem Ende der Glacialperiode zimächst eine 
arktische Tundrenflora das vom Eise geräumte Land be- 
deckte. 

Axel Blytt hat dann den überzeugenden Nachweis 
geführt, daß auch die Vegetation des südöstlichen und 
westlichen Norwegens ähnliche Perioden durchlaufen hat 
wie Seeland und Schonen. Er zeigte, daß die höchst gele- 
genen norwegischen Moore, welche auf einem alten Glacial- 
boden ruhen, der sich seit der Eiszeit zu einer Höhe von 



II. Die Waldperioden der nordischen Länder. 9 

Über 400 Fuß über dem Meeresspiegel erhoben hat, die 
Reste von drei verschiedenen Wäldern enthalten, welche in 
ihren tiefsten Lagen im wesentlichen den ersten drei Wald- 
formationen der dänischen Moore nach Steenstrup entspre- 
chen. In der untersten Baumschicht fanden sich Reste von 
Populus und Betula, in der nächst höheren Pinus^ in der 
dritten Quercus untermischt mit Alnus und Corylus; auf 
diese jedoch folgte keine Buchenzone, sondern wieder ein 
Lager mit Pinus und Betula. Die nur 150 — 350 Fuß über 
dem Meere gelegenen weisen nur die beiden obersten 
Schichten auf, weil dieser Küstenstrich zu der Zeit, als die 
erste Schicht sich bildete, noch unter Wasser war. Die 
niedrigsten unmittelbar an der Küste, in einer Höhe von 
0—50 Fuß befindlichen Moore endlich haben nur die jüngere 
Pinus-schicht, Die Baumreste in den norwegischen Torf- 
mooren sind also je nach der Höhe über dem Meere zwar 
verschieden, aber diese Unterschiede erklären sich durch die 
allgemeine Hebung des Landes, die seit der Glacialperiode 
etwa 180— 200 m beträgt,*) und durch die verschiedene Zeit 
ihrer Entstehung. In gleicher Höhe sind die pflanzlichen 
Reste und ihre Reihenfolge im großen und ganzen die glei- 
chen. Daraus ergibt sich deutlich, daß wir es bei diesen 
verschiedenen Moorschichten nicht mit lokalen Eigentüm- 
lichkeiten, sondern mit einem Wechsel von Waldforma- 
tionen zu tun haben, der über einen großen Teil des Landes 
verbreitet war. Auch Spuren einer alten Glacialflora sind 
später in Norwegen nachgewiesen worden. 

Es scheint also, daß die Vegetation in Dänemark und 
Südskandinavien in der Hauptsache die gleichen Wandlun- 
gen durchgemacht hat, und die nordischen Gelehrten unter- 
scheiden demgemäß nach dem heutigen Stand der For- 
schung fünf, nach den Hauptrepräsentanten benannte Vege- 
tationsepochen für ganz Nordeuropa: eine Dryas-, Birken-, 
Kiefern-, Eichen- und Buchenperiode. 



») Vgl. Blytt Christ. Vid.-Selsk. Forhandl. 1882, Nr. 6, S. 8— 11. 
Derselbe Bot. Jahrb. 17 (1893), Beibl. Nr. 4I1 S. 9. 



10 I* Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eisseit 

Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß in einem 
so ausgedehnten und geographisch so mannigfaltig geglie- 
derten Gebiet, wie die nordischen Länder es sind, im Lauf 
der Jahrtausende jemals überall die gleiche Vegetation ge- 
herrscht hat; auch heutzutage ist dies ja nicht der FalL 
Die genannten Vegetationsstufen sind nordwärts fortschrei- 
tend einander allmählich gefolgt und haben in den ver- 
schiedenen Breiten zu verschiedenen Zeiten die Vorherr- 
schaft erlangt. Als in Dänemark die Dryasflora blühte, 
lag Skandinavien noch unter Eis begraben, und während 
später die arktische Vegetation in Skandinavien dem zurück- 
weichenden Eise allmählich nach Norden folgte, rückte in 
Südschweden die Birken- und Kiefern- und in Dänemark 
vielleicht schon die Eichenflora ein, so daß zeitweilig alle 
drei Florenelemente in den nordischen Ländern süd-nord- 
wärts nebeneinander bestanden haben werden. Die nörd- 
lichen Bezirke Schwedens und Norwegens haben überhaupt 
nie eine Eichen- und Buchenzeit erlebt, sondern sind über 
die Kiefemflora nicht hinausgelangt; und in Norwegen 
wurde die Eichenzeit nicht durch eine Buchenperiode, sondern 
durch eine zweite Kiefernzeit oder nach Holmboe*) durch 
eine Heideperiode abgelöst. Die Buche blieb in Skandi- 
navien auf die südlichsten Landstriche beschränkt. In dem 
mittleren imd nördlichen Schweden imd in dem größten 
Teil Norwegens anderseits wurde der Kiefer durch die öst- 
lich über Finland einrückende Fichte das Feld streitig ge- 
macht, welche ihrerseits die Südspitze Schwedens und Däne- 
mark bis heute nicht erreicht hat. 

Zu diesen aus der Breitenlage sich ergebenden Ver- 
schiedenheiten kommen in Skandinavien die Unterschiede 
in der Höhenlage. Während in den Küstengebieten und 
Tälern des südlichen Schwedens schon die voll entwickelte 
Eichenflora herrschte, standen die Höhenzüge im Innern 
noch im Zeichen der Kiefer; und auf den Gebirgen des 
mittleren Skandinaviens hat sich teilweise bis auf den 



») Planier ester i Norske Torvmyrer, 211 ff. (1903). 



II. Die Waldperioden der nordischen Länder. H 

heutigen Tag die arktische Flora erhalten, die im nördlichen 
Norwegen bis zum Meeresniveau herunter steigt. 

Diese lokalen und zeitlichen Verschiedenheiten spiegeln 
sich in den Lagerungsverhältnissen der Baumreste in den 
Kalktuffen und Torfmooren, jenen prähistorischen Annalen 
der pflanzlichen Entwicklungsgeschichte, deutlich ab. Auf 
der andern Seite läßt sich aber, wie gesagt, ftir enger imi- 
schriebene Gebiete, wie ftlr Dänemark und das südliche 
Schweden, doch eine weitgehende Übereinstimmung der 
Entwicklung konstatieren. 

Am besten erforscht ist gegenwärtig wohl die Ge- 
schichte der Vegetation Schwedens; sie hat durch eine 
gründliche Abhandlimg Gunnar Anderssons unlängst 
eine zusammenfassende Darstellung erfahren. In Dänemark 
haben Steenstrups, in Norwegen vor allem Blytts, Stange- 
lands und Holmboes Moorforschungen unsre Kenntnis der 
Pflanzengeschichte bedeutend gefördert, so daß August 
Schulz kürzlich bereits den Versuch einer allgemeinen 
Pflanzengeschichte der skandinavischen Halbinsel unter- 
nehmen konnte. Und wenn auch noch manche Einzelheiten 
aufzuhellen bleiben, so kommen doch für unsre Untersu- 
chung, welche in erster Linie auf das Verhältnis des Menschen 
zu der ihn umgebenden Pflanzenwelt hinausläuft, weniger 
die Einzelnheiten als die großen Züge der Entwicklung in 
Betracht, und die scheinen für den ganzen Norden heute 
in der Hauptsache festzustehen. Wir dürfen im allge- 
meinen das oben angeführte Schema der nordischen 
Vegetationsepochen als sichere Grundlage für imsre 
Forschimgen annehmen. In einem wesentlichen Punkte 
werden wir allerdings zu abweichenden Ergebnissen ge- 
langen. 

Um ein richtiges Bild von der forstlichen Physiognomie 
der Landschaft und dem Klima Nordeuropas zu gewinnen, 
welche den bedeutsamen Hintergrund für das Dasein des 
prähistorischen Menschen ausmachten, ist ein klarer Einblick 
in die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Epochen un- 
erläßlich. 



12 I. Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

2. Die arktische oder Dryasperiode. 

Die Dryasflora,die nach dem allmählichen Abschmelzet 
des großen Landeises von dem vegetationslosen Boden dei 
nordischen Länder zuerst Besitz ergriff, war eine ausge 
sprochne arktische Tundrenflora, wie wir sie jetzt etwj 
auf Spitzbergen, in Lappland, dem arktischen Rußland unc 
in Sibirien haben. Sie war in erster Linie gekennzeichnei 
durch Salix polaris und die kriechende Dryas octopetala 
w^ozu sich später noch Salix reficnlata, Salix herbacec 
und Bettila nana und endlich einige strauchartige, subalpine 
Weidenarten gesellten. 

Das Vorhandensein einer ehemaligen Glacialflora ii 
Nordeuropa ist jetzt an zahlreichen Lokalitäten auf dei 
ganzen Insel Seeland und im südlichen Schweden, femei 
auf der Insel Möen, auf Bornholm, in Mittelschweden unc 
Südnorwegen, sowie in den russischen Ostseeprovinzei 
festgestellt.') Die bisher in Norwegen zutage gekommener 
subfossilen Reste einer arktischen Flora gehören den 
späteren Abschnitt dieser Periode an. Salix polaris isl 
überhaupt nicht nachgewiesen, Dryas octopetala findet sict 
allerdings an einigen Stellen, aber nur in nachweislicl 
jüngeren Schichten. Die charakteristischen Vertreter dei 
subfossilen arktischen Flora Norwegens sind Betula nanc< 
und Salix herbacea/^) 

In der zweiten Hälfte der arktischen Periode wanderte 
in Schweden wie in Norwegen eine reiche Sumpfflora 
ein, die sich von da an in der Hauptsache unverändert bis 
in die Gegenwart erhalten hat.^) 

Auf der skandinavischen Halbinsel war der größte TeiJ 
Mittelschwedens gegen Ende der Glacialzeit noch von einem 
Eismeer bedeckt; die mittelschwedischen Moore können 
deshalb nur teilweise von den ältesten Vegetationsperioden 

*j S. Nathorst Cder ä, gegenwäri. Standpunkt uns. Kenntnis v. ä, 

Vork./oss. G/acia/pßanzen ^ — 17, sowie die angehängte Obersichtskarte, 

die auch bei Andersson Gesch. d. Veget. Schwedens 451 reproduziert ist 

•) Vgl. Holmboe Planter ester i Norske Torvmyrer 84 f. 100 f. 202 f 

^) G. Andersson aaO. 455 f. Holmboe aaO. 202. 



IT. Die Waldperioden der nordischen Länder. 13 

Skandinaviens Zeugnis ablegen. Aber Schonen ragte bereits 
vollständig aus dem Meer empor, imd die Landbrücke, 
welche sich wohl noch während der Dauer der Dryasperiode 
durch die Hebung des Landes zwischen Schonen und Jütland 
bildete, wurde das Einfallstor ftir die von Süden nach Skan- 
dinavien vordringende Vegetation. Allmählich tauchte dann 
auch das mittlere Schweden aus dem Eismeer empor, und 
die Ostsee, die bis dahin durch diese alte Wasserstraße über 
den heutigen Wäner- und Wettersee noch mit der Nordsee 
in Verbindung gestanden hatte, wurde nun in ein süßes 
Binnenmeer von gewaltigen Dimensionen, den sogenannten 
Ancylussee, verwandelt. Zugleich aber wurde die nörd- 
liche Ausbreitung der von Süden eindringenden Vegetation 
auf der skandinavischen Halbinsel durch die Hebung Mittel- 
schwedens wesentlich erleichtert. 

Während die arktische Flora mit der Polarweide an 
der Spitze allmählich dem zurückweichenden Eise nach 
Norden folgte oder an den Bergen in die Höhe stieg, drangen 
von Süden her die ersten Waldbäume vor. Und hier kommen 
wir gleich zu einem Punkt, wo wir einen Augenblick die 
bewährte Führung der nordischen Gelehrten verlassen 
müssen, um eigne Bahnen einzuschlagen. 

3. Die Kiefern-Periode. 

Steenstrups grundlegende Erforschung der seeländischen 
Moore, so fördernd sie in vieler Beziehung für die Wissen- 
schaft war, hat doch auch ihre nachteiligen Wirkungen 
gehabt. Angesichts des erdrückenden Beweismaterials, 
auf das der dänische Gelehrte sich stützte, konnte 
man an der Richtigkeit seiner Theorie der vier auf- 
einander folgenden Waldperioden für Seeland nicht 
wohl zweifeln. Aber von dem Glanz dieser Entdeckung 
geblendet, schritt man frühzeitig zu Verallgemeinerungen 
imd suchte die Steenstrupschen Vegetationsperioden ebenso 
für die Nachbarländer nachzuweisen. Es ist denn auch 
Gunnar Andersson und v. Fischer -Benzon gelimgen, für 
Schonen bezw. Schleswig-Holstein eine ähnliche Reihenfolge 



14 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eissei 

der Waldbäume zu ermitteln ; aber den Übereinstimmunge 
traten doch bald manche Abweichungen gegenüber, und j 
weiter man sich nordwärts und südwärts von Danemar 
entfernte, desto mehr Tatsachen stellten sich ein, welch 
Z\veifel an der Allgemeingültigkeit jener Perioden erwecke 
mußten. 

Nun glaube ich zwar selbst, daß die Reihenfolge de 
nordischen Perioden, soweit die Birke, Eiche und Buche i 
Betracht kommen, auch für Mitteleuropa stichhalten vnn 
wenngleich das Auftreten anderer waldbildender Bäum« 
wie der Fichte und Tanne, vielerorts störend in die Reih 
eingreifen dürfte. Aber in zwei wesentlichen Punkten mu 
ich die Generalisierung der Steenstrupschen Theorie b< 
kämpfen: hinsichtlich der Kiefern- und Erlenzeit. Meii: 
abweichende Ansicht über die Chronologie der Erlenze 
beschränkt sich vorläufig auf Mitteleuropa und wird deshal 
später zur Erörterung kommen ; bei der Kiefemzeit bezweifl 
ich die Allgemeingültigkeit von Steenstrups Periodisierun 
auch für die nordischen Länder. 

Die nordischen Gelehrten mögen ja recht haben, wen 
sie als Charakterbäume Danemarks und Schwedens i 
der auf die Glacialflora unmittelbar folgenden Vegetation: 
Periode die Birke i Bettila odorata Bechst.) und Espe odc 
Zitterpappel [Populus trcwula L.) bezeichnen. Dies 
beiden Bäume scheinen nach Aussage der Moorfunde i 
den ältesten postglacialen Waldungen Nordeuropas b« 
weitem die häufigsten gewesen zu sein. In gewissen Gegende 
Dänemarks scheint die Espe vorgeherrscht und sogar rein 
Bestände gebildet zu haben, weshalb Steenstrup, der vo 
seeländischen Verhältnissen ausging, die Periode nach ih 
benannte. In andern Gegenden überwog die Birke un 
zwar die Ruchbirke, die noch heute am weitesten nac 
Norden geht. In Schonen ist die Birke in der unterste 
A\'aldschicht der Moore so sehr der herrschende Baum, da 
Andersson die Periode nach ihr benennen möchte.*) 



*) Studier ö/vcr Torfmossar i Södra Skäne 31. 



II. Die Waldperioden der nordischen Länder. 15 

Aber gleichzeitig mit der Birke und Espe, oder 
doch nur ganz unerheblich später als sie, hat nach 
meiner Überzeugung die Kiefer {Pinus silvestris) in Mittel- 
imd Nordeuropa ihren Einzug gehalten. Ich glaube also 
nicht an das Nacheinander einer Birken- und Kiefemzeit, 
wie es nach dem Vorgange Steenstrups für Nordeuropa 
heute von fast allen nordischen und deutschen Botanikern 
angenommen wird; ich bin vielmehr der Meinung, daß die 
„Kiefernzeit" in Nord- wie in Mitteleuropa vollständig oder 
doch so gut wie ganz mit der Birkenzeit zusammenfällt. 
Die folgenden Tatsachen haben mich zu dieser abweichenden 
Auffassung gebracht. 

Der schwedische Forscher A. F. Carlson entdeckte 1886 
in Kalktuff ablagerungen Östergötlands (beiRangiltorp* nörd- 
lich von Vadstena) und Jemtlands, also im südlichen und 
mittleren Schweden, an mehreren Stellen Reste der Kiefer 
zusammen mit solchen von Dryas octopetala^ Betula nana 
und Salix reticulata, Nathorst, welcher von diesen Funden 
berichtet,*) zieht aus dem gemeinsamen Vorkommen von 
Kiefernresten mit den Spuren einer Glacialflora den Schluß, 
daß die arktische Flora damals schon auf dem Rückzug 
begriffen war. Das ist allerdings richtig, aber dies frühe 
Auftreten der Kiefer hätte ihn doch stutzig machen und 
ihm die Frage nahe legen dürfen, ob der Baum nicht viel- 
leicht schon wesentlich früher eingewandert ist, als bis- 
her angenommen wurde. 

Gunnar Ander sson war der erste, dem sich bei 
seinen Untersuchungen der Torfmoore im südlichen Schonen 
schon 1889 dieser Gedanke aufdrängte. Für Dänemark gibt 
Steenstrup mit Bestimmtheit an, daß die unterste Waldschicht 
der Moore überall mit den Blättern und Überresten der Espe 
durchflochten sei, imd daß diese Espenschicht „in vielen 



*) In seinem Aufsatz Über den gegenwärtigen Standfunkt unserer 
Kenntnis von dem Vorkommen fossiler Glacialpflcmzen S. 12 — 14 (1892). 
Vgl. auch seinen Bericht Om lemmngar af Dryas octopetala L, i 
Kalktuff vid Rangiltorp nära Vadstena, Öfversigt af K. Vetensk.-Akad. 
Förhandl. 1886. Nr. 8, S. 229 — 237, besonders 234 ff. 



16 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eissd 

Mooren des nördlichen Seelands in bedeutender Mächtigkei 
unter der Kieferschicht" auftrete.*) Dem gegenüber stellt 
Andersson 1889 an den Mooren des südlichen Schonen 
fest, daß das Espenniveau dort gewöhnlich von höchs 
unbedeutender Stärke ist, ja, daß es an manchen Stelle 
überhaupt unmöglich ist, ein besonderes Espenniveau zi 
unterscheiden, weil die Kiefer sich sehr bald einstellt 
Andersson rechnet in dem Bericht über seine Untersuct 
ungen von 1889 bereits mit der Möglichkeit, daß Birke, Esp 
und Kiefer gleichzeitig eingewandert seien. Er meint, di< 
Zeit, wo Espe und Birke die Alleinherrschaft über di< 
Wälder hatten, dürfte am besten bezeichnet werden „al 
die kurze Übergangsperiode zwischen dem Zurückweichei 
der arktischen Flora und der Einwanderung der Föhre". ^ 

Bei seinen Untersuchimgen im Sommer 1890 stiel 
Andersson im Björkeröds-Moor auf dem KuUaberg nördiicl 
von Helsingborg auf eine Torfschicht, die einem glacialei 
Süßwasserton übergelagert war und in ihrem untern Td 
eine große Anzahl Kiefernzapfen nebst ein paar Samen voi 
Nymphaea alba und einigen Kätzchenschuppen von Betuli 
alba enthielt.*) Eine der Einwanderung der Kiefer vorauf 
gehende Espen-Birkenschicht konnte weder hier noch ii 
andern Mooren auf Kullaberg und Hallands&s nachgewiesei 
werden, während überall zahlreiche Spuren von Pinus sil 
vestris vorhanden waren. Andersson möchte dieses negativ< 
Ergebnis hinsichtlich der Espen-Birkenschicht für zufalli| 
halten und auf Rechnung der kurzen Zeit setzen, die in 
Sommer 1890 auf diese Arbeiten verwandt werden konnte.* 

In andern, nördlicher gelegenen schwedischen Moorei 
gelang es ihm denn auch, einen deutlichen, von Kiefen 
freien Birken-Horizont nachzuweisen, so am Grunde eines 



») Kjekkcn-Maddingcr. Eine gedrängte Darstellung dieser Monument 
sehr alter Kultur Stadien. Kopenhagen i886. S. 45. 

■) Studier Öfver Torfmossar i Södra Skäne 31 f. 

•) G. Andersson Växtpaleoniol. Undersökningar af Svenska Torf- 
mossar I 10 f. (1892). 

*) Ebenda I 16. 



n. Die Waldperioden der nordischen Linder. 17 

Moors bei Ahylte im Kirchspiel Kinnared in Halland, in den 
Mooren zwischen Boris und Rydboholm und im Nyg&rds- 
Moor in der Gemeinde Vedirni in Vestergötland,*) femer im 
Räfsjö-Moor bei Fogelsta östlich von Vadstena in östergöt- 
land.^) Im Nyg&rds-Moor folgte auf einen sandigen Unter- 
grund eine Schicht mit ausschließlichen Birkenresten, darüber 
befand sich ein Lager von Kiefemstubben, das seinerseits 
von einem 110 cm mächtigen S/>Afl^«w-Torf bedeckt war. 
Auch außerhalb des Hochlands von Smiland und Vester- 
und Östergötland hat Andersson einerseits in Bohuslän, 
anderseits im südlichen Blekinge unter einem Stubbenlager 
von Kiefern ein Niveau, das lediglich Birkenreste enthielt, 
aufgedeckt. Allerdings sei es zweifelhaft, bemerkt er, ob 
man diese Birkenschicht der auf Urgebirge ruhenden, un- 
gemein einförmig gebauten Moore ohne weiteres mit dem 
Espen-Birkenniveau in den eigentlichen Waldmooren gleich- 
setzen könne. Aber angesichts der Verhältnisse in den an- 
grenzenden Gegenden hält er es doch für wahrscheinlich, 
daß die ersten Wälder, die das Smilandsche Hochland 
und die übrigen Teile des von Moränengrus bedeckten 
südschwedischen Urgebirgs überzogen, Birken- und 
Espenwälder waren.*) 

In seiner Geschichte der Vegetation Schwedens von 1896 
äußert sich Andersson zusammenfassend noch einmal über 
die Birken-Espenperiode : „Die Zeit, in der Birken imd Espen 
ausschließlich die waldbildenden Bäume in Skandinavien 
waren, ist nach allem zu urteilen im Vergleich zu derjenigen 
sehr kurz gewesen, in der die später eingewanderten Wald- 
bäume den Bestand unserer Forsten gebildet haben" (S. 453). 
Gleichwohl kann er sich, wie seine weiteren Ausführungen 
und namentlich auch die Tabelle auf S. 498 beweisen, 
doch nicht ganz von der Anschauung losreißen, daß die Birke 
und Kiefer in beträchtlichen Abständen nacheinander in Nord- 
europa eingewandert seien. 

Nach dem Ergebnis von Anderssons Untersuchungen in 



') £benda II 45 (1S93). ') Ebenda I 22 f. 27. ') Ebenda II 45 ff- 

Hoopt, Waldbäume u. Kulturpflanzen. 2 



18 I. Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

den Mooren des südschwedischen Urgebirgs läßt sich seil 
Schluß, daß die ersten Wälder, welche diese Gegenden be 
deckten, Birken- und Espenwälder waren, nicht wohl an 
fechten. Aber die Verhältnisse in Gebirgsgegenden sind fth 
sich zu beurteilen, und es wäre falsch, daraus allgemeinen 
Folgerungen zu ziehen. Schon das negative Zeugnis dei 
Moore von KuUaberg (155—160 m über dem Meer) unc 
Hallands&s (ca. 150 m) weist darauf hin, daß die Alleinherr 
Schaft der Birke in den ältesten Wäldern des südschwedischei 
Urgebirgsbezirkes nur eine lokale Erscheinung gewesen seil 
kann. Für uns kommt es aber vor allem darauf an, festzu 
stellen, wann die Kiefer zuerst auf skandinavischem Bodei 
erschien, und in dieser Beziehung sind uns die oben ge 
schilderten Verhältnisse in Schonen, der südlichsten Provinz 
von maßgebender Bedeutung. 

Anderssons Beobachtungen in Schonen wurden durcl 
Sernander bei seinen Moorforschungen auf der Insel Got 
land bestätigt. Sernander fand es auf Gotland ebenso 
schwierig, wie Andersson in Schonen, einen besonder] 
Birken-Espen-Horizont zu unterscheiden. Da nun die Birken 
Espen-Periode sowohl auf Gotland wie im südlichen Teil de 
skandinavischen Halbinsel, soweit ihr Vorhandensein über 
haupt festgestellt werden konnte, nur von verhältnismäßij 
kurzer Dauer gewesen sein kann, so schließt Sernander mi 
Recht, daß die Kiefer in Skandinavien sehr frühzeitig ihre: 
Einzug gehalten haben müsse. Er macht auch bereits au 
die Bedeutung von Carlsons eben besprochenen Funden ic 
Rangiltorper Moor bei Vadstena am Wettemsee aufmerli 
sam, die Nathorst entgangen war, und weist auf völlij 
entsprechende Lagerungsverhältnisse in dem Moormergc 
(schwed. bleke) von Fröjel auf Gotland hin, wo sich, au 
einem Tonlager mit ausgesprochener Glacialflora aufliegenc 
eine Schicht mit Resten von Pinussilvestris^ Populus tremult 
Betula odorata, intermedia, alpestris und nana, Salix tny} 
tilloides, nigricans und phylicifolia^ Empetrum nigrunt im 
Dryas octopetala vorfanden. Nach Sernander ist die Kiefe 
in Östergötland sowohl wie auf der Insel Gotland bereits i 



II. Die Waldperioden der nordischen Länder. 19 

■den früheren Abschnitten der Ancylusperiode einge- 
wandert.*) Auch Andersson, der an einer vor dem Auftreten 
der Kiefer liegenden Birkenperiode noch festhalt, glaubt 
doch, daß die Kiefer, nach unsrer jetzigen Kenntnis von 
den Verhältnissen an der schwedischen Ostküste zu ur- 
teilen, schon zur Zeit des Maximums der Ancylusperiode 
in Schweden eingewandert war.*) Im Gegensatz zu Nathorst 
und Andersson setzt Semander in seiner Übersichtstabelle 
S. 110 eine selbständige Espenzone für Gotland überhaupt 
nicht mehr an. 

Für Norwegen hält Holmboe in seiner neuesten ver- 
dienstlichen Abhandlung Planterester i Norske Torvmyrer 
<1903; S. 203 ff.) an der Aufeinanderfolge einer Birken- und 
Kiefemzone fest. Aber mir scheinen die nötigen tatsäch- 
lichen Unterlagen für die Annahme einer besondem nor- 
wegischen Birkenzone bis jetzt zu fehlen. Der einzige 
Beleg, der sich dafür anfilhren ließe, ist der Kalktuff bei 
Leine in Gudbrandsdalen, den Axel Blytt 1891 untersuchte.*) 
Aber das Auftreten einer arktischen Flora zusammen mit 
der Kiefer in einer verhältnismäßig späten Periode, auf 
«iner Lehmschicht von 3 imd einer Tuffschicht von 45 cm 
Dicke über der Grundmoräne, femer das gänzliche Fehlen 
von Spuren wärmeliebender Laubhölzer zeigt, daß dieser 
Fimdort nur lokale Bedeutung beanspruchen darf. Seine 
Eigentümlichkeiten erklären sich in erster Linie durch seine 
bedeutende Höhenlage, die heute 500 m über dem Meer 
beträgt und, wenn wir mit Blytt (aaO. 22) annehmen, daß 
sich das Land bei Leine seit der Zeit, wo der Birkentuff 
sich bildete, um 100 m gehoben hat, damals immer noch 
400 m gewesen sein muß. Eine derartige Gebirgslage ist 
zu allgemeineren Schlüssen von vornherein ungeeignet. 
Das Fehlen der Kiefer in dem Birkentuff beweist wohl, 
daß der Baum zur Zeit der Entstehung dieses Tuffs in 

*) Sernander Studier öfver den Gotländska Vegetatwnens Utvecklings^ 
historia S. 41 f. 77. 108 — 110 (1894). 

«) Växtpaleontol, Undersökn, af Svenska Tarfmossar II 44 (1893). 
») Bot. Jahrbücher 16, Beibl. Nr. 36, S. 3—5. 

2* 



20 I- Kap. Wandlungen der Baomflora Nord- n. Mitteleuropas seit der Eisxc 

Gudbrandsdalen nicht wuchs; daß er damals überhauj 
noch nicht nach Norwegen gelangt war, läßt sich daran 
keinenfalls folgern. 

Unter den von Holmboe untersuchten Mooren weise 
nur zwei eine arktische Fossilflora auf, die einen sicher 
Ausgangspunkt für die Chronologie der jüngeren Schichte 
darbietet. Von diesen beiden Mooren enthält das Brcm 
myr*) überhaupt keine Kiefemeinschlüsse, fällt also fC 
unsem Zweck außer Betracht. Im Torvbakmyr bei Froflan 
in Vanse dagegen, an der Südwestspitze des Landes, wes 
lieh von Lindesnäs (ca. 400 m über dem Meer), folgt ai 
eine Gytja mit spätarktischer Vegetation {Betula nana etc 
eine Moorschlamm-Schicht, die in ihrem untern Teil nu 
Pinus silvestris, Betula alba und Menyanthes trifoliai 
aufweist*) Dieser Fund bestätigt also unsre Ansicht vo 
der Gleichzeitigkeit des Auftretens der Kiefer und Birto 

Diesen Untersuchungen und Funden auf skandina^'ischeI 
Boden folgten bald andere in Mitteleuropa, die nach de 
gleichen Richtung deuteten. 1891 fand Nathorst») ar 
Krampkewitzer See in Pommern im Wiesenkalk über eine 
Lage mit Glacialpflanzen Reste von Betula alba und Pinu 
silvestris zusammen. Im Esinger Moor in Holstein, da 
V. Fischer-Benzon untersuchte, wird die imterste pflanzet 
führende Schicht, die nur durch eine dünne Tonschicht vo 
dem Geröllsand des Untergrundes getrennt ist, durch ein 
Sumpfflora mit Kiefemstubben gekennzeichnet.*) 

Besonders wichtig aber sind die Untersuchunge 
Diederichs* in den ältesten Mecklenburger Moore 
von Krummendorf und Testorf, da sie, ähnlich wie di 
von Steenstrup erforschten seeländischen Moore, Ausfü 
lungen von Gletscherpfuhlen oder Sollen sind, und d 
ihre Bildung auch gleich nach dem Ende der Glacialze 



^) Planter tster i Norske Torvmyrer S. loo. 
•) Ebenda 84 f. 

') S. seinen Bericht Über den gegenwärtigen Stand funkt etc. S. i 
*) V. Fischer-Benzon Die Moore d. Prov. Schleswig- Holstein. Abhand 
hrsg. V. Natw. Ver. Hamburg XI 3, S. 9 f. 



u. Die Waldperioden der nordischen Länder. 21 

begann.^) In dem Krummendorfer Moor nördlich von Rostock, 
das in eine flache Mulde des Diluvialplateaus eingebettet ist, 
lagert auf einem Untergnmd von weißem Sand zunächst eine 
10 cm starke Schicht von Hypnum mit einigen Rhizomen von 
Phragmites\ darauf folgt ein dunkelgrüner Lebertorf mit 
Pollen von Pinus und Betula und einigen Hypnum-BVSiXXerrL 
Die beiden Testorfer Moore, westlich von Zarrentin, liegen 
ebenfalls in flachen Mulden des Geschiebemergels. Auf 
dem Untergrund des ersten, der aus einem grünlich-grauen, 
feinen Sand besteht, lagert ein bräimlich-grüner Lebertorf, 
in dem sich Pollen von Pinus und Betula fanden. Das 
zweite „ruht auf oberflächlich zu grünlich-grauem Kies 
umgearbeitetem Geschiebemergel"; direkt über demselben 
liegt eine Schicht, in der außer Faserwurzeln von Phrag- 
mites und //y/>«ww-Resten auch Pollen von Pinus silvestris 
zu erkennen waren. Auch in dem Moor beim Dorfe Nan- 
trow in Mecklenburg, wo Nathorst*) und Diederichs (aaO. 
26 f.) Spuren einer Glacialflora entdeckten, traten unmittelbar 
über dieser Schicht Reste der Birke und Pollen der Kiefer 
zusammen auf. 

Ähnliche Beobachtungen sind in andern Gegenden 
Mitteleuropas gemacht worden. In einem Moor bei Rahnau 
im ostpreußischen Kreise Holland fand Lemcke*) in der 
untersten Schicht, ll*/2 m unter der Oberfläche, ausschließ- 
lich Reste der Kiefer, während die nächst höhere Kiefem- 
\md Birkenspuren enthielt Unter dem Hochmoor bei Ur- 
sprung (Elixhausen) im salzburgischen Hügelland 
entdeckte Lorenz^) in einer Tiefe von 18 Fuß auf dem aus 
weißlich-grauem, sandigem Letten bestehenden Untergrund 
außer Juncus und Phragntites auch Reste von Betula imd 
Pinus silvestris. Im Krutzelried bei Schwerzenbach im 



*) Diederichs Fossile Flora d, mecklcftburg. Torfmoore. Archiv d. 
Ver. d. Freunde d. Natg. in Mecklenburg 49, S. 30— 32. S. unten S. 32. 

») Gegenwärt. Standp. uns. Kenntn. v. Vorkommen foss. Glacialpfl. 19. 

^) Schriften d. Physikal. - Ökonom. Gea. Königsberg 35 (1894), 
Sitzungsber. S. 33. 

*) Flora 41 (1858), S. 363. 



22 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

Schweizer Kanton Zürich endlich, dessen Moorbildung 
ebenfalls gleich nach dem Ende der Eiszeit ihren Anfang 
nahm, treten über der Schicht mit der gladalen Flora und 
der Potamogeton-Zone als älteste Waldbäume nach Neu- 
weilers Untersuchung*) Birke und Kiefer von vornherein 
nebeneinander auf, und die Kiefer hat frühzeitig die Herr- 
schaft an sich gerissen. 

Ich glaube, nach den angeführten Zeugnissen die Be- 
hauptung wagen zu dürfen, daß die Birke und Espe^ 
von lokalen Ausnahmen abgesehen, weder in Nord- noch 
in Mitteleuropa jemals längere Zeit wirklich die 
alleinigen waldbildenden Bäume gewesen sind, 
sondern daß die Kiefer ziemlich gleichzeitig mit 
ihnen oder nur wenig später einrückte und die 
beiden erstem nur vorwiegend den sumpfigen, die 
Kiefer den trockneren Boden in Beschlag nahm. 
Wenn sie in manchen Mooren fehlt oder erst nach der 
Birke imd Espe auftritt, so erklärt sich dies mehr durch 
örtliche Unterschiede in der Verteilimg dieser Baume als 
durch ein Nacheinander ihres ersten Erscheinens. 

Die Kiefer ist einer unsrer allerzähesten Bäume; sie 
kann ebenso excessive Kältegrade vertragen wie die Weiß- 
birke und Espe, und ihre Nordgrenze in Skandinavien fällt 
fast mit derjenigen dieser beiden Bäume zusammen. Will- 
komm*) weist darauf hin, daß die Kiefer in Sibirien eine 
Winterkälte von — 40® und darüber aushält. „Man darf 
daher wohl behaupten", fügt er hinzu, „daß der Kiefer 
während ihres Winterschlafes die größte und anhaltendste 
Kälte nichts schadet, und daß sie selbst noch in Gegenden 
zu gedeihen vermag, wo die Vegetationsperiode kaum 
3 Monate, die frostfreie Zeit kaum 2 Monate dauert". Da- 
gegen kann sie, wie Willkomm bemerkt, und wie jeder 
Forstmann bestätigen wird, „einen gleichmäßig durchfeuch- 
teten Boden und eine nebelreiche Atmosphäre" nicht leiden. 

*) Beiträge zur Kenntnis schweix. Torfmoore. Züricher Diss. 1901, 
S. 10. 14. 

•) Forstl. Flora • 206. 



n. Die Waldperioden der nordischen Länder. 



Umgekehrt sagt Willkomm (aaO. 255) von der Birke : „Die 
nordische Weißbirke beansprucht durchaus einen anhaltend 
feuchten Boden oder ein während ihrer Vegetationsperiode 
an Nebeln und Regen reiches Klima. Am besten gedeiht 
sie offenbar da, wo beides gleichzeitig vorhanden ist". Auch 
die Espe gedeiht nach Willkonmi (453) am besten „auf einem 
humusreichen, frischen bis feuchten Boden", obschon sie 
nicht sehr wählerisch ist und sonst auch mit jedem andern 
Boden vorlieb ninmit. 

Wenn nun die Kiefer in den untersten Schichten der 
nordischen und teilweise auch der norddeutschen Moore 
gegenüber der Birke und Espe so vollkommen in den 
Hintergrund tritt, daß man ihre Gleichzeitigkeit bis heute 
übersehen konnte, so wird das nach dem Gesagten weniger 
in den Temperaturverhältnissen der älteren postglacialen 
Zeit als vielmehr darin seinen Grund haben, daß der ehe- 
malige Gletscherboden zunächst noch zu durchfeuchtet und 
sumpfig war, um der Kiefer eine erfolgreiche Konkurrenz 
mit ihren beiden Rivalinnen zu ermöglichen. Sie war auf 
die trockensten Stellen beschränkt, und von da sind — 
ähnlich wie später bei der noch viel xerophileren Buche — 
verhältnismäßig wenige Spuren von ihr in die Torfmoore 
gelangt. Doch bin ich überzeugt, daß, wenn die Forschung 
erst einmal ihr Augenmerk auf diesen Punkt richtet, noch 
zahlreiche weitere Belege für die Gleichzeitigkeit des Auf- 
tretens von Birke, Espe und Kiefer auf dem ganzen Gebiet 
zu Tage kommen werden. 

Namentlich glaube ich bestimmt, daß eine genaue Unter- 
suchung der untersten Schichten der dänischen und skan- 
dinavischen Moore auf die darin enthaltenen Pollenkörner 
hin, wie sie C. A. Weber für die norddeutschen Moore mit 
so großem Erfolge durchgeführt hat, die Richtigkeit meiner 
Auffassung auch für Nordeuropa in weiterem Umfange er- 
geben wird. Überhaupt wird eine eingehende Berücksich- 
tigtmg der Pollen die herrschenden Anschauungen über die 
Waldflora der nordischen Länder während der verschiedenen 
Perioden wahrscheinlich in manchen Punkten ändern und 



24 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mittelearopas seit der Eiszeit. 

vervollständigen, weil sie uns zugleich eine Vorstellung von 
dem Bestand der Wälder in der weiteren Umgebung der 
Moore, auch auf trocknerem Boden, ermöglicht. 

Mit Interesse sehe ich, daß August Schulz*) der Ansicht 
ist, daß die Kiefer „während des kältesten Abschnittes der 
[letzten] kalten Periode im nördlichen Teile Mitteleuropas, 
soweit er eisfrei war, wahrscheinlich neben der nordischen 
Birke der herrschende Waldbaum war". Das deckt sich 
vortrefflich mit den von uns entwickelten Ansichten. 

Sind die vorstehenden Ausführungen richtig, so hätten 
wir also in Zukunft nicht mehr von zwei aufeinander fol- 
genden Perioden der Birke und der Kiefer zu reden, sondern 
würden in der Kiefernperiode die älteste Waldperiode 
der mittel- und nordeuropäischen Länder zu erblicken 
haben. Nur in Dänemark scheint der Kiefemperiode eine 
ganz kurze Übergangszeit mit Espen und Birken vorauf- 
gegangen zu sein. 

Die praktischen Konsequenzen der von uns vor- 
genommenen Verschmelzung der beiden ersten Vegetations- 
perioden in eine liegen auf der Hand. Der Zeitraum, der 
uns von dem Ende der Eiszeit trennt, wird dadurch lun eine 
volle Periode vermindert. Wenn man bisher in einer Moor- 
schicht Kiefernreste fand, verlegte man den Fund ohne 
weiteres in eine Zeit, die durch zwei ganze Vegetations- 
epochen, die Glacial- und die Birkenflora, von dem Ende 
der Eiszeit geschieden war. Das mußte aber notgedrungen 
zu allerhand Schwierigkeiten führen, die sich besonders 
eklatant in denjenigen Fällen geltend machten, wo die 
Kiefemreste zusammen mit Gliedern einer Glacialflora auf- 
traten. Mehrere Beispiele dieser Art aus Skandinavien haben 
wir oben bereits herangezogen. Am krassesten liegt die 



*) Entwicklungsgesck. d. phancroganun Pflanzendecke Mitteleuropas 
S. 287. 291. In seiner Entwicklungsgeschichte der skandinavischen 
Flora (S. 30; vgl. auch S. 173) meint Schulz, die Birke und Espe seien 
in die meisten Striche Skandinaviens etwas vor der Kiefer einge- 
wandert, nach einigen, so nach der Insel Gotland, seien aber alle 
drei anscheinend ungefähr gleichzeitig gelangt. 



u. Die WaMperioden der nordischen Linder. 25 

Sache bei den erwähnten ältesten mecklenburgischen Mooren. 
In dem Moor von Krummendorf lagerte auf dem Untergrund 
zunächst eine Hypttum-Schicht von 10, dann der Lebertorf 
von 5 cm mit den Pollen von Pinus und Betula; dann folgte 
eine rostbraune Gytja von 80 cm Mächtigkeit mit zahlreichen 
Resten von Betula nana, Salix-Arten und gewöhnlichen 
Birken; darauf eine dünne Holz- und Borkenschicht aus 
Resten von Betula, Salix, Populus und Pinus \ dann wieder 
eine 60 cm starke grau gefärbte Gytja mit Blättern von 
Betula nana, Dryas octopetala (!), Salix und Holzstücken 
von Betulüy Pinus, Salix und Populus. Und in den beiden 
Testorf er Mooren folgten ebenfalls auf dieunterstenSchichten, 
welche die Pollen von Pinus silvestris enthielten, nach oben 
zu wieder Gytjaschichten mit Blättern von Betula nana.^) 
Wollte man nach der bisherigen Auffassung annehmen, daß 
der Kiefernperiode noch eine Birkenzeit voraufging, so müßte 
man eine ungebührlich lange Andauer der gladalen Flora 
voraussetzen. Fallen dagegen Birken- und Kiefemepoche in 
eins zusammen, rückt also der Anfang der Kiefemperiode 
unmittelbar an das Ende der Glacialflora heran, so hat das 
Wiederauftreten von verspäteten Resten der letztem nicht 
entfernt das Auffallende mehr, das es nach der bisherigen 
Auffassung haben muß. 

Wir können nun die Kiefernperiode Nordeuropas 
in drei Abschnitte einteilen: eine Birken-Kiefemzeit und 
eine Kiefemzeit im engeren Sinne, welch letztere wieder 
in zwei Unterabschnitte zerfällt. In der Birken-Kiefern- 
zeit waren Birke und Espe die vorherrschenden Bäume, 
sie wurden aber nach und nach von der Kiefer zurück- 
gedrängt. In der eigentlichen Kiefernzeit herrschte 
die Kiefer zunächst ziemlich unumschränkt über den 
Hochwald, während sich im Bruchwald Birke und Espe 
dauernd neben ihr behaupteten; im letzten Teil wurde 
die Hegemonie der Kiefer über den Hochwald allmählich 



*) S. oben S. 21 u. Diederichs aaO. 30—33. 



26 I« Kap. Wandlangen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

von den immer zahlreicher eindringenden Laubbäumen ge- 
brochen.^) 

Zusammen mit der Birke, Espe und Kiefer stellten sich 
gleich bei Beginn unsrer Periode verschiedene Busch- 
und Straucharten in Nordeuropa ein: zu den allerfrOhe- 
sten gehören der Wachholder {Juniperus communis) imd 
die Heidelbeere ( Vaccinium spec), die im südlichen Schwe- 
den nach Andersson*) vielleicht sogar älter sind als die 
Birke; dann folgen der Seedorn {Hippopha^ rhamnoides L,) 
und namentlich verschiedene Weidenarten, wie Salix ca- 
prea, glauca, aurita und cinerea. Reste dieser Sträucher 
sind mit denen der Birke und Zitterpappel zusammen in 
den untern Teilen der Kalktuffe und in den Gytjaschichten 
der Torfmoore gefvmden worden. 

Daneben behaupteten sich auf Seeland sowohl wie in 
Schweden und Norwegen auch noch manche Angehörige 
der alten arktischen Flora, sogar typische Vertreter der- 
selben, wie die Dryas und Zwergbirke, längere Zeit in den 
Wäldern der Birken-Kiefem-Epoche. 

Dieser erste Abschnitt der Kiefern -Periode, während 
dessen die Birke oder die Espe die vorherrschenden Cha- 
rakterbäume der Landschaft waren, ist allem Anschein nach 
von verhältnismäßig kürzerer Dauer gewesen als die bei- 
den andern und als die folgenden Vegetationsepochen über- 

^) Es fragt sich übrigens, ob es sich in Zukunft überhaupt noch 
empfiehlt, die Perioden nach einzelnen charakteristischen Bäumen zu 
benennen. Es liegt in der Regel ein langer Zeitraum zwischen dem 
ersten Auftreten eines Baumes und der Zeit, wo er zum Charakter- 
baum der Landschaft wird. Und anderseits ist ein einzelner Baum 
selbst auf der Höhe seiner Ausbreitung doch niemals in dem Maß 
Charakterbaum, daß er auf den verschiedensten Bodenformationen und 
über ein größeres zusammenhängendes Gebiet hin der alleinherrschende 
Waldbaum wäre. Blytt und Schulz haben deshalb nicht mit Unrecht 
die Steenstrupsche Benennungsweise der Perioden nach Waldbäumen 
aufgegeben und eine solche nach klimatischen Gesichtspunkten an 
ihre Stelle gesetzt, nur daß dieselbe ihre speziellen Theorien von den 
wechselnden feuchten und trocknen, kühlen und warmen Perioden 
zur Voraussetzung hat. 

*) Geschichte der Veget. Schwedens 453. 531. 



n. Die Waldperioden der nordischen Länder. 27 

haupt. Mit zunehmender Austrocknung des Bodens hat 
die lebenskräftige Kiefer sehr bald in allen drei nordi- 
schen Reichen ihre Konkurrentinnen aus dem Felde 
geschlagen und in dem zweiten Abschnitt unsrer 
Periode die Herrschaft tlber den Wald vollständig an sich 
gerissen. 

Dieser Baum, der zu geschichtlicher Zeit in Dänemark 
nirgends wildwachsend gefunden worden ist, muß in jenen 
Zeiträumen im ganzen Lande dichte Wälder gebildet haben, 
wie die zahlreichen Kiefemreste beweisen, die seit Jahr- 
hunderten aus den dänischen Torfmooren zutage gekom- 
men sind. Auch in Skandinavien muß die Kiefer einst eine 
weit herrschendere Stellung eingenommen haben als in 
späterer Zeit, wo ihr durch die Fichte eine gefährliche 
Konkurrentin erwuchs. Jahrtausende hindurch ist sie der 
einzig bedeutende Waldbaum Nordeuropas gewesen, und 
während dieses langen Zeitravuns ist die Hauptmasse der 
heutigen Pflanzenarten nach Dänemark und Skandinavien 
eingewandert. In der Schichtenfolge der Kalktuffe und der 
älteren Moorbildungen (Gytja- und Dytorf) können wir vieler- 
orts noch deutlich das successive Auftreten der verschie- 
denen Arten verfolgen. 

Von Waldbäumen wanderten in dem zweiten Abschnitt 
der Kiefemzeit, der dem älteren Teil von Anderssons Kie- 
femperiode entspricht, in Skandinavien ein: der Vogelbeer- 
baum {Sorbus aucuparia L.), die Traubenkirsche {Prunus 
padus L.),*) die Himbeere {Rubus idaeus L.), der Schnee- 
ball ( Viburnum opulus L.), der Kreuzdom {Rhamnus fran- 
gula L.), dazu der Adlerfam {Pteris aquilina L.), der viel- 
leicht sogar noch etwas älter ist als die Kiefer. In dem 
gleichen Abschnitt der Kiefemperiode hielt femer von 
Osten her über Finland die Grauerle (Alnus incana DC.) 
ihren Einzug in Skandinavien, drang frühzeitig über die 
Gebirgspässe nach dem westlichen Norwegen vor und ver- 



*) Nach Holmboe {Planterester i norske Torvn^er 203) ist Prunus 
padus schon zur Birken-Kieferazeit in Norwegen eingewandert. 



2S I. Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

breitete sich anderseits südwärts an den Küsten des An- 
cylussees entlang nach Götaland, ja bis nach Blekinge. 

Als dann im dritten Teil der Kiefemperiode die 
Schwarzerle {Alnus glutinosa L.) von Süden einwanderte, 
erfolgte ein Kampf ums Dasein zwischen den beiden 
Stammesgenossen, welcher bei der inzwischen immer mehr 
fortschreitenden Milderung des Klimas vorläufig zugunsten 
der Schwarzerle entschieden wurde, bis dann der später 
einsetzende Rückgang der Temperatur die abgehärtete Grau- 
erle wieder in Vorteil brachte und die weichlichere Schwe- 
ster nach Süden zurückdrängte, ein Vorgang, der sich noch 
unter unsem Augen fortsetzt.*) Übrigens hat die Schwarz- 
erle der Birke in den Bruchwäldem empfindliche Konkur- 
renz gemacht, so daß man geradezu von einer Erlenperiode 
gesprochen hat. Nach einer Bemerkung Steenstrups*) zu 
luteilen, scheint die Erle in Dänemark schon während der 
Birken-Kiefemzeit, also wesentlich früher als in Schweden, 
erschienen zu sein. 

Gleichzeitig mit der Schwarzerle drangen während des 
letzten Abschnittes der Kiefemzeit von Süden her die Berg- 
ulme (Ulmus montana L.), die Hasel (Corylus avellana L.), 
die Winterlinde {Tilia parvifolia Ehrh.), der Hartriegel 
(Cornus sanguinea L.) und der Weißdom {Crataegus mono- 
gyna Jacq.) ins Land, welche, wenigstens in Schweden, 
sämtlich älter sind als die Eiche, deren Nordgrenze sie 
alle, mit Ausnahme des Weißdoms und der Komelkirsche, 
auch heute noch überschreiten. Charakteristisch für diesen 
dritten Abschnitt der Kiefemperiode ist namentlich das 
Auftreten der Linde und Hasel. Daneben haben sich 



*) Näheres bei Andersson aaO. 482—484. 

') In seinem Aufsatz über die Kjökkenmöddinger in Ersch und 
Gnibers AUgem. Encyklopädie 36, 341 (1884) bemerkt Steenstnip, die 
Anhöhen oder Hügelrücken in der Umgebung der kleinen seeländischen 
Moore scheinen „während eines ziemlich langen Zeitraumes mit einem 
aus weichholzigen Bäumen, besonders aus der Zitterespe {Popuhu 
trcmula L.) mit Beimischung von Birken und Erlen bestehenden Laub- 
walde bedeckt gewesen zu sein'^ Wiederholt in seiner Schrift Kjmkken- 
MtBddmger\ Kopenhagen 1886; S. 18. 



II. Die Waldperioden der nordischen Linder. 29 

natürlich die älteren Holzarten, Birke, Espe, Weiden und 
Wachholder, auch während dieser und der folgenden 
Perioden behauptet. 

4. Die Eichenperiode. 

Alle diese Bäume werden das Gebiet der Kiefer all- 
mählich wohl gesprengt und eingeschränkt haben, aber 
ernstliche Konkurrenz als waldbildender Baum konnte 
keiner derselben ihr machen. Immerhin sind sie die 
Quartiermacher eines Mächtigeren gewesen, der nun auf- 
trat und die Alleinherrschaft der Kiefer in den nordischen 
Landen brach: der Eiche. Man kann in den jütischen, 
dänischen und südschwedischen Mooren deutlich verfolgen, 
wie die Kiefemreste von dem ersten Auftreten der Eiche 
an allmählich nach oben hin immer seltener werden, 
während die der Eiche und der andern L^aubbävune an 
Häufigkeit zunehmen, bis die Kiefer schließlich ganz ver- 
schwindet. Sie ist namentlich in Jütland und Dänemark 
durch die Eiche und ihre Begleiter vollständig ausgerottet 
worden und hat sich bis auf den heutigen Tag nicht 
wieder einbürgern können. 

Die Eiche ist noch zur Ancyluszeit, während die 
Landbrücke zwischen Jütland und Schonen bestand, nach 
Schweden gelangt; das wird bewiesen durch die Tatsache, 
daß sich Eichen, in Gesellschaft von Erlen, Haseln usw., 
in den submarinen Mooren im Sund und an der schwedi- 
schen Südküste gefunden haben: so bei „Tre-Kroner" im 
öresund, bei Limhamn südlich von Malmö, am Falsterbo- 
Riff und bei Ystad. Das Moor beim Falsterbo-Riff ist 7 km 
von der schwedischen Küste entfernt, sein Boden liegt ca. 8, 
der des Moores bei „Tre- Kroner*' ca. 9V« m unter dem 
heutigen Meeresspiegel. Auch das Vorkonmien von eichen- 
führenden Torfmooren, zimfi Teil von bedeutender Mächtig- 
keit, unter den vom Litorinameer in Schweden hinterlasse- 
nen Uferwällen bestätigt, daß die Eiche schon während der 
Ancyluszeit in Skandinavien eingewandert war.*) 

») Vgl. G. Andersson VäxtpaleontoL Unders&m. af Svenska Torf- 
mofsar n 14 ff. 52 ff. Gesck. d. Veget SckwuUns 477 f. 



so !• Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

Große Massen von Eichenresten in den Mooren, Blätter, 
Eicheln, Zweige und Stämme, zum Teil von gewaltigem 
Umfang, legen ein beredtes Zeugnis ab von den mächtigen 
Eichenwaldiuigen, die einst Jütland, Dänemark und das 
südliche Schweden bedeckten. In Skandinavien aber hat es 
die Eiche niemals zu der Alleinherrschaft gebracht, die vor 
ihr die Kiefer innegehabt hatte. Sie ist über das mittlere 
Schweden und südliche Norwegen nicht hinausgelangt, ist 
nie weit ins Innere des Landes eingedrungen imd hat später 
unter dem Einfluß einer allgemeinen Klima Verschlechterung 
sogar vor der wieder vordringenden Kiefer und der Fichte 
den Rückzug südwärts antreten müssen. 

Ungefähr gleichzeitig mit der Eiche waren der Spitz- 
ahorn (Acer platanoides L.), die Esche {Fraxinus excelsior 
L.), die Mistel ( Viscum albunt L.) und der Efeu {Hedera 
helix L.) in Skandinavien erschienen. Aber auch manche 
der früher eingewanderten Baumarten haben wahrscheinlich 
erst in der Eichenperiode eine weitere Verbreitung gefunden, 
da der Eichwald in viel höherem Maße als die Kiefem- 
waldimgen das Gedeihen von Jungholz imd Unterholz ge- 
stattet. 

In Jütland und Dänemark zB. hatte damals neben der 
Eiche, wie die jüngsten Untersuchungen der Kjökken- 
möddinger ergeben haben (vgl. unten S. 71 u. 73), namentlich 
die Ulme {Ulmus montana L.) eine ausgedehnte Verbreitung. 
Aber außer diesen beiden stellten immer noch Birke und 
Espe das größte Kontingent zu den Waldbeständen der 
dänischen Eichenzeit. 

Gegen das Ende dieser Periode, als die allgemeine Er- 
wärmung des Klimas ihren Höhepunkt erreichte, drang die 
eigentlich in Westeuropa heimische Stechpalme {Hex aquu 
folium L.) nebst einigen andern atlantischen Pflanzen (Digi- 
talis pur pur ea^ Hypericum pulchrum, Sedum anglicufn)^ 
die sogenannte //^Jc-Flora, nach Jütland und Dänemark 
vor; von Dänemark scheint sie sich nach dem südlichen 
Schweden imd weiter an der Küste entlang bis Bomholm, 
von Jütland über das Skagerrak nach dem südwestlichen 



n. Die Waldperioden der nordischen Lftnder. 31 

Norwegen verbreitet zu haben.*) Sie hat sich aber auf die 
Dauer nur an wenigen geschützten Plätzen halten können. 
Um die gleiche Zeit wagten auch die Sommerlinde 
{Tilia grandifolia Ehrh.), die Hainbuche (Carpinus betulus 
L.) und der Feldahom {Acer campestre L.) einen Vorstoß 
nach Norden, ohne indes über Schonen und Bohuslän im 
südlichen Schweden hinaus zu gelangen. 

5. Die Fichten- und Buchenperiode. 

Dagegen rückte nunmehr ein anderer Waldbaum von 
Finland aus in Schweden ein, dem ein erfolgreiches Vor- 
dringen beschieden war: die Fichte {Picea excelsalArik),^) 
Sie scheint auch in Finland erst verhältnismäßig spät ein- 
getroffen zu sein; denn in finnischen Mooren aus dem 
Ende der Ancylusperiode finden sich noch keinerlei Spuren 
der Fichte, während sie in der Folgezeit dann häufig auf- 
tritt- Sie hat sich von Finland aus, wie die ihr voraus- 
gehende Grauerle, einesteils über die Bergpässe ins west- 
liche Norwegen, andemteils südwärts in die mittleren und 
südlichen Provinzen Schwedens verbreitet, hat aber die 
Westküste von Schonen imd Hailand bis heute nicht er- 
reicht imd ist niemals nach Dänemark hinüber gelangt. 
Doch scheint sie, namentlich in Norwegen, noch einer 
weiteren natürlichen Ausbreitung fähig zu sein. Daß sie in 
Skandinavien sowohl für die Kiefer als auch für die Eiche 
eine gefährliche Konkurrentin wurde, sahen wir bereits. 

Inzwischen war aber der Eiche im Süden ein weit 
schlinMnerer Feind in der Buche {Fagiis silvatica L.) ent- 
standen, die bestimmt war, sie aus den Wäldern Dänemarks 
und Südschwedens vollständig zu verdrängen. Man kann das 
allmähliche Vorrücken derselben an einzelnen fossilen Resten 



*) Vgl. Andersson Gesch, d. Vegetation Schwedens 474 f. Holmboe 
Planierester i Narske Torvmyrer 201. 

•) Hierzu vgl. namentlich die ausgezeichnete Monographie Ser- 
n anders über Die Einwanderutig der Fichte in Skandinavien (1892), 
wo auch ein Dberblick Ober die früheren Forschungen gegeben ist. 
Doch s. auch Schulz Entwicklungsgesch, d. fhanerog. Flora Skand, ^^ü. 



32 I* Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

aus dem Ende der Eichenzeit in Schleswig-Holstein und 
Dänemark verfolgen. Sie kommen ausschließlich in den 
allerobersten Schichten der Moore vor. Weim Buchenreste 
nicht häufiger gefunden werden, so hängt das teilweise 
wohl damit zusanmien, daß der Baum moorigen Boden 
nicht liebt. Man hat darum auch vermutet, daß die 
Erlenzone, welche die obersten Schichten der Moore 
Dänemarks und Schönens bildet, mit der Buchenperiode 
der Wälder gleichzeitig sei. Aber für die kleinen, teils 
länglichen teils kesseiförmigen Waldmoore des nördlichen 
Seeland, welche zwischen Hügeln eingebettet liegen und oft 
keinen Hektar groß sind, ^) trifft eine solche Erklänmg 
doch kaum zu. Hier sind die Abhänge der die Moore 
umschließenden Hügel seit Jahrtausenden mit Wald bedeckt 
gewesen, und die Blätter und Nadeln der Bätune sind 
in die Gewässer des Moorsees gefallen und im Schlamm 
des Bodens aufbewahrt worden, und die altersschwachen 
Stämme sind Generation auf Generation in den Morast ge- 
sunken, wie die Hunderttausende von Exemplaren beweisen, 
die im Lauf der Zeiten aus diesen Mooren zutage gefördert 
sind. Diese übereinander geschichteten Stämme lehren uns, 
daß zuerst Birken- und Espen-, dann Kiefern-, dann Eichen- 
wälder an den Rändern der Moore gestanden haben. Heute 
sind die Ufer, sofern überhaupt noch Wälder vorhanden 
sind, mit Buchen bedeckt, welche die Eichen verdrängt 
haben. Wären in jenen Tagen der Vorzeit auch schon 
Buchen an den Rändern der Moorseen gestanden, so würden 
wir ihre Spuren ebenfalls in diesen ehrwürdigen Annalen 
der Pflanzengeschichte verzeichnet finden. Aber kein Blatt, 
kein Stamm legt Zeugnis ab von dem Vorhandensein der 



1) Sie sind die Ausfüllungen von Kesseln und Mulden, die durch 
die aus'waschende Tätigkeit des Gletscherwassers entstanden waren. 
Ähnliche Gletscherpfuhle oder Solle finden sich auch auf den nord- 
deutschen Mergelplateaus häufig. Ober ihre Entstehung aus Strudel- 
löchern vgl. Geinitz Archiv d. Ver. d. Freunde d. Natg. in Mecklen- 
burg 33, 362 ff. (1879). 50, 271 ff. (1896). Diederichs ebenda 49, 27 i, 
S. auch oben S. 21. 



II. Die Waldperioden der nordischen Länder. 



jetzigen Königin der dänischen Wälder zur Kiefern- oder 
EichenzeiL 

Die Buche hat in Dänemark und Südschweden — aber 
wohl erst im Lauf der späteren prähistorischen und der 
historischen Zeit — eine fast noch unumschränktere Allein- 
herrschaft über die Wälder gewonnen, als vor ihr die Eiche 
und Kiefer; sie hat nicht nur die Eiche aus dem Felde ge- 
schlagen, sondern da sie vermöge ihres dichten Laubdachs 
unduldsam gegen Unterholz ist, auch die Trabanten derselben 
aus den Waldungen verdrängt, und nur in den Brüchen und 
Mooren, wohin ihnen die Buche nicht folgen konnte, haben 
Erlen, Weiden, Birken und Eichen ihre Herrschaft behauptet.^) 

Die Buche ist übrigens über die südlichsten Provinzen 
Schwedens und das südwestliche Norwegen nicht hinaus- 
gelangt, sie hat die Nordgrenze ihrer Vorgängerin, der Eiche, 
in Skandinavien nicht erreicht, von Kiefer und Birke gar 
nicht zu reden.*) Im mittleren und nördlichen Schweden 
und in Norwegen entspricht der Buchenzeit Südschwedens 
zeitlich etwa die Fichtenperiode. 

6. Hydrographische und klimatische Veränderungen. 

Die Hebungen und Senkungen, welche die Ostsee- 
länder seit der letzten Eiszeit durchgemacht haben, sind 
durch de Geer, Munthe, Andersson ua. so genau erforscht, 
daß wir uns eine ziemlich klare und zuverlässige Vor- 
stellung davon machen können. Wir haben auf einige der 
wichtigsten Momente schon in der vorstehenden Schilde- 
rung Bezug nehmen müssen. 

In dem letzten Abschnitt der Glacialperiode waren weite 
Flächen Nordeuropas von einem Eismeer bedeckt, das zur 



*) Ober die Einwanderung der Buche in Dänemark vgl. Vaupells 
Abhandlung Bogens inoandring i de danske skooe. Kjöbenhavn 1857. Dazu 
V. Schlechtendais unbedeutende Kritik Bot. Zeitung 16 (1858), 137 ff., 
145 fif. und Vaupells klare und bündige Antwort Flora 1859, 465 — 478. 

*) Nach Alb. Nilssons Untersuchungen scheint es, daß sie in 
Schweden noch nicht an der Grenze ihrer natürlichen Ausbreitungs- 
f^igkeit angelangt ist. Vgl. £. H. L. Krause, Globus 83, 100. 

Hoopi, Waldblume u. Kalturpflaxuen. 3 



84 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Zeit seiner größten Ausdehnung bedeutend höher stand als 
die heutigen nordischen Meere. Am tiefsten war die Senkung 
des Landes in den mittleren Teilen Skandinaviens. Ein 
breiter Meeresarm erstreckte sich damals vom Skagerrak 
durch Mittelschweden nach der Ostsee, die weiterhin tlber 
den Finnischen Meerbusen, den Ladoga- und Onega-See mit 
dem Weißen Meer in Verbindung stand. In Angermanland 
liegen die Strandwälle dieses spätglacialen Eismeers bis zu 
268 m über dem heutigen Meeresspiegel. 

Gegen das Ende der letzten Vereisung jedoch, als die 
Gletscher sich allmählich nach dem nördlichsten Teil Skan- 
dinaviens zurückzogen, während eine arktische Flora von 
Süden her den ehemaligen Gletscherboden eroberte, setzte 
eine beträchtliche Hebung des Landes ein, wodurch eine 
feste Brücke von Jütland über die dänischen Inseln nach dem 
südlichen Schweden hergestellt, das zunächst noch längere 
Zeit vom Meer bedeckte Mittelschweden allmählich trocken 
gelegt und die Ostsee in ein großes Binnenmeer, den Ancy lus- 
see, verwandelt wurde. Weite Flächen an den Küsten der 
Nordsee und des südwestlichen Skandinaviens, die heute 
vom Meer bedeckt sind, waren damals Land. Während dieser 
Ancylusperiode ist die große Masse der nordischen Vege- 
tation, sind vor allem fast sämtliche Waldbäiune mit Aus- 
nahme der Buche und Fichte, über Dänemark nach Skandi- 
navien eingewandert. Die Dryas- und Kiefemzeit fallen 
ganz in diese Periode. 

Aber während in Schonen und an den weiter nördlich ge- 
legenen südschwedischen Küsten die Eichenflora herrschte,^ 
vollzog sich allmählich eine erneute bedeutende Senkung des 
westlichen Ostseegebiets, wodurch die Landbrücke zwischen 
Jütland und Schonen in die dänischen Insehi auseinander- 
gerissen, Mittelschweden von neuem überflutet und der süße 
Ancylussee in das salzige Litorinameer umgewandelt 
wurde, welches einen wesentlich höheren Wasserstand er- 



») Vgl. G. Andersson VäxtpaUontol. Undersäkn. af Svenska Torf- 
mossar II 57. 



IL Die Waldperioden der nordischen Länder. 35 

reichte als die heutige Ostsee. Wie zur Zeit des spätglacialen 
Eismeers, war die Senkung wieder am stärksten in den 
mittleren Teilen des östlichen Skandinaviens. An den Küsten 
des mittleren Norrlands lassen sich die Strandwälle des 
Litorinameers in einer Höhe von bis zu 100 m über dem 
Meeresspiegel verfolgen, aber die Höhe derselben nimmt 
ab mit der Entfemimg von dem Zentrum der Senkung. 

Nach dem Durchbruch des Simdes imd der Belte, der 
sich schon vor dem Beginn der Senkung durch Erosion vor- 
bereitete, war das Eindringen weiterer Pflanzen von Süden 
her wesentlich erschwert, eine Masseneinwanderung völlig 
unterbunden. Die Buche ist wahrscheinlich einer der wenigen 
Bäume, die erst nach dem Aufhören der festen Landver- 
bindung nach Schweden gelangten. — 

Eine Erörterung der Frage, weshalb die Waldbäimie 
gerade in der angegebenen Reihenfolge ihren Einzug in Nord- 
europa hielten, und weshalb sie sich so verschieden aus- 
breiteten, würde ein Eingehen auf pflanzenbiologische und 
pflanzengeographische Einzelheiten erheischen und uns 
nötigen, uns des Näheren mit den Theorien von A. Blytt, 
A. Schulz, G. Andersson ua. auseinanderzusetzen, was nicht 
die Aufgabe der vorliegenden Untersuchimg sein kann. Es 
ist ja zweifellos, daß Veränderungen in der Beschaffenheit des 
Bodens, daß namentlich auch Wandlimgen in der Feuchtig- 
keit des Klimas eine wichtige Rolle bei jener Einwanderungs- 
geschichte gespielt haben; aber der Einfluß dieser Faktoren 
erstreckt sich doch in erster Linie auf die lokale Ausbreitung 
der einzelnen Pflanzenarten: als Triebkräfte von allge- 
meinerer Bedeutung für die Geschichte der Vegetation 
treten sie bei den geographischen Verhältnissen Nordeuropas 
vor der Wärme entschieden in den Hintergrund. Schon 
der Umstand, daß die Baumzonen der Torfmoore in genau 
derselben Reihenfolge, nur in mngekehrter Richtung wieder- 
kehren, wenn man sich aus dem mittleren oder östlichen 
Europa nach der arktischen Zone begibt oder aus der Ebene 
in die Alpenregion aufsteigt, scheint mir deutlich genug für 
die ausschlaggebende Bedeutung der Wärme zu sprechen. 



36 I* Kap. Wandlungen der Banmflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Und die Verschiebung der Nordgrenzen der Waldbänme 
im Lauf der Zeiten deutet nach der gleichen Richtung. 

Die Hypothese eines regehnäßigen Wechsels acht lang- 
andauernder kontinentaler und ozeanischer Perioden, welche 
Blytt und ihm folgend Sernander für Norwegen und 
Diederichs in seiner Abhandlung iiber Die fossile Flora 
der mecklenburgischen Torfmoore (1896) auch ftlr Mecklen- 
burg vertreten, ermangelt bis jetzt einer überzeugenden Be- 
gründung. Die Möglichkeit einer Landverbindung Schottlands 
über die Shetlandsinseln und Faröer nach Island und weiter 
nach Grönland, auf die Blytt ^) sich beruft, ist nicht nur für 
die prägladale, sondern wegen der großen Übereinstimmung 
der Flora der Faröer, Islands und Grönlands mit derjenigen 
Nordeuropas auch wohl für die erste postglaciale Zeit 
zuzugeben. Mit Recht erblickt C. A. Weber in den von 
A. S. Jensen untersuchten Resten von Seichtwassertieren 
(Fischen und Konchylien), welche die dänische Ingolf-Expe- 
dition 1896 vom Grunde des Meeres zwischen Jan Mayen 
und Island aus Tiefen von 936 bis 2476 m zutage förderte, 
Zeugen jener alten Landverbindung.*) Aber das allmähliche 
Versinken dieser Verbindimgsbrücke mußte doch gerade 
eine beständig wachsende Zunahme der Erwärmimg und 
des ozeanischen Klimas Skandinaviens durch den Zutritt 
des Golfstroms bewirken; ein periodisch wiederkehrender 
Wechsel des Klimas läßt sich daraus nicht erklären. 

Der Wechsel von Moor- und Waldschichten ist von 
Andersson durch einen natürlichen Kreislauf in der spon- 
tanen Entwicklimg der Moore einleuchtend erklärt worden. 
Ein Ansatz zu dieser Auffassimg findet sich übrigens auch 
bei Diederichs aaO. 18 f. In vielen Fällen ist jener Wechsel 
sicher nur von lokaler Verbreitung und nicht auf allgemeinere 
klimatische Ursachen zurückzuführen. 



*) Theorie d. wuhs. kont, u. ins. Klimate 39—50. 177. 

•) Adolf Severin Jensen Om Levninger af Grundtvandsdyr paa 
Store Havdyh mellem Jan Mayen og Island. Vidensk. Meddel. fra den 
Naturhistor. Foreningen i Kjöbenhavn. 1900, S. 229 — 239. Vgl. C. A. 
Webers Bericht im Botan. Centralblatt 85 (1901), S. 49 f. 



n. Die Waldperioden der nordischen Länder. 37 

Neuerdings ist auch A. Schulz^) auf Grund sehr be- 
achtenswerter Erwägungen zu ähnlichen Ergebnissen über 
<]ie Ent¥ricklung der skandinavischen Pflanzendecke gelangt 
wie Blytt; auch er ist der Ansicht, „daß seit der letzten 
Vereisung Skandinaviens mehrere Perioden mit verschie- 
denem Klima aufeinander gefolgt sind*'. Es läßt sich in 
der Tat nicht leugnen, daß sowohl pflanzengeographische 
-und -biologische Momente als auch die Lagerungsverhält- 
nisse der Moore Nordeuropas imd Norddeutschlands eine 
solche Auffassung in mancher Hinsicht zu stützen scheinen. 
Aber eine endgültige Entscheidimg wird sich über diese 
wichtige Frage wohl erst fällen lassen, wenn das zu- 
sanmienfassende Werk über die norddeutschen Moore, das 
C A. Weber vorbereitet, erschienen sein wird. 

Einstweilen bin ich mit Gimnar Andersson der Meinimg, 
daß das allmähliche Vorrücken der Pflanzenwelt Mittel- 
europas in die nordischen Länder seit dem Ende der Eis- 
zeit aufs engste mit einer stetig fortschreitenden 
Erwärmung des Klimas zusammenhängt, welche wäh- 
rend der ganzen Ancylusperiode andauerte und wahrschein- 
lich kurz vor dem höchsten Stand des Litorinameers, 
der etwa mit dem Beginn der Fichten- und Buchenzeit 
zusammenfällt, ihren Höhepunkt erreichte. Während des 
ersten Abschnittes der Litorinaepoche kam zu den günstigen 
klimatischen Bedingungen allgemeinerer Natur noch eine 
starke Senkung des Skagerraks hinzu, wodurch die warmen 
Wasser des Golfstroms in größerem Maße als heute bis 
in das Innere der Ostsee gelangten und das Klima der 
baltischen Länder vorteilhaft beeinflußten. Die Ufermuschel- 
bänke am Christiania-Fjord, die sich damals ablagerten, 
enthalten eine Fauna, die sich heute entweder ganz aus den 
norwegischen Gewässern in südlichere Gegenden zurück- 
gezogen hat oder nur noch an der wärmeren Westküste 
bei Bergen existiert.*) Wir werden uns das Klima der 

") In seiner Entwicklungsgesch. d. phanerogatnen Flora u. Pflanzen- 
decke d, skandmav. Halbinsel 1 1 ff. 
«) Blytt aaO. 23. 



'88 I. Kap. Wandlungen der Banmflora Nord- a. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

nordischen Länder in dieser Periode wohl ähnlich wie das 
des heutigen Irland vorzustellen haben. 

Nachdem jedoch die Litorinasenkimg ihre größte Aus- 
dehnung erreicht hatte und das Land sich wieder zu heben 
begann, um allmählich in die historischen Verhältnisse über- 
zugehen, setzte eine allgemeine Klima Verschlechterung 
ein, die bis auf den heutigen Tag andauert Die Ursachen 
dieses Temperaturrückgangs sind noch nicht völlig klar 
erkannt. Durch die erneute Hebung des Meeresbodens im 
Skagerrak wurde das kräftige Eindringen der Wasser des 
Golfstroms in die Ostsee wieder beeinträchtigt, was not- 
gedrungen eine ungünstige Rückwirkung auf das Klima der 
westlichen Ostseeländer üben mußte. Femer dürfte die be- 
ständig zunehmende beträchtliche Hebung der skandina- 
vischen Gebirge dazu beigetragen haben, das Klima der 
nordischen Länder nach und nach henmterzudrücken. 
Die Hauptursache dieses Klimarückgangs aber müssen doch 
wohl andere, weiter reichende Erscheinimgen gewesen sein, 
da vonGeikie ua. auch in den schottischen Torfmooren, sowie 
auf den Shetlands-Inseln Reste von Eichen imd Haselnüssen 
gefunden sind, die jetzt dort nicht mehr gedeihen. 

Die Folge jener Klima Verschlechterung auf die Pflanzen- 
welt Nordeuropas aber tritt klar genug zutage: sie äußert 
sich in einem allgemeinen Zurückweichen der Nord- 
grenzen der verschiedenen Pflanzenarten. Besonders 
deutlich ist dies bei der Hasel zu verfolgen. Andersson hat 
auf Grund einer Vergleichung der heutigen und einstigen Nord- 
grenze dieses Strauchs, welche etwa mit den Jahres-Isothermen 
+ 2* C. und + 4® C zusanunenfällt, den sehr wahrschein- 
lichen Schluß gezogen, daß die mittlere Sommertemperatur 
des nördlichen Schwedens heute um ca. 2,4® C niedriger 
ist als zu der Zeit, wo die Hasel ihre größte Ausdehnung 
besaß, dh. ziu- Zeit des höchsten Standes des Litorinameers 
gegen das Ende der Eichenperiode.*) Wahrscheinlich wurde 

*) Gesch. d, Veget. Schwedens 507. Hasseln i Sverige fordom och 
mi S. 152. Sveriges geolog. Undersökning, Ser. Ca. Nr. 3. Stockholm 
1902. Mit Karte. Und Der Haselstrauch in Schweden, Englers Bot. Jahr- 



m. Die Baumflora Mitteleuropas nnd ihre Wandlungen. 99 

auch das nördliche Vordringen der Buche durch diese un- 
günstigeren Temperaturverhältnisse schon in Mitleidenschaft 
gezogen, während anderseits Kiefer und Fichte bei ihrem 
Kampf ums Dasein mit der Eiche und Buche durch den 
Temperaturrückgang entschieden in Vorteil gesetzt wurden. 
Übrigens läßt sich ein ganz analoger Wechsel der Baimi- 
arten, der ebenfalls nacheinander die Kiefer, Eiche, Buche, 
Fichte imd abermals die Kiefer ziu* Herrschaft kommen 
ließ, in der interglacialen Flora vonLütjen- und Großen- 
Bomholt, sowie von Fahrenkrug in Holstein beobachten.*) 
Inwieweit sich noch in historischer Zeit Verschie- 
bimgen in der Verbreitung der Holzarten Skandinaviens 
vollzogen haben, das im einzelnen zu verfolgen, dürfte heute 
kaum möglich sein. Da die literarische Überliefenmg in 
den skandinavischen Ländern erst sehr spät einsetzt und 
die älteste nordische Literatur überwiegend auf Island ent- 
standen ist, wo Birken {Betula odorata Bechst.), Vogel- 
beeren {Sorbus aucuparia L.) imd Weiden {Salix phylici- 
folia L.) die einzigen wildwachsenden Bäume sind, und 
wo der Wald auch in älterer historischer Z.eit kaum je eine 
Rolle gespielt hat, *) wollen wir von einem näheren Eingehen 
auf diese Fragen in der vorliegenden Arbeit absehen. 

III. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 

Literatur. Allgemeinere Schriften. Aug. Schulz Grundzüge 
einer Entwicklungsgeschichte d. Pflanzenwelt Mitteleuropas seit dem 
Ausgang der Tertiär zeit. Jena 1894. Derselbe Entwicklungs- 
geschichte d. phanerogamcn Pflanzendecke Mitteleuropas nördlich 
d, Alpen, Stuttgart 1899. C.A.Weber Versuch eines Überblicks 
aber die Vegetation d. Diluvialzeit in den mittleren Regionen Europas, 
Berlin 1900. A. G. Nathorst Om den arktiska vegetationens ut- 



bdcher 33, 499 (Dci. 1903), wo die Ergebnisse des schwedischen Auf- 
satzes zusammengefaßt sind. 

Vgl. C. A. Weber Bot. Jahrb. 18, Beibl. Nr. 43, S. 10 ff. 

•) Über die altisländischen Waldungen findet sich alles Wesent- 
Uche schon in Konrad Maurers Island S. 13 — 16 u. 19 ausgeführt. Auch 
Schönfeld in seinem Buch über Den isländischen Bauernhof (Quellen 
ond Forschungen 91 ; Straßburg 1902, S. 14 f.) hat dem nichts Neues 
hinzuzufügen vermocht. 



40 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

brednmg öfver Europa norr om Alpema under istiden, 1873. (S. Lit 
zu Abschn. II S. 7.) Derselbe Ober den gegenwärtigen Stand- 
punkt unserer Kenntnis v. dem Vorkommen fossiler Glacial- 
pflanzen. 1892. (S. Lit. zu Abschn. II S. 7.) — Schleswig-Holstein. 
PaulKnuth Grundzüge einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzef^ 
weit in Schleswig-Holstein, (Sonderabdr. aus d. Schriften d. Natw. 
Ver. f. Schlesw.-Holst. VIII i.) Kiel 1889. R. v. Fischer-Benzon 
Die Moore der Provinz Schleswig- Holstein, (Abhandl. aus d. Ge- 
biete d. Naturwiss. hrsg. v. Natw. Ver. Hamburg XI 3.) Ham- 
burg 1891. C. A. Weber Ober Litorina- u. Prälitorinabildungen 
an der Kieler Föhr de. Englers Botan. Jahrbücher 35, 1 — 54 (1904). 
— Mecklenburg. R. Diederichs Über die fossile Flora der 
mecklenburgischen Torfmoore. Gekrönte Preisschrift. (Sonder- 
abdruck aus d. Archiv d. Ver. d. Freunde d. Natg. in Mecklen- 
burg 49, S. 1—34.) Güstrow 1894. — Preußen. C. A. Weber 
Ober die Vegetation und Entstehung des Hochmoors v. Augstumal 
im Memeldelta mit vergleichenden Ausblicken auf andere Hochmoore 
der Erde, Eine fornuUionsbiologisch^historische u, geologische Studie. 
Berlin 1902. — Unterwesergebiet. C. A. Weber Untersuchung 
der Moor- und einher anderen Schichtprohen aus dem Bohrloche 
des Bremer Schlachthofes. Abhandl., hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 14, 
475 — 482 (1898). Derselbe Über die Moore, mit besonderer Be- 
rücksichtigung der zwischen Unterweser und Unterelbe liegenden. 
Jahresber. d. Männer vom Morgenstern 3, 3—23. Bremerhaven, 
G. Schipper, 1900. — Westfalen. C. A. Weber Ober die Vege- 
tation zweier Moore bei Sassenberg in Westfalen. Abhandl. hrsg. 
V. Natw. Ver. Bremen 14, 305 — 321 (1897). — Sachsen. A. G. 
Nathorst Die Entdeckung einer fossilen GlacicUflora in Sachsen, 
am ttussersten Rande des nordischen Diluviums. Öfversigt af K. 
Vetensk.-Akad. Förhandl. Stockholm 1894, 10, 519—543- ~ 
Böhmen. Fr. Sitensky Ober die Torfmoore Böhmens in natur- 
wissenschaftlicher u. nationalökonomischer Beziehung, I. Naturwiss. 
Teil. (Archiv d. natw. Landesdurchforschung v. Böhmen VI i.) 
Prag 1891. — Salzburger Hügelland. J. R. Lorenz Allgemeine 
Resultate aus der pflanzengeographischen und genetischen Unter- 
suchung der Moore im präalpinen Hügeüande Salzburgs. Flora 4I1 
Nr. 14. 15. 16. 18. 19. 22. 23 (1858). — Schweiz. £. Neuweiler 
Beiträge zur Kenntnis schweizerischer Torfmoore, Züricher Diss. 
1901. 

Die grundlegenden Arbeiten der nordischen Gelehrten 
regten zu ähnlichen Forschungen auf deutschem und 
schweizerischem Boden an. Zunächst gelang es Nathorst 
selbst im Sommer 1872, die gleichen Spuren einer glad- 



m. Die Baamflora Mitteleuropas und ihre Wandlimgen. 41 

alen Flora, die er kurz vorher in Schonen und Seeland 
entdeckt hatte, auch in Torfmooren Mecklenburgs, Bay- 
erns, der Schweiz und Englands auf der glacialen Grund- 
moräne nachzuweisen.^) Er hat seine Untersuchungen 
später durch weitere Funde in Westpreußen, Pommern, 
Schleswig-Holstein imd Sachsen ergänzt*) Damit war der 
Beweis erbracht, daß ganz Mittel- und Nordeuropa, sowie 
die Britischen Inseln in der ältesten postglacialen Zeit von 
einer einheitlichen arktischen Tundrenflora bedeckt war, 
und daß diese Flora den Rand des Eises auch während 
dessen größter Ausbreitimg in Südengland imd Mittel- 
europa in breitem Gürtel imirahmt haben muß. Und Nat- 
hörst machte es femer durch Vergleichimg der diluvialen 
Ablagerungen des Waldbetts von Cromer in Norfolk wahr- 
scheinlich, daß die präglaciale und postglaciale Flora ztmi 
großen Teil aus den gleichen Pflanzenformen zusammen- 
gesetzt waren. 

Nachdem so die allgemeine Verbreitimg der untersten 
der nordischen Moorschichten, der Dryasflora, erwiesen 
worden, lag es nahe, auch die Entsprechungen der übrigen 
nordeuropäischen Vegetationsperioden in den Mooren Mit- 
teleuropas aufzusuchen. 

So einfach, wie in den nordischen Ländern, die nur 
durch zwei verhältnismäßig enge Einfallstore besiedelt 
werden konnten, liegen die Verhältnisse in Mitteleuropa 
nun freilich nicht. Einmal muß man im Auge behalten, 
daß ein breiter Streifen Mittel- und Norddeutschlands wäh- 
rend der ganzen Dauer der Eiszeit imvergletschert blieb, 
und wenn derselbe zur Zeit der größten Ausdehnung des 
Landeises auch wohl nur von einer arktischen Vegetation 
bedeckt war, so dürften sich doch während des letzten 
Abschnittes der Glacialperiode, wo das Eis längst nicht 

«) Veröffentlicht 1873 in dem Aufsatz Om den arktiska vegetatto- 
nens utbredmng öfver Europa norr om Alperna under istiden. S. Literatur. 

«) Gegenwärt, Standp. uns, Kenrän, v. d. Vork. foss. Glacialpfl, (1892) 
S. 17 ff. Die Entdeckung einer fossilen Glacialflora in Sachsen (1894). 
S. Literatur. 



42 !• Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

wieder die früheren Grenzen erreichte, die meisten Glieder 
der vorhergehenden intergladalen Vegetation daselbst er- 
halten haben.*) Es fehlt also hier bei stratigraphischen 
Untersuchungen der sichere chronologische Ausgangspunkt, 
den wir im Norden an dem Ende der Vereisimg hatten, 
und dadurch wird die pflanzengeschichtliche Erforschung 
dieser Gebiete wesentlich erschwert. 

Sodann aber kommt komplizierend hinzu, daß die post- 
glaciale Pflanzenwelt von Osten und Westen in breiten 
Fronten nach Mitteleuropa einrückte. Man muß danun 
a priori mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daß die Ge- 
schichte der mitteleuropäischen Vegetation in ihren ersten 
Stadien in der östlichen imd westlichen Hälfte, im Norden 
und Süden des Gebietes eine verschiedene gewesen ist 
Deshalb ist eine sorgfältige stratigraphische Durch- 
forschung der Torfmoore und andern pflanzenführenden 
Ablagerungen aus der postglacialen Zeit in allen Teilen 
Mitteleuropas erforderlich, bevor man zu einem einiger- 
maßen zuverlässigen Gesamtbild von der Entwicklungs- 
geschichte der mitteleuropäischen Vegetation gelangen kann. 

Diese Vorbedingung ist gegenwärtig noch nicht er- 
füllt. Zwar haben die gründlichen Moorforschimgen von 
Sitensky, v. Fischer-Benzon, Diederichs, Neuweiler 
und vor allem C.A.Weber eine Fülle wichtigen Materials zu- 
sammengetragen, aber eine abschließende Darstellung der 
Geschichte der Vegetation läßt sich für Mitteleuropa heute 
noch nicht wohl unternehmen. August Schulz' ein- 
dringende, in erster Linie auf pflanzenbiologische und 
-geographische Erwägungen basierte Arbeiten, so dan- 
kenswert imd fördernd sie namentlich für die Entwick- 
lungsgeschichte der Krautvegetation in vielen Punkten 
sind, können doch, was die Geschichte der Waldbäume be- 
trifft, auch wohl nur als bedeutsame Versuche zur Lösung 
dieses schwierigen Problems gelten. 



*) Das ist auch die Ansicht August Schulz' in seiner Entwick* 
lungsgesch. der phanerogamen Pflanzendecke Mitteleuropas S. 286 f. 



m. Die Bamnflora Afitteleuropas und ihre Wandhingen. 43 

Eine zusammenfassende Darstellimg der Entwickltmgs- 
geschichte unserer Wälder wird alle Tatsachen der strati- 
graphischen wie der pflanzenbiologischen und -geogra- 
phischen Forschung in gleichem Maße heranziehen müssen. 

Am besten imd vielseitigsten kennen wir bis jetzt die 
fossile Flora der Moore Norddeutschlands. 

1. Norddeutschland. 
Schleswig-Holstein. Man konnte von vornherein 
erwarten, daß die jütisch-dänisch-skandinavischen Vege- 
tationsperioden am ehesten in Schleswig-Holstein ihre Ent- 
sprechung haben würden, da dieses ja das Einbruchstor 
für die Pflanzenwelt der nordischen Länder gewesen war, 
und da seine Flora mit derjenigen Jütlands und Däne- 
marks noch heute fast ganz übereinstimmt. Diese Er- 
wartung ist durch die Untersuchungen v. Fischer- 
Benzens,*) die allerdings durch eine Konfundierung von 
inter- und postglacialen Formationen etwas getrübt wer- 
den,*) in der Hauptsache vollauf bestätigt worden. Er 
stellte fest, daß in den ältesten postglacialen Mooren 
Schleswig-Holsteins auf die blaue Grundmoräne zunächst 
eine reichhaltige Sumpfflora, sowie die durch Birke, Espe 
und verschiedene Weidenarten {Salix caprea, cinerea und 
aurita L.) charakterisierte unterste Baumschicht folgt, was 
auf vorwiegend sumpfige Bodenverhältnisse hindeutet. 

*) Die Moore d, Proo. Schleswig-Holstein (1891). 

■) Diese Verwirrung hat auch auf E. H. L. Krauses treffliche Ab- 
handlungen über Die Heide (Englers Bot. Jahrb. 14, 519 u. 522) und 
über Die natürliche Pflanzendecke Norddeutschlands (Globus 61, 83) einen 
störenden Einfluß ausgeübt. Es ist verwunderlich, daß das Vorkommen 
eines Grabhügels unter den Waldresten im Watt vor Husum, welches 
Krause als Beweis für die Gleichzeitigkeit des Menschen mit diesen 
untergegangenen Wäldern anführt, ihn nicht auf den Gedanken ge- 
bracht hat, daß es sich hier um eine Kulturschicht aus postglacialer 
Zeit handeln muß. Fischer-Benzons Ansicht von dem interglacialen 
Ursprung der beiden untersten Vegetationsschichten der schleswig- 
holsteinschen Moore ist schon 1893 von Axel Blytt (Englers Bot. 
Jahrb. 17, Beibl. Nr. 41, S. 4 f.) überzeugend widerlegt worden; sie 
ist heute wohl allgemein aufgegeben. Vgl. auch Diedehchs aaO. 34. 



44 I« Kap. Wandlungen der Baiunflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

-i ' ii > 

Bald nachher ist dann von Nathorst am Nord-Ostsee-Kanal 
auch das Vorhandensein einer Glacialflora nachgewiesen 
worden. An die Birkenflora schließen sich die Kiefern-, 
Eichen- und Buchenregionen an, genau in derselben Reihen- 
folge wie in Nordeuropa. 

Fischer-Benzons Arbeiten haben durch C. A. Webers 
gründliche Untersuchimgen von submarinen Süßwasserbil- 
dungen in der Kieler Föhrde jüngst (1904) eine erfreuliche 
Ergänzung erfahren. Dieselben bestätigen, im Unterschied 
von den Ergebnissen Fischer-Benzons, die oben von uns 
vorgetragene Ansicht von der Gleichzeitigkeit der Birken- 
und Kiefemzeit, insofern auch hier ein besonderer Birken- 
Espen -Horizont nicht nachgewiesen werden konnte. Viel- 
mehr treten in der tiefsten erreichten Lage vor dem EUer- 
becker Strande, in der Kalkmudde 14 — 15 m unter dem heuti- 
gen Wasserspiegel, direkt über einem bryozoenreichen Ge- 
schiebesande, Pollen von Pinus silvestris von vornherein 
zusammen mit Resten von Populus und Betula alba und 
verrucosa auf, wenngleich die Pollenkömer der Birke über- 
wiegen.*) 

Bemerkenswert ist das frühe Vorkommen der Hasel 
und der Heide in Schleswig -Holstein. Die Hasel {Corylus 
avellana L.) erscheint vor der Eiche, im Bredenmoor ist 
sie unter der Kiefemschicht zusammen mit der Birke ge- 
funden worden.*) Die Heide (Calluna vulgaris Salisb.), in 
Schweden bislang erst in der jungen Fichtenzone belegt, 
in Norwegen und Dänemark schon in größeren Tiefen 
nachweisbar,*) tritt in Schleswig -Holstein als Begleiterin 
der Kiefer auf.*) Wie im Norden, so gehört auch hier der 
Wachholder {Juniperus communis L.) zu den ältesten 
Sträuchem.*) 



*) C. A. Weber Lüorina- u, PrälUoriftabüdungen der Kieler Fökrde 
S. 30. 

•) V. Fischer-Benzon Die Moore d, Prov. SchUsuns-HdUiein S. 9^ 
») G. Andersson Gesch, d, Veget, Schwedens S. 527. 536, Anm. 6. 
*) V. Fischer-Benzon aaO. 7. 9. 12 f. 
») Ebenda S. 13. 



iiL Die Banmflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 45 

Kiefer und Eiche sind in den nach ihnen benannten 
Regionen ebenso häufig wie in Nordeuropa, und die sub- 
fossilen Eichenstämme sind von der gleichen Mächtigkeit 
wie dort; beide Bäume waren nacheinander augenscheinlich 
auch in Schleswig-Holstein die Beherrscher der Wälder. 

Buchenreste wurden im Bredenmoor zusammen mit 
Eichenstämmen aufgefimden.*) Sonst sind von der Buche in 
den schleswig-holsteinischen, ebenso wie in den nordischen 
Mooren, nur wenige fossile Reste entdeckt worden, wohl 
aus denselben Gründen wie dort. Hingegen konunen im 
Lebertorf des Litorinameers am Boden der Kieler Föhrde 
eingeschwemmte Pollen, Reiser und Fruchtteile der Buche 
von einer Tiefe von ca. 11 m unter dem Wasserspiegel 
an aufwärts in immer zunehmender Häufigkeit vor.*) 

Mecklenburg. Die Forschungen Diederichs' Über 
die fossile Flora der mecklenburgischen Torfmoore (1894) 
beweisen das Vorhandensein der nordischen Vegetations- 
perioden in der bekannten Reihenfolge von der Glacialflora 
bis zur Buchenflora auch für Mecklenburg, und wir sahen 
schon, daß sich gerade hier besonders deutliche Belege für 
die von uns behauptete Gleichzeitigkeit der Birken- und 
Kiefemflora finden. Unter den von Diederichs untersuchten 
Mooren haben die von Nantrow unfern Wismar (S. 26 f.), 
von Neu-Sanitz und Krummendorf in der Nähe von Rostock 
und von Testorf bei Zarrentin (S. 27 ff.) für uns das meiste 
Interesse, insofern ihre Entwicklung, wie das Vorhanden- 
sein von Gladalpflanzen beweist, bald nach dem Ende der 
Eiszeit begonnen hat, so daß sie zu den ältesten Mooren 
Mecklenburgs gehören. Hier hat nun die Untersuchung ge- 
zeigt, daß einerseits die ersten Vorposten von Pinus silve- 
stris schon gleichzeitig mit oder bald nach Betula alba und 
Populus tremüla ins Land gerückt sein müssen, während 
anderseits die Glacialflora, mit Ausnahme von Salix po- 
Jaris, sich an günstigen Stellen bis ans Ende der Birken- 



') Ebenda S. lo. 

•) C. A. Weber aaO. 5. 16. 19. 24. 26. 49. 



46 !• Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- a. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Kiefemperiode im Lande behauptet hat (S. 28 f,, 30, 31, 32). 
Es gilt dies namentlich von Betula nana, die ja noch heute 
in Westpreußen gedeiht,*) und von der kürzlich durch Plettke 
sogar bei Schaf wedel westlich von Salzwedel in der Altmark 
eine überraschende Reliktstation nachgewiesen w\irde.*) 
Aber bei Krununendorf (S. 30) hat sich auch Dryas octo- 
petala bis in den ersten Abschnitt der Kiefemzeit erhalten. 
Übrigens hat man die gleiche Beobachtimg einer längeren 
Erhaltung der Gladalflora auch in Skandinavien, auf See- 
land imd Gotland gemacht.') 

Die Hasel (Corylas avellana) tritt, wie in Schleswig- 
Holstein, so auch in Mecklenburg, schon in einem früheren 
Stadium der Kiefemzeit auf (vgl. Diederichs S. 6. 9. 23); 
die Erle erscheint, wie in Nordeuropa, zuerst im letzten 
Abschnitt dieser Periode, noch vor der Eiche (S. 6. 9). In 
der obersten Schicht des Dolgener Moors (S. 24) fand sich 
auch eine Menge gut erhaltener Holzreste der Buche. 

Ostpreußen. Wichtige Ergebnisse, namentlich auch 
chronologischer Art, lieferte die gründliche Erforschung 
des Hochmoors Augstumal im Memeldelta durch 
C. A. Weber,^) den gegenwärtig besten Kenner der nord- 
deutschen Moore. Das Augstumalmoor ruht in der Haupt- 
sache auf dem Sand eines Staubeckensees, der in der älte- 
sten Postglacialzeit Preußens den östlichsten Teil der Kuri- 
schen Niederung einnahm, im Westen begrenzt durch den 
Rand des zurückweichenden Landeises. Dieser Staubecken- 
sand enthält keinerlei organische Einschlüsse. Auch Spuren 
einer Gladalflora konnten am Gnmde des Moors von 
Weber bis jetzt nicht nachgewiesen werden. Aber da sich 
in den spätglacialen Sanden der Umgebung des Kurischen 
Haffs sonst verschiedentlich nordische Moosarten gefunden 

*) Conwentz Natw. Wochenschrift 17, 9. 

■) Ascherson Über Betula nana, Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. 
Brandenburg 44, S. XXXII (1902). 

») S. oben S. 15 u. 19 und Andersson Gesch, d. Veget. Schwedens S. 453. 

*) Niedergelegt in dem Buch Ober du Vegetation und Entstehung 
des Hochmoors von Augstumal im Memeldelta etc. (1902)» 



m. Die Baoinflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 47 

haben, und da das Vorhandensein einer ehemaligen Gladal- 
flora in dem benachbarten Westpreußen durch Nathorst 
sicher gestellt wurde,*) so ist wohl kaum zu bezweifeln, 
daß auch in Ostpreußen nach dem Abschmelzen des Eises 
zunächst eine gladale Flora erschien. 

Als älteste nachweisbare alluviale Schicht hat sich im 
Augsttunalmoor über dem Staubeckensand ein Süßwasser- 
mergel abgesetzt, der aber wahrscheinlich auf die tieferen 
Stellen des westlichen Moorabschnitts beschränkt ist; in 
den übrigen Teilen des Moors erscheint gleich über dem 
Staubeckensande ein Bruchwaldtorf, der im Westabschnitt 
auch den Süßwassermergel überdeckt. Es scheint also, 
daß nach dem Verschwinden der Glacialflora die westliche 
Hälfte des Moors zunächst von einem See eingenommen 
wurde, der wahrscheinlich durch Hebung des Landes all- 
mählich verschwand (Weber aaO. 245), während von Süden 
her eine Baumflora vordrang und nach und nach das 
ganze Gebiet mit einem Bruchwald überzog. In dem Mergel, 
der sich am Boden des Sees ablagerte, haben sich außer 
Früchten imd Blüten von Wasserpflanzen auch Pollen- 
kömer der Kiefer und Erle gefunden (aaO. 193, 201), die 
also beide in Ostpreußen sehr frühzeitig erschienen sein 
müssen. Die Bruchwaldschicht ist durch das starke Vor- 
herrschen von Überresten der Schwarzerle {Alnus gluti- 
nosä) gekennzeichnet, die in allen Lagen ungemein zahl- 
reich auftritt Außerdem finden sich Reste der Birke {Be- 
tula alba), Esche {Fraxinus excelsior)y Kiefer {Pinus sil- 
vestris)y Eiche {Quercus pedunculata)y Hasel (Corylus avel- 
lana)j Linde (Tüia spec), Weide {Salix spec), Espe {Popu- 
lus tr€tnula\ des Wachholder {Juniperus communis) und 
sehr häufig auch der Fichte {Picea excelsa Link), die aber 
in den untern Lagen noch spärlich ist und augenscheinlich 
später als die andern einwanderte. 

Während der letzten Zeit der Bruchwaldperiode scheint 
der Boden von neuem versiunpft zu sein; an Stelle des 

«) Nathorst Gegenwärtiger Standp. etc. 17 f. Weber aaO. 244 und 
Anm. 2. 



48 !• Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit 

Bruchwalds entstand wieder ein See mit morastigem Grunde, 
an dessen seichteren Ufern sich Schilftorf ansetzte. Diese 
Entwicklung weicht von der normalen Bildungsweise der 
Moore ab und wird von Weber durch eine Senkung des 
Bodens erklärt, die sich während der Dauer der Bruchwald- 
periode allmählich vollzog. Unter dem Einfluß einer zwei- 
ten Hebung schwand der morastige See wieder, „und auf 
dem Boden, der sich zu hoch erhob, um durch die Torf- 
schichten das fruchtbare Wasser in ausgiebiger Weise nach 
oben zu leiten, entwickelten sich Mooswiesen, die sich unter 
dem Einflüsse des zimi Schlüsse der zweiten Hebimgs- 
periode feuchter werdenden Klimas zu dem Moosmoore ent- 
wickelten, das bis in die Gegenwart hineinragt" (aaO. 245). 
Auf die zweite Hebung ist dann noch eine zweite Land- 
senkimg erfolgt, die aber die Oberfläche des Moors unver- 
ändert ließ. 

Zu der Annahme von je zwei miteinander wechselnden 
Hebimgen und Senkimgen der ostpreußischen Küste ist auch 
Berendt. wie Weber S. 234 ff. ausführt, durch die geolo- 
gische Untersuchimg des Ktirischen Haffs imd seiner Um- 
gebimg gelangt. Die Ausbildung des Bruchwalds auf dem 
Grunde des Augstumalmoors dürfte bald nach dem Einsetzen 
der ersten Senkung, wenn nicht schon früher, begonnen 
haben. Die erste Hebung erreichte ihren Höhepunkt wahr- 
scheinlich nicht lange nach dem Ende der Diluvialzeit. Die 
zweite Hebung des Landes wird von Weber (S. 236) mit 
der Hebung der Ostseeländer zur Ancyluszeit identifiziert, 
so daß der Beginn der Hochmoorbildung mit dem letzten 
Abschnitt der Ancylusperiode zusammen fiele. Auf die 
Bedeutung dieser geologischen Ergebnisse für die Chrono- 
logie der nordostdeutschen Vegetationsperioden im Vergleich 
zu den nordischen werden wir unten näher einzugehen haben. 

Wenden wir uns jetzt nach Nordwestdeutschland. 
Die Arbeiten .von Grisebach Über die Bildung des Torfs 
indenEntsmooren, *) von Schacht über die Moore des Her sog- 

») Göttinger Studien 1845, S. 255—370. Wieder abgedruckt in 
Grisebachs Gesammelten Abhandlungen 1880, S. 52—135. 



m. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 49 

tunts Oldenburgs *) von Fr. Müller Der Moordeich und das 
Außendeichsmoor an der Jade bei Sehestedt*) und Salfeld 
über Die Hochmoore auf dem früheren Weser-Delta^) be- 
schäftigen sich mehr mit dem Bau und der Bildimgsgeschichte 
der Moore im allgemeinen. Über die pflanzlichen Einschlüsse 
und ihre Aufeinanderfolge sind erst in neuerer Zeit, nament- 
lich von C A. Weber in Bremen, systematische Forschimgen 
gemacht worden. 

Bremen. Das Moor, das sich unter den Bremer Weser- 
marschen und namentlich imter demBlockland als fossile 
Fortsetzimg der recenten Moore im Osten des Bremer Ge- 
biets in wechselnder Mächtigkeit hinzieht und von einer 
Marschschicht von verschiedener Stärke überlagert ist, stellt 
einen alten Bruchwald dar, der einst den größten Teil des 
Bremer Gebiets bedeckte und nach C. A. Weber*) „haupt- 
sächlich aus Erlen bestand, aber stellenweise reichlich Eichen, 
Birken, spärlicher Föhren und vereinzelt Fichten enthielt". 
Mächtige Eichbäume sind an zahlreichen Punkten aus dem 
Untergrund der Bremer Marschen zutage gekommen, und 
ein trefflich erhaltener Fichtenstamm aus dem Blockland 
wird im Bremer Museum aufbewahrt. Die Untersuchung 
der aus dem Bohrloch des Bremer Schlachthofs 1896 her- 
aufbeförderten Moorproben aus der Tiefe von 0,5 bis 3,4 m 
durch Weber ergab Borke, Zweig- imd Wurzelstücke, sowie 
PoUenkömer der Erle (Alnus glutinosa) in reichlicher Menge, 
femer in geringerer Zahl PoUenkömer der Birke {Betula 
alba), Fichte {Picea excelsa\ Eiche {Quercus spec), Linde 
{Tilia spec), Hasel {Corylus avellana)^ sowie einige Wurzel- 
oder Zweigstücke von Weiden oder Espen. Unter diesem 
Erlenbruch folgte ein Tonlager, das nur in seinem obersten 
Teil noch einige spärliche pflanzliche Reste : ein Pollenkom 
von Quercus imd ein Kohlenstückchen von Carpinus betulus 



») Pcterm. Mitt. 29 (1883), S. 5—12. 

•) Abhandl. d. Naturw. Ver. Bremen 11 (1889), 235—244. 
») Zeitschr, d. Ges. f. Erdkunde 16 (1881), 161— 173. 
*) Abh. d. Natw. Ver. Bremen 14 (1898), 475. 

Hoops, Waldblume o. Kulturpflanzen. 4 



50 I- Kap. Wandlungen der Baomflora Nord- o. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

enthielt.*) Einen Schluß auf die Aufeinanderfolge verschie- 
dener Vegetationsepochen lassen diese Funde kaum zu; man 
wird sie am wahrscheinlichsten in die Zeit der Eichen- und 
Erlenflora datieren. 

Westfalen. Dagegen hat Weber durch seine Unter- 
suchung Über die Vegetation sweier Moore bei Sassenberg 
in Westfalen^) (29 km östlich von Münster) es wahrschein- 
lich gemacht, daß auch hier in der Nähe der Grenze, die 
das skandinavische Landeis in Norddeutschland zur Zeit 
seiner größten Ausdehnung erreicht hat, die Entwicklungs- 
geschichte der Vegetation ähnliche Epochen durchlaufen 
hat, wie in Schleswig-Holstein, Mecklenburg und in den 
nordischen Ländern. 

Die Lebertorfschicht des von ihm durchforschten Moors 
In de Kellers bei Sassenberg wird von Weber in die Kiefem- 
periode datiert. Auch hier treten die Pollen der Kiefer und 
Birke von vornherein zusammen auf; sie bilden in der tiefsten 
Lage der Lebertorfschicht die einzigen Spuren von Wald- 
bäimien; erst weiter oben erscheinen spärliche Pollen der 
Linde, Erle und Eiche. Die Torf moorschicht des In de Kellers- 
und die bis jetzt erschlossenen obern Schichten des Füch- 
torfer Moors gehören der Eichen- und Erlenperiode an. In 
den höheren Lagen der beiden Moore fanden sich Spuren 
von Birke, Kiefer, Linde, Erle und Eiche, im Füchtorfer 
Moor auch solche von Weiden, Hasel imd Fichte. Doch hat 
sich auf dem sehr armen Sandboden in der Umgebung der 
beiden Moore die Kiefer durch alle Perioden hindurch bis 
in die Gegenwart als der herrschende Waldbaum behauptet. 
Mit solchen lokalen Besonderheiten wird man auch anderswo 
stets rechnen müssen. 

Gesamtbild. Fassen wir die Ergebnisse der Unter- 
suchung der norddeutschen Moore, soweit es bis jetzt 
möglich ist, zu einem Gesamtbild zusammen, so will 
es mir scheinen, daß sich in der Hauptsache zwar eine 

«) Weber aaO. 475 ff- 

•) Abhandl. d. Naturw. Ver. Bremen 14 (1897), 305—321. 



m. EHe Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 51 

ähnliche Aufeinanderfolge der Vegetationsepochen beob- 
achten läßt wie in Nordeuropa, daß in vieler Hinsicht die 
Einwanderung der Pflanzenwelt in Norddeutschland aber 
doch in nicht unwesentlich abweichenden Bahnen ver- 
laufen ist. 

Die allgemeine Herrschaft einer Glacialf lora in Nord- 
deutschland nach dem Abschmelzen des Eises tmd die Über- 
einstimmimg ihrer Pflanzenformen mit denen der nordischen 
Gladalflora ist nach den angeführten Untersuchungen 
Nathorsts zweifellos. Die Funde, die der schwedische 
Forscher im Sommer 1894 bei Deuben im Königreich 
Sachsen machte, haben femer bewiesen, „daß eine Gladal- 
flora auch den äußersten Rand des großen nordischen 
Landeises umsäumt hat".*) Es bleibt nur noch die Frage 
zu beantworten, wie die Quartärflora auf dem nicht ver- 
gletscherten Gebiet Mitteldeutschlands in der Epoche der 
größten Ausdehnung des Eises aussah. Sehr wahrscheinlich 
war es ebenfalls eine Gladalflora, höchstens mit einer Baum- 
vegetation von Birken, Espen, Kiefern und andern kälte- 
ertragenden Bäumen. Auf jeden Fall beweist die Deubener 
Gladalflora, die sich als echte arktische Ttmdrenflora cha- 
rakterisiert, daß die Temperatur auch in der Umgebung des 
Inlandeises einen ganz bedeutenden Rückgang erfahren hatte, 
und daß die Baiun- und Schneegrenze etwa um 1000 m ge- 
sunken waren. An das Vorhandensein einer eigentlichen 
Baumvegetation ist also nicht zu denken. 

Für die von uns vermutete Gleichzeitigkeit der Birken- 
und Kiefemflora liefern die norddeutschen Moore noch 
mehr Beweise als die nordischen; ja man kann zweifeln, 
ob die Birke — von der Espe gar nicht zu reden — in 
Norddeutschland mit Ausnahme Schleswig-Holsteins jemals 
längere Zeit eine ähnliche Vorherrschaft ausgeübt hat, wie 
es in Dänemark und Skandinavien in der Birken-Kiefem- 
periode der Fall war. Die Frage läßt sich heute noch 
nicht übersehen. 



») Nathorst Entdeckung einer fossilen Gladalflora in Sachsen 540. 



52 I* Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Noch während der Kiefernepoche, namentlich 
wohl im letzten Teil derselben, scheinen alle unsre großen 
Waldbäume, mit Ausnahme der Fichte und Buche, in 
die norddeutsche Tiefebene eingewandert zu sein, 
als letzte die Eiche, mit der man auch für Norddeutschland 
eine neue Ära beginnen muß. Von den neuen Ankömm- 
lingen haben namentlich die Erle und die Eiche den älteren 
Bäiunen empfindliche Konkurrenz gemacht 

Die Erle (Alnus glutinosä) scheint in Norddeutschland 
verhältnismäßig viel früher eingerückt zu sein als in Nord- 
europa; im Augstimialmoor zB. kommt sie schon in der 
ältesten alluvialen Schicht zusammen mit der Kiefer vor 
(s. oben S. 47). Es scheint aber, daß sie im Osten früher auf- 
tritt als im Westen, was auf eine Einwanderung von Osten 
her schließen läßt. Auch die Verhältnisse in den Alpenländem, 
auf die wir gleich zurückkommen, weisen darauf hin. 

Die Erle hat frühzeitig den Kampf mit der Birke um 
die Herrschaft in den Bruchwäldem aufgenommen. Es 
liegt, soviel ich sehe, kein zwingender Grund vor, anzu- 
nehmen, daß die zahlreichen fossilen Erlenbruchwälder 
unsrer norddeutschen Moore erst nach der Eichenzeit, 
gleichzeitig mit der Buchenflora, entstanden seien, wie die 
nordischen Gelehrten es für Dänemark und Skandinavien 
vermuten. Vielmehr scheint mir, daß in Norddeutsch- 
land die Erlen- und Eichenflora gleichzeitig sind. 
C. A. Weber geht allerdings in seiner Beschreibung der 
Sassenberger Moore (aaO. 320) noch von der nordischen 
Chronologie aus, indem er die „Erlen-Buchenperiode" auf 
die Eichenperiode folgen läßt. Ich glaube aber, daß gerade 
die Lagerungsverhältnisse dieser beiden Moore vielmehr 
für die Gleichzeitigkeit der Erlen- mit der Eichenperiode 
sprechen. Wahrscheinlich war während dieser Epoche auf 
Sumpfboden die Erle der herrschende ßaimi, wie einstmals 
Birke imd Espe, von denen sich namentlich die Birke auch 
neben der Erle noch kräftig weiter behauptete. Im Hoch- 
wald aber gewann die Eiche mit ihren Trabanten immer 
mehr an Boden, lun schließlich die Kiefer ganz zu ver- 



m. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 53 

drängen. Auch in die Bruchwälder ihrer Kollegin, der Erle, 
machte sie vielfach erfolgreiche Übergriffe. 

Für die Chronologie der norddeutschen Eichenperiode 
sind Webers Untersuchungen über die Niveauveränderungen 
des Augstumalmoors im Memeldelta (s. oben S. 47 f.) von 
Bedeutimg. 

Ist seine Annahme richtig, daß die Ausbildtmg des 
Bruchwaldes auf dem Gnmde dieses Moors bald nach dem 
Einsetzen der ersten Senkimg begonnen habe, und daß die 
zweite Hebung der Kurischen Niederung mit der Hebung 
der Ostseeländer zur Ancyluszeit zusammenfalle, so kommen 
wir zu der wichtigen pflanzengeschichtlichen Folgerung, daß 
in Ostpreußen bereits die voll entwickelte Eichen-Erlenflora 
herrschte, als der größte Teil Skandinaviens noch unter 
Eis begraben lag. Derselbe Schluß scheint sich aus den 
S. 55 zu besprechenden Lagerungsverhältnissen des Gif- 
homer Moors auch für die Eichen-Erlenflora Nordwest- 
deutschlands zu ergeben. 

Die Eiche hat in Schweden, wie wir sahen, erst gegen 
Ende der Ancyluszeit, als das süße Wasser des Ostsee- 
beckens begann, in das Litorinameer überzugehen, ihren 
Einzug gehalten, also in einer Periode, die der zweiten 
Senkung des Augstumalmoors entspricht Ein solcher zeit- 
licher Unterschied des Auftretens der Eiche in beiden 
Ländern ist aber nicht erstaunlich; denn die norddeutsche 
Tiefebene stand ja, wie Weber S. 241 mit Recht bemerkt, 
in breitester Verbindung mit den Gegenden, wohin der 
Baum sich während der Eiszeit zurückgezogen hatte; nach 
Schweden aber konnte die Eiche nur über Schleswig-Hol- 
stein und Dänemark gelangen, und ein so enges Einfalls- 
tor muß dem schwerfällig wandernden Baum selbst dann 
große Schwierigkeiten in den Weg gelegt haben, wenn wir 
nicht mit Weber annehmen, daß er bereits „die dänischen 
Inseln und die sie trennenden Sunde" zu überwinden hatte, 
sondern wenn zur Zeit seines Vordringens nach Norden 
noch die feste Landbrücke zwischen Jütland und Schweden 
bestand (s. oben S. 29). 



54 I* Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Die Eichen-Erlenperiode ist jedenfalls von sehr 
langer Dauer gewesen. Sie reicht, soweit die Erle in 
Betracht kommt, fast bis in die Gegenwart hinein, insofern 
dieser Baum von seiner Verbreitimg auf sumpfigem und 
moorigem Boden bis heute nur wenig eingebüßt hat. Hin- 
gegen hat die Eiche in ihrer Herrschaft über den Hoch- 
wald im Lauf der Zeiten durch andere Bäume bedeutenden 
Abbruch erlitten. 

Zunächst machte die Fichte {Picea excelsa Link) 
im Lauf der älteren Eichenzeit einen Vorstoß nach 
Norddeutschland, der freilich nur teilweise von dauerndem 
Erfolg war. Für die Datierung ihres ersten Auftretens in 
Nordostdeutschland ist Webers Untersuchung des Augstumal- 
moors im Memeldelta wieder von besonderm Belang. 

In der ältesten alluvialen Schicht dieses Moors, dem 
Süßwassermergel, hat Weber trotz genauen Suchens nir- 
gends eine Spur von PoUenkömem der Fichte entdeckt; 
auch in dem älteren Teil des Bruchwaldtorfs finden sie 
sich noch nicht; erst in dem jungen Teil dieser Schicht 
treten sie auf, nehmen aber dann nach oben an Zahl stetig 
zu. Auch zu der Zeit, als der Schilftorf entstand, dh. 
während des Maximtmis der ersten Senkung des Landes, 
ist die Fichte auf dem Gebiete des Augstumalmoors sicher 
reichlich gewachsen. Daraus folgt, daß die Fichte, gleichwie 
die Eiche, wenn auch nicht so früh wie diese, schon lange 
vor dem Beginn der Ancylusperiode in Ostpreußen gelebt 
haben muß, zu einer Zeit, wo ein großer Teil Skandi- 
naviens noch im Banne ewigen Eises lag. 

Ein ähnlich frühes Auftreten der Fichte hat die strati- 
graphische Untersuchung der nordwestdeutschen Moore er- 
geben. Man hat früher vielfach bezweifelt, daß die Fichte in 
postgladaler Zeit überhaupt spontan nach Nordwestdeutsch- 
land gelangt sei. Die gründlichen Forschungen C. A. Webers 
haben das prähistorische und historische Vorkommen der 
Fichte in diesen Gegenden vollkommen sicher gestellt 

Im Füchtorfer Moor bei Sassenberg in Westfalen treten 
Fichtenpollen mit größter Unregelmäßigkeit in allen Lagen 



ni. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 65 

der Eichen-Erlenperiode auf. Auch in dem Alt-Warm- 
buchener Moor bei Stelle imweit Hannover*) und in dem 
Moor des Bremer ßlocklands*) haben sich Fichtenspuren aus 
älterer Zeit gefunden. Von hervorragendem Interesse sind 
aber die Fimde von Fichtenresten im Großen Gifhomer 
Moor südlich von Celle. Hier stellte Weber fest, „daß die 
Blütenstaubkömer der Fichte zuerst etwas unterhalb der 
Mitte des älteren Moostorfs erschienen und dann nach 
oben stetig zxmahmen, bis in dem darüber lagernden 
Grenztorfe auch ihr Holz und ihre Früchte angetroffen 
wurden".*) Ist nun Webers Vermuttmg/) daß die Bildtmg 
der Grenztorfschicht der nordwestdeutschen Moore zeitlich 
mit der Ancylusperiode der Ostseeländer zusammenfalle^ 
richtig, so muß die Fichte auch in Nordwestdeutschland 
schon vor dem Eintritt dieser Periode gelebt haben. Der 
genannte Forscher hat aber durch eine genaue Unter- 
suchung der einzelnen Schichten des Gifhomer Moors 
weiter festgestellt, „daß die Fichte beträchtlich später als 
die Föhre, die Eiche und die Erle eingewandert ist".*) 
Dadurch erhält also die S. 53 erwähnte Hypothese We- 
bers, daß die Eichen-Erlenflora in Norddeutschland schon 
während der ersten, spätglacialen Senkung, lange vor dem 
Beginn der Ancylushebung, bestanden haben muß, auch für 
den Nordwesten Gültigkeit. Anderseits wird durch Webers 
Untersuchungen Hausraths Annahme widerlegt, daß die 
Fichte zu den ersten Holzarten gehörte, „welche nach dem 
Ende der Eisbedeckungen von dem wieder frei gewordenen 
Boden Besitz ergriffen".*) 

*) Conwentz Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 13 (1895), 404. 

•) Weber Abhdl. d. Naturw. Ver. Bremen 13, 460, Anm. 2. 14, 327. 

•) V^g^t. u. Entstehung d. Hochmoors v. Augstumal 242. 

*) Jahresber. der Männer vom Morgenstern 3, 18. 22 f. Hochmoor 
V, Augstumal 242. 

*) EndenUsmus d. Fähre u. Fichte \ Abhandl. hrsg. v. Natw. Ver. 
Bremen 14, S. 327 (1897). 

•) Hausrath Verbreitung d. wichtigsten einheimischen Waldhäume in 
Deutschland-, Geogr. Zeitschr. 7, 629 (1901). Der Wechsel d. Holzarten 
im deutschen Walde 8 (1900). 



66 I.Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Weber weist endlich noch auf das Vorkommen der 
Fichte in den jetzt vom Meer und von Marschklei be- 
deckten Mooren an der Westküste Schleswig-Holsteins hin. 
Wenn diese Moore postgladalen Alters sind (was aller- 
dings noch nicht sicher ausgemacht, aber doch wahr- 
scheinlich ist), „so können sie nur in einer Zeit entstanden 
sein, in welcher der Boden der südöstlichen Nordsee sich 
beträchtlich über den heutigen Meeresspiegel erhoben 
hatte, also in einer Periode, die wir ebenfalls bis auf 
weiteres mit der Ancylusperiode identifizieren mögen".*) 

Es entsteht nun die schwierige Frage, weshalb die Fichte, 
wenn sie wirklich schon in so frühen Zeiten in Norddeutsch- 
land, ja in Schleswig-Holstein verbreitet war, nicht gleich 
den übrigen Waldbäumen von Süden her nach Dänemark 
und Schweden eingewandert ist. Wie wir oben (S. 31) sahen, 
ist der Baiun nach Dänemark überhaupt nicht, nach Schweden 
erst zur Zeit der größten Ausdehnimg des Litorinameers, 
welche mit der zweiten Senkung der preußischen Küste 
zusanmienfällt, von Osten her auf dem Umweg über Finland 
gelangt. Bei der Eiche erklärt sich ihr spätes Erscheinen 
im Norden ohne Schwierigkeit durch ihre schwere Wander- 
fähigkeit, bei der Fichte hält eine derartige Erklänmg 
nicht stich. 

Ernst H. L. Krause^) ist der Ansicht, daß die ehe- 
maligen Nadelwälder an der schleswig-holsteinischen West- 
küste und auf den vorgelagerten Inseln schon in vorgeschicht- 
licher Zeit durch das Eingreifen des Menschen vernichtet 
worden seien. Der andauernde Rückzug der Nadelhölzer in 
Nordwestdeutschland in der späteren Zeit scheint aller- 
dings vornehmlich in menschlichen Kultureingriffen be- 
gründet zu liegen. Aber daß die menschliche Kulturtätigkeit 
schon in jenen frühen prähistorischen Zeiten von so weit- 
reichender Bedeuttmg gewesen sei, daß sie das Vordringen 
der Fichte nach Dänemark verhindern konnte, ist doch 
kaum glaublich. 



») Hochmoor v. Axigstumal 242 f. •) Globus 61, 83. 



m. Die Banmflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 57 

August Schulz*) und C. A Weber^) vermuten deshalb 
wohl nicht mit Unrecht, daß eine für das Wachstum der 
Fichte imgOnstige Änderung des Klimas und der Boden- 
verhältnisse ihr weiteres Vordringen nach Norden auf- 
gehalten und ihr Verbreitungsgebiet in Nordwestdeutsch- 
land eingeschränkt habe. Schulz nimmt ein mehrfaches 
Vorrücken und Zurückweichen der Fichte in postglacialer 
Zeit an, entsprechend seiner Theorie der wechselnden heißen 
und kühlen Perioden. 

Ich glaube, daß die postglaciale Einwandenmg der Fichte 
nach Norddeutschland in einer Epoche erfolgte, als die süd- 
liche Nordsee noch großenteils Land war. Dies wird, wie 
schon Weber erkannt hat, durch ihr Auftreten in den sub- 
marinen Mooren der südöstlichen Nordsee, von denen ein 
Teil wohl sicher aus postglacialer Zeit stammt, wahrschein- 
lich gemacht. Das Klima Nordwestdeutschlands muß da- 
mals ein wesentlich kontinentaleres gewesen sein, als heute. 
Als aber infolge der Senkung des Nordseebeckens das Meer 
immer weiter gegen Nordwestdeutschland vordrang, mußte 
die für ein insulares Klima außerordentlich empfindliche Fichte 
den Rückzug landeinwärts antreten, während die Eiche gerade 
unter dem Schutz des ozeanischen Klimas sich immer erfolg- 
reicher ausbreitete. Auch die Kiefer wurde durch die zu- 
nehmende Feuchtigkeit des Klimas gegenüber der Eichen- 
flora in Nachteil gesetzt. 

Die Verdrängung der Kiefer aus Dänemark durch die 
vorrückenden Laubhölzer, die anscheinend mit dem Ein- 
setzen der Ancylus- und Litorinasenkung beginnt, das Zu- 
rückweichen der Kiefer und Fichte vor den Laubbäumen 
aus Nordwestdeutschland, beides ist höchst wahrscheinlich 
durch den Übergang von kontinentalem zu ozeanischem 
Klima in Norddeutschland und den nordischen Ländern ver- 
ursacht worden, an dessen Entstehimg vermutlich einesteils 

*) Oder d, Eniufickluftgsg esc fliehte d. gegenwärt. phanerog. Flora u. 
PßoHundecke d, skandinav. Halbinsel. Abh. d. Naturforsch. Ges. Halle 22 
(1900), S. 31. 95 ff. 

•) Hochmoor v. Augstumal 243 f. 



58 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

die Senkung des Nordseebeckens, andemteils die Litorina- 
senkung der Ostsee einen zwar nicht entscheidenden (vgl. 
das S. 38 Gesagte), aber doch bedeutenden Anteil hatten. 
Als letzter der großen waldbildenden Bäume hat, wie 
in den nordischen Ländern, die Buche (Fagus silvatica\ 
ihren Einzug in Norddeutschland gehalten. Ihre Spuren 
finden sich nur ganz vereinzelt und nur in den obersten 
Schichten der Moore.*) Dies seltene Vorkommen von Buchen- 
resten erklärt sich allerdings in erster Linie durch die Ab- 
neigung des Baumes gegen moorigen Boden. Doch darf 
man für Norddeutschland ebenso wie für Nordeuropa be- 
zweifeln, ob die Buche die Vorherrschaft als Waldbatun, 
die ihr heute in weiten Gebieten der norddeutschen Ebene 
wie auch des mittelrheinischen und Weser-Berglands zu- 
kommt, schon in prähistorischen Zeiten gewonnen hatte. 
Nach allem, was wir wissen, ist die Eiche bis an den Beginn 
der historischen Epoche in vielen Gegenden Deutschlands 
die Herrscherin des Hochwalds geblieben. 

2. Süddeutschland und Böhmen. 

Können wir uns somit von den Entwicklungsstadien, 
welche die norddeutsche Vegetation durchlaufen hat, wenig- 
stens ein vorläufiges, ungefähres Bild entwerfen, so müssen 
wir bei der mittel- und oberdeutschen Flora selbst von einem 
flüchtigen Versuch einer Skizzienmg abstehen. Die Ver- 
hältnisse liegen hier allerdings aus den eingangs dieses 
Abschnittes (S. 41 f.) besprochenen Gründen wesentlich ver- 
wickelter als in Norddeutschland. Zudem fehlt es hier fast 
ganz an gründlichen Untersuchungen über die Aufeinander- 
folge der Vegetationsepochen der fossilen Moorflora. 

Das einzige auf dem zur Eiszeit unvergletscherten 
Landrücken gelegene Gebiet, dessen Moore gegenwärtig 
schon gründlicher erforscht sind, ist Böhmen. In Sitens- 
kys Abhandlung Über die Torfmoore Böhmens (1891) 

>) A. Schulz' Ansicht von einer verhältnismäßig frühen Ein- 
wanderung der Buche nach Norddeutschland und den nordischen 
Ländern (Entwicklung sgesch. d. phanerog. Flora Skanä. 102 f.) wird durch 
die stratigraphischen Tatsachen nicht gestützt. 



III. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre WandloDgen. 59 

haben wir eine tüchtige Arbeit, worin mehr als zwei- 
hundert Moore nach ihrer geographischen Verbreitung, 
ihrem Bau, ihrer Flora, den physikalischen Eigenschaften 
ihrer Torfe usw. beschrieben werden; doch ist infolge 
dieser Ausdehnung der Untersuchung auf eine so große 
Anzahl von Mooren die Gründlichkeit der Erforschung der 
einzelnen Moore, wie C. A. Weber im Vorwort zu seinem 
Buch über das Augstumalmoor mit Recht bemerkt, leider 
zu kurz gekommen. Namentlich die Untersuchung der ver- 
schiedenen Moorschichten auf ihre pflanzlichen Reste ist 
nur sehr summarisch gehalten, so daß wir uns ein ge- 
naueres Bild von der Entwicklungsgeschichte der forst- 
lichen Flora Böhmens in prähistorischer Zeit auf Gnmd der 
Arbeit Sitenskys trotz ihrer Reichhaltigkeit nicht machen 
können. Indessen lassen sich immerhin einige interessante 
Schlüsse daraus ziehen. 

Als eine bemerkenswerte Erscheinung möchte ich vor 
allem die Tatsache hervorheben, daß in den untersten 
Schichten der böhmischen Moore, im Gegensatze zu 
den Mooren Norddeutschlands und der nordischen Länder, 
nicht sowohl Birken-, Espen- imd Kiefemreste, als vielmehr 
in erster Linie Holzstücke und Nüsse der Hasel {Corylus 
avellanä) und Reste der Buche {Fagus silvaticä) vorherr- 
schen; auch die Eiche kommt frühzeitig vor. Die Kiefer 
und Espe scheinen in den untersten Schichten ganz zu 
fehlen. Erst in den mittleren Lagen treten Kiefer, Fichte, 
Tanne und Erle auf, in den obersten ist namentlich die 
Sumpfkiefer {Pinus uliginosä) häufig. Am deutlichsten 
springen diese Verhältnisse in den Mooren von Görkau 
(S.89f.), Karbitz (93f.), Zwickau (144), Sebastiansberg (149 f.), 
Preßnitz (152), Häuselheide im Revier Spitzberg (152 f.), Jo- 
achimstal (154) und Platten (155) in die Augen. 

Sitensky macht femer (S. 182 und Anm.) darauf auf- 
merksam, daß vielfach fossile Reste von Eichen, Rotbuchen 
und Haselnußsträuchern in Höhen auftreten, wo heute diese 
Bäume und Sträucher nicht mehr gedeihen. „So zB. findet 
man Haselnüsse imd Haselstrauchholz auf der Sohle der 



60 I* Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Torf schichten bei Gottesgab, Sebastiansberg und Preßnitz 
1000 m und 846—850 m hoch, wo gegenwärtig im ganzen 
Hochgebirge keine Spur mehr von diesem Strauch zu sehen 
ist; bloß in den viel tiefer gelegenen Vorbergen kommt er 
vor." Die Grenze des Baiunwuchses hat also damals weit 
höher hinauf gereicht als heutzutage. Sitensky zieht daraus 
mit Recht den Schluß, daß manche „Torfmoore des Riesen- 
gebirges und Erzgebirges, und höchst wahrscheinlich auch die 
anderer Gebirge Böhmens" zu einer Zeit entstanden sind, 
„als daselbst noch milderes Klima herrschte". 

Die gleiche Erscheinung ist schon 1743 von Zanthier 
im Harz konstatiert worden.*) Auf der Heinrichshöhe am 
Brocken (1044 m hoch), an deren Abhängen heute nur Fich- 
ten und Birken wachsen, auf deren Höhe nur noch Zwerg- 
birken fortkonunen, fand der genannte Gelehrte, ein stol- 
berg-wemigerodischer Oberforstmeister, bei einem Torfstich 
Eichen- und Kiefemstöcke imd in beträchtlicher Tiefe gut 
erhaltene Haselnüsse. Heute liegt die Eichengrenze im Harz 
nach E. v. Berg 1500 Fuß tiefer. 

Vielleicht begann die Bildung dieser Moore im Harz 
wie in Böhmen schon in der letzten Intergladalzeit. Wäh- 
rend der darauffolgenden letzten Kälteperiode wurde die 
Kontinuität der Moorbildimg in Böhmen jedenfalls durch 
nichts unterbrochen; auch die Waldvegetation wurde nicht 
völlig verdrängt, sondern wechselte nur teilweise ihr Aus- 
sehn: die wärmeliebenden Laubbäiune, wie Buche, Eiche 
und Hasel, werden infolge der zunehmenden Klimaver- 
schlechterung natürlich aus den Gebirgen gewichen sein, 
dürften sich aber auf den Hügeln und in den Ebenen Böh- 
mens dauernd gehalten haben. August Schulz') meint, der 
Wald, von dem ein großer Teil Mitteleuropas auch wäh- 
rend der letzten kalten Periode bedeckt war, habe „im süd- 
licheren Teile vorzüglich aus Fichten, denen in den südlich- 
sten Gegenden auch Tannen in größeren oder kleineren 

») Vgl. E. V. Berg Gesch, d. dmtsciun Wälder 138 f. 
■) Entwicklungsgeschichte der phanerog, Pflanzendecke Mitteleuropas 
S. 286 f. 



ni. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 61 

Beständen beigemischt waren, stellenweise auch aus Lär- 
chen, im nördlicheren Teile vorzüglich aus einer Form der 
Kiefer ...., sowie aus der nordischen Birke {Betula pu- 
hescens Ehrh.)" bestanden. „Die Buche war damals wohl 
auf die wärmsten Gegenden des Südostens imd des Süd- 
westens beschränkt." Das stimmt recht wohl zu den Lage- 
rungsverhältnissen der böhmischen Moore, wenn man die 
auf die unterste Region der Hasel und der Buche nach 
oben hin folgenden Schichten, welche Reste von Kiefer, 
Fichte, Tanne imd Erle einschließen, in die letzte Kälte- 
periode und die ältere postglaciale Zeit verlegt. 

Das häufige Vorkommen der Buche in den untersten 
Schichten der böhmischen Moore ist doppelt auffallend, 
wenn man sich erinnert, daß Spuren dieses Baumes in den 
norddeutschen, nordischen und auch in den schweizerischen 
Mooren selbst in späteren Perioden ungemein selten sind. 
Es läßt sich daraus schließen, daß der Baiun in Böhmen zu 
der Zeit, als jene Schichten sich bildeten, einer der gewöhn- 
lichsten Waldbäume gewesen imd in der unmittelbaren Um- 
gebung der Moore vorgekommen sein muß. Daß die Buche 
auch in jüngerer Zeit in Böhmen dauernd wuchs, geht aus 
den Lagenmgsverhältnissen des Moors von Mrklov bei 
Starchenbach in den Vorlagerungen des Riesengebirges 
hervor, wo sie in allen Schichten auftritt.*) Böhmen dürfte 
somit ein Ausstrahlungszentrum für die Verbreitung der 
Buche gewesen sein. 

3. Die Alpenländer. 
Wenden wir uns nimmehr südwärts den Alpenländem 
zu, so betreten wir im Salzburgischen wieder alten 
Gletscherboden. Leider fehlt es auch hier noch sehr 
an systematischen Durchforschungen der Moore nach 
pflanzlichen Einschlüssen und deren Aufeinanderfolge. 
J. RLorenz' Pflansengeographische und genetische Unter- 
suchung der Moore im präalpinen Hügellande Salzburgs 
(1858), so gründlich sie in anderer Beziehung ist, liefert zur 

*) Sitensky aaO. S. 47 ff- 



62 I- Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Beurteilung der Geschichte der Baumvegetation nur spär- 
liches Material. Doch ist bemerkenswert, daß auf dem Unter- 
grund des Moors von Ursprung (Elixhausen) Alnus, Betula 
und Pinus silvestris nebeneinander erscheinen. Unter dem 
Hochmoor daselbst fand Lorenz nämlich in einer Tiefe von 
18 Fuß auf dem aus weißlichgrauem, sandigem Letten be- 
stehenden Untergrund außer Juncus und Phragmites auch 
Reste von Betula imd Pinus silvestris. Und unter dem Rasen- 
moor ebendort konstatierte er auf dem Untergnmd (grün- 
grauer Letten mit Serpentinsplittem), der am Rande 5, in 
der Mitte 14 Fuß tief liegt, Holzreste von AlnuSy während 
in den höheren Schichten bei 6 und 8 Fuß in der Mitte, 
unter einer Sumpfflora mit Carex imd Hypnum eingestreut, 
Holz und Borke von Betula auftrat (S. 362 f.). Sonst scheint 
in den Mooren des Salzburger Hügellands die Birke in allen 
Lagen der herrschende Baum zu sein.*) 

Für die Schweiz liegt uns eine dankenswerte Vor- 
arbeit zu einer allgemeinen Darstellung der Entwicklungs- 
geschichte der Pflanzendecke in Neuweilers Züricher 
Dissertation Beiträge sur Kenntnis schweizerischer Torf- 
moore (1901) vor, auf die hier zum Schluß mit einigen 
Worten eingegangen werden soll. 

Neuweiler konnte im Krutzelried bei Schwerzenbach 
im Kanton Zürich, demselben Moor, wo Nathorst 1872 zu- 
erst das Vorhandensein einer Glacialflora am Nordabhang 
der Alpen entdeckte, eine ähnliche Aufeinanderfolge von 
Vegetationsperioden konstatieren, wie wir sie in Mecklen- 
burg kennen lernten. Auf die Glacialflora folgte zunächst 
eine Schicht mit den Resten verschiedener Potamogeton- 
Arten; an diese Wasserflora reihte sich nicht die reine 
Birken- oder Espenzone der nordischen Moore, sondern, 
ganz wie in den mecklenburgischen, trat ziemlich gleich- 
zeitig mit der Birke auch die Kiefer auf, um sich rasch ztun 
herrschend en Waldbaum aufzuschwingen.") Fossile Reste 

») Vgl. Lorenz aaO. S. 375. 

•) Vgl. oben S. 21 f., wo diese Tatsache schon als Stütze meiner 
Ansicht von der Gleichzeitigkeit der Birken- und Kiefernflora in Nord- 
und Mitteleuropa herangezogen wurde. 



m. Die Baumflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 63 

der Espe {Populus tremula) haben sich in den von Neu- 
weiler untersuchten Mooren überhaupt nicht gefunden. Im 
Kiefernwald kamen außer der Birke auch die groß- und 
kleinblättrige Linde {Tilia grandifolia und parvifolia\ der 
Hartriegel (Cornus sanguinea\ Bergahom {Acer pseudo- 
platanus)y femer die Hasel {Corylus avellana\ Erle {Alnus 
spec.) und endlich die Eiche {Quercus spec.) vor. Letztere 
breitete sich allmählich aus imd hat schließlich die Kiefer 
aus dem Felde geschlagen ; doch haben sich die früher vor- 
handenen Bäume auch femer erhalten: der Wald der Eichen- 
zeit war ein Mischwald mit der Eiche als Charakterbaum. 
Es ist also im wesentlichen derselbe Entwicklimgsgang, 
den wir aus den norddeutschen Mooren kennen. 

Die übrigen von Neuweiler untersuchten Moore ergaben 
kein so einfaches Bild von aufeinanderfolgenden Vegetations- 
epochen, und Neuweiler meint deshalb (S. 59), die Überein- 
stinunung des Krutzelrieds mit den nordischen Mooren sei 
zufällig imd durch unbekannte lokale Verhältnisse geschaffen. 
Das ist möglich. Auch ich glaube, daß man das Schema 
der nordischen Perioden in den Alpenländern, wo die geo- 
graphischen Bedingungen so wesentlich andere sind, noch 
weniger als in Norddeutschland in allen Einzelheiten wieder 
erwarten darf. Wahrscheinlich sind die Vegetationsperioden 
der alpinen Flora einander schneller gefolgt als die der nord- 
europäischen ; denn einmal muß sich nach dem Abschmelzen 
der Gletscher die Erwärmung des Klimas in diesen Gegenden 
wegen ihrer südlicheren Lage schneller vollzogen haben 
als in Nordeuropa, und zweitens waren die Nachbarländer 
während der Dauer der letzten Glacialperiode vermutlich 
großenteils bewaldet geblieben, sodaß der Weg, den die 
Pflanzen zurückzulegen hatten, ein wesentlich kürzerer war 
als in die nordischen Länder und das allgemeine Vorrücken 
der Vegetation sich nicht in großen Zwischenräumen und 
Etappen, sondern mehr in breiter, geschlossener Phalanx 
vollzog. Das Gros der Waldbäume wird wahrscheinlich in 
geringeren Abständen von den Spitzen vorgerückt sein, als 
es im Norden der Fall war. 



6-i I. Kap. Wandlungen der Baumflora Nord- u. Mitteleuropas seit der Eiszeit. 

Schon in den salzburgischen Mooren sahen wir, wie in 
den untersten Schichten neben Betula und Pinus sylvestris 
auch Alnus glutinosa auftrat. Das wird durch Neuweilers 
Untersuchungen auch für die Schweiz bestätigt. Außerdem 
begegnen hier Corylus avellana, Tilia spec. und die Fichte 
{Picea excelsa Link) in verschiedenen Mooren schon in 
verhältnismäßig früher Zeit. 

Doch glaube ich, daß sich auch in der Schweiz bei 
näherer Untersuchung gewisse Etappen in der Einwande- 
rung der Waldflora herausstellen werden. Es ist sehr wenig 
wahrscheinlich, daß die großen wärmeliebenden Laubbäiune, 
wie die Eiche und Buche, gleich nach der Glacialflora, zu- 
sammen mit Birke und Kiefer, auf dem alten Gletscher- 
boden der Alpenländer erschienen sein sollten. Und die 
Tanne (Abies alba Mill.) dürfte wohl erst nach der Fichte 
{Picea excelsa Link) eingewandert sein. Auch daß die 
Kiefer und die Eiche nacheinander einmal die Vorherr- 
schaft in einem großen Teil der Waldungen des schweizeri- 
schen Hügellandes gehabt haben, wird man nach dem 
Zeugnis des Krutzelrieds annehmen dürfen. 

Indessen hat es wenig Zweck, Vermutungen über die 
Geschichte der schweizerischen Vegetation auszusprechen, 
solange nicht das umfassende Werk über Die Moore der 
Schweiz vorliegt, mit dessen Ausarbeitung J. Früh und 
C. Schröter im Auftrage der Schweizerischen Naturfor- 
schenden Gesellschaft seit 1890 beschäftigt sind, und das, 
wie wir hören, noch in diesem Jahr erscheinen soll. 

4. Ergebnis. 

So viel aber wird man nach den Erörterungen dieses 
Kapitels wohl sagen können, daß die Ansetzung allgemein 
gültiger Perioden der Vegetationsgeschichte für ein so aus- 
gedehntes und in geographischer und erdgeschichtlicher 
Hinsicht so verschiedenartiges Gebiet Avie Mitteleuropa ein 
Ding der Unmöglichkeit sein dürfte. Vielmehr wird sich 
für die verschiedenen Gebiete aller Wahrscheinlichkeit nach 
schon auf den älteren Stufen der Entwicklung eine ähnliche 



m. Die Baomflora Mitteleuropas und ihre Wandlungen. 65 

Mannigfaltigkeit der Baumflora ergeben, wie sie heute noch 
besteht. 

Die verhältnismäßige Einheitlichkeit, die uns in der 
Pflanzenwelt der nordischen Länder und ihrer Geschichte 
entgegentritt, erklärt sich zweifellos vor allem durch die 
örtlichen Klima- und Bodenbedingungen des engen Einfalls- 
tors, durch das sie sich auf ihrem Vormarsch von Süden 
her hindurch zwängen mußte. In Skandinavien werden 
die Verhältnisse schon durch die östlich über Finland 
eingewanderten Arten verwickelt, so daß man in dem 
größten Teil Schwedens mit einer Fichtenperiode rechnen 
muß, die Dänemark völlig fremd blieb. Um wie viel bunter 
müssen die Dinge naturgemäß in Mitteleuropa liegen, das 
in seinem mittleren Teil während der letzten glacialen 
Periode wahrscheinlich dauernd mit Waldungen bedeckt 
blieb, und das außerdem in breitester Verbindung mit der 
Vegetation des ost- und westeuropäischen Hinterlandes 
stand! 



Hoops, Waldbiame u. Kulturpflansen. 



Zweites Kapitel. 

Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Stein- 
zeitalter. 

Bei den bis jetzt besprochenen Funden von Baimiresten 
haben wir auf die Koexistenz des Menschen keine Rück- 
sicht genommen; und doch muß uns in der vorliegenden 
Untersuchimg, welche in erster Linie kulturgeschichtliche 
und philologische Ziele verfolgt, die Einordnung des prä- 
historischen Menschen in die oben behandelten postglaci- 
alen Vegetationsepochen imd namentlich das zeitliche Ver- 
hältnis der ältesten menschlichen Siedelungen zu den- 
selben in hervorragendem Maße interessieren. 

Daß der diluviale Mensch auf dem unvereisten Land- 
rücken Mittel- und Süddeutschlands, sowie in Frankreich 
während der letzten Abschnitte, wenn nicht während der 
ganzen Dauer der Eiszeit gelebt hat, ist bekannt. Es fragt 
sich, wann er in die durch den Rückzug des Eises erst be- 
wohnbar gewordenen Gebiete : in Norddeutschland, die nor- 
dischen Länder und die Schweiz, eingerückt ist, und was 
für Bäiune er dort vorgefunden hat. 

I. Die Baumflora des nordischen Steinzeitalters. 

Literatur. K. Penka Ober die Zeit des ersten Auftretens der 
Buche in Nord-Europa u. die Frage nach der Heimat der Arier. 
Globus 53, 200 — 205 (1888). R. Sernander Om ndrga arkeo- 
logiska tor/mosse/ynä, Antiqvarisk Tidskrift för Sverige 16, 2 
(1895). Gunnar Andersson Die Geschichte der Vegetation 
Schwedens. Englers Bot. Jahrb. 22, 433 — 550 (1896). Auch separat 
erschienen. Mit reichem Literaturverzeichnis. Affaldstfynger 
fra Stenalderen i Danmark, undersmgtefor Nationalmuseet, R6sum6 



I. Die Baumflora des nordischen Steinzeitalters. 67 

en frangais. Af A. P. Madsen, Sophus Müller, Carl Neer- 
gaard, C. G. Joh. Petersen, E. Rostrup, K. J. V. Steen- 
strup, HerlufWinge. Kjobenhavn u. Leipzig 1900. 

1. Angebliche Spuren des Menschen aus der 
Kiefernzeit. 

Aus den ersten Epochen der nordischen Postglacialzeit, 
der arktischen sowohl wie der Birken -Espenperiode (im 
Sinne der nordischen Gelehrten), sind bis jetzt keinerlei An- 
zeichen zu Tage gekommen, die sich irgendwie auf das 
Vorhandensein menschlicher Kultur deuten ließen. 

Dagegen hat Steenstrup aus dem mehrfachen Auf- 
treten verkohlter Stubben in der Kiefernzone der däni- 
schen Torfmoore den Schluß gezogen, daß der Mensch 
schon zur Kiefemzeit^) in Dänemark gelebt habe, da 
jene Stämme offenbar von Menschenhand durch Ver- 
kohlen zu Fall gebracht seien. Das Vorkommen von Kno- 
chen des Auerhahns {Tetrao urogallus L.) in den Kjökken- 
möddinger schien ihm eine weitere Bestätigung dieser An- 
sicht, da er annahm, daß der Auerhahn nur in Kiefern- 
wäldern lebe.*) 

Aber solche verkohlte Baumstämme und Holzstücke 
finden sich, wie die neueren Forschimgen ergeben haben,") 

*) Wenn Hoernes in seiner Urgeschichte des Menschen S. 226 f. 
(1892) und Ratzel in seiner Abhandlung über Den Ursprung und die 
Wanderungen der Volker S. 100 von prähistorischen Fichtenwäldern 
und einem Fichten Zeitalter Dänemarks sprechen, so haben sie augen- 
scheinlich Fichte und Kiefer verwechselt. 

•) Vgl. Steenstrups Aufsatz über die Kjökkenmöddinger in Ersch 
und Gnibers Allgem. Encyklopädie d. Wissenschaften u. Künste 36, 
341 (1S84). Wiederholt in seiner Schrift KjBkken-Mmddinger, Kopen- 
hagen 1886, S. 17. 

•) Blytt Theorie d, wechs, kont. u. insul, Klim. 18 u. Anm. i. 2. 
Fischer-Benzon Moore d. Prov. Schleswig-Holstein 7. 8. 9. 10. 12. 13. 65. 
Andersson Gesch, d. Veget. Schwedens 516 f. Diederichs Fossile Flora 
d. muklenburg. Torfmoore 5. 7. 13. C. A. Weber Veget, zweier Moore 
h, Sassenberg \ Abhandl., hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 14, 316. 318. 
Derselbe ebenda 14, 475, Anm. 2. Derselbe Veget u. Entstehung d. 
Hochmoors v, AugsiumalS, 185. 205. Neuweiler Beitr. z. Kenntnis Schweiz. 
Torfmoore 23. A. E. Brehm Vom Nordpol zum Äquator S. 77- 

5* 



68 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

in den pflanzenführenden Schichten vieler Moore nicht bloß 
Dänemarks, sondern auch Schwedens, Norwegens, Nord- 
deutschlands und der Schweiz ungemein häufig, ohne daß 
sich meist irgend welche Spuren des Menschen in den be- 
treffenden Ablagenmgen nachweisen ließen. Es ist natürlich 
recht wohl mögUch, daß die Waldbrände, deren stumme 
Zeugen wir in den Holzkohlen vor ims haben, zimi Teil 
von Menschenhand herrühren, wie denn die Brände, welche 
die Urwälder Sibiriens und die Prärien Nordamerikas in 
der Gegenwart so oft meilenweit in Aschenfelder ver- 
wandeln, meist auf die Tätigkeit des Menschen zurückzu- 
führen sind. Aber zwingende Beweise für das Vorhanden- 
sein von Menschen sind jene Holzkohlen nicht, da die 
Nadelhölzer zur Sommerszeit ebenso wohl durch BUtz- 
schlag entzündet sein können.*) 

Und daß der Auerhahn nur in Nadelwäldern lebe, wie 
Steenstrup meinte, ist auch nicht richtig; der Vogel kann 
allerdings im Winter den Schutz der Nadelbäume nicht gut 
entbehren, aber er fühlt sich jedenfalls am wohlsten in ge- 
mischten Beständen von Laub- imd Nadelholz.*) Wenn der 
Auerhahn, der später nach dem Aussterben der letzten 
Kiefernwälder Dänemark verlassen hat, zur Zeit der 
Kjökkenmöddinger noch im Lande lebte, so beweist das 
also nur, daß damals noch genügend Kiefembestände vor- 
handen waren, um dem Vogel im Winter Obdach zu ge- 
währen, und das wird uns auch durch das Auftreten ver- 
einzelter Kiefernkohlen in den imtersten Schichten der 
Muschelhaufen bestätigt. Aber daß die Kjökkenmöddinger 
nicht der Kiefemperiode angehören, ist durch die neuesten, 
gründlichen Untersuchungen der dänischen Gelehrten, auf 
die wir gleich zurückkommen werden, unwiderleglich be- 
wiesen worden. 

Ich halte es durchaus nicht für immöglich, daß künftige 



») Vgl. hierüber C. A. Weber Fossile Flora v. Honerdingen ; Abhandl., 
hrsg. V. Natw. Ver. Bremen 13, 448, Anm. 

■) Vgl. Herluf Winge in dem Werke Affaldsdynger fra Stenaldcren 
S. 182 f. Meyers Konversationslexikon 6. Aufl. sv. Auerhukn. 



I. Die Baamflora des nordischen Steinzeitalters. 69 

Untersuchungen das Vorhandensein des Menschen in einem 
späteren Abschnitt der Kiefemzeit in Nordeuropa erweisen 
werden; aber die bisher daftlr vorgebrachten Gründe sind 
jedenfalls keine stichhaltigen. 

2. Die Baumkohlen der jütisch-dänischen Muschel- 
haufen. 

Zu den ältesten Spuren des Menschen auf dem einstigen 
Gletscherboden der nordischen Länder zählen die jütischen 
und dänischen Muschelhaufen. Sie gehören größtenteils dem 
ersten Abschnitt der neolithischen Epoche, der sogenannten 
älteren nordischen Steinzeit, an, die von der paläolithischen 
Kultur Deutschlands und Frankreichs wohl durch sehr lange 
Zeiträtmie getrennt ist, aber in mancher Beziehung doch den 
Übergang von ihr zur neolithischen Ära bildet. 

Über die Kulturverhältnisse dieser Muschelhaufen- 
Epoche waren wir durch die Forschungen Worsaaes imd 
Steenstrups im allgemeinen recht gut imterrichtet. Wir 
wußten längst, daß die Anwohner der Muschelhaufen oder 
Kjökkenmöddinger keine Ackerbauern und Viehzüchter 
waren, sondern von Jagd und Fischfang lebten, daß sie den 
Himd als Haustier gezähmt hatten und eine seßhafte Le- 
bensweise führten. Neuere, sehr gründliche Untersuchungen 
an 8 solcher Abfallhaufen (5 aus der älteren, 3 aus der 
jüngeren nordischen Steinzeit), welche in den Jahren 1893 
bis 1897 auf Veranlassung des Nationalmuseums zu Kopen- 
hagen von den Archäologen A. F. Madsen, Sophus Müller 
und Carl Neergaard, den Zoologen C. G. Joh. Petersen und 
Herluf Winge, dem Botaniker E. Rostrup und dem Minera- 
logen K. J. V. Steenstrup gemeinsam veranstaltet wurden, 
haben uns aber eine noch viel genauere und detailliertere 
Kenntnis dieser merkwürdigen Kulturepoche der nordeuro- 
päischen Menschheit ermöglicht; sie haben uns ua. auch 
in den Stand gesetzt, uns eine zuverlässige Vorstellung von 
der gleichzeitigen Baumvegetation und dem Klima Jütlands 
und Dänemarks zu machen. 

Die Forschungen der dänischen Gelehrten, die in dem 



70 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

ausgezeichneten Werke Affaldsdynger fra Stenalderen i 
Danmark (1900) niedergelegt sind, ergeben das interessante 
Resultat, daß die Wälder in der nächsten Umgebung dieser 
Abfallhaufen, und, da die untersuchten Haufen den ver- 
schiedensten Gegenden der dänischen Inseln und Jütlands 
angehören, wohl die Wälder Dänemarks imd Jütlands über- 
haupt, während der ganzen Periode, in der diese Kjökken- 
möddinger angehäuft wurden, fast ausschließlich aus 
Laubwald bestanden. 

Die Abfallhaufen enthalten ungeheure Mengen von 
Resten verkohlten Holzes, welches von den Anwohnern der 
Haufen auf den zahlreichen noch erkennbaren steinernen 
Feuerstätten verbrannt wurde. In dem großen Abfallhaufen 
von ErteböUe in Jütland aus der älteren nordischen Stein- 
zeit, der wahrscheinlich eine lange Reihe von Jahrhunderten 
zu seiner Entstehimg brauchte, und der, soweit er vmter- 
sucht wurde, aus 560 Fundfeldem von je 1 qm Flächenraum 
und 20 cm Tiefe*) viele Tausende Stück Holzkohle der ver- 
schiedensten Baumarten lieferte, hat man nicht die ge- 
ringste Spur von Nadelholz entdeckt. Auch in 4 andern 
von den 8 imtersuchten Muschelhaufen ist keine Probe von 
Nadelholz gefunden worden. In sämtlichen acht Haufen 
haben imter den vielen Hunderten von Fundfeldern der 
eben beschriebenen Art, in denen Holzkohle angehäuft lag, 
überhaupt nur vier ein paar winzige Splitter ver- 
kohlten Nadelholzes ergeben; sie gehören drei Ab- 
fallhaufen aus der älteren Steinzeit an, von denen 
zwei in Jütland, einer auf Seeland liegt. Die betreffenden 
Nadelholzkohlen finden sich bei den beiden jütischen Haufen 
in der aller untersten Schicht, bei dem dritten Haufen 
(dem von Faareveile auf Seeland) fehlt ein entsprechender 
Vermerk des Berichterstatters; die Nadelholzreste sind bei 
diesem Haufen mit Eichen- imd Haselkohlen gemischt. Wel- 



^) Die zu untersuchende Bodenmasse war von den Leitern der 
Ausgrabungen in eine Menge gleich großer Felder von den ange- 
gebenen Dimensionen geteilt worden. 



L Die Banmflora des nordischen Sceinzeitalters. 71 

eher Koniferenart die Proben angehören, ließ sich bei ihrer 
Kleinheit nicht feststellen, doch wird man aller Wahrschein- 
lichkeit nach an Pinus silvestris zu denken haben. 

Die weitaus überwiegende Mehrzahl der ge- 
fundenen Kohlen ist Eichenholz (Quercus). Man hat 
in den 8 Abfallhaufen, soweit sie untersucht wurden, nicht 
weniger als 599 Felder mit Eichenkohlen aufgedeckt In 
dem großen Abfallhaufen vonErtebölle in Jütland, der 
von allen am meisten Holzkohlen lieferte, stieß man in 
503 Feldern auf Eichenkohlen; da der Haufen im ganzen 
560 Felder mit Kohlenresten enthielt, so waren also nur 
57 ohne Eichenspuren. Die Eichenkohlen fanden sich in 
dem ErteböUer Häuf en in allen Lagen, von der untersten 
bis zur obersten. Von den 503 Kohlenhäufchen, welche 
Eiche aufwiesen, bestanden 376 aus ungemischter Eichen- 
kohle, 40 waren eine Mischung von Eiche und Ulme, 
37 von Eiche imd Birke, 23 von Eiche und Espe, 5 von 
Eiche und Erle, 4 von Eiche imd Hasel, 3 von Eiche und 
Weide, 8 von Eiche, Ulme und Weide, 3 von Eiche, Birke 
und Espe, 2 von Eiche, Birke, Espe und Hasel. Wenn 
man sich den ganzen Abfallhaufen in drei ungefähr gleiche 
Schichten geteilt denkt, so fanden sich 193 Häufchen mit 
Eichenkohle in der obersten, 226 in der mittleren, 84 in der 
untersten dieser Schichten. Das Übergewicht der Eichen- 
kohlen über die Kohlen anderer Holzarten ist in Wirklich- 
keit ein noch weit größeres, als es in den oben gegebenen 
Zahlen zirni Ausdruck kommt, da in den Feldern mit 
Eichenkohlen sowohl weit mehr als auch größere Kohlen- 
stücke gefunden wurden, als in denjenigen, die andere 
Baumkohlen enthielten. In einem der Felder des ErteböUer 
Haufens fanden sich über 150 bestimmbare Stücke Eichen- 
kohle, in acht gegen 100, in fünfzehn zwischen 50 und 100, 
in zwanzig 25—50, in dreißig 15—25, in über hundert Häuf- 
chen gegen 10 Stücke. Die Gesamtzahl der untersuchten 
und bestimmbaren Stücke Eichenkohle kann auf über 4000 
veranschlagt werden. Die Länge der einzelnen Stückchen 
betrug meist 0,5—2 cm, einige waren 2—3, nur wenige über 



72 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

3 cm lang; das größte Eichenstück war 5 cm lang und 
3 cm dick. 

Nächst der Eiche hat m ErteböUe die Ulme {Ulmus) 
das meiste Material zu den Kohlen geliefert. Sie wurde 
in 74 Feldern gefunden: in 21 kam sie ungemischt, in 53 
mit andern Baumarten gemischt vor, am meisten mit 
Eichen. Von den Feldern lagen 25 im obersten, 35 im 
mittleren, 14 im untersten Drittel des Haufens. 

Birke {Betulä) fand sich in 67 Feldern; in 14 un- 
gemischt, in 53 mit andern Holzarten gemischt. Von den 
Fimdstellen lagen 21 in der obersten, 36 in der mittleren, 
10 in der untersten Schicht. Die Stückchen waren meist 
sehr klein. 

Die Espe (Populus tremula) stand in Ertebölle hinsichtlich 
der Anzahl der Fundfelder an vierter Stelle, aber die Zahl der 
Espenkohlen selbst war bedeutend größer als die der Birken- 
kohlen, da in mehreren Fällen, und zwar stets in dem imtersten 
Drittel, Häufchen von über 100 Espenkohlen sich fanden, 
während die Birkenkohlen in der Regel nur in geringer Zahl 
auf jeder Stelle lagen und meist kleiner waren als die 
Espenkohlen. Von den Fundstätten der letztem lagen 10 im 
obem, 17 im mittlem, 13 im untern Drittel des Haufens. 

Spärlicher waren Kohlen von Erle (Alnus), Hasel 
{Corylus) und Weide (Salix) vertreten. 

Besonders ergiebig an Kohlen waren die Ausgrabungen 
des Jahres 1897 zu Ertebölle. Die folgende Tabelle, die ich 
dem Werk der dänischen Gelehrten (S. 90) entnehme, gibt 
die Zahl der Fundfelder für die Kohlen der verschiedenen 
Baumarten und ihre Verteilung auf 8 aufeinander folgende 
Schichten, wie sie in dem genannten Jahr notiert wurden.*) 

*) Die in dem dänischen Werke gegebenen Quersummen und 
Prozente der Felder in den einzelnen Schichten lasse ich weg. Da 
dieselben durch mechanische Addierung der Fundfelder der einzelnen 
Bäume gewonnen sind, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Felder 
mit ungemischten oder gemischten Kohlenhäufchen handelt, so geben 
diese Summen kein genaues Bild von dem Auftreten der Holzkohlen 
in den einzelnen Schichten. Man hätte vielmehr die Summen der 
Felder notieren sollen, in denen überhaupt Kohlen gefunden wurden. 



I. Die Baumflora des nordischen Steinzeitalters. 



73 



Schicht 


Eiche 


Ulme 


Birke 


Espe 


Erle 


Hasel 


Weide 


I 


10 





, 





I 








2 


45 


3 


— 


2 


I 


I 


— 


3 


47 


12 


5 


5 


— 


— 


— 


4 


43 


3 


4 


2 


— 


2 


2 


5 


33 


5 


6 


6 


I 


— 


I 


6 


21 


3 


3 


— 


— 


— 


— 


7 


10 


I 


I 


2 


— 


— 


— 


8 


9 


— 


I 


3 


— 


— 


— 


Summa 


2l8 


27 


21 


20 


3 


3 


3 


Prozent 


73,9 


9,1 


7,2 


6.8 


I 


I 


I 



Aus dieser Tabelle geht das große Übergewicht der 
Eichenkohlen deutlich hervor. Es zeigt sich zugleich, daß 
die Kohlenhäufchen in den mittleren Schichten am 
stärksten auftreten. Dieses Verhältnis gilt, wie die oben 
für die Eiche, Ulme, Birke, Espe angeführten Zahlen be- 
weisen, für den Muschelhaufen von Ertebölle allgemein; es 
kehrt aber merkwürdigerweise auch in den andern 
Haufen wieder.*) Über die Ursache dieser auffallenden 
Verteilung spricht Rostrup, der botanische Berichterstatter 
der Museumswerkes, sich nicht aus. Wir werden aus der 
übereinstimmenden Häufigkeit der Holzkohlen in den mittleren 
Schichten der Muschelhaufen den Schluß ziehen müssen, 
daß entweder die mittlere Periode sich dvu*ch einen besonders 
starken Rückgang der Temperatur ausgezeichnet habe, 
oder aber, daß die Bevölkerung des älteren Steinzeitalters 
damals einen Höhepunkt ihrer Dichtigkeit erreichte. 

Merkwürdig ist übrigens auch die auffallend geringe 
Menge von Holzkohlen, die sich nach dem Bericht des 
Museumswerkes in den Muschelhaufen aus der jüngeren 
Steinzeit gefimden hat. 

Die Verhältnisse des Haufens von Ertebölle sind auch 
sonst für die der übrigen typisch. Im ganzen sind in 
den 8 Haufen 599 Felder mit Eichenkohlen gefunden 



*) S. Affaldsdynger fra Stemüd, S. 191. 



74 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

worden. Die größten Kohlenstücke waren fast immer 
Eichen. Ob wir es dabei mit Resten von Quercus pedun- 
culata oder sessiliflora zu tun haben, läßt sich nicht fest- 
stellen. 

Auch die Spezies der Birkenreste war nicht zu be- 
stinmien; wahrscheinlich stammen sie von der nordischen 
Ruchbirke {Betula odorata Bechst.), der auch die in den 
Mooren gefundenen Reste angehören. 

Bemerkenswert ist das verhältnismäßig häufige Auf- 
treten der Ulme {Ulmus montana L.), weil dieselbe in den 
dänischen Torfmooren noch nicht nachgewiesen ist und 
auch heutzutage nur ziemlich sporadisch wildwachsend in 
Dänemark angetroffen wird. Doch finden sich ihre Spuren 
in der Kiefemschicht der Torfmoore des südlichen Schwe- 
dens,*) und sie reicht in Skandinavien jetzt bis zum 65® 
n. Br. hinauf, sodaß ihr Fehlen in den dänischen Mooren 
jedenfalls zufällig ist. 

Espenkohle {Populus tremula L.) fand sich in 46 
Feldern, zum Teil in reichlicher Menge. Nach der Ver- 
teilung der Kohlen in den verschiedenen Schichten zu urteilen, 
scheint der Batun in allmählicher Abnahme gewesen zu sein.*) 

Die Erle (Alnus glutinosa L.) kam nur in 17 Feldern 
imd auch da nur in kleinen Mengen vor. Sie war offenbar 
noch nicht sehr verbreitet, tritt zudem erst seit den mitt- 
leren Schichten auf, scheint aber von da an in der Zunahme 
begriffen. 

Verhältnismäßig häufig ist die Hasel (Corylus avel- 
lana L.). Sie zeigt sich, wie bei den Moorfunden, mit 
Vorliebe in Gesellschaft der Eiche, deren Unterholz sie 
noch heute vorzugsweise ist. In dem Muschelhaufen von 
AamöUe fanden sich auch Schalen von Haselnüssen 
(aaO. 103). 

Auffallend selten sind Weide und Esche. Bei den 
Weidenkohlen {Salix) war keine Artbestimmung möglich. 



*) Vgl. G. Andersson Gesck, d, Veget. Schwedens 461 f. 
■) Rostnip Affadlsdytiger S. 191. 



I. Die BaamjQora des nordischen Steinzeitalters. 75 

Auf die Seltenheit ihres Vorkommens in den Muschel- 
haufen ist kein großes Gewicht zu legen, da die Weiden 
als Brennmaterial schlecht geeignet sind. Von der Esche 
{Fraxinus excelsior L.), die heute in den meisten Ge- 
genden Dänemarks wildwachsend vorkommt, und deren 
Nordgrenze in Norwegen bis zum 63*/V) in Schweden bis 
zum 6P, in Finland bis zum 62*^ nördlicher Breite reicht,*) 
haben sich nur in dem seeländischen Abfallhaufen von 
Lejre Aa aus der jüngeren Steinzeit Spuren gefunden. 
Da ihre Früchte bis jetzt ebenfalls nur an einer Stelle in 
einem seeländischen Moor nachgewiesen sind, und da sie 
im südlichen Schweden auch erst in der Eichenzeit in 
spärlichen Funden erscheint, so wird sie während der 
Muschelhaufenperiode im Norden noch nicht sehr ver- 
breitet gewesen sein. Das ist bemerkenswert, wenn man 
sich erinnert, welch wichtige Rolle die Esche später in 
germanischer Zeit, namentlich zur Herstellung der Lanzen, 
gespielt hat. 

Von der Buche {Fagus silvaticä) endlich, die ja 
gegenwärtig und schon seit Jahrhunderten der herrschende 
Charakterbaum der dänischen Landschaft ist, hat man nur 
in der obersten Lage des jütländischen Abfallhaufens von 
Örum Aa aus der jüngeren Steinzeit einen halbverkohlten 
Zweig gefunden, der aber vielleicht gar nicht zu dem 
eigentlichen Abfallhaufen gehört. Die Buche war in der 
Periode der Muschelhaufen noch nicht nach Nord- 
europa vorgedrungen; es ist auch zweifelhaft, ob sie 
überhaupt im jüngeren Steinalter im Norden schon hei- 
misch gewesen ist. Penkas Behauptimg, ^) daß das Er- 
scheinen der Buche in Südskandinavien zur Steinzeit durch 
vor einigen Jahren gemachte Moorfunde bewiesen werde, 
muß auf einem Mißverständnis der von ihm angezogenen 
Belegstelle aus einer Arbeit Semanders^) beruhen. Und 



*) Willkomm Forstliche Flora von Deutschland und Osterreich • 664. 
•) Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 33, 358 (1903). 
>) Antiqv. Tidskrift 1895, XVI 2, S. i f. 



76 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

sein allgemeiner Analogieschluß aus den Verhältnissen 
der schweizerischen Pfahlbautenzeit*) ist ohne tatsäch- 
liche Beweiskraft. Die ältesten, einigermaßen sicher 
datierbaren Belege für das Vorkommen der Buche in 
Dänemark sind zwei Ftmde aus Grabstätten des Eisen- 
alters: der eine, aus der Römer- oder Völkerwande- 
rungszeit stammend, ist bei Broholm auf Fünen, der 
andere, aus der Völkerwanderungsära, bei Janum, 19 km 
nordöstlich von Logstor am Lijmfjord, gemacht worden. 
Sarauw, der über diese Funde berichtet,^) meint deshalb, 
daß die Buche erst nach Christi Geburt im Norden sich 
verbreitet habe. Aber wenn der erwähnte Fund eines 
verkohlten Buchenzweiges zu Örum Aa auch nicht dem 
eigentlichen Muschelhaufen angehörte, so dürfte er doch 
jedenfalls ein beträchtliches Alter haben. Wir werden 
deshalb den Beginn der Einwanderung der Buche 
höchst wahrscheinlich doch in die prähistorische Epoche 
hinaufrücken müssen. Freilich hat sie sich die Herr- 
schaft über die Wälder wohl erst in viel späterer Zeit er- 
rungen. 

Nachstehende Tabelle, die ich ebenfalls dem Museums- 
werk (S. 192) entnehme, gibt eine bequeme Übersicht über 
die Ftmdergebnisse in den 8 untersuchten Abfallhaufen, 
wobei daran zu erinnern ist, daß nicht die ganzen Haufen 
durchforscht, sondern überall nur eingehende Stichproben 
gemacht sind. Die Zahlen geben an, in wie vielen Feldern 
Kohlen des betreffenden Baumes gefunden wurden. Zur 
leichteren Orientienmg habe ich die Lage der Haufen, ob 
in Jütland oder Seeland, sowie ihre Zugehörigkeit zur 
älteren oder jüngeren Steinzeit angemerkt. Dagegen lasse 
ich die von Rostrup gegebenen Gesamtsummen der Ftmd- 
felder in den einzelnen Haufen aus dem gleichen Grunde, 
wie oben (S. 72, Anm.), weg. 



>) Globus 53, 200 ff. (i888). 

•) Aarbpger for Nordisk Oldkyndighed og Historie, II. Raekke 13 
(1898), 120. 



I. Die Baamflora des nordischen Steinzeitalters. 



77 







Jüüand 




Seeland 


Jütland 


Seeland 






1 


E 
rt 

< 


Q 

C 

> 

GS 

X 


— 

> 

V 

03 

es 
Ex. 


Q 

c 


03 
< 
B 




1 


< 


Summa 


Eiche . . . 


503') 


21 


3 


53 


7 


5 


3 


4 


599*) 


Birke . 




67 


II 


2 


II 


I 





2 


— 


94 


Ulme . 




74 


— 


3 


6 


— 


— 


— 


— 


83 


Espe 




40 


I 


— 


2 


I 


— 


2 


— 


46 


Hasel . 




6 


I 


— 


4 


— 


2 


3 


I 


17 


Erle . . 




II 


— 


I 


3 


— 


I 


I 


— 


«7 


Weide . 




3 


— 


2 


— 


— 


— 


— 


3 


8 


Esche . 




— 


— 


— 


— — 


— 


— 


2 


2 


Nadelholz 




— 


2 


I 


> 


— 


— 


— 


— 


4 



Ältere Steinzeit 



Jüngere Steinzeit 



3. Gleichzeitigkeit der nordischen Steinzeit mit 
der Eichenflora. 
Was lehrt uns nun ein Vergleich dieser Fundergebnisse 
mit denen der oben besprochenen Untersuchungen der nor- 
dischen Torfmoore für das Alter der Muschelhaufen 
bezw. der Vegetationsepoche, der sie angehören? — Ich 
glaube, die große Seltenheit des Nadelholzes, das voll- 
ständige Vorherrschen der Eiche, endlich das Fehlen der 
Buche, verweist die Entstehung der Muschelhaufen 
klar und deutlich in die Periode der Eichenflora. 

Neuere Untersuchungen von Holzkohlen aus Einzel- 
gräbem der jüngeren Steinzeit haben das gleiche Resultat 
ergeben. So stammten die Holzkohlen aus 5 Gräbern in 
dem jütischen Amte Ringkjobing, die Rostrup bestimmte, 
zum größten Teil von der Eiche, an zwei Stellen wurden 



*) Aus dem Bericht auf S. 89 des Museumswerkes geht hervor, 
daß die Zahl der Felder des Erteböller Haufens, in denen Eichen- 
kohlen gefunden wurden, 503 betrug. Wenn in der Gesamttabelle 
am Schlüsse die Zahl als 504 gegeben wird, so ist das anscheinend 
nur geschehen, um für die Summe der gesamten Eichenfelder in allen 
acht Haufen die runde Zahl 600 zu gewinnen. Ich habe mich an die 
erstere 2^hl gehalten. 



78 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

außerdem Birken-, an einer Haselkohlen gefunden.*; Und da 
auch aus der Eichenzone der dänischen und südschwedi- 
schen Torfmoore zahlreiche Funde von steinernen Werk- 
zeugen und Waffen bekannt sind,^) so ist die Gleichzeitig- 
keit der nordischen Steinzeitmenschen und der 
Eiche über allen Zweifel erhaben. 

Der Mensch hat sich also erst Jahrtausende nach dem 
Aufhören der Vereisung in den nordischen Ländern nieder- 
gelassen. In der glacialen Tundrenepoche, welche der Eis- 
zeit folgte, imd auch in der nächstfolgenden Periode, als 
Birke, Espe und Kiefer anfingen, den sumpfigen oder 
sandigen Boden zu besiedeln, war das Land zu unwirt- 
lich, um den Menschen zur dauernden Niederlassung 
einzuladen. Erst als mit der zunehmenden Erwärmung 
die großen Laubwälder ins Land zogen, fand auch der 
Mensch sich ein. 

Die bisher auf die Autorität Steenstrups hin allgemein 
geteilte Ansicht, daß Dänemark zur Zeit der Entstehung 
der Muschelhaufen mit Nadelwäldern bedeckt gewesen sei, 
eine Ansicht, die schon durch C. G. J. Petersens und de 
Geers Forschungen ernstlich erschüttert war,") die aber 
noch Ratzel in seiner Abhandlimg über den Den Ursprung 
und die Wanderungen der Völker^) vertritt, ist also durch 
die neuesten Untersuchungen der Muschelhaufen widerlegt 
worden. Zugleich ist damit die beliebte, schon von Anders- 
son*) und Sernander*) mit guten Gründen bekämpfte 
Theorie, daß die Kiefemzeit dem Steinalter, die Eichenzeit 
dem Bronzealter entspreche, nunmehr endgültig abgetan. 
Dieses Ergebnis ist für die Beurteilung des Alters der 

») Vgl. Sophus Müller De Jydske Enkeltgrave fra Stenaideren, e/ter 
nyeste undersmgelscr. Aarbager f. Nord. Oldkyndighed og Hist. 1898, 
168. 201. 219 f. 235. 

•) Vgl. G. Andersson Gesch, d, Veget. Schwedens 512 f. 

') Vgl. Sernander Om ndgra arkeolog, torfmossefynd S. 6 f. (1895). 
Andersson aaO. 513 (1896). 

*) Ber. über d. Verh. der Sachs. Ges. d. Wiss. 52, S. 100 (1900). 

*) In seinen Växtpaleoniologiska undersöknifigar II 58 — 60 (1893). 

•) In seiner Schrift Om ndgra arkeologiska torfmossefynd (1895). 



L Die Banmflora des nordischen Steinzeitalters. 79 

Muschelhanfen- Kultur von nicht zu unterschätzender Be- 
deutumg; es rückt sie in jüngere Zeiten herab, als man 
bisher anzunehmen pflegte. 

4. Klimatische und hydrographische Verhältnisse 
im Steinzeitalter. 

Es ist mehrfach die Frage aufgeworfen worden, ob der 
Mensch schon zur Ancyluszeit in Nordeuropa gelebt habe. 
Die Landbrücke zwischen Jütland und Schweden hat ja 
zweifellos noch lange in die Eichenzeit hinein bestanden, 
und in submarinen Mooren bei Ystadt an der Südküste 
Schönens, sowie bei Husum in Schleswig haben sich 
Steinaltertümer gefunden.*) Es ist mir darum an und für 
sich durchaus wahrscheinlich, daß der Mensch noch vor 
Schluß der Ancylusperiode an den Küsten der Ostsee er- 
schienen ist. Aber ganz sichere Beweise dafür liegen bis 
jetzt nicht vor.*) So muß denn diese Frage vorläufig offen 
bleiben. 

Umso zweifelloser ist die Gleichzeitigkeit des Steinzeit- 
alters mit der Litorinaepoche. 

Der dänische Zoologe C. G. J. Petersen hatte schon 
1888*) darauf aufmerksam gemacht, daß sich in den Kjökken- 
xnöddinger gewisse Muscheln finden, die strenge Winter 
und Brackwasser nicht heben, und er hatte aus dieser Tat- 
sache mit Recht gefolgert, daß die Abfallhaufen zu 
einer Zeit entstanden sein müssen, wo das Meer 
salziger und wärmer war als heute. Seine neuesten 
Untersuchimgen haben dies Ergebnis vollauf bestätigt. Der 
Salzgehalt des Wassers und das Klima der dänischen Inseln 
scheinen in der Epoche der Muschelhaufen mehr, als sie 
jetzt tun, den Verhältnissen an der Küste des offenen 
Ozeans entsprochen zu haben.*) Das weist uns darauf hin. 



») Vgl. Sernander aaO. 6 f. 

•) Vgl. Andersson Gesch. d. Veget. Schwedefts 513. 
■) In seiner Abhandlung Om de skalbnerende molluskers utbredning 
i de danske kave indenfor Skagen. Kjöbenhavn 1888. 
*) Affaldsdynger fra Stenalderen 178. 



80 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

daß das ältere nordische Steinzeitalter mit der Pe- 
riode des Litorinameers zusammen fällt — eine Ver- 
mutung, die auch de Geer auf Grund seiner Forschungen 
über die Niveauveränderungen Skandinaviens in der Quar- 
tärperiode*) bereits 1888 und 1890 ausgesprochen hat Eine 
Reihe Funde von Kulturgegenständen aus der älteren Stein- 
zeit, welche Andersson, Holst, Söderberg und Wibling in 
den Uferwällen des alten Litorinameers an den Küsten des 
südlichen Schwedens gemacht haben,*) erhärten die Gleich- 
zeitigkeit der älteren nordischen Steinzeit mit der Litorina- 
periode zur unimistößlichen Gewißheit. 

Der Übergang von der älteren zur jüngeren nor- 
dischen Steinzeit muß sich ebenfalls noch in der Li- 
torinaepoche vollzogen haben. Die Untersuchungen 
Petersens über die Molluskenfauna der Kjökkenmöddinger 
haben nämlich keinerlei Unterschied zwischen den Haufen 
aus der älteren und jüngeren Steinzeit ergeben.') Es müssen 
vielmehr im Zeitalter der geschliffenen Steinwerkzeuge an 
der Küste Jütlands und Dänemarks im wesentlichen noch 
die gleichen hydographischen Verhältnisse geherrscht haben, 
wie wir sie eben für die Zeit der ungeschliffenen schil- 
derten: das Wasser der Ostsee muß wesentlich salzhaltiger 
und wärmer gewesen sein als heutzutage. 

Dieses Ergebnis wird durch Funde auf Gotland und 
Bomholm bestätigt. In einer Grotte auf dem Inselchen 
Stora Karlsö an der Westküste von Gotland entdeckte 
Stolpe eine mächtige Kulturschicht, deren untere, 3*/« m 
dicke Hälfte aus der jüngeren Steinzeit stammt. In dieser 
fanden sich außer Knochen von Haustieren und Menschen 
imd geschliffenen Steinwerkzeugen zahlreiche, stark zu- 
sammengepreßte Schichten von Zostera marina, das den 



*) Niedergelegt in einer Abhandlung Om Skandinaviens mvdförän' 
dringar under kvartärperioden. Geologiska Föreningens i Stockholm 
Förhandlingar lo (i888). 

•) Vgl. Andersson Växtpaleontol, Undersökn, II 58 ff. Geschickte d, 
Veget. Schwedens 513 ff. 

3) Vgl. Affaldsdyngcr 178. 



n. Die Banmflora der frühneolithischen Siedelangen in der Kieler Föhrde. 81 

Einwohnern der Grotte offenbar zum Lager gedient hatte. 
Da nun das Seegras heute an der Küste von Gotland niu- 
spärlich mehr wächst, so haben Sernander*) und Andersson") 
wohl recht, wenn sie meinen, daß diese Schichten aus der 
Litorinazeit stammen, wo das Wasser noch salziger war 
und das Seegras besser gedeihen konnte als heutzutage. 

Ein noch höheres Alter der jüngeren Steinzeit würde 
ein Fxmd auf Bornholm erweisen, wo Rördam aus einem 
7,8 m hohen Uferwall der Litorinazeit unter andern Ge- 
räten auch eins aus geschliffenem Feuerstein, sowie Eichen- 
kohlen entnahm. Aber da dieser Fund bisher isoliert steht, 
so legen wir mit Andersson (aaO. 515 f.) kein großes Ge- 
wicht hierauf. Die Untersuchungen Petersens an den 
Muschelhaufen genügen vollständig, um die jüngere Stein- 
zeit wenigstens in ihren Anfängen noch in die Litorinazeit 
zurück zu datieren, wo das Niveau der Ostsee ein ungleich 
höheres und das Klima der baltischen Länder ozeanischer 
und wärmer war als gegenwärtig. 

II. Die Baumflora der frühneolithischen Siedelungen in 
der Kieler Föhrde. 

Literatur. C. A. Weber Über Litorina- uftd Prälitonna- 
bildungtn der Kider Föhrde. Englers Bot an. Jahrbücher 35, 
1—54 (1904). 

In Deutschland imd Mitteleuropa überhaupt haben wir 
zwischen dem Paläolithikum und Neolithiktun keine so aus- 
gedehnten und gut erhaltenen Reste menschlicher Wohn- 
plätze wie die jütisch -dänischen Muschelhaufen, doch ist 
auch hier nach und nach eine Reihe zerstreuter Stationen 
der älteren neolithischen Kultiu* aufgedeckt worden. Unter 
diesen sind für ims namentlich die Spuren der ersten 
menschlichen Siedelungen in der Kieler Föhrde von Inter- 
esse, für deren Geschichte die Erforschung der dortigen 



*) Studier öfver den Gotländska Vegetatioftens Utvecklingshistoria, 
Diss. Upsala 1894, S. 69. 

•) Gesch. d, Veget. Schwedens 515. 

Hoops, Waldbäume u. Kulturpflanzen. O 



82 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

submarinen Moorbildungen durch C. A. Weber (s. oben 
S. 44) neuerdings wichtige Ergebnisse geliefert hat. 

Die älteste Schicht mit pflanzlichen Einschlüssen, die 
man bei Bohrungen vor dem Eilerbecker Strande erreichte, 
gehört höchstwahrscheinlich der Kiefemperiode an.*) 
Menschliche Ansiedelungen aus dieser Zeit konnten nicht 
nachgewiesen werden. Der Boden der Kieler Föhrde lag 
damals, als diese frühesten semiterrestrischen Süßwasser- 
ablagerungen sich bildeten, mindestens 14,10 m höher als 
jetzt. Das Wasser der Ostsee hatte infolgedessen keinen 
Zutritt in die Föhrde, vielmehr war das Gebiet der Kieler 
Bucht mit einem Zug von Süßwasserseen bedeckt, die 
durch Höhenrücken voneinander und von der Ostsee ge- 
trennt waren, aber untereinander in Verbindung standen 
und nach Nordosten entwässerten. Ein solcher untersee- 
ischer Querrücken durchsetzt noch jetzt die Föhrde von 
Alt-Heikendorf nach Voßbruck, ein anderer findet sich bei 
Friedrichsort.2) 

Ob diese Süßwasserseen mit der Ancylusperiode der 
Ostsee gleichzeitig waren, läßt sich nicht mit Sicherheit 
feststellen, wenn es mir auch für die tiefsten erreichten 
Schichten wahrscheinlich ist. Sicher ist nur, daß sie von 
der Epoche der größten Ausdehnung des Litorinameers 
durch lange Zeiträume getrennt sind, und sicher auch, daß 
seit der Zeit, wo diese Seen noch die genannte Höhe über 
dem Ostseeniveau hatten, eine allmähliche bedeutende 
Senkung des Bodens stattgefunden hat, die in ihrem spä- 
teren Teile mit der Litorinasenkung identisch ist. 

Während eines gewissen Abschnittes dieser Senkxmgs- 
zeit haben menschliche Niederlassungen an den 
Ufern jener Süßwasserseen bestanden.») Zahlreiche 
Steingerätschaften, bearbeitete Hirschgeweihe und Abfälle 
zeigen, daß dieselben der älteren neolithischen Kultur 
angehörten. Sie befinden sich auf der Oberfläche des 

») C. A. Weber aaO. (s. Literatur) S. 22 f. 29 f. 36. 

») Ebenda 32 f. 

•) S. die Karte bei Weber aaO. 3; ferner ebenda S. 10. 13. 19. 32. 



n. Die Baomflora der fiühneolilhischen Siedelungen in der Kieler Föhrde. 83 

Geschiebesandes in einer Tiefe von mehr als 9 m unter 
dem heutigen Wasserspiegel. 

Die Wälder des damaligen Holstein gehörten, genau 
wie die dänischen zur Zeit der Muschelhaufen,^ der Eichen- 
periode an.*) Die Eiche und zwar die Stieleiche (Queren^ 
p€dunculata\ die den tiefsten Lagen der Kieler Föhrde an- 
scheinend noch völlig fremd ist, war in den Wäldern der 
älteren neolithischen Kulturepoche der herrschende Baum. 
Neben ihr scheint in den Bruch Wäldern die Schwarzerle 
(Alnus glutinosa L.) eine hervorragende Rolle gespielt zu 
haben. Die Kiefer {Pinus silvestris L.) hatte seit der Epoche, 
wo sie die Alleinherrscherin des Waldes gewesen war, all- 
mählich inuner mehr an Ausdehnung eingebüßt, doch hat 
sie sich bis zimi Ende der Litorinazeit in der Gegend von 
Kiel noch in größeren Beständen behauptet. 

Neben ihr haben sich die Espe {Poptilus tranula 
L.), Weide {Salix spec.) und die Birke in verschiedenen 
Arten (Betula alba, puhescens und verrucosa) aus den älte- 
ren Epochen dauernd erhalten. Auch die Winterlinde in 
ihren beiden Formen {Tilia parvifolia und intermedia) kam 
zur Eichenzeit in beträchtlicher Menge im Föhrdegebiete 
vor. Die Hasel {Corylus avellana L.) bildete in den Wäl- 
dern der Eichenzeit bereits tiberall reichliches Unterholz. 
Sie scheint vorwiegend der langfrüchtigen Form (v. oblonga) 
angehört zu haben. Endlich ist auch der Apfel {Firns 
malus L.), der bisher in den postglacialen Ablagenmgen 
Nordeuropas nicht beobachtet wiu*de, ziu* Höhezeit der 
Eichenperiode, bevor noch das Salzwasser des Litorina- 
meers in die Föhrde einbrach, im östlichen Holstein ge- 
wachsen, und es kann nicht zweifelhaft sein, daß seine 
Frucht von den altneolithischen Bewohnern der Kieler 
Bucht, ebenso wie von den Schweizer Pfahlbauern, ge- 
nossen wurde. 

Die Buche (Fagus silvatica L.) war zur Zeit jener 
Ansiedelungen noch nicht bis nach Holstein vorgedrungen ; 

*) Die Einzelnachweise für die folgende Darstellung sind in Webers 
Aufsatz zu finden. 



84 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

denn Weber hat trotz vieler Bemühung weder in den Süß- 
wasserbildungen am Grunde der Föhrde, noch in den sie 
überlagernden Brackwasserbildungen und in den tiefsten 
Lagen des Meer-Lebertorfs irgend eine Spur von ihr ge- 
funden. Auch die Fichte {Picea excelsa Link) war in der 
Epoche der Süßwasserseen in Holstein nicht vorhanden. 

Als der Föhrdeboden nur noch 8,5—9 m höher lag, als 
jetzt, begann das Wasser der Seen allmählich die mensch- 
lichen Wohnstätten an ihrem Ufer zu überfluten, so daß 
sie verlassen werden mußten. Ausgedehnte Au- und Bruch- 
wälder überzogen bald die Stätten, wo bis dahin Menschen 
gehaust. Aber immer tiefer sank das Land, und bald ver- 
moorten auch die Wälder infolge der zunehmenden Feuch- 
tigkeit. War das Wasser bis jetzt immer noch süß ge- 
wesen, so drang nun, als der Boden nur noch 7,5 m höher 
lag als heute, das Salzwasser der Ostsee allmählich in die 
Bucht ein und verwandelte nach und nach die Kieler 
Föhrde in einen Arm des Litorinameers, das zur Zeit 
seiner größten Ausdehnung nicht nur bedeutend höher, 
sondern auch viel salziger war als die heutige Ostsee, 
da die Auster, die Litorina litorea und die Diatomee 
Paralia sulcata darin leben konnten, die einen Salzgehalt 
von ca. 3®/o an der Oberfläche beanspruchen und gegen- 
wärtig in der baltischen See nicht mehr gedeihen. 

Der Beginn des Einbruchs der Litorinafluten in die Kieler 
Bucht fällt etwa in die Zeit, als die Eichenperiode ihren 
Höhepunkt erreicht hatte. Es setzten sich jetzt zunächst 
Brackwasserschichten über dem Bruchwaldtorf und den an- 
dern Süßwasserbildungen ab. Die Brackwasserablagerungen 
gingen dann, als das Land sich immer mehr senkte und 
das Litorinameer entsprechend anschwoll, allmählich in 
Meer-Lebertorf über. In diesem treten bald die ersten 
spärlichen Pollenkömer der Buche (Fagus silvatica) auf, 
denen später auch eingeschwemmte Reiser und Fruchtteile 
des Baumes folgen; nach oben hin werden diese Buchen- 
reste fortgesetzt häufiger.^) Da mm die Schichten, in 

*) Weber aaO. 5. 16. 19. 24. 26. 49. 



m. Die Baumflora der Schweiz zur Pfahlbautenzeit. 85 

denen die Pollen der Buche zuerst erscheinen, bereits von 
der salzliebenden Paralia sulcata durchsetzt sind, so dürfte 
die Einwanderung der Buche nach Holstein erst erfolgt 
sein, als das Wasser bereits seinen höchsten Salzgehalt 
angenommen hatte, dh. zur Zeit der größten Ausbildung 
des Litorinameers — ein Ergebnis, das auch für die Be- 
urteilung des Einrückens der Buche in Dänemark von 
Belang ist. Doch sind während der ganzen Dauer der 
Litorinazeit neben der Buche auch die Eiche, Erle, Hasel, 
Linde, Birke, Weide und Kiefer an den Ufern der Kieler 
Föhrde gewachsen.*) 

Gleichzeitig mit der Buche erscheint die Hainbuche 
{Carpinus betulus L.) in den untern Lagen des Meer- 
Lebertorfs. Auch ein Kern der Süßkirsche {Prunus avium 
L.) und zwei vereinzelte Pollenkömer der Fichte {Picea 
excelsa Link) sind in den Ablagerungen aus der Buchen- 
zeit gefunden worden.") Die Fichte, die in den Süßwasser- 
bildungen nirgends nachweisbar war, kann auch von der 
Litorinazeit an nur höchstens in vereinzelten Exemplaren 
in Holstein vorgekommen sein; bestandbildend war sie 
nicht: sonst würden sich die leicht beweglichen Pollen 
jedenfalls häufiger finden. 

III. Die Baumflora der Schweiz zur Pfahlbautenzeit 

Literatur. O. Heer Die Pflanzen d, Pfahlbauten, Zürich 1865. 
Neujahrsblatt d. Naturf. Gesellsch. S. 24 ff. 30 ff. 34. 37. 38 ff. 
W. Schnarrenberger Die Pfahlbauten des Bodensees. Progr. 
d. Gymn. Konstanz 1891. E. Neuweiler Beiträge zur Kenntnis 
Schweiz, Torfmoore, Züricher Dissert. 1901. Derselbe, Ober- 
sicht über die Flora der Pfahlbauten in dem Werk von Früh u. 
Schröter Die Moore der Schweiz. Zürich 1^4. Erscheint demnächst.*) 

Während die bisher besprochenen prähistorischen 
Niederlassungen Dänemarks und Holsteins der älteren 

») Ebenda 5 f. 19. 24 ff. 

•) Ebenda 5. 25. Für Hainbuche und Süßkirsche S. 26. 

•) Die Korrekturbogen dieser Zusammenstellung wurden mir wäh- 
rend des Drucks des vorliegenden Buches mit freundlicher Erlaubnis 
des Herrn Verfassers durch Prof. Schröter zur Verfügung gestellt, 
wofür ich auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche. 



86 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

neolithischen Epoche entstammen, zeigen die steinzeitlichen 
Kahlbauten der Alpenseen, die steinzeitlichen Ansiede- 
lungen in Bosnien, Ungarn und Böhmen alle schon die 
voll entwickelte neolithische Kultur, gehören also jtlngeren 
Zeiträumen an. 

Pflanzliche Überreste haben sich in besonders großer 
Zahl und gut erhaltenem Zustande in den Schweizer 
Pfahlbauten gefunden. Unter den Waldbäumen sind 
hier die Nadelhölzer von Anfang an zahlreich vertreten; 
mit Ausnahme der Lärche {Larix europaea DC.) und Arve 
{Pinus cembra L.), sind alle unsre waldbildenden Koni- 
feren belegt: Kiefer {Pinus silvestris L.), Fichte {Picea ex- 
celsa Link), Tanne {Abies alba Mill.), Wachholder {Juni- 
perus communis L.), und Eibe {Taxus baccata L.). — Von 
Laubbäumen und Büschen haben wir: die Eiche {Quercus), 
Buche {Fagus silvatica L.), Hainbuche (Carpinus betulus 
L.), Hasel {Corylus avellana L. nebst den Varietäten genuina 
und ovata)y Birke {Betula verrucosa Ehrh. und eine andre 
Birkenart), Erle {Alnus glutinosa L.), Weide {Salix repens 
L. und eine andre Spezies), Esche {Fraxinus excelsior L.), 
groß- und kleinblättrige Linde {Tilia grandifolia und parvi- 
folia Ehrh.), Stechpalme {Hex aquifolium L.), den Ahorn 
(Acer), den Vogelbeerbaum {Sorbus aucuparia L.), Mehlbeer- 
batun {Sorbus aria L.), Kreuzdorn {Rhamnus frangula L.), 
Hartriegel {Cornus sanguinea L.), Holunder {Sambucus 
nigra L.), Krautholunder {Sambucus ebulus L.), den wolli- 
gen Schneeball ( Viburnum lantana L.) imd den Spindel- 
baum {Evonymus europaeus L.). Dazu kommen verschie- 
dene wilde Obstbäume: der Holzapfel {Pirus malus l^.)^ die 
Holzbirne {Pirus communis L.), die Süßkirsche {Prunus 
avium L.), Pflaume {Pr. insititia L.), Schlehe {Pr, spinosa 
L.), Traubenkirsche {Pr. padus L.). 

Vergleichen wir diese Baumflora der Pfahlbauten mit 
derjenigen der schweizerischen Torfmoore, wie sie Neuweiler 
festgestellt hat*), so springt uns der ungleich größere Arten- 

') S. oben S. 62 ff. und vergl. die Tabelle bei Neuweiler Beitr, 
zur Kenntnis Schweiz, Torfmoore S. 50 f. 



m. Die Baumflora der Schweiz zur Pfahlbautenzeit. 87 

rdchtum der PfaWbautenflora in die Augen. Das einseitige 
Bild, das wir aus der natürlichen Armut der Moorflora ge- 
winnen, erfährt dadurch eine willkommene Ergänzung. 

Heers Annahme,*) daß der häufigste Nadelholzbaum 
der Schweiz zur Pfahlbauzeit, wie noch jetzt, die Fichte 
(Picea excelsa) gewesen sei, und daß die Pfähle und das 
Holzwerk von Robenhausen zum größten Teil aus Fichten- 
holz beständen, trifft nicht zu. Engler ^) hat unter 60 aus 
den Pfahlbauten am Greifensee und bei Robenhausen stam- 
menden Pfahlstücken kein einziges Stück Fichtenholz ge- 
ftmden; die Pfähle waren vielmehr aus Weißtannen, Eichen, 
Buchen, Hagebuchen, Eschen, Ahorn und Erlen verfertigt 
Aber die Fichte war in der Schweiz wie im Bodenseegebiet 
sicher vorhanden, was durch die Zapfen und Samen bezeugt 
wird, die Heer und Neuweiler in den neolithischen Pfahl- 
bauten von Wangen, Steckbom, Robenhausen, St. Blaise und 
in der bronzezeitlichen von Bodman nachgewiesen haben. 

Der häufigste Nadelholzbaum der Schweiz im 
Pfahlbauten-Zeitalter war die Tanne {Abies alba = 
pectinata). Reste derselben sind in den steinzeitlichen Sta- 
tionen von Robenhausen, Steckborn, Moosseedorf, Burg- 
äschi, Niederwil, Vinelz und Sutz und den teils stein-, teils 
bronzezeitlichen vom Sempachersee und von Mörigen ge- 
funden worden. Nadeln und Zweige der Tanne kommen 
namentlich zu Robenhausen und Moosseedorf in großen 
Massen vor; sie scheinen als Streu fürs Vieh gebraucht 
zu sein. 

Dagegen ist die Kiefer {Pinus silvestris)^ die nach Aus- 
sage der Moorfunde in älterer Zeit auch in der Schweiz eine 
hervorragende Rolle als Waldbaum spielte, in den Pfahl- 
bauten verhältnismäßig seltner. Sie ist in den steinzeitlichen 
Niederlassungen von Robenhausen, Steckborn und St. Blaise 
und der bronzezeitlichen von Bodman sicher belegt; Reste 
einer nicht näher bestimmbaren Pinus spec. haben sich 
außerdem in Robenhausen, Steckbom, Lattrigen und Bevaix 

*) Pflanzen d, Pfahlbauten 39. 

») S. Neuweiler bei Früh u. Schröter Die Moore d. Schweiz. 



88 2. Kap. Die Baumflora Nord- und Mitteleuropas im Steinzeitalter. 

gefunden. Inwieweit es sich hier um die Bergkiefer (Pinus 
ntontana Mill.) handelt, die Heer (aaO. 39) zu Robenhausen 
nachgewiesen haben wollte, muß nach Neuweiler fraglich 
bleiben, bis anatomisch untersuchbare Nadeln gefunden sind, 
da an fossilen Zapfen eine sichere Unterscheidung unmög- 
lich ist. Das Vorkommen der Bergkiefer an den Schweizer 
Seen wäre (falls sich Heers Bestimmimg als richtig heraus- 
stellen sollte), bemerkenswert, da der Baum, der wohl ein 
Nachläufer der arktischen Flora ist, sich heute aufs Gebirge 
ziuilckgezogen hat. 

Das Fehlen der Arve {Pinus cenibra) begreift sich 
durch den Hochgebirgscharakter dieses Baumes; er ist 
auch von Neuweiler*) nur in dem Hochalpen-Moor von Juf 
im Avers (2160 m hoch) gefunden worden. Die Lärche 
{Larix europaea) endlich ist bekanntlich erst in neuerer 
Zeit von Südosten her eingewandert. 

Unter denLaubbäumen steht dieEiche(jßi/^ci^s robur) 
augenscheinlich an Bedeutung obenan. Bemerkenswert ist 
aber, daß neben ihr auch die Buche (Fa^s silvatica), welche 
in den Torfmooren der Schweiz bis jetzt nirgends mit Sicher- 
heit fossil nachgewiesen ist, tmd welche in Nordeuropa erst 
so spät erscheint, schon in den ältesten schweizerischen 
Pfahlbauten belegt ist; ihre Früchte wurden gegessen oder 
zur Ölbereitung verwandt. Die Buche ist noch heute der 
vorherrschende Laubholzbaiun im Schweizer Jura. 

Auffallend ist das Fehlen der Espe {Populus tremulä) 
in der Pfahlbautenflora; da sie von Neuweiler auch in den 
Mooren nicht gefunden wurde, ist ihre Abwesenheit wohl 
keine zufällige. Neuerdings gibt Neuweiler in seiner Über- 
sicht über die Pfahlbautenflora die Espe für Moosseedorf 
an, jedoch mit einem Fragezeichen. Auch die Ulme ist 
bislang weder in den Pfahlbauten, noch in den Torfmooren 
der Schweiz nachgewiesen.") 



*) Beitr. z. Kenntnis Schweiz, Torfmoore 48. 

•) Ihr angebliches Vorkommen in Wangen (Schnarrenberger Pfahl- 
bauten des Bodensees 33) findet in Neuweilers Zusammenstellung keine 
Bestätigung. 



in. Die Baumflora der Schweiz zur Pfahlbautenzeit. 89 

Ein auffallender Unterschied der vorgeschichtlichen 
Niederlassungen des Bodenseegebietes gegenüber den 
schweizerischen Pfahlbauten ist die Seltenheit des Nadel- 
holzes. Zu den Pfählen der Bodensee-Pfahlbauten sind 
Stämme der verschiedensten Baumarten verwandt, doch 
überwiegt das Laubholz bedeutend.*) 

Im allgemeinen waren sämtliche wichtigeren Bäume 
der heutigen schweizerischen Wälder schon in der Baum- 
flora der jüngeren Steinzeit vorhanden. Daraus ergibt sich, 
daß die Baiunflora der Pfahlbauten einer verhältnismäßig 
späten Epoche der schweizerischen Pflanzengeschichte an- 
gehört; wir mögen sie vorläufig als das Buchenzeitalter 
bezeichnen, indem wir darunter die letzte der großen Vege- 
tationsperioden verstehen. Während wir die nordische Stein- 
zeit ihrer ganzen Dauer nach in die Eichenzeit verlegen 
mußten, fällt also das Steinzeitalter der Schweiz 
schon vollständig in die Buchenzeit. Darum braucht 
natürlich die schweizerische Pfahlbauten-Ära nicht jünger 
zu sein als die nordische Steinzeit; denn die Buche ist zweifel- 
los nach der Schweiz unendlich viel früher als nach den 
nordischen Ländern gelangt. 



*) Schnarrenberger aaO. 38. Vgl. auch Neuweilers Übersicht. 



Drittes Kapitel. 

Wald und Steppe in ihren Beziehungen zu den 
prähistorischen Siedelungen Mitteleuropas. 

Literatur. B. Borggreve Die Verbreitung u, wirtschaftliche 
Bedeutung der wichtigsten Waldbaumarten innerhcdb Deutschlands, 
(Kirchhoffs Forschungen z. deutsch. Landes- u. Volkskunde ÜI i.) 
1888. A. Nehring Über Tundren u. Steppen der Jetzt- u. Vorzeü, 
Berlin 1890. Mit ausführlicher Bibliographie. Ernst H. L. 
Krause Die natürliche Pflanzendecke Norddeutschlands, Globus 61 
(1892), besonders S. 106 ff., wo auch weitere Literatur. Der- 
selbe Die salzigen Gefilde, Ein Versuch, die zoologischen Ergeb- 
nisse der europäischen Quartärforschung mit den botanischen in Ein- 
klang zu bringen. Englers Bot. Jahrb. 17, ßeibl. Nr. 40, S. 21 — 31 
(Mai 1893). Vgl. dazu Ascherson Verh. d. Bot. Vor. d. Prov. 
Brandenburg 35, S. XIII f. (Okt. 1893); ferner Globus 64, 81 f. 
Krause Die Steppenfrage. Globus 65, i — 6 (Jan. 1894). A. Nehring 
Zur Steppenfrage, Globus 65, 365—370 (Juni 1894). Krause und 
Nehring Zur Steppenfrage. Globus 66, 47 (Juli 1894). Krause 
Die Waldgrenzen in Südrußland. Globus 66, 320 (Nov. 1894). 
GeorgSarauw Lyngheden i Oldtiden. lagttagelser fra Gravhoje. 
Aarbeger for Nordisk Oldkyndighed og Historie. II. Rackke 13, 
69—124 (1898). R. Gradmann Pflanzenleben der Schwäbischen 
Alb. 2. Aufl. 1900. I 355—358. Fr. Ratzel Der Ursprung u, die 
Wanderungen der Völker geographisch betrachtet. II. Ber. über die 
Verhandl. d. Sachs. Ges. d. Wiss. zu Leipzig. Philol.-histor. Kl. 52 
(1900), S. 55 ff. Rob. Gradmann Dc^ mitteleuropäische Land" 
Schaftsbild nach seiner geschichtlichen Entwicklung, Geogr. Zeit- 
schrift 7. 361—377. 435—447 (1901). 

Nachdem wir im vorigen Kapitel den Bestand der 
Baumflora Nord- und Mitteleuropas zur Steinzeit im ein- 
zelnen festzustellen versucht haben, sei jetzt ein Blick 



Mensch und Urwald. 91 



auf die Bedeutung des Waldes im ganzen für die älteste 
Siedelungsgeschichte Mitteleuropas geworfen. 

Mensch und Urwald. „Auf der untersten Stufe der 
Kultur finden wir den Jäger einsam inmitten der den 
größten Teil des Landes bedeckenden wilden Wälder", 
sagt Edmund v. Berg in seiner Geschichte der deutschen 
Wälder S. 2. Und auch S. 24 vermutet er, daß die Ur- 
bewohner Deutschlands zu ihren Ansiedeltmgen vorzugs- 
weise die Waldtäler gewählt haben mögen. Diese Vor- 
stellimg, daß die Jägervölker „in kleinen Horden planlos" 
in Verfolgimg des Wildes die endlosen Urwälder durch- 
streifen, in deren Mitte sie hausen, ist ebenso alt und ver- 
breitet wie imhaltbar. 

Auch über die Bedeutung des Waldes für den Men- 
schen auf der Übergangsstufe vom Jäger- und Hirtenleben 
zum Ackerbau herrschen vielfach irrige Auffassungen, die 
sich auf die landläufige Ansicht gründen, daß der Wald 
die Heimat des Menschen, daß namentlich der Übergang 
vom Nomadismus ziun Ackerbau und zur bodenständigen 
Lebensweise an die Rodung und Urbarmachung der Ur- 
wälder geknüpft sei. 

Der Urwald ist der Feind und nicht der Freund des 
Menschen — das ist die Grundvorstellung, an der man 
überall festhalten muß, wenn man die Stellung des Waldes 
zum menschlichen Kulturleben bis in die neuere Zeit hinein 
richtig beurteilen will. Der primitive Mensch unternimmt 
wohl Streifzüge in die Wälder, seinen dauernden Aufent- 
halt schlägt er nicht darin auf. Nur gezwungen dringt 
er in das ungastliche Innere des Urwalds. Besiegte 
und Flüchtlinge, Outlaws und Räuber suchen in dem 
schützenden Dickicht Versteck und Zuflucht; der freie 
Mann wählt die Ränder des Waldes und das offene, 
übersichtliche Gelände zur Wohnstätte. Es ist nötig, daß 
man den Urwald all des romantischen Nimbus ent- 
kleidet, der sich ihm in der Vorstelltmg des modernen 
Menschen immer wieder andrängt. Wer ihn in seiner 
ganzen grausigen Wirklichkeit, seiner trostlosen Ver- 



92 3* Kap. Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

lassenheit kennen lernen will, der lese Middendorffs 
Sibirische Reise.^) 

„Die endlosen Waldungen der Einöden Sibiriens durch- 
wandernd", sagt dieser Forschungsreisende (IV 1, 641), 
„legen wir oft Hunderte von Meilen zurück und schauen 
dennoch wochen-, ja monatelang fruchtlos nach einer ein- 
zigen menschlichen Spur aus, obgleich das über den Boden 
ausgebreitete Schneetuch ims alles Getier, bis auf die 
kleinste Maus, verrät, das ntu* irgend, und sei es auch 
vor längerer Zeit, unsere Wege gekreuzt hat. Winzig, wenn 
nicht vollkommen nichtig, erscheint ims dann der Ein- 
fluß, mit dem der einsam hausende Nomade in jenen un- 
ermeßlichen Öden auf die Natur zurückzuwirken vermag. 
Gleich einem versprengten Atome verschwindet er in dem 
gewaltigen Getriebe und Schaffen der Natur, und wir 
möchten in jener Umgebung es für eine Mythe halten, 
daß der Mensch der Beherrscher der Erde sei, der ihre 
Urzustände verschwinden heißt, vor der allbezwingenden 

Gewalt menschlicher Kultur Des Menschen Einfluß 

sinkt dort zu nichts herab; ohnmächtig steht er dem ge- 
waltigen Schaffen der Natur gegenüber, das ihn in der 
Wildnis umfängt." 

Es ist denn auch bezeichnend genug, daß nicht ntw 
die mittelasiatischen Steppen, sondern sogar die arktischen 
Timdrenregionen, die sich nördlich von dem sibirischen 
Waldgürtel ausdehnen, bevölkert sind, während das Innere 
des Urwalds von keinem menschlichen Fuß betreten wird. 
„Wie das Innere der Waldungen beschaffen ist", schreibt 
Brehm, ■) vermag niemand zu sagen, weil nicht einmal die 
aus solcher Wildnis den Hauptströmen zufließenden Ge- 
wässer hemmnisloses Vordringen erlauben und selbst die 
kühnsten Zobeljäger nur einen Grenzgürtel von höchstens 



*) A. Th. V. Middendorff Reise in dm äußersten Norden u, Osten 
Sibiriens während der Jahre 1843 u, 1844, 4. Band: Übersicht der Natur 
Nord' u. Ost-Sibiriens. St. Petersburg 1867. — Vgl. auch die Schilde- 
rung der Urwälder bei Drude Deutschlands Pflanzengeographie I 290—292. 

«) Vom Nordpol zum Äquator, Stuttgart 1890. S. 76. 



Mensch and Urwald. 



einhundert Kilometer Breite kennen gelernt haben sollen." 
„Der Stille entspricht die Öde der Wälder. Wer sich der 
Hoffnxmg hingeben wollte, in ihnen ein frisch fröhliches 
Jägerleben führen zu können, würde schmerzlich enttäuscht 
werden. . . . Meilenweite Strecken erscheinen oder sind, 
mindestens zeitweilig, so tierleer, so öde, daß der Forscher 
wie der Jäger verzweifeln möchte."^) Auch Middendorff*) 
betont, daß „der einförmige Nadelwald, sei es in Nord-, sei 
es in Südsibirien, nicht selten auf unermeßliche Strecken 
sich in entsetzlicher Weise öde zeigt." „Unübersehbar, 
gleichmäßig ausgesäete Waldungen, ztunal Nadel Waldungen, 
scheinen, gleich wie sie alles Unterholz, allen Busch, alle 
Kräuter und Gräser verdrängen und nur die Moose be- 
günstigen, so auch die Tierwelt abzuschrecken" (S. 788 f.). 
Ein Jäger fände während langer Tagereisen „die Wal- 
dungen der ungestörten Wüsteneien Sibiriens leblos und 
leer; mitunter sogar spurlos leer, oder besser gesagt: 
zum Verhungern leer" (S. 785 f.). 

Es kann nicht nachdrücklich genug auf diese Tatsachen 
hingew^iesen werden, da man immer wieder auf die ver- 
breitete Ansicht stößt, daß „geschlossene, einförmige Wald- 
gebirge wegen ihres unerschöpflichen Wildreichtums ge- 
radezu ein Paradies" für ein primitives Jägervolk sein 
müssen, eine Auffassimg, die sich auch in M. Muchs 
neuestem Werk noch ausgesprochen findet.') 

Die Schrecknisse des Urwalds mögen vielleicht in dem 
gemäßigteren Klima Europas weniger furchtbar, der Wald 
selbst weniger tierarm gewesen sein als in Sibirien; aber 
anderseits muß gerade das ozeanische Klima die Urwälder 
Mittel- imd Nordeuropas infolge der üppiger wachsenden 
Vegetation und des stärker versumpfenden Bodens noch 
viel undurchdringlicher gemacht haben als das kontinen- 
talere KUma Sibiriens, das dem Baumwuchs weniger gün- 
stig ist. Und zu dem jagdbaren Wild, das übrigens in 
ausgedehnten Nadelwäldern, wie sie von jeher weite Ge- 

«) Ebenda 85 f. «) AaO. IV 2, 788. 

•) Die Heimat d, Indogermanen\ 2. Aufl. 1904, S. 388. 



94 3* I^^P* Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

biete Mitteleuropas bedeckt haben, auch heute sehr spär- 
lich ist, wird in Europa eine entsprechend größere Anzahl 
von Raubtieren hinzugekommen sein, welche dem Men- 
schen das Betreten der Wildnis gefährlich machten. 

Die Durchquerungen Afrikas haben gezeigt, daß der 
afrikanische Urwald fast ebenso menschenleer ist, wie der 
sibirische. Die nordamerikanischen Indianer folgen den 
natürlichen Lichtungen an Flußufem und Seen imd den 
Rändern des Urwalds, nur hin und wieder mit Hilfe des 
Feuers zur Gewinnung von Ackergrund oberflächlich in 
den Wald eindringend.*; 

Der landschaftliche Charakter Mitteleuropas 
in prähistorischer Zeit. Ist so die Vorstellimg von 
dem Charakter des Urwalds und dem Verhältnis des Men- 
schen zu ihm vielfach eine irrige, so ist aber anderseits 
auch das Bild, das man sich von dem Aussehen Mittel- 
eiu-opas in prähistorischer Zeit macht, nicht selten ein 
falsches. Unter dem Einfluß der Schildeiimg der römischen 
Schriftsteller wird das vorgeschichtliche Zentraleuropa in 
der Regel als ein endloses Waldgebiet gedacht, das von 
den vordringenden indogermanischen Volksstämmen ge- 
rodet und in Ackerland verwandelt wurde. Das ist un- 
berechtigt. Das Land war in vorhistorischer und früh- 
historischer Zeit allerdings weit bewaldeter als jetzt, aber 
große Strecken sind dauernd ohne Walddecke gewesen. 
Zwischen ausgebreiteten Waldgebieten dehnten sich von 
jeher einesteils weite Sumpf- und Moorflächen, andemteils 
Steppen und später Heiden und Grasformationen aus, die 
nie oder nur stellenweise dem Andrang des Waldes er- 
legen sind. 

In der Glacialzeit war während der Periode der größten 
Ausdehnung des Inlandeises, wie wir gesehen haben, der 
unvergletscherte Landrücken Mitteldeutschlands höchst 
wahrscheinlich vom Walde entblößt und nur von einer 
arktischen Tundrenflora bedeckt. In dem trocknen, 
stark kontinentalen Klima der darauf folgenden Inter- 

*) Vgl. Ratzel Ursprung u, Wanderungen d, Völker 57. 



Landschaftl. Charakter Mitteleuropas in prähistor. Zeit. 95 

glacialzeit wurden diese Tundren ziun großen Teil in sub- 
arktische Steppen verwandelt, aber die höheren Gebirge 
und andere geeignete Gebiete wurden gleichzeitig von der 
einrückenden Baumvegetation in Besitz genommen und 
haben wohl dauernd als Waldinseln aus diesem Steppen- 
meer emporgeragt. Wenn die Steppenformation an sich 
auch durchaus nicht auf die Ebene beschränkt ist, wenn 
es auch Steppengebirge gibt, so sind doch Gebirgssysteme, 
wie Schwarzwald, Böhmerwald, Karpathen usw., ihrer 
Höhe und ihrer ganzen Formation nach, zur Steppen- 
bildimg nicht geeignet. Wahrscheinlich waren sie die 
Ausstrahlungscentren, von denen sich die Wälder bei zu- 
nehmendem ozeanischem Klima zum Teil auch über die 
Steppengebiete ausbreiteten. 

Während der letzten Kälteperiode ist der Wald aus 
weiten Gebieten Mitteleuropas nicht wieder gewichen; er 
hat sich mit der Tundrenflora in das Gebiet geteilt. Als 
aber im Norden mit dem erneuten Einsetzen eines Kon- 
tinentalklimas die Gletscher abzuschmelzen begannen, brei- 
teten sich in Mitteleuropa die Steppen wieder aus, und die 
Tierfunde vom Schweizersbild imd von Thayingen bei Schaff- 
hausen zeigen, daß die arktischen Timdren an geeigneten 
Orten direkt in subarktische Steppen übergegangen sind,*) 
während anderwärts der Wald die Tundren abgelöst haben 
dürfte. 

Die Steppenflora hat natürlich in den Mooren keine 
Spuren hinterlassen, weil sie auf moorigem Boden nicht 



*) Vgl. J. Nüesch Das Schweizer sbild. Neue Denkschriften d. AUgem. 
Schweiz. Ges. f. d. gesamten Naturwiss. 35. Zürich 1897. S. 249 ff. 257. 
Eine sehr anschauliche Darstellung der Schichtenfolge dieser alten 
prähistorischen Niederlassung findet sich im Züricher Museum. 

S. auch Gradmann Pflanzenleben d. Schwab. Alb I 378. A. Schulz' 
Ansicht (in seiner Polemik gegen Gradmann, Englers Bot. Jahrb. 
32, 643 flf.), daß am Schweizersbild ein über der Tundrenschicht ur- 
sprünglich vorhanden gewesenes Waldbodenstratum während der 
Steppenzeit »»vollständig zerstört und hauptsächlich durch den Wind 
abgetragen worden" sei, hat doch wohl wenig Wahrscheinlichkeit 
för sich. 



96 3- K^P* Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

gedeihen kann, und auch in fluviatilen Ablagerungen darf 
man Reste der zarten, vergänglichen Steppenpflanzen kaum 
erwarten; der eigentliche Steppenboden selbst anderseits 
ist wegen seiner Trockenheit zur Erhaltung von Pflanzen- 
resten nicht geeignet. Aber Reste von Steppentieren in 
postglacialen Schichten und die heutige scharf abgegrenzte 
Verbreitimg typischer Steppenpflanzen in Mitteleuropa läßt 
noch deutlich die Umgrenzimg der ehemaligen Steppen- 
gebiete erkennen.*) 

Die postglacialen Steppen Mitteleuropas haben wohl 
in der Hauptsache eine ähnliche Verbreitung gehabt wie 
diejenigen der Interglacialzeit. Es lassen sich deutlich 
zwei Züge unterscheiden, die nach Osten zu mit den pon- 
tischen Steppen in Verbindung stehen. Sie bezeichnen zu- 
gleich die Wanderwege, auf denen die Steppenflora nach 
Mitteleuropa gelangte.*) 

Der Hauptzug führte von den pontischen Steppen die 
Donaulinie aufwärts nach Mähren, Süddeutschland und der 
Schweiz, wo namentlich das untere Alpenvorland in seiner 
ganzen Ausdehnung von Niederösterreich bis zum Jura, 
femer die Hochflächen der Schwäbischen und Fränkischen 
Alb, das Vorland des Schwarzwalds und das Neckarland, 
sowie die oberrheinische Ebene von ausgedehnten Steppen 
bedeckt waren. Auf der Hochsteppe der Fränkischen Alb, 
im Maingebiet und im nördlichen Böhmen begegnete sich 
dieser Zug mit einem andern, der von den pontischen 
Steppen aus nördlich an den Karpathen entlang nach 
Norddeutschland verlief, wo wir im mittleren Elbe- imd 
Saalegebiet, in der Kyffhäuser Gegend und am Ostrand 
des Harzes auf altem Steppenboden stehn, der sich wahr- 



*) S. die Karte in Nehrings Buch Über Tundren u. Steppen, Ferner 
Gradmann Pflanzenleben d. Schwab. Alb I 358 f. Ratzel Ursprung u, 
Wanderungen d. Völker II 60. Endlich die sehr übersichtliche Karte 
über die Verteilung von Wald und altem Steppenboden in Vidal de 
la Blaches Tdbleau de la geographie de la France, (E. Lavisse Histoirc 
de France I i.) Paris 1903. 

•) Vgl. Gradmann aaO. I 378 ff. 337. Aug. Schulz aaO. 649 f. 



Landschaft!. Charakter Mitteleuropas in prähistor. Zeit. 97 

scheinlich durch Nordwestdeutschland bis nach Belgien und 
Nordfrankreich fortsetzte. Eine dritte Kette von Steppen- 
flachen endlich scheint das Rhonegebiet über den Schwei- 
zer Jura mit der oberrheinischen Steppe verbunden zu 
haben. 

Die meisten Gebirge dagegen, die Mitteleuropa durch- 
setzen: das höhere Alpenvorland, die Vogesen, der Schwarz- 
wald, die bayrischen Keuperhöhen, die böhmischen Rand- 
gebirge, der Thüringer Wald, Harz ua., sind auch wäh- 
rend dieser postglacialen Steppenzeit fortdauernd bewaldet 
geblieben, und auch innerhalb der Steppenbezirke haben 
jedenfalls manche Striche mit natürlichem Wasserreichtum, 
engere Täler, Schluchten, Abhänge und Flußniederungen 
Wälder getragen und Verbreitungscentren für die Wald- 
flora gebildet. 

Mitteleuropa ist also auch in früher prähistorischer 
Zeit keineswegs von geschlossenem Urwald bedeckt ge- 
wesen; vielmehr waren die Wälder in großem Umfange 
von Steppen, Mooren, Heiden und andern waldfreien 
Flächen durchwachsen. Anderseits ist Mitteleuropa nach 
dem Ende der letzten, schwächeren Eiszeit wohl auch nie- 
mals in größerem Umfange ein zusammenhängendes Step- 
pengebiet in dem extremen Sinne der zentralasiatischen 
Steppen gewesen. Wenn wir von den Mooren, Sümpfen und 
den höheren Gebirgen absehen, werden wir uns Central- 
europa in älterer postglacialer Zeit vielleicht als ein ähn- 
liches Waldsteppengebiet vorstellen dürfen, wie wir es 
heute noch in den nördlicheren Teilen Südrußlands haben, 
wo Steppe xmd Wald ineinander übergehen.*) 

Und gerade die Steppenstriche sind für die älteste 
menschliche Siedelungsgeschichte von hervorragender 
Wichtigkeit gewesen. 

Bedeutung der Steppengebiete für die ältesten 
Siedelungen. Es ist schon von verschiedenen Forschem 

*) Vgl. auch Gradmann Das mitteUurop. Lofidschaftsbild nach seitur 
getckicktl. Entwicklung 436, Vidal de la Blache Tableau de la ghgraphic 
de la France S. 34. 

Hoops, Waldbftome u. Kulturpflansen. 7 



98 3* K&P* Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

darauf aufmerksam gemacht worden, daß die frühesten 
menschlichen Niederlassimgen sich in Lößbezirken finden. 
Daß der paläolithische Mensch vornehmlich in Lößgegen- 
den lebte, daß die Reste diluvialer Tiere hauptsächlich im 
Löß gefunden werden, ist bekannt. Aber auch die Neo- 
lithiker haben sich mit Vorliebe auf dem alten Kultur- 
boden der Lößdistrikte niedergelassen, und sie haben diese 
Überliefenmg auf ihre Nachfolger vererbt. 

Die Vermutimg liegt nun nahe, daß bei der Wahl der 
Niederlassimgen der ackerbauenden Neolithiker die Frucht- 
barkeit des Bodens den Ausschlag gegeben habe. Das ist 
für die Auswahl der Lage der einzelnen Ansiedelungen 
natürlich richtig, aber zur Erklärung der Besiedelung oder 
Nichtbesiedelung ganzer Bezirke reicht dieser Gesichtspunkt 
nicht aus. Es ist unrichtig, wennMeitzen*) behauptet, „die 
örtliche Beschaffenheit xmd die Namen der als die frühesten 
zu vermutenden Wohnplätze führen ims überall in die ver- 
hältnismäßig fruchtbarste Gegend". Nicht alle alten Kultur- 
gebiete sind fruchtbar. Robert Gradmann 2) weist mit Recht- 
darauf hin, daß die steinige, wasserarme Hochfläche der 
Schwäbischen Alb sehr wenig zur Besiedelimg einzuladen 
scheine, xmd daß sie heute auch tatsächlich nur sehr dünn 
bevölkert sei. Trotzdem gehört sie zu den allerältesten 
Kulturbezirken Mitteleuropas. Sie war schon dicht bewohnt, 
als die viel fruchtbareren Lande um den mittleren Neckar, 
besonders das jetzt so stark bevölkerte Remstal und die 
andern außerordentlich fruchtbaren Seitentäler des Neckar, 
sowie die milden Schwarzwaldtäler noch menschenleere 
Wildnis waren. Und Penck*) bemerkt über die frühzeitige 
Besiedelung des Lößstreifens zwischen den waldigen Gebirgs- 
höhen imd den waldbedeckten Ebenen in der nördlichen 
Umwallung Böhmens: „Teilweise mag sich dies wohl auf 

*) Siedelung u, Agrarwesen der Westgerfnanen u. Ostgermanenl 136. 

») Pflafizenleben der Schwab. Alb I 356. Das nUtteleurop. Landscha/ts- 
bild 436. 

*) Das Deutsche Reich, (Kirchhoffs Länderkunde des Erdteils Europa 1 1 .) 
S. 441. 



Bedentang d. Steppengebiete f. d. ältesten Siedelungen. 99 

seine Fruchtbarkeit zurückführen, welche eine ackerbau- 
treibende Bevölkerung anzog ; aber wenn nicht gerade ange- 
nommen werden soll, daß dieselbe instinktiv innerhalb großer 
Waldflächen den besten Feldboden rodete, so ist wohl 
wahrscheinlich, daß sie die Lößdistrikte in waldfreiem Zu- 
stande als Wiesengebiete vorfand, ähnlich den Prärien des 
nordamerikanischen Westens." 

Es ist also nicht sowohl der fruchtbare Lößboden als 
solcher, sondern der waldfreie Charakter seiner Oberfläche, 
mit andern Worten, es sind die einstigen Tundra- und 
Steppenflächen, die den ackerbauenden Neolithiker genau 
so, wie früher den paläolithischen Menschen, in erster Linie 
anzogen. 

Die meisten und ältesten Spuren prähistorischer Nieder- 
lasstmgen in Deutschland finden sich im Alpenvorland, auf 
der Hochfläche der Schwäbischen und Fränkischen Alb, im 
östlichen Vorland des Schwarzwalds, im Neckarland, in der 
Rheinebene, im Maingebiet, Moselland, im thüringisch- 
sächsischen Hügelland und im Küstengebiet der Nord- imd 
Ostsee. Es wird jedem sofort in die Augen springen, daß 
dies im wesentlichen dieselben Gegenden sind, die wir oben 
als ehemalige Steppenlandschaften, beziehungsweise wald- 
arme Besdrke kennen lernten, während die alten Waldgebiete 
der Gebirge sich durch auffallende Armut an prähistorischen 
Siedelimgen auszeichnen.*) 

Die ältesten Ansiedler Mitteleuropas sind also durchweg 
zunächst den waldfreien Strecken gefolgt, sind auf ihnen ins 
Herz des Landes eingedrungen. Zu systematischen Rodungen 
größerer Waldgebiete behufs Gewinnung von Acker- und 
Weideland hatten die Menschen der Steinzeit wohl nur selten 
Veranlassung. Das Urbarmachen von Urwäldern ist eine 
mühsame Arbeit, die sich nur langsam lohnt, und zu der 
sich der Mensch erst in zwingender äußerer Notlage ent- 



*) Literaturangaben s. bei Gradmann Das mitteleuropäische Land- 
scka/tsbild 368. Vgl. auch Gradmanns Kartenbeilage zu seinem Auf- 
satz über Den obergermamsch-rätischen Limes und das /ränkische Nadel- 
kolzgebiet. Petermanns Mitt. 45 (1899), 3. Heft. 

7* 



100 3- K<^P* Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelongsgeschichte. 

schließen wird. Übervölkerung ist in späterer Zeit die Haupt- 
ursache von Waldrodungen gewesen. Auch im jüngeren 
Steinzeitalter wird sich die Übervölkerung nicht selten fühlbar 
gemacht haben, aber wir wissen, daß die Völker des Nor- 
dens bis zur Römerzeit den daraus entspringenden Mißstän- 
den lieber durch Kriegszüge und Auswanderungen abhalfen* 

Nun glaube ich zwar, daß man zu weit gehen würde^ 
wenn man das Vorkommen von Rodungen in vorhistorischer 
Zeit bestreiten oder gar, wie es Gradmann *) zu tim geneigt 
ist, den Menschen der Steinzeit die Kunst, den Wald zu 
kolonisieren, ganz absprechen wollte. Gelegentlich haben 
sicher schon in neolithischer Zeit Waldrodungen statt- 
gefunden. In größerem Maßstabe aber wurde die Urbar- 
machung und Besiedelung der alten ausgedehnteren Wald- 
gebiete doch erst in römischer Zeit langsam begonnen imd 
im Lauf des Mittelalters, seit der Karolingerzeit imd nament- 
lich seit dem zwölften Jahrhimdert, durch die systematische 
Kolonisationstätigkeit der Regienmg imd der Klöster all- 
mählich durchgeführt, ') wovon das Alter der heutigen Orts- 
namen noch deutlich Zeugnis ablegt. 

Mit vollem Recht macht Gradmann in seinem trefflichen 
Aufsatz über Das mitteleuropäische Landschaftsbild nach 
seiner geschichtlichen Entwicklung (S. 374) auf den „Mangel 
jedes geographischen Fortschrittes in der Landbesiedlung 
von der neolithischen Zeit durch die Bronze-, Hallstatt- und 
La T^ne- Periode bis an die Schwelle der Römerzeit" auf- 
merksam, die „zu den auffallendsten Tatsachen der Prä- 
historie" gehöre. Da man nicht wohl annehmen kann, daß 
die neolithische Bevölkenmg mit ihren primitiven Werk- 
zeugen die großen vorrömischen Kulturflächen Mitteleuropas 
entwaldet, also eine Rodung so großen Stiles durchgeführt 
habe, wie sie keine der nachfolgenden Kulturgenerationen 
mit ihren voUkommneren Mitteln bis auf die Römer wieder 



') Pßanzenleben d, Schwab. Alb* I 357 f. Das nutteleurop, Landscka/ts- 
bild 372 f. 

■) Vgl. Schwappach Handbuch der Forst- u, Jagdgeschichtc Deutsch- 
lands I 36 f. Gradmann, Peterm. Mitt. 45 (1899), 63. 66. 



Bedeutung d. Steppengebiete f. d. ältesten Siedelungen. 101 

iintemommen hat, drängt uns jene Tatsache zu dem Schlüsse, 
daß die neolithischen Besiedler Mitteleuropas diese Gebiete 
bereits im waldfreien Zustande vorgefunden haben. 

Auf die Bedeutimg von Wald und Steppe für die 
menschliche Kulturgeschichte haben neuerdings besonders 
Ratzel, Nehring, E. H. L. Krause, Gradmann und Vidal de 
la Blache nachdrücklich hingewiesen.*) „Für die niederen 
Kulturstufen", sagt Gradmann*) mit spezieller Beziehung 
auf die mitteleuropäischen Verhältnisse, „bietet nur die 
Steppe die geeigneten Lebensbedingimgen, nicht in ihrer 
estremen Ausbildimg im Übergang zur Wüste, aber dort, 
wo sie an ein Waldgebiet angrenzt; hier ist freie Bewegung 
gewährt, hier sind ausgedehnte Weideplätze, hier ist auch 
der reichste Wildstand zu finden; unsre Haustiere, unsre 
Getreidearten samt ihren Unkräutern, unsre ganze Kultur 
weist auf Steppengebiete als auf ihre Heimat zurück." 
Auch Ratzel 3) betont die Wichtigkeit der wild- und wasser- 
reichen Übergangsgebiete von Wald und Steppe für die Ent- 
wicklung der Kultur. 

Die in neuerer Zeit viel erörterte Frage, ob die Völker 
Mittel- und Nordeuropas früher einmal eine Periode des 
Nomadentums durchgemacht haben oder nicht, ist zum 
Teil dadurch in unrichtige Beleuchtung gerückt worden, 
daß man die extremen Zustände der asiatischen Steppen- 
gebiete im Auge hatte. Wir haben uns Europa in der 
ältesten Zeit, wie gesagt, als ein von Wäldern, Steppen, 
Heiden und Mooren durchsetztes Land vorzustellen, und 
gerade diese Mischung der Vegetationsformationen dürfte 

*) Ratzel Anthropogeographie. i. Aufl. 1882; S. 338. 2. Aufl. 1899; 
S. 473 ff. 480 f. Nehring Tundren u. Steppen der Jetzt- u. Vorzeit. 
S. 146 u. 236 f. E. H. L. Krause Die Steppenfrage\ Globus 65, i. 
Gradmann Pflanzenleben der Schwab. Alb I 355 ff. Derselbe Das 
mtteleurop. Lands chaftsbild 436. Ratzel Der Ursprung u. die Wände- 
rungen der Volker; S. 55 ff. P. Vidal de la Blache Tableau de la 
giograpkie de la France. (E. Lavisse Histoire de France I i.) Paris 1903. 
S. 31-38. 

•) Pflanzenl. d. Schwab. Alb I 357. 

») Ursprung u, Wanderungen d. Völker 57. 



102 3- ^P- Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

nicht wenig dazu beigetragen haben, daß der Norden 
unsers Erdteils in frühen Zeiten schon zu so verhältnis- 
mäßig hohen Kulturzuständen gelangt ist. 

Die Erhaltung waldfreien Geländes und ihre 
Ursachen. Es bleibt mir noch ein Punkt zu besprechen 
übrig. Die postglaciale Steppenperiode Mitteleuropas ist 
sicher von keiner allzu langen Dauer gewesen. Das kon- 
tinentale Klima, das die Entstehung der Steppen veranlaßt 
hatte, machte allmählich einem mehr ozeanischen Platz, 
welches die Steppen als solche vernichtete, die Ausbreitung 
des Waldes hingegen begünstigte. Durch das Vorrücken 
des letztem wurden die ehemaligen Steppengebiete viel- 
fach gesprengt, aber weite Strecken blieben auch femer 
als waldfreie Gebiete erhalten, wie das Vorhandensein typi- 
scher Steppenpflanzen in der Gegenwart beweist. Weshalb 
hat der Wald nicht von dem ganzen früheren Steppenland 
Besitz ergriffen? 

Krause, der einen kontinuierlichen Zusammenhang der 
ehemaligen ost- und mitteleuropäischen Steppen leugnet 
und die letztern nur für lokale Umbildungen aus salzigen 
Gefilden hält, ist der Ansicht, daß die in den postglacialen 
Steppen Deutschlands nachgewiesenen pontischen Steppen- 
tiere und -pflanzen auf Wegen einwanderten, die ihnen teils 
durch die denudierende Tätigkeit der Flüsse, teils durch 
die rodende Arbeit des damals schon auf neolithi- 
scher Kulturstufe stehenden Menschen gebahnt wor- 
den seien.*) 

Und Gradmann') erklärt sich das Eindringen der neo- 
lithischen Völker in das Waldgebiet Mitteleuropas so, „daß 
die eigentliche Wanderzeit noch in eine Übergangsperiode 
fällt, in der sich das für die ältere Steinzeit Mitteleuropas 
bestimmt nachgewiesene Steppenklima noch immer geltend 
machte, daß also jene neu eindringenden Völkerschaften 
ihre mitteleuropäischen Sitze sozusagen vor Torschluß noch 

«) Globus 65, s; vgl. auch 66, 47. 

■) Pflanzenleben d, Schwab. Alb I 383. Das mitteUurof, Landschaf ts- 
bild 435. 



Erhaltung waldfreien Geländes u. ihre Ursachen. 103 

erreicht haben. Und hinsichtlich der Erhaltung der alten 
Steppengebiete in waldfreiem Zustande ist er der Ansicht,*) 
„daß die älteste Bevölkerung, wenn wir ihr auch ein sol- 
ches Kulturwerk wie die Rodung bereits bestehender großer 
Urwälder nicht zutrauen dürfen, doch bald so weit erstarkt 
war, um dem zugleich mit einem feuchten Klima langsam 
wieder vordringenden und überhandnehmenden Waldwuchs 
mit Hilfe ihrer Herden den Eintritt in das bereits gewonnene 
Kulturland zu verwehren." Er meint also, wenn weite 
Strecken Mitteleuropas von dem Anbruch der Steppenzeit 
bis heute niemals Wald getragen haben, so sei dies „nicht 
darum, weil sie dazu unter unserm gegenwärtigen Klima 
unfähig wären, sondern nur, weil die menschliche Kultur, 
Karst und Pflug, die Sense und der Zahn der Weidetiere 
ihn daselbst nie hat aufkommen lassen." 

Es ist mm an sich nicht unmöglich, daß schon zu so 
frühen Zeiten eine Ackerbau und Viehzucht treibende 
neolithische Bevölkerung sich in Mitteleuropa nieder- 
gelassen hat, wie Krause imd Gradmann es annehmen, 
aber bis jetzt fehlt es dafür durchaus an archäologischen 
Zeugnissen. Daß der paläolithische Mensch noch zur 
Steppenzeit in Mitteleuropa gelebt hat, ist nach den Funden 
am Schweizersbild vollständig sicher. Nirgends dagegen 
haben sich bisher Reste der neolithischen Kultur mit einer 
Steppenfauna zusammen gefunden, und so lange das nicht 
der Fall ist, müssen wir die Gleichzeitigkeit der neo- 
lithischen Bevölkenmg Mitteleuropas mit der Steppen- 
periode bezweifeln.*) Es müssen also doch wohl noch 
andere als menschliche Einflüsse wirksam gewesen sein, 
um die alten Steppengebiete in größerem Umfange wald- 
frei zu erhalten. 

Wenn Borggreve^) meint, Heinrich Cottas Satz: ,,Wenn 
die Menschen Deutschland verließen, so würde dieses nach 

«) PflanzenUben d, Schwab. Alb I 358. Mitteleurop. Lmtdsch. 376. 436. 
•) Zu dem gleichen Ergebnis ist, von andern Erwägungen aus- 
gehend, auch A. Schulz gelangt (Bot. Jahrbücher 32, 660 f.). 
•) Abhandl., hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 3, 223 (1872). 



104 3- ^P* Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

100 Jahren ganz mit Holz bewachsen sein", sei noch sehr 
milde ausgedrückt; wenn Gradmann ^) glaubt, daß das 
westliche und mittlere Europa, sobald es unter dem gegen- 
wärtigen Klima sich selbst überlassen bliebe, nach einem 
oder zwei Jahrhimderten ein ähnliches Bild gewähren 
würde wie der sibirische Urwaldgürtel, „das Bild eines 
zusammenhängenden Urwalds, der sich von den Alpen bis zur 
Nord- xmd Ostsee, von der atlantischen Küste bis zu den 
Pußten Ungarns imd den Steppen Südrußlands erstreckt 
und sich weiter im Norden in den sibirischen Waldgürtel 
fortsetzt, nur von wenigen Lücken durchbrochen", sonst 
überall dicht xmd geschlossen — so scheinen diese Forscher 
mir die natürliche Expansionsfähigkeit des Waldes, seine 
Überlegenheit den andern Vegetationsformationen gegen- 
über, selbst unter den gegenwärtigen Klimaverhältnissen, 
denn doch zu hoch einzuschätzen. 

Oscar Drude*) bemerkt sehr richtig: „Die Ansicht von 
dem Walde als der alle übrigen überwältigenden Formation, 
also von seiner überwiegenden Vollkommenheit, ist nur 
insoweit richtig, als die äußern Verhältnisse für den Wald 
günstig sind. Stürme, Salzgehalt, Trockenheit des Bodens, 
Beweglichkeit seiner Oberfläche, Nässe, Vertorfung: das 
alles sind Umstände, welche von der Nordseeküste bis zu 
den Hochmooren in den Gebirgen auch innerhalb der kli- 
matischen Hauptsphäre des Baumlebens dennoch den 
Wald bei uns dauernd fernhalten können." 

Schon K. E. von Baer hat 1841 ») darauf aufmerksam ge- 
macht, daß die südrussische Steppe zuHerodots Zeiten bereits 
genau so baumlos war wie heute, so daß sie also seit Jahr- 
tausenden ihre ursprüngliche Waldlosigkeit unverändert ge- 
wahrt hat. Und Korzchinsky*) hebt mit Recht hervor, daß, 

») Das mitteleurop. Lands chajtsbild etc. 366 u. Anm. 2. Pflanzen- 
leben d. Schwab, Alb I 357. 

•) Deutschlands Pflanzengeographie I 293 f. 

») Beiträge z. Kenntnis des Russ. Reiches 4, 178—183. 

♦) In seinem Aufsatz Über die Entstehung und das Schicksal der 
Eichenwälder im mittleren Rußland, Englers Bot. Jahrbücher 13, 472, 
Anm. I (1891). 



Erhaltung waldfreien Geländes u. ihre Ursachen. 105 

ebenso wie der Wald sich selbst „gewisse Bedingungen der Be- 
schattung,derLuft-undBodenfeuclitigkeit" schafft, „weichefür 
die Existenz der Waldformen erforderlich sind", so auch „die 
Anwesenheit der Steppen andere, die Entwicklung der 
Steppenvegetation begünstigende Verhältnisse mitbringt". 

Die Waldlosigkeit der russischen Steppen ist von ver- 
schiedenen Forschem auf den Salzgehalt des Bodens 
zurückgeführt worden. Gradmann*) weist darauf hin, daß 
der trockne Steppenboden sich mit Karbonaten und andern 
Salzen anreichere, während im Waldklima der Boden aus- 
gelaugt werde. Nach Tanfiljews Ausführungen in seinem 
Werk über Die Waldgrenzen in Südrußland haben die 
Aufforstungsversuche in dem Kreise Mariupol, 70 km vom 
Asowschen Meer, ergeben, daß die angepflanzten Bäiune 
(Esche, Ulme, Stieleiche und Spitzahorn) in den ersten 
35 Jahren fröhlich gediehen, daß sie aber eingingen, sobald 
ihre Wurzeln das Gnmdwasser erreichten, weil dieses 
Magnesiumsalze enthält, die dem Baumwuchs besonders 
nachteilig sind.*) Wenn Krause alle Steppen auf das Vor- 
handensein von Salzen im Boden zurückführen will, so ist 
das jedenfalls eine Einseitigkeit, die sich nicht halten läßt. 
Aber daß bei manchen der alten mitteleuropäischen Steppen, 
wie zB. beim Saalegebiet und im nördlichen Vorland des 
Harzes und Weserberglandes, das Vorhandensein von Salzen 
im Boden die Erhaltxmg des waldfreien Zustandes begünstigt 
hat, ist recht wohl möglich. 

Auch der Mangel an Mineralstoffen im Bodenwasser, 
sowie die Ausbildung von Ortstein im Untergnmd hindert 
das Gedeihen der Bäiune. 

Neben den spezifischen klimatischen und terrestrischen 
Bedingimgen der Steppen selbst jedoch gab es noch man- 
cherlei Einwirkimgen der Außenwelt, die, auch abgesehen 
von dem lungestaltenden Eingreifen des Menschen, dem 
Vordringen des Waldes hindernd in den Weg traten und 

*) Das imtteleurop, Lands chaftsbüd 375, Anm. 2. Daselbst weitere 
Literatar über diese Erscheinung. 

*) Vgl. Krauses Bericht, Globus 66, 320. 



106 3- K&P- Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelungsgeschichte. 

als natürliche Verteidigungsmittel für die Erhaltung der 
Steppen und Grasformationen wirkten. Da ist zimächst 
die waldfeindliche Tätigkeit der Flüsse hervorzuheben, die 
durch regelmäßige Überflutxmgen in den Tälern keine Wald- 
decke aufkommen ließen. Femer sei auf die Herden von 
pflanzenfressenden Tieren hingewiesen, denen die 
Steppe und Prärie vor dem Auftreten des Menschen zum 
Aufenthalt dienten, und welche die jung aufsprossenden 
Baumschößlinge benagten, abgrasten oder niedertraten. 
Schon Darwin hat die Bedeutung der Tierwelt für die Art 
und Form des Pflanzenwuchses hervorgehoben und als 
Beleg dafür den Kampf ums Dasein beschrieben, den die 
Kiefer auf den Heiden von Famham gegen die dortigen 
Rinderherden zu bestehen hat. *) Die Heidschnucken Nieder- 
sachsens tragen ebenfalls zur Erhaltimg der Lüneburger 
Heide bei. Borggreve*) und Krause*) machen femer auf 
spezielle Steppentiere, wie Heuschrecken und Nager (Ziesel, 
Springmäuse, Hamster, Murmeltiere, Pfeifhasen) aufmerksam, 
die dem Aufkommen einer Baumvegetation hinderlich sind. 
Besonders nachdrücklich ist die Bedeutung der Weidetiere 
für die Schaffung und Erhaltimg waldfreier Flächen jüngst 
von Bernätsky hervorgehoben worden.*) Er weist darauf 
hin, daß durch wiederholtes Abweiden die Ausbildung von 
Steppenformationen begünstigt wird, und daß bei geeigneten 
Klima- und Bodenverhältnissen, wie im ungarischen Tief- 
land, durch den Eintrieb von Weidevieh eine wahre Steppe 
zur Ausbildung gelangt, während ursprüngliche Steppen 
oder steppenähnliche Formationen ohne die tiefgreifende 
Beeinflussung durch die oft riesigen Herden wilder Weide- 
tiere ihr Aussehen bald verändern würden. 



*) S. Borggreve Verbreitung u, wirtscha/tl, Bedeutung d, wichtigsten 
Waldbaumarten S. 9. 

') Ebenda 9 u. 12. 

') Globus 61, 106. Vgl. auch Die salzigen Gefilde S. 28. 

*) Anordnung der Formationen nach ihrer Beeinflussung seitens der 
menschlichen Kultur u. der Weidetiere; Englers Bot. Jahrbücher 34, 3 flf. 
(1904). 



Erhaltung waldfreien Geländes u. ihre Ursachen. 107 

Und Steppenbrände, deren furchtbar verheerende 
Wirkungen wir aus den Schilderungen der nordameri- 
kanischen Präriebrände genügend kennen, und die auch 
ohne Zutun des Menschen, ähnlich wie die Waldbrände 0, 
durch Blitzschlag entstehen konnten, werden d[is Ihrige 
dazu beigetragen haben, jede aufsprossende Baumvegetation 
im Keim zu zerstören. 

Es gab also zweifellos Faktoren, welche die Erhaltung 
der waldfreien Gebiete begünstigten. Unter ihrem Schutz 
dürften sich die Steppen beim Übergang des kontinentalen 
in ein ozeanisches Klima auch ohne stärkere Kultureingriffe 
der Menschen des vordringenden Waldes erwehrt und sich 
allmählich direkt teils in Heiden, teils (namentlich im Über- 
schwemmungsgebiet der Flüsse) in gewöhnliche Grasfluren 
verwandelt haben. 

Ich bin mit Grisebach, Penck^), C. A. Weber«), 
Drude*) imd Graebner*), im Gegensatz zu Borggreve«), 
E. H. L. Krause') xmd Gradmann®), durchaus der An- 
sicht, daß die wesentlichsten, aus spontanen Pflanzen zu- 
sammengesetzten Vegetationsformationen, die wir heute 
in Mitteleuropa kennen, darunter namentlich die Heiden 
und Grasfluren, auch ohne Zutun des Menschen da sein 
würden und sich tatsächlich schon vor seinem Eingreifen 

») S. oben S. 67 f. 

•) Das Deutsche Reich (Kirchhoffs Länderkuftde des Erdteils Europa 1 1 ) 
S. 437 : „Es ist vielleicht nicht bloß eine Folge sehr intensiver Boden- 
benützung, wenn auf den fraglichen Lößdistrikten der Wald gelegent- 
lich gänzlich fehlt. Unmöglich ist wenigstens nicht, daß dieselben 
von vornherein als Wiesen flächen die Ansiedlung bedingt haben." 

•) Ober die Zusammensetzung des natürl. Graslandes in Westliolstein, 
Däkmarschen u. Eiderstedt. Schriften d. Natw. Ver. f. Schlesw.-Holst. 9, 
212 ff. (1891). 

*) Deutschlands Pflanzengeographie I 288 f. 

*) Studien über die norddeutsche Heide. Englers Bot. Jahrb. 20, 510 flf. 
(1895). ^^ Heide Norddeutschlands. (Engler u. Drude Die Vegetation 
der Erde 5.) Leipzig 1901, S. 58 ff. 82 flf. 

•) Abhandl.y hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 3, 223. 242 flf. 

') In verschiedenen Aufsätzen (s. Lit.). 

*) Das mäteleurop. Landacha/tsbild S. 364 u. Anm. 3. 



106 3> K&P- Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelongsgeschichte. 

entwickelt hatten. Der Mensch hat nur den, im Natur- 
zustand beständigen Wandlungen unterworfenen, Forma- 
tionen Stabilität verliehen, hat aus gemischten Bildungen 
Reinkulturen geschaffen imd hat Ausdehnung imd An- 
ordnimg der einzelnen Bestände nach seinem Willen ge- 
regelt. 

Wenn mm die südrussischen Steppen sich seit Hero- 
dots Zeiten bis in die Gegenwart baumlos erhalten haben 
(s. oben S. 104), imd wenn sich an Stelle der ausgedehnten 
Eichenwaldxmgen, die heute weite Flächen des mittleren 
Rußlands bedecken, noch vor einem oder höchstens andert- 
halb Jahrtausenden Steppen ausbreiteten*), so darf man 
wohl auch für den alten Steppenboden Mitteleuropas im- 
bedenklich voraussetzen, daß er sich im wesentlichen 
wenigstens so lange waldfrei erhielt, bis ihn der Ackerbau 
imd Viehzucht treibende Mensch der jüngeren Steinzeit 
dauernd für die Kultur in Besitz nahm. 

Eine gewisse Mitwirkung des Menschen darf man 
überdies vielleicht schon für die vorneolithische Zeit 
voraussetzen. Insbesondere die Methode des Niederbren- 
nens weiter Wald- und Steppenflächen, wie sie noch heute 
von den Lappen im Norden Skandinaviens geübt wird, 
dürfte frühzeitig von den steinzeitlichen Menschen in An- 
wendung gebracht sein, um sich offene, übersichtliche 
Jagdgründe zu bewahren. 

Diese Schlüsse, zu denen wir mehr auf Grund allge- 
meiner Erwägungen gelangt sind, erhalten eine willkom- 
mene Bestätigung durch die vom dänischen National- 
museum veranstalteten Ausgrabungen der Hügelgräber 
auf der jütischen Halbinsel, über die Sarauw in 
seinem Aufsatz Lyngheden i Oldtiden (1898) berichtet 
hat. Eine sehr große Anzahl dieser Gräber in allen Ge- 
genden der Halbinsel, von der Elbe bis zum Skagerrak, 
von der Nordsee bis zum Kattegat und zur Ostsee, wurden 
von den dänischen Gelehrten genau auf ihren Inhalt und 



*) Korzchinsky aaO. 484. 



Erhaltung waldfreien Geländes u. ihre Ursachen. 109 

ihre Lagerungsverhältnisse geprüft. Dabei hat sich er- 
geben, daß die meisten dieser Grabdenkmäler zweifellos 
in ausgesprochenem Heidegebiet angelegt worden sind. 
Und da die Gräber bis in die jüngere Steinzeit zurück- 
reichen, so muß es schon damals in allen Teilen der cim- 
brischen Halbinsel Heidestrecken gegeben haben. 

Anderseits enthielten sämtliche Grabhügel fast ohne 
Ausnahme Baiunkohlen, so daß also auch Wälder in der 
Nähe derselben existiert haben müssen. Es ist sogar 
durchaus wahrscheinlich, daß die jütischen Wälder im 
Altertum wie im Mittelalter weit größere Flächen Landes 
bedeckt haben als heutzutage, worauf ua. auch die gegen- 
wärtigen Eichen-Buschwälder hindeuten, und es ist zweifel- 
los, daß sowohl das Volk der Steinzeit als auch das der 
Bronze- imd Eisenzeit zur Ausrottxmg der Wälder beigetragen 
hat. Aber ebenso sicher ist es nach Sarauw (S. 124), daß 
die Heiden ihr Dasein nicht ausschließlich der rodenden 
Tätigkeit des Menschen verdanken, und daß sie auch, um 
alten Waldgrund zu erobern, nicht notwendig auf das Ein- 
greifen des Menschen angewiesen sind. Heiden treten auf 
der jütischen Halbinsel schon in so früher Zeit auf, daß man 
unbedenklich annehmen darf, daß sie vor der Einwan- 
derung des Menschen bereits dort vorhanden waren. 

Der Wald hat nach Sarauw wohl niemals das ganze 
Land bedeckt, vielmehr gehen die Heidebildungen in ihren 
Ursprüngen direkt auf die ältesten Pflanzenformationen 
zurück, die nach dem Abschmelzen des Eises vom Lande 
Besitz ergriffen. „Erst Hochgebirgsflora und Steppe, dann 
Wald und Heide" haben nach Sarauw (aaO.) den vom Eise 
verlassenen Boden unter sich geteilt. 

Auf der jütischen Halbinsel ist die Verteilung von Wald 
und Steppe bezw. Wald und Heide also eine ganz ähnliche 
gewesen, wie wir sie für das mitteleuropäische Gebiet zu 
erweisen suchten. Nach Analogie der jütischen Verhältnisse 
werden wir mit Sicherheit annehmen dürfen, daß auch in 
Norddeutschland schon vor dem Auftreten des Menschen 
ausgedehnte Heideflächen vorhanden waren, was Graebner 



110 3. Kap. Wald u. Steppe in ihren Beziehungen z. Siedelnngsgescbicbte. 

in seinen Studien über die norddeutsche Heide ^) bereits 
1895 behauptet hat. Die Heide ist sicher nicht bloß, 
wie Borggreve und Krause annahmen, durch die mensch- 
liche Rodetätigkeit aus alten Waldflächen hervorgegangen, 
sie verdankt ihre Erhaltung nicht nur der menschlichen 
Kultur, sondern sie ist eine primäre Formation, die sich 
auch unabhängig vom Eingreifen des Menschen im Kon- 
kurrenzkampf mit andern Pflanzenformationen siegreich zu 
behaupten vermag. Künftige Untersuchungen neolithischer 
Grabdenkmäler nach dem Vorgange Sarauws werden das 
hohe Alter der Heiden zweifellos auch für Nordwestdeutsch- 
land noch weiter erhärten. 

Ganz neuerdings ist ein wichtiges Werk erschienen,*) 
worin die Gültigkeit imsrer Ausführungen über die Bedeu- 
tung der waldfreien Gebiete auch für die älteste Siedelungs- 
geschichte Norwegens dargetan wird. Nach dem Bericht 
Brenners^) führt der Verfasser, A. M. Hansen, darin den 
interessanten Nachweis, daß die Verbreitimg der Origanum- 
Flora, dh. der Pflanzendecke der offenen, sonnigen Plätze 
imd der Waldlichtungen, in Norwegen genau mit der Aus- 
dehnung der frühesten indogermanischen Siedelungen zu- 
sammenfällt, die durch die Ortsnamen auf -vin und -heim 
gekennzeichnet werden. Das läßt sich offenbar nur dadurch 
erklären, daß die ersten indogermanischen Ansiedler im 
Lande waldfreie Strecken vorfanden, auf denen sie ihre 
Niederlassungen gründeten. Wie in Deutschland, so hat 
auch in Skandinavien die älteste Ackerbesiedelung am 
Rande der Nadelwaldzone Halt gemacht. 

Es haben sich also in allen Ländern Mittel- imd 
Nordeuropas ausgedehntere waldlose Flächen bis in die 
Zeiten erhalten, wo die Ackerbau und Viehzucht treibenden 



*) Englers Bot. Jahrbücher 20, 510 ff. (1895). 

•) Andr. M. Hansen Landttäm i Norge, En utsigt over Bosairnngens 
Historie. Kristiania, W. C. Fabritius u. Söhne, 1904 (in 400 Exemplaren 
gedruckt). 

^) In der Beilage z. Allgem. Zeitung vom 16. Juni 1904. Das Buch 
selbst konnte ich nicht mehr verwerten. 



Erhaltung waldfreien Geländes u. ihre Ursachen. Hl 

Menschen der jüngeren Steinzeit dauernd von ihnen Besitz 
ergriffen. 

Von den neolithischen Stämmen aber gingen diese 
Kulturgebiete an die Bevölkerungen der folgenden Perioden 
über. Im Wechsel der Völker und ihrer Schicksale wurde 
an dem uralten Kulturboden mit Zähigkeit festgehalten. 

So sind offene, waldfreie Striche, welche neuen Völker- 
scharen das Einrücken in das Herz Mitteleuropas ermög- 
lichten, auch nach dem Aufhören der eigentlichen Steppen- 
formationen bis in junge Zeiten dauernd bewahrt geblieben. 
Sie sind die großen Heerstraßen geworden, an denen die 
menschlichen Niederlassungen sich am dichtesten zu- 
sammen drängten, die Zentren, von denen die Kultur sich 
verbreitete. Die vorhistorischen Handels- und Verkehrs- 
wege folgen in der Regel diesen Strichen, und noch bis in 
die historischen Zeiten hinein haben sich auch die Hin- und 
Herwandenmgen der mitteleuropäischen Völker meist auf 
diesen uralten natürlichen Völkerstraßen vollzogen, während 
die Wälder und namentlich die Waldgebirge bis in die 
Gegenwart ihren völkertrennenden Charakter behauptet 
haben. 



Viertes Kapitel. 

Die Baumnamen und die Heimat der Indogermanen. 

Literatur. MoritzWillkomm Forstliche Flora von Deutsch- 
land u. Österreich, Leipzig 1875. 2. Aufl. 1887. J. L. Stewart 
and Dietr. Brandis The Forest Flora of Northwest and Central 
Jndia. London, W. H. Allen & Co. 1874. — K. Penka Über die 
Zeit des ersten Auftretens der Buche in Nord-Europa u. die Frage 
nach der Heimat der Arier, Globus 53, 200—205 (1888). O. 
Schrader Sprachvergleichung und Urgeschichte, Linguistisch- 
historische Beiträge zur Erforschung des indogerm. Altertums, 
2. Aufl. Jena 1890. S. 393 ff. Gibt eine Geschichte der Hypo- 
thesen über die Heimatsfrage. Paul Wagler Die Eiche in alter 
u. neuer Zeit. Eine mythologisch-kulturhistor, Studie, I. Teil : Progr. 
des Kgl. Gymnas. zu Würzen. 1891. IL Teil: Berliner Stud. f. 
klass. Philol. u. Archäol. 13, 2. Heft. Berlin 1891. Ernst H. L. 
Krause Die indogerman. Namen d. Birke u. Buche in ihrer Be- 
Ziehung zur Urgeschichte, Globus 62, 153 — 157. 161 — 168 (1892). 
Mit einer Karte. H. Hirt Die Urheimat der Indogermanen. Idg. 
Forsch. I, 476 ff. (1892). W. Streitberg Die Urheimat der Indo- 
germanen. Frankfurter Zeitung 8. 10. 15. März 1903. F.Seiler 
Die Heimat der Indogermanen. Hamburg 1894. S. 27 f. 34 ff. H. 
Hirt Die Urheimat u. die Wanderungen der Indogermanen. Geogr. 
Zeitschr. i (1895), 649—665. O. Schrader Reallexikon d. indo- 
german. Altertumskunde. Straßburg 1901. S. 488 ff. 878 ff. 934 ff. 
M. Much Die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschicht- 
lichen Forschung. Berlin 1902. 2. Aufl. 1904. G. Kossinna Die 
indogermanische Frage archäologisch beantwortet. Zeitschr. f. Ethno- 
logie 34, 161 — 222 (1902). E.'de Michelis L origine degli Indo- 
Europei. Torino 1903. Vgl. Penkas Kritik Mitt. d. Anthropol. 
Ges. Wien 33, 353—358 (Sept. 1903). 

Einleitendes. Unsere Untersuchung hat bisher 
lediglich pflanzengeschichtliche und archäologisch-kultur- 
historische Ziele verfolgt. Wir haben die Baumflora der 



Einleitendes. 113 



wichtigsten und besterhaltenen Kulturzentren Nord- und 
Mitteleuropas aus neolithischer Zeit festzustellen und ihr 
chronologisches Verhältnis zu den früher erörterten Vege- 
tationsepochen der nord- und mitteleuropäischen Pflanzen- 
welt zu ermitteln versucht, und wir haben sodann ein 
Gesamtbild von dem landschaftlichen Charakter Mittel- 
europas zur Zeit der prähistorischen menschlichen Sie- 
delungen entworfen. Irgend welche Rücksichten auf die 
ethnographischen Verwandtschaftsverhältnisse der Bewoh- 
ner jener vorgeschichtlichen Niederlassimgen haben uns 
bis jetzt fem gelegen. 

Es wird nimmehr Zeit, uns den Völkern indogerma- 
nischer Sprache zuzuwenden, welche in jüngerer prä- 
historischer imd in frühhistorischer Zeit nachweislich in 
Nord- und Mitteleuropa gesessen haben. 

Die ältere, bewußt oder unbewußt unter dem Einfluß 
des alttestamentlichen Paradiesesgedankens stehende Schule 
der indogermanischen Sprach- und Altertumswissenschaft 
liebte es, die Heimat der ungeteilten Indogermanen 
in Asien zu suchen. Diese Anschauung, die lange Zeit 
als festes Dogma gegolten hat, die in viele geschichtliche 
und kulturgeschichtliche Lehrbücher übergegangen ist und 
in Laienkreisen fast als eine absolut gesicherte wissen- 
schaftliche Tatsache aufgefaßt wird, ist in neuerer Zeit 
von Archäologen, Ethnologen imd Sprachforschern immer 
entschiedener bekämpft worden, und heutigentags gibt es 
mir sehr wenige bedeutendere Gelehrte mehr, die an der 
asiatischen Theorie festhalten. Die Gründe, welche zu 
diesem Umschwung geführt haben, können uns hier nicht 
beschäftigen. Tatsache ist, daß die jüngere Forschung 
die Heimat der Indogermanen nach Europa verlegt. 

Über die Gegend freilich, wo das indogermanische 
Urvolk in Europa gewohnt hat, sind die Ansichten noch 
sehr geteilt Cuno und Schrader suchen seinen Ursitz in den 
Steppen Südrußlands, Seiler in dem mittelrussischen Grenz- 
htark zwischen Wald und Steppe, Tomaschek an der un- 
tern, de Michelis an der mittleren Donau (zwischen Donau, 

Hoops, Waldb&ume u. Kulturpflanzen. 8 



114 4' Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

Karpathen und Dnjepr), Kretschmer in Mittel- und Osteiu-opa, 
Geiger in Deutschland, Hirt und Streitberg in den südost- 
baltischen Gebieten, in der Gegend des heutigen Lithauens, 
Wilser und Penka in Skandinavien, M. Much und Kossinna 
endlich in Norddeutschland und den nordischen Ländern. 

Man hat nun schon mehrfach versucht, aus der Über- 
einstimmung in den indogermanischen Namen der Wald- 
bäume Schlüsse auf die Urheimat der Indogermanen zu 
ziehen, dh. auf die Gegend, wo sie unmittelbar vor ihrer 
Trennimg in Einzelvölker imd Einzelsprachen wohnten. 
Die Benennungen der Waldbäume scheinen allerdings zu 
diesem Zwecke besonders geeignet, einmal, weil sie we- 
niger Wanderungen imd Entlehnungen von Sprache zu 
Sprache unterworfen sind als zB. die Namen der Kultxu*- 
pflanzen, und zweitens, weil das Verbreitimgsgebiet vieler 
Waldbäume ein eng umgrenztes ist. Freilich ist es auf 
der andern Seite oftmals schwierig, die Grundbedeutung 
einer Namengattung festzustellen, da die Baumnamen in 
ihrer Bedeutung außerordentlich wandelbar sind imd nicht 
selten von einem Baum auf einen nach unsem Begriffen 
wesentlich verschiedenen übertragen werden. 

Wir wollen im folgenden zunächst durch eine erneute, 
eingehende Untersuchung ermittehi, welcher Bestand an 
Waldbäumen sich für die Urheimat der Indogermanen aus 
den gemeinsamen Baunmamen der indogermanischen 
Sprachen erschließen läßt; und wir wollen dann die so 
gefimdene Baumflora mit derjenigen vergleichen, die nach 
imsem bisherigen Ergebnissen in prähistorischen Zeit- 
räumen und speziell zur jüngeren Steinzeit in Nord- und 
Mitteleuropa geherrscht hat. Nachdem die Botanik imd 
Archäologie gesprochen, tritt also nunmehr die Sprach- 
forschung in ihre Rechte. 

Birke und Weide wurden längere Zeit für die ein- 
zigen Bäume gehalten, deren Namen bis in die gemein- 
indogermanische Urzeit zurückreichen. Aus dieser win- 
zigen Anzahl indogermanischer Baumnamen gegenüber 
dem verhältnismäßigen Reichtum an alten Säugetiemamen 



Birke u. Weide. Eiche. 115 



hat Schrader in seiner Sprachvergleichung und Ur- 
geschichte (2. A. 1890) gefolgert, daß die Indogermanen 
vor ihrer Trennung in einem waldarmen Gebiet, dh. in 
einer Steppe gewohnt hätten, eine Folgerung, die durch 
andere Umstände bestätigt zu werden schien. Es ist 
Hirts Verdienst, durch den Nachweis weiterer Baum- 
namen für die indogermanische Urzeit die Unhaltbarkeit 
dieses Schlusses ex silentio dargetan zu haben.*) 

Eiche. Schrader selbst hatte bereits ahd. tanna 
Tanne* (aus \xig&cm*dan-wö, \Ag*dhan'Ua)m\X, aind.dhänva 
IL 'Bogen' zusammengestellt.*) Ob freilich die Gnmdbedeu- 
tung von idg. *dhanuä wirklich 'Eiche* war, wie Hirt und 
Schrader meinen, muß zweifelhaft bleiben. Der in letzter 
Zeit üblich gewordene Bedeutungsansatz 'Eiche' neben 
Tanne* für ahd. tanna ist ohne Beleg. Als Lemma von 
tanna erscheint in den Vokabularen durchweg abies. Der 
Ansatz 'Eiche" stützt sich auf eine einzige ahd. Glosse 
quercus: tanna aus dem 11. Jahrhundert.') Marchot*), der 
friaulischen Ursprung des ganzen Glossars vermutet, trennt 
die beiden Wörter und hält tanna, unter Hinweis auf 
friaul. däne Tanne', für ein romanisches Wort. Die 
deutschen Übersetzungen von quercus imd tanna sind 
nach seiner Auffassimg zufällig ausgefallen. Die beiden 
Glossen sollen 'Brennholz' bezeichnen. Ich sehe mit Stein- 
meyer keinen Grund zu dieser Annahme. Die zwei 
Wörter gehören zu einer Gruppe von Glossen für Sattel- 
und Lederzeug, und Steinmeyer meint deshalb: „Die Glosse 
erscheint verderbt, da der Baumname, abgesehen von 
seiner falschen Verdeutschung, nicht hieher paßt". Ver- 

») Idg. Forsch, i, 477 ff. (1892). 

•) Bezzenbergers Beiträge 15, 289 (1889); SprachvergL u. Urgesch.* 
322; Reallex. 241. Vgl. Liddn PBBeitr. 15, 518. Uhlenbeck Etym, 
Wib, d, altindischen Spr. 134. 

*) Sievers-Steinmeyer -4Ä//. G/^jj. III 651, i. Diese Glosse ist von 
Björkman in seinem Aufsatz über Die Pflanzennamen der althochd, 
Glossen (Zeitschr. für deutsche Wortforschung II 219, Anm. 2) augen- 
scheinlich übersehen worden. 

♦) Les Gloses de Vitrme. Friboürg 1895 ; S. 29. 

8* 



116 4- Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogennanen. 

derbt ist die Glosse nun wohl nicht, aber sie bedeutet nicht 
'Eiche', sondern 'Eichenrinde, Eichenlohe' und paßt so 
recht gut in den Zusammenhang. Die Bedeutimg *Lohe* 
hat ja auch das aus ahd. tanna stammende frz. tan, wozu 
tanner 'rot gerben' etc.*) Tannen-, Fichten- und Kiefern- 
rinde enthält nicht viel weniger Gerbsäure als Eichenrinde 
und wurde und wird neben dieser allgemein zur Gewinnung 
von Lohe verwandt. Das frz. tan oder das ihm zugrunde 
liegende ahd. tanna 'Lohe' bedeutete jedenfalls ursprünglich 
•Tannen-* , nicht "Eichenrinde, Eichenlohe", in zweiter Linie 
dann Xohe" im allgemeinen, einschließlich der Eichenlohe. 
Diese Bedeutungsstufe liegt in der obigen ahd. Glosse 
quercus: tanna vor. 

Es gibt also tatsächlich kein einziges althochdeutsches 
Beispiel, wo tanna wirklich den Eichbaum bezeichnet, und 
es ließe sich zur Stütze dieses Ansatzes höchstens noch die 
von Thurneysen') angeführte comische Glosse quercus 
vel jllex: glas tannen vel dar heranziehen, die in mbret. 
glas tannenn: prinus, Hex wiederkehrt. Im Neubretonischen 
(L6on) hat tann^ wie Thumeysen mir mitteilt, außer 'Eiche* 
gelegentlich, aber selten, die Bedeutung von frz. tan 'Lohe'. 
Das bretonisch-comische tann 'Eiche* läßt sich allerdings 
von dem deutschen Nadelholznamen tanne nicht trennen. 
Aber da der Ausdruck offenbar, wie Thumeysen und 
Victor Henry') mit Recht annehmen, durch das Mediiun 
des Französischen gegangen ist, wo das Lehnwort tan nur 
im Sinn von *Lohe" vorkommt, so dürfte das bretonisch- 
comische Wort ursprünglich ebenfalls 'Lohe, Rinde' be- 
deutet haben. Auch Thumeysen sieht, wie er mir unterm 
30. August 1902 schreibt, die Verbindimg von 'Tanne' und 
'Eiche' im Gerben. 

Ich glaube, daß die obigen beiden Glossen selbst eine 
Andeutung des ursprünglichen Sinnes 'Lohe, Rinde' und 

*} Diez Etymol. W6rth. d. roman. Sprachen 683 f. 
•) Keltoromanisches 113, aus Gramm, Cclt,* pag. 1077. 
■) Lexique £tymoIogique des termes les plus usuels du Breton Moderne, 
(Bibl. Bretonne Armoricaine 3.) Rennes 1900. S. 260. 



Eiche. 117 

zugleich des Bedeutungsübergangs •Eichenrinde — Eiche" 
enthalten. Das sachlich bisher unerklärte glas der Glossen 
ist nicht als erstes Glied eines Kompositums glas-tannen zu 
fassen, das eine besondere Eichenart bedeutet hätte, sondern 
gleis ist Adjektiv, und glas tannen bezeichnet die grüne 
Eiche im Gegensatz zur getrockneten Eichenrinde. 

Nach alledem läßt sich die Bedeutung 'Eiche' für ahd. 
tanna nicht gut mehr verfechten. An sich wäre sonst gegen 
die Bedeutungsentwicklung 'Eiche — Bogen' nichts einzu- 
wenden; das aind. ärunam 'Bogen' zB., das nach Osthoff*) 
zu öpöq "Eiche' gehört, würde eine gute Parallele zu dhänva 
•Bogen' geben. Idg. *dhanuä kann jedoch ebensogut 'Eibe' 
oder irgend eine andere Baumart bezeichnet haben. Wie 
aber auch der ursprüngliche Sinn des Namens gewesen sein 
mag, jedenfalls dürfen wir, wenn Schraders Etymologie 
richtig ist, in dem Worte einen Baum- oder Holznamen 
sehen, der in die gemeinindogermanische Epoche zurück- 
reicht. 

Ist die Grundbedeutung 'Eiche* für diesen Namen ohne 
Gewähr, so ist es doch anderseits vollkommen sicher, daß die 
Eiche in der Baumflora der Urheimat der Indogermanen eine 
hervorragende, wenn nicht herrschende Stellung 
einnahm. 'Eiche', nicht 'Baum*, auch nicht 'Fichte', wie 
Hirt meint, ist die Grundbedeutimg der weit verbreiteten, 
unendlich fruchtbaren Familie von aind. däru, dru- 'Holz', 
drumds 'Baum', drunam 'Bogen*; avest. dä^ru, 'Holz'; gr. 
bpöq "Eiche', öopu 'Speer* ; maked. bdpuXXoq 'Eiche' ; alban. 
dru 'Holz, Baum' ; akslav. dr^o 'Baum, Holz*, russ. d^rewo 
'Baum' ; lit. dervä 'Kienholz' , lett. darwa 'Teer' ; aisl. tjara^ 
ae. teoruy mnd. tere^ ter 'Teer', got. triUy aisl. tre, ae. treo 
"Baum*, aisl. tyrr 'Föhre'; agall. Dervus Ortsname 'Eichen- 
wald', bret. cymr. derw plur. 'Eichen', derwen singL, air. 
daur 'Eiche', cymr. corn. dar 'Eiche' etc. Im Germanischen 
und Baltischen hat das Wort augenscheinlich die Bedeutung 
Töhre' angenommen; ob auch lat. lärix 'Lärche* hierher 



*) Etymologische Parerga, Leipzig 1901. I 102. 



118 4« Kap. Die Baumnamen o. die Heimat der Indogermanen. 

gehört, ist mir, wie Osthoff, *) noch zweifelhaft Aind, pitu- 
däru 'eine Fichtenarf und deva-däru 'die Ceder des Hima- 
laya' beweisen nichts für die 'Bedeutung Fichte', da aind« 
därUy drU' für sich 'Holz, Baum* bezeichnet. Dem germanisch- 
baltischen 'Föhre' steht im Makedonischen, Griechischen und 
Keltischen die Bedeutimg 'Eiche' gegenüber. Daß der Ursinn 
dieser Wortfamilie tatsächlich 'Eiche, Hartholz* war, wird 
durch Osthof fs glänzenden Aufsatz „Eiche und Treue"') 
imwiderleglich dargetan. Die außerordentliche Verbreitimg 
und reiche Differenzienmg der Sippe dereu-, deru-^ doru-y 
drü- aber beweist, welch wichtige Rolle das Eichenholz im 
Leben der Indogermanen gespielt haben muß. 

Diese sprachgeschichtliche Tatsache erinnert von selbst 
an ein früher besprochenes Ergebnis der paläontologischen 
und archäologischen Forschimg: die stratigraphische Unter- 
suchung der nordischen und deutschen Torfmoore und der 
Muschelhaufen hat uns gelehrt, daß der vorherrschende 
Waldbaum Nord- und Mitteleuropas während einer langen 
pflanzengeschichtlichen Epoche und namentlich gerade im 
Zeitalter der neolithischen Kultur die Eiche war. 

Neben diesem wahrscheinlich ältesten indogermanischen 
Eichennamen steht ein anderer, der gleichfalls noch in die 
Urzeit zurückreicht: lat. quercus^ welches nach Hirts an- 
sprechender Deutung aus *perqus entstanden ist, wie quinque 
aus *penqej coquö aus *peqö^) Der Name hat im Germanischen 
eine starke Bedeutungsverschiebung erlitten, indem die 
formell im Ablautsverhältnis zu ihm stehenden Wörter ahd. 
forha^ ae. furh-wudu^ anord. fura die Föhre bezeichnen ; 
aber das ahd. Kompositum fereh-eih und die longobardische 
Glosse /(?r^//a: aesculus bewahren den alten Sinn. Ich glaube 
Spuren dieser ursprünglichen Bedeutung femer in neueren 
volkstümlichen deutschen Benennungen wie ferkel-y fürk-, 
furkel-, verk-y verkel-j vier-eichCy nd. füereke (Unterweser)^ 

*) Ebenda 156. •) Ebenda 98 flf. 

*) Näheres bei Hirt Idg. Forsch, i, 479. Brugmann Grundr, d. 
vergl. Gramm* I, S. 514. Vgl. auch Schrader ReaUex, 164. Uhlenbeck 
in Sievers Beitr. 26, 297. 



Eiche. 11 Ö 

fareek (Münster) erblicken zu dürfen,*) die zum Teil volks- 
etymologisch mit ferkel "Schwein* in Zusammenhang ge- 
bracht sind.') 

Einen Ableger dieses europäischen Namens vermutet 
nun Hirt in dem Sanskritwort park-afth, welches Fictis 
religiosa, den Feigenbaum, bezeichnet. Ist der Name im 
Altindischen genügend belegt, so könnte ich eine weitere 
Bestätigung dieser Gleichung bieten: parg-äi, das wohl auf 
park-afih zurückgehen kann, ist im Indusgebiet noch heute 
ein volkstümlicher Name der Steineiche, Quercus Hex L.') 

Die Bedeutungsentwicklung 'Eiche-Föhre' in den 
germanischen Wörtern ahd. forha, ae. furhwtidu, anord. 
fura ist die gleiche wie in anord. tyrr 'Föhre', lit. dervä 
Tüenholz' gegenüber öpöq, ödpuXXoq, daur. Es ist sicher 
kein Zufall, daß die jüngere Bedeutung sich übereinstim- 
mend beide Male in den germanischen, in einem Falle 
außerdem in den benachbarten baltischen Sprachen 
findet. Die auffallende Tatsache scheint mir darauf hin- 
zuweisen, daß die Germanen und Balten aus der alten 
Eichenheimat der Indogermanen in Gebiete ge- 
wandert sind, wo die Föhre der herrschende Wald- 
baum war. Das Zwischenglied des semasiologischen 
Wandels haben wir in allgemeineren Bedeutungen, wie ae. 
treo 'Baum' und akslav. dr^o 'Baum, Holz*, russ. derewo 
'Baum' zu erblicken. Ähnlich hat bekanntlich eik auf Is- 
land, wo es weder Eichen noch sonst größere Bäume gibt, 
den allgemeinen Sinn 'Baum' angenommen. 

Ich möchte noch einen dritten alten Eichennamen für 
die indogermanische Urzeit vermuten, der im Indischen und 
Germanischen seine Spuren hinterlassen hat. In den heu- 
tigen Dialekten des Penjab gibt es einen recht verbreiteten 
Namen für verschiedene Eichenarten {Quercus Hex, Q. 



») Belege s. bei Pritzel u. Jessen Bü deutschen Volks nameti d, 
Pßanzen 321 f. 

«) Kauffmanns Auffassung (Sievers Beitr. 18, 140, Anm. 2) kann 
ich nicht beipflichten. 

•) Stewart-Brandis Forest Flora of Northwest and Central India 480. 



120 4. Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

semicarpifolia, Q. düatata), der als karsu, karsüi, karsu, 
kharsu, karshu, karsh transskribiert wird/) was wohl einen 
Lautwert karsu und kariu (kariu) repräsentiert. Falls hier 
die Formen mit s die normalen sind und das s auf älteres 
ä (i) zurückgeht, möchte ich diesen Namen zu dem bisher 
nicht befriedigend erklärten germ. Worte *hargtis *Hain, 
Götzenbild, Kultusstätte' aus vorgerm. *karküs stellen: ae. 
hearg 'Kultusstätte, Hain, Idol', anord. hgrgr 'Kultusstätte', 
ahd. harug 'Hain, Heiligtum, Idol*, dazu ahd. harugari 
Triester, Wahrsager*.') Schrader») vergleicht mit germ. 
*hargtis das apreuß. karige 'ebirboem, Eberesche', aber das 
preußische Wort ist zu wenig durchsichtig. Wenn meine 
Gleichung penjab. karsu: germ. hargus mit der Grund- 
bedeutung 'Eiche' richtig ist, so wäre sie eine neue Be- 
stätigung für die religiöse Verehrung heiliger Eichen und 
Eichenhaine bei den Indogermanen. 

Durch die Tatsache, daß die Eiche in den Ursitzen der 
Indogermanen ein wichtiger Waldbaum war, wird Asien 
als mögliche Heimat derselben ausgeschlossen, da 
die hauptsächlichen waldbildenden Eichenarten in ihrer 
Verbreitung auf die Länder westlich des Ural und des 
Kaspischen Meeres beschränkt sind. 

Nadelholz. Eine idg. Benennung für eine Koniferen- 
sorte haben wir in gr. iriTuq 'Fichte', aind. pltu-däru, pJta- 
dru 'Fichtenart', pamirdial. />//, wozu Hirt mit Recht lat. 
pJnus aus *pU'Snus stellt, was auch Schrader (aaO. 241) 
billigt. Dieser Name pltusj der den südindogermanischen 
Dialekten eigen war, bedeutet ursprünglich 'Harz, Pech' 
(vgl. lat. pitulta 'Baumsaft, Harz; zähe Feuchtigkeit, 
Schleim', gr. ttujüv 'fett', aind. pfnas 'feist'), weiterhin dann 



^) Stewart-Brandis aaO. 479. 480. 482. 

') Man könnte geneigt sein, an eine Verbindung jenes karsu mit 
lat. quercus aus einer idg. Grundform *qerlus zu denken ; doch möchte 
ich lieber an der Hirtschen Etymologie von quercus festhalten, zumal 
sich uns im Obigen verschiedene neue Stützen für dieselbe ergeben 
haben. 

*) Reallexikon d, idg. Altertumsk. 857. 



Nadelbolz. Esche u. Espe. 121 

Harzbaum, Fichte*. Doch läßt sich bei der Wandelbarkeit 
der Baumnamen nicht feststellen, welche Koniferen art der 
Name im Indogermanischen bedeutete. 

Urindogermanisch ist auch ein anderes Wort für Baum- 
harz: ae. cwidu "Harz*, ahd. quitiy kuii "Leim", mhd. küte^ 
nhd. kütty kitt\ lat. bitümen; aind. jätu n. *Lack, Gummi'; 
npers- iarf 'Gummi'; idg. Gnmdform *getü-*getü'.^) 

Esche und Espe. Als Charakterbäume der Urheimat 
der Indogermanen dürfen wir femer vielleicht die Esche 
{Fraxinus excelsior L.) und mit großer Wahrscheinlichkeit 
die Espe {Populus tremula L.) in Anspruch nehmen. 

Der Name esche kommt in sämtlichen europäischen 
Sprachen und im Armenischen vor. Das -k- des german. 
Wortes ist nur ableitend; die ursprünglichste Form des 
Namens scheint *äs'ts^ wechselnd mit "^äs-iSy gewesen zu 
sein. Die baltischen Sprachen stehen dieser ältesten 
Namensform am nächsten: lit. lett. üsis 'Esche' (gen. üscha)^ 
preuss. woasis "Esche'. Eine Spur dieses Namens haben 
wir nach Schrader imd Uhlenbeck auch in gr. dxeptüTq 
'Pappel' aus *dx€p-uü(Tiq.*) — Die andern Dialekte haben 
teils -k-j teils -«- Erweiterungen. Auf eine Grundform *äs-kis 
gehen außer den germanischen Sprachen noch zurück: 
gr. öEun, 6E4a "Buche* und 'Speer' (Grdf. *ö(Tk[€](J-), alb. 
ah "Buche* (aus aslca-\ armen, hagi 'Esche* (aus askhiO'). — 
Eine Grundform ^äs-in-os^ *ds'in'ä^ *äs-tn-is setzen die sl avi- 
schen, italischen und keltischenSprachen voraus: akslav. 
jasenu^jasem "Esche', po\n,jasien 'Esche', nbulg. serb. nslov. 
czech. Ti^otb.jasen dass., russ.y^s^m dass.; lat. ornus "Berg- 
esche* imd "Speer' (aus *osinos)\ urkelt. *onnä aus *osnä, 
cymr. onn-en (pl. onn), com. onnetty bret. ounnen, air. huin- 
nius (gl. fraxinus), mir. uinsenn, uindsend (gl. fraxinus).') 

») Vgl. Kluge Et, WSrtb, d. deutsch, Spr, sv. Kitt, sowie Bartholomaes 
AUiran. IVörtb, 

•) Schrader Reatlex. 205. Uhlenbeck Siev. Beitr. 26, 295. 

•) Vgl. Brugmann Grundr, d, vgl, Gramm, d, idg. Spr,* I S. 154. 
»58. 564. 566. 772, 3. 856 Anm. I. 867 Anm. 943 Anm. i. Miklosich 
Et. IVörtb. d. slav, Spr, 100. G. Meyer Bezz. Beitr. 8, 186. Fick eben- 



122 4- Kap. Die Baumnamen a. die Heimat der Indogermanen. 

Diese «-Ableitungen verhalten sich zu der Grundform *dsis: :rt 
*äsis ähnlich wie lat. avena aus ^aves-na zu aksl. ovisu^ oder t 
wie lat. alnns aus *alsnus zu nordeurop. alsä. ^^ 

In den indoiranischen Idiomen ist der Name esche bis :tä 
jetzt nicht nachgewiesen, doch spricht seine große Ver- ^ 
breitimg in den sämtlichen europäischen Sprachen und sein .^j 
Vorkommen im Armenischen dafür, daß er in sehr frühe .1 
Zeiten zurückreicht, also wohl urindogermanisch war. ^^ 

Der Name ^spc, aspe ist dem Germanischen zunächst v^ 
mit dem Baltisch-Slavischen und Griechischen ge- j. 
mein. Balt. Sprachen: preuß. abse^ lett apsa 'Espe*. (Aber 
lit. apussßy aptisjsis f. 'Espe', epusse f. 'Schwarzpappel*, .;^ 
das Miklosich hierher stellt, hat lautlich anscheinend mit ,^ 
lett. apsa nichts zu tun.) — Slav. Sprachen: serb. wosa 7^ 
(aus osa\ wosina, czech. osika, wosika^ osorb. vosa, vosytta, 
nsorb. vosa^ poln. osa, osika, osinay klruss. osyka, osyna, ^ 
russ. osinay alle mit der Bedeutimg 'Espe'.*) Diese slavi- ^ 
sehen Namen gehen auf eine Grundform *opsa, *opsina, 
*opsika zurück, wie wosa, osa 'Wespe' aus wopsa (lit. ^ 
vapsa)y Osor aus apsorum,^) 

Aus dem Griechischen stelle ich hierher dfoirpi^, 
darrpoq f. 'eine fruchtlose Eichenart'.') An der verschie- 
denen Bedeutimg wird man sich, bei der bekannten Ver- 
änderlichkeit der Bedeutung der Baumnamen, nicht stoßen 
dürfen. Die Espe kommt nur noch in Thracien und Mace- 
donien häufiger vor, im eigentlichen Griechenland ist sie 
sehr selten, wodurch die Übertragimg des Namens be- 
günstigt wurde. — Femer gehört dazu gr. dcnri^ f. 'Schild', 
wie atTi? f. 'Schild* sich zu afTiXuaip und germ. *aiks 'Eiche', 
stellt. 



da 16, 171. Stokes bei Fick Vergleich. IVärtb, II* 51. Zubat^ Bezz. 
Beitr. 18, 254. Bugge Kuhns Zs. 32, 15. Hübschmann Armen. Gramm. 
S. 465. Stokes Rev. Celt. 9, 244. Pedersen Idg. Forsch. 5, 44. Sommer 
Handb. d. lat. Laut- u. Formenlehre S. 147. 149. 211. 

*) Nemnich Allg. Polyglotten- Lexikon d. Natur gesch. II 1046. Miklosich 
Et. Wtb. d. slav. Spr. 100 f. 

») Fick Vergleich. Wörtb. II» 310. Miklosich aaO. 227. 

«) Theophrast Hist. Plant, III 8, 7. Stephanus Thesaurus I 2, 2221. 



Esche u. Espe. 123 



Sehr bemerkenswert sind weiterhin die Namen für 
•Espe* oder Tappel' in einigen türkisch- tatarischen 
Sprachen, die ich teils bei Nemnich finde, teils der freund- 
lichen Mitteilung Heinrich Winklers (Breslau) verdanke: 
OS, öSf osak Tapper im Sagaischen, Koibalischen, Kysylzi- 
schen, usak 'Espe' im Kazantatarischen; ausak (= awsak) 
•Espe' im Toboltatarischen, apsak im Altai, Teleutischen, 
Lebedischen, aspak im Schor und Kumandu. Daß diese 
Wörter mit dem indogermanischen Namen *apsä, *aspä 
irgendwie zusammenhängen, ist wohl außer Frage. Die 
Namen os, ös, osak beruhen augenscheinlich auf relativ 
junger Entlehnung aus slav. osa\ das Gleiche werden wir 
für kazantatar. usak voraussetzen dürfen. 

Anders liegt die Sache bei den Namensformen awsak, 
apsakj aspak, die sich sowohl durch das a wie durch das p 
von den historisch bezeugten Formen der slavischen Spra- 
chen schroff abheben und unmöglich durch junge Entleh- 
nung aus dem Russischen zu erklären sind. Der Gedanke 
an eine etwaige Urverwandtschaft dieser altaischen Namen 
mit dem indogermanischen anderseits ist, wie Winkler mir 
versichert, ebenfalls ausgeschlossen; türkisch-tatarisch aps- 
ist kein Urstamm, sondern entweder eine Zusammensetzung 
oder eine Entlehnung. Daß ein so volles Wortgebilde im 
Türkischen imd Indogermanischen übereinstimmte, ohne ent- 
lehnt zu sein, wäre ganz ohne Analogie. 

Wir werden somit zu dem Schlüsse gedrängt, daß die 
genannten asiatischen Namen sehr frühe Entlehnungen 
aus dem Indogermanischen, und zwar höchst wahrscheinlich 
aus einer iranischen Sprache sind. Die altertümlichen 
nordasiatischen Turkidiome zeigen eine lebhafte und sehr 
alte Beeinflussung durch die iranische Kulturwelt. In dem 
Nebeneinander der Formen os, osak, usak und ausak, apsak, 
aspak in benachbarten türkischen Sprachen Sibiriens be- 
gegnen sich, wie nach Winkler auch sonst oft genug, zwei 
Schichten von Entlehnungen: eine jüngere slavische und 
eine alte iranische. Eine iranische Entsprechung des ost- 
europäischen Namens *aspäj *apsä ist uns allerdings nicht 



124 4' Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

Überliefert, wird aber durch die altaischen Namensformen 
vorausgesetzt. Dadurch reiht sich auch dieser Baum- 
name dem urindogermanischen Sprachgut ein. 

Die Esche ist heute in ganz Europa, die Espe in Europa 
und Nordasien verbreitet. Die Häufigkeit beider nimmt in 
Europa nach Westen und Süden ab, nach Osten zu. In 
geschlossenen Beständen treten beide nur in den baltischen 
Provinzen, Rußland, Polen, Galizien, Ungarn und Slavonien 
auf, wo sie stellenweise sogar ausgedehnte Waldungen 
bilden, namentlich die Espe. Diese ist auch in ganz Skan- 
dinavien einer der häufigsten Laubbäume; selbst in West- 
Finmarken unter 70® n. Br. ist sie vereinzelt noch bestand- 
bildend gefunden.*) Sie ist zugleich, wie wir gesehen 
haben, einer der ältesten Waldbäume Nord- und Mittel- 
europas überhaupt, wo sie mit der Birke, Kiefer imd 
verschiedenen Weidenarten zusammen bald nach dem 
Abschmelzen des nordischen Inlandeises erschien imd 
vielerwärts, namentlich in den nordischen Ländern, dichte 
Bestände bildete (s. oben S. 8. 14 ff. 73). Die Esche 
tritt erst viel später und spärlicher im Norden auf, war 
aber in Dänemark schon bei Beginn der jüngeren nor- 
dischen Steinzeit und noch viel früher in Preußen heimisch 
(S. 73 f. 47). Beide, Esche wie Espe, sind von Haus aus 
Bäume der Niederungen. Tiefebenen, Flußauen imd Täler; 
auf dem feuchten, humosen Boden der Bruchwälder Ost- 
preußens, Lithauens und der baltischen Provinzen erreichen 
sie eine sonst unbekannte Mächtigkeit.^) 

Das Vorhandensein dieser beiden Bäume im urindo- 
germanischen Wortschatz würde also wohl in erster Linie 
auf die Ebenen des nördlichen, mittleren imd östlichen 
Europas und besonders auf Norddeutschland und die bal- 
tischen Länder als die Urheimat der Indogermanen hin- 
deuten; aber bei der weiten Verbreitung der Bäume lassen 
ihre Namen einen sichern Schluß und namentlich eine 
nähere Begrenzung der Heimat nicht zu. 

*) Schübeier Pflanzenwelt Norwegens 228 f. 

•) Willkomm ForstL Flora 2. Aufl. 524 f. 664 f. 



Buche. 125 

Bache. Hierfür kommt vor allem die Geschichte des 
Buchennamens in Betracht, da die geographische Ver- 
breitung der Buche bekanntlich eine sehr beschränkte ist. 
Ihre Ostgrenze verläuft etwa von Alvestmd in Norwegen 
(60V, • n- Br-) über Christiania südöstlich durch Süd- 
schweden nach Kalmar, von da, die Ostsee überspringend, 
nach Königsberg und weiter in südöstlicher Richtung 
durch Litauen, das östliche Polen, Wolynien, Podolien bis 
in die Gegend der Donaumündung; dann setzt sie in der 
südlichen Krim wieder ein und folgt dem Zuge des Kau- 
kasus bis ans Südende des Kaspischen Meeres. Die Süd- 
grenze umschließt die nördliche Hälfte Kleinasiens, die 
Balkanhalbinsel bis zum Korinthischen Meerbusen, ganz 
Italien und Nordspanien. Daß die Britischen Inseln ur- 
^)rünglich außerhalb des Buchengebietes gelegen hätten, 
wie gewöhnlich auf Grund der Notiz Caesars (Bell, Galt. 
5, 12) angenommen wird, ist durch die neuesten archäo- 
logischen Forschungen widerlegt worden.*) Aber Rußland 
ist von der Eiszeit bis heute dauernd von demselben aus- 
geschlossen geblieben,') und nach Dänemark und Süd- 
skandinavien ist die Buche, wie wir oben (S. 31 ff.) sahen, 
erst verhältnismäßig spät gelangt. 

Nun hat kürzlich Bartholomae*) durch Heranziehung 
des kurd. büs 'Ulme* es wahrscheinlich gemacht, daß auch 
der Buchenname gemeinindogermanisch ist (Wurzel *bhau§' 
'Buche"), imd Bartholomaes Etymologie wird nächstens 
durch Osthoff eine weitere Ergänzung erfahren, die jeden 
Zweifel an ihrer Richtigkeit unmöglich macht. 

Die Indogermanen kannten also auch die Buche: ihre 
Heimat ist mithin innerhalb des Buchengebietes zu 
suchen. Die Indoiranier xmd Slaven haben, nachdem sie 

») S. unten Kap. VI. Der alte Irrtum findet sich auch noch bei 
Michelis LOrigitu degli Indo-Europei 422. 

«) Willkomm Forstl. Flora » 440 ff. S. auch die Karte zu E. H. L. 
Krauses Aufsatz im Globus 62, 164. Ferner Schrader RealUx. 116. 

•) Idg. Forsch. 9, 271. Die übliche Zusammenstellung mit gr. 
9<rr€iv 'essen*, auf die sich Michelis (aaO. 248) noch beruft, ist durch 
Bartholomaes Etymologie hinfällig geworden. 



126 4* Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

die Buchengrenze ostwärts überschritten hatten, den Namen 
verloren oder auf andere Bäume übertragen, und als die 
Slaven in historischer Zeit wieder nach Westen vordrangen 
imd die Buche von neuem kennen lernten, entlehnten sie 
den germanischen Namen derselben: akslav. buky, buküve, 
russ. bukü etc. 

Vielleicht ftlhren die Slaven das Wort jetzt doppelt in 
ihrem Wortschatz : mit kurd. büs läßt sich nämlich lautlich 
recht wohl der slavische Name des Holunders büsu^ nbulg. 
büffj russ. bomi, poln. czech. bejs etc.*) vereinigen. Die Be- 
deutung weicht allerdings stark ab, aber angesichts des 
Übergangs 'Eibe— Weide— Faulbaum', den der alte nord- 
europäische Eibenname im Slavischen durchgemacht hat, 
ist auch die Möglichkeit eines Bedeutimgswandels 'Buche — 
Holimder* kaum auszuschließen. Meine Vermutimg wird 
weiter gestützt durch die Tatsache, daß auch das durch 
slavische Vermittlung aus dem Germanischen entlehnte lit. 
bükas merkwürdiger Weise sowohl 'Buche* als 'Holimder* 
bedeutet. ') Ist diese Zusammenstelltmg von bujsu mit kiu-d. 
büSj idg. *bhäti^' richtig, so würde also in den slavischen 
Sprachen dem Lehnwort büky 'Buche* als altes Erbwort 
bu^ü 'Holunder' zur Seite stehen. 

Daß die Gnmdbedeutung von idg. *bhäu§' 'Fagus* war, 
geht aus der Übereinstimmxmg des Germanischen und 
Lateinischen gegenüber der gänzlichen Divergenz der Be- 
deutungen in den andern indogermanischen Sprachen CEiche", 
•Uhne*, 'Holunder') hervor.») 

Eibe. Daß wenigstens die nordeuropäischen Indo- 
germanen vor ihrer Trennimg in Kelten, Germanen und 

«) Miklosich Et. Wörtb. d. slav. Spr. 26. Koppen Geogr. Verbreitung 
d. Holzgewächse des europ. Rußlands I 463. (Beiträge z. Kenntnis des 
Russ. Reiches. 3. Folge. V.) St. Petersburg 1889. 

») S. Brückner Lüu-slavische Studien. I: Die slav, Fremdwärter im 
Litauischen. Weimar 1877, S. 74. 

•) Vgl. auch Penka Globus 53, 200 f. Anders Streitberg Frankf. 
Zeitung 10. März 1893, der aus wenig überzeugenden Gründen *£iche* 
als Grundbedeutung annimmt, zum Teil wohl, weil er mit Hirt die 
Heimat östlich der Buchengrenze in Litauen sucht. 



Eibe. Schlüsse. 127 



Balto-Slaven innerhalb des Verbreitungsgebietes der Buche 
saßen, wird indirekt durch die Geschichte des Eibennamens 
bestätigt. Die Ostgrenze der Eibe (Taxus haccata L.) deckt 
sich im wesentlichen mit derjenigen der Buche. „Der Eiben- 
baum", sagt Koppen (aaO. II 378), „findet sich bei uns [dh. 
in Rußland] wildwachsend nur im äußersten Westen und 
Süden. Die Grenzlinie seiner Verbreitung verläuft von den 
Alands-Inseln diu"ch den westlichsten Teil Estlands und Liv- 
lands, steil nach Süden, femer durch das Gouvernement 
Grodno, Wolynien, Podolien und Bessarabien (?). Jenseits 
der Steppe wächst er in den Gebirgen der Krim und des 
Kaukasus".*) Die Hauptabweichung von der Buchenlinie 
besteht darin, daß die Eibengrenze Skandinavien weiter 
nördlich, etwa tmter dem 61* n. Br., durchschneidet, und 
daß sie noch die russischen Ostseeprovinzen bis zum 
S. Langegrad östl. v. Greenwich (Kowno, Kurland und die 
Ufer des Rigaischen Meerbusens) umfaßt. 

Nun haben wir einen alten Eibennamen, der den nord- 
europäischen Sprachen gemeinsam ist: ir. eo^ kymr. yi;, 
bret. rvin\ ae. iw^ eoWy Ihy eoh, ahd. Iway /7/a, Tgay anord. 
yr; apreuß. inwis *Eibe*, lit. jevä 'Faulbaum',*) slav. iva 
"Weide*. Er bedeutet im Keltischen, Germanischen und 
Altpreußischen übereinstimmend 'Eibe*, während die Slaven 
ihn nach östlicher Überschreitung der Eibengrenze auf einen 
völlig verschiedenen Baum übertragen haben. Das Schicksal 
dieses Namens liefert also eine bemerkenswerte Parallele 
zu der Geschichte des Buchennamens; sie nötigt ims^ die 
Heimat der ungetrennten nordeuropäischen Indogermanen 
westlich des 25. Längengrades und südlich des 61. Breiten- 
grades, dh. in Deutschland, Österreich, Polen, den baltischen 
Provinzen oder Südskandinavien zu suchen. 

Schlüsse. Aus dem Vorstehenden ergibt sich jedenfalls 
zur Genüge, daß es in der Urheimat der Indogermanen außer 

*) Vgl. auch Willkomm Forstl. Flora* 274, sowie die karto- 
graphische Darstellung bei Krause, Globus 62, 164. 

«) Rkamnus frangula L. Nach Brückner {Litu-slavische Studien I 87) 
ist Mt. jeoä slavisches Lehnwort. 



128 4> Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

Birken und Weiden auch Eichen, Buchen, Nadelhölzer, sowie 
Eschen und Espen gegeben haben muß. Und ich bin über- 
zeugt, daß die Zahl der urindogermanischen Baumnamen sich 
bei genaueren Nachforschungen noch vermehren lassen wird, 
namentlich wenn man die modernen indoiranischen Dialekte 
mehr, als bisher geschehen, heranziehen würde. Für die 
Baumnamen der Grenzdialekte zwischen Indien und dem 
Iran haben wir eine reiche Fundgrube in dem Werk von 
Stewart tmd Brandis, The Forest Flora of Northwest and 
Central India, dessen sprachlicher Teil von Reinhold Rost 
revidiert ist. Vielleicht dürfte auch eine vorsichtige Berück- 
sichtigung der Namen von hölzernen Waffen und Gerät- 
schaften noch einige Ausbeute ergeben. Viele der ursprüng- 
lichen Baumnamen werden die Indoiranier ja während ihres 
späteren langandauemden Nomaden- und Wanderlebens in 
den pontischen und kaspischen Steppen eingebüßt haben, 
während anderseits in den Dialekten der zurückgebliebenen 
Europäer die altangestammten Namen beständig durch neu 
auftauchende bedroht und verdrängt wurden. 

Auch Schrader, der Hauptvertreter der Theorie einer 
südrussischen Heimat, kann sich neuerdings {Reallex, 899 f.) 
der Tatsache nicht länger verschließen, daß die Indogermanen 
außer der Birke und Weide, die er als Steppenbäume ihnen 
früher bereits zugestanden hatte, noch andere Bäume 
kannten. Aber während er früher aus dem vermeintlichen 
Mangel indogermanischer Baimfuiamen schloß, daß es in 
der Heimat der Indogermanen nur ganz wenige Bäimie 
gegeben habe, sucht er jetzt das inzwischen ' erwiesene 
Vorhandensein einer Reihe von urindogermanischen Baum- 
namen durch den Hinweis zu erklären, daß die Steppe in 
Wirklichkeit gar nicht baumlos sei; durch neuere, beson- 
ders russische Untersuchungen sei vielmehr festgestellt, 
„daß im südlichen Rußland, namentlich an den Flußläufen, 
Wald und Steppe so vielfach ineinander greifen, daß es 
ein Wunder wäre, wenn die in der letzteren wandernden 
Indogermanen nicht Namen der Waldbäume in ihrer 
Sprache ausgebildet haben sollten". Doch kann er sidi 



Schlüsse. 129 



anderseits immer noch nicht von der Vorstellung frei 
machen» daß die Indogermanen in ihrer Urheimat nur eine 
beschränkte Anzahl von Bäumen kannten, weil die Mehr- 
zahl der heutigen Baiunnamen — was doch bei allen 
solchen kulturhistorischen Gruppen der Fall ist! — auf 
die europäischen Sprachen beschränkt sei. Er nimmt viel- 
mehr an, daß die europäischen Indogermanen die meisten 
Waldbäume erst nach der Trennung von den Indoiraniem 
bei ihrem westlichen Vorrücken in das Waldgebiet kennen 
lernten, und daß sie die Namen derselben (weil diese uns 
heute teilweise wurzelhaft dxmkel sind), aus den Sprachen 
allophyler Ureinwohner entlehnt hätten — eine Hypothese, 
mit der er sicher wenig Zustimmung finden wird. 

Eines scheint mir jedenfalls aus der nicht xmbeträcht- 
lichen Zahl der zweifellos luindogermanischen Baumnamen, 
aus der bedeutenden Rolle, die das Holz im Leben der 
Indogermanen sicher schon gespielt hat (ich erinnere an 
die ungeheure Verzweigung des alten Eichennamens *äereuo- 
und seiner Sippe) und aus der geographischen Verbreitimg 
der behandelten Baumarten unwiderleglich hervorzugehn: 
daß der Stammsitz der Indogermanen vor ihrer Trennung 
nicht in Asien imd Südeuropa, daß er nicht in einer reinen 
baumlosen Steppenregion, sondern daß er in einem mit 
Wald durchmischten Gebiet des nordalpinen Europas zu 
suchen ist Und seitdem der Buchenname mit überzeu- 
genden Gründen als mindogermanisch erwiesen ist, scheidet 
auch Osteuropa als mögliche Heimat aus. Von den inner- 
halb der Buchenverbreitimg gelegenen Ländern aber fallen 
die Balkanhalbinsel, Italien und Westetu-opa außer Betracht, 
weil die indogermanischen Völker in diese nachweislich erst 
verhältnismäßig spät eingewandert sind. Nordeuropa ander- 
seits konmit deswegen nicht in Frage, weil die Buche nach 
dem, was wir oben (S. 31 ff. 75 f. 83 f.) sahen, dort wahrschein- 
lich erst zur Bronze- oder gar Eisenzeit ihren Einzug hielt,*) 

>) Darauf hat kürzlich auch Michelis (aaO. 422) hingewiesen, 
dem freilich das Vorhandensein des Buchennamens im Iranischen noch 
unbekannt geblieben war. 

Hoopt, Waldblume a. Kulturpflanien. 9 



130 4* Kap. Die Baumnamen n. die Heimat der Indogennanen. 

als die asiatischen Indogermanen sich längst von den euro- 
päischen getrennt hatten. Es bleibt somit als mögliche 
Heimat der Indogermanen nur Mitteleuropa westlich 
der Linie Königsberg — Odessa übrig. 

Und vergleichen wir jetzt das Gesamtbild der Baum- 
flora, wie wir es früher aus den paläontologischen und 
archäologischen Untersuchungen für das neolithische Zeit- 
alter des mittleren und nördlichen Europas kennen lernten, 
mit demjenigen, das sich uns in diesem Kapitel aus der 
Prüfung der Baumnamen für die Baumflora der indo- 
germanischen Urheimat ergeben hat, so wird Jedem die 
weitgehende Übereinstimmimg der beiden Bilder in die 
Augen fallen. 

Nun waren wir oben (S. 119) auf Grund des Bedeu- 
tungswandels 'Eiche — Föhre* zu dem Schluß gekommen, 
daß die Germanen und Balten aus einem Eichenland in 
ein Föhrengebiet gewandert seien. Die einzigen Länder, 
die nach Lage der Dinge hierfür in der jüngeren Stein-, 
Bronze- und Eisenzeit in Betracht kommen können, sind 
Skandinavien, Ostdeutschland und Rußland. Die Germanen 
und Balten sind also in Skandinavien und den russischen 
Ostseeprovinzen nicht ureingesessen, sondern sie sind von 
Westen her aus Gegenden mit vorherrschender Eichenflora 
in dieselben eingewandert, was für Rußland ja durch das 
Zeugnis des Buchen- und Eibennamens bestätigt wird. Als 
mögliche alte Stammsitze der beiden Völkergruppen sind 
danach Nordwestdeutschland, die jütische Halbinsel und die 
dänischen Inseln ins Auge zu fassen. 

Ich wiederhole zum Schluß, daß es sich bei den vor- 
stehenden Untersuchungen über die Heimat der Indo- 
germanen nur um die Feststellung des Gebietes handelt, 
wo dieselben unmittelbar vor ihrer Trennung in Asiaten 
und Europäer wohnten. Eine Erörterung der Frage, wo sich, 
der Rassentypus der Indogermanen ausgebildet hat, wo ihre 
Sprache, wo ihre Kultur entstanden ist, würde den Rahmen 
der vorliegenden Untersuchung weit überschreiten. 

Und selbst die uns beschäftigende verhältnismäßig ein- 



Schlüsse. 131 

fächere Frage kann nicht durch ein einzelnes, wenn auch 
noch so wichtiges, Argument gelöst werden. Uns gentigt 
es hier, die Richtung anzugeben, nach der die Ergebnisse 
unserer speziellen Untersuchungen zu deuten scheinen. Die 
Erforschung der Getreidenamen und des Ackerbaus der 
Indogermanen wird uns weitere Zeugnisse zur Beurteilung 
der Frage an die Hand geben. Aber eine endgtUtige 
Lösung wird hier nicht versucht werden; sie ist nur mög- 
lich auf Grund einer erschöpfenden Vergleichung der Er- 
gebnisse aller in Betracht kommenden Wissenschaften. 

Beachtenswerte Versuche in dieser Richtung haben 
kürzlich Matthaeus Much in seinem Buch Die Heimat 
der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen For- 
schung (1902; 2. A. 1904) und ganz neuerdings der italie- 
nische Gelehrte E. de Michelis in einem gründlichen 
Werk L'origine degli Indo-Europei gemacht. Much ist in 
einem Aufsatz Die indogermanische Frage archäologisch 
beantwortet (1902) von Kossinna heftig angegriffen worden, 
der seinerseits wieder von Hoernes (Globus 83, 161 f.; 
1903) wegen zu großen Vertrauens auf den Wert archäo- 
logischer Kriterien zurechtgewiesen wird. Much wie Kos- 
sinna verlegen die Ursitze der Indogermanen in die west- 
baltischen Länder und die norddeutsche Ebene. Michelis 
sieht, ähnlich wie Sergi, die mittelgroße, dxmkle, brachyce- 
phale Rasse Mittel- und Osteuropas als die indogermanische 
Urrasse an, Sie sei ihrer physischen Abstammung nach 
asiatischen Ursprungs, sei in der Übergangszeit zwischen 
der paläolithischen und neolithischen Periode aus Asien über 
Kleinasien nach Europa gekommen, und hier sei in der 
mittleren Donaugegend durch Vermischxmg dieser tura- 
nischen Elemente mit den beiden alteinheimischen dolicho- 
cephalen Rassen Nord- und Südeuropas, ihren Sprachen 
und Kulturen das Volk, die Sprache und Kultur der Indo- 
germanen entstanden. 

Beide Theorien, die westbaltisch-norddeutsche von Much 
und Kossinna, wie die österreichische von Michelis, sind, 
soweit die Baumnamen in Frage kommen, möglich. Von 

9* 



132 4* Kap. Die Baumnamen u. die Heimat der Indogermanen. 

einer Kritik derselben nehmen wir Abstand, um die Grenzen 
dieser Untersuchung nicht zu überschreiten. Nur zwei 
Punkte seien noch hervorgehoben. 

Einmal werden wir für die Zeit unmittelbar vor dem 
Abzug der Asiaten, den wir uns wohl überhaupt nicht als 
eine plötzliche Auswanderung in entlegene Länder, sondern 
als ein langsames Vorrücken zu denken haben, schon eine 
Ausbreitung des indogermanischen Grundvolks über weite 
Gebiete Mitteleuropas annehmen müssen. 

Sodann möchte ich Schrader gegenüber betonen, daß, 
wenn die vergleichende Sprachforschung für die indo- 
germanische Urzeit ein starkes Vorherrschen der Viehzucht 
erschließen läßt, das der Annahme einer mitteleuropäischen 
Heimat durchaus nicht im Wege steht. Denn unsere Aus- 
führungen im vorigen Kapitel haben ergeben, daß auch 
Mitteletu-opa in weitgehendem Maße zunächst von Steppen, 
dann von offnen Grasflächen und Heiden durchzogen war, 
welche die beste Gelegenheit zum Betrieb der Viehzucht 
boten. Und auf der andern Seite werden uns spätere Kapitel 
des vorliegenden Buches zeigen, daß die Indogermanen von 
Anfang an nicht bloß Viehzüchter, sondern auch Acker- 
bauer gewesen sind. 



Fünftes Kapitel. 

Die Waldbäume Deutschlands zur Römerzeit und im 
frühen Mittelalter. 

I. Einleitendes. 

Literatur. C. H. Edmund Frh. v. Berg Geschichte der 
deutschen Wälder bis zum Schlüsse des Mittelalters. Dresden 1871. 
Adam Schwappach Handbuch der Forst- und Jagdgeschicktt 
Deutschlands \. Berlin 1886. Karl Lamprecht Deutsches Wirt- 
sckaftsUhen im Mittelalter, I i. Leipzig 1886. Robert Grad- 
mann Das mitteleuropäische Landschaftsbüd nach seiner geschicht- 
lichen Entwicklung, Geogr. Zeitschr. 7, 361 — 377. 435 — 447 (1901). 

Ausdehnung der deutschen Wälder in früh- 
historischer Zeit. Die römischen Schriftsteller berich- 
ten übereinstimmend, daß Germanien zu der Zeit, wo die 
Römer es kennen lernten, ztun großen Teil mit undurch- 
dringlichen Urwäldern bedeckt war, welche die Südländer 
mit Grauen erfüllten. Terra, etsi aliquanto specie differt, 
in Universum tarnen aut silvis horrida aut paltidibusfoeda, 
sagt Tacitus.^) Terra ipsa multis impedita fluminibuSy 
multis montibus aspera et magna ex parte silvis ac palu- 
dibus invia, schreibt Pomponius Mela.^) Auch Plinius*) 
berichtet, ganz Germanien sei von Wäldern erfüllt, die die 
natürliche Kälte durch ihren Schatten noch vermehrten. 
Von besonderer Mächtigkeit waren nach ihm die Wälder 
im Lande der Chauken, dem heutigen Niedersachsen. 
Hinunelanstrebende Eichen von unermeßlichem Alter stan- 
den dort an den Flußufem; vom Wasser xmterwühlt und 
vom Stiume losgerissen, schleppten sie oft ganze Wälder 

») Germ, c. 5. •) De Chorographia III 3. ») Nat. Hist. 16, 5 f. 



134 5* ^P- ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

mit sich und trieben, durch das Erdreich der Wurzeln im 
Gleichgewicht erhalten, aufrecht stehend stromabwärts, 
wo dann die römischen Flotten nächtlicher Weile nicht 
selten gefährliche Treffen mit diesen schwimmenden Wäl- 
dern zu bestehen hatten. Das ist mm allerdings wohl 
eine phantastische Übertreibxmg des biedern Römers;*} 
aber auch die römischen Landheere haben doch unter den 
Schrecknissen der germanischen Waldgebirge, welche den 
angreifenden Barbaren sichern Schutz gewährten, schwer 
genug zu leiden gehabt. Man denke ntu- an die Schlacht 
im Teutoburger Walde oder den Rückzug des Caecina. 

Wenn auch die Größe der germanischen Heeresmassen 
und die unerschöpfliche Bevölkerungszahl auf eine stärkere 
Besiedelung des Landes schließen lassen, als man nach 
den Angaben der klassischen Schriftsteller über die Aus- 
dehnung der Urwälder erwarten könnte, so ist es doch 
anderseits zweifellos, daß der Wald zu der Zeit, als die 
Germanen mit den Römern bekannt wiu-den, einen weit 
größeren Teil Deutschlands bedeckte als heutzutage.*) 

Noch im vierten Jahrhundert berichtet Ammianus Mar- 
cellinus *) vom Bodensee, der doch damals schon seit Jahr- 
hunderten innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches 
lag, er sei durch schauderhafte Waldsümpfe unzugänglich, 
wofern nicht die Römer Wege gebahnt hätten (horrore 
silvarum squalentium inaccessum, nisi qua vetus illa 
Romana virtus et sobria iter composuit latum). 

Wo die Römer hinkamen, begannen sie auch alsbald 
mit der Rodung der Wälder und der Besiedelung und Ur- 
barmachung des Landes, aber ihre Rodungen beschränkten 

^) Daß bei den von Plinius geschilderten Ereignissen nicht an 
schwimmende Torfschollen zu denken ist, wie man sie namentlich 
am Steinhuder Meer vielfach beobachten kann, hebt C. A. Weber 
{Vegetation und Entstehung des Hochmoors v, Augstumal 221, Anm. i) 
richtig hervor. 

■) Vgl. Schwappach Handbuch der Forst' und Jagdgesch, Deutsch- 
lands I 34 f. Gradmann Das mitteleurop. Landschaftsbild nach s. histor. 
Entwicklung 370. 438. 

8) Eer. Gest. l 15, 4. 



I. Einleitendes. 135 



sich meist auf die den großen Flußtälem und alten Völker- 
verkehrsstraßen benachbarten Gegenden; tiefer ins Herz 
der Urwälder drangen sie nicht ein. Und nach dem Zerfall 
des Römischen Reichs überzog oft dichter Wald wieder 
die Stätten, die vorübergehend die Segnxmgen der römischen 
Kultur genossen hatten, um dann manchmal das ganze 
Mittelalter hindurch unbebaut zu bleiben. Auf den Hoch- 
flächen des Mosellandes zB. stößt man noch heute inner- 
halb ausgedehnter Waldungen nicht selten auf die Ruinen 
römischer Villen.*) Auch anderswo fanden im Mittelalter 
solche spontane Wiederbewaldungen vernachlässigter oder 
verwüsteter ehemaliger Kulturflächen statt") 

Vom Mittelrhein bis nach Belgien hinein erstreckte 
sich zu Caesars Zeit das ungeheure Waldgebiet der Ar- 
dennen (ab ripis Rheni finibusque Treverorum ad Ncrvios 
pertinet milibusque amplius quingentis in longitudinem 
paief),*) welches also nicht nur die heutigen Ardennen, 
sondern auch Eifel, Hxmsrück und Hochwald, kurz, das 
ganze linke Rheinufer vom Rhein bis zur Maas und von 
der Nahe bis in die Gegend von Aachen umfaßte. Und 
fast bis gegen Ende des ersten Jahrtausends hat der Name 
Ardennen diese weitere Geltung gehabt und haben die 
Wälder, von dem Kulturgebiet des Mosellands abgesehn, 
in ihrer alten Ausdehnung bestanden. Erst allmählich 
wurde der Name durch die in den östlichen Gebieten vor- 
dringende Kultiu- nach Westen zurückgedrängt und auf 
das Urwaldgebiet der eigentlichen Ardennen eingeschränkt. 

Systematische Rodungen in bedeutenderem Umfange 
begannen erst in der Merowinger- und Karolinger -Zeit. 
Die eigentliche Epoche der großen Rodungen aber waren 
das 11., 12. und 13. Jahrhundert. Mit 1300 tritt ein Stillstand 



*) Lamprecht Deutsches Wirtschaf islehen im Mittelalter I loi. 131. 

145 f. 

") Vgl. Schwappach aaO. I 152 u. Anm. 20. 

•) Bell. Call. 6, 29; vgl. auch 5, 3: in silvam Arduetmam . . quae 
ingenti magnitudine per medios fines Treverorum a flumine Rlttno ad ini" 
tium Remorum pertinet. 



136 5' I^P- l^i« Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

ein. Nur im Innern der menschenleeren Waldgebirge und 
in den Ländern östlich der Elbe wurden die Rodimgen bis 
ins 17. Jahrhundert hinein begünstigt.*) Im südlichen, mitt- 
leren imd westlichen Deutschland waren die Waldungen 
schon im 14. Jahrhundert stellenweise so abgeholzt, daß 
Klagen über Holzmangel laut wurden und Maßregeln für 
einen wirksamen Waldschutz getroffen werden mußten.') 

Die ersten Bestrebungen zur Erhaltung größerer Wald- 
flächen im Mittelalter hatten wohl in der Jagdliebe der 
weltlichen und geistlichen Herren ihren Ursprung. Aber 
bereits im 13. Jahrhundert begegnen wir Rodxmgsverboten 
mit der ausgesprochenen Tendenz einer Förderung der 
Waldwirtschaft. Eins der ersten dieser Art ist wohl eine 
Verordnimg Erzbischof Eberhards von Salzburg aus dem 
Jahre 1237, worin „dieser im Interesse des Salinenbetriebes 
die Umwandlung abgetriebener Waldflächen in Feld oder 
Weide verbot, damit auf ihnen wieder Holz nachwachsen 
könne."*) Aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts stammen 
dann schon die ersten positiven Vorschriften für Wald- 
kultur und Wiederaufforstung entwaldeten Landes; solche 
Verordnungen wurden 1304 für den Hagenauer Forst und 
die Frankenweide bei Annweiler, 1309 und 1310 für den 
Nürnberger Reichswald erlassen.*) 

Doch waren diese ersten Ansätze zu einer rationellen 
Forstkultur nur von sehr beschränkter Wirkung. Durch den 
dreißigjährigen Krieg wurden die meisten derselben wieder 
vernichtet. Infolge der Verarmimg des Landes begannen 
die Waldverwüstungen aufs neue, zumal bei der vermin- 
derten Bevölkerung für die nächste Zukunft kaum ein Holz- 
mangel zu befürchten war. Besonders verderblich war die 
Streunutzung, die, wie Hausrath (aaO. p, 633) nachgewiesen 



*) Hausrath Verbreitung d. wichtigsten einheimischen Waldhäume, 
Geogr. Zeitschr. 7, 632. 

•) So am Mittelrhein. Vgl. Lamprechts erschöpfende Darstel- 
lung in dem Kapitel „Waldwuchs und Neubruch" S. 93 ff. seines ge- 
nannten Werkes. 

■) Schwappach aaO. I 156. *) Ebenda I 156. 181. 



I. Einleitendes. 137 



liat, in vielen Gegenden sicher erst nach dem dreißigjährigen 
Kriege eingeführt wurde. So kamen die deutschen Wälder 
immer mehr henmter, bis sie im 18. Jahrhundert ihren 
tiefsten Stand erreichten. Da erst beginnt die eigentliche 
Zeit der modernen Forstwirtschaft.*) 

Quellen für die Kenntnis der Holzarten Deutsch- 
lands in älterer historischer Zeit. Von den Holz- 
arten, aus denen die Urwälder Germaniens in frühgeschicht- 
licher Zeit zusammengesetzt waren, ist bei den antiken 
Schriftstellern selten die Rede. Dagegen haben uns die 
archäologischen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte und 
in erster Linie die Limesforschungen eine hervorragende 
Menge wichtiger Zeugnisse über den Bestand der deutschen 
Wälder zur Römerzeit geliefert. Auch die Baumreste der 
Moore tmd Süßwasserablagerungen lassen sich vielfach mit 
Erfolg für unsere Zwecke verwerten, doch sind sie nur in 
wenigen Fällen historisch sicher zu datieren. 

In den geschichtlichen Quellen aus dem frühen Mittelalter 
finden wir nur spärliche Angaben über die Holzarten der 
Wälder. Weit ergiebiger sind die zahlreichen Weistümer, 
Urkunden, Verordnungen usw. aus der zweiten Hälfte des 
Mittelalters; obwohl sie zeitlich außerhalb der Grenzen 
Hegen, die wir unsrer Untersuchung gesteckt haben, sind 
sie doch auch für ims in vielen Fällen von maßgebendem 
Belang, insofern sie eine Rekonstruktion der frühmittelalter- 
lichen Zustände ermöglichen. Nicht selten bilden sie über- 
haupt unsre einzigen Quellen. 

Die Namen der in althochdeutscher Zeit in Deutsch- 
land vorhandenen Waldbäume sind neuerdings von Björk- 
man in seinem Aufsatz Die Pflansennamen der althoch- 
deutschen Glossen (1901)*) übersichtlich zusammengestellt 
worden. Da es uns hier in erster Linie auf die vorherr- 
schenden und charakteristischen Holzarten der altdeutschen 
Wälder und ihre Verteilung in den einzelnen deutschen 

') Vgl. Gradmann Das nUtteleurop. Landschaftsbild nach s. gtschichtl, 
Entwickl. 443 f. 

•) Zeitschr. f. deutsche Wortforschung 2, 210 — 220. 



138 5- Kap. Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit a im frühen Mittelalter. 

Gauen ankommt, können wir uns mit diesem Hinweis auf 
Björkman begnügen und von einer vollzähligen Wiedergabe 
seiner Liste absehen. 

Bedeutsame Dienste für die Feststellung der Verbreitung 
der verschiedenen Holzarten kann uns endlich auch die 
Ortsnamenkunde leisten. Zwar die Namen der Wälder selbst 
sind meistens recht jung, und die von den klassischen 
Autoren mitgeteilten Benennungen deutscher Waldgebirge, 
wie Silva Bäcenis ('Buchenwald*), Silva Hercynia, Silva 
Caesia ua., sind schwer zu lokalisieren, so daß wir von 
ihnen besser absehen.*) Umso wichtiger ist das Auftreten 
der Bäume in den eigentlichen Orts- und Flurnamen. Schon 
Tscheming, Arnold und eine Reihe andrer Forscher haben 
auf dieses Kriterium für die Verbreitung der Holzarten 
in älterer Zeit hingewiesen. 

Über Die Namen der Bäume und Sträuche in Orts- 
namen der deutschen Schweißt) haben wir seit kurzem 
(1902) eine eingehende Monographie von J. L. Brand- 
stetter. Sonst sind die Ortsnamen bis jetzt nur in sehr 
wenigen Gegenden Deutschlands unter diesem Gesichts- 
pimkt systematisch geprüft und für die Forstgeschichte 
erschöpfend verwertet worden. Hier ist noch ein weites, 
interessantes Feld für germanistische Dissertationen, die 
allerdings das Thema nicht einseitig sprachlich, sondern, 
imter Beschränkung auf enger umgrenzte Gebiete, im Zu- 
sammenhang mit dem ganzen forstgeschichtlichen Quellen- 
material der betreffenden Gegend behandeln müßten. 

Leider fehlt es für die meisten deutschen Staaten noch 
vollständig an wissenschaftlich zuverlässigen Zusammen- 
stellungen der historischen Topographie, wie sie uns 
Albert Krieger in seinem wahrhaft mustergültigen Topo- 
graphischen Wörterbuch des Grofihersogtums Baden (1. A. 
Heidelberg 1898; 2. A. 1903 ff.) gehefert hat, welches zu 
jedem Ortsnamen die urkundlich belegten älteren Formen 

«) Vgl. darüber E. v. Berg Gesch, d. deutsch, Wälder a8. Schrader 
Reallex. 134. Gradmann Das tnitteleurop. Landsckaftshäd id^i. 

•) Jahresbericht über die höhere Lehranstalt zu Luzem 1902. 



n. Süddeutschland. 139 



bietet und den Sprachforscher der schwierigen Arbeit der 
Lokalisierung der alten Namen überhebt. 

Auf Grund der vorstehend aufgeführten Quellen läßt 
sich^ wenn unsere Kenntnisse auch in sehr vielen Pxmkten 
noch der Vervollständigung bedürfen, für einige Gegenden 
Deutschlands ünmerhin schon ein annähernd richtiges Bild 
von dem vorherrschenden Charakter der forstlichen Flora 
in älterer historischer Zeit entwerfen. Ein Versuch in 
dieser Richtung soll im folgenden für die Zeit vom Be- 
ginn der historischen Überlieferung an bis etwa 
zum Ende des ersten Jahrtausends imternommen 
werden. Natürlich kann es sich dabei nur um die Haupt- 
züge handeln; eine weitgehende Einzeldarstellung wird sich 
schwerlich je ermöglichen lassen. 

II. Süddeutschland. 
Literatur. F. A. Tscherning Beiträge zur Forstgeschichte 
Württembergs. Progr. d. land- u. forstwirtschaftl. Akad. Hohen- 
heim v. 1854. C. H. Edmund Frh. v. Berg Geschichte der 
deutschen Wälder bis zum Schlüsse des Mittelalters. Ein Beitrag 
zur Kulturgeschichte. Dresden 1871. Limesblatt 1892 ff. passim. 
Hans Hausrath Zum Vordringen der Kiefer und Rückgang der 
Eiche in den Waldungen der Rheinebene. Verhandl. d. Natw. Ver. 
Karlsruhe 13, 514 — 523 (Vortrag, geh. 7. Dez. 1897). Robert 
Gradmann Das Pflanzenlehen der schwäbischen Alb, mit Berück- 
sichtigung der angrenzenden Gebiete Süddeutschlands. 2 Bände. 
Tübingen. 1. A. 1898. 2. A. 1900. Derselbe Der ober germanisch- 
rätische Limes und das fränkische Nadelholzgebiet. Mit Karte. 
Peterm. Mitt. 45(1 899), 3,57— 66. Hans Hausrath Der Wechsel 
der Holzarten im deutschen Walde. Verhandl. d. Natw. Ver. Karls- 
ruhe 14, 31 — 45 (1901); auch separat erschienen (1900). Der- 
selbe Die Verbreitung der wichtigsten einheimischen Waldbäume 
in Deutschland. Geogr. Zeitschr. 7, 625 — 635 (1901). J. L. Brand- 
stetter Die Namen der Bäume u. Sträucfu in Ortsttamen der 
deutschen Schweiz. Progr. Luzern 1902. H. Hausrath Welche 
Aufschlüsse geben uns die Ortsnamen Badens über die früheren Bewal- 
dungsverhältnisse} AUg. Forst- u. Jagd-Zeitung, Febr. 1903, S. 43 f. 

1. Die Laub- und Nadelholzgebiete Süddeutsch- 
lands in der Gegenwart. 
Es gibt in Süddeutschland gegenwärtig vier ausgedehn- 
tere Nadelholzbezirke: den Schwarzwald, die Nadel- 



140 5* Kap* I^ie Waldbäume Deutschlands z. Röraerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Wälder der schwäbisch-bayrischen Hochebene, das frän- 
kische Nadelholzgebiet und den Bayer- und Böhmerwald. 

Das Nadelholzgebiet des Schwarzwalds erstreckt 
sich da, wo der Schwarzwald sich dem Jura nähert, bis 
auf diesen hinüber. Der schwäbisch-bayrische Bezirk 
umfaßt etwa den württembergischen Donaukreis und das 
bayrische Schwaben; er geht im Süden in das Nadelholz- 
gebiet der Alpenländer über. Das fränkische Gebiet 
schließt den östlichen Schurwald, die Welzheimer, Lim- 
purger imd EUwanger Berge ein, zieht sich ostwärts, dem 
nördlichen Vorland des Jura folgend, über die bayrischen 
Keuperdistrikte nach Ansbach imd Nürnberg hin, über- 
steigt den mittleren Teil der Frankenalb imd dehnt sich 
östlich in breiter Front bis an den Bayrischen und Böh- 
mischen Wald imd nordöstlich bis ans Fichtelgebirge 
aus, das ja ebenfalls ein wichtiges Zentrum des Nadel- 
waldes ist. 

In diesen Nadelholzgebieten bilden die Tanne {Abtes 
alba Mill.) und Fichte (Picea excelsa Link) die Hauptmasse 
der Waldungen. Im Schwarzwald (mit Ausnahme der Süd- 
abhänge, die von Laubwald bedeckt sind) hat die Tanne 
in den mittleren Regionen die Alleinherrschaft, nur in der 
obersten Zone wird sie von der Fichte abgelöst In ein- 
zelnen Gegenden Oberschwabens und des Ellwanger Waldes 
anderseits herrscht die Fichte. Im übrigen kommen beide 
Baumarten gemischt vor. Eine verhältnismäßig unter- 
geordnete Rolle spielt die Kiefer; nur auf dem sandigen 
Boden des fränkischen Beckens und der nördlichen Fran- 
kenalb, sowie in den Grenzdistrikten zwischen Laub- und 
Nadelwald tritt sie in größerem Umfang bestandbildend auf. 

Zwischen dem Nadelholzgebiet Oberschwabens einer- 
seits und den Gebieten des Schwarzwalds und des Welz- 
heimer Walds anderseits erstreckt sich als breiter Gürtel 
das Laubholzgebiet der Schwäbischen Alb. Hier ist 
die Buche heute der herrschende Baum. „Nur in dem 
untern Waldband des Sockels (Brauner Jura) und wieder in 
den tertiären Süßwasserkalken längs der Donau wird die 



II. Süddeutschland. 141 



Herrschaft mit der Eiche und weichen Holzarten geteilt, 
und nur auf zwei ganz kleinen Strecken, im Gebiet der 
Eyach und Schlichem und wieder im Nordosten, im Rems-, 
Kocher- und Jagstgebiet, wird der Vorrang den Nadel- 
hölzern, der Fichte imd Edeltanne, überlassen. Alle andern 
Nadelwälder auf der Alb sind nur künstlich erzeugt."*) 

An das Gebiet der Alb lehnt sich nach Norden ein 
andrer Laubwald-Gürtel an, der die Nadelwaldbezirke des 
Schwarzwalds und des Welzheimer Waldes trennt, das Ge- 
biet des Schönbuchs, des westlichen Schurwalds und der 
Ostlichen Schwarzwald -Vorberge bedeckt und sich nach 
Norden das Neckartal abwärts über den Mainhardter Wald 
und das untere Flußgebiet der Kocher imd Jagst bis in die 
Taubergegend hinzieht, wo er in das Laubgebiet des Oden- 
walds imd Spessarts übergeht. Wir wollen ihn kurz als das 
Laubwaldgebiet des Neckarlands bezeichnen. Auch hier 
herrscht die Buche vor, doch treten neben ihr vielfach 
Eiche, Hainbuche, Birke und andre Laubbäiune in größerer 
oder geringer Beimischung auf. 

In den Nadelwaldgebieten eingesprengt finden sich 
vielfach Laubwaldinseln, während imigekehrt in geschlosse- 
nen Laubwaldbezirken sehr selten urwüchsige Nadelholz- 
bestände vorkommen. 

Das ist in großen Zügen heute die Verteilung von Laub- 
wald und Nadelwald in Süddeutschland. Für die Abgrenzung 
der verschiedenen Gebiete im einzelnen muß auf Tscher- 
nings Beiträge 3ur Forstgeschichte Württembergs S. 4—7 
und Gradmanns Pflansenleben der Schwäbischen Alb ver- 
wiesen werden. 

Wenden wir ims jetzt den Verhältnissen in der Römer- 
zeit zu, soweit sie sich auf Grund der eindringenden Unter- 
suchungen der genannten schwäbischen Gelehrten, der 
neuesten Limesforschimgen, sowie der Ortsnamenkunde 
feststellen lassen. 



*) Gradmann Pflanzenlehen d. Schwab. Alb • I 30. 



142 5* ^P- I^ic Waldbäume Deutschlands z. ROmerzeit u. im fnihen Mittelalter. 

2. Schwarzwald. 

Daß der Schwarzwald schon bei Beginn des 
Mittelalters vorwiegend von Edeltannen bestanden 
war, ist zweifellos. Das von Tscheming S. 10 herangezogene 
Zeugnis des Geographen Strabo zwar kann ich als zwin- 
gend nicht anerkennen, da es mir durchaus nicht gesichert 
erscheint, daß der „mit den Alpen zusammenhängende, nach 
Osten laufende Bergrücken", welcher aussieht, „als ob es 
ein Teil der Alpen wäre", wirklich der Schwarzwald ist, 
wie Tscheming voraussetzt. Die Darstellung auf der Peu- 
tingerschen Tafel anderseits beweist nur, daß der Schwarz- 
wald im 3. Jahrhundert überhaupt bewaldet war.*) Wichtiger 
sind schon die Inschriften der beiden römischen Altäre von 
Oos imd Ettlingen, die das Bestehen einer Flößerzxmft in 
den westlichen Tälern des nördlichen Schwarzwalds dar- 
tun.«) 

Unbedingt beweisend aber ist der Name des Gebirges 
selbst, der mit dem deutschen Namen Svarswald zuerst in 
einer St. Galler Urkunde von 868 erwähnt wird.*) Der Name 
ist jedoch zweifellos älter und dürfte bereits aus der ersten 
Zeit der alemannischen Niederlassung im 3. und 4. Jahrhun- 
dert stammen. Er beweist, daß der Schwarzwald schon da- 
mals in der Hauptsache von Edeltannen bewachsen war, 
die ihm noch heute jenes ernste, düstere Aussehn ver- 
leihen. 

Aus dem Mittelalter haben wir zahlreiche Notizen, die 
ims beweisen, daß der Schwarzwald bis in die Neuzeit hin 

^) Das ist auch Konrad Millers Meinung, der „in den Bäumen 
lediglich nur eine Illustration des Wortes Silva'' sieht Die Weltkarte 
des Castarius genannt die Peutingersche Tafd, Einleitender Text Ravens- 
burg i888. S. 99 f. 

•) Tscheming aaO. 1 1 f. 

') Nicht erst in dem Schenkungsbrief Ottos II. an das Kloster 
St. Blasien, wie Tscheming {Beitr. z. Forstgesch, Wurtt. 13, Anm. 2) 
angibt. Vgl. Krieger Topogr. Wörtb.^ioy Die Urkunde von 763, worin 
der lat. Name Nigra Silva zuerst erscheint, ist eine Fälschung. Die 
Angaben von Tscheming (aaO. Anm. i) und Förstemann {Altd, Namenb. II« 
1422) sind demgemäß zu berichtigen. 



n. Süddeutschland. 143 



ununterbrochen Nadelwald getragen hat. „Die Annalen des 
Klosters Reichenbach im Murgtal", schreibt Tscheming 
(aaO. 14), ,,erzählen, daß bei Gründung dieses Klosters im 
Jahr 1082 die ersten Konventualen unter Hütten von Tannen- 
reisig gewohnt haben, ja sie erwähnen sogar schon im 
12- Jahrhimdert eines Verkehrs mit Schnitzwaren im oberen 
Murgtal, während von der Schifferschaft des unteren 
Murgtals bekannt ist, daß sie ihren Holzhandel bereits im 
13. Jahrhundert als geordnetes Gewerbe betrieben hat, ^) wie 
denn auch im Jahr 1342 die Flößerei auf den Schwarzwald- 
flüssen Neckar, Enz, Nagold imd Wurm schon so bedeutend 
war, daß sie durch einen eigenen Vertrag geregelt werden 
mußte." Das Tannenholz (abietes), das nach rheinischen Ur- 
kunden 1345 von Worms nach Oberwesel verschifft wurde,*) 
stammte wohl auch aus dem Schwarzwald. Und im 16. Jahr- 
hundert schreibt Sebastian Münster in st^iner Cosntographie^) 
vom Schwarzwald: Es ist ein ratich Bürgig und Winterig 
Land, hat viel Thanvwäld, doch wechßt do simlich 
Korn. Höchst belangreich ist auch die folgende Angabe: 
Also findest du bey Ursprung des Wassers Murg, nemblich 
hinder Kniebiß, das sich das Volck mit harts abläsen unnd 
klauben ernehret. Dann do findt man swey oder drey 
Dörßery deren einwoner alle jar 200 unnd etlich mehr 
centner harta von den Thannbäumen samblen und 
gehn Straßburg su verkauffen bringen. Gewiß der beste 
Beweis für die Massenhaftigkeit des Vorkommens der Tanne. 
Wenn somit der Schwarzwald nachweislich vom frühe- 
sten Mittelalter an bis in die Gegenwart vorwiegend mit 
Tannenwald bedeckt gewesen ist, so muß es uns Wunder 



*) Ich möchte darauf hinweisen, daß diese alte Schiffergesellschaft 
m Gemsbach noch heute besteht. Sie besitzt über 5000 Hektar Wal- 
dungen mit eignen Förstern, Flößrechten, Sägeanlagen usw. 

■) Lamprecht Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter II 340. 

m 470, 28 f. u. 471, 3. 

•) Kap. 325, S. 827. In dem von mir benutzten Exemplar der 
Heidelberger Bibliothek fehlt leider das Titelblatt, so daß ich Druckort 
und Jahreszahl der Auflage nicht anzugeben vermag. 



144 5- ^P* ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit o. im frühen Mittelalter. 

nehmen, daß die Anzahl von Schwarzwälder Orts- 
namen, die den Nadelwäldern ihre Entstehung verdanken, 
eine verhältnismäßig geringe ist. Nach einer Zusammen- 
stellimg Edmimd v. Bergs*) stehen im eigentlichen Schwarz- 
wald 24 Ortsnamen mit Laubholzbäumen nur 4 mit Tanne, 
4 mit Föhre und 2 mit Eibe gegenüber. 

Eine Mustenmg der Ortsnamen in Kriegers Topographi- 
schem Wörterbuch ergibt noch eine ganz bedeutende Ver- 
schiebimg zugunsten der Laubhölzer. Nach Hausraths 
Zählimg sind die Nadelhölzer 22 mal, die Laubhölzer da- 
gegen 140 mal in den Ortsnamen vertreten; es ist also fast 
ein Verhältnis von 1 : 7; in den Flur- und Waldnamen, die 
allerdings meist jüngeren Ursprungs sind, ist es 3:7, wäh- 
rend der Laubwald heute nur V» der gesamten Waldfläche 
des Schwarzwaldes einnimmt.') 

Es wäre mm aber ein Trugschluß, daraus zu folgern, 
daß der Schwarzwald zu der Zeit, als die Ortsnamen ent- 
standen, überwiegend mit Laubwald bestockt war; nur daß 
in den bewohnten Gegenden damals Laubhölzer vor- 
herrschten, geht daraus hervor — ein Umstand, der von 
Berg imd Hausrath übersehen worden ist. Bewohnt aber 
war der Schwarzwald im frühen Mittelalter nur in den 
imtern breiteren Tälern imd auf der Hochebene der Baar 
in Südosten ; in die entlegeneren Waldtäler drang man erst 
in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters vor,') und 
die Höhen selbst sind ja noch heute, von den Luftkurorten! 
abgesehen, nur sehr spärlich besiedelt. Die Ortsnamen 
werden uns deshalb nur über die Waldbäume der Täler 
imd der Hochebene Auskunft geben können, über die Be- 
stockimg der Schwarzwaldhöhen imd zumal der steileren 
Abhänge lassen sie uns im Unklaren. 



*) Gesck, d. deutschen IVälder 147. 

») H. Hausrath Allg. Forst- u. Jagdzeitung 79, 43 (Febr. 1903). 

*) Vgl. K. Bissinger Bilder aus d. Urgesch, des Badischen Landes, 
Bad. Neujahrsblätter i (1891), S. 39 f. J. Hartmann Die Besiedebatg d. 
württ. Sckwarzwalds. Württ. Jahrbücher f. Statistik u. Landesk. 1893, 
S. 5. Hausrath aaO. 44. 



II. Süddeutschland. 145 



Wir wollen zur Prüfung des Gesagten und zur Fest- 
stellung der Verbreitung der Holzarten im einzelnen nun- 
mehr die Ortsnamen des Schwarzwaldgebiets, soweit sie 
Beziehungen auf Bäume enthalten, auf ihre Lage hin näher 
untersuchen. Es sollen dabei, unter Zugrundelegung von 
Kriegers Topographischem Wörterbuch, ^ j alle urkundlich 
bezeugten Ortsnamen bis ins 16. Jahrhundert herangezogen 
werden, soweit ihre Bedeutimg sicher feststeht. 

Die Südabhänge des Schwarzwalds sind gegenwärtig 
mit Laubwald (größtenteils Buchen) bedeckt, der sich an 
das Laubwaldgebiet des Jura anlehnt. Wir dürfen also 
auch für die ältere Zeit hier Laubwälder erwarten. Das 
wird uns wenigstens für den südlichsten Teil des Schwarz- 
walds durch einige Namen bestätigt, die bereits in Ur- 
kunden des 9. Jahrhimderts auftreten. Das Dorf Buch 
westlich von Waldshut ist schon 874 als villa Puach be- 
legt, Eichen bei Schopfheim im Wiesental erscheint 807 als 
Eihheim, Hasel bei Schopfheim 820 als /;/ Hasalaho. Diese 
drei sind zugleich die einzigen von Bäumen hergeleiteten 
Ortsnamen im südlichen Schwarzwald, die sich urkundlich 
in das erste nachchristliche Jahrtausend zurückverfolgen 
lassen; im ganzen übrigen (badischen) Schwarzwald kenne 
ich nur noch zwei, die in ähnlich frühe Zeiten zurück- 
reichen, und die sind von Nadelhölzern entnommen: es ist 
das Kloster und Dorf Tannheim nordwestlich von Donau- 
eschingen, das 817 als Tanheim erwähnt wird, und der 
Kienbach, der rechte Nebenbach der Schwarza (St. Blasien), 
der 983 und 1065 fons Cheinbachy 1123 fons Chienbach ge- 
nannt wird, falls er, wie mir am wahrscheinlichsten, mit 
Kien 'Kiefer* zusammenhängt und nicht, wie Buck^; meint, 
keltischen Ursprungs ist. 



^) Von der 2. Auflage desselben konnte nur noch der erste Band 
verwertet werden. 

*) Alemannia 8, 166. Er führt das Wort auf kelt. caen, cain *frisch' 
zurück. Der Name Kienback ist im Schwarzwald auch sonst verbreitet: 
ein linker Zufluß der Schiltach heißt so, und im Kinzigtal haben wir 
einen zur Gemeinde Lehengericht bei Wolfach gehörigen Zinken Im 

Hoops. Waldbäume u. Kulturpflanzen. 10 



146 5* K^P- ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Wir würden also aus der ältesten Zeit Ortsnamen von 
Laubbäumen ausschließlich im südlichsten Teil des Gebirges 
haben, im Innern desselben hingegen nur von Nadelbäumen 
hergeleitete. 

Vom Jahre 1000 ab und namentlich seit dem 13.Jahr- 
himdert, wo diu-ch die Kolonisationstätigkeit der Klöster 
das Innere des Gebirges erschlossen wurde, mehren sich 
die Namen sehr schnell. 

Beginnen wir mit dem südlichen Schwarzwald. In der 
Upigegend von Waldshut begegnen ims die folgenden 
von Laubhölzem stammenden Namen: Aichen imSchlücht- 
tal (zuerst belegt 1275 als Aichain)] Haselbach, Hof in der 
Gemeinde Weilheim (zuerst 1276 als Haselbach); Eschbach 
bei Waldshut (1187 Eschibach); im Gebirge südlich von 
Höchenschwand Elmenegg (1328 Ebnegge). — Dem gegen- 
über haben wir im Albtal den Ibach (1383 Ybach^ von 
mhd. Jwe 'Eibe*), rechten Nebenbach der mittleren Alb, 
und an dessen Oberlauf die Gemeinde Ober- und Unteribach 
(1328 Ybach). 

Auf dem Dinkelberg, zwischen Lörrach und Rhein- 
felden, die Gemeinde Ober- imd Nieder-Eichsel (1242 Eichis- 
sol)] Lienhoven, Flurname auf der Gemarkimg Wiechs bei 
Schopfheim (1392, zu ahd. lln 'Lenne, Spitzahorn'). 

Im Wiesental: Eichbrunnenhof, ausgegangener Hof, 
der wohl am Eichbühl bei Glashütten, nordöstlich von 
Schopfheim stand (1400 se Eychenbrunnen); Haselberg, 
Berg westlich von Schönau (1488 uf dem Haslaberg,). — 
Anderseits lag in der Gegend von Schönau ein Ort ser 
Tannen, der 1352 und wieder im 15. Jahrhimdert belegt 
ist. In der Gemeinde Wies, an einem rechten Seitenbach 
der obern Wiese, haben wir das Dorf Demberg, das 
schon 1157 als ecclesia Tenniberc, 1173 als Tenniberch be- 
zeugt ist; und weiter westwärts zwischen Kandern und 



Kienbach, Daß alle diese Namen unbedeutender Bäche im innem 
Schwarzwald keltischen Ursprungs seien, ist mir durchaus unwahr- 
scheinlich. 



II. SüddeutscUand. 147 



Rheinweiler das Dorf Tannenkirch, das 1184 als Tannen- 
kirche erscheint Die drei Namen beweisen das Vorhanden- 
sein von Tannenwäldern im Süden des Markgräflerlandes. 

In den Tälern, die sich westlich nach der Rhein- 
ebene hin öffnen, imd auf den an sie angrenzenden Höhen 
kommen folgende Orte in Betracht. 

Bei St. Ulrich im Breisgau eine abgegangene Burg 
Birkenberg (1291 als Birchiberg belegt). 

Im Dreisamtal und seinen Seitentälern und auf den 
angrenzenden Höhen. Namen von Laubhölzem: Buchen- 
back, Dorf imd Bach (1350 Büchenbach); Birkenweghofy 
Hof im Zinken Oberibental, Gem. St. Peter (1502 das gut 
uff dem Birckweg)\ Erlenbach, Zinken in der Gem. St. 
Märgen (1397 Erlibach)\ Erlenhof, Hof in der Gem. Burg 
im Dreisamtal (1407 3ü den Erlan); Eschbach, Nebenbach 
der Dreisam und Dorf (1273 Eschebach Dorf, 1342 Esch- 
bach Fluß). — Namen von Nadelhölzern: der Ibenbach 
(1384 Iwa)y rechter, oberhalb Burg mündender Nebenbach 
des Wagensteigbachs; an demselben die Zinken Ober- und 
und Unter-Ibenthal (ca. 1111—22 villa Iwa). 

Im Elztal imd dessen Bereich: Buchhols unterhalb 
Waldkirch am Ausgang des Elztals (iftl Büchols)\ Lindle- 
hof, Hof in der Gemeinde Föhrenthal (1112 tilia sita in 
monte diclo Wipphi)\ Haslach-Simonswald (1331 das gül in 
der Hasela, das da gelegen se Sigemanswalde in dem tal\ 
1493 im Sigmanßwald in der Haslach); Eschbach, Höfe 
in der Gem. Stahlhof bei Waldkirch (1341 Eschebach); 
Eschenfirst, Hof in der Gem. Untersimons wald (16. Jahr- 
hundert uff dem Eschenfürst), — Anderseits Tannenbauer, 
Hof in Gem. Biederbach bei Elzach weiter oben im Elztal 
(16. Jahrh. im Thannerhof). 

Bei Emmendingen: Eichberg, Berg und Ödung nörd- 
lich von Emmendingen (1341); Buchgieße, Ödung an der 
Elz oberhalb der Stadt (1178 Büchge^en)\ Aspen, ausge- 
gangener Ort nördlich von Landeck (1296 se den Aspon), — 
Anderseits nordöstlich von Emmendingen der Zinken Ten- 
nenbach (1180—90 Tannebach und Tltennibach). 

10* 



1^ 5- ^P* I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeil u. im frühen Mittelalter. 

Im Schuttertal: Eichbergy Höfe in der Gem. Reichen- 
bach und Gem. Schönberg bei Lahr (16. Jahrh.). 

Im Kinzigtal haben wir folgende von der Eiche 
stammende Ortsnamen: Aichberg, Örtlichkeit an der Kinzig 
unterhalb Hausach (1277 Aiberch, 1493 Aichberg); Eichhalde, 
Weiler, Gem. Mühlenbach (1346 Aichhalden); Eichenbachj 
Hof in der Gem. Haslach (1489 Eichenbach); Aichen, Ödung 
bei Hausach (1493 Bün Eychen^ Aychen); Eichelsmatt, 
Haus in Gem. Steinach (16. Jahrh. uff der Eichlins matt). 
Heute gehen diese Namen mit Eiche noch weiter talauf- 
wärts: vgl. Aichberg, Hof in Gem. Lehengericht, zwischen 
Wolf ach und Schiltach; Eichberg, Zinken in Gem. Vorder- 
heubach bei Schiltach; Eichbach, Zinken in Gem. Tennen- 
bronn bei Schramberg; Aichhalden, südöstlich von Schiltach 
auf württembergischem Gebiet. Von der Buche hergeleitet: 
Büchern [Ober- und Unter')^ zwei Zinken in Gem. Mühlen- 
hach (1313 Büchorn, 1450 Büchorn etc.); vor dem Buch- 
wald, Weiler in Gem. Unterharmersbach bei Zell (15. Jahrh. 
Buche); Buchen, Hof in Gem. Oberentersbach bei Zell 
(16. Jahrh. Buchen), Von der Linde: Linden, Zinken in der 
Gem. Berghaupten westlich von Gengenbach (1347 su den 
Linden); Lindach, Zinken in Gem. Nordrach bei Zell 
(15. Jahrh. Nordrach su den Linden); Lindenhof , Hof in 
Gem. Kinzigtal zwischen Wolf ach imd Schiltach (1493 sün 
Linden). Von der Hasel: Stadt Haslach (ca. 1099 Hasela). 
Erle: Erlenberg, Hof in Gem. Bergzeil bei Schiltach (1493 
Hans Erliberger). Esche: Eschau, Dorf bei Haslach (1240 
Escha, 1297 Eschowe); Eschbach, Zinken in Gem. Fischer- 
bach, an einem Seitenbach der Kinzig, zwischen Haslach 
und Hausach (1493 Espach, wohl hierher, nicht zu Espe). 
Lenne (Spitzahorn): Limbach, Hof beim Zinken Hauserbach, 
Gem. Einbach bei Hausach (1442 Lympach, 1443 Linpach, 
1444 Liempach, 1493 Limppach); Liemberg, ZiakeninGem. 
Nußbach bei Triberg (1551 am Liennberg). — Nadelhölzer: 
Kienbronn, Zinken in Gem. Lehengericht zwischen Wolfach 
und Schiltach, dessen Zugehörigkeit zu Kien allerdings an- 
gesichts der einzigen urkundlich belegten Form Küenprunn 



II. Süddeutschland. 149 



von 1590 nicht ganz sicher, wenn auch wahrscheinlich, ist. 
Zur selben Gemeinde Lehengericht gehören der Zinken Im 
Kienbach, die Mühle Vor Kienbach und das Haus Kienbächle, 
die alle urkundlich aus früherer Zeit nicht nachweisbar sind. 
Der Name Kienbronn findet eine Parallele und seine Zu- 
sammengehörigkeit mit Kien eine Stütze durch den Namen 
der beiden Gemeinden Evangelisch- und Katholisch-Tennen- 
bronn im obem Schiltachtal (1179 Tennebrunne), der zwei- 
fellos von Tanne abzuleiten ist. 

Im Renchtal haben wir einerseits an Laubholznamen: 
Eichen j ausgegangener Hof bei Oberkirch (1400 an der 
Eichen)\ Haslach, Dorf bei Oberkirch ^1247 Hasilach prope 
Obirkilfce); Zur Birken, ausgegangenes Hof gut bei Lauten- 
bach oberhalb Oberkirch (1233 sir Birch€n^\ — imderseits 
den auf die Eibe weisenden Ortsnamen Ibach für einen Weiler 
und Zinken oberhalb Oppenau (1347 Ybach), 

Am Rande des Gebirgs zwischen Achern und Bühl: 
Birkenhöfe, Höfe in Gem. Sasbachwalden (1347 su den 
Birken); Erlenbad, Zinken in Gem. Obersasbach (1431 Erlech- 
bade); Aspich, Weiler in Gem. Lauf, und Aspichhof y Hof in 
Gem. Ottersweier (1360 Aspach). 

Bei Baden: der Hof Eiche (1393 das höflein su der 
Eyche), — Anderseits, auf die Eibe deutend, der Name der 
bekannten Ruine Iburg oder Ybnrg bei Baden-Baden, die 
im Bereich der Gemeinde Vamhalt auf einem in die Rhein- 
ebene vorragenden Kegel gelegen ist (1245 Iberch, 1246 
Iberc, 1249 und 1252 Yberg), Es mag hier nebenbei er- 
wähnt werden, daß dieser aussterbende Waldbaum noch 
in einigen andern, urkundlich aus früherer Zeit nicht beleg- 
baren Ortsnamen des Schwarzwalds seine Spur hinterlassen 
hat: in dem Zinken Ibich in der Gemeinde Alt-Simons wald 
bei Waldkirch, nach welchem der nördlich davon gelegene 
Ibichkopfxmd der oberhalb Ibich am Ibichkopf entspringende 
Ibichbach benannt sind, und der Weiler Ibendörfle am Aus- 
fluß dieses Ibichbachs in die Wilde Gutach; femer der 
Zinken Iberg in der Gem. Kappelrodeck bei Achem. 

Am Ausgang des Murgtals nördlich von Rothenfels: 



150 5* ^^P- ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Eichelbach, ausgegangener Ort zwischen Rothenfels und 
Winkel (1102 Eichelbach\ und der Eichelberg ^ Berg zwischen 
Walprechtsweier und Oberweier (1387 der Eichelberg). 

Südlich der Straße von Rastatt nach Ettlingen auf der 
Gemarkung Maisch der Lindenhard, ehemals ein Hof des 
Klosters Herrenalb in dem gleichnamigen Walde (1213 Lin- 
denhart). 

Nord- und Ostseite des Gebirgs. Südwestlich von 
Pforzheim das Dorf Büchenbronn (1339 se Bochbrünen). — 
Nordöstlich von St. Georgen das Dorf Buchenberg (1275 
Büchenberg). — Südöstlich von Furtwangen die Gemeinde 
Linach am Bach gleichen Namens, einem Nebenbach der 
Breg (1299 vallis dicta Lina, 1300 ebenso, 1323 Linach), — 
Nördlich von Villingen die Dörfer Ober- imd Nieder- 
Eschach (1094 villa Ascaha). 

Auf der südöstlichen Seite des Schwarzwalds haben 
wir im Gebiet des Wutachtals: Eichhof, Hof in Gem. 
Fützen (1315 Aichhof)\ Buchberg, Berg südlich von Blum- 
berg {1509 Buchberg); Eschach, nordwestlich von Blumberg 
(1293 Eschain, 1364 Escha); Lembach, Dorf südöstlich von 
Bonndorf (ca. 1200 Linpach, 1265 Limpach); Haslach, rechter 
unterhalb Lenzkirch mündender Nebenbach der obern Wutach 
(12% Hasela); Birkendorf, nahe dem linken Ufer der obern 
Schlucht (1275 Birchindorf). — Diesen auf Laubhölzer zu- 
rückgehenden Ortsnamen steht gegenüber der Name der 
Burgruine Tannegg bei BoU nördlich von Bonndorf, der 
schon ca. 1099 in Personennamen de Taneccho, 1100 «te 
Tannegge erscheint. 

Zxun Schluß ist noch eine etymologisch zweifelhafte 
imd umstrittene Gruppe von Namen zu behandeln: die 
mit Fohren-, Föhren- zusammengesetzten, die man teils mit 
mhd. vorhe 'Forelle*, teils mit mhd. vorhe Töhre*, teils 
mit dem Eigennamen Faro zusammengebracht hat (vgl. 
Krieger imter den betreffenden Wörtern). Es gehören 
hierher: Fohrenbach, eine Mühle in der Gem. Nöggensch- 
wihl bei Waldshut (1328 in Forebach); Föhrenthal, 
Gemeinde in einem linken Seitental des imtem Glotter- 



n. Süddeutschland. 151 



tals im Kreise Freiburg (1384 Verendal); Föhrcnbächle, 
Zinken in Gem. Langenschiltach nordöstlich von Triberg 
(1330 in dem Verenbachli)\ Forbach^ Nebenbach der untern 
Murg und Dorf an demselben (1267 Vorchbach)\ endlich 
die Stadt Vöhrenbach westlich von V Illingen (1244 Vcrin- 
hoch und Vernbach). 

Es ist möglich, daß die mit -back zusammengesetzten von 
diesen Namen zum Teil auf mhd. vorhe ''Forelle* zurück- 
gehen, denn wir haben auch zwei Bachnamen, die mit der 
jeden Zweifel ausschließenden Namensform Forelle gebildet 
sind: einen Forellenbachj der bei Höfen zwischen Wildbad 
und Neuenbürg von rechts in die Enz mündet, und einen 
zweiten Forellenbach im Elsenzgau, der bei Weilermühle 
südwestlich von Aglasterhausen von rechts dem Schwarz- 
bach zufließt. Aber diese Namen sind, wie schon die 
moderne Form des Fischnamens zeigt, ganz jimgen Ursprungs 
und schwerlich auf volkstümlichem Wege entstanden. Auch 
scheinen mir Bachnamen, die nach andern Fischen benannt 
sind, im Schwarzwald, wie anderswo, sehr selten zu sein, 
wenn nicht etwa die verschiedenen Eschbach zum Teil auf 
den Fischnamen Äsche^ mhd. asche^ zurückzuführen sind. 

Dem gegenüber haben wir eine ganze Anzahl von 
Bachnamen, die sicher von Bäumen, Laub- und Nadelhölzern, 
abgeleitet sind. Die vorhin aus dem Schwarzwald zusammen- 
gestellten Ortsnamen liefern Beispiele genug: Kienbach, 
Kienbronn, Tennenbach, Tennenbronn, Ibach\ Eichenbach, 
Eichbach, Eichenbrunnen, Biichenbronn, Haslach, Hasel- 
bach, Eschach, Eschau, Eschbach, Erlenbach, Limbach. 
Angesichts dieser zahlreichen Parallelen ist es mir denn 
doch sehr wahrscheinlich, daß wenigstens ein Teil der oben 
genannten, mit Fohren-, Föhren- zusammengesetzten Orts- 
namen auf den Baum Föhre oder Forche (Pinus silvestris) 
zurückgeht. Wann wir von der Bedeutimg Töhre*, wann 
von 'Forelle' auszugehen haben, wird sich freilich kaiun 
mehr feststellen lassen. 

Dagegen gehören einige andere, urkundlich nicht belegte 
Namen zweifellos zu Föhre Tinus'. So der Name des 



162 5* ^P- I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Hofes Fohrenbühl in der Gem. Rickenbach nordöstlich von 
Säckingen; Föhrwald ^ Zinken in Gem. Breitnau und Gem. 
Steig nördlich vom Höllental; Fohren^ Zinken in Gem. 
Schutterthal; Fohrenbühlj Weiler zwischen Hornberg 
und Schramberg; endlich noch ein Haus Fohrenbühl, das 
zur Stadt Vöhrenbach westlich von Villingen gehört. 

Aus der vorstehenden, im wesentlichen wohl er- 
schöpfenden Zusammenstellung ergibt sich, daß die Orts- 
namen, die von Nadelhölzern entnommen sind, allerdings 
in allen Teilen an Zahl hinter den von Laubhölzem 
stammenden ganz erheblich zurückstehen, daß sie aber 
ebenso wie diese von Anfang an gleichmäßig über das ganze 
Gebiet verbreitet sind; doch treten sie im Südosten im Be- 
reich des Wutachtals, sowie an den Rändern des Gebirgs 
im Süden und Westen seltner als im Innern desselben 
auf, woraus man schließen darf, daß die Nadelhölzer im 
innem Schwarzwald stärker vertreten waren als an den 
Rändern. Ein Unterschied zwischen Weiß- imd Rottanne, 
wie er gelegentlich in schweizerischen Ortsnamen gemacht 
wird,*) tritt uns in den Ortsnamen des Schwarzwalds nirgends 
entgegen, was vielleicht damit zusammenhängt, daß die 
Rottanne (Fichte, Picea excelsa Lk.) im Mittelalter schon 
ebenso, wie heute, vorzugsweise die nicht bewohnbaren 
obersten Bergregionen bestockte. Indessen gehören solche 
Unterscheidungen doch auch in der Schweiz zu den Aus- 
nahmen. 

Die von Laubhölzem hergeleiteten Ortsnamen ziehen 
sich seit dem 11. Jahrhundert schon tief bis ins Innere des 
Gebirges. Sie beweisen, daß Laubhölzer, dem Verlauf der 
Täler und der angrenzenden Höhen folgend, bis in den 
innem Schwarzwald hinein wuchsen, imd daß sie in den 
Tälern wohl noch entschiedener die Vorherrschaft hatten, 
als es heutzutage der Fall ist. Eiche ^(jgi/^rcws). Buche 
(JFagus silvatica\ Linde {Tilia\ Hasel (Corylus avellana). 



*) Vgl. J. L. Brandstetter Die Namtfi d. Bäumt u. Sträuche in Orts- 
namen d. deutschen Schweiz S. 43 f. 



II. Süddeutschland. 153 



Birke (Betula alba)^ Esche {Fraxinus excelsior), Espe 
{Populus tremula)y Erle {Alnus glutinosa), Lenne {Acer 
platanoides) lassen sich aus den Namen nachweisen, von 
einigen seltneren abgesehen. Aber in diese Laubwaldimgen 
hinein schoben sich, jene teilend und durchsetzend, die Nadel- 
hölzer ein, wie das eben charakterisierte Vorkommen der 
von Nadelhölzern gebildeten Namen deutlich zeigt ; und auch 
die reinen Laubholzbestände zeigten offenbar eine starke 
Mischung verschiedener Baumarten. Über die Bestockung 
der Abhänge und Höhen des innem Schwarzwalds gestatten 
die Ortsnamen nur selten wichtigere Schlüsse. 

Im allgemeinen gewinnt man aus einer näheren Prü- 
fung der nach Bäxunen benannten Orte nicht den Eindruck, 
daß die Verteilung von Laub- und Nadelwäldern im Schwarz- 
wald im Mittelalter eine wesentlich andere gewesen sei 
als heutzutage. Auch heute noch ist der ganze Südabhang 
und sind die westlichen Ränder des Gebirges bis ziemlich 
hoch hinauf mit Laubwald bestockt; auch heute noch ziehen 
sich die Laubhölzer mit den menschlichen Siedelimgen die 
Täler hinauf bis ins Innere des Gebirgs, überdecken die 
Abhänge imd dringen nicht selten bis auf die Kämme und 
Höhen selbst vor; so steigt der Buchenwald im Bühlertal 
bis immittelbar imter die Paßhöhe des Sand hinauf. 

Daß das Nadelholz im Schwarzwald gleichwohl in den 
letzten Jahrhunderten dem Laubholz gegenüber an Boden 
gewonnen hat, ist natürlich recht gut möglich. Nur darf 
man aus der überwiegenden Zahl von Ortsnamen, die von 
Laubbäiunen herrühren, nicht den Schluß ziehen, daß zur 
Zeit der Entstehimg dieser Namen der Schwarzwald vor- 
zugsweise mit Laubwald bestanden gewesen sei. Dies dar- 
zutun, war der Zweck der vorstehenden Ausführungen. 
Hausraths übrigens sehr anschauliche Kartenskizze über 
den Holzartenbestand der deutschen Waldungen um 1300,*) 
worin der Schwarzwald als ein Gebiet dargestellt ist, in 
dem das Laubholz vorherrscht, wird dementsprechend be- 



>) Der Wechsel d. Holzarten im deutschen Walde S. 7. 



154 5« ^P. I^Jc Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

richtigt werden müssen. Wenn die Besiedeliing unter den 
jetzigen Verhältnissen noch einmal von unten her neu zu 
beginnen hätte, so würde das Ergebnis in bezug auf das 
Auftreten der Bäume in den Ortsnamen heute wahrschein- 
lich ein ganz ähnliches sein, wie das uns aus dem Mittel- 
alter überkommene. 

3. Das fränkische Nadelholzgebiet. 

Über das fränkische Nadelholzgebiet zxir Römerzeit 
haben wir eine gründliche Monographie in der Arbeit von 
Gradmann: Der obergertnanisch-rätische Limes und das 
fränkische Nadelholsgehiet (1899). Gradmann macht darauf 
aufmerksam, daß der viel erörterte knieförmige Ver- 
lauf des obergermanisch-rätischen Limes sich in 
auffallender Weise mit den Grenzen des fränkischen 
Nadelholzgebietes deckt. 

Schon Eduard Paulus hatte die Vermutung geäußert, 
daß die Römer mit der eigentümlich spitzwinkeligen Anlage 
des Grenzwalls eine Umgehung der unwegsamen schwäbi- 
schen Waldberge, des Welzheimer, Murrhardter, Main- 
hardter, Limpurger und Ellwanger Waldes, bezweckten, da 
sie durch Ausführung der ktlrzeren imd anscheinend ratio- 
nelleren Linie Walldürn— Gunzenhausen und Einverleibung 
des Dreiecks Walldürn— Lorch— Gunzenhausen „ein Land 
hinter ihre Grenzwehr bekommen hätten, das so gut wie 
unbrauchbar ist für Bewegimg imd Entfaltung von Truppen- 
körpem, das bei einem raschen Rückzug dem Heere leicht 
den Untergang hätte bereiten können", ein Gebiet, das mit 
seinem Gewirr von Waldschluchten imd schmalen, lang imd 
eng ineinander geschobenen Bergrücken noch heute zu den 
unbetretbarsten, zerrissensten, waldigsten und völkerärm- 
sten Gegenden Süddeutschlands gehöre, und das damals so 
gut wie unbewohnt gewesen sein möge.*) 



*) Die rötn, Schanzwerke am Donaulinus Württ. Vierteljahrsh. f. 
Landesgesch. 7, 46 (1884). Die rom. Grenzwehr in IVürttemherg Westd. 
Zeitschr. f. Gesch. u. Kunst 5, 147 f. (1886). 



II. Süddeatschland. I55 



Gradmann hebt hervor, daß diese Erklärung nur teil- 
weise das Richtige trifft, da die Römer tatsächlich einen 
nicht unbeträchtlichen Teil der schwäbischen Waldberge 
ihrem Reiche einverleibten. Aber dieser aufgenommene Teil 
war fast ausschließlich Laubwald und als solcher relativ 
kulturfähig, während das außerhalb des Limes liegende Ge- 
biet mit dem großen fränkischen Nadelholzbezirk zusammen- 
fällt. Ausgedehnte Nadelwaldimgen sind in älterer Zeit stets 
als besonders imwirtlich und wildarm (s. oben S. 91 f.) von 
der Kultxu- gemieden worden; sie sind von allen Urwäldern 
die letzten, die anbaufähig gemacht wiu*den. 

Daß das ganze fränkische Waldgebiet wirklich 
uralter Waldboden ist, wird von Gradmann durch eine 
Reihe von Tatsachen überzeugend nachgewiesen. „Alle 
Merkmale eines echten, alten Waldgebiets treffen hier zu- 
sammen'', sagt er (S. 63). „Die Spuren einer Diluvialsteppe 
fehlen ganz; die pontischen Steppenpflanzen ziehen sich 
vom Main her nur der Rednitz entlang noch bis oberhalb 
Nürnberg; im Innern kommen sie nirgends vor. Die Be- 
siedlung ist fast durchaus erst in nachrömischer Zeit, teil- 
weise erst im späteren Mittelalter erfolgt, ja einzelne dieser 
Waldorte reichen mit ihrer Geschichte nicht über das letzte 

Jahrhundert ziu-ück Besonders scharf ist die Südgrenze 

des Urwaldgebiets zu erkennen; sie deckt sich auf der 
großen Strecke vom Kocher bis zur Schwäbischen Rezat 
genau mit der Linie des rätischen Limes. Von Süden her 
drängen sich die Spiu-en vorrömischer Besiedlung, die 
Hügelgräber und Ringwälle, scharenweise an diese Linie 
heran, jenseits derselben sind sie wie abgeschnitten." 

Gradmann weist femer darauf hin, daß auch von den 
Ortsnamen die gleiche Linie eingehalten werde, daß sich 
südlich auf dem altbesiedelten Gebiet der Schwäbischen und 
Fränkischen Alb und dem Vorland bis zum Grenzwall hin 
überall zahlreich die Ortsnamen mit der altertümlichen En- 
dung 'ingen (bayrisch -ing) finden, die nur selten noch etwas 
über den Limes vordringen, wo sie von den massenhaft 
vertretenen Namen jüngeren Urspnmgs mit den Gnmd- 



156 5- ^P* I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Wörtern -weilet^ -hausen, -hofen, -hof^ -dorf, -back, -brunn, 
'bergj 'tal oder solchen, die auf Rodung in mittelalterlicher 
Zeit direkt hinweisen, mit den Endungen -reut, -rot, 
-schwand, -schwend, -sang, vollkommen überwuchert wer- 
den. Daß dies Waldgebiet wirklich mit Nadelhölzern, nament- 
lich Fichten und Tannen, bestanden war, ergibt sich deutlich 
aus Ortsnamen, wie Thannhof, TJtonhof, Thannweiler, Tann- 
wald, Tannenburg, Thannhausen, Tfwnhausen, Thann^ 
Thon, Waldthann, Fichten, Hohenfichten ^ Fichtenhof, 
Fichtenberg, Feuchtwangen, Forchheim, Vorra, Förrenbach 
usw., die im fränkischen Waldgebiet in außerordentlicher 
Menge auftreten. Die Karte, die Gradmann seinem Aufsatz 
beigegeben hat, zeigt diese Verteilung mit tiberzeugender 
Deutlichkeit. Es ist beachtenswert, daß die Namen gerade 
auch in der unmittelbaren Nähe des rätischen Limes be- 
sonders häufig sind, während sie jenseits dieser Grenzlinie 
gar nicht vorkommen. Gradmann zieht daraus mit Recht 
den Schluß, „daß seit dem Bestehen dieser Orte die Grenze 
sich nirgends weit verschoben haben kann" (S. 59). 

Dazu kommt das Zeugnis der archäologischen Funde 
aus der Römerzeit. Am ganzen rätischen Limes entlang 
sind außer Resten von Eichen und andern Laubhölzem 
zahlreiche Pfähle aus Kiefernholz, sowie Fichtenstangen 
und -zweige gefimden worden, wogegen Funde von Nadel- 
hölzern auf der angrenzenden Hochfläche der Alb durch- 
aus fehlen. Im Schießtal bei Herlikofen unweit Gmünd fand 
Steimle am Limes 1,25 cm unter der jetzigen Oberfläche 
Eichen- und Kiefempfosten gleichmäßig wechselnd.*) Die 
Pfahlgrabenpfähle, die Kohl bei Mönchsroth in der Nähe 
der württembergischen Grenze ausgrub, waren ausschließ- 
lich aus Kiefernholz gemacht.*) Im Kreutweiher bei Dam- 
bach unweit Wassertrüdingen in Mittelfranken legte der- 
selbe Forscher einen Pfahlrost von 15—20 cm dicken Pfählen 
bloß, zu denen meist Eichen und Kiefern, seltner Birken, 
Eschen und Erlen verwendet waren,*) während eine andre 

») Limesblatt Nr. 3 (1893) Sep. 85 f. ») Ebenda Nr. 10 (1894), 304. 
3) Ebenda Nr. 7/8 (1894), 256. 21 (1897), 598. 



II. Süddeutschland. 167 



Palissadenreihe im Wörnitztal, sowie auch die Reste eines 
Stegs beim Limesübergang über das Sulzachtal durchweg 
aus Eichenholz bestanden.*) Eichenbrettchen wurden von 
Kohl auch im Kastell Ruffenhofen an der Wörnitz unterhalb 
der Einmündung der Sulzach gefunden.^) An der Limes- 
Cberführung über die Altmühl-Niederung bei Gunzenhausen 
stieß Eidam auf eine sehr gut erhaltene Palissadenreihe, 
deren Pfähle meist aus halb gespaltenen Kiefern, selten aus 
Eichenstammen gebildet waren.') Am Altmühl-Übergang 
bei Kipfenberg endlich entdeckte Winkelmann außer Pfählen 
aus mehrfach gespaltenen Eichenstämmen auch Fichten- 
stangen, sowie Reste von Flechtwerk in Gestalt von ge- 
bogenen Fichtenästen nebst Buchen- und Birkenruten>) 

Dies sind alle näher bestimmten Holzfunde vom rätischen 
Limes, die mir in den zahlreichen, ausführlichen Berichten 
der Streckenkommissare im Limesblatt, sowie im großen 
Limeswerk aufgestoßen sind. Holzkohlen und andere Holz- 
reste sind fast überall gefunden worden; sie sind in den 
Berichten gewissenhaft registriert; aber über die Holzarten 
werden leider in den seltensten Fällen bestimmte Angaben 
gemacht. Es wäre im Interesse der Forstgeschichte sehr 
zu wünschen, daß bei weiteren Ausgrabungen auch auf 
diesen Punkt größeres Gewicht gelegt würde. 

Immerhin läßt sich aus den vorliegenden Funden im 
Verein mit dem Zeugnis der Ortsnamen und der Siedelungs- 
geschichte wohl schon so viel entnehmen, daß die Wälder 
in der Umgebung des rätischen Limes zur Römer- 
zeit, wie heute, auf der einen Seite aus Laub-, auf 
der andern aus Nadelwald bestanden. Im Laubwald 
herrschte anscheinend die Eiche mit ihren Begleitern vor; 
die Nadelwälder wurden auf dem größten Teil der Linie 
von Kiefern, im untern Altmühl-Gebiet von Fichten ge- 
bildet. Tannenfunde fehlen bis jetzt. 

») Kohl ebenda Nr. 17 (1896), 483 ff. 6 (1893), 184. 
•) Der obergerman.-raet. Limes B, Nr. 68, 3, Anm. i. 
») Liraesblatt 20 (1896), 557 f. 
♦) Ebenda Nr. 22, Sep. 679 f. 



158 5* K^P- I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Ein altes Kieferngebiet ist die Nürnberger Gegend. 
Ortsnamen, wie Forchheim nördlich von Erlangen und Vorra 
bei Hersbruck östlich von Nürnberg, die schon im ll.Jahr- 
himdert vorkommen, weisen darauf hin. *) Aber auch Tanne 
und Fichte treten uns in Ortsnamen wie Tennenlohej Thon, 
Altenthann^ BurgUianny Feucht^ Fichtenmühle entgegen.*) 
Im 16. Jahrhundert schreibt Sebastian Münster in seiner 
Cosmographie^) über den Nürnberger Wald: Der Harts- 
wald . . . ist SU gutem theil ausgereutet worden^ wiewol 
des noch ein gut theil gerings herumb gespürt wirt su 
Sommer und auch Winter Seiten. Dann grünet er allwegen 
und legt nimmer von im^ dieweil er auffrechtig steht, sein 
grünes kleid. 

Aus alledem ergibt sich wohl mit unabweislicher Not- 
wendigkeit die Folgerung, daß die Verteilung von Laub- 
und Nadelholz im schwäbischen Waldgebiet, sowie 
in Mittel- und Oberfranken im wesentlichen dem 
ursprünglichen, spontan entwickelten Zustand ent- 
spricht, daß die Römer sie bereits in der Haupt- 
sache so vorfanden, und daß sie ihren Limes ziemlich 
genau den Grenzen des großen fränkischen Nadelholzgebiets 
anpaßten, in das sie nicht vorzudringen wagten. Dies Er- 
gebnis ist zugleich für die Beiuteilung der Verhältnisse in 
andern deutschen Gebirgen von Wichtigkeit 

4. Die übrigen Nadelholzbezirke. 

Über die ältere Forstgeschichte der schwäbisch-bay- 
rischen Hochebene, sowie des Bayer- und Böhmerwaldes 
fehlt es, soweit ich sehe, bislang noch an ähnlich ein- 
dringenden Untersuchungen, wie wir sie für die eben be- 
sprochenen Nadelholzgebirge haben. 

^) Forchheim ist in einer Urkunde Heinrichs II. vom J. 1002 als 
Forechcitn (Mon. Germ. Dipl. III 3, 38 u. 4, 12), in zwei weiteren von 
1007 als Forhheim (ebenda III 199, 41 u. 200, 8) und Vorhchem (201, 14) 
und öfter belegt. Vorra erscheint in einer Urkunde Heinrichs II. von 
loii als Forehun (MG Dipl. III 271, 20). 

«) S. Gradmanns Karte zu Peterm. Mitt. 45 (1899), Heft 3. 

•) Kap. 384, S. 904. Vgl. oben S. 143, Anm. 3. 



u. Süddeutschland. 159 



Aus Oberschwaben liegen einige Moorfunde vor, die 
für das frühzeitige Vorherrschen der Nadelhölzer in diesen 
Gegenden sprechen. Im Buchauer Ried und in den Torf- 
mooren der Reviere Tettnang, Hirschlatt, Amtzeil und Leut- 
kirch sind nach Tscheming*) fast ausschließlich Fichten- 
und Kiefemreste gefimden worden. Doch sind diese An- 
gaben von keiner großen Beweiskraft, da sie sich offenbar 
nur auf gelegentliche dilettantische Beobachtungen stützen. 
Und da in den neolithischen Pfahlbauten von Schussenried, 
die jetzt inmitten eines ausgesprochenen Nadelholzbereiches 
liegen, nach Gradmann*) Reste von Laubhölzem, besonders 
von der Eiche, in großen Massen zu Tage gekommen sind, 
so ist der Laubwald zur jüngeren Steinzeit wahrscheinlich 
noch ziemlich verbreitet gewesen, im Lauf der folgenden 
Perioden aber allmählich durch die Nadelhölzer verdrängt 
worden, die an dem Nadelholzgebiet des Alpenvorlandes 
einen kräftigen Rückhalt hatten. Und wenn Tscheming auf 
Ortsnamen wie Thannau bei Tettnang, Titann und Alt-Thann 
im Altdorfer Wald, Thannhausen und Thannweiler bei Wald- 
see hinweist, so zeigen anderseits die Namen Buchau und 
Aichstetten^ daß die Laubwälder doch auch in historischer 
Zeit in den betreffenden Gegenden noch nicht ausgestorben 
waren. 

Eine eingehende Untersuchung der Verhältnisse auf 
der schwäbisch-bayrischen Hochebene und im Bayer- und 
Böhmerwald unter Berücksichtigimg sämtlicher Moorfunde, 
Ortsnamen und historischen Dokumente wäre wünschens- 
wert 

Wenden wir uns nunmehr zu den Laubwaldgebieten. 

5. Das Laubwaldgebiet der Schwäbischen Alb. 

Die Schwäbische Alb und der westliche Teil der 
Frankenalb bis zur Altmühl-Gegend sind, soweit sie über- 
haupt von Wald bedeckt waren, stets ein ausgesprochenes 



») Beür, z. Forstgesch. Württemb. S. i6 und Anm. i. 
«) Pflanzenleben d. Schwab, Alb^ I 383. 



160 5- Kap* I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Laubwaldgebiet gewesen; auch aus prähistorischen Zeiten 
findet sich hier von Nadelwäldern keine Spur. In den Kalk- 
tufflagem der Albtäler sind übersinterte Buchenblätter nach 
Tscheming (aaO. 18) beinahe die einzigen Reste von Wald- 
bäumen; in den zahlreichen Hügelgräbern hat man, so viel 
wir wissen, bis jetzt niu- Eichen- und Buchenkohlen ge- 
funden. Es scheint, daß die Buche bereits in vorgeschicht- 
lichen Zeiträumen die herrscJiende Baumart gewesen ist, 
wozu sie schon durch die Bodenverhältnisse gewissermaßen 
prädestiniert war. 

Und ähnlich ist es in frühhistorischer Zeit. Bohnen- 
berger*) kennt von Ortsnamen des schwäbischen Alb- 
gebiets aus dem 5. bis 11. Jahrhundert 8 mit dem Grund- 
wort buoch. Und Tscherning (aaO.) führt (leider ohne ur- 
kundliche Belege aus älterer Zeit) die folgende stattliche 
Reihe von heutigen Ortsnamen an, in denen die Buche eine 
Rolle spielt: Buchheim bei Friedingen, Magenbuch bei Oster- 
ach, Maßhaiderbuch und Sonderbuch bei Zwiefalten, Cim- 
berbuch bei Aglishardt, Nattenbuch bei Feldstetten, Kalb- 
lingsbuch bei Suppingen, Treffensbuch und Sonderbuch bei 
Blaubeuren, Emwerbuch bei Geislingen, endlich die aus- 
gedehnten Waldbezirke des Albtich und Teutschbuch. 

Andere Laubbäume sind in den Ortsnamen weit seltener 
vertreten, an Nadelhölzer erinnert kein einziger, ausge- 
nommen die Eyachgegend und das Jagstgebiet, wo der 
Nadelwald, wie wir oben sahen, auch heute noch sich bis 
auf die Alb erstreckt. 

Der Ellwanger Nadelwald entsandte seine Fühlhörner 
einstmals sogar weit in das Buchengebiet der Alb hinein 
bis ins Brenztal. Bei Mergelstetten unweit Heidenheim haben 
sich in prähistorischen Gräbern Harzkuchen und im Brenz- 
tal bei Hermaringen im Moorgrunde der Wiesen unterhalb 
der Güssenburg Nadelholzstämme in Menge gefunden 
(Tscheming 25). 

>) Die Ortsnamen des schwäbischen Albgebiets nach ihrer Bedeutung 
für die Besiedlungsgeschichte, Württemberg. Vierteljahrshefte f. Landes- 
geschichte 9 (i886), i8 f. 



n. Süddeutschland. {ßi 



Daß der Nadelwald auch im Westen der Alb, im Eyach- 
gebiet, schon zur Römerzeit ebenso weit gegen die Alb 
vorgedrungen war wie heute, ergibt sich aus der von 
Tscheming (S. 23 f.) angezogenen Tatsache, daß in Rottenburg 
unter den Trümmern der römischen Kolonie Solicinium oder 
Sumlocennae Reste der noch jetzt in der Gegend wachsen- 
den Laub- und Nadelhölzer nebeneinander gefunden werden. 
Auch Ortsnamen, wie der des Dorfes Thannheim bei Ba- 
lingen, das sich unter den ersten Besitzungen des 1089 ge- 
stifteten Klosters Zwief alten findet,») bestätigen die früh- 
zeitige Verbreitung der Tanne in diesem Bezirk. Die 
Grenzen zwischen Laub- imd Nadelwaldgebieten sind also 
auch hier seit der Römerzeit im wesentlichen unverändert 
geblieben. Sie stellen augenscheinlich die natürlich ge- 
wordenen dar. 

6. Das Laubwaldgebiet des Neckarlandes. 

Wie die Alb, so hat auch das Neckarland von Haus 
aus vorwiegend Laubwald getragen, doch ist derselbe 
in älterer Zeit, namentlich im südlichen Teil bis in die 
Stuttgarter Gegend, stark von Nadelwaldungen 
durchzogen gewesen. Bei der Lage dieses Laubwald- 



') Tscherning aaO. 13 f., Anm. 3. Dagegen ist es mir zweifelhaft, 
ob der von Tscheming aufgeführte Ortsname Tatmingas von 786, nach 
seiner Annahme entweder das heutige Dannifigen bei Rottweil oder 
Tkumungefi bei Spaichingen auf der Linie Rottweil — Immmendingen, 
sich in diesem Zusammenhang verwerten läßt. Sicher nicht zu Tantie 
gehört das auch von Tscherning herangezogene, 846 als Taticlunga 
belegte Detüungen bei Spaichingen, das vielmehr eine Patronymikon- 
bildung von einem Personennamen Danko, Koseform für Datikmar, 
Dankrai oder ähnliches, ist. Hierher ist auch der Ortsname Denken- 
dorf im fränkischen Nadelholzgebiet zu stellen, der von Gradmann 
(Peterm. Mitteil. 45. S. 60, Anm. 3), unter Berufung auf Kuglers Er- 
klärung V. tausend Ortsnamen der Altmühlalp, irrtümlich von Tännichen- 
dorf =. 'Dorf am Tännich, Tannenwald* hergeleitet wird. Vgl. den 
Namen des badischen Dorfes Denkingen^ Krieger Topogr. Wörth. d. 
Grkzt. Baden^ I 388. 

Hoops, Waldbäume u. Kulturpflanzen. II 



162 5* ^P* ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

gürteis zwischen zwei großen ausgedehnten Nadelwald- 
gebieten war es nur natürlich, daß die Ausläufer der letz- 
tem sich bis tief in das Herz des Laubwaldes hinein er- 
streckten, zumal in einer Gegend, die an sich weder die 
eine noch die andre Baumart ausschließlich begünstigte. 

In einem Torflager bei Sindelfingen am Schönbuch 
imweit Böblingen sind verkohlte Holzstücke von Buchen, 
Eichen, Erlen, Birken und Weiden, aber auch Reste von 
Fichten und Kiefern mit den Knochen des Urs zusammen 
gefimden worden (Tscheming aaO. 20, 24). Auf dem Berg- 
rücken zwischen Tübingen und Hirschau stieß man bei der 
Öffnung eines prähistorischen Grabhügels inmitten von 
Laubwaldungen auf Nadelholzkohlen ; auch eine in Tübingen 
selbst aufgedeckte Grab- und Opferstätte enthielt Nadelholz- 
reste (ebenda 24). Auf dem Herde eines im Jahr 1818 in der 
Nähe von Cannstatt, zwischen Mühlhausen und Zazen- 
hausen, ausgegrabenen römischen Gebäudes lagen ebenfalls 
Nadelholzkohlen (aaO. 25). Ähnlich ist es in den Laubwald- 
gebieten, die an den Ellwanger und Welzheimer Wald an- 
grenzen. „Die Stadt Mergentheim," schreibt Tscheming 
(aaO.), „ist über einer 5—16 Fuß imter der Oberfläche lie- 
genden Tonschichte erbaut, welche Reste von Laub- und 
Nadelhölzern, Föhrenzapfen usw., dabei auch Scherben alt- 
deutscher Gefäße enthält." 

Die Grenzen zwischen Laub- und Nadelwald scheinen 
also im obem Neckargebiet zur Römerzeit keine scharfen 
gewesen zu sein. Der Schwarzwald entsandte seine Vor- 
posten bis an den Rand des Schönbuchs, ja bis in die Cann- 
stätter Gegend, der Welzheimer und Ellwanger Wald die 
seinigen nordwärts bis nach Mergentheim. Aber der Kern 
dieses Bezirks war zweifellos von jeh,er überwiegend mit 
Laubwald bestockt, und die eingesprengten Nadelholz- 
parzellen sind später verschwtmden. In einem fossilen Torf- 
lager am Rosenstein bei Stuttgart, das durch Erdarbeiten 
in einer Tiefe von mehreren Fuß imter der Oberfläche auf- 
gedeckt wurde, lagen ausschließlich Stämme von Eichen, 
Salweiden und Birken eingebettet (Tscheming 20). 



II. Süddeatschland. 16H 



Der Name Schönbuch, der nach Tscheming (19) als 
Shaienbuoch bereits in einer Schenkungsurkunde Herzog 
Friedrichs V. von Schwaben an das Kloster Bebenhausen 
vom Jahre 1187 und als Schainbuoch in der Stiftungsiu-kunde 
Pfalzgraf Rudolfs I. von Tübingen aus dem Jahr 1191 vor- 
kommt, zeigt am besten, daß in diesem ausgedehnten Wald- 
revier die Buche schon im Mittelalter der herrschende 
Baum war. Verschiedene Dolmmente aus dem 14.— 16. Jahr- 
hundert, welche die Holzarten dieses ehemaligen Reichs- 
walds erwähnen, wissen von Nadelholz nichts. Selbst die 
Kiefer ist im Schönbuch nachweislich erst in der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts künstlich wieder angepflanzt 
worden. Ortsnamen, wie Waidenbuch, Sillenbuch, Aich, 
Schönaich, Ober- und Unter-Aichen im Schönbuch und auf 
der Filder-Ebene, Büchenbronn, AichscMeß, Aichelberg im 
westlichen Schurwald, Buchenbach bei Winnenden bestätigen 
die frühe Verbreitung des Laubwalds. Inwieweit die heute 
im obem Neckargebiet zerstreut vorkommenden Nadelwälder 
vielleicht noch Reste jener alten sind, wird sich schwer 
ausmachen lassen. Nach Tscheming (26 ff.) wären die ehe- 
mals in diesem Laubwaldbezirk in geringer Menge vor- 
handenen Nadelwälder diu-ch Eingreifen des Menschen schon 
zur Römerzeit oder doch bald nachher völlig verschwunden, 
„weil sonst wenigstens einzelne Ortsnamen in den Laubholz- 
gebieten vom einstigen Vorhandensein des Nadelholzes 
Kimde geben" würden ; das erneute Vordringen der Nadel- 
hölzer in das einst verlorne Gelände anderseits wäre auf 
Rechnung jüngerer Aufforstimg zu setzen. In der Mehrzahl 
der Fälle ist das sicher richtig; ob in allen, läßt sich doch 
wohl nur auf Grund einer eingehenden Prüfung der forst- 
geschichtlichen Akten aus den letzten Jahrhunderten ent- 
scheiden, imd die liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit. 

Im württembergischen Unterland, im badischen 
Kraichgau und Bauland, die an dem geschlossenen 
Laubwaldgebiet des untern Mains einen Rückhalt besaßen, 
haben die Nadelwälder wohl nie eine größere 
Ausdehnung gehabt. 

II* 



1&( 5- Kap. Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

An dem nördlichen Teil des obergermanischen Limes 
ist bis jetzt, soweit die Berichte ein Urteil gestatten, nur 
Eichenholz gefimden worden.*) Im Mittelalter scheint die 
Eiche vor der Buche in den Hintergrund getreten zu sein; 
wenigstens kommt sie in Ortsnamen des Kraichgaus und 
Baulands nur verhältnismäßig selten vor. Wir haben einen 
Berg und Dorf Eichelberg bei Eppingen (1161 Eichelberc\ 
wir haben das Dorf Eichel bei Wertheim am Main (1269 in 
Echelj 1284 in Eichele\ es werden sich auch wohl noch 
weitere nachweisen lassen,*) aber ihre Zahl ist doch ver- 
schwindend gegenüber der Zahl derer, die auf das Vor- 
kommen der Buche deuten, wie: Buoch bei Heilbronn; 
Buchhorn bei Neckarsulm ; Buchhof, Weiler in der Gemeinde 
Stein am Kocher bei Mosbach (1462 Buche); Buchen^ die 
Stadt zwischen Mosbach und Walldürn im Bauland (774 
Bucheim)] Buch am Ahorn, Dorf bei Tauberbischofsheim 
(1341 Buch)] Büchig, Dorf bei Bretten (ca. 12% in Buche, 
1323 Buchech). 

Auch Ortsnamen mit andern Laubbäumen sind häufig 
genug: Lindenntühle , Mühle in Gem. Hartheim bei Buchen 
(1243 ad tiliam); Hohen Haslach westlich von Besigheim, 
Haselbach, Dorf bei Sinsheim im Kraichgau (776 Haselahcr 
ntarca, 1325 Haselach, 14% Haselbach); Hoh-Birkenfeld, 
Weiler in Gem. Pülfringen, westlich von Tauberbischofsheim 
(1197 Birkinfelt); Erlenbach bei Weinsberg, Erlenbach, Dorf 
südlich von Osterburken (1253 Erlibach); Eschelbronn bei 
Sinsheim (789 in Aschinbrunen), Eschelbach bei Sinsheim 
(1071 Eschilbach); Hohen-Asperg bei Ludwigsburg, Asbach^ 
Dorf bei Mosbach (UCX) Asbach in pago Elsensgowi, 1393 
Aspach) ; Ahorn, Weiler in Gem. Kupprichhausen bei Tauber- 



*) Gradmann Peterm. Mitteil. 45, 62. Vgl. auch Leonhard Limes- 
blatt 33 (1901), 903. — Die im Folgenden herangezogenen Ortsnamen 
habe ich in erster Linie wieder aus Kriegers Topographischem Wörterb. 
des Grßhzt. Baden zusammengestellt. 

*) Eicholzheim bei Adelsheim hat etymologisch mit Eiche nichts 
zu tun; es erscheint 775 als in Heicholfesheinur marca, 831 in viUa 
Heickolfesfieim, 



II. Süddeutschland. 165 



bischofsheün (1197 in Ahorne) ; Limbach westlich von Buchen 
(1306 Limpach, 1316 Lympach, 1395 Lymppach). 

Diesen zahlreichen Ortsnamen von Laubhölzem gegen- 
über fällt das vollständige Fehlen der Nadelhölzer 
in den Namen des wtirttembergischen Unterlands, 
des badischen Kraichgaus und Baulands stark ins 
Gewicht. Es beweist, daß Nadelwälder in diesem ganzen 
Bezirk im Mittelalter zu den Seltenheiten gehört haben 
müssen. In den Wald- und Flurnamen sind sie nach Haus- 
rath^ 97 mal gegenüber 492 Laubholzbezeichnungen ver- 
treten. Aber diese Wald- und Flurnamen sind meist jüngeren 
Ursprungs. Die heute in jenen Gegenden vorkommenden 
Nadelwälder sind wohl ausnahmslos erst in der Neuzeit 
gepflanzt worden. 

7. Odenwald und Spessart. 

An diesen Laubwaldbezirk des untern Neckarlandes 
schließt sich als direkte nördliche Fortsetzung das alte 
Laubwaldgebiet des Odenwalds und Spessarts an. 

Namentlich der Odenwald scheint im Mittelalter 
fast ausschließlich Laubwald getragen zu haben. Haus- 
rath') weist zimi Beleg dafür auf die alten Waldbeschrei- 
bungen, sowie auf die Tatsache hin, daß der Holzhandel, 
der hier bereits im 14. Jahrhundert sehr lebhaft betrieben 
wurde, nur Buchen- und Eichenholz nach der Rheinebene 
lieferte, während tannene Bauhölzer schon damals aus dem 
Schwarzwald bezogen wurden. Im 16. Jahrhundert schreibt 
Sebastian Münster in seiner Cosmographie (Kap. 365, S. 880) 
über den „Ottenwald" : Dieser Wald ist auch ein stuck von 
dem Wald so die alten Herciniam haben geheissen, wiewol 
er kein oder wenig Hartsbäume, sondern Eychen, 
Buchen und Birken tregt. Der Pfälzer Teil des Oden- 
walds trug nach dem von Hausrath*) zitierten Zeugnis des 



*) Allg. Forst- u. Jagd-Zeitung 79, 43 (Febr. 1903). 
•) Der Wechsel d. Holzarten im deutschen Walde S. 9. 
*) Allg. Forst- u. Jagd-Zeitung 79, 43 (Febr. 1903). 



166 5* ^P* ^^^ Waldbäame Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

pfälzischen Forstmeisters Krutthofer noch 1750 reinen Laub- 
wald. Die Kiefemwaldungen, die heute ausgedehnte Flächen 
auf den Höhen des Odenwalds einnehmen, sind erst seitdem 
hier angepflanzt worden, „zuerst um durch die Hackwald- 
wirtschaft verödete Berghänge aufzuforsten". „Die ältesten 
Fichten und Tannen stammen aus Samen, der aus Baj^em 
bezogen wurde." ^ 

Dieses Ergebnis wird durch das Zeugnis der Ortsnamen 
bestätigt. Die Nadelhölzer fehlen in den Ortsnamen 
des Odenwalds ebenso vollständig wie in denen der süd- 
lich angrenzenden Gaue, während Laubholzbezeichnungen 
(darunter namentlich auch die Linde) häufiger vorkommen. 
Dagegen muß derSpessart im 13. Jahrhimdert neben 
vorherrschendem Laubwald auch bedeutende Nadel- 
waldungen getragen haben, wenigstens sagt Konrad von 
Würzburg in seinem Trojanischen Krieg V. 25172—75 bei 
der Schilderung einer Flotte: 

der Swarzwalt und der Spehteshart 

die tannen künden nicht getragen, 

die man üf sach ze berge ragen 

in den kielen über sich. 

Wir dürfen wohl annehmen, daß der Dichter den seiner 
Heimat benachbarten Spessart aus eigner Anschauung 
kannte.*) Die Verbindung von Schwarzwald und Spessart 
macht es wahrscheinlich, daß unter tannen hier in beiden 
Fällen Edeltannen {Abies alba Mill.) zu verstehen sind.') 

Heute ist in den dem Staate gehörigen Teilen des Spes- 
sarts gegen ^^o der bestockten Fläche von Laubholz-Hoch- 
wald bestanden, kaum */io entfällt auf Nadelholz, der Rest 
auf gemischte Bestände und Mittel- und Niederwald. Im 
Innern des Spessartwaldes aber gibt es heute noch Laub- 



•) Hausrath aaO. 

*) Kretschmers Angabc in seiner soeben erschienenen Histo- 
rischen Geographie voti Mitteleuropa S. 392, daß der Spessart ,,im Mittel- 
alter nachweisbar nur mit Laubholz bestanden" gewesen sei, ist so- 
mit nicht zutreffend. 

») Vgl. auch E. H. L. Krause Bot. Centralbl. 63 (1895), S. 42. 



u. Süddcutschland. '^- 167 



holzbestände von seltner Vollkommenheit und Urwüchsig- 
keit, in denen ganze Abteilungen von 120— 140jährigen 
Buchen, untermischt mit 300 — 400 jährigen Eichen vor- 
kommen.*) Auch die Ortsnamen, wie Eichenberg, Alten- imd 
Neuenbuch, Rothenbuchy Lindenfurt, Erlenfurt, Eschau, 
Hassloch (am Main), Hasselberg, weisen durchweg auf Vor- 
herrschen des Laubwalds in älterer Zeit hin. 

8. Die Rheinebene. 

Die oberrheinische Ebene ist von alters her eine der 
Hauptstraßen des Völkerverkehrs gewesen. Mit ihrem 
milden Klima und ihren großenteils recht günstigen Boden- 
verhältnissen war sie in hervorragender Weise zur Besiede- 
lung geeignet, und es lassen sich denn auch überall auf den 
höher gelegenen Strecken und namentlich am Rande des 
Gebirgs steinzeitliche Niederlassungen nachweisen. 

Da nun die älteren menschlichen Kulturzentren fast 
durchweg in Laubwaldbezirken gelegen waren, weil die 
Laubhölzer ähnlich hohe Anforderungen an den Boden 
stellen w^e der ackerbauende Mensch, imd weil anderseits der 
Nadelwald dem Jäger und Viehzüchter weniger Wild und 
nicht die gleiche Weidegelegenheit und Mastnutzimg bietet 
wie der Laubwald, so dürfen wir von vornherein in der 
Rheinebene ein altes Laubwaldgebiet erwarten, und das 
trifft für das Mittelalter tatsächlich zu. 

Heute freilich hat in der Ebene von Karlsruhe bis Mainz 
und Frankfurt die Kiefer in den Waldungen das entschiedene 
Übergewicht, aber sie hat sich diese Vorherrschaft nach- 
weislich erst im Lauf der Neuzeit] errungen. Im Mittel- 
alter waren weite Flächen jenes Gebiets ausschließlich mit 
Laubwäldern bestanden. Für die ehemals bischöflich speyer- 
schen Waldungen zwischen Bruchsal und Speyer, die wir 
kurz als Lußhardt bezeichnen wollen, hat Hausrath^) auf 



*) Vgl. Lindeman Peterm. Mitt. 26 (1880), 218 u. die Karte dazu. 

•) In seinem Vortrag Zum Vordringen der Kiefer und Rückgang der 
Eiche in den Waldungen der Rheinebcnc. Verhandl. d. Nat. Ver. Karls- 
ruhe 13, 5U--523 (1897). 



168 5- ^P- I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im Mhen Mittelalter. 

Grund urkundlichen Quellenmaterials diesen Nachweis über- 
zeugend geführt. Die bischöflichen Waldordnungen von 
1466, 1482 und 1528 geben uns detaillierte Listen aller im 
Walde vorkommenden Holzarten, worin als fruchtbare 
Bäume und Bauhölzer Eiche, Buche, Wildapfel und Wild- 
bime, als Unhölzer Erle, Esche, Linde, Weide, Salle 
{Salix caprea)y Belle {Populus\ Rüster {Ulmus spec), Iffe 
{Ulmus spec.*), Hainbuche {Carpinus betulus\ Maßholder 
{Acer campestre)^ Hartriegel {Cornus sanguinea), Faul- 
baum {Prunus padus oder Rhamnus frangula\ Schlehdorn, 
Hagedom imd Hasel aufgeführt werden. Nadelhölzer fehlen 
in dieser Liste ganz, obwohl die Aufzählung, wie Haus- 
rath mit Recht betont, „bis zu fast wertlosen Straucharten 
heruntergeht". Der Umstand, daß in dieser Zeit, wo der 
Rhein und seine Nebenflüsse imd Bäche noch nicht regu- 
liert waren, der Grundwasserstand höher und die Boden- 
feuchtigkeit größer war als in der Gegenwart, begünstigte 
entschieden das Gedeihen der Laubhölzer. Die Bischöfe 
von Speyer hatten in der Mastnutzung dieser Wälder eine 
reiche Einnahmequelle. Im 15. Jahrhundert wurden in guten 
Jahren gegen 20000 Schweine, zum Teil von weit entlegenen 
Orten, in diese Wälder getrieben, um sich an den abgefal- 
lenen Eicheln und Buchein zu mästen, und da der Bischof 
vom Stück eine Abgabe von V2 Gulden erhob, so belief sich 
seine Einnahme daraus in günstigen Jahren bis auf 10000 
Gulden.') Die Zahlen beweisen zugleich, wie ausgedehnt die 
Laubwaldungen in diesem Bezirke damals gewesen sein 
müssen. 

Erst im Lauf des 15. Jahrhunderts wurde mit der 
systematischen Anpflanzung von Kiefern in der Rheinebene 
der Anfang gemacht, ziun Teil wohl, lun den bisher un- 
benutzten Sandboden zur Gewinnimg von Bauholz zu ver- 
werten, da die Eichenwaldungen eben für die Mastnutzung 



*) Die Bedeutung der volkstümlichen Namen Rüster und Iffe oder 
nd. ./per schwankt zwischen den verschiedenen Ulmenarten. 
") Hausrath aaO. S. 516 f. 



n. Sttddeutschland. 169 



reserviert waren* Schon 1423 beschloß der Rat der Stadt 
Frankfurt, aus Nürnberg, wo seit 1368 die Nadelholzsaat 
rationell betrieben wurde, Kiefern- und Fichtensamen 
kommen zu lassen, um Versuche mit der Anpflanzung dieser 
Bäume zu machen.*) Für die markgraflich badischen Hardt- 
waldungen in der Gegend von Karlsruhe wird uns die An- 
saat der Kiefer in der Waldförsterordnung auf der Hardt 
von 1483 bezeugt.^) 1498 verschrieb sich der Markgraf Chri- 
stoph von Baden aus Nürnberg einige Säcke Samen und 
einen Mann, der sich auf die Kunst des Säens dieser Nadel- 
holzsamen verstand. Im Jahr 1576 „riet ein Forstmann dem 
Kurfürsten von der Pfalz in einem Gutachten über die 
Waldungen zwischen Schwetzingen und Worms, Kiefem- 
samen, da er nicht des Landes Art sei, aus der Oberpfalz 
kommen zu lassen".') Für die Lußhardt zwischen Bruchsal 
und Speyer wxu"de durch eine Versammlung von Forstbe- 
amten, die der Bischof Philipp IL von Speyer einberufen hatte, 
damit sie Vorschläge zur Verbesserung der Waldungen 
mache, 1530 die Aufforsttmg der vorhandenen Blößen 
mit „Tannensamen", womit wohl Kiefern gemeint sind, 
empfohlen.*) 

Einmal eingeführt, hat die Kiefer dann hier, wie anders- 
wo, schnell an Verbreitung gewonnen. Ihr rasches Wachs- 
tum, ihre Genügsamkeit und geringen Ansprüche an den 
Boden, die Kriegsstürme des 16. und 17. Jahrhunderts, das 
Sinken des Grundwasserspiegels infolge der Regulienmg 
des Rheins imd seiner Nebenflüsse und Bäche und der 
Drainage des Landes, femer die Bodenverschlechterung 
der Wälder seit Einführung der Streunutzung im 18. Jahr- 
hundert, das Sinken der Brennholzpreise infolge der stei- 
genden Verwendung der Steinkohle, der stärkere Holzbe- 
darf der Industrie und last, not least die natürliche Aus- 



*) Hausrath Wechsel d, Holzarten im dcutsclien Walde 9. ii. Dengler 
Die Horizonialverbrcitung der Küfer 74 f. 

•) Hausrath Vordringen d, Kiefer S. 518. 

■) Derselbe Die Verbreitung d. wichtigsten fValdbäume S. 633. 

*) Derselbe Vordringen d. Kiefer S. 518. 



170 5* ^P* I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

laugung des Bodens durch den Regen, die dem Gedeihen 
der anspruchsvolleren Laubbäume hinderlich war: diese 
und andere Gründe haben die schnelle Ausbreitimg der 
Kiefer hier, und zum Teil auch anderswo, begünstigt.*; 

Die Frage, ob die Kiefer ursprünglich überhaupt 
in der Rheinebene einheimisch war, läßt Hausrath 
offen. Er meint aber, das Klima der Rheinebene sei eigent- 
lich für die Kiefer etwas zu milde, auch weist er darauf 
hin, daß bei den ersten Anpflanzungsversuchen im 15. Jahr- 
hundert die Kiefemsamen aus Nürnberg bezogen werden 
mußten, und daß die Ausbreitung derselben in der Neuzeit 
eine künstlich erzeugte sei.') 

Die Ortsnamenforschung zeigt ims jedoch, daß die 
Kiefer im Rheintal tatsächlich uralt einheimisch 
ist. Zwar sind die Laubhölzer in den Ortsnamen der badi- 
schen Rheinebene im Übergewicht ; wir haben auf der Linie 
MtUlheim— Freiburg das Dorf Eschbachj das schon 807 als 
Ascabah erscheint ; wir haben Haslach (786 villa Haslaha) 
und Buchheim (770 in Bucheimer marcUj 788 in marca 
Bochaim) bei Freiburg. Femer aus der Zeit nach 1000: Die 
Ruine Limburg auf dem Limberg am Rhein bei Sasbach am 
Kaiserstuhl (1231 Limperc, 1239 Limberch, 1242 Lintberch, 
1256 Limperc, 1258 Lintperch),'') Eichach, Ödung bei Sand 
unweit Kehl (1303 sunt Eichahe)\ BuchenaUj ödung in der 
Gegend von Kork bei Kehl (1360 Buchenowe); Buche, Ödung 
in der Gegend von Holzhausen und Zierolshofen bei Kehl 
(1476 die Buche) ; Erlach, Dorf bei Renchen (1285 Erlehe, 
1322 Erlech); Büchig, Dorf bei Karlsruhe (1406 Buchech). 



") Näheres bei Hausrath in seinen Abhandlungen: Über das 
Vordringen d. Kiefer S. 521. Der Wechsel der Holzarten im deutschen 
IValde S. 11 ff. Die Verbreitung d, wichtigsten einheinUschtn Waldbäume 
in Deutschlattd S. 632 ff. Aber vgl. auch Graebner Die Heide Nord- 
deutschlands. Leipzig 1901. S. 81 f. 

«) Vordringen d. Kiefer S. 518 f. 

5) Der Name des Dorfes Eichstetten am Kaiserstuhl hat etymo- 
logisch mit Eiche nichts zu tun. Die ältesten Formen lauten Eistat 
(1248, 1260, 1284, 1300 u. ö.) oder Einstat (1318). Vgl. Krieger Topogr, 
Wörtb. « I 483 und Pfaff Alem. 22, 190, der den Namen zu einem 
Personennamen Eio stellt. 



IX. Saddeutschland. 171 



Aber daneben begegnen wir von den ältesten Zeiten 
an Ortsnamen, in denen die Kiefer auftritt. Es sind fol- 
gende, unzweifelhaft zu Forche Tinus* gehörende Namen: 
Forchheim bei Riegel westlich von Emmendingen (763 Forch- 
keim )\ Förchy Dorf in Gem. Niederbühl bei Rastatt (1207 
Forhohej 1360 Vorhech); Forchheim südlich von Karlsruhe 
(1086 Vorechheim)\ und endlich der große, nördlich vom 
Neckar gelegene, im Westen vom Rhein, im Süden und 
Osten etwa von der Linie Ladenburg— Schriesheim— Wein- 
heim b^renzte Wald Forehahiy für den Heinrich II. 1002 
der bischöflichen Kirche zu Worms den Wildbann verlieh.* ) 
Die Örtlichkeiten liegen also über das ganze badische Rhein- 
tal zerstreut, woraus sich zweifellos ergibt, daß die Kiefer 
im frühen Mittelalter im ganzen rechtsseitigen 
Rheintal waldbildend auftrat. Vermutlich bestockte 
sie in erster Linie die sandigen Dtinenrücken, während 
trockne Flächen mit etwas besserem Boden von Buchen- 
hochwald, und die feuchten Niederungen, wie noch heute, 
von Erlen-Bruchwald mit eingemischten Eichen, Birken, 
Eschen, Espen usw. eingenommen wurden. 

Wenn nun im 15. Jahrhundert behufs Anpflanzung der 
Kiefer im Rheintal Samen und Säer aus Nürnberg bezogen 
wurden, so ist das teilweise wohl dadurch zu erklären, daß 
die Kiefernwälder im Lauf des späteren Mittelalters abge- 
holzt und durch mastgebende Laubwälder ersetzt wurden; 
teilweise hat es wohl auch nur darin seinen Grund, daß 
man sich auf die Kimst der rationellen Nadelholzzucht nicht 
verstand. Dies ist auch Denglers Meinung, der') gleichfalls 
zu dem Ergebnis gelangt, daß die Kiefer in der Rhein- 
Main-Niederung an mindestens mehreren Stellen ursprüng- 
lich natürlich vorkomme. 

Andere Nadelhölzer als die Kiefer sind in der Rhein- 
ebene im Mittelalter nicht nachweisbar. 



«) Mon. Germ. Dipl. III i, 21. Vgl. Krieger Topogr. IVö'rib.* I 597. 
•) In seinem eben erschienenen Buch über Die Horizontalvcrbrcitvng 
dir Kiefer 74—76. 



172 5* Kap. Die Waldbftume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

III. Das mittelrheinische und hessische Bergland. 

Die Laubwaldgebiete der Rheinebene und des untern 
Neckar- und untern Mainlands finden ihre direkte Fort- 
setzimg nördlich in dem Laubwaldbezirk der mittelrheini- 
schen, hessischen und westfälischen Gebirge. Von diesem 
umfangreichen Gebiet, das zum großen Teil außerhalb der 
Grenzpfähle des römischen Reiches liegt, soll nur das 
Taunusgebirge hier eingehender behandelt werden, da 
wir durch die epochemachenden Ausgrabungen auf der 
Saalburg in den Stand gesetzt sind, uns von dessen forst- 
licher Flora ein leidlich vollständiges Bild zu machen. 

Die Ergebnisse der Saalburgforschimgen, die sich in 
Jacobis Werk Das Römerkastcll Saalburg bei Homburg 
vor der Höhe (1897) niedergelegt finden, sind umso wichti- 
ger, als sie uns nicht nur ungemein zahlreiche und mannig- 
faltige, sondern auch sicher datierbare historische Zeugnisse 
für die Waldflora Deutschlands zur Römerzeit liefern. Die 
Saalburg war nachweislich vom ersten bis zum Ende des 
dritten Jahrhimderts nach Chr. von den Römern besetzt. 
Die Ausgrabimgen auf derselben haben sowohl verkohlte 
Balken und Holzgeräte als auch wirkliche Holzreste in 
großer Menge zu Tage gefördert, die im Schlamm der zahl- 
reichen Brunnen in vortrefflichem Zustand erhalten waren. 

Der vorherrschende Waldbaum des Taunus in den 
ersten Jahrhunderten unsrer Zeitrechnimg scheint die Eiche 
gewesen zu sein. Eichenholz wurde nach Jacobi (S. 117) 
„nicht allein zur Bnmnenverschalung, sondern auch zu 
Fachwerkbauten am meisten benutzt, was die erhalten ge- 
bliebenen Bohlen und die verkohlten Balken- imd Pfosten- 
reste erweisen. Es scheint sogar zu eigentlichen Bauzwecken 
kaum anderes als Eichenholz in Frage gekommen zu 
sein." Die bei den Brunnenrosten und der bergmännischen 
Ausschachtung der Brunnen verwandten Eichenbohlen 
zeigen zum Teil gewaltige Dimensionen. Auch an andern 
Stellen des Gebirges fand Jacobi bei seinen Limesforschun- 
gen verkohltes Eichenholz, so an einem Punkte etwas west- 



m. Das mittelrheinische und hessische Bergland. 173 

lieh von der Saalburg und im Kastell Alteburg bei Hef- 
trich.*) 

Neben der Eiche muß die Buche schon zur Römerzeit 
in den Wäldern des Taunus eine hervorragende Rolle ge- 
spielt haben. Auch Linde und Esche und an nassen Stellen 
Birke und Erle dürften nach Aussage der Brunnenfunde in 
der Nähe der Saalburg häufiger vorgekommen sein. An 
weiteren wilden Holzarten fanden sich: die Hainbuche {Car- 
pintis betulus\ der Ahorn {Acer spec.),*j die Ulme {Ulmus 
campestris), Espe (Populus tremulä), Weide {Salix spec), 
Hasel (Corylus avellanä), der Wacholder {Juniperus com- 
munis)y Holunder {Sambucus nigrä)^ Mehlbeerbaimi {Sorbus 
aria Crantz), Holzapfel {Pirus malus silvestris), die Vogel- 
kirsche {Prunus avium) und Traubenkirsche [Prunus 
padtis). 

Die meisten dieser Holzarten kamen im Naturzustande 
und bearbeitet vor. „Ahorn-, Rüster-, Eschen- und Espen- 
holz ist," wie Jacobi S. 180 bemerkt, „meistens für Dreher- 
und Tischlerarbeiten, Gefäße, Wagenräder, Stiele und Griffe, 
wie auch heute noch, verwendet worden". Auf die technische 
Verarbeitung der verschiedenen Holzarten im einzelnen 
einzugehen, haben wir hier keine Veranlassung, da es sich 
bei diesen Gerätschaften vorwiegend um Erzeugnisse der 
römischen Kultur handelt. Jacobi berichtet S. 432 ff. ausführ- 
lich darüber. 

Außer den oben genannten Hölzern fanden sich noch 
Proben von Buchsbaimi- {Buxus sempervirens) und Pinien- 
holz {Pinus Pinea) f aber nur in verarbeitetem Zustande: 
ersteres in Gestalt eines zweiseitigen Kammes und eines 
gedrehten Ringes, letzteres in Form von Schrifttäfelchen 
und Resten von Holzgefäßen. In beiden Fällen sind die be- 
treffenden Gerätschaften aus dem Süden eingeführt. Der 
Buchsbaum mag allerdings von den Römern bei der Saal- 



») Limesblatt Nr. 7/8 (1894), Sp. 209. 11 (1894), 33". 

•) Anscheinend sind alle drei Arten des Ahorns, Acer campestre, 
A. pseudoplatofms und A. platanoides gefunden worden. S. Jacobi S. 1 79. 
Die Angaben sind nicht klar. 



174 5* ^P* ^i^ Waldbäome Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

bürg auch angepflanzt sein, wildwachsend kam er schwer- 
lich dort vor; sein heutiges Auftreten im südlichen Baden 
dürfte die Nordgrenze seiner Verbreitung bezeichnen. Prä- 
historisch ist er bislang in Deutschland überhaupt noch 
nicht nachgewiesen (vgl. auch Kap. VI).*) 

Sehr bemerkenswert ist das vollständige Fehlen 
von Nadelhölzern unter den Holzresten der Saalburg. 
„Die Bnmnen," sagt Jacobi S. 177, „in denen uns alle mög- 
lichen Holzarten — harte und weiche — erhalten geblieben 
sind, lieferten uns keinerlei Reste von Nadelhölzern; auch 
bei den Kohlen, die überall im Brandschutte zum Vor- 
schein kamen, fanden sich keine, die von Tannenholz her- 
rührten". Es scheint also, daß zur Römerzeit im Taunus 
Nadelholz nicht vorhanden war. „Im Mittelalter fehlt es 
sicher," wie Jacobi S. 178 ausführt; ,4n den Akten der 
'Hohen Mark', in denen bei Grenzumgängen die Holzarten 
aufgezählt sind, ist von Tannen imd Fichten keine Rede. 
Erst im 17. Jahrhundert wird mit der Anpflanzung von 
Tannen im Taunus begonnen. Im Tannenwald* bei Hom- 
burg, der bis zum Jahr 1669 'Kaninchenwald* hieß, wurden 
die ersten Kulturversuche damit gemacht." Erst 1750 ist 
das Holz dieser neu angepflanzten Tannenbäume als Werk- 
holz benutzt worden. „Das vorher in der Taunusgegend — 
allerdings in geringen Mengen — verbrauchte Tannen- 
holz wurde aus Bayern eingeführt." 

Die Kiefer ist nach Dengler') erst vor etwa 100 Jahren 
zur Aufforstung verödeter Weideflächen von der Herzoglich 



>) Ganz unbegreiflich ist mir, wie die im 17. Jahrh. aus Nord- 
amerika eingeführte Robinie (Robinia pseudacacia L.) in Jacobis Liste 
der Holzreste aus der Römerzeit kommt (S. i79f.). Ist das Holz der- 
selben richtig bestimmt, so sind offenbar moderne Holzstücke in die 
Brunnen oder unter die alten Hölzer geraten. Ist es aber unrichtig be- 
stimmt, so müßte das auch gegen die Zuverlässigkeit der übrigen 
botanischen Bestimmungen Bedenken erregen. Auch das Auftreten 
der echten Akazie (Acacia nüoticä) ist mir recht zweifelhaft. Eine 
erneute fachmännische Prüfung sämtlicher Holzreste der Saalburg 
erscheint wünschenswert. 

■) Die Horizontalverbreituns der Kiefer 73. 



ni. Das mittelrheinische und hessische Bergland. 175 

Nassauischen Forstdirektion künstlich angepflanzt worden. 
„Die ältesten Kiefembestände in der Oberförsterei Cronberg 
sind kaum himdertjährig*'. Und schon jetzt zeigt sich in 
diesen Kiefemwaldungen „überall ein oft geradezu erstaunlich 
dichter, natürlich hinein gelangter Unterwuchs von Eichen 
und Buchen," der so gut gedeiht, daß diese Flächen, sich 
selbst überlassen, zweifellos in wenigen Generationen wieder 
dieselben gemischten Buchen- und Eichenbeständc tragen 
würden, die ehedem auf ihnen wuchsen.*) Die Natur sucht 
überall die ursprünglich gewordenen Zustände wiederher- 
zustellen. 

Der Taunus war also zur Römerzeit und im Mittel- 
alter ein ausgesprochenes Laubwaldgebiet. 

Das Gleiche gilt wahrscheinlich von dem ganzen 
mittelrheinischen und hessischen Bergland. Wäh- 
rend zB. die Pfähle der Limespalissaden im fränkisch- 
bayrischen Nadelholzgebiet zum beträchtlichen Teil aus 
Kiefernholz gefertigt waren, sind diejenigen, die an der 
Limeslinie nördlich des Mains auf hessischem und nassau- 
ischem Gebiet gefunden werden, ebenso wie die am ober- 
rheinischen Limes zu Tage gekommenen (s. oben S. 164), an- 
scheinend ausschließlich aus Eichenholz. In dem Limes- 
kastell Groß-Krotzenburg am Main oberhalb Hanau wurde 
von Wolff ein Stück eines eichenen Querbalkens ausge- 
graben.*) Auf der Limesstrecke Usa— Kloster Amsburg in 
der Wetter au legten Soldan und Anthes im Nieder- 
Weiseler Gemeindewald eine Palissadenreihe aus Eichen- 
holz bloß.») Eichenpfähle fand Wolff im Kastell Okarben 
auf dem rechten Ufer der Nidda östlich von Homburg.*) 
In dem Ringgraben eines Holzturms bei Holzhausen in 
Nassau entdeckte Fabricius große Stücke von verkohltem 
Eichenstammholz.^) Und Dahm stieß in einem Turm bei 



') Ebenda 90. 

«) Der obergermanisch' raetische Limes B Nr. 23, S. 43. 

^) Limesblatt 23, Sp. 645. 

*) Der obergermanisch-raetische Limes B Nr. 25a, S. 35. 

^) Limesblatt 26, 729. 



176 5* ^P* ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Hillscheid zwischen Koblenz und Montabaur im Wester- 
wald, in einer Gegend, die heute dichten Kiefernwald trägt, 
auf einen halbverkohlten Eichenbalken.*) 

Die Gegend um Fulda anderseits führt in den mittel- 
alterlichen Quellen allgemein den Namen Boconiay Bochonia, 
Buchonia, Buochunna etc.*), war also überwiegend ein 
Buchenland. Doch kamen mindestens im Ausgang des 
Mittelalters auch Eichen dort vor; denn Sebastian Münster 
schreibt im 16. Jahrhundert „Von der Statt Fuld in der 
Buchen gelegen" (Kap. 418, S. 958): Fulda ist die Haupt- 
statt dieses Ländlins, so man die Buchen nent. Diese 
gantse gegenheit wirt mit Waiden umhseunet, allermeist 
aber mit herrlichen Eichen und Buchbäumen. 

Nur auf einem langen, schmalen Streifen zwischen 
Marburg und Eisenach kam die Kiefer nach Dengler*) 
an zerstreuten Stellen ursprünglich spontan vor. Sonst war 
das ganze hessische Bergland im Mittelalter ein 
ausschließliches Laubwaldgebiet. Erst seit dem 
16. Jahrhundert hat hier das Nadelholz durch künstliche 
Anpflanzung auf Kosten des Laubholzes immer mehr an 
Ausdehnimg gewonnen. 

IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 

Literatur. B. Borggreve Die Verbreitung u. wirtscliaftliche 
Bedeutung der wichtigeren Waldbaumarten inner/talb Deutschlands. 
(Kirchhoffs Forschungen z. deutschen Landes- u. Volkskunde III i .) 
Stuttgart i888. Ernst H. L. Krause Geograph. Übersicht der 
Flora V. Schleswig- Holstein. Mit Karte. Peterm. Mitt. 35 (1889), 
5, S. 114 f. Derselbe Beitrag zur Keimtnis der Verbreitung der 
Kiefer in Norddeut schlaf td. Englers Bot. Jahrbücher 11, 123 — 133 
(Juni 1889). Derselbe Die Flora des Landes Oldenburg (in Hol- 
stein), Schriften d. Nat. Ver. f. Schlesw.-Holst. 9, 146—150 (Vor- 
trag, Jan. 1891). Derselbe Die inländischen Bäume Scklesto^- 
Holsteins. Ebenda 9, 151 — 154 (Vortr. März 1891). Derselbe 



") Ebenda 11, 316. 

■) Förstemann Altd. Namenh. II« 289. 

3) Die Horizontalverbreitung der Kiefer 73. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 177 

Die Westgrenzt der Kiefer auf dem linken Eibufer. Bot. Jahrb. 13, 
Beibl. Nr. 29, S. 46—52 (März 1891). Derselbe Die Heide. 
Ebenda 14, 517—539 (Febr. 1892). Derselbe Die natürlicJu 
Pflanzendecke Norddeuischlands . Globus 61, 81—85 u. 103 — 108 
(Febr. 1892). Derselbe Urkundliche Nachrichten über Bäume 
u, Nutzpflanzen des Gebiets der brandenburgischen Flora. Verhandl. 
d. Bot Ver. d. Prov. Brandenburg 33, 75—87 (April 1892). Der- 
selbe Florenkarte voft Norddeutschland für das 12. bis iß- Jahr- 
hundert. Pcterm. Mitteil. 38, 231 — 235 (Okt. 1892). Mit weiteren 
Literaturangaben. Vgl. Drudes Referat Peterm. Mitt. 38 (1892), 
255 n. 273 f. Derselbe Naturwiss. Wochenschrift 25. Dez. 1892; 
vgl. Globus 63, 198. F. Hock Nadelwaldflora Norddeuischlands. 
(Kirchhoffs Forsch, z. deutsch. Landes- u. Volksk. VII 4.) Stutt- 
gart 1893. E. H. L. Krause Deutschlands ehemalige Eiclienwälder, 
Globus 64, 133—136 (März 1893). Hock Begleit pflanzen der 
Kiefer in Norddeutschland. Berichte der deutschen Bot. Gesell- 
schaft II, 242 — 248 (Juni 1893). Krause Historisch-geographische 
Bedeutung der Begleitpflanzen der Kiefer in Norddeuts chlafid. 
Ebenda 11, 307 — 311 (Juni 1893). Hock Mutmaßliche Gründe 
für die Verbreitung der Kiefer u. ihrer Begleiter in Norddeutsch- 
land. Ebenda 11, 396 — 402 (August 1893). Franz Buchenau 
Flora der nordwestdeutschen Tiefebene. Leipzig 1894. Krause 
Die Kiefer als Wahrzeichen der brandettburgischen Hegemonie in 
DeutscfUand. Globus 67, 72—76 (Jan. 1895). C. A. Weber Über 
die fossile Flora von Honerdingen u. das nordwestdeutsche Diluvium. 
Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 13, 413 — 468, besonders 460 ff. 
(März 1896). Hock Laubwaldflora Norddeutschlands. (Kirchhoffs 
Forsch, z. deutsch. Landes- u. Volksk. IX 4.) Stuttgart 1896. 
CA. Weber Über die Vegetation zweier Moore bei Sassenberg in 
Westfalen. Abhandl. hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 14, 305—321 
(April 1897). Derselbe Ein Beitrag zur Frage nach dem Ende- 
mismus der Föhre u. Fichte in Nordwestdeutschland während der 
Neuzeit. Ebenda 14, 322 — 329 (April 1897). Alfred Den gl er 
Die Horizontalverbreitung der Kiefer [Pinus silvestris L.) Neu- 
damm 1904. S. 46 — 59. Das Buch ging mir erst während des 
Druckes zu. 



1. Die Bewaldung des Landes im allgemeinen. 

Die früheste literarische Nachricht über den Bestand 
der Wälder Nordwestdeutschlands, die wir besitzen, ist die 
schon (S. 133) erwähnte Stelle aus Plinius, wo von d^n 
Eichen des Chaukenlandes und der hercynischen Wälder 

Hoopiy Waldbiome u. Kulturpflanzen. 12 



178 5- ^P* ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen MittelalteK 

die Rede ist. Sie ist zugleich die einzige Mitteilung deizm 
römischen Schriftsteller über die Holzarten des außen - 
römischen Deutschlands. Wir wären deshalb in einer seltr 
ungünstigen Lage, wenn wir nicht in den Holzresten der 
vorrömischen, römischen und mittelalterlichen Bohlwege 
in den nordwestdeutschen Mooren wichtige imd wenigstens 
einigermaßen zuverlässig datierbare Zeugnisse über die 
Holzarten Nordwestdeutschlands in frühhistorischer Zeit 
besäßen. Auch anderweitige Holzfunde in Mooren kommen 
in Betracht, obschon sie weit schwieriger zu datieren sind. 
Literarische Zeugnisse aus dem frühen Mittelalter etwa bis 
zum 11. Jahrhundert sind nur verschwindend wenige und 
dtlrftige da. Erst vom 13. Jahrhundert mehren sich die 
Angaben der Urkunden, Weistümer und Gesetze. Unter 
diesen Umständen ist man, tun ein annähernd zutreffendes 
Bild von dem Bestand der nordwestdeutschen Wälder im 
ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung zu gewinnen, ge- 
nötigt, die Verhältnisse im späteren Mittelalter in weit- 
gehendem Maße zur Hülfe heranzuziehen. 

Nordwestdeutschland war im Ausgang des Mittelalters 
jedenfalls wesentlich weniger waldreich als bei Beginn des- 
selben. Die planlose Raubwirtschaft der rasch zunehmen- 
den Bevölkerung hatte im Verein mit den Rodungen der 
Cisterzienser seit dem 13. Jahrhimdert und dem Holzbedarf 
der Salinen zu Lüneburg, Salzwedel, Halle usw. weite 
Flächen Landes, die im frühen Mittelalter bewaldet gewesen 
waren, abgeholzt, so daß schon im 13. Jahrhundert in vielen 
Gegenden Gesetze zur Schonung der Wälder erlassen 
werden mußten und im 16. Jahrhimdert allmählich sogar 
mit einer Wiederaufforstung von Ödländereien der Anfang 
gemacht wurde. Doch war Nordwestdeutschland gegen 
Ende des Mittelalters anderseits allem Anschein nach stär- 
ker bewaldet als vor etwa hundert Jahren, bevor die plan- 
mäßige Forstkultur der neuesten Zeit ihre Aufforstungen 
in großem Maßstabe begann. Namentlich scheinen ausge- 
dehnte Strecken Heidelandes im 15. und 16. Jahrhundert 
noch mit Wald bedeckt gewesen zu sein. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 179 

Daß die Meppener Gegend im Mittelalter ungleich 
l)ewaldeter war als heute, hat E. H. L. Krause nachge- 
wiesen.*) Für das Gebiet von Bremervörde zwischen 
Unterweser und Oste zählt das erzbischöflich bremische 
R^;ister noch imis Jahr 1500 nach Krauses Angabe nicht 
weniger als 22 Holzmarken mit gegen 40 Wäldern auf.*) 
Diese Gegend dürfte also im Ausgang des Mittelalters ein 
ähnlich waldreiches Aussehen gehabt haben wie in unsem 
Tagen.') Denken wir uns nun die Zahl und namentlich die 
Ausdehnung der heutigen Wälder in dem Gebiet zwischen 
ünterweser und Oste, die uns ein Blick auf die neue, von 
Oschmann herausgegebene Spesialkarte der weiteren Um- 
gegend von Bremen (Bremen, Hampe) vor Augen führt, 
entsprechend vergrößert, denken wir uns anderseits die be- 
waldeten Strecken auf den Höhenzügen hie und da mit 
Ortschaften, Ackerland, Weiden und Heiden, in den Nie- 
derungen stark mit Mooren, Marschen und Sümpfen durch- 
setzt, so werden wir uns ein ungefähr richtiges Eild von 
dem Zustand des Landes zwischen Unterweser und Unter- 
elbe in den frühen Zeiten des Mittelalters machen. 

Ähnlich dürfte damals auch die Lüneburger Heide 
ausgesehen haben. Daß die weiten, baumlosen Flächen 
derselben ehedem zum großen Teil bewaldet waren, be- 
weisen die Baumstümpfe imd -wurzeln, die man noch 
vielfach im Boden findet. Die meisten dieser Wälder sind 
erst gegen Ende des Mittelalters, namentlich vom 13. Jahr- 
hundert an, von den Lüneburgem abgeholzt worden, welche 
in ihrer Saline als Feuerungsstoff nur Holz verwandten und 
jährlich enorme Mengen (um die Mitte des 17. Jahrhunderts 
ca.200000cbm) davon verbrauchten, so daß sie zur Deckung 
des steigenden Bedarfs schon im 15. Jahrhundert auch die 



>) Peterm. Mitteil. 38, 233. 

*) Krause Englers Bot. Jahrb. 14, 520. 

') Doch sind die heutigen Waldungen daselbst, wenigstens ihrem 
Bestände nach, nur zum Teil die direkten Abkommen der Wälder des 
15. Jahrhunderts. Die Mehrzahl derselben, namentlich wohl alle Nadel- 
holzbestände, ist jüngeren Ursprungs. 

12* 



180 5- ^P* ^i^ WaldbSame Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

ostelbischen Waldungen heranziehen mußten.*) Trotzdem 
ist die Lüneburger Heide im Mittelalter nie völlig entwaldet 
gewesen, vielmehr hat Krause in dem ganzen Land zwi- 
schen Seeve und Ilmenau, dem alten Bardengau, und da- 
rüber hinaus bis zur Göhrde noch aus dem 16. und 17. Jahr- 
hundert zahlreiche Wälder nachgewiesen, so bei Ramelsloh 
und Egestorf, bei Pattensen, Salzhausen, Amelinghausen, 
bei Bardowiek, Radbruch, Melbeck, Beetzendorf, Ebstorf, 
Bevensen, Kirchweihe, Ülzen, Suderburg, bei Neetze, Bleck- 
ede, Thomasburg, Barskamp imd Dahlenburg.*) Doch sind, 
namentlich in der Ülzener und Ebstorfer Gegend, frühzeitig 
auch schon ausgedehntere Heidestrecken bezeugt.') 

Die Altmark hatte im Mittelalter zahlreiche mastgebende 
Wälder. Besonders häufig treten uns im 15. und 16. Jahr- 
hundert der Chein bei Salzwedel und der Tanger bei Tanger- 
münde in den Urkunden entgegen; femer werden Wälder 
bei Diesdorf imd Beetzendorf südwestlich von Salzwedel, 
bei Gardelegen, bei Schelldorf südlich von Tangermünde ua. 
erwähnt. An Bäumen werden Eiche, Esche, Erle, Salweide 
und Hasel genannt.*) 

Schleswig-Holstein, das alte Völkertor, durch das 
die Völkerwogen hin- und herfluteten, ist immer stark be- 
siedelt gewesen, und früher als in vielen andern Gegenden 
sind hier die Wälder gerodet worden, um menschlichen 
Kulturstätten Platz zu machen. Es hat aber auch Perioden 
gegeben im Wechsel der Geschichte, wo weite Strecken 
Schleswig-Holsteins unbewohnt waren imd verödet lagen, 
und wo dann der Wald aufs neue das verlorene Gebiet 
zurück erobern konnte. Wir wissen aus Beda, daß nach 
der Auswanderung der Angeln im 5. Jahrhundert das von 



») Krause Englers Bot. Jahrbücher ii, 128. 

*) Krause Englers Bot. Jahrbücher 13, Beibl. Nr. 29, S. 46 — 48. 
Vgl. auch ebenda 11, 130. 

*) Krause ebenda 14, 520. Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Branden- 
burg 33, 85. 

*) Krause ebenda 13, Beibl. 29, S. 49 f. Verhandl. d. Bot. Ver. d. 
Prov. Brandenburg 33, 76 f. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 181 

ihnen bewohnte Land zwischen der Eckemförder Bucht 
und der Flensburger Föhrde bis ins 8. Jahrhundert ver- 
lassen blieb.*) Und wiederum bei dem Einbruch der Slaven 
in Schleswig -Holstein wurde das ganze Gebiet von der 
slavischen Grenze bei Lütjenburg bis in die Gegend von 
Schleswig verwüstet und öde liegen gelassen, und im Lauf 
der Jahrhunderte überzog dichter Wald die Stätten, wo 
einst der sächsische Bauer sein Land gepflügt, und wo 
sächsische Krieger ihre Wälle aufgeworfen hatten. Im 
12. Jahrhundert erzählt uns Helmold in seiner Slavenchronik, 
daß noch zu seiner Zeit in diesem Unvalde die Spuren der 
sächsischen Kultur deutlich zu erkennen gewesen seicn.^) 

2. Laubhölzer. 

Die Waldungen der nordwestdeutschen Tiefebene waren 
in der zweiten Hälfte des Mittelalters ganz überwiegend 
Laubwälder mit der Eiche als Charakterbaum. In den 
Urkunden, in den Waldbeschreibungen, in den Ortsnamen 
treten uns fast ausschließlich Laubhölzer entgegen. Das 
Bremer Urkundenbuch er^vähnt nur Eichen, Buchen, Birken 
und Weiden; in den Rechtsaltertümem aus Niedersachsen 
ist von Nadelholz nirgends die Rede.^) Wir werden uns 
deshalb die nordwestdeutschen Wälder auch im frühen 
Mittelalter wohl in der Hauptsache als lichte Eichen- 
waldungen mit gemischten Beständen vorzustellen haben, 
worin je nach der Bodenbeschaffenheit eingemischt Buchen, 
Hagebuchen, Linden, Haseln, Erlen, Eschen, Espen, Birken 
und Weiden auftraten. 

In manchen Gegenden hatte frühzeitig die Buche die 
Oberhand gewonnen. In den Wäldern Schleswig-Holsteins 
scheint sie während der eben erwähnten kriegerischen 



*) Beda Hist, EccUsiastica Gentis Angl. I 15: De Anglis, hoc est de 
iUa pairia, quae Angulus dicitur et ab eo tempore usque hodie moficre 
desertus inUr provincias Jutarum et Saxonum perhibetur 

«) Helmolds Chronica Slavorum I 12 (Mon. Germ. XXI 19, 33 ff.). 
Vgl. auch Krause Schriften d. Natw. Ver. f. Schlesw.-Holst. 9, 149 f- 

*) Krause Bot. Jahrb. ix, 130. 



182 5- ^P* ^ic Waldbftume Deutschlands z. Rdmerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Epoche des frühen Mittelalters ihre Herrschaft begründet 
und die westbaltischen Küsten mit jenem prächtig grünen 
Kleid umwoben zu haben, das wir noch heute bewundem. 

Hinsichtlich des spontanen Vorkommens der Linde 
(Tt'lia) und des Spitzahorns (Acer platanoides L.) in Nord- 
westdeutschland zu älterer Zeit herrschen Zweifel. Buchenau 
bestreitet, daß die beiden Bäume in dem westelbischen Ge- 
biet alteinheimisch sind.*) Prahl leugnet das Indigenat des 
Spitzahorns für Schleswig-Holstein.*) Auch Drude») und 
Hock*) sind der Ansicht, daß Linde und Spitzahorn in der 
ganzen nordwestdeutschen Küstenzone fehlen. C.A.Weber') 
weist dem gegenüber darauf hin, daß er Reste der Linde 
in jüngeren, nordwestdeutschen Mooren gefunden habe, und 
er schließt daraus, „daß eine Art derselben, die noch nicht 
näher bestimmt werden konnte, wenigstens in einem großen 
Teil dieser beiden Gebiete sicher seit langem einheimisch 
ist." Da nun die Sommerlinde (Tilia grandifolia Ehrh.) nach 
Willkomm ihre Polargrenze schon in Mitteldeutschland er- 
reicht, die Winterlinde {Tilia parvifolia Ehrh.) dagegen 
wildwachsend in Norwegen bis zum 62^, in Schweden bis 
zum 63® hinauf geht,') und da die letztere nach Weber „in 
den Wäldern der Umgegend von Bevensen im nordöstlichen 
Teil der Lüneburger Heide so zahlreich wächst, daß sie 
sicher da als wild angesehen werden muß", so wird es sich 
bei den Moorfunden wohl um die Winterlinde handeln, die 
deshalb als alteinheimische Pflanze in Nordwestdeutschland 
anzuerkennen ist. 

Den Spitzahorn {Acer platanoides) anderseits hat 
Weber „in den ungepflegten Bauernwäldern des westlichen 
Holsteins so zahlreich und unter solchen Umständen ge- 



») Flora d, nordwcsideuiscJien Tiefebene 341. 345. Vgl. auch W. O. 
Pocke Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 2, 426 (1871). 

») Vgl. Weber Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 13, 462. 
^) Deutschlands Pflanzengeogr. I 201. 209. 
*) Laubwaldflora Norddeutschlands 250. 252. 
*) Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 13, 462, 
•) Willkomm ForstL Flora* 736. 732. 



I 



XV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 183 

funden", daß es ihm gerechtfertigt scheint, ihn dort als 
wild zu betrachten, und er nimmt das Gleiche auch für die 
angrenzenden Teile Hannovers an. 

In beiden Fällen wird Webers Ansicht durch die angel- 
sächsischen Namen der Bäume gestützt. Für die Linde 
haben die Angelsachsen das altgermanische Imd bewahrt, 
und neben dem gewöhnlichen Ahomnamen mapoldcr kehrt 
auch der tu^alte Name des Spitzahorns hlJn ('Lenne, Lein- 
baum') wieder, der, da der Bairni selbst in England nicht 
wächst, zu einem poetischen Synonymon des prosaischen 
mapoldcr geworden ist. Die Erhaltung der Namen lind 
und hlfn im Altenglischen spricht entschieden dafür, daß 
die beiden Bäirnie den Angelsachsen in ihrer nordwest- 
deutschen Heimat bekannt waren. ^) 

3. Nadelhölzer. 

Eine viel imistrittene Frage dagegen ist es, ob im Mittel- 
alter vor dem Beginn einer eigentlichen Forstkultur Nadel- 
hölzer in Nordwestdeutschland überhaupt vorkamen, oder 
cb das Auftreten der Kiefer und Fichte daselbst in neuerer 
Zeit lediglich auf künstliche Anpflanzung zurückzuführen 
ist. Bei der außerordentlichen Wichtigkeit dieser beiden 
Waldbäume und bei der Bedeutung, die der Unterschied 
zwischen Laub- und Nadelwald für die Physiognomie der 
ganzen Landschaft hat, wird es sich lohnen, etwas näher 
auf diese Frage einzugehn. 

Daß die Kiefer in prähistorischen Zeiten einmal in 
ganz Norddeutschland und den nordischen Ländern ver- 
breitet war, imterliegt nach unsern frühern Ausführungen 
keinem Zweifel. Die Kiefer gehört mit der Birke, Espe und 
verschiedenen Weidenarten zu den ältesten waldbildenden 
Bäumen, die nach dem Ende der Eiszeit in Nordeuropa er- 
schienen. Auf den dänischen Inseln allerdings ist sie durch 
die Eiche und später durch die Buche völlig verdrängt und 
in historischer Zeit daselbst nicht mehr lebend gefunden 



*) Vgl. auch unten Kap. VI. 



184 5- K&P- I^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

worden. Nur auf den einsamen Inseln Läsö und Anholt im 
Kattegat haben sich die letzten Reste der Kiefernwälder 
bis ins 16. Jahrhundert erhalten. *) In Skandinavien dagegen 
ist der Baum bis auf den heutigen Tag ein weitverbreiteter 
Waldbaum geblieben. Aber auch in Jütland, Schleswig-Hol- 
stein und in Nordwestdeutschland westlich der Elbe bildet 
er in der Gegenwart ausgedehnte Waldungen.*) 

E. H. L. Krause hat nun in einer Reihe von wertvollen 
Abhandlungen unter Heranziehung von Urkunden den Nach- 
weis zu führen gesucht, daß die Kiefer in Nordwestdeutsch- 
land „zwar subfossil und auch angesät und eingebürgert 
vorkommt, daß aber zwischen dem Untergang der Kiefern, 
welche in den Heidemooren liegen, und der forstmännischen 
Einführung von Nadelhölzern ein Zeitabschnitt liegt, in 
welchem die nordwestdeutschen Wälder nur aus Laub- 
hölzern bestanden".^) Und ähnhch äußert er sich an andrer 
Stelle über die Geschichte der Kiefer und Fichte in Schles- 
wig-Holstein: „Es steht zweifellos fest, daß zu einer Zeit, 
als schon Menschen hier im Lande wohnten, ausgedehnte 
Wälder von Kiefern und Fichten hier vorhanden waren, 
aber es steht ebenso fest, daß diese Baumarten ausgestorben 
sind, ehe das Land in die Geschichte eintrat, und daß dann 
erst seit dem Ende des 16. Jahrhimderts durch Grundbesitzer 
imd Forstleute Nadelbäume wieder eingeführt sind. Nur 
am Südrande des Herzogtums Lauenburg haben sich augen- 
scheinlich Kiefembestände dauernd erhalten".*) 

Die Nordwestgrenze der Kiefer verlief nach Krause*) 
in der Zeit von 1100—1500 von der Rostocker Heide zwischen 



*) J. S. Deichman Branth Fyrrtskovens undergang p& Lcsd, Bot 
Tidskr. 5 (1872), S. 150—176. Mir ist diese Zeitschrift hier nicht zu- 
gänglich. Vgl. G. Andersson Gesch. d. Vegtt. Schwedens S. 457. Fischer- 
Benzon Die Moore d, Prov. Schlesw.- Holstein S. 78, Nachträge. 

») Willkomm Forstliche Flora v. Deutschland u. Osterreich* S. 203. 

») Englers Bot. Jahrb. 13, Beibl. Nr. 29, S. 46. 

*) Schriften d. Nat. Ver. f. Schlesw.-Holst. 9, 152. 

*) Bot. Jahrb. 11, 130. 13, Beibl. Nr. 29, S. 52. 14, 522. Globus 61, 
107. Peterm. Mitt. 38, Tafel 18 {Florenkarte von Norddetitschland für 
das J2. bis iß^ Jahrh). 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 185 

Bützow und Güstrow hindurch über Wittenburg nach dem 
Sachsenwald bis in die Gegend von Geesthacht; hier wandte 
sie sich südwärts, überschritt die Elbe, schloß die Göhrde 
ein und lief auf den Drömling zu. Den weiteren Verlauf 
läßt Krause unbestimmt, er hält aber das Vorkommen der 
Kiefer im Eibgebiet auch nur für ein sporadisches; denn 
die europäische Südwestgrenze der Kiefer überhaupt wurde 
nach seiner Ansicht um 1500 durch eine Linie gebildet, die 
sich von Schottland über Läsö im Kattegat nach Schonen 
und von da weiter mit Überspringung der Ostsee unter 
Ausschluß von Bomholm und Rügen über Rostock, die Stadt 
Brandenburg, Dresden, Nürnberg, in der Richtung auf Basel 
zu erstreckte.*) 

Hock (1893)*) schließt sich in Bezug auf die nordwest- 
deutsche Kiefemgrenze der Ansicht Krauses an; er glaubt so- 
gar, daß die Grenzlinie an manchen Orten eher noch weiter zu- 
rückzuziehen, aber sicher nicht wesentlich weiter westwärts 
zu verlegen sei. Auch Hausrath^) und Gradmann*) haben 
sich kürzlich in ähnlichem Sinne geäußert. Buchenau in 
seiner Flora der nordwestdeutschen Tiefebene (1894, S. 37) 
schreibt, die Kiefer sei früher im nordwestlichen Deutsch- 
land nicht selten gewesen, habe sich dann aber so ver- 
mindert, „daß sie im Mittelalter entweder ganz fehlte, oder 
doch auf einzelne Lokalitäten (Dünenhügel usw.) beschränkt 
war". 

Die Gründe für das Zurückweichen der Kiefer 
möchte Krause nicht sowohl in klimatischen Veränderungen, 
noch auch in dem Kampf ums Dasein mit stark schattenden 
Laubbäumen (Eiche und Buche) erblicken, wie es andre 
Forscher getan haben, sondern er glaubt, daß es in erster 
Linie auf das Eingreifen des Menschen zurückzuführen sei.'^) 



*) Englers Bot. Jahrb. 14, 522. Globus 67, 73 f. mit Karte. 
*) Nadelwaldflora Norddmtschlands 329 f., Anm. 3. 
«) In seinem Vortrag über den Wechsel d. Holzarten im deiitsclicn 
Walde S. 6 u. 8 (1900). 

*) Geogr. Zeitschr. 7, 439 (1901). 
*) Englcrs Bot. Jahrb. 14, 523. 



186 5- ^P- ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Er macht auf den ungefähren Zusammenfall der oben be- 
schriebenen Grenzlinie zwischen Laub- und Nadelwald im 
Eibgebiet (Geesthacht— Göhrde—Drömling) mit den mittel- 
alterlichen Stammesgrenzen zwischen Germanen und Slaven 
aufmerksam und meint, daß namentlich die extensive Wirt- 
schaft der Sachsen an der frühzeitigen Lichtung der Wälder, 
der Ausrottung der Nadelhölzer imd der Bevorzugung und 
Schonung der Eiche als des wertvollsten Mastbaumes schuld 
sei.^) Die Wiederausbreitung der Kiefer in Nordwest- 
deutschland im Lauf der Neuzeit ist nach Krause wesent- 
lich durch die wachsende Macht Brandenburgs begünstigt 
worden. Er meint, es sei „gewiß kein Zufall, daß gleichsam 
das Protektorat dieser Kultur in den Händen desjenigen 
Fürstenhauses lag, welches aus dem ältesten deutschen 
Kulturgebiete des Nadelwaldes [Nürnberg] in die kiefem- 
reichste Landschaft versetzt war. Er weist nach, daß der 
brandenburgische Kurfürst Johann Georg (1571 — 98) es war, 
der 1595 aus seinen Forsten dem Grafen Heinrich von 
Rantzau Samen zu den ersten Nadelholzkulturen Holsteins 
auf Breitenburg bei Itzehoe lieferte; er macht darauf auf- 
merksam, daß die Kiefempflanzungen in dem sandigen Vor- 
land des Unterharzes auf dem brandenburgischen Regen- 
stein ihren Anfang genommen haben, und daß kein Ge- 
ringerer als Friedrich der Große die erste Kiefemaussaat 
auf den Heiden der Grafschaft Lingen im Emsgebiet ver- 
anlaßte.*) 

Mehr noch als bei der Kiefer hat man bei der Fichte 
{Picea excelsa Link) bezweifelt, daß sie in Nordwestdeutsch- 
land wirklich heimisch sei. Selbst Willkomm,*) der der 



») Globus 6i, io8. 

«) Vgl. Englers Bot. Jahrb. n, 129. 14, 522; Verhandl. d. Bot. Ver. 
d. Prov. Brandenburg 33, 75 f. ; und besonders Krauses Aufsatz Die 
Kiefer als Wahrzeichen d, brandenburg. Hegetnonie in Deutschland Globus 67, 
72 ff. Auf das Vorgehen Friedrichs des Gr. mit der Anpflanzung von 
Kiefern im Emslande hat zuerst Buchenau (Abhandl. d. Natw. Ver. 
Bremen 3, 291 ; 1872) hingewiesen. 

^) Forstl. Flora* 78. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 187 

Kiefer das Indigenat in Nordwestdeutschland und Jütland 
zugesteht, hält Minden für den nördlichsten Punkt, den die 
Fichte im westlichen Norddeutschland erreiche. Ähnlich 
äußert sich Hock.*) Auch Buchenau^), Gradmann^) 
und Glück*) schließen die Fichte aus der spontanen Flora 
der nordwestdeutschen Tiefebene aus. 

Doch fehlt es anderseits nicht an Forschern, welche 
diese Ansicht von dem völligen Fehlen der Nadelhölzer in 
Nordwestdeutschland während des Mittelalters bekämpfen. 
Nachdem Ascher son bereits 1893*) Krauses Meinung, daß 
die Kiefer nur durch menschlichen Einfluß aus Nordwest- 
deutschland verschwunden sei, für unannehmbar erklärt 
und Drude«) 1896 ernstliche Zweifel an der Richtigkeit der 
von Krause angenommenen Nordwestgrenze der Kiefer 
geltend gemacht hatte, wandte sich namentlich C. A.Weber, 
gestützt auf seine Moorforschungen und auf urkundliche 
Zeugnisse, in verschiedenen Publikationen') mit Erfolg 
gegen diese Auffassung. 

Weber weist auf seine Untersuchung der beiden Moore 
bei Sassenberg in Westfalen, östlich von Münster, hin, 
wo er das Vorhandensein zahlreicher Pollenkömcr und 
Holzsplitter der Kiefer in allen Schichten bis zur obersten 
hin nachwies und eine Anzahl von Kiefernstämmen auf- 
deckte, die in verhältnismäßig junger Zeit an den Rändern 
des Moors gewachsen waren. Im Füchtorfer Moor fanden 



*) Nadelwaidflora Norddeutschlafids 332. 

•) Flora d, nordwestd. Tüfebcfie 37. 

») Geogr. Zeitschr. 7, 439 (1901). 

^) Mitt. d. Bad. Geolog. Landesanstalt 4, 401 (1902). Nach Glück 
fällt innerhalb Deutschlands „das Verbreitungsgebiet der Fichte mit 
den deutschen Mittelgebirgen, sowie mit dem Alpenvorland zusammen". 

6) Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandenburg 35, S. XIIT. 

«) In Deutschlands Pflanzengeographie S. 262. 

') Darunter besonders in seinem Beitrag zur Frage nach dem Ende- 
mismus der Föhre u. Fichte in Nordwestdeutschland während der Netizeit 
(1S97). 



188 5- ^P* ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

sich auch Fichtenpollen mit großer Regelmäßigkeit in 
allen Lagen. ^) 

Das ist nun freilich noch ein ziemlich südlicher Fund- 
ort. Aber daß auch weiter nördlich in frtihhistorischer imd 
mittelalterlicher Zeit Nadelhölzer wuchsen, haben die Unter- 
suchungen der Bohl wege in den Mooren Nordwestdeutsch- 
lands ergeben. Die Moorbrücke in dem Großen Moor 
zwischen Hunteburg und Damme, westlich vom 
Dümmer See, ist nach von Alten ^) von Moor tiber- 
wachsen, auf dem später ein Nadelwald entstand, der seiner- 
seits „wieder vom Moor verschlungen wurde, wie aus den 
über die Brücke gestürzten starken Kiefern hervorgeht. 
Im Laufe der Jahrhunderte bildete sich von neuem eine 
Decke, auf der sich Wald ansiedelte, welcher im vorigen 
Jahrhundert, stellenweise noch in diesem, sich durch sehr 
starke Föhren auszeichnete. Heute ist fast außer dem 
Namen *in den Tannen' nur ein trauriger Rest an der Süd- 
seite des Moores übrig geblieben." 

Besonders belangreiche Ergebnisse lieferte die Er- 
forschung der Bohlwege im Aschener Moor bei Diep- 
holz durch H. Prejawa und C.A.Weber.'*) Diese Wege 
finden sich in sehr verschiedenen Lagen des Moors und ge- 
hören teils der vorrömischen, teils der römischen Zeit, teils 
dem Mittelalter an. Das Material der vorrömischen Wege 



1) Abhandl. hrsg. v.Natw. Ver. Bremen 14, 309 f. 312 f. 316 f. — Diese, 
wie auch die folgenden Funde von Fichtenresten aus derPostglacialzeit 
Deutschlands sind in dem Verzeichnis der „bis jetzt bekannten fossilen 
Überreste der Fichte" in Glücks Aufsatz Eine fossile Fichte aus dem 
Neckartal (Mitt. d. Bad. Geolog. Landesanstalt 4, 423; 1902) nicht auf- 
geführt. 

•) Die Bohletmege im Flußgebiet der Ems u. Weser. Bericht über 
d. Tätigkeit des Oldenburg. Landesver. f. Altertumsk. 6, S. 45. Olden- 
burg 1889. 

3) Vgl. H. Prejawa Die Pontes longi im Aschefier Mooru. in Mel- 
linghausen, Mitteil. d. Ver. f. Gesch. u. Landesk. v. Osnabrück 19, 
177—202 (1894). Derselbe Die Ergebnisse der Bohlwegstintersuchungen 
in dem Grenzmoor zwischen Oldenburg u, Preußen u. in Mellingkausen im 
Kreise Sulingen, Ebenda 21, 98 — 178 (1896). 



IV. Die nordwest deutsche Tiefebene. 189 

bestand vornehmlich aus Eichen-, Kiefern- und Birken- 
holz,*) das der besonders zahlreichen römischen aus Eichen, 
Kiefern, Fichten, Birken, Hasel- und Vogelbeersträuchem,^) 
das des einen mittelalterlichen endlich aus Eichen, Kiefern 
und Birken.^) Weber bezweifelte zunächst noch das von 
Prejawa angegebene Vorkommen von Fichtenholz in den 
Bohlwegen des Aschener Moors, da er selbst bei seiner 
Untersuchung im Sommer 1894 nur Föhrenholz gefunden 
hatte. *) Nach einer mündlichen Mitteilung im September 1903 
hält er angesichts der seitdem an zahlreichen Punkten 
Nordwestdeutschlands von ihm und andern nachgewiesenen 
Belege für das historische Vorkommen der Fichte diesen 
Zweifel nicht mehr aufrecht. Zur Römerzeit hat es somit 
noch Fichten in dieser Gegend gegeben, während die Kiefer 
in der Umgebung der Diepholzer Moore von den vor- 
römischen Zeiten an bis ins Mittelalter gewachsen sein muß. 
Aber auch in dem ganzen Gebiet der Lüneburger 
Heide sind neuerdings Fichte und Kiefer sowohl fossil in 
den obersten Moorschichten, wie auch urwüchsig lebend 
nachgewiesen worden. 

Im Steller Moor, 14kmnordöstlichvonHannover, 6km 
festlich von der Kreisstadt Burgdorf , wies Conwentz*^) 1895 
außer den Stubben eines sehr bedeutenden Eibenhorstes 
auch zahlreiche kleinere und größere Reste von Fichten-, 
Eichen-, Birken- und Erlenholz, sowie noch im Boden 
wurzelnde Stubben von Fichten und Eichen nach. Es sind 
die Überbleibsel eines Mischwaldes, der einst auf einem 
Sandrücken inmitten des Moores wuchs, aber schon vor 



») Prejawa aaO. 21 (1896), 152 f. 

•) Ebenda 19 (1894), 181. 183. 192. 196. — 21 (1896), 110 f. 117. 
118. 136. 

-) Ebenda 21, 157. 

*) Abhandl. d. Nat. Ver. Bremen 13, 460 f., Anm. 2. Vgl. auch 
Aug. Schulz' darauf bezüglichen Hinweis Efiiwicklungsgesch. d. phanerog. 
Pflanzendecke Mitteleuropas 288 f., Anm. 3. 

*) über einen untergegangenen Eibenliorst im Steller Moor bei Hoftnovcr. 
ßcr. d. deutschen Bot. Ges. 13, 402. 409 (1895). 



190 5* K^P* ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Jahrhunderten untergegangen ist. Doch fand Conwentz 
noch jetzt hie und da niedrige Bäume von Pinus silvestris 
und kleine Exemplare von Picea excelsa und Juniperus 
communis auf der Oberfläche des Moores gedeihen. 

Auch im Bannetzer Moor, zwischen Celle und 
W aisrode, stieß Weber auf „einen viele Hektare großen, 
zugrunde gegangenen Nadelwald, der von einer ganz 
schwachen Moorschicht kaum bedeckt" war. Er bestand 
aus Kiefern mit einer reichlichen Beimengung von Fichten. *) 

Und in dem Krelinger Bruch, einige Stunden südlich 
von Walsrode, lernte Weber 1894 einen alten Nadelholz- 
bestand, wahrscheinlich einen Restwald aus früherer Zeit, 
kennen, worin außer Föhren, Fichten und Wacholder 
auch noch eine kleine Gruppe lebender Eiben erhalten ist.*) 
Conwentz hat ihn uns ausführlich beschrieben.') 

Schließlich sei noch auf eine von Weber*) abgedruckte 
interessante forstliche Urkunde hingewiesen, aus der hervor- 
geht, daß es in der Umgegend von Hermannsburg in 
der Lüneburger Heide im Jahre 1677 „Fuhren" und 
„Dannen", d. h. Pinus silvestris und Picea excelsa^ in 
alten, aus natürlicher Verjüngung hervorgegangenen, mit 
Laubholz untermischten Beständen gab, tmd daß das Vor- 
kommen von Föhren und Fichten für die lüneburgischen 
Forsten damals nichts Außergewöhnliches gewesen sein 
kann. Die Angaben dieser Urkunde werden uns durch 
Maneckes Topographie aus der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts bestätigt. 

Weber macht zur weiteren Bekräftigung seiner Ansicht 
von dem Endemismus der Kiefer und Fichte im nordwest- 
lichen Deutschland femer darauf aufmerksam (aaO. 325 f.), 
„daß sowohl an verschiedenen Stellen der Lüneburger 
Heide, wie westlich von der Weser, mehr als hundertjährige 
nicht aus künstlicher Ansaat oder Pflanzung, sondern aus 



') Abhandl. hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 14, 327. 

•) Ebenda 13, 460. ^) Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 13, 406 ff. 

*) Abhandl. hrsg. v. Nat. Ver. Bremen 14, 322 f. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 191 

natürlicher Verjüngung älterer hervorgegangene Nadel- 
holzbestände noch jetzt vorkommen oder noch bis vor 
kurzem vorkamen". Er führt eine Reihe von Belegen aus 
den Oberförstereien Hannover, Fuhrberg, Walsrode, Ward- 
böhmen, Sprakensehl, Heimerkamp, Langeloh bei Tostedt, 
Syke, Harpstedt und Binnen für das Vorhandensein solcher 
alter, spontaner Kiefern- oder Fichtenbestände auf. Wir 
werden ihm nach dem Gesagten zustimmen dürfen, wenn 
er (aaO. 326) diese alten Nadelholzbestände als Relikte aus 
jener Zeit ansieht, „die vor der Einführung des Nadelholzes 
in die kunstmäßige Forstwirtschaft dieser Gegenden liegt." 
Ich möchte die vorstehenden sachlichen Nachweise 
noch durch eine Anzahl philologischer Zeugnisse stützen. 
Teilweise bieten mir Krauses eigene verdienstvolle Zusam- 
menstellungen das Material dazu. 

Daß das Lüneburger Wendland im Mittelalter Nadel- 
holz gehabt haben muß, schließt Krause selbst^) mit Recht 
daraus, daß sich der altskivische Nadelholzname jadla da- 
selbst bis ins 17. Jahrhundert in der Bedeutung Tanne* (dh. 
"Fichte') erhalten hat, was bei dem völlig isolierten Dialekt 
Undenkbar wäre, wenn nicht neben dem Namen auch der 
Baum den lüneburgischen Wenden seit der Loslösung von 
ihren Stammesgenossen im 12. Jahrhundert dauernd bekannt 
geblieben wäre. Die Stadt Dannenbcrg im Wendland führt 
ihren Namen nachweislich seit dem 12. Jahrhundert, ebenso 
das gleichnamige Grafengeschlecht. Krause meint mm: 
daß die Tanne oder jadla des Wendlandes nur die Kiefer 
sein könne, liege auf der Hand. Ich verstehe nicht, warum ? 
Jedla bedeutet nach Nemnich") und Miklosich») in allen sla- 
vischen Sprachen durchweg 'Tanne' oder 'Fichte', aber nie 
TCiefer*. Solange nicht klärlich das Gegenteil nachgewiesen 
werden kann, muß man unbedingt daran festhalten, daß 
unter nd. danne in Ortsnamen die Rottanne oder Fichte 



>) Englers Bot. Jahrb. 13, Beibl. Nr. 29, S. 49. Peterm. Mitt. 38, 
234 >». 

■) Polyglotten- Lexikon d. Naturgeschichte II 975. 982. 984 f. 
*) EtymoL Wdrth. d. slav, Sprachen 102. 



192 5* ^^?' Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

und nicht die Kiefer oder Föhre zu verstehen ist. Daß 
anderseits die Stadt Dannenberg von dem Grafengeschlecht 
ihren Namen habe, wie Dengler*) vermutet, ist solange 
unwahrscheinlich, bis bewiesen wird, daß das Grafenge- 
schlecht unter dem gleichen Namen vor der ältesten Er- 
wähnung der Stadt schon anderswo ansässig gewesen und 
in diese Gegend erst eingewandert ist. Das lüneburgische 
Wendland hat also mindestens schon vom 12. Jahrhimdert 
an ununterbrochen Fichtenwaldungen besessen. Nach ihnen 
und nicht nach Föhrenwäldem hat die Stadt Dannenberg 
ihren Namen, sonst wäre sie wohl Fuhrberg genannt worden. 
Aber nicht bloß im Wendland, auch in der Lüne- 
burger Heide gab es im Mittelalter wie zu Beginn der 
Neuzeit Fichtenwälder. Die von C. A. Weber aus den 
Hermannsburger Forsturkunden und aus dem Bannetzer 
Moor zwischen Celle und Walsrode dafür beigebrachten 
Beweise erhalten durch verschiedene Ortsnamen eine er- 
freuliche Bestätigung. Krause*) selbst weist auf den Ort 
Danlo hin, der 1203 in der Urkimde über die Erbteilimg 
der Söhne Heinrichs des Löwen erscheint; es ist wahr- 
scheinlich die heutige Ortschaft Dalle im Kirchspiel Eschede 
zwischen Celle und Ülzen^) und bedeutet ursprünglich 
Tannenwald*. In der Grenze des Melbecker Holzgerichts 
(südwestlich von Lüneburg) wird 1590 das Tannenbroke er- 
wähnt. Weshalb der Name „in dieser halbhochdeutschen 
Form nicht alt sein kann", wie Krause*) meint, und weshalb 
die Ableitung unsicher ist, verstehe ich nicht. Von dem 
Sondergut, die Dannenworth bei Ebstorf nördlich von Ülzen, 
das 1668 urkundlich belegt ist, gibt Krause zu, daß der 
Name ganz unverdächtig klinge. Trotzdem sträubt er sich, 
die nächstliegende Deutimg anzunehmen, tmd ist, falls die 
letztere doch richtig sein sollte, geneigt, den Ort als einen 
isolierten Kiefemhorst oder gar schon als eine Anpflanzimg 

») Die Horizontalverbreihmg der Kiefer 36. 
*) Englers Bot. Jahrb. 13, Beibl. Nr. 29, S. 49. 
') V. Hammerstcin-Loxten Der Bardengau S. 24. 
^) Bot. Jahrb. 13, Beibl. Nr. 29, S. 48. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 193 

anzusehen.*) Und wenn die Urkunde der Gilde zu Ameling- 
hausen (westlich von Melbeck) im 17. Jahrhundert als alten 
Brauch festsetzt, daß für verstorbene Mitglieder „die Tannen- 
hretter zu ihrem Sarcke" von der Gilde geliefert werden, 
so meint Krause mit übertriebener Skepsis, auch das be- 
weise nicht, „daß es damals Nadelholz in jener Gegend gab; 
denn im Handel war schon während des Mittelalters Fuhren- 
und Gränenholz sehr verbreitet."*) Warum zu so ge- 
zwungenen Erklärungen seine Zuflucht nehmen, wenn die 
einfachste Deutimg nahe bei der Hand liegt? 

Auch weiter westlich noch begegnen Ortsnamen mit 
Danne aus älterer Zeit. Im Bremervörde Register von 
150O— 1510 findet sich in der Grenzbeschreibung des Ge- 
richtes Sittensen bei Scheeßel der Flurname Danhorst: 
beth to der wulueskulen vor den danhorsL*) Daraus er- 
gtot sich, daß im 15. Jahrhundert Fichtenbestände 
nordwestlich bis an die Linie Harburg-Bremen vor- 
kamen. Auch die Moorkolonie Dannenberg östlich von 
Lilienthal bei Bremen mag hier erwähnt werden, die 
freilich erst 1781 gegründet ist.*) 

Aus Holstein führt Krause selbst*^) an: „mehrere 
Tannenkathen bei Bomhöved und Ascheberg, Tannenkoppel 
bei Itzehoe und bei Segeberg, Tannenkrug bei Kelling- 
husen usw.", deren Alter ich nicht feststellen kann. 

Westlich der Weser haben wir ein Gnt Dannhollen, 
7'/, km südöstlich von Bamstorf an der Chaussee Diepholz- 
Bremen,*) bei dem mir gleichfalls ältere urkundliche Belege 
fehlen. 

Ein Skeptiker kann natürlich bei allen diesen Namen 
vermuten, daß Tanne hier im weiteren Sinne zu fassen sei. 



*) Ebenda 48. 52. Globus 67, 74 b. •) Ebenda 49. 

») Hodenberg Brenur Gesckichtsqtullen II S. 130 (fol. CC XIV 23). 

*) Festschrift zur 50jährigen Jubelfeier des Provinzial-Landwirt- 
tchafts- Vereines zu Bremervörde. Stade 1885; Pockwitz. S. 104. 

») Bot Jahrb. 11, 127. 

•) Gade Historisch-gcographisch-statistische Beschreibung der Graf- 
uka/icH Hqya u. Diepholz. Hannover 1901. II S. 565. 

Hoopt, Waldblome u. Kulturpflanzen. 13 



194 5' ^P* ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frQhen Mittelalter. 

daß sie nicht der Fichte, sondern der Kiefer ihren Ursprung 
verdanken. Aber da die Fichte ja an mehreren Punkten 
Nord Westdeutschlands tatsächlich in den obersten Schichten 
der Moore subfossil nachgewiesen oder sogar auf den 
Mooren noch lebend gefunden ist, während anderseits die 
allgemeine übliche, in zahlreichen Ortsnamen belegte Be- 
nennung der Kiefer in Nordwestdeutschland Fuhre, Fohre 
ist, so haben wir zu derartigen Zweifeln keine Berechtigung. 

In seiner Abhandlung über das Füchtorfer Moor bei 
Sassenberg in Westfalen erwähnt Weber (S. 312 u. Anm.), 
„daß in der Mundart der dortigen Gegend die Föhre als 
Fichte bezeichnet wird, und daß man allen Anlaß zu der 
Annahme hat, daß der Ort Füchtorf, der schon im elften 
Jahrhundert in dem Heberegister des Klosters Freckenhorst 
genannt wird, seinen Namen nach den ihn ehemals umge- 
benden wilden Föhrenwäldern trägt". Der Name lautet in 
der Freckenhorsier Heberolle (deren eine Handschrift 
übrigens wohl noch ins 10. Jahrhundert zurückreicht), Fieht- 
tharpa (dat. Sgl.),*) und die Verbindung desselben mit Fichte 
"Picea* ist sicher richtig. Ich bezweifle nur, daß sich die 
Bedeutungsverschiebung 'Fichte— Föhre*, die ja lokal auch 
sonst vorkommt,^) in der Füchtorfer Mundart schon im 
10. Jahrhundert vollzogen hatte. Da Weber im Füchtorfer 
Moor Fichten poUen mit großer Regelmäßigkeit in allen 
Lagen nachgewiesen hat, liegt doch der Gedanke näher, daß 
der Ort nach den Fichtenbeständen in seiner Umgebung 
den Namen empfing, und daß erst in neuerer Zeit, als die 
Fichtenwälder in der dortigen Gegend allmählich durch 
Kiefern verdrängt wurden, der obige Bedeutungswandel 
erfolgte. 

Der gleiche Baumname liegt übrigens, wie schon Fried- 
länder bemerkt, in dem heutigen Vechtrup (Kreis Telgte) 



») E. Friedländer Das Heberegister des Klosters Freckenhorst (Codex 
Traditionum Westfalicarum i), S. 27, Anm. 24. Gall6e Altsächs. Sprach- 
denkmäler S. 174. 

•) Vgl. z. B. Brandstetter Die Namen der Bäume u. Sträucher in 
Ortsnamen der deutschen Scfmeiz. Beil. z. Jahresber. d. höheren Lehr- 
anstalt in Luzem 1902. S. 49- Ferner unten S. aao f. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 1% 

vor, das in der Freckenhorster Heberolle gleichfalls als 
Fiehttharpa, im sog. Goldnen Buch von Freckenhorst und 
sonst öfter als Vectorpe erscheint.^; Auch Veckta, der Name 
der Stadt und des Flusses im südlichen Oldenburg, ist wohl 
aus ^Veki-aha entstanden. Den gleichen Ursprung ver- 
mute ich für den Namen des Flusses Vechte^ der in West- 
falen zwischen Koesfeld und Burgsteinfurt entspringt und 
bei Zwolle von rechts in die Yssel mündet. 

Wenden wir uns jetzt zu der Kiefer. Auch hier gibt 
uns die von Krause*) und Dengler*) mit Unrecht gering- 
geschätzte Ortsnamenforschung eine Reihe wichtiger An- 
haltspunkte. 

Der Name Föhre tritt in nordwestdeutschen Ortsnamen 
recht häufig auf. Er erscheint in verschiedener Gestalt: 
einerseits als Vur-, Fuhr-j anderseits als Vore-, Voren-, 
Vorn- und Vahr-j Varen-y Fahren-, Das a in den letzteren 
Formen ist die graphische Wiedergabe eines offenen Laut- 
wertes p, f> oder ä, der sich dem a näherte. Diese Schreib- 
ung a für etymologisches o ist im Alt- und Mittelnieder- 
deutschen sehr häufig. Schon in der Freckenhorster Hebe- 
rolle aus dem 10. Jahrhundert haben wir tharpa neben 
thorpa 'Dorfe* (d. sg.), hanigas neben honigas 'Honigs* (g. sg.), 
sowie durchgängiges van statt von. Später finden wir hose 
für hose, bage für böge, balt für bolt usw. Umgekehrt ist 
Ä, a später in den meisten niederdeutschen Dialekten mehr 
und mehr verdumpft worden, so daß z. B. mnd. hase und 
hose im heutigen Niederdeutsch vielerwärts in hpse zusam- 
mei^efallen sind. 

Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß die hier in 
Betracht kommenden Ortsnamen wegen der lautlich nahe- 
liegenden Wörter mnd. varn, varen Tamkrauf und vore, 
vorne Torelle* bisweilen schwer zu beurteilen sind. Auch 
die Präposition vor mag in einigen Fällen ihre Hand im 



») Vgl. Friedländer aaO. 26, Anm. 12. 72, Anm. 9 u. den Index 
S. 208. GalUe aaO. 173. 

') Englers Bot. Jahrb. 11, 126 f. 

*} Die HorizontcUvcrlfreitung der Kiefer 36. 

13* 



196 5* Kap. Die Waldbäome Deutschlands z, Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Spiel haben. Doch ist die Mehrzahl dieser niederdeutschen 
Ortsnamen sicher zu fohre Tinus* zu stellen. Ich habe im 
folgenden eine Anzahl solcher Namen zusammengetragen^ 
die sich mir bei einer Durchmusterung von Urkunden, 
Kirchenregistem und andern Quellen als wahrscheinlich zu 
dem Baumnamen gehörig ergeben haben. 

Aus dem Gebiet zwischen Weser und Elbe, das etwa 
durch die vier Eckpunkte Hannover-Ülzen-Harburg-Bremen 
umgrenzt wird, also der Lüneburger Heide im weiteren 
Sinne: 

Vahrenwaldy der nördliche Vorort von Hannover. Ur- 
kundliche Belege aus älterer Zeit fehlen mir. 

Fuhrberg westlich von Celle. Es befindet sich unter 
den von Weber*) aufgezählten hannoverschen Oberförste- 
reien mit alten Nadelholzbezirken. Da noch jetzt „größere 
Föhren- und Fichtenbestände im Alter von 100 bis 200 Jahren" 
in dem Forstrevier vorkommen, so gehen wir wohl nicht 
fehl in der Annahme, daß der Ort selbst nach diesen Föhren- 
beständen in seiner Umgegend benannt ist. 

Silva que dicitur Vur in einer Grenzbeschreibung des 
Klosters Mariensee östlich von Gifhom vom Jahre 1197.*) 

Fahrenkorst an der Kleinen Aller ostnordöstlich von 
Gifhorn, westlich vom Drömling. Ältere Belege fehlen mir. 

Vahrendorf, im Kirchspiel Natendorf, Amt Ebstorf nord- 
westlich von Ülzen. Wird im 16. Jahrhundert in dem Re- 
gistrum Ecclesiae Verdensis des Andreas von Mandelslo 
(1519—1585) als Varenthorpe aufgeführt.») 

Fahrenhols, nördlich von Bardowiek, im Kirchspiel 
Handorf, Amt Winsen a. d. Luhe. Der Name hat eine Art 
Gegenstück in dem Namen des nicht weit davon entfernt, 
im Kirchspiel Niedermarschacht gelegenen Dorfes Eich- 
holß. Die beiden Orte finden sich auf der Karte in v. Ham- 
merstein-Loxtens Buch Der Bardengau in der alten Vogtei 



*) Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 14, 325. 

■) Vgl. Langerfeldt Zeitschr. des Harzvereins 11, 93. 

•) Hodenberg Verdener GeschuktsqueUen I S. 14 (c. 41, 43). 



IV. Die nord westdeutsche Tiefebene. 197 

Marsch als Varenholt und Ekholt eingezeichnet. Beide 
kommen in dem Landschatzregister von 1450 als Eckholt 
und Vameholte vor j^) sie begegnen im 16. Jahrhundert aber- 
mals in Mandelslos Registrum Ecclesiae Verdensis neben- 
einander, wo es c. 34, 1 heißt: Itent decima In dem Eck- 
holte Item decima In dem vornholte}) 

/^«Är^ifAote im Kirchspiel Düshom, Amt Fallingbostel. 
Es erscheint schon in einer Urkunde von 1231 als in voren- 
holte*) und wieder im Registrum EccL Verd. im 16. Jahr- 
hundert in der Form de varnholte}) 

Eine Obedientia Varnholt sive Averbergen begegnet in 
einem Verzeichnis Verdener Kirchengüter und Einkünfte 
jfttr die Zeit von 1281—1515, das uns in einer Handschrift 
des 17. Jahrhunderts vorliegt, und noch einmal in einem 
deutschen Register von der gleichen Hand als Obedients 
Varenholt}) Averbergen ist das heutige Hohen- Averbergen 
südöstlich von Verden. 

Vahrel zwischen Scheeßel und Lauenbrück auf der 
Strecke Bremen-Hamburg. Im Registrum Eccles. Verd. be- 
legt als Varlo = 'Föhrenhain*.") (Vgl. den Ortsnamen Danlo 
bei Eschede, oben S. 192.) Hierzu möge bemerkt werden, 
daß sich im Luhner Moor nördlich von Rotenburg nach 
Dengler^) Kiefemstämme und -stubben in geringer Tiefe 
unter der Oberfläche finden, und daß noch jetzt mindestens 
150jährige, augenscheinlich urwüchsige Kiefern dort wachsen. 

Die Vahr, Dorf und Bach bei Bremen, erscheint 1187 
als in Vora (Bremer Urkimdenbuch I, Nr. 66), 1248 und 
1270 in Vore (ebenda Nr. 238, 346), 1276 in Vora (ebenda 
Nr. 371), 1294 und 1296 in Vore (ebenda Nr. 501, 513) und 
so öfter. Ich leite den Namen von * Vorh-a^ *Vorh-aha ab, wie 
Vechta aus *Vecht-aha. Dabei mag hervorgehoben werden, 



') V. Hammerstein-Loxten Der Bardengau 355. 

«) Hodenberg aaO. I S. 5 (c. 34, i). ') Ebenda II S. 96. 

*) Ebenda I S. 39 (c 82, 38). ») Ebenda I S. 54 (c 27, 7) u. S. 61. 

•) Ebenda I S. 31 (c. 52, 7) und S. 32 (c. 52, 30). 

*) Hofizofäalverbreitung d. Kiefer 56. 



198 5* ^P* I^i^ Waldbäame Deatschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

daß die Kiefer nach Buchenau in verschiedenen Gegenden 
des Bremer Gebiets offenbar einheimisch ist.*) 

Vahrholter F(?W zwischen Vahr und Obemeuland östlich 
von Bremen. Dieser Flurname ist im Bremer Urkundenbuch 
zuerst 1181 in der Form Vurholt bezeugt, er kehrt 1230 
und 1283 als in Voreholte, 1313 und öfter als in Vorholte 
wieder.*) Den Namen, wie Krause*) will, mit vur Teuer* 
zusammen zu bringen, ist ganz immöglich; wie sollte ein 
Ort zu der Benennung Teuerholz* kommen, von den laut- 
lichen Bedenken gar nicht zu reden! Der Name hängt 
jedenfalls einerseits mit dem vorigen Ortsnamen Vahr, ander- 
seits mit Fuhre, Fohre zusammen ; er bedeutet Tohrenholz*. 

Aus Holstein vermöchte ich nur den Namen des Ortes 
Fahrenkrtig westlich von Segeberg anzuführen, der in dem 
Tannenkrug bei Kellinghusen in der gleichen Provinz sein 
Gegenstück hat. Doch scheint Schleswig-Holstein in histo- 
rischer Zeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein fast aus- 
schließliches Laubwaldgebiet gewesen zu sein. Im Herzog- 
tum Lauenburg wurde 1744, in Schleswig-Holstein etwa in 
den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit dem Anbau 
von Nadelholz begonnen.*) Das Vorgehen des Grafen Rantzau 
mit der Anpflanzung von Nadelhölzern im Jahre 1595 (s. 
oben S. 186) scheint ohne Nachahmung geblieben zu sein. 
Noch 1809 war die Rantzausche Nadelwaldung „die einzige 
von einigem Alter und Umfang in beiden Herzogtümern".*) 

Westlich der Linie Harburg-Bremen sind mir bis 
jetzt bloß die Namen der Moorkolonien Fahrendorf und 
Fahrendahl im Teufelsmoor zwischen Gnarrenburg und 
Bremervörde aufgestoßen. Die beiden Orte sind jüngeren 



«) Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen i, 34 (1866). Flora v. Bremen* 
S. 289 (1879). 

«) Bremer Urkundenb. I Nr. 56, S. 63. 155, S. 178. 415, S. 448. 
n Nr. 132. 294. 382. 581. 632 uö. 
•) Englers Bot. Jahrb. 11, 131. 
^) Dengler Horizontalverhreitung d, Küfer 46 f. 
*) Krause Bot. Jahrb. 11, 129. 



IV. Die nord westdeutsche Tiefebene. 199 

Ursprungs: der erste ist 1775, der zweite 1782 gegründet.*) 
Doch könnten die Namen dieser Kolonien auf entsprechende 
altere Flurnamen zurückgehen. In einem Moore bei Meyen- 
burg nördlich von Bremen sollen sich Kiefernstubben ziem- 
lich nahe unter der Oberfläche finden.'*) 

Im Westen der Weser haben wir Fahrenhorsty ein 
Dorf an der Chaussee Osnabrück-Bremen, 7*1, km nord- 
westlich von Syke, nach Gade') zuerst 1530 im Hoyaer 
Urkundenbuch genannt; Varenesch, nordöstlich von Vechta, 
das ich urkundlich nicht belegen kann; Vontholt im Kirch- 
spiel Herzlake, Reg.-Bez. Osnabrück, das im 13. Jahr- 
hundert als to Vorenholte belegt ist.*) Es mag zugleich 
erwähnt werden, daß Hagena die Kiefer auch in Oldenburg 
zu den heimischen Arten zählt/) 

Weiter südlich, im Wesergebirge, treffen wir Vahrenhols 
bei Rinteln, das, soviel ich sehe, zuerst 1405 in der Form 
io Varenholte erscheint.") In der Freckenhorster Heberolle 
und andern westfälischen Urkunden begegnet Varetharpa, 
Varedorpe (dat. sgl.), nach Friedländer das heutige Vadrup, 
Kr. Westbevem, nördlich von Telgte, nordöstlich von Mün- 
ster.') Aus Westfalen führt Förstemann »*) aus älteren Ur- 
kunden noch einen Ortsnamen Fornhubhile an, aus Hol- 
land Fornhese (ca. 777 belegt), einen Wald südlich vom 
Zuyder-See, und Foranholt (ca. 989), das heutige Voorhout 



*) Festschrift z. sojähr. Jubelfeier des Prov. Landw. Ver. Bremer- 
vörde. S. 104. 

•) Dengler aaO. 48 f. 

») Histar.'geogr. 'Statist. Beschreibung d. Graf seh. Hoya u. Diepholz I 
S. 350. Gade führt leider hier, wie auch sonst vielfach, die älteste 
urkundliche Form nicht an. 

*) Belegt in dem ältesten Lehnsregister der Grafen von Olden- 
burg, hrsg. V. H. Oncken, Schriften des Oldenburg. Ver. f. Altertumsk. 
u. Landesgesch. 9. Teil (1893), S. 60, 17. 

■) Abhandl. d. Nat. Vw. Bremen 2, 129 (1869). 

•) Bremer Urkundenbuch IV Nr. 327. 

*) Friedländer Das Heberegister des Klosters Freckenhorst S. 46, 
Anm. 184. S. 83, Anm. 125 u. öfter (s. Index S. 215). 

•) Altdeutsches Namenbuch II • 573 f. 



200 5* Kap* I^i« Waldb&ame Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

nördlich von Leiden. Das Vorkommen der Kiefer in den 
Gebieten östUch vom Zuyder-See in älterer Zeit wird be- 
stätigt durch das Holz der entweder römischen oder mittel- 
alterlichen Moorbrücke, die 1818 im Bourtanger Moor zwi- 
schen den Ortschaften Valthe und Terhaar in der hollän- 
dischen Provinz Drenthe, zwei bis drei Fuß unter der Ober- 
fläche, aufgedeckt wurde. Während die Unterlage derselben 
aus Erlen und Birken bestand, war zur Brücke selbst Kie- 
fernholz verwendet») 

Auch die Eibe {Taxus baccata L.) spiegelt sich ge- 
legentlich in Ortsnamen Nordwestdeutschlands wider. Ich 
habe mir aus dem Großherzogtiun Oldenburg notiert: 
Ihorst, eine Ortschaft bei Holdorf, Amt Vechta, imd Ihor- 
stermooTy eine Kolonie bei Westerstede, nordwestlich von 
der Stadt Oldenburg. Weber hat 1894 auch Samen der 
Eibe in dem Moor bei Mosleshöhe am Himte-Ems-Kanal 
südwestlich von Oldenburg gefunden.*) Von den lebenden 
Eiben, die er im Krelinger Bruch bei Walsrode antraf, 
wurde schon gesprochen. Auf früheres Vorkommen im 
Teutoburger Wald deuten die Namen der Ruine Iburg bei 
Bad Driburg (1120 zuerst erwähnt) und des Fleckens Iburg 
südlich von Osnabrück, zwei Seitenstücke zu der Iburg bei 
Baden-Baden. 

4. Ergebnisse. 

Nach allen diesen aus den Mooren, aus Urkunden und 
aus Ortsnamen zusammengetragenen Beweisen wird wohl 
niemand mehr mit E. H. L. Krause behaupten wollen, daß es 
im Mittelalter in Nordwestdeutschland keine Nadelhölzer ge- 
geben habe, und daß Föhre imd Fichte erst in der Neuzeit 
durch die Forstkultur daselbst wieder neu eingeführt wor- 
den seien. Die Föhre und Fichte sind in dem größten 



") Vgl. den Bericht in Spangenbergs Neuem Vaterland. Archiv I 
257—262. II 354 f. (1822). 

•) Abhandl. d. Nat. Ver. Bremen 13, 461, Anm. i. Conwentz Her. 
d. deutsch. Bot. Ges. 13, 402 (1895). 



IV. Die nordwestdemsche Tiefebene. 201 

Teil Nordwestdeutschlands im botanischen Sinne 
niemals ausgestorben gewesen. Nur aus dem Küsten- 
gebiet der Nordsee haben wir bis jetzt weder reale, noch 
urkundliche, literarische oder namenkundliche Zeugnisse 
für das Vorhandensein von Nadelhölzern in frühhistorischer 
und mittelalterlicher Zeit nachweisen können. 

Als Nordwestgrenze der Ausbreitung der Kiefer 
und Fichte im Mittelalter vor dem Beginn der modernen 
Forstkultur ergibt sich für das nordwestliche Deutschland 
nach unsem Darlegungen etwa die Linie Harburg — 
Bremen— Vechta — Meppen — Zuyder-See. Der Ver- 
lauf der Nadelholzgrenze in Holstein muß noch näher er- 
forscht werden. 

Meine Untersuchungen haben mich also ungefähr zu 
dem gleichen Ergebnis geführt wie W. O. Pocke, C. A. 
Weber, Ascherson-Graebner, Aug. Schulz und Dengler. 
Focke^) und nach ihm Schulz") setzen die Linie Harburg 
—Bremen— Meppen als Nordwestgrenze der Kiefer an, für 
die Fichte ziehen sie eine etwjis südlichere Linie (Schulz 
meint Harburg— Walsrode— Diepholz). C. A. W e b e r ') dehnt 
das Gebiet der spontanen Verbreitung für beide Bäume bis 
an die genannte Grenze aus, doch glaubt er, daß die Haupt- 
grenze in der Lüneburger Heide etwas mehr südlich liege. 
Ascherson und Graebner*) erkennen für die Kiefer 
gleichfalls die genannte Nordwestgrenze an, hinsichtlich 
der Fichte konstatieren sie nur, daß sie im nordwestlichen 
Flachlande selten sei. Auch E.H. L. Krause*) hatte ursprüng- 
lich im Anschluß an Pocke die Linie Harburg— Bremen— 
Meppen als Nordwestgrenze der Kiefer angenommen, bevor 
er sie bis an die Linie Rostock— Geesthacht— Göhrde— 



*) Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 2, 415 u. 426 (187 1) und brief- 
liche Mitteilungen an E. H. L. Krause, s. Bot. Jahrb. 11, 125, Anm. 7. 

*) Entufieklw^sgescluchte d. pkanerog. Pflanzendecke Mitteleurop, 28S, 
Anm. 3. 292. 

*) Abhandl. d. Natw. Ver. Bremen 13, 460, Anm. 2. 

*) Synopsis d, miiteUurop. Flora I 197. 221. 

») Bot. Jahrb. 11, 125 f. 



202 5* ^P* ^ic Waldbftume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Drömling oder gar bis Rostock — Brandenburg — Dresden 
zurück verlegte. 

Für die Eibe fehlt es einstweilen noch an einer hin- 
länglichen Anzahl von Fundstellen; der Ortsname Ihorster- 
moor bei Westerstede scheint fast für einen noch etwas 
nördlicheren Verlauf ihrer Grenze zu sprechen. 

Innerhalb des vorstehend von uns abgesteckten Be- 
reichs ist mindestens die Kiefer nicht bloß in versprengten 
Horsten, sondern wirklich waldbildend aufgetreten; das 
wird durch die Ortsnamen mit -hols und -wald, die über 
das ganze Gebiet verbreitet sind, deutlich bewiesen. 

Freilich daß die Nadelhölzer in forstwirtschaft- 
licher Beziehung, in ihrer Bedeutung als bestandbildende 
Bäume im Mittelalter hinter den Laubhölzern und vor 
allem hinter der Eiche und Buche im nordwestlichen 
Deutschland in den Hintergrund traten, darüber ist 
allerdings heute kein Zweifel mehr möglich, und in dieser 
Hinsicht haben Krauses eindringende Untersuchungen ihr 
entschiedenes Verdienst gehabt. Eine bedeutendere wirt- 
schaftliche Rolle haben die Nadelhölzer in diesen Gegenden 
während des Mittelalters nicht gespielt. Die große Masse 
der heutigen Nadelwaldungen Nordwestdeutschlands ist 
nachweislich erst im Lauf der letzten Jahrhunderte dort 
angepflanzt worden. 

Über die mutmaßlichen Ursachen des Zurück- 
weichens der Nadelhölzer vor den Laubhölzern 
in Nordwestdeutschland und Dänemark zu prähistorischer 
Zeit haben wir ims schon S. 57 ausgesprochen. Daß bei 
der fast vollständigen Verdrängimg der Nadelhölzer, wie 
sie in Nordwestdeutschland im Lauf des Mittelalters in 
die Erscheinung tritt, die Raubwirtschaft der Sachsen 
eine Rolle mitspielte, haben wir bei der gleichen Ge- 
legenheit (S. 56) zugegeben; daß sie nicht die ausschließ- 
liche Ursache sein kann, hat Hock in seinem Aufsatz 
Mutmaßliche Gründe für die Verbreitung der Kiefer und 
ihrer Begleiter in Norddeutschland (1893) überzeugend 
verfochten. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 20S 

Krause legt zu viel Gewicht auf die Bedeutung der 
Völker- und sogar der Stammesgrenzen für die Verbreitung 
der Holzarten. Will er doch die Tatsache, daß sich die 
Kiefer auf der dänischen Insel Läsö im Kattegat bis zum 
17. Jahrhundert erhalten hat, darauf zurückführen, daß Läsö 
,4m G^ensatz zu allen übrigen dänischen Inseln Bewohner 
gotischer Herkunft und dementsprechend einen eigenartigen 
Wirtschaftsbetrieb" habe.*) Mit Recht bemerkt Hock*) zu 
der Überschätzung des Einflusses sächsischer Bodenkultur 
auf das Zurückweichen der Nadelhölzer: „Wäre er allein 
maßgebend, so müßte man fragen, warum denn die Kiefer 
nicht ebenso wie in Schottland in dem gleichfalls keltischen 
Wales oder Irland im Gegensatz zum sächsischen England 
sich gehalten, warum von den Nationen des skandinavischen 
Völkerzweiges nur die Dänen und nicht ebenfalls die diesen 
jedenfalls weit näher als die Niedersachsen verwandten Nor- 
weger und Schweden die Kiefer ausrotteten.** 

Die von Hock*) hervorgehobene Tatsache, daß die nord- 
westliche Verbreitungsgrenze der zahlreichen Begleitpflanzen 
der Kiefer mit der Kieferngrenze zusammen fällt, scheint mir 
trotz Krauses gegenteiliger Ausführungen*) doch stark für 
die oben (S. 57) vorgetragene Ansicht zu sprechen, daß der 
Rückgang der Kiefer und der mit ihr zur gleichen Pflanzen- 
genossenschaft gehörigen Fichte in vorhistorischer Zeit in 
erster Linie auf klimatische Ursachen und den natür- 
lichen Kampf ums Dasein mit stark schattenden 
Laubbäumen zurückzuführen ist. Auch Ascherson*^) und 
Graebner*) haben sich in ähnlichem Sinne geäußert, und 
C A. Weber führt die ganz parallele Verdrängung der 
Kiefer durch die Eiche in der interglacialen Flora von 



*) Bcr. d. deutsch. Bot. Ges. ii, 309, Anm. 3. 
*) Ebenda 400. 

•) Nadelflora Norddeuts cklands 365. Begleitpflanzcn der Kiefer in 
Norddeutsckl, Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 11, 242 ff. 

*) Globus 63, 199 f. Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 11, 307 ff. (1893). 
^ Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandenburg 35, S. XIII (1893). 
^ Naturwiss. Wochenschrift 8, Nr. 19. 



204 5* ^'^P' ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Fahrenkrug in Holstein ebenfalls auf eine Klimaveränderung 
zurück, wodurch es einer der Kiefer feindlichen Vegetation 
ermöglicht wurde, einzudringen und die Kiefer allmählich 
zu erdrücken.*) 

Wir haben die natürliche Kiefemgrenze auf Grund 
unserer Untersuchungen ein gutes Stück weiter nordwest- 
wärts zu rücken vermocht, als sie noch Hock vor zehn 
Jahren auf Grund von Krauses Arbeiten ansetzte (vgl. oben 
S. 185). Die Frage, ob in dem Küstenland nordwestlich 
der Linie Harburg— Bremen— Meppen— Zuydersee in früh- 
historischer Zeit und im Mittelalter Nadelhölzer 
vorhanden waren oder nicht, bedarf noch einer ein- 
gehenderen Prüfung. Nach dem gegenwärtigen Stand 
unserer Kenntnisse sind wir genötigt, sie zu verneinen. 
Zu diesem Ergebnis kommt auch Den gl er in seinem soeben 
erschienenen Buch über die Horizontalverbreitimg der Kiefer 
(S. 48 f.). Er weist nach, daß die Kiefer in das nord west- 
deutsche Küstenland erst im 18. Jahrhundert zu Aufforstimgs- 
zwecken künstlich eingeführt sei. In der Grafschaft Lingen 
befahl, wie wir schon (S. 186) sahen, Friedrich der Große 
1748 ihren Anbau. Im Revier der Oberförsterei Neubruch- 
hausen, östlich vonBassiun, auf der Strecke Diepholz— Bremen, 
wurde 1750, in der Oberförsterei Harsefeld im Stadeschen 
1764, im Lande Meppen 1771, imd in Ostfriesland erst 1804 
mit der Aussaat von Kiefern begonnen. 

Möglicherweise werden genauere Untersuchimgen er- 
geben, daß im Mittelalter sporadisch auch nordwestlich der 
genannten Grenzlinie nochKiefembestände vorhanden waren. 
In der Hauptsache jedoch wird an den obigen Tatsachen 
schwerlich etwas geändert werden. Dieses Fehlen der 
Nadelhölzer in dem ganzen nordwestdeutschen 
Küstenland aber spricht zweifellos sehr stark für den 
Einfluß außermenschlicher Faktoren auf den Rückgang der- 
selben in prähistorischen Zeiten und gegen Krauses Ansicht 
von dem Eingreifen der germanischen Bodenkultur als aus- 



«) Englers Bot. Jahrb. i8. Bcibl. Nr. 43, S. 11 f. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 20& 

schließlicher Ursache; denn das Küstengebiet ist von den- 
selben germanischen Stämmen besiedelt gewesen, wie das 
Land weiter im Innern. 

Die außermenschliche Ursache, die den Rückgang der 
Nadelhölzer zugunsten der Laubhölzer in der nordwest- 
deutscben Küstenzone in erster Linie veranlaßte, kann nach 
der Lage der Dinge offenbar nur in dem ozeanischen 
Klima dieser Gegenden gesucht werden. Die historische 
Erforschung der Ausbreitung der Nadelhölzer im Mittelalter 
bestätigt also das Ergebnis, zu dem wir früher gelegentlich 
der Erörterung der prähistorischen Verhältnisse gelangten. 

Höcks Meinung, daß die Nordwestgrenze der Kiefer und 
ihrer Begleiter sich durch die jetzigen klimatischen Ver- 
hältnisse nicht mehr erklären lassen, ist wohl nur teilweise 
richtig. Zu der Zeit, als jene prähistorischen Nadelwälder 
dem Ansturm der Laubwälder erlagen, dürfte das Klima 
Nordwestdeutschlands infolge allgemeiner, uns unbekannter 
Ursachen allerdings wohl noch einen wesentlich ozeani- 
scheren Charakter gehabt haben, als in der Gegenwart. 
Aber auch heute ist dasselbe doch immer noch ozeanisch 
genug, um die natürliche Verteilung der Holzarten in dem 
überkommenen Zustand zu erhalten. Wenn die Nadelhölzer 
in den Reinkulturen der heutigen Forstwirtschaft unter 
dem gegenwärtigen Klima fröhlich gedeihen, so ist damit 
noch lange nicht bewiesen, daß sie im spontanen Kon- 
kurrenzkampf mit den Laubwäldern und der Heide eben- 
so erfolgreich sein würden. 

Falsch ist es meines Erachtens auch, wenn darauf hin- 
gewiesen wird, daß die Kiefer doch in dem feuchten, 
ozeanischen Klima von Norwegen und Schottland recht 
gut gedeihe. Da es sich in diesen beiden Fällen um vor- 
wiegend gebirgige Länder handelt, wo die Nadelhölzer von 
Haus aus den Laubhölzem gegenüber im Vorteil sind, und 
wo vor allem die wärmeliebende Buche aus klimatischen 
Rücksichten nicht mehr ordentlich vorwärts kommt, so 
können sie keine zutreffenden Parallelen für das nordwest- 
deutsche Flachland abgeben. 



206 5- Kap. Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Es freut mich zu sehen, daß ich bei meinen Unter- 
suchungen zu dem gleichen Resultat gelangt bin, wie 
Dengler in seiner eben erwähnten Monographie über die 
Horizontalverbreitung der Kiefer (S. 81 ff). Die Frage dürfte 
damit endgültig entschieden sein. Dengler hat ua. die Be- 
deutung der geologischen Faktoren für die Erhaltimg oder 
Verdrängung der Kiefer im Konkurrenzkampf mit den Laub- 
hölzern in eingehender Weise berücksichtigt. Auch das 
— übrigens nur ungefähre — Zusammenfallen des Haupt- 
Kief emgebietes mit der Verbreitimg der Slaven im ostelbischen 
Norddeutschland wird von ihm (aaO. 87) unter Ablehnung 
von Krauses Argumentation ganz einleuchtend erklärt. 

Daß diese Wiederausbreitung der Nadelhölzer 
und insbesondere der Kiefer in Nordwestdeutschland in 
der Neuzeit, wie Krause meint, eine direkte Folge des 
Vordringens der brandenburgischen Macht sei, ist sicher 
auch nur teilweise zutreffend. Es scheint allerdings, daß 
die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige, 
in deren märkischem Stammland ja die Kiefer besonders 
verbreitet war, zuerst in Norddeutschland eine rationelle 
Kultur der Nadelhölzer betrieben, und daß sie auch mit der 
Anpflanzung von Kiefern auf den Heidestrecken ihrer nord- 
westdeutschen Besitzungen bahnbrechend vorangingen. Aber 
die eigentliche, systematische Aufforstimg der Heiden Nord- 
westdeutschlands in größerem Maßstabe ist doch der Tätig- 
keit der hannoverschen Regierung zu danken, welche 
seit 1720 die Kultur und Kolonisienmg der großen Moor- 
und Heideflächen ihres Landes planmäßig in die Hand ge- 
nommen imd durchgeführt hat. Auch die von Friedrich 
dem Großen begonnene Aufforstimg der Sandflächen im 
Emslande war, wie Krause selbst zugibt, „von wirklichem 
Erfolge erst gekrönt, als sie seit 1818 von der königlich 
hannoverschen Regierung neu aufgenommen wurde."*) 

Und dann noch eins. Krause ist der Ansicht, daß, 
ebenso wie Pinus silvestris als Baum „den Niederdeutschen 



*) Globus 67, 75. 



IV. Die nordwestdeutsche Tiefebene. 207 

des spateren Mittelalters unbekannt" gewesen, so auch ihr 
alter, gemeingermanischer Name Fuhre in Nordwestdeutsch- 
land im Mittelalter ausgestorben und erst seit dem 18. Jahr- 
hundert wieder dorthin „eingewandert" seiJ) Woher er 
einwanderte, darüber äußert sich Krause nicht. Da aber 
die ersten Kiefern in der Neuzeit nach seiner Meinung von 
Brandenburg aus nach dem damals völlig kiefemlosen 
Nordwestdeutschland eingeführt wurden, so wäre es natür- 
lich und würde Krauses Hypothese stützen, wenn mit dem 
Baum auch der Name aus Brandenburg importiert wäre. 
Nun ist aber den brandenburgischen Urkunden und Forst- 
ordnungen der Ausdruck Fuhre oder Fohre völlig fremd; 
der Baum erscheint darin durchweg unter seinem andern, 
gleichfalls altgermanischen Namen Kiene. Das spricht ent- 
schieden gegen eine Neueinführung des Namens und damit 
des Baumes aus Brandenburg; es beweist, daß der Einfluß 
der brandenburgischen Forstwirtschaft in Nordwestdeutsch- 
land sich höchstens auf die rationellere Kultur und An- 
pflanzung eines daselbst schon altbekannten Baumes erstreckt 
haben kann, — ähnlich wie es sich in der Rheinebene höchst 
wahrscheinlich mit der Einführung der Kiefernkultur aus 
Nürnberg verhielt. Die von C. A. Weber angezogenen 
Urkunden und namentlich die von uns oben zusammen 
gestellten Ortsnamen anderseits, zeigen klar und deutlich, 
daß der Name Fohre oder Fuhre in Niederdeutschland lange 
vor dem 18. Jahrhundert gebräuchlich, daß er auch im 
Mittelalter niemals, ebensowenig wie der Baum selbst, dort 
ausgestorben war.*) 



*) Englers Bot. Jahrb. ii, 131 f. Globus 67, 74. 

•) Zu dem gleichen Schlüsse kommt Dengler (Die Horizontal" 
Verleitung der Kiefer S. 52). Er weist mit Recht darauf hin, daß der 
Name Fuhre in sämtlichen an das nordwestdeutsche Flachland an- 
grenzenden Gebieten nicht üblich ist und erst südlich der Mainlinie 
als Forche^ Föhre wieder auftritt. Sehr richtig bemerkt er, es liege 
„hierin schon rein etymologisch ein Beweis dafür, daß die Kiefer nicht 
erst in jüngerer Zeit eingeführt wurde, sondern daß sie sich von der 
Zeit der ersten germanischen Besiedelung an immer dort vorgefunden 
haben" werde. Die Erhaltung des alten Namens sei ohne diese An- 
nahme gar nicht natürlicher Weise zu erklären. 



808 5* I^P* I^« Waldb&ume Deutschlands z. Römerzeit h. im frOhen Mittelalter. 



V. Harz und Mitteldeutschland. 

Literatur. — Allgemeineres. E. H. L. Krause Florenkarte 
von Norddeutschland / d, I2, bis IS. Jakrk. Pet. Mitt. 38. 234 f. 
( 1 892). D e n g 1 e r Die Horizontalverbreitung der Kiefer, Neadamm 
1904; S. 59—68. — Harz. Hampe Flora Hercpäca, Halle 1873. 
£d. Jacobs Brockenfragen, Zeitschr. d. Harzvereins f. Gesch. 
und Altertumsk. 11, 433—463 (1878). Derselbe Geschieht' 
liehe Bemerkungen Ober verschiedene Holzarten im Wemigerö- 
dischen. Ebenda 27, 407 — 426 (1894). — Kyffhäuser. Arthur 
Petry Die Vegetationsverhältmsse des Kyjfhäusergebirges, Dissert. 
Halle 1889. Darin S. 4 — 7 ausführliche Zusammenstellung der 
Literatur. — Saalegebiet. E. H. L. Krause Die salzigen Ge- 
filde. Englers Bot. Jahrb. 17, Beibl. Nr. 40, 21—31 (Mai 1893). 
Vgl. dazu Ascherson Verhandl. d. Bot. Ver. d. Pro v. Branden- 
burg 35, S. XIII f. (Okt. 1893). Aug. Schulz Die Entwicklungs- 
geschichte der phanerogamen Pflanzendecke des Saalebezirkes, Halle 
1898. — Thüringer Wald. O. Kius Dc^ Forstwesen Thüringens 
im 16. Jahrhundert. Jena 1869. Luise Gerbing Die frühere 
Verteilung von Laub- u. Nadelwald im Thüringerwald. Mitteil. d. 
Ver. f. Erdkunde zu Halle 1900, i — 22. Sieb er Die Forsten 
des regierenden Fürstentums Reuß j. L. vom 17. bis 19. Jahrh. 
Berlin 1902. — Erzgebirge. J. A. E. Köhler Die pflanzengeo- 
graphischen Verhältnisse des Erzgebirgs. 5. Ber. über das Kgl. 
Schullehrerseminar zu Schneeberg. 1889. S. i — 52. 

Wenden wir uns jetzt nach Mittel- und weiter nach 
Ostdeutschland, so ist von vornherein zu bemerken, daß 
es für diese Gegenden, die keines römischen Soldaten Fuß 
je betreten hat, die erst spät dem Christentum und der 
südlichen Kultur gewonnen wurden, noch schwieriger als 
bei Nordwestdeutschland ist, zu einer richtigen Vorstellung 
über die Zusammensetzimg der Wälder in altgermanischer 
Zeit zu gelangen. Wir haben aus diesem ganzen weiten 
Gebiet keinerlei einschlägige urkundliche Zeugnisse vor 
dem Jahre 1000, auch zuverlässige Moorforschungen sind 
nur erst spärlich gemacht. Hin und wieder stehen uns 
Gräberfunde zur Verfügung, im allgemeinen sind wir aber, 
wenn wir uns ein Bild von den forstlichen Beständen Mittel- 
und Ostdeutschlands im frühen Mittelalter machen wollen, 
mehr noch als in Nordwestdeutschland auf eine Rekon- 



V. Harz und Mitteldeutschland. 209 

struktion aus den urkundlich bezeugten Verhältnissen der 
zweiten Hälfte des Mittelalters angewiesen. 

Harz und Thüringen charakterisieren sich, im Unter- 
schied von dem mittelrheinischen, hessischen imd west- 
fälischen Bergland und der nord westdeutschen Tiefebene, 
in der Hauptsache durch ein stärkeres Hervortreten der 
Nadelhölzer, die sich im Süden an das fränkisch-bayrische, 
im Osten über Sachsen und das Erzgebirge an das irroße 
ostdeutsche Nadelwaldgebiet anlehnen. Doch waren die 
Nadelhölzer im Harz und in Thüringen in frühhistorischer 
Zeit lange nicht so vorherrschend wie in den genannten 
Nachbarbezirken. 

Der Harz ist heute im Oberharz vorwiegend von 
Nadelwald, im Unterharz von Laubwald bestanden. Früher 
war der Laubwald verbreiteter. Noch in historischer Zeit 
Wuchs oben am Nordabhang des Brockens gleich unter dem 
Schneeloch Laubholz, wie der Forstname Buchhorst be- 
weist, der schon in einer Forstbereitung von 1640 auftritt.^) 
Als Zimmerholz ist in den Bergwerken in früheren Jahr- 
hunderten vielfach Birken-, Buchen- und anderes Laubholz 
benutzt worden; und Edmund v. Berg sah 1824 in der Nähe 
Von Herzberg und Zellerfeld beim Abtriebe alter Fichten- 
bestände eine große Menge mehrere Fuß starker eichener 
Stöcke, in einer Meereshöhe von etwa 1800 Fuß, weit über 
cier gegenwärtigen Laubholzregion.*) Ein Eichherg (1443 
^ickberg) liegt oberhalb Nöschenrode beim Schmalen Tal, 
ein anderer (1463 Ekberg) bei Hasserode. Auch das Dorf 
Schierke (aus Schiereke) am Brocken hat nach Jacobs seinen 
Namen von einem früheren reinen Eichenbestand.') 

Im Wemingerödischen sind aus dem späteren Mittel- 
alter außer Eiche und Buche auch Eller, Esche, Hagedom, 



*) Jacobs Brocken/ragen S. 444. Weitere Belege bringt Jacobs 
Zeitschr. d. Harzver. 27, 408 bei. Vgl. auch K. Kretschmer Hist. Geogr. 
V. Muteleuropa 207 (1904). 

•) E. V. Berg Gesch. d. deutschen Wälder 139. 

■) Jacobs Zeitschr. d. Harzver. 27, 411 ff. 

Hoops, WaldbSume u. Kulturpflanzen. I4 



210 5* K^P- ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Hasel, Linde und Weide wiederholt belegt. Das alte, schon 
1268 urkundlich erwähnte, heute verschwundene Reddeber- 
Holz war ein ausgedehnter Eichenwald, ebenso das um 1280 
belegte, jetzt gleichfalls ausgerodete Eichhola {Ekholt) bei 
Silstedt nördlich vom Austberge.*) 

Heftig umstritten ist auch beim Harz wieder die Frage 
nach dem Indigenat der Nadelholzarten. Hampe, der Ver- 
fasser der Flora Hercynica (1873), ist der Ansicht, daß der 
Harz einst durchaus Laubwald trug, daß Nadelhölzer, mit 
Ausnahme von Eibe und Wacholder, ursprünglich im Harz 
überhaupt nicht vorkamen, sondern erst vor 500 Jahren 
aus dem Vogtlande eingeführt seien, nachdem das Laub- 
holz durch die Bedürfnisse des Bergbaus größtenteils auf- 
gebraucht war. 

Jacobs hat diese Ansicht in seinen Brockenfragen auf 
Grund urkundlichen Materials und anderer Zeugnisse schla- 
gend widerlegt.*) Er wies nach, daß vom Beginn der ge- 
schichtlichen Überlieferung im 14. Jahrhundert an Fichten 
(Rottannen) und Kiefern in Urkunden, sowie in Orts-, 
Flur- und Familiennamen sehr häufig begegnen. Auch in 
den Brockenmooren sind beide in allen Schichten gefunden. 
In den Städten an und vor dem Harz ist beim Bau der 
ältesten Häuser durchweg Fichtenholz, nicht, wie anderswo, 
Eichenholz verwandt worden;') es müssen also im 14. und 
15. Jahrhundert offenbar schon bedeutende Fichtenbestände 
im Harz vorhanden gewesen sein. Die wichtige Rolle der 
Nadelhölzer geht auch daraus hervor, daß sie meist herr- 
schaftliches Resei-vat waren, während die harten Hölzer 
den Köhlern zum Verkohlen überlassen wurden.*) Es haben 
sich denn auch außer Hampe wohl sämtliche neuere For- 
scher für das Indigenat von Fichte und Kiefer im Harz 



») Jacobs ebenda 408—411. 418 ff. 

«) Brocken/ragen S. 450 f. Vgl. E. v. Berg Gesch, d, deutschtn 
Wälder 138 f. 

*) Jacobs Brockenfragen 443. 
*) Ebenda 453 f. 



V. Harz und Mitteldeutschland. 211 

ausgesprochen, so Krause,*) Hock,*) Drude,*) August Schulz*) 
und Dengler.*) Borggreve®) erkennt nur die Fichte, nicht 
die Kiefer als einheimisch an. Ob Dengler recht hat mit 
seiner Vermutung, daß das ursprünglich natürliche Vor- 
kommen der Kiefer am Harz auf ein kleines, eng um- 
schriebenes Gebiet um den Brocken und Wernigerode be- 
schränkt, imd daß sie in allen übrigen Teilen erst sehr spät 
auf künstlichem Wege eingeführt sei, ist mir zweifelhaft. 
Thals Fundortsangabe circa Ilfeldam spricht dagegen. 

Über das Heimatsrecht der W eißt anne im Harz herrscht 
Meinungsverschiedenheit. Hampe, Borggreve (aa0.17). Hock 
(aaO. 334), Drude (aaO. I 264 f.) und Dengler (aaO. 61) lehnen 
das Indigenat derselben ab,') während alle diejenigen, die 
sich näher mit dem historischen Quellenmaterial beschäftigt 
haben, wie Sporleder, Jacobs (aaO. 449), Krause,**) August 
Schulz (aaO. 289, Anm. 2) sich dafür aussprechen. 

In einer von Jacobs (aaO. 448) herangezogenen Ver- 
schreibung der Grafen von Stolberg vom Jahre 1496 heißt 
es: das scu furdirst alle thann, flechten^ keynhoyme, 
und was man nennet weichholts, sol unvorhawhen steen 
pleihe. Und in einer andern Urkunde von 1536 (Jacobs 449) 
ist von itslich tennen^ ficht en odder ander Bimmerholts 
die Rede. Hier werden also drei Arten Nadelhölzer imter- 
schieden. Jacobs identifiziert sie mit den am Ende des 
16. Jahrhunderts von Johannes Thal in semer Sylva Hercynia 
(1588) aufgeführten Pinus Picea ^ Pinus Abies und Pinaster 



*) Englers Bot. Jahrb. 11,130 f. Globus 61, 82. Peterm. Mitt. 38, 235. 

•) Nadelwaldflora Norddmtscklands 329. 332. 334. 

«) Deutschlands Pflanzengeograpkie I 261. 263 f. 

*) Entwicklungsgesck, d. phanerog. Pflanzendecke Mitteleuropas 288, 
Anm. I. 291, Anm. 3. 

*) Horizontalverbreitung d, Kiefer 59 ff. 

•) Verbreitung u. wirtschaftl, Bedeutung d, wichtigeren Waldbaum- 
arten 15. 17. 

^ Ascherson u. Graebner Synopsis d, mitteleurop, Flora I 190 er- 
kennen es nur für den Südharz an. 

•) Globus 61. 82. 63, 200. Peterm. Mitt. 38, 235. Bot. Central- 
blatt 63, 42 (1895). 

14» 



212 5- Kap. Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

und mit unserer Weißtanne, Fichte und Kiefer. Hock (aaO. 
334), der sich auf Thals Erklärer Camerarius und den gleich- 
zeitigen Valerius Cordus bezieht, versteht unter der Abies des 
Thal die Tanne und schließt, da derselbe keine Bemerkungen 
über ihr Vorkommen hinzufügt, daß sie im Harz damals 
nicht wuchs. Krause^) und nach ihm besonders Schulz*) 
schließen umgekehrt aus dem Fehlen von Standortsangaben 
bei AbieSy daß es die weit verbreitete Fichte ist, da auch 
bei andern sicher allgemein vorkommenden Bäumen, wie 
Alnus, Fagus, Fraxinus und Quercus, nähere Angaben 
über den Standort fehlen, während sie bei den seltneren, 
wie Eibe und Linde, hinzugefügt sind. Bei Pinus Picea und 
Pinaster stehen Fundortsangaben {circa Ilfeldam et Vuer- 
nigerodain\ sie waren also damals im Harz offenbar weniger 
verbreitet. Da nun Pinaster zweifellos die Kiefer ist, was 
aus der Beschreibung foliis tenuibus^ longissimis hervor- 
geht, so muß Picea die Tanne sein, während die Fichte, 
da sie im Harz allgemein als Tanne bezeichnet wird, bei 
Thal — im Gegensatz zu dem Sprachgebrauch anderer 
gleichzeitiger Botaniker, wie Valerius Cordus und Bauhin 
— als Abies erscheint. 

Diese Ausführungen der genannten Forscher sind durch- 
aus einleuchtend. Wahrscheinlich ist auch unter den Fichten 
der beiden zitierten Urkunden die Weißtanne zu verstehn, 
während in den übrigen Urkunden wohl Rot- und Weißtanne 
unterschiedslos als Tannen zusammengefaßt werden. 

Wie dem auch sei, ob die Picea des ITial und die 
Fichten der Urkunden die Weiß- oder die Rottanne sind, 
jedenfalls wird an allen drei Stellen deutlich zwischen zwei 
Tannenarten imterschieden, und an zweien derselben wird 
als dritte Nadelholzart die Kiefer hinzugefügt. Über diese 
Tatsache kommen doch auch die Leugner des Indigenats 
der Weißtanne nicht wohl hinweg.*) 



») Globus 63, 200. •) AaO. 289, Anm. 2. 

') Denglers Ansicht {Horizontalverbrtitung d. Kiefer 61), daß ein 
Vorkommen der Weißtanne im Harz in älterer Zeit gänzlich ausge- 
schlossen und die Ausdrücke fiechien und keynboyme beide auf die 
Kiefer zu deuten seien, ist mir durchaus unwahrscheinlich. 



V. Harz und Mitteldeutschland. 213 

Da nun die drei Arten aller Wahrscheinlichkeit nach 
irgendwie den drei Hauptnadelholzarten Tanne, Fichte, 
Kiefer, entsprechen, so ergibt sich daraus der unausweich- 
liche Schluß, daß damals im Harz neben der Rottanne auch 
die Weißtanne heimisch war. 

Dieses auf Grund der urkundlichen Zeugnisse gewonnene 
Ergebnis wird nun durch Moorfunde in erfreulicher 
Weise bestätigt. C. A. Weber schreibt mir unterm 
24. Sept. 1903: „Bei einer Untersuchung der Brockenmoore, 
die ich 1893 und 1894 ausgeführt habe, sind mir die PoUen- 
kömer von Abtes pectinata so regelmäßig begegnet, daß 
ich nicht daran zweifle, daß diese Baumart in der Nähe 
des Brockens wuchs. Es hat sich aber trotz eifrigen 
Suchens nicht der leiseste Anhalt dafür gefunden, daß sie 
jemals in postglacialer Zeit auf dem Brocken selber gedieh." 
Die betreffenden Untersuchungen Webers harren noch der 
Veröffentlichung. Vielleicht erklärt sich das Fehlen jeglicher 
Holzreste imd Früchte der Tanne in den Brockenmooren 
dadurch, daß der Baiun, wie gewöhnlich, nur die mittleren 
Bergregionen bewohnte, während die Pollen vom Winde 
aufwärts getragen wurden. Im Lauf der Zeiten scheint 
dann die Weißtanne durch die Fichte (Rottanne) zurück- 
gedrängt zu sein, so daß sie in der Gegenwart wieder neu 
eingebürgert werden mußte. 

Wenn aber im 15. und 16. Jahrhundert im Harz alle 
drei Nadelholzarten nebeneinander vorkamen, so war es 
jedenfalls auch im Mittelalter so. Obgleich die Laubwälder 
in frühhistorischer und frühmittelalterlicher Zeit, wie wir 
sahen, wahrscheinlich ausgedehnter waren und höher hin- 
auf reichten als im lö.Jahrhimdert und vor allem als jetzt, 
so waren darin doch zahlreiche Nadelholzbestände ein- 
gesprengt, und besonders gab es wohl schon damals in 
den höheren Gebirgslagen eine Fichtenregion, während 
unten der Laubwald vorherrschte. Im allgemeinen war 
vor dem Beginn der modernen Forstkultur eine stärkere 
Mischung der Holzarten im Harz, wie überall, die Regel. 

Die nördlichen und südlichen Vorberge des Harz 



214c S' Kap. Die Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

waren im Mittelalter, soweit die Nachrichten reichen, nur 
mit Laubwald bestanden. Neben der Eiche und der 
Buche treten besonders die Erle, Espe und Birke hervor, 
seltner sind Linde, Hainbuche, Ahorn, Eisbeere ua. *) Noch 
die Forstbesichtigung von 1640 kennt im Reddeber-Holz bei 
Wernigerode, wie auf dem Vorharz (Muhlstieg, Heudeber- 
berg, Weinberg, Schweng) keine Nadelhölzer.') 

Im Braunschweigschen werden außerhalb des Harz 
urkundlich gleichfalls nur Laubhölzer erwähnt.*) Das 
Timmerlah zB., ein alter, im jetzigen Amt Salder etwa 
zwei Meilen südwestlich von Braunschweig gelegener 
Laubholzbestand, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
seiner ganzen Ausdehnimg nach gerodet wurde, scheint 
nach den vorliegenden Holzungsberichten im 16. und 17. 
Jahrhundert hauptsächlich aus Eichen und Espen bestanden 
zu haben.*) 

In den Fürstentümern Wolfenbüttel und Halber- 
stadt gab es im 18. Jahrhundert nur Laubwald. Auch der 
Solling imd Deister im Westen des Harzes waren bis 
gegen Ende des 18. Jahrhunderts ausschließhche Laubholz- 
gebiete. *) 

Der Kyffhäuser war nach Petry^) bis in die dreißiger 
Jahre des 19. Jahrhimderts durchaus mit Laubwald bedeckt. 
„Das einzige ursprünglich vorkommende Nadelholz war 



>) Krause Peterm. Mitt. 38, 234. 

•) Jacobs Zeitschr. d. Harzver. 27, 424. 

') Krause Englers Bot. Jahrbücher 11, 130. 13, ßeibl. 29, S. 49. 

*) Langerfeldt Holting auf dem Timnurlah. Zeitschr. d. Harzver. 1 1 , 
47 flf. Vgl. den Holzungsbericht von 1574 (S. 56), wo von nutzem Bau- 
holze, es sei an Espen oder Eichen die Rede ist ; das Schreiben von 
1576 (S. 89), wo über Niederschlagung etlicher vieler fruchtbarer Eichen 
Klage geführt wird; den Bericht über das Holzung von 1589 (S. 61 
und 65), wo auf heimliches Hauen eines eichen Heisters eine Strafe ge- 
setzt wird; ferner die Holzungsprotokolle von 1612 (S. 76), wo von 
Espen, 16 17 (S. 80), wo von Eichenblöcken, und 1640 (S. 84), wo von 
einem Fuder Wellholz an Espen und von trocknen Espen die Rede ist. 

*) Dengler aaO. 62 f. 

•) Die Vegetationsverhältnisse des Kyffhäuser Gebirges S. 8. 



V. Harz und Mitteldeutschland. 215 

Wacholder." Seitdem ist man aber in allmählich gesteigertem 
Maße mit der Anpflanzung von Koniferen, hauptsächlich 
von Fichten, vorgegangen, doch überwiegt auch jetzt noch 
das Laubholz bei weitem. Bei der Zusammensetzung des- 
selben konmien in erster Linie nur die Buche und die beiden 
Eichenarten, denmächst auch die Birke in Betracht. Die 
Buche übertrifft die Eiche an Zahl der Individuen, wenn 
auch nicht an Holzmasse; sie ist überhaupt im natürlichen 
Wettbewerb hier, wie anderswo, der Eiche überlegen. Alle 
übrigen Waldbäume: Espe, Hainbuche, Feld- und Berg- 
ahom, Erle, Eisbeere, Vogelbeere usw. treten gegenüber 
den genannten drei Holzarten völlig in den Hintergrund 
und kommen nur hie und da eingesprengt oder in kleinen 
Gruppen unter den letztem vor. Esche und Ulme sind ganz 
selten. Beim Unterholz spielen namentlich die Hasel, der 
wollige Schneeball und hin und wieder die Kornelkirsche 
eine Rolle. Da quellenmäßige Untersuchungen über den 
Holzbestand des Kyffhäuser in älterer Zeit nicht vorliegen, 
sind wir lediglich auf Rückschlüsse aus den geschilderten 
Verhältnissen des 19. Jahrhunderts angewiesen. Es wäre 
aber sehr dankenswert, festzustellen, inwiefern die Angaben 
der ältesten Urkunden sich damit decken, und namentlich, 
ob die Lokalbotaniker wirklich recht haben mit ihrer An- 
nahme, daß die Nadelhölzer im Kyffhäuser und in dem 
ganzen Gebiet zwischen Harz und Thüringen ursprtlnglich 
nicht heimisch sind.*) 

Ziemlich waldleer war bereits bei Beginn der urktmd- 
lichen Überlieferung das Elb- und Saalegebiet von 
Tangermünde in der Altmark südwärts bis in die Gegenden 
von Halberstadt, Quedlinburg, Mansfeld und Halle. Die 
Magdeburger bezogen ihr Nutzholz schon frühzeitig auf 
Eibflößen aus Böhmen.-) Die Abholzung der Wälder, so- 
weit solche überhaupt vorhanden waren, dürfte in diesem 
frachtbaren, stark bevölkerten Gebiet also schon im sehr 



*) Vgl. Hock Nadelwaldflora 330. 332. 334. 

•) Krause Bot. Jahrb. 13, Beibl. 29, S. 50. Peterm. Mitt. 38, 234. 



216 5* K<LP- I^ic Waldbäame Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

frühen Mittelalter begonnen haben, wobei in der Umgegend 
von Halle der Holzbedarf der Saline wahrscheinlich stark 
mitgeholfen hat. Aber weite Strecken dieser Gegenden, 
wie auch des westlich sich anschließenden Unstrut- imd 
Hehnetals haben überhaupt nie Wald getragen, sondern 
sind alter Steppenboden, der sich teils aus eigener Kraft, 
vermittels der im dritten Kapitel besprochenen Bundes- 
genossen, teils durch menschliche Kultureingriffe dauernd 
waldfrei erhalten hat. Doch war der Petersberg nördlich 
von Halle nach einer alten Jagdurkunde aus dem 16. Jahr- 
hundert, ehemals „ein fein Gehölz aus Eichen und 
Birken".* ) Weiter südlich treffen wir wieder auf größere 
Waldungen; so wird im 11. Jahrhundert ein Eichenbestand 
bei Erfurt und ein ausgedehnter Buchenwald bei Naum- 
burg, im 12. ein Auwald bei Leipzig erwähnt.*) 

Über die Verbreitimg der Holzarten im Thüringer 
Wald haben die gründlichen Arbeiten von Kius, L. Gerbing 
und Sieber Klarheit geschaffen; doch gehen die urkund- 
lichen Zeugnisse fast durchweg nur bis ins 16. Jahrhimdert 
zurück, fallen also außerhalb des eigentlichen Bereiches 
unsrer Untersuchung. Im Westen erstreckte sich eine Zone 
reinen Laubwalds vom Inselsberg bis zu der Buchau bei 
Fulda im Süden (s. oben S. 176) und dem Laubwaldgebiet 
des Eichsfeldes und Hainichs im Norden. Zahlreiche Berg- 
und Ortsnamen bezeugen, daß die Eiche in diesem Bezirk 
die Vorherrschaft hatte. Daran schloß sich östlich eine 
Zone gemischten Bestandes mit überwiegendem Laubholz 
vom Inselsberg bis zur Leinaquelle, während von da bis 
zu den Ilmquellen das Nadelholz in entschiedener Über- 
legenheit war.*) 

Alle vier Nadelholzarten, die Tanne {Abtes alba\ Fichte 
{Picea excelsa), Kiefer {Pinus silvestris) und Eibe {Taxus 



») Dengler Horizonialverbreitung d. Küfer 44. 
») Krause Peterm. Mitt. aaO. 

*) L. Gerbing Die frühere Verbreitung von Laub- u. Nadelholz im 
Thüringerwald S. 2 flf. 



V. Harz and Mitteldeutschland. 217 

buccatä)^ sind alteinheimisch im Thüringer Wald, und es ist 
1>ezeichnend, daß die Benennimgen Tanne, Fichte, Kiefer 
hier von den Forstleuten wie vom Volk stets scharf aus- 
einander gehalten wurden.*) Die Kiefer ist nur auf dem 
ganzen rechten Saaleufer, sowie auf den nördlichen und 
südlichen Vorbergen des Thüringer Waldes seit alten 
Zeiten heimisch.') Von Laubbäumen treten vor allem Eiche, 
Buche, Ahorn, Esche, Vogelbeere, Linde, Hasel und Sal- 
weide hervor. 

Im Fichtel- und Erzgebirge war vermutlich die 
Fichte, wenigstens in der obersten Zone von etwa 600 Meter 
an, von jeher der herrschende Baum. Neben ihr gibt es 
im Erzgebirge in den tieferen Lagen jetzt große Buchen- 
bestände, während Tanne und Kiefer auch hier wieder 
nur zerstreut vorkommen. Einstmals reichte der Laubwald 
höher hinauf als heute: im Karlsfelder Torfstich (820 m) 
sind Haselnüsse gefunden worden; heute ist die Hasel auf 
die untere Region beschränkt.*} Ob diese größere Aus- 
breitung des Laubwaldes noch während des Mittelalters 
bestand, oder ob sie schon in prähistorischen Perioden ihr 
Ende erreichte, diese Frage, sowie die nach der Zusammen- 
setzung des Bestandes der Erzgebirgswälder im Mittelalter 
bedarf noch näherer Untersuchung. Wahrscheinlich waren 
die Waldimgen in früheren Zeiten mehr aus Buchen- imd 
Fichtenbeständen gemischt, wie es noch jetzt auf der 
böhmischen Seite des Erzgebirgs der Fall ist.*) 

VI. Ostdeutschland. 

Literatur. Allgemeinere Schriften. E. H. L. Krause Bei- 
tragt. Kenntnis d, Verbreitung d. Kiefer in Norddeutschland, Englers 
Bot. Jahrb. 1 1 , 1 23— 133(1 889). Derselbe Die natürliche Pflanzen- 



*) Dengler aaO. 64. Die heutigen wissenschaftlichen Bedeutungen 
der drei Namen wurzeln im mitteldeutschen Sprachgebrauch. Das 
Wort Kiefer scheint überhaupt in Mitteldeutschland seinen Ursprung 
2U haben, •) Ebenda 68. 

*) Köhler Die pflanzengeogr . Verhältnisse d. Erzgeb. S. 14 — 16. 

*) Ebenda 10. 



218 5* ^P- ^ic Waldbänme Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

decke Norddeutschlands. Globus 6 1, 8 1 — 8$. 103—108 (Febr. 1892). 
Derselbe Florenkarte v, Norddeutschland /. d. 12. bis is. Jahrh. 
Pctcrm. Mitteil. 38, 231—235 (Okt. 1892). A. Dengler Die Hori- 
zontalverbreitung der Kiefer, Neudamm 1904. S. 37—46. Außerdem 
die schon früher (S. 176 f. uö.) zitierten Werke von Borggrevc, 
Hock, Drude, Ascherson-Graebner ua. — Branden- 
burg. Krause Urkundliche Nachrichten über Bäume und Nutz- 
pflanzen des Gebietes der brandenburgischtn Flora. Verhandl. d. 
Bot. Ver. d. Prov. Brandenburg 33, 75—87 (April 1892). Der- 
selbe Florengeschichtliches Material aus den brandenburgischen 
Holz- u. Forstgesetzen. Ebenda 36, 51—62 (1894). Derselbe 
Die Kiefer cUs Wahrzeichen der brandenburgischen Hegemonie 
in Deutschand. Globus 67, 72—76 (1895). — Mecklenburg. R. 
Diederichs Über die fossile Flora der mecklenburgischen Torf- 
moore, Sonderabdruck aus dem Arch. d. Ver. d. Freunde d. 
Natgesch. in Meckl. 49, i — 34. Güstrow 1894. — Preußen. C. A. 
Weber Über d, Vegetation u. Entstehung des Hochmoors v. Aug- 
stumal im Memeldelta. Berlin 1902. 

In Ostdeutschland waren die Waldungen in der ersten 
Hälfte des Mittelalters noch viel dichter und zahlreicher als 
in den Gegenden westlich der Elbe, aber seit der Eroberung 
durch die Germanen wurde auch hier energisch gerodet» 
zum Teil auch leichtsinnig niedergebrannt. In Brandenbiu-g 
war im 16. Jahrhundert der Holzmangel schon so empfind- 
lich, daß man Holz aus dem damals noch waldreicheren 
Mecklenburg importieren mußte. Die Holzordntmg Kurfürst 
Joachims II. von 1547 klagt, „daß Heiden und Wälder durch 
Brand alljährlich mehr verwüstet werden; das Feuer werde 
meist durch Hirten, die ihr Vieh auf Heiden imd in die 
Hölzer treiben, angelegt".*) Ähnliche Klagen wiederholen 
sich in den folgenden Holzordnungen, und es wurden strenge 
Befehle für Schonung und Pflege der Wälder erlassen und 
nachdrückliche Strafen auf Übertretung dieser Verord- 
nungen gesetzt. Aber in den frühmittelalterlichen Zeiten, 
die uns hier in erster Linie beschäftigen, konnte von einem 



*) Nach Krause Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandenburg 36, 51. 
Das Corpus Constitutionum marchicarum steht mir leider auf der hiesigen 
Bibliothek nicht zur Verfügung, doch sind Krauses Auszüge offenbar 
völlig erschöpfend. 



VI. Ostdeutschland. 219 



derartigen Holzmangel noch keine Rede sein; vielmehr war 
die Rodung der Urwälder meist die erste Aufgabe und 
Pflicht der vordringenden germanischen Kolonisten. 

In einem großen Teil des ostelbischen Gebiets bis an 
die Weichsel ist die Kiefer seit undenklichen Zeiten der 
vorherrschende Waldbaum gewesen,*) namentlich in den 
sandigen und trockenen Gegenden der Ebene und des 
niedem Hügellandes. Die ostdeutsche Tiefebene zwischen 
Elbe und Weichsel war im Mittelalter die Hauptdomäne 
der Kiefer in Norddeutschland, wie in Süddeutschland das 
sandige fränkische Becken im Nürnberger Bezirk. Neben 
ihr spielte in der südlichen Hälfte des Gebiets auch die 
Weißtanne eine gewisse Rolle, aber sie ging nördlich über 
eine sich von Sachsen nach Posen hinziehende Linie nicht 
hinaus. Weiter verbreitet war die Fichte (Rottanne), die 
namentlich im Weichselgebiet eine dominierende Stellung 
einnahm. 

Aber wenn auch das starke Hervortreten der Nadel- 
hölzer von jeher für die ostdeutschen Wälder charak- 
teristisch gewesen zu sein scheint, so waren doch auch die 
Laubhölzer überall häufig, in manchen Gegenden im Mittel- 
alter sogar herrschend. Es kann auch hier wieder nicht 
nachdrücklich genug betont werden, daß man sich die 
mittelalterlichen Wälder nicht als einheitliche Bestände im 
Sinne unsrer heutigen Waldungen vorstellen darf, sondern 
daß sie fast überall Mischwälder waren. 

Für Sachsen, Schlesien, Posen fehlt es noch an 
eingehenderen forstgeschichtlichen und moorbotanischen 
Untersuchungen über die Geschichte der Holzarten. In der 
Ebene und im Hügelland bis zu 4—500 m ist die Kiefer 
(Pinus silvestris L.) heute ein sehr gewöhnlicher Bairni; 
von 500 m an wird sie seltener, um im Hochgebirge nur 
noch vereinzelt aufzutreten.*) Daß sie in diesen Gegenden 
schon in vorgeschichtlicher imd frühgeschichtlicher Zeit eine 



«) Vgl. Dengler Horizanialverbreitung der Kiefer 79 f. 
«) Krause Bot. Jahrbücher 11, 126. 



220 5* ^P- I^ic Waldbäame Deutschlands z. Römerzeit a. im frühen Mittelalter. 

ähnlich allgemeine Verbreitung hatte, wird durch einige 
Grabfunde bestätigt. In dem wahrscheinlich germanischen 
Burgwall bei Schlieben, Kreis Schweinitz in der Südostecke 
der Provinz Sachsen, wurden Balken aus Kiefernholz ent- 
deckt,*) und bei Zeipem, Kreis Guhrau im nördlichen 
Schlesien, ist in den Gräbern eines Begräbnisplatzes aus 
der Eisenzeit, der vermutlich gleichfalls germanischen Ur- 
sprungs ist, verkohltes Kiefernholz in Menge gefunden 
worden.*) Für die Gegend zwischen Meseritz und Schwerin 
im westlichen Posen wird die Kiefer (pinus) urkundlich in 
einer Grenzbeschreibung von 1312 erwähnt.") Daneben aber 
gab es auch Laubwälder in diesen Provinzen; so werden 
uns zB. in der Umgegend von Sagan im Mittelalter statt- 
liche Eichenwaldungen bezeugt.*) 

Für die Mark Brandenburg, des heiligen römischen 
Reiches Streusandbüchse, war die Kiefer schon im Mittel- 
alter ein entschiedener Charakterbaum der Landschaft. 
In den Urkunden und Forstordnungen, die Krause*) mit 
großer Mühe und Sorgfalt ausgezogen hat, tritt sie seit dem 
14. Jahrhimdert überall hervor. In den Forstordnungen der 
Kurmark erscheint sie, wie noch heute daselbst im Volks- 
mvmd, imter dem Namen Kiene \ in der Neumark, in Pom- 
mern und Preußen dagegen wird sie meist Fichte genannt, 
ein Sprachgebrauch, der sich im Volke ebenfalls bis in die 
Gegenwart erhalten hat.®) In dieser Beziehung ist eine Be- 
merkung in der Oeconomia ruralis et domestica des Johannes 
Colerus von Belang, der um 1600 als Prediger in Branden- 
burg und Mecklenburg lebte. Er schreibt : Kihnholts pflegt 
man sonsten Fichten su nennen^ Kiefern oder Kihnferen, 



*) Verhandl. d. Berl. Ges. f. Anthropol. 1876, 170. 

*) Globus 82, 19 f. (1902). 

') Bei Dengler Horizontalverbreitung d, Kit/er 41. 

*) Krause Peterm. Mitt. 38, 235 b. 

^) In seinen beiden im Literaturverzeichnis genannten Abhand- 
lungen. Ergänzt durch Dengler Horizontalverbreitung d. Kiefer 42 f. 

•) Krause Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandenburg 33, 82. 
36, 53. Dengler aaO. 39 f. 42. 



VI. Ostdeutschland. 221 



denn es giebt viel Harts oder Pech. Und in einer Verfügung 
von 1796 heißt es: „In Litthauen und Ostpreußen, in den 
Rotthannen-Revieren ist auch hiebey noch die besondere 
Vorsicht nöthig, daß, da der Fichtensaamen so selten geräth, 
worunter hier eigentlich Roth-Tanne, Pinus picea, verstanden 
wird, weil in Preußen noch an manchen Orten Fichten 
oder Roth-Tannen mit Kienen oder Kiefern verwechselt 
werden," usw.*) 

Ein ausgesprochenes Übergewicht über die andern 
Holzarten scheint die Kiefer in Brandenburg nicht gehabt 
zu haben ; der Laubwald war mindestens ebenso verbreitet. 
In der Priegnitz wird, wie in der benachbarten Altmark, 
urkundlich seit dem 14. Jahrhundert nur Laubholz, und zwar 
Eiche, Buche, Esche, Ulme, Spitzahorn, Hasel und Salweide, 
erwähnt.*) In den Urkunden der Mittelmark ^ begegnen 
uns an Laubhölzem im 14.— 16. Jahrhundert : Eiche, Buche, 
Birke, Esche, Linde, Hasel, Else, in der Uckermark*): 
Eiche, Buche, Ulme, Espe, in der Neumark*): Eiche, Buche, 
Hainbuche, Ulme, Linde, Else, Esche, Espe, Birke, Ahorn, 
Spitzahorn, Hasel und Salweide. Im Kreise Guben sind 
durch Ausgrabungen in prähistorischen Niederlassungen 
aus der Zeit des Lausitzer Typus Reste der Erle (an 
der Chöne nördlich von Guben) und Eiche (bei Niemitzsch 
südlich von Guben) zu Tage gefördert.^) Auch in einem 
Umenfeld bei Freiwalde, Kreis Luckau in der Niederlausitz, 
fand sich Kohle der Eiche neben solcher von einer Koni- 
ferenart '') 

Ob außer der Kiefer und den Laubhölzern auch die 
Fichte oder Rottanne {Picea excelsa Link) in Brandenburg 
schon im Mittelalter heimisch war, ist nicht ganz sicher. 
Krause meint, daß sie westlich von Preußisch-Stargard und 
Dirschau an der Weichsel im Mittelalter überhaupt nicht 



») Zitiert von Dengler aaO. 40. «) Krause aaO. 33, 78 f. 
») Ebenda 79 flf. *) Ebenda 81. ») Ebenda 82 und 36, 5» ff- 
•) Jentsch Zeitschr. f. Ethnol. 17 (1885), Verhandl. 38$. 18 (1886), 
Vcrhandl. 584. 

^ Degner ebenda 22 (1890), Verhandl. 627. 



222 5- K'^P* ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

nachweisbar sei,^) und daß speziell in Brandenburg die 
Fichte (Rottanne) ganz fehle.*) Aber die Tatsache, daß 
Kiuiürst Johann Georg 1595 Samen von „Tannen, Fichten 
und Taxbäumen", die er durch seine Förster hatte sammeln 
lassen, an den Grafen von Rantzau für dessen holsteinische 
Waldanlagen schickte,*) scheint doch für einen längeren 
Anbau der Fichte in Brandenburg zu sprechen. Denn wenn 
auch unter dem „Fichtensamen" hier nach dem oben Ge- 
sagten wohl Kiefemsamen zu verstehen ist, so bleibt doch 
immer noch der „Tannensamen" übrig. Krause hilft sich 
mit der Annahme, „daß dieser erste Nadelholzsamen nicht 
aus den märkischen, sondern aus den fränkischen Landen 
Johann Georgs nach Holstein kam", da die Fichte und Eibe, 
„sowie überhaupt eine ordentliche Baumzucht sich in der 
Mark Brandenburg für eine so frühe Zeit nicht nachweisen" 
lasse.*) Aber das ist eine durch nichts gestützte Vermutung; 
sie widerspricht durchaus den verschiedenen eingehenden 
Forstordnungen dieses Kurfürsten, widerspricht außerdem 
direkt der Angabe Krauses selbst in einem früheren Auf- 
satze: in Brandenburg müsse es Kurfürst Johann Georg 
gewesen sein, „der eine ordentliche Forstwirtschaft einge- 
führt hat".*^) Annehmbarer ist schon Denglers Ansicht, daß 
die Fichtensamen aus den Besitzungen des Kiuiürsten am 
Harz stammten, wo bereits seit 1450 um Wernigerode ein 
größerer Gebietsteil zu Brandenburg gehört habe. Indessen 
scheint mir die Wahrscheinlichkeit doch dafür zu sprechen, 
daß die Fichte im 16. Jahrhundert auch in den märkischen 
Wäldern schon wuchs; sonst würde der Graf Rantzau 
schwerlich darauf verfallen sein, sie in Holstein einbürgern 
zu wollen. 

Es wäre nun wichtig, zu untersuchen, ob sich in den 
Mooren der Mark Fichtenspuren nachweisen lassen, und 



») Peterm. Mitt. 38, 235 a. 

») Verhandl. d. Bot. Ver. d. Prov. Brandb. 33, 84. 
») Schwappach Handh. d. Forst- u. Jagdgesch. DeutsckJands I 416, 
Anm. 24. 

*) Globus 67, 74. ») Verhandl. etc. 33, 75. 



VI. Ostdeutschland. 



wie weit sie eventuell zurückreichen. Danach ließe sich 
dann entscheiden, ob dieser Baum in Brandenburg schon 
prähistorisch vorhanden war, oder ob er erst im Lauf des 
Mittelalters oder in der Neuzeit eingewandert ist. 

In Mecklenburg ist die Fichte in vorgeschichtlichen 
Zeiten und wahrscheinlich auch im Mittelalter noch nicht 
heimisch gewesen. Diederichs, der viele Moore in allen 
Teilen des Mecklenburger Landes durchforschte, hat nur an 
einer einzigen Stelle, in der obersten Schicht des Dammers- 
torfer Moors, 24 km östlich von Rostock an der Rostock- 
Sülzer Chaussee, Pollen von Picea gefunden.*) Wenn sich 
auch bei künftigen Forschungen wohl noch weitere der- 
artige Funde einstellen werden, so kann man angesichts 
des häufigen Vorkommens andrer Hölzer in den Mooren 
doch schon jetzt sagen, daß die Fichte in Mecklenburg erst 
in ganz junger Zeit auftritt. In mittelalterlichen Gräbern 
und Ruinen sind Fichtenreste bis jetzt überhaupt nicht nach- 
gewiesen. Urkimdlich erscheint die Fichte nach Krause*) 
zuerst auf einer Karte der Rostocker Heide von 1696. 

Außerordentlich häufig war in Mecklenburg die Kiefer. 
In sämtlichen von Diederichs untersuchten Mooren dieses 
Landes spielt sie tmter den Baumresten eine ganz hervor- 
ragende Rolle, und zwar auch jenseits der von Krause*) 
als Nordwestgrenze der Kiefern Verbreitung angenommenen 
Linie Rostock— Seh waan— Güstrow — Wittcnburg— 
Geesthacht. Nicht nur in den Mooren von Klein-Schwaß 
und Kritzemow, 8 km westlich von Rostock an der Rostock- 
Wismarer Bahn,*) sondern sogar in denen beim Dorfe Nan- 
trow, 25 km nordwestlich von Wismar,«*) fanden sich 
Kiefemreste in allen Lagen. Unter diesen Umständen ge- 
winnen auch die Kiefemkohlen der vorgeschichtlichen 
Höhlenwohnung von Dreveskirchen nordöstlich von Wis- 
mar, denen Krause*) ein so hohes Alter zuschreiben möchte, 



•) Fossile Flora d. mecklenb, Torfmoore S. 15. 

•) Pet. Mitt. 38, 235. 

«) Bot. Jahrb. 11, 130. *) Diederichs aaO. S. 9 ff. ») Ebenda 26 f. 

«) Bot. Jahrb. 11, 128. 



224 5* ^P* ^ic Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

daß sie „für die Beurteilung der heutigen Pflanzenverbreitung 
nicht verwertet werden" können, eine größere Bedeutung. 
Es fragt sich femer, ob die Kiefernwälder in der Umgegend 
von Wismar, die Krause für Anlagen des 19. Jahrhimderts er- 
klärt, wirklich alle so jungen Ursprungs sind. Sicher falsch 
ist es nach dem Gesagten, wenn Dengler, dem Diederichs* 
Abhandlimg entgangen ist, meint, im äußersten Westen 
Mecklenburgs scheine die Kiefer erst im 18. Jahrh. ange- 
baut worden zu sein.*) 

Die Zeugnisse aus Gräbern und mittelalterlichen Burg- 
ruinen Mecklenburgs, wo ebenfalls neben Eichen vielerwärts 
Kiefern gefunden wurden, hat Krause*) sorgfältig zusammen- 
gestellt; es handelt sich dabei um Funde in wendischen 
Burgruinen und -wällen bei Neubrandenburg, Schwaan und 
in Dummerstorf er Moor, sowie .in frühmittelalterlichen, 
wahrscheinlich vorslavischen Kegelgräbern zwischen Hage- 
now und Wittenburg. Die große Verbreitung der Kiefer im 
16. Jahrhundert wird durch Colerus bezeugt, der in seiner 
Oeconotnia ruralis schreibt: Das Kihnholts, dessen Holts 
man hier in der Chur-Brandenburg und im Lande su 
Meckelburg am meisten hat.^) 

Also die Kiefer hat sich in Mecklenburg von den ältesten 
postglazialen Zeiten unausgesetzt als einer der gewöhn- 
lichsten Bäume bis in die Gegenwart behauptet. Daneben 
aber haben von Anbeginn an auch die Laubhölzer in 
Mecklenburg große Verbreitimg gehabt, ja, sie scheinen im 
Mittelalter als waldbildende Bäume die erste Stelle einge- 
nommen zu haben. In den obersten Schichten der Moore, 
die ja für die uns interessierenden Zeiträume nur in Betracht 
kommen können, fand Diederichs Reste der Eiche, Birke, 
Erle, Hasel, Weide und ganz vereinzelt der Buche. Das 
gibt uns natürlich kein richtiges Bild von dem Bestand 
der mecklenburgischen Wälder im ganzen zu jener Zeit; 
denn was wir hier haben, sind die Glieder einer Moor- oder 



*) Die Horizantaiverbreitung der Kiefer 45 f. 

•) Bot. Jahrb. 11, 127 f. ^) Zitiert von Dengler aaO. 45. 



VI. Ostdeutschland. 



Bruchwaldflora, an der zB. die Buche keinen Anteil hat. 
Um das Bild zu vervollständigen, müßte ein genaues Studium 
der Urkunden und Forstordnungen hinzukommen. Auch 
Ortsnamen, wie Elmeithorst, östlich von Travemünde, und 
BuchholSy südwestlich von Rostock, leisten ergänzende 
Dienste. Wahrscheinlich hat die Buche in den Wäldern 
der schleswig-holsteinischen imd mecklenburgischen Küsten 
schon im frühen Mittelalter eine ähnlich bedeutende Rolle 
gespielt wie noch heute in diesen Gegenden und auf den 
Dänischen Inseln. 

In Pommern wird die Kiefer als artor /)m/ in Urkunden 
des 13. und 14. Jahrhunderts mehrfach erwähnt,*) aber die 
Eiche überwiegt. Doch scheinen im Mittelalter Eiche und 
Kiefer beide Charakterbäimie der pommerschen Land- 
schaft gewesen zu sein. Die Buche wird hier schon seltner, 
an ihre Stelle tritt in den Urktmden die Hagebuche.*) 

Auf Rügen hat es im Mittelalter wahrscheinlich nur 
Laubholz gegeben. Eichen, Buchen, Hagebuchen, Erlen, 
Birken, Weiden werden erwähnt.*) 

In Preußen verschwindet die Buche allmählich ganz. 
Ihre Ostgrenze war im Mittelalter von der heutigen nicht 
Verschieden; denn in ostpreußischen Urkunden wird die 
Buche nirgends aufgeführt.*) Die Kiefer tritt uns 1269 in 
urkundlichen Grenzbeschreibungen bei Garczin, Pelplin und 
Oliva entgegen. Um das Jahr 1411 müssen in der Tucheier 
Heide in Westpreußen bereits ausgedehnte Kiefern Waldungen 
bestanden haben.') Eichenwälder waren ebenfalls häufig; 
in den Niedenmgen breiteten sich Erlenbrüche aus, auch 
waren die Wälder schon im 14. und 15. Jahrhtmdert von 
zahlreichen Mooren und Heiden durchzogen, die sich zum 
Teil bis heute erhalten haben. Daß die Vegetation der 
Moore und Niederungen in der Nähe des Meeres in den 
historischen Zeiten sich gleich geblieben ist, zeigt die Unter- 
suchung des Augstumalmoors im Memeldelta, dessen obere 



*) Krause aaO. ii, 127. Y^Gr\g\QT Horizontalverbreitung der Kiefer ^i f. 
•) Derselbe Peterm. Mitt. 38, 234 b. 
') Näheres bei Dengler aaO. 40 f. 

Hoopa, Waldbinme u. Kulturpflanzen. '5 



226 5* ^P> ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit n. im frühen Mittelalter. 

Lagen bis 2 m Tiefe und darüber gleichmäßig mit Resten 
der Kiefer, Fichte, Eiche, Erle, Birke, Linde und Weide 
durchsetzt waren. Bäume, die noch heute in der Umgebung 
des Moores wachsen.*) Der eigentliche Charakterbaum 
Ostpreußens aber ist in historischen Zeiten stets die Fichte 
gewesen. Sie ist prähistorisch durch Weber im Augstumal- 
moor von dem jüngeren Teil der Bruchwaldschicht an nach 
oben hin in immer zunehmender Häufigkeit nachgewiesen,*) 
sie ist historisch seit 1300 durch preußische Urkunden be- 
zeugt.^) Im späteren Mittelalter war die preußische Fichte 
im Holzhandel sehr begehrt und wurde viel nach England 
eingeführt, wo ihr Name spruce fit noch heute ihre Her- 
kunft verrät. 

VII. Die geographische Verbreitung der einzelnen 
Holzarten im alten Deutschland. 

Literatur. Allgemeinere Schriften. E. v. Berg Geschickte 
der deutschen Wälder bis zum Schlüsse des Mittelalters. Dresden 
1871. M. Willkomm Forstliche Flora von Deutschland u, Öster- 
reich, Leipzig, I.A. 1875. 2. A. 1887. E. H. L. Krause -^A?r«f- 
karte v, Norddeutschland für das 12. bis 15. Jahrhundert. Peterm. 
Mitt. 38, 231— 23s (Okt. 1892). F. Hock Nadelwaldflora Nord- 
deutschlands. Stuttgart 1893. O. Drude Deutschlands Pflanzen- 
geograplue I. Stuttgart 1896. Hock Laubwaldflora Norddeutsch- 
lands. Stuttgart 1896. Ascherson u. Graebner Synopsis d. 
mitteletirop, Flora I. Leipzig 1897. Aug. Schulz Entwicklungs- 
geschichte d. phanerogamen Pflanzendecke Mitteleuropas. Stuttgart 
1899. Hans Hausrath Die Verbreitung der wichtigsten ein- 
heimischen Waldbäume in Deutschland. Geogr. Zeitschr. 7, 625 
bis 635 (1901). — Eiche. Krause Deutschlands ehemalige Eichen- 
wälder. Globus 64, 133—136 (März 1893). — Tanne, Fichte, 
Kiefer s. Lit. zu Abschnitt IV, V, VI. Für die Kiefer ist be- 
sonders wichtig das neu erschienene Buch von A. Den gl er 
Die Horizontalverbreitung der Kiefer {Pinus silvestris L.) Neu- 
damm 1904. — Eibe. H. Conwentz Die Eibe in IVestpreuflem, 
ein aussterbender Waldbaum. Abhandl. z. Landesk. d. Prov. West- 



1) C. A. Weber Veget. u. Entst. d. Hochmoors v. Augstumal S. 186 flF., 
verglichen mit S. 173. 

') Ebenda 185 ff. 202. Vgl. auch oben S. 47 u. 54. 
«) Krause Peterm. Mitt. 38, 235. 



▼n. Die geographische Verbreitung der Holzarten im alten Deutschland. 287 

preußen m (1892). F. Möwes Die Eibe in der Volkskunde. 
Globus 62, 91 f. 192 (1892). Conwentz Über einen unterge- 
gangenen Eibenhorst im Steiler Moor hei Hannover, Ber. d. deutsch. 
Bot. Ges. 13, 402 — 409 (1895). Korschelt Die Verbreitung der 
Eibe, Progr. Zwickau 1897. Nöldeke Das Vorkommen der Eibe 
im nordwestl. Deutschland. Ebenda 513 f. Conwentz Neue Be- 
obachtungen über die Eibe, besonders in der deutschen Volkskunde. 
Natw. Wochenschrift 14, Nr. 22 (28. Mai 1899). Luise Gerbing 
Die Eiben des Ringgaues und des Eichsfeldes. Mitt. d. Ver. f. 
£rdk. Halle 1901, S. 66— 69. L. P. Die Eibe, ein aussterbender 
Waldbaum. Beil. z. Allg. Zeitung, 8. Nov. 1902, S. 260 —262. Dazu 
Nachträge ebenda, 2. Dez. 1902, S. 417 f. (von Keiper) u. 10. Dez. 
1902, S. 471 (von A.Kirchhof er in Tiflis). Weitere Literatur 
über die Eibe s. bei v. Berg Gesch. d. deutschen Wälder 37, Anm. 
Ascherson-Graebner Synopsis I 183 f. — Im übrigen vergleiche 
die vorigen Abschnitte. 

L Laubhölzer. 

Einer der verbreitetsten unter den Waldbäumen Alt- 
deutschlands und zugleich der ehrwürdigste von allen war 
die Eiche (Quercus robur). Die Zeugnisse der klassischen 
Schriftsteller, die prähistorischen und archäologischen Funde, 
die Rolle der Eiche im Kultus und im täglichen Leben der 
Germanen,') die Orts- und Flurnamen — alles weist über- 
einstimmend auf die große Verbreitimg und Bedeutung hin, 
die dieser Baum in den Wäldern Deutschlands einst gehabt 
haben muß. 

Man würde aber irren, wenn man sich die altdeutschen 
Wälder in größerem Umfange als reine Eichenwälder vor- 
stellen wollte. Zur Bildung von geschlossenen Beständen 
ist die Eiche bei spontaner Entwicklung kaum fähig. Unter 
ihrem lichten Baumschlag gedeiht nicht nur Unterholz in 
reicher Fülle, sondern wachsen auch Konkurrenten, wie 
Buche und Fichte, frisch tmd freudig heran, die später 
dann den jungen lichtbedürftigen Eichennachwuchs ersticken, 
ja nicht selten sogar ältere Bäume zum Eingehen bringen. 



*) Vgl. hierüber Waglers gründliche mythologisch-kulturhisto- 
rische Studie Die Eiche in alter u. neuer Zeit, 1891. (S. die Lit. S. 112.) 
Femer E. v. Berg Gesch. d. deutschen Wälder 41 ff. 69 ff. 

IS* 



e* 



228 5* ^P* ^ic Waldbäame Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

Wälder mit der Eiche als Charakterbaum sind deshalb 
ihrer Natur nach bei imgehinderter Entwicklung wohl stets 
Mischwälder. Wenn gelegentlich ursprüngliche Eichen- 
wälder mit reinen Beständen gefunden werden, so sind sie 
in der Regel erst sekundär entstanden, indem die Eiche 
vermöge ihrer außerordentlichen Lebensdauer ihre Kon- 
kurrenten überlebte und bei deren Absterben die entstehen- 
den Lücken mit ihrem Nachwuchs füllte. Doch wird sich 
ein derartig geschlossener Eichenwald selten auf die Dauer 
und in größerer Ausdehnung unvermischt erhalten. 

Indessen muß die Eiche in den Wäldern Deutschlands 
zur Römerzeit immerhin nicht nur ihrer Verbreitung, son- 
dern auch ihrer Zahl nach einer der allerwichtigsten Bäimie 
gewesen sein. Sie war jedenfalls weit häufiger als heut- 
zutage, namentlich in den lichten Feldgehölzen in der Nähe 
der Dörfer, die als Viehweiden und vor allem zur Schweine- 
mast benutzt wurden. Unter den Holzfunden aus den Bau- 
denkmälern der Römerzeit wie aus den altgermanischen 
Gräbern und andern Fundstätten nimmt das Eichenholz bei 
weitem die erste Stelle ein; und daß das nicht etwa bloß 
auf Rechnung der größeren Dauerhaftigkeit desselben zu 
setzen ist, zeigen die Funde von der Saalburg, wo in dem 
Schlamm der Brunnen auch die weichsten Holzarten sich 
vollkommen erhalten haben. 

Von dem Umfang, den die himdertjährigen Eichen der 
altdeutschen Urwälder erreichten, zeugen die mächtigen 
Stämme, die von Zeit zu Zeit aus Marschen und Mooren 
zu Tage gefördert werden, zeugen die ehrwürdigen Recken, 
die noch heute in den letzten Resten alter Urwälder, wie 
in dem oldenburgischen Hasbruch, dem Neuenburger Wald 
bei Wilhelmshaven ua., erhalten sind und das Staunen eines 
Epigonengeschlechts erregen. Kein Wunder, daß unsre 
Altvordern sie heiUg hielten, daß die Römer sich nicht 
genug tun konnten in der Bewunderung dieser Baumriesea 
Plinius {Nat Hist. 16, 6) beschreibt ims die Eichen im 
Norden des Hercynischen Waldes, die so alt waren wie 
die Welt, die mit ihren Stämmen von unglaublicher Mäch- 



vn. Die geographische Verbreitnng der Holzarten im alten Deutschland. 229 

tigkeit den Jahrhunderten Trotz boten und von fast unend- 
licher Lebensdauer schienen. Und wenn derselbe Schrift- 
steller (16, 203) von germanischen Seeräubern erzählt, die 
auf einzelnen ausgehöhlten Baumstämmen fuhren, von denen 
einige bis zu dreißig Mann trugen, so kann er damit auch 
nur Eichen gemeint haben, die ja vorzugsweise zur Her- 
stellung dieser „Einbäume" verwandt wurden. 

Die Eiche muß zur Römerzeit im Schweizer Hügellande 
neben der Buche sehr häufig gewesen sein. In dem Laub- 
waldgebiet der Schwäbischen und der westlichen Franken- 
alb trat sie vermutlich, wie noch heute, gegenüber der Buche 
etwas in den Hintergnmd. In den vorwiegend mit Nadel- 
holz bestockten höheren Gebirgen, dem Schwarzwald, ßaier- 
imd Böhmerwald, Thüringer Wald und Harz, war sie wohl 
mehr auf die tieferen Lagen beschränkt, war aber hier 
durchaus nicht selten und reichte anscheinend auch höher 
hinauf als heute. In dem fränkischen Nadelwaldgebiet kam 
sie vielerorts mit andern Laubbäumen zusammen einge- 
sprengt vor. In Schlesien, Brandenburg, Mecklenburg und 
Pommern machte sie der Kiefer erfolgreich Konkurrenz. 
Ihr eigentliches Herrschaftsgebiet aber scheint zur Römer- 
zeit, wie auch im Mittelalter, das westdeutsche Mittelgebirge, 
von Odenwald, Haardt imd Taunus an, wo sie ganz ent- 
schieden vorherrschte, über das mittelrheinisch-westfälische 
Bergland ziun Teutoburger Wald und Wesergebirge, und 
darüber hinaus die norddeutsche Tiefebene gewesen zu 
sein, obschon ihr stellenweise die Buche die Herrschaft 
streitig machte. Der nördliche Teil des Hercynischen 
Waldes, von dem Plinius an der eben angeführten Stelle 
spricht, ist wohl nichts anderes als das nordwestdeutsche 
Mittelgebirge. 

Wir haben oben (S. 58) die Vermutimg geäußert, daß 
die Buche (Fagus silvatica L.) noch in historischer Zeit 
auf Kosten der Eiche an Areal gewonnen habe. Sie muß 
aber schon im alten Deutschland an Verbreitimg wie an 
Bedeutung als bestandbildender Baum der Eiche wenig 
nachgegeben haben. Nach einer Zusammenstellung E. von 



230 5* Kap* I^ic Waldl^ome Deutschlands z. Römerzeit u. im frähen Mittelalter. 

Bergs*) steht unter den Bäumen, die in Ortsnamen auf- 
treten, die Buche obenan. Von den in Rudolphs Geogra- 
phisch-topographisch'Statistischem Ortslexikon von Deutsch- 
land (1862—67) enthaltenen heutigen deutschen Ortsnamen 
sind nach v. Bergs Zählung 1567 von der Buche und 1467 
von der Eiche genommen. Auch unter den älteren Orts- 
namen Südwestdeutschlands, die wir oben zusammenstell- 
ten, nahm die Buche einen hervorragenden Rang ein. 
Ihr Verbreitungsgebiet dürfte in der Hauptsache das 
gleiche gewesen sein wie das der Eiche, nur daß sie 
trockneren Boden liebt als diese. Ausgesprochene Buchen- 
länder waren im Mittelalter, wie größtenteils noch heute, 
die Schwäbische Alb, auf deren Kalkgrunde die Buche ganz 
besonders üppig gedeiht, die Gegend um Fulda, die von 
den Buchenwaldungen ihren Namen Boconia, Btwchunna 
hatte, und die westbaltischen Küsten. Bei dem herrischen 
Charakter der Buche, die unter ihrem dichten Laubdach 
keine andern Bäume aufkommen läßt, ist es sehr wohl 
möglich, daß sie im Gegensatz zur Eiche schon frühzeitig in 
ausgedehnterem Maße geschlossene Bestände gebildet hat. 

Von den übrigen Laubbäumen ist in historischer Zeit 
besonders wohl die Erle (Alnus glutinosa L.), und zwar 
auf Sumpfboden, in größerem Umfang waldbildend aufge- 
treten; doch werden vielerorts auch Birke (Betula spec), 
Hainbuche (Carpinus betulus L.), Esche {Fraxinus ex- 
celsior L.) und Weide {Salix spec), wie noch heute, sich zu 
Gehölzen zusammen geschart haben. 

Von PopuluS'Avten ist nur die Espe (Populus tremula 
L.) in Nordeuropa ursprünglich heimisch; nur sie ist prä- 
historisch nachgewiesen, nur sie hat einen alten, gemein- 
indogermanischen Namen (s. oben S. 122 ff.) Die von Will- 
komm«) ausgesprochene Vermutimg, daß die Weiß- und 
Schwarzpappel dem nördlichen Mitteleuropa von Haus 
aus fremd seien, wird durch das Fehlen prähistorischer 
Belege und den Mangel alteinheimischer Namen für die 



») Gesck. d. deutsch, Wälder 143 f. •) Forstl. Flora* 519 f. 530. 



▼n. Die geographische Verbreitang der Holzarten im alten Deutschland. 231 

beiden Bäume im Keltischen, Germanischen und Slavischen 
bestätigt und darf auf das gesamte nordalpine Europa aus- 
gedehnt werden. Sie sind erst zur Römerzeit oder im Lauf 
des Mittelalters aus Südeuropa eingeführt, und zwar scheint 
in Deutschland zuerst die Weiß- oder Silberpappel (Po- 
pulus alba L.) bekannt geworden zu sein; denn das ahd, 
albäri und die heute in vielen deutschen Dialekten ver- 
breiteten volkstümlichen Namen alberbaum, aller baunty 
albele, abele usw. für Populus nigra und namentlich P. 
alba^) gehen meines Erachtens sämtlich auf ein vulgärlat. 
^albaria bezw. *albella (zu albus 'weiß') zurück, dürften 
also zunächst die Weißpappel bezeichnet haben. 

Schwer zu beurteilen ist das and. belit 'populus nigra', 
ahd. belisboum, belsboum 'populus* ; Björkmans Erklärungs- 
versuche") befriedigen nicht recht. 

Erst in späterer mittelalterlicher Zeit tritt der aus lat. 
pöpulus entlehnte Name mhd. popel, papel, nhd. poppet, 
pappel\ mnd. poppele, imd. poppet; dän. schwed, poppet auf. 
Das ahd. Papula^ mhd. papet bezeichnet nicht den Pappel- 
baum, sondern ist die alte Benennung der Malve (Malva). 
Das Eindringen des Namens popel spiegelt jedenfalls die 
Ausbreitung einer südländischen Pappelart in Nordeuropa 
wieder; die Bedeutung des engl, poplar (s. S. 261 f.) macht 
es wahrscheinlich, daß das Wort ursprünglich die Schwarz- 
pappel {Populus nigra L.) bezeichnete. 

Wie im Mittelalter die Weiß- und Schwarzpappel, so 
wurde zu Ende des 18. Jahrhunderts die Pyramidenpappel, 
eine Abart von Populus nigra^ aus der Lombardei nach 
Deutschland eingeführt. 

Von den drei volkstümlichen deutschen Namen für 
4 c^r- Arten kommt heute ahorn in erster Linie dem Berg- 
ahom {Acer pseudo-ptatanus L.), mäpety mapeldorny mass- 
hotder dem Feldahom (A. campestre L.), lenne^ tähne, lie^ 



1) Pritzel u. Jessen Die deutschen Volksnamen d. Pflanzen 300 f. 
*) Die Pflanzennamen d. althochd. Glossen. Zeitschr. f. deutsche 
Wortforsch. 2, 213 f. 



232 5* Kap. Die Waldb&ome Deutschlands z. Römeneit u. im frühen Mittelalter. 

leimbaum dem Spitzahorn {A. platanoides L.) zu. Diese 
Unterscheidung ist zum Teil alt'); jedenfalls ist der west- 
germanische Name mäpel: massholder überall auf A. cam- 
pestre, der germanisch-slavisch-makedonische Name lähne, 
leimbaum (ae. hlin^ ahd. limboum^ russ. klenü, maked. 
xXeivoO in Deutschland auf A. platanoides beschränkt. Da 
im Althochdeutschen alle drei Namen , ähorftf masjsaltra 
und limboum existieren, dürfen wir wohl annehmen, daß 
in Oberdeutschland schon in altdeutscher Zeit sämtliche 
drei Ahomarten vorkamen; ob sie auch in Niederdeutsch- 
land überall heimisch waren, ist zweifelhaft.*) 

Die Verbreitung der Erle, Esche, Espe, Birke, Weide, 
Ulme, Hainbuche und der übrigen Laubbäume über das Ge- 
biet hin wird sich, wie auch in der Gegenwart, wohl ziemlich 
mit derjenigen der Eiche und Buche gedeckt haben. In 
den Ortsnamen erscheint nächst der Buche imd Eiche bei 
weitem am häufigsten die Linde, die nach v. Berg 871 mal 
belegt ist. Bei der Beliebtheit derselben als Dorf- imd Ge- 
richtsbaum ist das begreiflich ; daß sie auch als waldbilden- 
der Baum im alten Deutschland eine bedeutende Rolle ge- 
spielt habe, darf daraus aber nicht geschlossen werden. 
Es folgen weiter die Birke mit 477, Hasel mit 361, Erle mit 
279, Esche mit 268, Kirsche mit 186, der Nußbaum mit 118, 
Apfelbaum mit 65, Birnbaum mit 60, die Espe und Hülse 
oder Stechpalme {Hex aquifolium) mit je 47 Namen. Kleiner 
ist die Anzahl der Namen, in denen der Ahorn mit seinen 
verschiedenen Arten, die Ulme und die Weide auftreten. 
Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß diese Zahlen 
natürlich bloß relativen Wert haben. Sie gründen sich nur 
auf die heutigen Namen und können einen Anspruch auf 
unbedingte Zuverlässigkeit nicht erheben. 

2. Nadelhölzer. 
Im ganzen zählt v. Berg 6115 Ortsnamen, in denen die 
Laubbäume, imd 790, in denen die Nadelbäume maßgebend 

*) Vgl.« auch Krause, Globus 62, 154 b, Anm. 4. 
•) Vgl. oben S. 182 f. 



vn. Die geographische Verbreitong der Holzarten im alten Deutschland. 2.^ 

sind Unter den letzteren entfallen 469 auf den Namen 
Tanne, der aber sowoM Abtes alba wie Picea excelsa be- 
zeichnen kann ; 80 kommen auf die Fichte, 70 auf die Föhre 
oder Kiefer, 31 auf die Lärche; 140 mal ist außerdem der 
Name Kien belegt, der ebenfalls die Kiefer bedeutet — ist 
doch Kiefer selbst aus Kien-föhre, ahd. kin-vorha (für *kien- 
forhä) entstanden.*) 

Von den Nadelhölzern war die Lärche (Larix euro- 
paea L.) zur Römerzeit in Deutschland noch nicht heimisch; 
wenigstens ist sie bislang nirgends nachgewiesen worden. 
Auch ob sie in der Schweiz, wo sie zur Pfahlbautenzeit 
nicht belegt ist (S. 86 u. 88), in römischen Zeiten vorkam, 
wissen wir nicht. Sicher wuchs sie in den rätischen Alpen, 
von wo Tiberius, wie Plinius {Nat. Hist. 16, 190. 200) be- 
richtet, gewaltige Lärchenstämme zum Brückenbau nach 
Rom schaffen ließ. 

Die Tanne (Abies alba Mill., A. pectinata DC) ist bei 
Uns heute durchaus auf die gebirgigen Gegenden Süd- imd 
^tteldeutschlands beschränkt. Ihre Nordgrenze in Frank- 
reich und Zentraleuropa reicht nach Willkomm, Hock, Drude 
tmd Ascherson-Graebner von den westlichen Pyrenäen durch 
Mittelfrankreich über Nancy bis an den Ostabhang der 
Vogesen bei Straßburg; sie mnschließt mit einem nach 
Westen gerichteten Bogen die Gebiete von Luxemburg, 
Trier und Bonn imd streicht durch das südliche Westfalen 
und Waldeck über die Gegend von Kassel und Münden 
längs der Werra bis zum Thüringer Wald, läuft am Nord- 
abhang desselben hin über Ohrdruf und Arnstadt nach 
Jena, von da weiter über Zeitz nach Dresden, durchzieht 
Schlesien bis zu den Trebnitzer Hügeln bei Breslau, um 
sich dann nordöstlich nach dem mittleren Polen zu wenden.") 



*) Vgl. die Glosse pinus : kinuorha Steinmeyer-Sievers Althochd. 
Glossen HI, 39, 18. Noch Johannes Colerus um 1600 spricht von Kiefern 
oder Kiknferen; s. oben S. 220. 

•) Willkomm Forstl. Flora* 118 ff. Hock Nadelwaldfl. Norddeutschi. 
333 flF. (nebst Karte). Drude Deutschlands Pflanzengeogr. I 2ft'4 f. (nebst 
Karte). Ascherson u. Graebner Synopsis d. mitteleurop, Fl. I 190 f. 



234 5- Kap. Die Waldb&nme Deutschlands z. Römerzeit o. im frühen Mittelalter. 

Diese Grenzlinie läßt sich nicht ohne weiteres auf das 
Mittelalter übertragen, sie bedarf aber auch für die G^en- 
wart mindestens in einem Punkte einer Berichtigung. Unsere 
früheren Untersuchimgen (S. 211 ff.) haben uns gezeigt, daß 
die Tanne auf der Wende von Mittelalter und Neuzeit auch 
im Harze heimisch war. Kam sie aber im 15. imd 16. Jahr- 
hundert spontan im Harz vor, so darf man das Gleiche für 
ihr heutiges Auftreten daselbst voraussetzen. Folglich muß 
die vorstehend skizzierte Nordgrenze der Edeltanne so er- 
weitert werden, daß sie auch den Harz imfischließt 

Am Nordabhang des Harzes scheint die Tanne also 
gegen Ausgang des Mittelalters ihren nördlichsten Ptmkt 
erreicht zu haben, und anders wird es auch im frühen Mittel- 
alter nicht gewesen sein. Sie war vor zweitausend Jahren in 
Deutschland jedenfalls nicht weiter nach Norden verbreitet 
als heutzutage; vielmehr wird man umgekehrt zweifeln 
dürfen, ob sie in dem Laubwaldgebiet der mittelrheinisch- 
westfälischen imd hessischen Gebirge, wo sie heute vor- 
kommt, im Mittelalter schon in größerem Umfange ver- 
breitet war. Mir sind wenigstens irgendwelche sichere 
Beweise für ihr Auftreten daselbst in früherer Zeit nicht 
bekannt geworden, und Wirtgen imd Beckhaus betrachten 
sie ebenfalls in Rheinland und Westfalen nicht als ein- 
heimisch.') Ihre Hauptdomäne waren wohl stets die mitt- 
leren Höhenlagen der süd- und mitteldeutschen Gebirge: 
der Vogesen, des Schwarzwalds, Böhmer- und Thüringer- 
walds, Spessarts, Harz usw. 

Die heutige Nordwestgrenze des spontanen Vorkonunens 
der Fichte {Picea excelsa Link) verläuft nach Willkonun, 
Hock und Drude zunächst ähnlich wie die der Edeltanne: 
von den Zentralpyrenäen in nordöstlicher Richtimg durch 
Mittelfrankreich nach den Vogesen, deren Kamme sie folgt, 
dann nordwärts durch die Pfalz nach dem Taunus und 
rheinabwärts ins südliche Westfalen; von hier, den Teuto- 
burger Wald westlich liegen lassend, zum Wesergebirge, 



^) Vgl. Ascherson-Graebner Synopsis d. mitteleurop. Flora I 190. 



va. Die geogrAphische Verbreitang der Holzarten im alten Deutschland. 835 

WO sie nach der Ansicht der genannten Gelehrten etwa bei 
Minden ihren nördlichsten Punkt im westlichen Deutschland 
erreicht Hier biegt sie nach Südosten um und zieht mit 
Einschluß des Harzes nach Thüringen, um in der Gegend 
von Jena wieder mit der Grenze der Edeltanne zusammen 
za treffen und mit dieser vereint über Roda, Zeitz und 
Dresden durch Sachsen und dann nordwärts ausbiegend 
nach der Niederlausitz zu ziehen. Von da wendet sie sich, 
etwas nördlich der Tannengrenze, südöstlich nach Schlesien 
bis in das Breslauer Gebiet. Hier verläßt sie ihre Gefährtin 
ond streicht durch das nordwestliche Polen nahe der deutsch- 
russischen Grenze auf Preußen zu, das sie, etwa der Grenze 
zwischen den Provinzen Ost- imd Westpreußen folgend, 
dorchschneidet. Zwischen Elbing und Frauenburg erreicht 
sie die Küste, überspringt die Ostsee und schließt den 
größten Teil der skandinavischen Halbinsel ein mit Aus- 
nahme des südschwedischen Buchengebiets und der West- 
küste bis zum 62* nordwärts.*) 

Auch diese Grenzbestimmung bedarf nach unsem 
früheren Ausführungen (S. 200 f.) einer Richtigstellung. Die 
Fichte war im Mittelalter in Norddeutschland wesentlich 
weiter nordwestwärts verbreitet, als die genannten Forscher 
annehmen; sie fehlte, wie die Kiefer, wahrscheinlich nur in 
dem nordwestdeutschen Küstenlande. Die Nordgrenze ihrer 
spontanen Verbreitimg ist nach dem gegenwärtigen Stand 
der Untersuchung etwa vom Niederrhein nach dem Süd- 
ende des Zuyder Sees und von da über Meppen- Vechta- 
Bremen nach Harburg zu ziehen. Auch Ascherson-Graebner 
erkennen spontane Standorte der Fichte bei Hannover, 
Walsrode, Celle und Tostedt an. Der weitere Verlauf steht 
noch nicht fest; wie es scheint, überschreitet die Fichten- 
grenze die Elbe nicht, sondern weicht elbaufwärts nach 
der Göhrde zurück. Ob östlich der Elbe Mecklenburg imd 



») Willkomm Forstl. Flora* 78 f. Hock Nadelwaldfl. Norddmtschlds, 
332 f. (nebst Karte). Drude Deutschlands Pflanzengeogr. I 263 f. Ascher- 
8on u. Graebner Synopsis d. müteleurop. Fl. I 197. 



236 5- ^P* ^i^ Waldb&ome Deutschlands z. Römeneit tu im frühen Mittelalter. 

die Mark in den Bereich der urwüchsigen Verbreitung der 
Fichte einzubeziehen sind, bleibt vorläufig zweifelhaft. 

Sicher ist anderseits, daß der Baum im Mittelalter südlich 
von seiner Nordgrenze in vielen Gegenden fehlte, wo die 
Laubwälder ursprünglich sind, so in dem Gebiet der Thü- 
ringer Saale nördlich vom 51®, mit dem anschließenden 
Unstrut-Helme-Bezirk, femer im böhmischen Kessel und 
namentlich in dem größten Teil des westdeutschen Mittel- 
gebirges, im ganzen imtem Maingebiet, im Odenwald, 
Neckarland und in der Rheinebene, die zur Römerzeit und 
im früheren Mittelalter ausgesprochene Laubwaldgebiete 
waren.*) Und auch in Nordwestdeutschland scheint die 
Fichte im Lauf des Mittelalters bis auf wenige Relikt- 
stationen ganz eingegangen zu sein. 

Die Verbreitung der Kiefer {Pinus silvestris L.) ist 
kürzlich von D engl er in seiner vortrefflichen Monographie") 
aufs gründlichste erforscht worden. Seine umfassenden Er- 
hebungen bestätigen die bekannte Tatsache, daß die Kiefer 
das Hauptgebiet ihrer natürlichen Verbreitimg über Nord- und 
Mitteldeutschland im Osten hat. Im östlichen Deutschland 
tritt sie nach Dengler »fast ohne Ausnahme in allen größeren 
Waldungen auf«. »Hier neigt sie zur Bildung reiner Be- 
standsformen auf großen Flächen unter fast gänzlichem 
Ausschluß aller Mischholzarten. Hier entwickelt sie sich 
physiologisch imd technisch zu einem hohen Grade von 
VoUkonunenheit«. Die Westgrenze dieses Gebiets verläuft 
nach Dengler (S. 80) »etwa von Wismar an der Lübecker 
Bucht in südlicher Richtung über Hagenow zur Elbe, folgt 
dann im wesentlichen dem Laufe dieses Stromes bis zur 
Mündung der Saale, um von dort auf deren östliches Ufer 
überzugehen. Im Saaleknie bei Rudolstadt überschreitet sie 



») Vgl. auch Ascherson u. Graebner Synopsis d. mitteleurop.Flora\ 197. 

«) Die Horizontalverbreittmg der Kiefer, Neudamm 1904. Vgl. femer 
Willkomm aaO. 201 ff. E. H. L. Krause Beitr. z. Kenntnis d. Verbreitung 
d. Kiefer in Norddeutschland S. 123 ff. Hock aaO. 329 — 332. Drude aaO. 
I 261 f. Schulz aaO. 291 f. Ascherson u. Graebner aaO. I 221. Fliehe 
Jnsts Bot. Jahresber. 28 (1900), I 257, Ber. 53. II 194, Ber. 50. 



im. 'Die geographische Verbreitung der Holzarten im alten Deutschland. 237 

diesen Fluß nach Westen, um in zwei zungenartigen Aus- 
buchtungen den hohen Thüringer Wald auf seinen nörd- 
lichen und südlichen Vorbergen halb zu umfassen imd 
endlich in ziemlich gerader Verlängerung ihrer ursprüng- 
lichen Nord-Süd-Richtung zwischen Koburg und Sonneberg 
auf bayerisches Gebiet überzutreten«. 

Westlich von diesem Hauptkomplex gibt es nach Deng- 
lers Auffassung noch einige insulare Verbreittmgsgebiete^ 
in denen das urwüchsige Vorkommen der Kiefer ein mehr 
oder weniger sporadisches ist. Das größte derselben liegt 
nach ihm »im nordwestdeutschen Tiefland etwa zwischen 
den Eckpunkten Harburg— Diepholz— Gifhom— Helmstedt— 
Letzlinger Heide— Göhrde. Ein zweites, am Harz um Wer- 
nigerode, beschränkt sich nur auf wenige Punkte in einem 
eng zu imischreibenden Gebiet. Eine dritte solche Insel 
äeht sich in einem schmalen Band von Eisenach bis in die 
Nähe von Marburg durch das hessische Bergland, und eine 
vierte nimmt die große Niederung ein, welche Rhein- imd 
Ifaintal bei ihrer Vereinigung zwischen Taunus und Oden- 
wald bilden«. 

Dengler kann sich nun selbst nicht verhehlen, daß 
einer solchen Unterscheidung in Haupt- tmd insulare Ge- 
biete etwas Willkürliches anhaften müsse, da ja tatsächlich 
jeder Wald, vom nächsten durch Felder, Wiesen oder 
Wasserflächen getrennt, eine Insel für sich bilde, daß die 
größere oder geringere Entfernung dabei oft nur etwas 
ganz Zufälliges, Graduelles sei und nicht eigentlich zum 
prinzipiellen Kriterium gemacht werden könne. 

Ich kann diese Bedenken nur unterschreiben. Ich glaube, 
daß Denglers Darstellung kein wissenschaftlich korrektes 
Bild von den tatsächlichen Verhältnissen gibt. Einmal 
scheint mir Dengler das Gebiet der spontanen Verbreitung 
der Kiefer in Nordwestdeutschland nicht richtig umgrenzt 
zu haben. Unsre obigen Untersuchungen haben ergeben, 
daß als Nordwestgrenze etwa eine Linie Wismar— Geesthacht- 
Harburg— Bremen— Meppen— Zuyder See anzusetzen ist, 
und das häufige Vorkommen von Resten der Kiefer in den 



238 5- Kap. Die Waldbttome Deutschlands z. Römerzeit o. im frühen Mittelalter. 

Sassenberger Mooren, sowie eine Reihe von Ortsnamen 
zeigen, daß der Baum auch im westfälischen Münsterlande 
und im Wesertal südlich des Wesergebirgs ursprünlich ein- 
heimisch ist (vgl. oben S. 187. 199). Im einzehien ist die Süd- 
grenze der nordwestdeutschen Kiefemverbreitung noch 
näher festzulegen. 

Auf der andern Seite ist auch die Westgrenze des 
ostdeutschen Hauptkomplexes der Kiefemherrschaft von 
Dengler meines Erachtens nicht zutreffend gezeichnet Die 
Priegnitz ist altes Laubwaldgebiet, und das Bereich, in dem 
die Kiefer die Vorherrschaft hat, wird im Westen nicht so- 
wohl durch die Elbe und Saale als vielmehr durch eine 
Linie begrenzt, die von Wismar über Hagenow nach der 
Havelquelle zieht, dann dem Lauf des Flusses folgend etwa 
bis Brandenburg und von da südwestlich nach der Saale- 
mündung sich erstreckt, von wo sie weiter ungefähr in 
der von Dengler angegebenen Weise verläuft. Also die 
Westgrenze der Hauptherrschaft der Kiefer wird nicht 
durch die Elbe-Saale-, sondern eher durch eine Havel- 
Saale -Linie gebildet. 

Im Verhältnis zu diesem östlichen Hauptkomplex ist 
das Verbreitungsgebiet der Kiefer in Nordwestdeutschland 
pflanzengeschichtlich jedenfalls nicht als ein isoliertes, 
insulares aufzufassen, sondern es bildet vielmehr den Vor- 
trab oder noch genauer den Nachtrab jener Ostlichen 
Hauptmasse, der von dieser allerdings an der mittleren 
Elbe durch einen größeren Abstand getrennt ist, sich aber 
im ganzen doch mit breiter Front an das Gros anlehnt 
Dieses historische Verhältnis tritt zwar in den erklärenden 
Ausführungen Denglers ganz richtig zu Tage, wird aber 
durch die kartographische Wiedergabe verwischt 

Ich würde es für korrekter halten, das ganze nord- 
deutsche Verbreittmgsgebiet der Kiefer als einen geschlos- 
senen Komplex mit der Westgrenze Wismar— Harburg- 
Bremen— Meppen darzustellen, innerhalb dieses Bereichs 
den Hauptherrschaftsbezirk des Baumes von der Weichsel 
westlich bis etwa zu der oben angegebenen Havel-Saale-Linie 



m. Die geographische Verbreitung der Holzarten im alten Deutschland. 239 

za kennzeichnen und dann im übrigen diejenigen Gebiete, 
in denen die Kiefer nachweislich schon im Mittelalter nicht 
Yorhanden war, als Inseln in die Karte einzutragen. Dann 
mflßte sich wahrscheinlich die Harzinsel Denglers dem nord- 
westdeutschen Gebiet einreihen, die insulare Verbreitung 
von Eisenach bis Marburg würde wohl nur als eine zungen- 
artige westliche Fortsetzung des thüringischen Bezirkes 
aufzufassen sein, während sich anderseits das Land auf 
beiden Seiten der mittleren Elbe von der Altmark bis zur 
Pri^nitz als eine kiefemlose Laubwald-Enklave darstellen 
würde. Das mittelrheinisch-westfälische und hessische Berg- 
land, der Taunus und Odenwald lagen im Mittelalter wahr- 
scheinlich in der Hauptsache außerhalb des Verbreitungs- 
gebietes der Kiefer.*) 

In Süddeutschland lassen sich zwei alte Kiefernbezirke 
unterscheiden: das fränkische Becken bei Nürnberg und 
die oberrheinische Ebene von Basel bis Mainz und Frank- 
furt. Doch ist die Verbreitung des Baumes in dem letztem 
Gebiet, wo er wohl von jeher auf die sandigen Höhenrücken 
beschränkt war, im Lauf des Mittelalters immer mehr 
zurückgegangen. Anderseits war die Kiefer namentlich auf 
den Grenzstrichen zwischen den alten Laub- und Nadel- 
waldgegenden, wie zB. am rätischen Limes, auch sonst 
vielfach verbreitet. 

Von Nadelhölzern ist femer die Eibe (Taxus bac- 
cata L.) zu erwähnen als ein Baum, der einst in allen 
germanischen Ländern eine nicht unbedeutende Rolle als 
Waldbaum spielte, aber heute dem Aussterben nahe ist. 

Die Eibe tritt erst verhältnismäßig spät in Nordeuropa 
auf. In Schweden stammen die ältesten Funde aus der 
Eichenzeit.*) In der Schweiz war sie schon im Pfahlbau- 
zeitalter heimisch, und Caesar (Bell. Galt. 6, 31) berichtet 
von ihr, daß sie in Gallien und Germanien sehr häufig sei 
(taxo, cuius magna in Gallia Germaniaque copia est)^ eine 

') S. oben S. 165 u. 174 ff. und Krause Englers Bot. Jahrbücher 
II, 126. 

') G. Andersson Gesch. d. Veget Schwedens 531. 



240 5* ^P- ^c Waldbttume Deutschlands z. Römerzeit tu im frühen Mittelalter. 

Notiz, die man übrigens früher vielfach in ihrer Bedeutung 
aufgebauscht hat.*) 

Die Eibe war ehedem ein bestandbildender Baum, ist 
aber sicher nie waldbildend im Sinne der Kiefer, Fichte 
und Tanne gewesen, sondern wohl inuner nur einzeln oder 
horstweise aufgetreten. Sie scheint im Mittelalter in ganz 
Deutschland mit Ausnahme des nordwestdeutschen Küsten- 
strichs imd des Landes östlich der Weichsel verbreitet und 
ziemlich häufig gewesen zu sein. Da ihr Holz bei allen 
germanischen Völkern zur Verfertigung von Bögen und 
allerhand Gefäßen imd Gerätschaften diente, so wurden die 
Eibenhorste im Lauf des Mittelalters allmählich immer 
mehr abgeholzt, ohne daß der langsam wachsende Baum, 
der noch dazu durch seine Eingeschlechtigkeit im Kampf 
imis Dasein benachteiligt ist, imstande gewesen wäre, die 
entstehenden Lücken wieder auszufüllen. Entwässerungen 
und Kahlhiebe, sowie Beschädigungen durch Vieh und 
Wild vollendeten den Vemichtungsprozeß. Doch haben wir 
in Grabfunden, Urkunden imd in Ortsnamen noch zahlreiche 
Zeugnisse für die ehemalige Verbreitung des Baumes in 
Deutschland. In den Alemannengräbem von Oberflacht in 
Schwaben ist neben andern Waffen insbesondere auch ein 
Bogen von Eibenholz gefunden worden.*) Unter den 
deutschen Ortsnamen, die von Bäumen hergeleitet sind, ist 
die Eibe nach E. v. Berg') 62 mal vertreten, wobei aber 
die auf deutschem Boden belegbaren Namen mit poln. 
eis und czech. Tis 'Eibe* nicht berücksichtigt zu sein 
scheinen. Im 16. Jahrhundert wurde ein schwunghafter 
Handel mit Eibenholz von den österreichischen Alpen- 
ländem und den Karpathen aus über Danzig nach den 
Niederlanden und England betrieben. Und noch im 17. und 
18. Jahrhundert war die Eibe in Deutschland sowohl wie 
in Österreich viel verbreiteter als jetzt 



») Vgl. auch Hock Ber. d. d. Bot. Ges. ii, 399 (i893). 
«) Vgl. Jahresheftc des wirtenbergischen Alterthums- Vereins 3; 
Stuttgart 1846. Tafel X, Fig. i. 

») Gesck. d. deutschen Wälder 144. 



vn. Die geogrmpbiscbe Verbreitung der Holzarten im alten Deutschland. 241 



f 



Sie kommt übrigens in einzelnen Resten noch heute in 
ganz Deutschland zerstreut vor. Doch ist sie gegenwärtig 
in der Hauptsache ein Gebirgsbaum. Im Bodetal im Harz 
findet sich ein bekannter Eibenbestand von gegen 600 Stäm- 
men; auch bei Martinroda im Thüringer Wald, bei Derm- 
bach in der Vorder-Rhön und bei Kelheim im Bayrischen 
Jura sind noch einige größere Eibenhorste erhalten. In der 
norddeutschen Tiefebene tritt der Baum heute nur noch in 
den südbaltischen Küstenländern Mecklenburg, Pommern 
und Westpreußen häufiger auf; bei Lindenbusch in der 
Tucheier Heide im Kreise Schwetz in Westpreußen gibt es 
sogar einen Eibenhorst von mehr als 1000 Bäumen. Auch 
preußische Ortsnamen, wie Eihendamnt^ Ibenwerder, Iben- 
hörst, Ziesbusch sind beachtenswert. Bei dem Vorkommen 
der Eibe in der nordwestdeutschen Ebene (wie im Krelinger 
Bruch bei Walsrode ua.) handelt es sich stets nur um ein- 
zelne, oft lu-alte Exemplare.*) 

Der Wacholder {Juniperus communis L.) endlich, 
neben der Kiefer heute das verbreitetste Nadelholz Europas, 
muß schon in altgermanischer Zeit in ganz Deutschland ge- 
wachsen sein: darauf deuten die zahlreichen, alten, vielfach 
entstellten und umgedeuteten hoch- und niederdeutschen 
Volksnamen dieses Busches,*) darauf weist auch seine wich- 
tige Rolle im deutschen Volksglauben hin. Auch er fehlte 



') Über die heutige Verbreitung der Eibe in Deutschland vgl. 
O. Scndtner Die Vegetationsverhältnisse Südbayems S. 518 — 520. E. v. Berg 
aaO. 37, Anm. Willkomm Forstl. Flora* 274 ff. Hock Nadelwaldflora 
Narddtutschlands 327 f. Drude Deutschlands Pflanzengeographie I 259 f. 
Ascherson u. Graebner Synopsis d miiteleurop. Flora I 182 ff. Ferner 
die im Literaturverzeichnis aufgeführten Spezialaufsätze. — Über 
einzelne bemerkenswerte Eibenbäume berichten: Häpke Ein merk- 
würd^er Eibenbaum (zu Ruhwarden bei Tossens in Butjadingen). 
Abhandl. hrsg. v. Natw. Ver. Bremen 14, 399 f. (1898). Johannes Trojan 

Beider eUten Eibe {von Mönkhagen in der Rostocker Heide). „Der Tag" 

II. Sept. 1903. 

«) Vgl. Björkman Pflanzennamen d. alt/tochd. Glossen I 216. 217. 219 

SV. ckranawitu, chranapoum, quecholder, wehhaltar. Pritzel u. Jessen 

tHe deutschen Volksnamen d. Pflanzen 195 ff. 

Hoopi, Waldblume u. Kulturpflanzen. l6 



242 5* ^P* I^i^ Waldb&ume Deutschlands z. Römerzeit u. im frfihen Mittelalter. 

und fehlt im äußersten nordwestdeutschen Küstenstrich; 
wenigstens tritt er nach Buchenau nordwestlich der Linie 
Harburg—Buchholz— Tostedt—Scheeßel— Ottersberg— Lang- 
wedel— Syke—Ganderkese— Papenburg nur noch in ein- 
zelnen versprengten Exemplaren auf, während er etwas 
südlich von dieser Linie, namentlich in der Gegend von 
Lingen, auf den Dammer Bergen tmd am Steinhuder Meer, 
sehr häufig ist.*) 

VIII. Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in 
historischer Zeit 

Literatur. F. A. Tscherning Beiträge zur Forstgesckichte 
Württembergs. Progr. Hohenheim 1854. C. H. Edmund Frh. 
von Berg Geschichte der deutschen Wälder bis zum Schlüsse des 
Mittelalters. Dresden 187 1. Adam Schwappach Handbuch 
der Forst- und Jagdgeschichte Deutschlands. I. Berlin 1886. Hans 
Hausrath Der Wechsel der Holzarten im deut selten Walde. Ver- 
handl. d. Natw. Ver. Karlsruhe 14, 31 — 45 (1901); auch im Sonder- 
druck erschienen (1900). Derselbe Die Verbreitung der wich- 
tigsten einheimischen Waldbäume in Deutschland. Geogr. Zeilschr. 
7, 625—635 (1901). Bodo Knüll Historische Geographie Deutsch- 
lands im Mittelalter. Breslau 1903. S. 103 — 106. A. Denglcr 
Die Horizontalverbreitung der Kiefer (FHnus silvestris L.). Neu- 
damm 1904. — Im übrigen vgl. die Literatur zu den vorstehen- 
den Abschnitten. 

Einleitendes. Daß in vorgeschichtlichen Zeiträumen 
sich große natürliche Wandlungen im Bestand der Wälder 
Mitteleuropas vollzogen haben, imterliegt nach unsem 
Ausführungen im ersten Kapitel keinem Zweifel. Es fragt 
sich, inwieweit solche Wechsel auch noch im Lauf 
der historischen Epoche erfolgt sind. 

Tscherning, der in seinen w^ertvollen Beiträgen sur 
Forstgeschichte Württembergs (1854) besonders auch auf die 
Frage nach etwaigen Verschiebungen in der Verteilung der 
Baiunbestände seit dem Beginn der historischen Zeit ein- 
geht, kommt auf Grund der literarischen und urkundlicheoi. 



') Buchenau Flora d. nordwestd. Tiefebene 38. 



vin. Wechsel der Holzarten des deutsdhen Waldes in historischer Zeit 243 

Nachrichten, der prähistorischen und archäologischen Funde 
und der heutigen Wald- und Ortsnamen zu dem Ergebnis, 
daß sich ein säkularer Wechsel der Baumarten in histo- 
rischen Zeiten nicht nachweisen läßt, daß die Abgrenzung 
zwar in früherer Zeit weniger scharf, daß aber, was die 
Vorherrschaft in größeren Gebieten betrifft, die Verbreitimg 
der Holzarten im wesentlichen schon dieselbe gewesen ist, 
wie heutzutage. 

Zu einem andern Resultat gelangt Edmimd von Berg 
in seiner Geschichte der deutschen Wälder (1871). Auch er 
ist zwar der Ansicht, „daß die Verteilung der Wälder in 
Deutschland vor 2000 Jahren in der Hauptsache fast genau 
dieselbe war wie in unsern Zeiten" (S. 29); die Wälder 
seien im Altertum wohl massiger und ausgedehnter gewesen, 
der Grundstock jedoch habe sich unverändert bis heute er- 
halten. Aber hinsichtlich der Vorherrschaft der einzelnen 
Holzarten in diesen Waldgebieten vertritt er eine der 
Tschemingschen entgegengesetzte Auffassung. Er meint 
(S. 30 f.): „Die alten deutschen Wälder bestanden aller 
Wahrscheinlichkeit nach überwiegend aus Eichen und 

Buchen Die Nadelhölzer Fichte, gemeine Kiefer, 

Krummholzkiefer, Tanne und die Lerche waren sehr wahr- 
scheinlich nur auf den hohen Bergen, letztere nur auf den 

Alpen herrschend Die Tanne scheint allein, oder 

wenigstens vorzugsweise, auch in tiefen Berggeländen, 
eingemischt im Laubholze, vorgekommen zu sein, was in- 
dessen nicht ausschließt, daß die andern Nadelhölzer sich 
in den Berglagen am Rande der Vegetations-Grenze des 
Laubholzes mehr oder minder ansiedelten. Es spricht vieles 
dafür, daß tmsere Mittelgebirge, wie zB. der Harz, das Erz- 
gebirge, der Thüringer Wald, der größte Teil des Schwarz- 
und Böhmerwaldes bis zu den höchsten Berglagen hinauf 
mit Laubholz bestanden gewesen seien". Zur Begründung 
seiner Ansicht weist er hin auf die feuchte, humose Beschaffen- 
heit des Bodens, der die Laubhölzer mehr als die Nadel- 
hölzer begünstige, auf die teils in den Torfmooren (S. 136 ff.), 
teils in den Pfahlbauten und andern prähistorischen Denk- 

i6* 



244 5* ^P* I^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

malern gemachten Funde, endlich auf die hervorragende 
Stellung der Eiche und Buche im Kultus der alten Deutschen 
(S. 69 ff. 74 ff.). 

Ich glaube nicht, daß von Berg mit seiner Ansicht in 
dieser allgemeinen Fassung das Richtige trifft. Schon die 
Gründe, auf die er sich stützt, sind zum Teil nicht stich- 
haltig. Das Alter der Torfmoore zB. schätzt er viel zu 
niedrig ein; die Baumreste, die in den Mooren liegen, ge- 
hören nur zum kleinen Teile den historischen Perioden an, 
was auch Tscheming mehrfach nicht genügend beachtet 
hat. Bergs Ansicht von dem Vorherrschen der Laubwälder 
in älterer historischer Zeit ist nach unsem früheren Aus- 
führungen richtig für Nordwestdeutschland, das mittel- 
rheinisch-westfälische und hessische Bergland, sowie für 
verschiedene alte Kulturstriche Süddeutschlands; auf die 
ostdeutsche Ebene dagegen und besonders auch auf die 
von ihm angeführten Gebirge, den Harz, das Erzgebirge, 
den Thüringer Wald, Böhmerwald und Schwarzwald, trifft 
sie nicht oder doch nur in sehr beschränktem Maße zu. 

Tschernings Theorie anderseits, daß der Bestand der 
alten Waldgebiete seit den Tagen der Römer im wesent- 
lichen stabil geblieben sei, gilt in erster Linie nur für die 
von ihm speziell erforschten Bezirke tmd ist wohl auch von 
ihm nur auf diese bezogen worden. Auf ganz Deutschland 
verallgemeinert, würde sie zu falschen Auffassungen führen. 

Während manche, namentlich die erst sehr spät von 
der menschlichen Kultur eroberten alten Waldgebiete, in 
ihrem Bestände seit dem Beginn der historischen Über- 
lieferung wesentliche Veränderungen nicht erkennen lassen, 
haben andere tatsächlich bedeutende Umwälzungen er- 
fahren. Ob wir in dem zweiten Falle diese Wandlungen 
in den Holzarten der Wälder in historischer Zeit mehr auf 
Rechnung spontaner Entwicklung oder menschlichen Ein- 
flusses zu setzen haben, ist eine Frage, die einer kurzen 
prinzipiellen Erörterung bedarf. 

Spontane Wandlungen oder menschlicher Ein- 
fluß? Die Entdeckimg Steenstrups über die wechselnden 



vm. Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in historischer Zeit. 246 

Waldperioden der nordischen Länder hat vielfach zu falschen 
Vorstellungen über ähnliche säkulare Veränderungen der 
Waldvegetation in andern Ländern und zu andern Zeiten 
Veranlassung gegeben. Wir haben im Verlauf unsrer Unter- 
suchung wiederholt Gelegenheit gehabt, darauf hinzuweisen, 
daß die Steenstrupschen Perioden zunächst nur für Däne- 
mark und das südliche Schweden gelten, daß sie aber selbst 
fOr diese Gebiete höchst bedeutsamer Korrekturen bedürfen. 
In Norddeutschland und den Alpenländem verwandelt sich 
das Nacheinander der Vegetationsformationen immer mehr 
in ein Nebeneinander: den ersten Quartiermachern, wie Birke, 
Espe, Kiefer, folgte das Gros der Waldbäume in nicht sehr 
weiten Abständen, und es entspann sich nun ein Kampf ums 
Dasein schärfster Art, der je nach Boden, Klima imd geo- 
graphischer Lage hier für die eine, dort für die andre 
Baumgattung siegreich geendet haben wird. Auf dem im- 
vergletscherten Landrücken Mittel- und Süddeutschlands 
dürfte ein ähnlicher Kampf schon während der letzten Inter- 
glazialzeit begonnen und während der folgenden Epochen 
angedauert haben. Solange das Klima noch erheblichen 
Schwankungen unterworfen war, werden sich noch mehr 
oder minder bedeutende Verschiebungen in der Verteilung 
der Holzarten vollzogen haben, was namentlich für die alten 
Gletschergebiete gilt, wo auch der Boden in beständiger 
Umwandlung begriffen war.*) Aber nachdem Klima und 

') Hausraths Annahme (Geogr. Zeitschr. 7, 630), daß eine Ände- 
ning des Klimas Deutschlands seit dem Ende der Diluvialzeit über- 
baupt nicht erfolgt sei, daß sich der Wechsel der Holzarten im deutschen 
Walde in vorhistorischer Zeit völlig durch die heute noch wirkenden 
Faktoren erklären lasse, trifft sicher nicht das Richtige, wie August 
Schulz* Arbeiten, sowie unsere eignen Ausfuhrungen wohl zur Genüge 
beweisen. Wenn heute ein abgeholzter Schlag oder ein aufgegebenes 
Stück Acker- oder Wiesenland zur spontanen Wiederbewaldung sich 
selbst überlassen wird, so vollzieht sich unter den Baumarten, die sich 
<iaraaf ansiedeln, wohl auch ein Wechsel, der auf den ersten Blick 
ttne gewisse Ähnlichkeit mit den Steenstrupschen Waldperioden zeigt, 
aber bei diesem Wechsel handelt es sich um Jahrzehnte, während in 
j^en vorhistorischen Zeiten gewisse Bäume Jahrtausende lang 
<lic Alleinherrschaft in ganzen Ländern hatten, bis sie von 
^ncr neuen Generation abgelöst wurden. 



246 5* ^P- ^i^ Waldbäume Deutschlands z. Römerzeit n. im frühen Mittelalter. 

Bodenbeschaffenheit der Hauptsache nach stabil geworden 
und etwa den heutigen Zustand erreicht hatten, muß sich 
auch in der spontanen Verbreitung der Waldbäume all- 
mählich ein gewisser Gleichgewichtszustand herausge- 
bildet haben, indem jede Art in demjenigen Gebiet die Vor- 
herrschaft gewann, in dem die natürlichen Verhältnisse 
ihren Sieg über die Konkurrenten begünstigten. 

Man darf wohl annehmen, daß das Klima Mitteleuropas 
seit der Bronzezeit keine wesentlichen säkularen Wandlungen 
mehr durchgemacht hat. Für Nordeuropa ist allerdings 
ein allmähliches Sinken der Temperatur seit der jüngeren 
Steinzeit um 2,4® C. konstatiert worden, was ein Zurück- 
schreiten der Polar- und Höhengrenzen aller Waldbäume 
und ein südliches Vorrücken der Polarflora zur Folge ge- 
habt hat.*) Die Vermutung liegt nahe, daß die Ursachen, 
die diese Klimaverschlechterung in Skandinavien veranlaßten, 
auch in Mitteleuropa oder wenigstens in Norddeutschland 
wirksam waren. Aber sichere Anhaltspunkte für die An- 
nahme einer derartigen Verschlechterung und das etwaige 
Maß derselben liegen für Deutschland bis jetzt nicht vor. 
Im allgemeinen dürfte das Klima im Bronzealter oder doch 
jedenfalls zu Beginn der Eisenzeit dem jetzigen ungefähr 
entsprochen haben. 

Also wird auch die durch spontane Ausbreitung be- 
wirkte Verteilung der Baumbestände Deutschlands 
in der Hauptsache schon zur Römerzeit ihren Ab- 
schluß erreicht, und wirklich weitgreifende Verschie- 
bungen in der Verteilung der Holzarten über die deutschen 
Waldgebiete dürften sich seitdem auf dem Wege des freien 
Wettbewerbs nur vereinzelt noch vollzogen haben. 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß der spontane 
Konkurrenzkampf der verschiedenen bestandbildenden Bäume 
um die Vorhen-schaft über die Wälder bei Beginn unserer 
Zeitrechnung bereits vollkommen zum Austrag gebrachte 



*) Andersson Gesch. d. Veget. Schwedens 475. 484. 504 — 51c 
Vgl. oben S. 38. 



vm. Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in historischer Zeit. 247 

v^ar, und daß die einzelnen Waldbäume damals sämtlich 
schon die natürliche Grenze ihrer Ausbreitungsfähigkeit 
erreicht hatten. Es ist zweifellos, daß sich im einzelnen 
seit der Römerzeit manche spontane Verschiebungen in der 
Verbreitung der Baumarten vollzogen haben und immer 
noch vollziehen. In den ausgedehnten Urwaldgebieten, die 
sich besonders in den Gebirgsgegenden bis ins 12. Jahr- 
hundert, von menschlichen Übergriffen unberührt, in jung- 
fräulichem Zustand erhielten, mögen manche spontane 
Wechsel der Holzarten stattgefunden haben, die sich bei 
genauerer Untersuchung der Moore, Süßwasserablagerungen 
usw. vielleicht noch werden feststellen lassen. Und auch 
hinsichtlich der Bewaldung größerer Gebietskomplcxe sind 
die Verhältnisse sicher nicht vollkommen stationär ge- 
blieben. So sprechen zB. manche Anzeichen dafür, daß 
Buche und Fichte in Deutschland sich in historischer Zeit 
aus eigener Kraft, namentlich auf Kosten der Eiche, aus- 
gebreitet haben. Und der Rückgang der Nadelwälder Nord- 
westdeutschlands im Mittelalter, wenn er auch durch mensch- 
liche Kultiu-eingriffe sicherlich sehr beschleunigt wurde, ist 
nach imsem früheren Darlegungen (S. 57 f. 202 ff.) doch auch 
wohl in erster Linie als die Fortsetzung eines natürlichen 
Entwicklungsprozesses aufzufassen, der unter dem Einfluß 
klimatischer Faktoren in entlegenen prähistorischen Zeiten 
seinen Anfang genommen hatte. Auf der andern Seite 
sind auch die Länder östlich der Elbe nicht bloß durch den 
Kampf der Kolonisten gegen die Laubwaldungen zu einem 
Kiefemwaldgebiet umgestaltet worden, wie Knüll *) vermutet; 
vielmehr hatte hier die Kiefer gleichfalls schon in vor- 
historischer Zeit, dank der Gunst des Klimas und der Boden- 
verhältnisse, im natürlichen Daseinskampf die Vorherr- 
schaft errungen. 

Aber diese spontanen Wandlungen in der Verbrei- 
tung der Waldbäume sind in historischer Zeit schwer 
3ls solche zu erkennen und richtig zu beurteilen; sie 

*) Histor. Geographie Deutscltlands im Mittelalter 104. 



1 



248 5* ^P> ^ic Waldbftume Deutschlands z. Römerzeit a. im frOhen Mittelalter. 

werden verdunkelt durch die immer mehr zunehmende, 
alles sich unterwerfende Herrschaft des Menschen über 
die Wälder. 

Die wichtigsten, tiefgreifendsten Umwälzungen, 
welche der Bestand der deutschen Wälder in den letzten 
zwei Jahrtausenden erfahren hat, sind durch das Ein- 
greifen des Menschen veranlaßt. Schon in vorge- 
schichtlicher Zeit macht sich dieser Faktor, wie wir im 
dritten Kapitel zeigten, in den alten Kulturgebieten deutlich 
bemerkbar. Im Lauf des Mittelalters zieht er immer weitere 
Kreise in seinen Bann. Vom 12. Jahrhundert an wurden 
nach und nach, vor allem durch die kolonisatorische Tätig- 
keit der Klöster, auch die entlegensten Waldbezirke dem 
menschlichen Willen unterworfen. Die Wirkung dieser 
stetig zunehmenden Kontrolle des Menschen über den Wald 
kennzeichnet sich ganz besonders augenfällig durch Ände- 
rungen in der Verbreitung von Laub- und Nadel- 
hölzern, Umwandlungen, die in ihrer Tendenz im Lauf 
der Zeiten merkwürdig gewechselt haben. 

Vorherrschaft der Laubhölzer im Mittelalter. 
Das Ergebnis des vor dem Beginn der Geschichte liegenden 
natürlichen Wettkampfes der Holzarten, wie wir es in früh- 
historischer Zeit abgeschlossen vorfinden, war nach Aus- 
sage unsrer Untersuchungen in den vorigen Abschnitten, 
daß das Nadelholz im Schwarzwald, auf der schwäbisch- 
bayrischen Hochebene, im fränkischen Waldgebiet, Bayer- 
und Böhmerwald, Fichtelgebirge, Erzgebirge, in einem Teil 
der Mark Brandenburg und Schlesiens, in Posen, West- und 
Ostpreußen die Oberhand hatte, während in den übrigen 
Teilen Deutschlands das Laubholz vorherrschte. Harz imd 
Thüringer Wald waren zwischen Laub- und Nadelwald geteilt. 

Aber diese Laub- und Nadelholzgebiete waren weder 
scharf gegeneinander abgegrenzt, noch in ihrem Innern ein- 
heitlich bestockt. In den meisten Gegenden Mitteleuropas 
sind die natürlichen Bedingungen, die Klima- und Boden- 
verhältnisse, so mannigfaltig, daß sie den verschiedensten 
Baumarten Raum und Gelegenheit zur gedeihlichen Ent- 



na, Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in historischer Zeit. 249 

Wicklung und ziun freien Wettbewerb geben;*) das Resultat 
dieses spontanen Konkurrenzkampfes mußte deshalb nor- 
maler Weise ein mehr oder minder ausgesprochener Misch- 
wald sein. 

Das ist denn auch an den deutschen Wäldern im älteren 
Mittelalter deutlich zu erkennen. Die Nadelholzgebiete waren 
vielfach mit Laubhölzem, besonders Eichen und Buchen, 
durchsetzt, während anderseits Fichten- und Kiefernwal- 
dungen sich teilweise im Herzen der Laubwaldgebiete 
behaupteten. Im Schwarzwald zogen die Laubhölzer in 
zahlreicher Schar die Täler aufwärts, nicht selten bis auf 
die Höhen des Gebirges, imd auf den Ebenen Ostdeutsch- 
lands gab es neben und zwischen den herrschenden Kiefem- 
oder Fichtenwäldern auch ausgedehnte Eichenwaldungen; 
anderseits drangen die Nadelhölzer bis weit in das Laub- 
waldgebiet des Neckarlandes vor, und das nordwestdeutsche 
Tiefland wies selbst während des Maximums der Laubholz- 
herrschaft immer doch Enklaven von Fichten- und Kiefern- 
beständen auf. Und so war es überall. Die verschiedenen 
Gebiete waren nicht schroff gegeneinander abgegrenzt, und 
die Wälder innerhalb eines einzelnen Gebietes zeigten meist 
wieder eine Mischung mannigfacher Holzarten. 

Im Lauf des Mittelalters aber vollzog sich allmäh- 
lich ein überall bemerkbarer Umwandlungsprozeß, der auf 
die Verdrängung der Nadelhölzer aus dem Innern 
der Laubholzgebiete und eine Ausbreitung der 
Laubwälder hinaus lief. Dieser Vorgang liegt nicht in 
klimatischen Änderungen und nur zum Teil in dem natür- 
lichen Konkurrenzkampf der Bäume begründet: er ist vor- 
nehmlich eine Folge menschlicher Raubwirtschaft 
gewesen. 

Es ist klar, daß diejenigen Baumarten, die in einer 
Gegend in der Minderzahl vorhanden waren, sofern sie 
W>erhaupt als Bauholz u. dgl. Wert hatten, der Ausrottimg 
durch die menschliche Kultur am ersten zum Opfer fallen 



*) Vgl. auch Hausrath Verbreitung d. wichtigsten einheim, Waldb. 626. 



260 $. Kap. Die Waldbftume Deutschlands z. Römerzeit u. im frühen Mittelalter. 

mußten. Bei den Nadelhölzern kam noch erschwerend 
hinzu, daß sie sich nicht durch Stockausschlag vermehren 
können; außerdem galten im Mittelalter Nadelwälder, weiL 
sie keine Mastnutzung imd Weide gewährten imd nur weiches 
Holz lieferten, für weniger rentabel als Laubwälder, so daft 
man da, wo man wirklich zur Wiederaufforstung schritt, 
wohl in der Mehrzahl der Fälle den letztem den Vorzug- 
gegeben haben wird, außer etwa im Schwarzwald, wo die 
Bewohner frühzeitig von dem Ertrag des Holz- und Harz- 
handels und der Flößerei lebten. 

So bildete sich denn allmählich eine verhältnismäßig 
scharfe Abgrenzung zwischen Laub- imd Nadelholzgebieten 
heraus, die in den Klima- und Bodenverhältnissen nur teil- 
weise ihre natürliche Begründung findet. In den bewohnten 
Gegenden wurden die Nadelhölzer ausgerottet, und der 
Laubwald herrschte absolut. 

Aus dieser Tatsache erklärt sich die eigentümliche Er- 
scheinung, daß imter den Bäumen, die in Ortsnamen auf- 
treten, die Laubhölzer bei weitem überwiegen. Unter 6905 
Ortsnamen Deutschlands, Deutsch -Österreichs und der 
deutschen Schweiz, die von Baumnamen hergeleitet sind, 
stammen nach einer Zusammenstellung Edmund von Bergs*) 
6115 von Laubhölzern und nur 790 von Nadel- 
hölzern. 

Selbst in Gegenden, wo heutzutage der Nadelwald 
durchaus vorherrscht, überwiegen in den Ortsnamen bei 
weitem die Laubbäume. So stehen im Königreich Sachsen 
nach V. Berg (S. 147) 93 Ortsnamen mit Laubhölzem nur 
22 mit Tanne und Fichte gegenüber, und in der Mark 
Brandenburg gar kommen auf 139 Ortsnamen mit Laub- 
hölzem nur 4 mit Tanne! 

Dabei ist allerdings die schon einmal (S. 167) berührte 
Tatsache zu beachten, daß die Laubhölzer meist größere 
Ansprüche an den Boden machen als die Nadelhölzer, so 
daß ihr natürliches Verbreitungsgebiet in der Regel mit dem 



*) Gesch, d, deutschen Wälder 145. 



vm. Wechsel der Holzarten des deutschen Waldes in historischer Zeit. 251 

auch von der menschlichen Kultur bevorzugten Gelände zu- 
sammenfallen wird. Anderseits machte der Mangel an Mast- 
nutzung, Weidegelegenheit und jagdbarem Wild, Dingen, die 
im Mittelalter eine so große Rolle spielten, die Nachbarschaft 
der Nadelwälder für menschliche Niederlassungen weniger 
geeignet Wir werden deshalb ein Überwiegen der Laub- 
hölzer in den Ortsnamen von vornherein zu erwarten haben, 
und aus dem Fehlen von Ortsnamen mit Nadelhölzern in 
einer Gegend ist noch nicht mit absoluter Sicherheit zu 
schließen, daß dort überhaupt keine Koniferen vorkamen. Gibt 
es doch Fälle, wo Nadelhölzer tatsächlich lange Zeit die 
herrschenden Holzarten eines größeren Bezirks waren, ohne 
daß das Überwiegen derselben sich in den Ortsnamen 
widerspiegelte. Das gilt zB. von höheren Gebirgen, die, 
wie der Schwarzwald, in ihren unbewohnten obern Re- 
gionen durchweg mit Nadelwäldern bedeckt sind und auch 
im Mittelalter bedeckt waren, während in den breiteren 
Talern, auf die sich die menschlichen Niederlassungen der 
alteren Zeit ausschließlich beschränkten, die Laubbäume 
vorherrschten, weshalb in den Ortsnamen die letztem natur- 
gemäß den Vorrang haben werden. Aber da mit dem 
Fortschreiten der Besiedelung der Mensch doch auch in 
die Nadelwaldungen vordringen mußte, so beweist das 
ungeheure Übergewicht der Laubhölzer in den deutschen 
Ortsnamen allerdings zweifellos, daß im Mittelalter, wo die 
meisten dieser Namen entstanden sind, im größten Teil 
Deutschlands die Laubwälder entschieden dominierten. 

Vordringen der Nadelhölzer in der Neuzeit. Im 
Gegensatz zu dieser Vorherrschaft der Laubhölzer während 
des Mittelalters bahnt sich dann im 15. Jahrhundert ein 
Umschwung zu Gunsten der Nadelhölzer an. Der 
Beginn dieser Wandlimg fällt mit dem ersten Einsetzen 
dner rationellen Forstwirtschaft zusammen. Schon 1368 
waren in Nürnberg, dem Zentrum eines uralten Kiefem- 
gebiets, die ersten Nadelholzsaaten ausgeführt worden. 
Von dort wurde die neue Kirnst 1423 nach Frankfurt am 
Main und im letzten Viertel des 15. Jahrhimderts nach der 



252 5- ^P* ^i^ Waldbäame Deutschlands z. Römerzeit n. im frühen Mittelalter. 

Rheinebene übertragen. In Norddeutschland ist die Mark 
Brandenburg, gleichfalls ein altes Kiefemland, seit dem 
16. Jahrhundert ein Mittelpunkt für die Verbreitung der 
Nadelholzkultur geworden. Von hier wurden 1595 die ersten 
Nadelholzsamen nach Holstein geliefert, und branden- 
burgische Fürsten waren es, die mit der Aufforstung der 
weiten Heideflächen zwischen Elbe imd Ems durch Kiefern- 
wälder den Anfang machten. Die hannoversche Regierung, 
die selbst schon seit längerer Zeit vom Harz aus die 
Kultur der Fichte zu verbreiten bestrebt war, hat dann 
später die Aufforstung der nordwestdeutschen Heideländer 
nfüt Kiefemwaldungen in großem Maßstabe zur Durch- 
führung gebracht.^) Und so sind die Nadelhölzer im Lauf 
der Neuzeit in viele Gegenden eingeführt worden, wo sie 
vordem ganz oder fast ganz imbekannt waren. 

Die verschiedenartigen Ursachen, welche zu dieser 
Bevorzugung imd zum schließlichen Siege des Nadelholzes 
führten, sind von Hans Hausrath*) eingehend erörtert 
imd auch von uns oben S. 169 f. kurz zusammengestellt 
worden. Das Ergebnis dieser andauernden, ja steigenden 
Begünstigung der Nadelhölzer in den letzten 4—5 Jahr- 
himderten ist gewesen, daß das Nadelholz nicht nur seine 
alten Stützpunkte, mit denen es in die Geschichte eintritt, 
bis in die Gegenwart imverändert behauptet, sondern daß 
es auch weite Gebiete neu hinzu erobert hat, die noch 
gegen Ausgang des Mittelalters unbestrittene Domänen des 
Laubholzes waren. 

So ist es gekommen, daß heute zwei Drittel des 
deutschen Waldes auf Nadelhölzer entfallen, während im 
Mittelalter ein ähnlich großer Prozentsatz vielmehr dem 
Laubholz zukam. 

Und während die neuere Forstwirtschaft im einzelnen 
bis vor kurzem die Neigung hatte, die Mischwälder einzu- 



«) Vgl. oben S. i68 f. i86. 206. 

•) In seinen Vorträgen Üder das Vordringen der Kiefer und über 
den Wecksei der Holzarten im deutschen Walde, 



fm. Wechsel der Holzarten des denUchen Waldes in historischer Zeit. 253 

sdiranken und durch einheitliche Bestände zu ersetzen, wie 
sie für die deutschen Wälder in ihrer überwiegenden Zahl 
beute charakteristisch sind, hat sie durch das Eindringen 
der Nadelhölzer in das Innere der ehemaligen Laubwald- 
bezirke die Einheitlichkeit der alten Waldgebiete im großen 
gestört und ihre Grenzen vollständig verwischt. 



Sechstes Kapnd. 

TJic forstliche Flora Altenglands in angelsächsische 

Zeit. 

Literatur. H. C. Watson CybtU BrüanmUa; in- BriHsh Plant 
and tfuir Geographicai Rdatiams. Vols. 1—3. London 1847— 5^ 
Derselbe A Compenäium of tke CjbeU Britamäca; or BriHs 
Planis in their Geographicai Relatüms. London 1870. Giemen 
Rcid The Origin of the British Flora. London, Dulau & Co. 1891 
William Turner The Names of Herbes. A. D. 1548. Ed. b 
James Britten. (English Dialect Society 34.) Londoi 
Trflbner & Co. 1881. J. Britten and R. Holland A Dietianm 
of English Plant-Names. (Engl. Dialect Soc. 22. 26. 45.) Londo 
1878—86. J. Hoops Ober die altenglischen Pflamzenmamen. Disser 
Frei bürg i. Br. 1889. 

lilncm Deutschen, der auf den Britischen Inseln reis 
wird als ein Hauptunterschied in dem Charakter de 
brilischen Landschaft von dem der deutschen der faj 
völlin^e Manj«:el an größeren Waldungen auffallen. Di 
WUldor sind im heutigen Großbritannien imd Irland bis ai 
verschwindende Reste ausgerottet. Aller brauchbare Grün 
und Hoden ist zu Acker- und Weideland verwendet; ds 
zwischen dehnen sich vielerwärts, namentlich in Ostenglan< 
im westlichen und nördlichen Schottland und in Irlan« 
weite Moor- und Heidegebiete aus; die Berge aber, i 
Deutschland überall die Hauptdomäne des Waldes, sin 
fast ausnahmslos kahl. Eine eigentliche Forstkultur gil 
es in Mn^jland immer noch nicht, so sehr sich zweifellc 
eine rationelle Aufforstung in vielen Gegenden lohnen würd 
Nur hie und da sind schtichteme Ansätze dazu bemerkba 

Daß auch auf den Britischen Inseln ursprünglich au 
godehntere Waldungen vorhanden waren, ist sicher. D 



I. Laubhölzer. 255 



Urkunden, Chroniken, Dichtungen, Überlieferungen und 
Ortsnamen, sowie pflanzengeographische Tatsachen bieten 
zahkeiche Zeugnisse dafür. Aber es wäre verkehrt, wenn 
wir uns diese altenglischen Wälder nach dem Muster 
unsrer heutigen deutschen Forste vorstellen wollten. Wir 
sind in Deutschland an den Anblick von Waldungen mit 
vorm^end einheitlichen Beständen gewöhnt — eine Folge 
unsrer Jahrhimderte alten Forstkultur. Die Reste von wirk- 
lichen Urwäldern, die wir in Deutschland noch haben, 
lehren uns aber, daß die Wälder in älterer Zeit, wie schon 
mehrfach betont, überwiegend gemischte Bestände hatten. 
Die verstreuten Gehölze, die auf den Britischen Inseln noch 
erhalten sind, zeigen gleichfalls fast durchweg dies Gepräge. 
Nur wo die Forstkultur regulierend eingriff, hat sich auch 
hier das Aussehn des Waldes verändert und einheitlicher 
gestaltet. Wir werden uns deshalb die Forste, in denen 
Robin Hood und seine Gesellen umherstreiften, in denen 
Rob Roy seine Zuflucht suchte, als ausgedehnte Wald- 
flächen mit einem bunten, regellosen Gemisch der ver- 
schiedensten Baumarten vorzustellen haben, wie wir sie 
heute namentlich noch in verschiedenen Gegenden Schott- 
lands finden können. 

Die forstliche Flora Altenglands war in ihrem Bestand 
an Holzarten von der des heutigen Englands nicht wesent- 
lich verschieden. Das beweisen die prähistorischen und 
archäologischen Holzfunde, das beweisen auch die Orts- 
namen und die Markbeschreibungen der Urkunden, in denen 
die Bäume eine wichtige Rolle spielen. 

I. Laubhölzer. 

Von Laubbäumen fanden die Angelsachsen bei ihrer 
Einwanderung vor: Eiche (Quercus; äc\ Buche {Fagtis; 
^^&, böc), Birke {Betula; bercy bir£e)y Weide {Salix spec; 
'^Hgf welig) und Salweide {Sal.caprea; sealh\ Erle (Alnus; 
^^^), Esche {Fraxinus; (esc), Espe [Populus Iremula; cespe), 
^de [Tilia; lind), Ulme (beide Arten, Ulmus campestris L.: 



266 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

elm, ulmtreow, und U. montana Sm.: wiie\ Feldahom 
{Acer campestre; mapuldor), Vogelbeere (Sorbus aucuparua, 
L.; cwicbeam), Holzapfelbaum {Pirus malus L. silvestris; 
appelßortij wudu-ceppel). 

Von wildwachsenden Büschen gab es im alten Eng- 
land: Holunder (Sambucus nigra; eilen), Hartriegel {Cornus 
sanguinea; gätetreow), Spindelbaum {Evonymus europaeus; 
wananbSam\ Faulbaum (Rhamnus frangula; fületretyw^ 
lüsporn), Stechpalme {Hex aquifolium; holen), gemeiner 
Schneeball {Viburnum opulus; hundescwelcan)^ wolliger 
Schneeball ( Fift«r««w lantana; cofantr^ow, hwitingtreow), 
Weißdom {Crataegus oxyacantha; hcegßorn, weocanpom\ 
Schlehdom {Prunus spinosa; slähßorn), Himdsrose {Rosa 
canina; heopbrentel, brctr), Brombeere {Rubus fruticosus\ 
bremel etc.), Himbeere {Rubus idaeus; hindbrer, heortbrer), 
Stachelbeere {Ribes grossularia; ßefanßorn), Stechginster 
{Ulex; gorst, fyrs), Besenginster {Sarothamnus ; bröm\ 
Mäusedom {Ruscus; cneowholen); in Moorgegenden Gagel 
oder Porst {Myrica gale; gagel). Von gestrüppartigen 
Stauden seien noch die Heide {Erica; hctfi) und Heidel- 
beere {Vaccinium; hütpberige) erwähnt; femer Famkräuter 
{fearn\ von denen man schon verschiedene Sorten {eofor- 
fearn, fenfearn, ßcet micle fearn) unterschied. 

Von Schlinggewächsen sind zu nennen: Efeu 
{Hedera; ifig\ Geisblatt {Lonicera; kunigsüge). Winde 
{Convolvulus ; wißowinde, wudubinde), bittersüßer Nacht- 
schatten {Solanum dulcamara; celfpone) und Zaimrübe 
{Bryonia dioica; hundescwelcan, hwit wingeard). Auf den 
Eichen endlich schmarotzte die uralt heilige Mistel {Viscum 
album L.; mistel). 

Nur die sicher bezeugten Bäume und Sträucher sind 
hier aufgeführt; es kommen aber noch manche andere 
wildwachsende Arten hinzu, deren alte Namen uns nicht 
überliefert sind. So sind zB. außer der Schlehe {Prunus 
spinosa) auch Reste der Vogelkirsche {Prunus avium L.), 
Traubenkirsche {Pr. padus L.) und Zwetsche {Prunus 
domestica L.) in postglazialen Mooren und Süßwasser- 



n 



I. Laubhölzer. 257 



ablagerungen in verschiedenen Gegenden Großbritanniens 
fossil gefunden worden. Die Vogelkirsche ist in den Mooren 
von Crossness in Essex und von Gayfield bei Edinburgh 
nachgewiesen; die Traubenkirsche bei Weymouth in Dorset, 
in Northampton, in Sand le Meer (Yorkshire) und in Halles 
bei Edinburgh ; die Zwetsche bis jetzt nur in Crossness, und 
zwar in einer Schicht, die unter dem römischen Stratum 
liegt.*) Alle drei Bäume sind also augenscheinlich schon 
in prähistorischer Zeit auf den Britischen Inseln spontan 
gewachsen. Die Vogel- imd die Traubenkirsche kommen ja 
auch sonst in Nordeuropa wildwachsend vor, die Zwetsche 
aber ist bislang nur in Südfrankreich von Piette aus 
paläolithischer Zeit nachgewiesen worden,'*) so daß ihr 
Auftreten in England bemerkenswert ist. Die einheimischen 
Benennungen der Vogelkirsche und Zwetsche sind später 
offenbar durch die römischen Namen der entsprechenden 
Kultursorten verdrängt worden und uns nicht erhalten. In 
den Mooren von Crossness in Essex ist außerdem Holz 
des Birnbaums iPirus communis L.) aus der vorrömischen 
Schicht zu Tage gekommen.') 

Auffallend ist das Fehlen einer Benennung für die 
Hainbuche (Carpinus betulus L.) in altenglischer Zeit. 
Der Baum ist heute in Essex, Sussex und andern südöst- 
lichen Grafschaften sehr häufig, kommt aber im New 
Forest in Hampshire nur sporadisch in der Nähe der 
Häuser und Dörfer vor, und ähnlich ist es im übrigen 
England: im Norden ist er sicher nicht heimisch, und auch 
in den meisten mittleren Grafschaften scheint er wirklich 
wildwachsend nicht aufzutreten.*) Aus prä- und interglazialer 
Zeit haben wir Belege für das Vorkommen des Baumes in 
Suffolk; in postglazialen Schichten ist er bis jetzt fossil 
nicht nachgewiesen. '^) Die bislang nicht beachtete Tat- 



*) Reid Origin of the British Flora 114. 64. 70. 73. 83. 87. 96. 

•) L' Anthropologie 7, 15 (1896). 

*) Reid aaO. 119. 

*) Watson Cybele Brit, II 378 f. III 506 f.; Compend, 311. Reid aaO. 16. 

*) Reid aaO. 75. 144. 

Roopt, Waldblume u. Kulturpflanzen. 17 



258 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

Sache, daß ein ang:elsächsischer Name für die Hain- 
buche fehlt, während wir sonst eine so große Anzahl 
von Baumnamen aus jener Periode erhalten haben, scheint 
mir stark daftlr zu sprechen, daß der Baum dem angel- 
sächsischen England entweder noch ganz fremd oder 
doch auf ein verhältnismäßig kleines Areal im Südosten 
beschränkt war. 

Sicher nicht vorhanden war, trotz des angelsächsischen 
Namens corntreow, die Kornelkirsche (Cornus mas L.), 
die auch prähistorisch nicht nachgewiesen ist und noch 
heute in England wie in Norddeutschland fehlt. Wenn Ald- 
helm*) sagt: 

Ut flos flavescens scandit de cortice corni 
Temiiore vernali, 

so hat er den Baum jedenfalls in Frankreich oder Italien 
kennen gelernt, ebenso wie die gleich darauf von ihm ge- 
nannte Dattelpalme. In der mittelenglischen Literatur wird 
die Kornelkirsche, soviel ich sehe, nirgends erwähnt; und 
im Jahre 1548 schreibt Turner:*) The male of thys kynde 
(Cornus) haue I sene offen in Germany, btit neuer yet in 
Englande, Auch heute ist sie, außer in Anlagen, daselbst 
imbekannt. 

Wie Reid-*j zu der Annahme kommt, daß die Roßkastanie 
{Aesculus hippocastanum L.) schon zur Römerzeit in Bri- 
tannien eingeführt sei, begreife ich nicht ; der Baum ist doch 
nachweislich erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 
aus Konstantinopel über Wien nach Mittel- und Westeuropa 
gelangt.*) 

Von den Bäumen, die oben als im angelsächsischen - 
England heimisch aufgeführt wurden, erheischen einige in -i 
geschichtlicher und geographischer Hinsicht eine näherem 
Besprechung. 



•) De Laudibus Virginum, ed. Giles, 140, 35. 

•) The Names of Herbes. S. 30. ^) OHgin of thc British Flora i 

*) Vgl. Hehn Kulturpflanzen u, Haustiere^ 385 = »393. Lagarde Mi 

teilungen III 213 f. (1889). v. Fischer-Benzon Altd, Gartenflora 159 (1894 

Globus 66, 324 (Nov. 1894]. 



I. Laubhölzer. 259 



Der vornehmste Charakterbaum der altenglischen Land- 
schaft war jedenfalls, wie noch im heutigen England, die 
Eiche» die überall bis nach dem Norden Schottlands hinauf 
verbreitet war und bei zahlreichen Ortsnamen Gevatter ge- 
standen hat 

Die Eiche muß in den Wäldern Altenglands um so 
mehr in den Vordergrund getreten sein, als ihr großer Neben- 
buhler in Deutschland, die Buche, auf den Britischen Inseln 
von jeher nur eine untergeordnete Stellung eingenommen 
hat Zwar Caesars Angabe {Bell. Galt, 5, 12), daß die 
Buche in England fehle, beruht sicher auf Irrtum. Sie ist in 
fossilem Zustande in neolithischen Schichten zu Southampton, 
Crossness in Essex und im ostenglichen Fen-Distrikt nach- 
gewiesen.^) 

An der erstgenannten Fundstelle, in den Docks von 
Southampton, fanden sich die Buchenreste in einem Moor- 
bett unter dem Meeresspiegel, das auch neolithische Ge- 
rätschaften enthielt; bei Crossness lag die betreffende Fund- 
schicht unter dem römischen Stratum. Und da die Buche 
in der angelsächsischen Periode wiederholt in Urkunden 
auftritt und, wenigstens in Südengland, duichaus den Ein- 
blick eines alteinheimischen Baumes macht, ist sie sicher 
auch zur Römerzeit vorhanden gewesen und nur Caesars 
Beobachtung entgangen. Die herrschende Ansicht von dem 
Ursprünglichen Fehlen der Buche auf den Britischen Inseln, 
die auch auf Krauses pflanzengeographischer Karte im 
Globus 62, 164 (1892) zur Darstellung gelangt, ist demge- 
niäß zu berichtigen. 

Doch hat die Buche in England nie die Verbreitung 
^d Bedeutimg als Waldbaum erlangt wie in Deutschland 
^d Dänemark. Watson^) bemerkt zwar, er sei überzeugt, 
^ sie im Süden Englands, in den Grafschaften Hampshire 
^d Sussex, sicher, und nicht unwahrscheinlich auch in viel 
%dlicher gelegenen Grafschaften, wie in Staffordshirc und 
Cheshire, heimisch sei, aber er findet es unmöglich, deut- 

*) Reid aaO. 64. 69. 90. 146. 

*) Watson Cyde/e Brit. II 377 f.; Compcnd, 311. 

17* 



260 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

lieh ZU unterscheiden, wo sie wildwachsend und wo nur 
angepflanzt vorkomme. In Schottland ist sie zweifellos nicht 
ursprünglich zu Hause.*) Es ist auch kein Zufall, daß die 
Buche in der englichen Poesie gar keine Rolle spielt: in den 
sämtlichen Dichtungen Shakespeares, Miltons, Byrons ge- 
schieht ihrer nirgends Erwähnung. 

Auffallend ist, daß die Linde {Tilia) bisher auf den 
Britischen Inseln nirgends fossil hat nachgewiesen werden 
können. Reid (aaO. 16) schließt daraus, daß sie erst durch 
die Römer nach England gebracht worden sei. Aber die 
Linde tritt in den Markbeschreibungen der Urkunden und 
in den Flurnamen aus angelsächsischer Zeit so häufig imd 
in solcher Verbreitung auf, das man durchaus den Eindruck 
eines alteingebürgerten Baumes bekommt. Besonders be- 
weisend sind in dieser Hinsicht eine Anzahl von Flurnamen: 
lind'bröc "Lindenbruch wald", lind-burne 'Lindenbrunnen', 
lind-feld 'Lindenfeld*, Und-ford 'Lindenfurt', lind-hök 
•Lindeneck', lind-hrycg 'Lindenbühl', lind-hyrst 'Linden- 
horsf, lind-leah 'Lindenloh*, lind-öfer und lind-öra 'Linden- 
ufer*, lind'Wyrpe 'Lindenfeld* (?) ua. Sie zeigen, daß der 
Baum durchaus nicht auf die Nähe der Häuser und Dörfer 
beschränkt war, sondern überall wuchs. Die Urkunden, in 
denen die Linde vorkommt, erstrecken sich über die ganze 
altenglische Periode; die darin beschriebenen Grundstücke 
gehören den Grafschaften Kent, Sussex, Hampshire, Wiltshire^ 
Gloucestershire, Worcestershire, Warwickshire, Staffordshire 
und Yorkshire an, liegen also über ganz England verstreut. 
Ich glaube, daß jeder hieraus wohl den Eindruck gewinnen 
wird, daß wir es mit einem alten, bodenständigen Wald- 
baum zu tun haben. Das Fehlen der Linde in den Torf- 
mooren dürfte also auf Zufall beruhen. Hinsichtlich der 
Spezies kann wohl nur die kleinblättrige Linde {Tilia 
/>arz;j^oraEhrh.) in Frage kommen,da nach Watson*) nur diese 
heute den Eindruck einer wirklich einheimischen Art macht. 

*) Anscheinend auch in Nordengland (Yorkshire) nicht. Vgl. W. 
G. Smith, Geogr. Journal 22, 172 (Aug. 1903). 

«) CyheU Brit. I 243 f. HI 39». Compend, 128. 



I. Laubhölzer. 261 



Von Ulmenarten haben wir bisher noch keine ganz 
sicher bestimmbaren und datierbaren prähistorischen Funde 
aas postglacialer Zeit auf den Britischen Inseln.*) Heute 
kommt nach Watson*) sowohl Ulntus campestris L. als 
auch U. montana Sm. in England wildwachsend vor. Daß 
dies auch schon in altenglischer Zeit der Fall war, beweist 
das Vorhandensein der beiden Namen elm und wJ(e, die 
in Glossen, Rezepten und Urkunden häufig auftreten. Beide 
Namen sind uralt: elm ist allen europäischen Indogermanen 
mit Ausnahme der Griechen eigen und bezeichnet tiberall 
die Gattung Ulmus; wKe ist dem Germanischen mit dem 
Slavischen und Albanesischen gemeinsam, vgl. alban. vi^, 
vibi m. *Ulme"; russ. vja^ü m., poln. wiq^y osorb. vj'cw^ 
nsorb. vjes 'Bergrtister, -ulme*;') es scheint von jeher 
speziell die Bergulme bezeichnet zu haben. Diese Bedeu- 
tung hat es auch im Niederdeutschen, wo es als wieke, 
steckwieke, bastwiecke, wieiser erscheint,*) sowie im Neu- 
englischen, wo witch, witch elm, witch hasel, witch-wood 
ein verbreiteter Volksname für Ulmtis montana ist.*) Es 
kann danach wohl nicht zweifelhaft sein, daß schon beide 
ülmenarten im angelsächsischen England vorkamen. 

Die Gattung Populus war in Altengland, wie in den 
übrigen altgermanischen Ländern, ausschließlich durch die 
Espe {Populus tremula L.) vertreten; nur diese ist schon 
in prähistorischer Zeit belegt,«) nur ftir sie haben wir einen 
altenglischen Namen. Das heutige englische poplar kommt 
erst in der mittelenglischen Periode, also zur gleichen Zeit 
^e in Deutschland, auf. Da Turner in seinen Names of 



*) Rcid Origin of the Brit. Flora 142. 

*) Cybele Brit. II 373 f.; Compend. 310. 

•) Die slavischen Formen führe ich auf eine Grundform *^in§o- 
'üt Nasalinfix zurück. Näheres über die Etymologie später in meinem 
^ch über die Pflanzennamen der Angelsachsen. 

*) Nemnich Polyglotten-Lexikon d. Natgesch. II 1521. Pritzel-Jessen 
l^ deutsch. Volksnamen d. Pflanzen 419 f. 

■) Britten-HoUand Dict.of Engl. Plant-Names 168. 247. 496. 501. 542. 

•) Reid aaO. 150. 



262 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

Herbes von 1548^) sagt, daß poplar für sich allein c 
Schwarzpappel bedeuten könne, was durch Zeugnisse a 
den heutigen englischen Dialekten*) bestätigt wird, so düri 
die Grundbedeutung von me. popultrc, populertre *Schwai 
pappel* gewesen sein. Dadurch wird die gleiche Bedeutui 
auch für den mittelhochdeutschen Namen popel wahrschei 
Uch (vgl. oben S. 231). 

Von ^c(Tr- Arten ist nur Acer campcstre L., der Fei 
ahorn oder Maßholder, in England alteinheimisch: er tr 
schon prähistorisch in den Mooren von Crossness in EsS' 
auf.') Acer pseudoplatanus L., der Bergahom, ist in ne 
erer Zeit vom Kontinent eingeführt und vielfach verwildei 
Acer platanoides L., Spitzahorn, Lenne, auf dem Festlai 
eine der verbreitetsten Ahomarten, fehlt auf den Britisch« 
Inseln ganz.*) Die beiden letzteren Spezies sind auch 
prähistorischen Funden bis jetzt nicht nachgewiesen.^) D 
alte Name des Spitzahorns, ae. hlln = ahd. IhnboNm, geri^ 
weil der Baum selbst in England fehlte,*^) bei den Ang< 
Sachsen allmählich in Vergessenheit; er ist nur noch einm 
in der Poesie belegt und da natürlich als Feldahom : 
verstehn, die einzige Ahornart, die den Angelsachsen t 
kannt war. 

Zweifelhaft ist das Indigenat des Buchsbaums {Bux: 
sempervirens ; box) auf den Britischen Inseln.®) Victor Heh 

») S. 64 f. in der Ausgabe der English Dialect Society : Po^ 
is 0/ two kyndes, the fyrstc kytide is called in grceke Laue, in la 
Populus alba, in cnglishc whytc Popler or white Esptrce, in duck v 
sarbach, Thys kynde is commufie about the bankes 0/ the floude Päd 
The seconde kynde is called in Greeke Argeiros [sie], in englishe alone 
popler, or an Asp tree, or a b lacke poplcr. 

«) Britten-Holland aaO. 386. ») Reid aaO. 113. 

*) Watson Cyb. Brit. I 254 ff.; Comp. 132. 494. Willkomm For 
Flora* 752. 760. 767. 

*) In der kontinentalen Heimat der Angelsachsen kam der Bai 
vor; vgl. oben S. 182 f. 

•) Ober die Heimat u. geographische Verbreitung des Buc! 
baums vgl. Hehn Kulturpfl. u. Haustiere^ 224 ff. = ^227 ff. u. Englers 1 
merkungen dazu «230 f. = '233 f. Willkomm Forstl. Flora* 803. Wats 
Cybele Brit. II 366; Compend. 558. 



I. Laubhölzer. 263 



^%iisicht, daß der Buchsbaum aus Kleinasien nach Griechen- 
land und von da weiter nach Westeuropa gelangt sei, ist 
^^cher falsch. Hehn hat hier, wie auch sonst oft, die Her- 
■funft der kulturellen Verwendung irrtümlich mit der Heimat 
^er Pflanze selbst zusammen geworfen. Der Buchsbaum 
"ist im ganzen europäischen Süden von der Türkei bis nach 
Portugal heimisch; auch in Südtirol, in der Westschweiz, 
den Seealpen und in der Dauphin^ wachst er wild und 
bedeckt oft als Charakterpflanze ganze Bergabhänge. Nord- 
wärts dehnt sich sein Gebiet bis in das Elsaß, Oberbaden, 
ins Moseltal und in die Ardennen aus. So sind zB. im Esch- 
bachtal bei Freiburg i. Br., zwischen dem Dreisamtal und 
St. Peter, viele Morgen Landes mit Buchsbaum bedeckt. 
Ob der Strauch auch in diesen Gegenden ursprünglich 
spontan wuchs oder durch die Kultur eingeführt und ver- 
wttdert ist, läßt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Engler 
weist darauf hin, daß der Buchsbaum zur Tertiärzeit in Europa 
heimisch war, und dass er fossil in Gesellschaft der Ficus 
carica in Tuffen bei Paris und an andern Orten Frankreichs 
aus der Quartärzeit gefunden ist; doch ist dies für unsere 
recente Erdperiode von keiner großen Beweiskraft; wie 
Ficus carica sind auch viele andere Pflanzen durch die 
Eiszeit aus Nordeuropa verdrängt worden. In den Pfahl- 
bauten hat man bis jetzt kein Buchsbaumholz gefunden; 
auch der gänzliche Mangel alteinheimischer Namen für den 
Strauch in den nordeuropäischen Sprachen ist beachtens- 
wert, obschon nicht beweisend; auffallend ist endlich, daß 
der Buchsbaum heute nirgends außerhalb der Grenzen des 
alten römischen Reiches wildwachsend vorkommt. Das 
scheint doch mehr für Einführung durch die Römer zu 
sprechen. 

In England wächst er in der Grafschaft Surrey wild, 
sonst ist er dort selten und macht kaum den Eindruck einer 
alteinheimischen Pflanze.*) Und da er bis jetzt auch in den 
Mooren und an andern prähistorischen Fundstellen auf den 



•) Watson Cybele Brit. 11 366; Compend. 558. 



264 6. Kap. Die forstliche Flora AltcDglands in angelsächsischer Zeit. 

Britischen Inseln nirgends nachgewiesen werden konnte, 
so ist er aller Wahrscheinlichkeit nach in geschichtlicher 
Zeit aus dem Süden nach England eingeführt. Doch muß 
dies schon zur Römerzeit geschehen sein; denn lautliche 
Erwägungen lehren uns, daß die Angelsachsen den Strauch 
nebst seinem romanischen Namen jedenfalls lalsbald nach 
ihrer Niederlassung in Britannien kennen lernten. ») In 
angelsächsischer Zeit tritt er wiederholt in Urkunden auf, 
zum Teil in Kompositis wie Box-öra^ Byx-lea, die auf 
Verwilderung schließen lassen. Doch ist sein Vorkommen 
auf die südlichen Grafschaften (Kent, Hampshire, Berkshire) 
beschränkt. 

Die technische Verarbeitung des Buchsbaumholzes in 
der Drechslerei haben die Völker des Nordens zugleich mit 
dem Namen von den Römern angenommen, die ihrerseits 
beides von den Griechen ererbt hatten. Möglich, daß die 
technische Verarbeitung letzten Endes aus dem Orient 
stammt.*) 

Während der Buchsbaum oder wenigstens die Buchs- 
baiuntechnik zur Römerzeit in Britannien bekannt wurde, 
ist der Krautholunder {Sambucus ebulus; ae. wealwyrt, 
ellenwyrt, eofole) aller Wahrscheinlichkeit nach im Lauf 
der angelsächsischen Periode vom Festland neu eingeführt 
worden. Die Pflanze, die als Brech- und Purgiermittel noch 
drastischer als Sambucus nigra, der eigentliche Holunder, 
wirkt,^) ist in südlicheren Gegenden heimisch. Sie ist auf^^ 
den Britischen Inseln prähistorisch nicht nachgewiesen und^ 
wird von Watson*) auch heute nicht als wirklich spontan.;^ 



') Vgl. dazu Pogatscher Zur Lautlehre d. griech., latein. u. roman 

Lehnw. im Altengl. 148. 151 ff. 223 ff. Hoops Alteng l. Pflanzenn, 81 fiLI^ 
Schrader bei Hehn • 232 = ' 235 f. ; Reallex, d. indogerm. Altertumskunde 1 19 — 

•) Ober die Kulturgeschichte dieses wichtigen Strauchs, desser^ 
Name in allen europäischen Sprachen an einer grossen Zahl vor^ 
Gerätschaften haftet, vgl. Nemnich Polyglotten- Lexik, d. Natgesch, I 73<^ - 
Hehn Kulturpfl. u. Haustiere^ 224 ff. = '227 ff. nebst Englers u. Schrader^ 
Bemerkungen dazu ^230— 33 = ^235f. Schrader Reallex, 118 f. 

*) Rosenthal Synopsis plantarum diaphoricarum. Erlangen 1862. S.355. 

*) Cybele Brit, II 7 f. Comp. 199. 



I. Lanbhölzer. 265 



in England anerkannt. Der altenglische Name wealwyrt 
•Welschkraut" bestätigt ihre fremde Herkunft; sie war jeden- 
falls wegen ihrer starken offizineilen Eigenschaften ein- 
geführt worden. Wenn in Norfolk, wo die Klanze heute 
Danewort oder blood hilder heißt, das Volk sich erzählt, sie 
sei von den Dänen übers Meer gebracht tmd von ihnen auf 
die Schlachtfelder und die Gräber ihrer erschlagenen Lands- 
leute gepflanzt worden,*) so schimmert hier vielleicht noch 
die Erinnerung durch, daß die Pflanze eigentlich eine fremd- 
ländische ist. Ihre erste Einführung in England verdankt 
äe aber sicher nicht den Dänen: der Name walkwyrt,^) 
der schon in den ältesten Glossaren des 8. Jahrhunderts 
auftritt, zeigt, daß sie von Frankreich nach England kam. 
Auch die früher von mir*) als glaubwürdig bezeichnete Sage, 
daß die Dänen den Krautholimder auf die Schlachtfelder 
und die Gräber der Gefallenen gepflanzt hätten, muß ich 
jetzt aus pflanzengeographischen Gründen bezweifeln: Sam- 
buctis ebulus ist in Deutschland, Dänemark imd Skandi- 
navien ursprünglich nicht heimisch, und die Wikinger haben 
ihn wohl sicher erst in England kennen gelernt. Der Kraut- 
holunder wächst (wie der eigentliche Holunder) mit Vorliebe 
auf Kirchhöfen und unter Ruinen — nach Bromfield,*) weil 
er salpeterhaltigen Boden liebt. Namen wie Dancs^ blood^ 
Daneä flcfwer, Danes' weed aber werden in Ostanglia imd 
Cambridgeshire auch andern Pflanzen beigelegt, die auf 
alten Schlachtfeldern wachsen, zB. Ptilsatilla vulgaris, 
Eryngium campestrej Cantpanula glomerata}) Sehr alt 
sind alle diese Namen nicht. Danewort begegnet zuerst 
W Turner in seinem Libellus von 1538 und seinem Kräuter- 
buch von 1548, die andern sind noch jünger.«) Auch die 



*) Cockayne Saxon Leechdoms etc. London i866. Vol. III, p. XXXII. 
% Britten-Holland Dict. of Engl. Plant-Names p. 142 f. 

") Schrader's Deutung 'Leichen würz' (Reallex, 376) ist unmöglich. 

*) Die altengl. Pflanzennamen S. 65. 

*) Bei Watson Cybele Brit, II 7. 

*) Britten-Holland aaO. 142 f. 

•) Vgl. Murrays New Engl. Dict. III 26. 



866 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

Tradition, welche diese Pflanzen mit den Dänen verbindet 
ist nach dem New Engl. Dict. nicht viel älter als das 
16. Jahrhundert. 

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß auch der 
wollige Schneeball {Viburnum lantana L.) auf den Bri- 
tischen Inseln aus postglacialer Zeit bisher nicht fossil 
gefunden worden ist. 

II. Nadelhölzer. 

Eine eingehendere Erörterung verdienen die Nadel- 
hölzer.*) Eine auffallende Eigentümlichkeit der heutigen 
englischen Flora ist das fast vollständige Fehlen ein- 
heimischer Koniferenarten. Das Studium der alteng- 
lischen Literatur im Verein mit der Namenforschung und 
der Pflanzengeschichte zeigt uns, daß diese große Lücke 
nicht etwa in historischer Zeit durch Ausrottung allmählich 
entstanden ist, sondern daß sie bereits in der Flora des 
angelsächsischen Englands deutlich erkennbar zu Tage tritt. 

Von den waldbildenden Koniferenarten, die gegen- 
wärtig in Mitteleuropa vorkommen, ist die Lärche {Larix 
europaea DC.) erst in den letzten Jahrhunderten aus den 
Alpen und Karpathen in die nördlicheren Breiten eingeführt. 
Für die angelsächsische Flora fällt sie ganz außer Betracht 

Das Gleiche gilt von der Weiß- oder Edeltanne 
{Abies alba Mill.), deren Nordgrenze, wie wir S. 233 f. sahen, 
noch heute das mittlere Frankreich und Deutschland nicht 
überschreitet. Ihr Gebiet war auch in früherer Zeit nicht 
größer. Auf den Britischen Inseln war sie sicher nie 
heimisch. Materia cuiusque generis ut in Gallia est, praeter 
fagunt atque abietem, sagt Caesar {BG. 5, 12) mit Bezug 
auf Britannien. Der altenglische Name sceppe, der an drei 
miteinander verwandten Glossenstellen lat. abies wiedergibt, 
ist nichts als eine gelehrte Anglisierung des lat sappinus, 
ohne volkstümliche Geltung. Dagegen scheint die Weiß- 



*) Vgl. Willkomm Forstl. Flora^ 78. 118. 143. 201. Engler-PrantI 
Natüri. Pflanzenfamilien U 61 f. Watson Cybele 409; Comp. 319. 



IL Nadelhölzer. 267 



tanne in der späteren mittelenglischen Zeit als Zierpflanze 
aus Frankreich eingeführt worden zu sein; sie wurde als 
fir-tree bezeichnet, und so wird sie noch heute genannt. 
In den Wörterbüchern des 15. Jahrhunderts begegnen wir 
der Glosse abies: fyrre-tre sehr gewöhnlich, ^) während ich 
sie aus früherer Zeit nicht belegen kann. Daß der Baum 
in Gärten gezogen wurde, wird uns für das 16. Jahrhundert 
von Turner ausdrücklich bezeugt: Abies is calied in greke 
Elate, in english a firre tree, in duck Ein dannen, 
in french Sapin; it groweth in the alpes natural ly^ and 
in certeyne gardines plantcd and set by mannes 
hande boeth in Englande and in GermanieJ) Aus 
dieser Notiz geht zugleich hervor, daß die Edeltanne damals 
in England noch selten war. 

Die Rottanne oder Fichte (Picea excelsa Link, Abies 
picea Miller) ist im Osten und Norden unsers Erdteils viel 
allgemeiner verbreitet, als die Weißtanne, dem ganzen nord- 
atlantischen Gebiet dagegen ist sie ebenfalls fremd: in 
Dänemark, an der Küste Nord Westdeutschlands, in den 
Niederlanden, dem belgischen Tieflande, in Nordfrankreich 
und auf den Britischen Inseln ist sie gegenwärtig entweder 
überhaupt nicht heimisch oder nachweislich erst in jüngerer 
Zeit (namentlich seit 1780; durch die Forstkultur eingeführt 
Ähnlich war es schon im Mittelalter. Man hat allerdings 
vermutet, daß die Rottanne (Fichte) ehedem auch auf den 
Britischen Inseln spontan vorgekommen und nur durch den 
vordringenden Ackerbau ausgerottet worden sei. Ich muß 
das entschieden bestreiten. Die Fichte ist zwar in prä- 
glacialer Zeit in England gewachsen, in postglacialen und 
recenten Schichten ist sie nirgends nachzuweisen.*) Sie ist 
eine der Pflanzen, die sich seit der Loslösung der Britischen 



») Wright-Wülker Anglo-Saxon and Old Engl. Vocabularüs 560, 7 
abies : a fyrre. 629, 17 f. abies : vertre. 646, 20 ßiec abies : fyrretre. 716, 16 
hec abies : a fyrre. Prompt. Parvul. 161 b fyr tree : abies. Cathol. Anglic. 
132* a firre : abies. 

») Names of Herbes; a. 1548; p. 7. 

») Reid Origin of the Bril, Flora 99. 151 f. 



268 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

Inseln vom Festlande dort nicht wieder haben einbürgern 
können. Wir haben auch keinen alt- oder mittelenglischen 
Koniferennamen, der sich mit Sicherheit auf die Rottanne 
(Fichte) deuten ließe, und noch 1548 schreibt Turner*): Picea 
is called in greeke as Theodore Gasa turneth, pitys, ana 
after Ruellius peuce, and it is called in duck rotten Dan 
wherfore it maye be called in englishe a red f im 
tree. Also noch damals war nicht nur der Baum in Eng 
land unbekannt, sondern es fehlte auch ein Name für den 
selben, sodaß Turner den deutschen übersetzte. Nach Selb] 
freilich") soll sich in einer Auflage von Turners Buch au! 
dem Jahre 1578, die mir nicht bekannt ist, der Name spruc< 
fir finden, und es scheint allerdings, daß man im Lauf de 
16. Jahrhunderts anfing, Fichtenstämme in größeren Mengei 
aus den Ostseeländem zur Herstellung von Mastbäimiei 
etc. zu importieren, die nach ihrer Herkunft als spruce fi\ 
'preußische Tanne' bezeichnet wurden. Evelyn in seinen 
Buche Sylva; or a Discourse an Forest Trees vom J. 166^ 
(bei Flügel aaO.) sagt: For masts etc. those [sc. firs] fron 
Prussia {which we call spruce) and Norway are tke best 
Den größten Verbreitungsbezirk unter allen europäischer 
Nadelhölzern besitzt die Kiefer (Pinus silvestris L.; ae 
furhwudu^ pintreow): er umfaßt beinahe ganz Europa im( 
einen sehr großen Teil von Nordasien. Die Kiefer fehlt alj 
Waldbaum gegenwärtig im nördlichen Europa nur auf dei 
Dänischen Inseln, in dem nordwestdeutschen Küstenstrich 
in Holland und in dem größten Teil Englands. In Irland tra 
ich bei Killarney und im Bergland von Wicklow ausgedehnte 
Kiefemwaldungen; doch scheinen sie erst in neuerer Zeit an 
gepflanzt zu sein.*) In Schottland ist die Kiefer stets heimiscl 



•) Nantes of Herbes, p. 62. 

•) Hist. of Brit. Forest Trees, bei Flügel Engl.-Deutsck, Worierb 
S. 1389. 

'j Daß die Kiefer in England und Irland gegenwärtig überhaupi 
fehlen, wie E. H. L. Krause in seinem Beitrag zur Kenntnis der Ver- 
breitung der Kiefer in Norddeutschland (Englers Bot. Jahrb. 11, 123^ 
angibt, ist falsch. 



IL Nadelhölzer. 



gewesen und wird darum von den Engländern meist Scotch 
fir genannt Sie wuchs aber in früherer Zeit auch in Eng- 
land spontan. Reste der Kiefer finden sich in den untern 
Lagen der Torfmoore fast tiberall in Großbritannien und 
bland, und die Britischen Inseln scheinen ebenso wie die 
nordischen Länder in älterer postglacialer Zeit einmal eine 
Periode durchgemacht zu haben, wo die Kiefer der herr- 
schende Waldbaum war. Später verschwindet sie aus dem 
Süden Englands, wahrscheinlich, wie in Dänemark, ver- 
drängt durch die vorrückenden Laubhölzer. In angel- 
^«flcbsischer Zeit muß sie in England noch vorgekommen 
^ein; denn in den westsächsischen Arzneibüchern werden 
iäefemzapfen und Kiefernzweige erwähnt.*) Aber eine 
^[Toße Verbreitung kann sie schon im alten England nicht 
gehabt haben. Daß sie jedenfalls im 16. Jahrhundert in Eng- 
land ziemlich selten gewesen sein muß, geht aus Turners 
^Bemerkung hervor: Pin es growe fayrest in gardines. There 
^oweth one fayre one in Richmund^) Ob ihr heutiges 
lialbwildes Vorkommen auf den sandigen Heiden von Surrey, 
Hampshire und Dorset, wie Watson*) meint, die letzte 
Spur ihrer ehemaligen weiteren Verbreitung ist oder, wie 
Rdd*) annnnmt, auf junger Anpflanzung beruht, mag dahin- 
gestellt bleiben. Jedenfalls gedeiht der Baum heute im süd- 
lichen England, ähnlich wie in Nordwestdeutschland, da, 
wo er neuerdings wieder angepflanzt wird, recht gut und 
verbreitet sich schnell durch Sämlinge. 

Einheimisch auf den Britischen Inseln ist femer die 
Eibe (ToxMS haccata L.; ae. fWj eow). Sie wird in post- 
gladalen Torfmooren Englands und Schottlands ziemlich 
häufig fossil gefunden •) und muß auch in historischer Zeit 

•) Rcid Orig. of the Brit. Flora i6. loo. 152. 

') Leeckbook II 24 (Cockayne Saxon Leechdoms II 216, 5) pfntreawes 
P^ gremtn twigu. Ebenda 59, 10 pat man pxntreow bamc to gledum, 
*^nda 2, 2 genim oj pxnknytt XX geclctnsodra cyrnela. 

•) Names 0/ Herbes 62. 

*) CybeU Brü. II 409. 

^ Orig. of the Brit Fl. i6. •) Reid aaO. 151. 



270 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit. 

noch recht verbreitet gewesen sein. Ihr Name begegnet 
gelegentlich in altenglischen Flurnamen. Ob sie, wie früher 
in Frankreich und Deutschland und wie in manchen Ge- 
genden Österreichs noch bis ins 18. Jahrhundert, in England 
einst auch geschlossene Horste bildete, ist unsicher. Infolge 
der Verwendung des Holzes zur Anfertigung von Bögen 
ist der langsam wachsende Baum auch in England im 
Mittelalter allmählich immer mehr ausgerottet worden. Im 
16. Jahrhundert wurden große Mengen Eibenholz aus den 
österreichischen Alpenländem und Karpathen über Danzig 
nach England eingeführt (s. oben S. 240). The beste Ughe 
growetk in the Alpes, schreibt Turner 1548 (aaO. 77 f.). 
Commune Ughe groweth in diuerse partes of Yorke shyre. 
Heute kommt sie auf den Britischen Inseln, wie in Deutsch- 
land, nur selten spontan vor, und nur einige alte Pracht- 
exemplare legen Zeugnis ab von der entschwundenen 
Herrlichkeit dieses ehrwürdigen Baumes. 

Der Wacholder {Juniperus communis L.; ae. cwic- 
bSam\ der im deutschen Volksglauben und Volksmärchen 
eine solche Rolle spielt, ist in England nur in den Mooren 
und Gebirgsgegenden des Nordens häufiger zu treffen; in 
den Südprovinzen findet er sich fast ausschließlich auf den 
Kalkbergen.*) Daher kommt es denn auch, daß ein eigent- 
licher englischer Volksname für diesen Strauch nicht exi- 
stiert, daß man vielmehr auf das Fremdwort juniper^junepre 
angewiesen ist. Schon Turner kennt keinen andern Namen. 
Über das Vorkommen des Wacholders bemerkt er: // 
groweth muche in Germany and in many places of Eng- 
lande also (p. 45). In alt- und mittelenglischer Zeit begegnet 
vereinzelt noch der mit dem deutschen Wacholder^ ahd. 
wehhaltar verwandte, volksetymologisch umgedeutete Name 
cwicbeaniy me. quikentre^) aber die Belege dafür sind so 
vereinzelt, daß man nicht den Eindruck gewinnt, als ob der 
Strauch damals in England eine ähnliche Verbreitung ge- 



») Watson Cybele Brit. II 410 f. 

') Ober die lautlichen Beziehungen dieser Wörter gedenke ich 
andern Orts zu handeln. 



II. Nadelhölzer. 271 



babt hätte wie in Deutschland. Auch fossil ist er bis jetzt 
nirgends gefunden/) 

Der verwandte giftige Sebenbaum {Junipems sahina 
L.; ae. safine) ist als Arzneipflanze frühzeitig aus Italien 
und dem Alpengebiet nach Süd- und Mitteldeutschland, nach 
I^rankreich und England .eingeführt, wahrscheinlich durch 
ciie Mönche. Er wird im Capitulare de tillis Karls des 
Oroßen, sowie in zwei Inventaren kaiserlicher Gärten aus 
clem Jahre 812 erwähnt.*) Nach England gelangte er im 
iL^uf der altenglischen Periode. Daß die Angelsachsen ihn 
offizineil verwandten, zeigt sein häufiges Auftreten in Re- 
zepten. Turner schreibt in seinem Kräuterbuch von 1548 
(S. 69), der Sadebaum wachse in vielen Gärten in England. 
Auch in den Bauerngärten Süd- und Mitteldeutschlands kann 
man ihn noch heute vielfach finden. In Norddeutschland 
ist er selten, und in nördlicheren Breiten kommt er im 
Freien überhaupt nicht mehr fort.^) 

Wir sehen somit, daß der auffallende Mangel an ein- 
heimischen, waldbildenden Koniferenarten, diese hervor- 
stechendste Eigentümlichkeit der Baumflora des heutigen 
Englands, auch schon in der angelsächsischen Periode vor- 
lianden war. Nur Kiefer, Eibe und Wacholder waren 
die Vertreter der Nadelhölzer in dem England Alfreds des 
Großen, und auch diese waren nicht allzu verbreitet. So 
erklärt sich die Tatsache, daß die Nadelhölzer mit Ausnahme 
der Eibe weder in den Flurbeschreibungen der angelsäch- 
sischen Urkunden noch in den Ortsnamen eine Rolle spielen. 
Man denke dem gegenüber an die zahllosen deutschen Orts- 
namen mit tanne, flehte, kien und föhre oder forehel 

Auch die Armut an altenglischen Koniferennamen steht 
damit im Einklang. Volkstümliche Benennungen gibt es 
im Altenglischen wieder nur für Kiefer, Eibe und Wach- 
holder. Die deutschen Namen Tanne und Fichte sind im 
Englischen ausgestorben. Steppe 'abies*, ist wie gesagt, ein 

«) Reid aaO. 151. 

•) V. Fischer-Benzon Altdeutsche Gartenflora 80 f. 

») Willkomm Forsti. Flora* 255 f. 



872 6. Kap. Die forstliche Flora Altenglands in angelsächsischer Zeit 

bloßes Glossenwort Ein zweimal belegtes gyr^ das auch 
im Schwedischen vorkommt und hier sowohl 'Rottanne" als 
Töhre" bedeutet, scheint im Altenglischen den allgemeinen 
Sinn "Nadelholz* angenommen zu haben. Das gemeinwest- 
germanische Wort ae. cen^ nnd. Kiene "Föhre* kommt im 
Altenglischen ebenfalls nur noch als Appellativ im Sinne 
von Tacker vor, und das gemeingerm. furh-wudu 'Föhre* 
ist ms noch einmal in einer sehr frühen Quelle belegt. 
Aber das lateinische Lehnwort ptntreow^ pinbeam^ das 
später an seine Stelle tritt, kommt auch außerhalb der 
Glossen häufiger vor, hat also allgemeinere Geltung er- 
langt. In mittelenglischer Zeit taucht dann der Name firre 
auf, dessen Ursprung zweifelhaft ist,*) und gewinnt allmäh- 
lich die Herrschaft, um nach Einführung der Edeltanne und 
Fichte auch auf diese übertragen zu werden; es ist im _ 
Mittelenglischen der einzige volkstümliche Name für Tannen — 
arten und entspricht in der Bedeutung unserm Tarnte in er — 
weitertem Sinne. 

Am auffallendsten macht sich das Fehlen der Nadel — 
hölzer in der englischen Poesie bemerkbar. Ich habe be — 
reits in meiner Dissertation (S. 37 f.) darauf hingewiesen^, 
daß außer der Eibe in der Dichtung der Angelsachsen keii^ 
einziger Nadelbaum erwähnt wird. Die altehrwürdige Eibe^ 
hat auch später immer wieder das poetische Interesse er — 
regt. In der Neuzeit haben wohl die Pinien und Cypressem- 
Italiens manch englischen Dichter zu poetischen Schilde- 
rungen hingerissen; unter den Nadelhölzern des Nordens 
aber spielt außer der Eibe nur noch die Kiefer in der 
englischen Poesie eine Rolle. Tanne und Fichte fehlen. 
Als Byron in den Alpen die Edeltanne kennen lernte, hat 
sie ihn in ihrer sturmumbrausten, erhabenen Majestät zu einer 
schönen Stanze in Childe Harold (IV 20) begeistert, wo er 
ihren deutschen Namen tannen entlehnt. Sonst stehen 
Goethes „schroffen Fichtenhöhen" Shakespeares und 



^) Björkman {Scanä. Loan-lVords in MiddU Englisk 261) lehnt die 
gewöhnlich angenommene skandinavische Herkunft ab. 



IL Nadelhölzer. 273 



Miltons mountain pines gegenüber. Und unter dem Namen 
pine^ seltner unter dem prosaischeren fir^ tritt uns die Kiefer 
auch bei Wordsworth, Byron und andern neueren Dichtem 
mit Vorliebe als Symbol des Hochragenden, Himmelan- 
strebenden (/a//, loftyy lordly^ aerialy cloud-piercing pines), 
zugleich aber mit einem Beigeschmack des Düstern (dark, 
black, blackening, sombrous pines oder firs) und Einsamen 
{lone black fir, desert pines), entgegen. Doch ist zu be- 
achten, daß unter dem Namen pine vielfach auch, schon 
von Shakespeare an, die südliche Pinie zu verstehen ist. 

Ein Volksbaum in dem Sinne, wie Tanne und Fichte in 
Deutschland und den skandinavischen Ländern, ist die Kiefer 
in England nie geworden, und das schöne deutsche Weih- 
nachtslied O Tannenbaum erweckt in den Herzen des eng- 
lischen Volks kein verständnisvolles Echo. 



Ho Opa, Waldblume n. Kulturpflanzen. lo 



Zweiter Teil. 

Kulturpflanzen. 



i8* 



Siebtes Kapitel. 

Üie Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im 
Steinzeitalter. 

* I^ie ersten Spuren menschlicher Bodenkultur in Europa. 

Literatur. Ed. Pictte Les plantes ctätivüs de la piriode de 
trausition au Mas-dAzü. L' Anthropologie 7, i — 17 (1896). Auch 
im Sonderdruck erschienen mit Nachträgen ; Paris, Masson & Cie. 
£duard Hahn Die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft 
des Menschen, Eine geographische Studie. Leipzig 1896, S. 132 ff. 
388 ff. Derselbe Demeter und Baubo. Versuch einer Theorie der 
Entstehung unseres Ackerbaus. Lübeck, Selbstverlag des Verf. 
1896. H. Graf zu Solms -Laubach Weizen und Tulpe und 
deren Geschichte. Leipzig 1899. 

Die prähistorische Forschung der letzten Jahre hat hin- 

^chtlich des Alters der Kulturpflanzen wunderbare Ergeb- 

^^e gezeitigt. Während noch Buschan in seinem zu- 

^^Umnenfassenden Werke Vorgeschichtliche Botanik der 

^Hltur- und Nutspflansen der alten Welt auf Grund prä- 

^torischer Funde (1895) die Kulturpflanzen durchweg nur 

Ws zur neolithischen Periode zurück zu verfolgen vermochte, 

haben die epochemachenden Ausgrabungen von Piette, Nelli 

^ inzwischen ergeben, daß im südwestlichen Frankreich 

der paläolithische Mensch schon in der älteren glyptischen 

Epoche des Renntierzeitalters Cerealien kannte und aller 

Wahrscheinlichkeit nach in roher Weise kultivierte. Nelli 

hat in der Pyrenäenhöhle des Esp^lugues bei Lourdes 

zwei Skulpturen von Getreideähren in hocherhabener 

Arbeit entdeckt, die aus Renntiergeweih geschnitzt sind 



278 7- Kmp. Die KultnrpfUnzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalt^/. 

(Fig.lu.2).*) Sie dürften bei aller Roheit der Technik doch 

a b 





Fig. I. 

Skulptur einer Ähre aus Renntiergeweih, mit drei Reihen Körnern. 

Aus der Grotte des Esp^lugues bei Lourdes (Sammlung Nelli). 



') Eine Abbildung der einen derselben (Fig. la, b) hat Piette 
bereits 1891 in AI. Bertrands Buch La Gaule avant les Gauiois (S. 279) 
gegeben, beide sind dann neuerdings von dem gleichen Gelehrten 
in seinem Prachtwerk VArt pcndant Vage du Renne (Tafeln 17 u. 14) 
reproduziert worden. Da dieses schwer zugänglich ist, bringen wir 
die Bilder mit gütiger Erlaubnis des Herrn Verfassers oben sur er- 



L Die ersten Sparen menschlicher Bodenkultur in Europa. 



279 



auf jeden Unbefangenen den Eindruck von Getreideähren 
a b c d 








Fig. a. 

Sknlptitr einer Ähre aus Renntiergeweih, mit vier Reihen Körnern ; Halm dickf viereckig. 

Aus der Grotte des Esp^lugues bei Lourdes (Sammlung Nelli). 

machen, wenigstens wüßte ich nicht, was sie sonst darstellen 
könnten. Ein etwa 2 cm langes Bruchstück einer andern 

acuten Wiedergabe. Fig. le, f, die Piette (Tafel 17, Fig. 3, 3 a) als 
iJPortion de bois de renne ornement^e*' abbildet, scheint mir den 
Halm der Ähre i (oder 2 ?) darzustellen. Einen ausfuhrlichen Bericht 
über die Funde hat Piette L' Anthropologie 7,1 ff. geliefert. 



280 7- Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

derartigen Ähre ist durch Peccadeau Delisle bei Bruni- 
quel gefunden, aber bis jetzt nicht abgebildet worden.*) 
Getreidemühlen u. dgl. sind aus dieser Epoche nicht zum 
Vorschein gekommen. 

Einem jüngeren Abschnitt der glyptischen Epoche der 
Renntierzeit entstammt außer verschiedenen bildlichen Dar- 
stellungen von Bäumen auch eine solche einer langgrannigen 
Getreideähre aus der Höhle von Lorthet. Sie ist, gleich den 
übrigen, mit einem spitzen Kiesel auf Schieferstein graviert 
und stellt, nach brieflicher Mitteilung Piettes, die Ähre der 
in Frankreich kultivierten Wintergerste (escourgeon) dar. 
Die Kömer sind groß, die Grannen lang und etwas von 
der Achse der Ähre abstehend. Auch dieses Fundstück ist 
bis jetzt nicht veröffentlicht. ■) In den Ablagerungen dieser 
Periode haben sich Reibsteine mit Läufern gefunden, die 
nach Piette allerdings nicht notwendigerweise als Getreide- 
mühlen gedient zu haben brauchen.*) Piette bezweifelt 
auch, daß das Getreide, welches in jenen Skulptiwen und 
Gravüren dargestellt ist, ftir die Verfertiger der letzteren 
bereits Gegenstand der Kultur gewesen sei. Aber selbst 
wenn sich in diesen ältesten Epochen keine Apparate zum 
Zermahlen des Getreides nachweisen lassen, so spricht 
das meines Erachtens doch nicht gegen die Verwendung 
der Cerealien als Lebensmittel, da das Getreide, und be- 
sonders die Gerste, in ältester Zeit wahrscheinlich in unge- 
mahlenem Zustande geröstet genossen wurde.*) 

Aus der nun folgenden Übergangsperiode von der 
paläolithischen zur neolithischen Zeit hat Piette beim Mas 

*) Nach einer brieflichen Mitteilung Piettes vom 9. Aug. 1904 
gehörte dieses Fragment zu der Sammlung, die Delisle ans Britische 
Museum verkaufte, und dürfte sich jetzt dort befinden, wenn es nicht 
von dem Verkäufer zurückbehalten wurde. 

') Es wird auch schwerlich so bald der Öffentlichkeit zugänglich 
gemacht werden, da es Piette, wie er mir schreibt, mit andern Sachen 
gestohlen worden ist. 

') L' Anthropologie 7, 5, bestätigt durch briefliche Mitteilung 
vom 9. Aug. 1904. 

*) Vgl. unten Kap. 8, III 2. 



L Die ersten Spuren menschlicher Bodenkultur in Europa. 281 

d'Azil auf dem linken Ufer der Arise aus der Schicht mit 
den kolorierten Kieselsteinen bereits Getreidekömer selbst 
zutage gefördert : es war ein kleiner Haufen ovaler, kurzer 
Weizenkömer, die leider bei der Berührung in weißen Staub 
zerfielen, so daß sich die Sorte nicht mehr feststellen läßt. 
Aber der Fund selbst ist unanfechtbar; er wurde in Gegen- 
wart von Boule gemacht. Etwaige Zweifel, daß wir es hier 
wirklich mit kultiviertem Getreide und nicht mit wild- 
wachsenden getreideähnlichen Grasarten zu tun haben ^ 
werden durch weitere Funde in den nächst höheren Schichten^ 
dh, aus den älteren Stadien der neolithischen Periode, aus- 
geschlossen. Piette fand hier zwar keine Kömer, wohl aber 
Getreidemühlen in großer Zahl. 

Es kann somit kaum zweifelhaft sein, daß in Süd- 
frankreich mindestens seit der Übergangsphase, welche 
die Quartärzeit mit der gegenwärtigen Erdperiode ver- 
bindet, lange vor der Epoche der polierten Steinäxte, 
Getreide gebaut worden ist. 

Und wie im südlichen Frankreich, so sind kürzlich auch 
zu Campigny in Nordfrankreich in einer Wohngrube 
aus der Übergangszeit zwischen dem Paläolithikum und 
Neolithikum, derselben Epoche etwa, der auch die älteren 
nordischen Muschelhaufen angehören, Mahlsteine gefunden, 
die auf Feldbau deuteten, und eine Gefäßscherbe enthielt 
den Abdruck eines Gerstenkorns.*) 

Dem Grafen Solms-Laubach scheinen bei seinen 
Untersuchungen über die Geschichte des Weizens diese 
Funde entgangen zu sein : sie sind eine vortreffliche Stütze 
seines auf anderm Wege gewonnenen Ergebnisses, daß die 
Kultur der Getreidepflanzen unendlich viel älter ist, als 
man gewöhnlich annimmt ; daß in Zentralasien schon 
Getreide gebaut wurde, als Sibirien und die turanischen 
Steppen noch vom Meer bedeckt waren und die Gobi sich 
eben aus einem Binnenmeer in eine Wüste verwandelte; 
daß die Weizenarten von Mittelasien aus sich über Persien 



*) Siehe den Bericht von Hoernes Globus 83, 143 (1903). Vgl. 
auch M. Much Die Heimat der Indogermanen. 2. A. Jena 1904, S. 226 ff. 



282 7- Kap- ^ic Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

und Nordafrika schon zur Eiszeit bis an das Mittelmeer- 
gebiet verbreiteten. Auf Grund der Funde in den paläo- 
und mesolithischen Stationen Frankreichs dürfen wir jetzt 
mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit behaupten, 
daß Weizen und Gerste noch vor dem Ende der pleistocänen 
Epoche die nordafrikanische Küste entlang bis nach Spanien 
und Südfrankreich gelangten. 

Wie wir uns den Getreidebau in diesen frühen Zeit- 
räumen zu denken haben, zeigt uns Eduard Hahn in 
seinen gedankenreichen Schriften Die Haustiere und ihre - 
Besiehung sur Wirtschaft des Menschen (1896) und Demeter ^^ 
und Bauho. Versuch einer Theorie der Entstehung un — 
seres Ackerbaues (1896). Hahn geht den einseitigen Über — 
treibimgen der Nomadentheorie ») energisch zu Leibe uncE: 
legt diu"ch nachdrücklichen Hinweis auf die kulturgeschicht — 
liehe Bedeutung des Hackbaus überzeugend dar, daß eine^ 
primitive Bodenwirtschaft (Getreide- und Gemüsebau) langes 
vor der eigentlichen Ackerbauperiode getrieben wurde unc^ 
recht gut selbst mit nomadischer Lebensweise vereinbar ist • 
Seine kulturgeschichtlichen Untersuchungen kommen somit: 
einerseits den neuesten prähistorischen Funden, anderseits 
den botanischen Forschungen Solms-Laubachs in erfreulicher 
Weise ergänzend entgegen. 

So vereinigen sich die jüngsten Ergebnisse der ver- 
schiedensten Wissenschaften zu dem übereinstimmenden 
Schluß, daß das Alter des Landbaus und der menschlichen 
Kultur überhaupt bisher bei weitem unterschätzt worden ist. 
Die Anfänge der Bodenkulttu" liegen jenseits der Grenzen 
der Geschichte selbst der ältesten Kulturvölker. 



^) Gegen diese hatte schon M. Much in seinen Ausführungen 
Mitt. d. Anthrop. Ges. in Wien 8 (1879), 213 ff. und später in seinem 
Werk Die Kupferzeit in Europa (1893) S. 325 ff. 330 ff. Front gemacht. 
— Wenn Bremer in seiner Arbeit über die Ethnographie der ger- 
manischen Stämme (Pauls Grundriß der german. Philol. 2. A. III 757 f.; 
1898) die Nomadentheorie trotzdem wiederholt als Beweisgrund zur 
Bestimmung der Urheimat der Indogermanen benutzt, so entbehren 
die daraus gezogenen Folgerungen von vornherein der sichern 
Unterlage. 



n. Die Kaltnrpflmnsen d. einzelnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 283 

IL Die Kulturpflanzen der einzelnen Länder Mitteleuropas 
zur jüngeren Steinzeit 

Jüngeren Ursprungs als im Mittelmeergebiet und in 
Frankreich ist die Bodenkultur in Mittel- und Nordeuropa; 
doch reicht sie auch hier überall in die neolithische 
Periode zurück. Noch bis vor wenigen Jahren pflegte 
man die Einfühnmg des Ackerbaus in Mittel- und Nord- 
europa in die römische Zeit, wenn nicht ins Mittelalter zu 
verlegen. Die neuesten Forschungen haben übereinstimmend 
ergeben, daß schon zur jüngeren Steinzeit auf diesem 
ganzen Gebiet ein nicht unbedeutender Ackerbau getrieben 
sein muß. 

Im Folgendem soll, gestützt teils auf die verdienstlichen 
Zusammenstellungen in Buschans Vorgeschichtlicher Botanik, 
teils auf eigene Sammlungen, eine Übersicht über die wich- 
tigsten Fimde von Kulturpflanzen in steinzeitlichen Nieder- 
lassungen des mittleren und nördlichen Europas versucht 
werden. Dabei greifen wir etwas über die Grenzen Mittel- 
europas hinaus und ziehen zur Vervollständigung des Bildes 
auch die Funde in den benachbarten Gebieten von Ober- 
italien, Bosnien und Ungarn heran. 

1. Bosnien. 

Literatur. C. Schröter, (^er die Pflanzenreste aus der neo- 
lithischen Landansiedlung von Butmir in Bosnien. In Radimsk^ 
u. Hoernes Die neolithische Station von Butmir hei Sarajevo in Bos- 
fii^ 1 37 — 46. Wien 1895. 

Einer der wichtigsten und interessantesten Reste aus 
frühneolithischer Zeit ist die Niederlassung bei Butmir in 
Bosnien, die uns die steinzeitliche Kultur in reinster Ent- 
faltung zeigt. Sie bildet ein lehrreiches Bindeglied zwischen 
der neolithischen Kultur Mittel- und Nordeuropas und den 
alteren Kulturepochen der östlichen Mittelmeerländer. 

Die steinzeitliche Bevölkerung Bosniens lebte in hervor- 
ragendem Maße vom Ackerbau; das wird einerseits durch 



284 7* Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Mühlsteine,*) anderseits durch eine stattliche Anzahl von 
Getreidekömem bewiesen, die bei Butmir gefunden worden 
sind. 

1) Das bei weitem am häufigsten gebaute Getreide war 
der Weizen und zwar nach Schröters Bestimmung (aaO.45) 
sehr wahrscheinlich eine Art Zwerg- oder Binkelweizen 
{Triticum compactum Host). Er fand sich an den sämtlichen 
11 Stellen, wo überhaupt Getreide nachgewiesen wurde 
(aaO. 46). In seinen Dimensionen stimmt dieser Zwerg- 
weizen von Butmir nahezu mit den Weizenresten von Lengyel 
in Ungarn und dem kleinen Pfahlbauweizen Heers (TV. vul- 
gare antiquorufn\ der Buschans Kugel weizen {Tr, compactum 
V3T. globiforme) entspricht, überein. 

2) Nächst dem Weizen folgte das Einkorn {Triticum 
monococcum L.) an Häufigkeit. Es kam an 9 von 11 Ge- 
treidefundstellen vor (aaO. 46). Nach Schröter (aaO. 41) ist 
es mit dem trojanischen Einkorn identisch. 

3) Gerste (Hordeum) wurde nur in geringer Menge in 
4 von 11 Feldern gefimden. Eine Unterart oder gar Varietät 
konnte wegen des gänzlichen Mangels an Ähren nicht be- 
stimmt werden. Die Körner waren durch außerordentliche 
Kleinheit ausgezeichnet; sie waren kleiner als die aller 
lebenden Gerstensorten, kleiner auch als die der kleinen 
Pfahlbautengerste aus der Schweiz. Sie stellen jedenfalls 
einen höchst archaischen Typus dar (Schröter 42). 

4) Außer diesen drei Getreidearten wurde noch die 
kleinkörnige Form der Linse (Ervum lens var. niicro- 
spermum\ aber nur an einer Fundstelle mit drei Samen, 
nachgewiesen. Sie waren kleiner als die Linsen von Lengyel 
aus der späteren Steinzeit und als die von der bronzezeit- 
lichen Niederlassung auf der Petersinsel im Bieler See; sie 



') Wenn auch die ca. 6oo von Radimsk^ als Mühlsteine in Anspruch 
genommenen Platten wahrscheinlich zum Teil als Schleifsteine zum 
Polieren der Steinwerkzeuge gedient haben, wie Hoemes {Die neolitk. 
Station Butmir II 41, Anm. 2) vermutet, so haben wir doch zweifellos 
in einem beträchtlichen Teil derselben wirkliche Mühlsteine zu er- 
blicken. 



D. Die Knlturpflanzen d. einzelnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit 285 

entsprachen am ehesten den Linsen von Aggtelek in Ungarn 
(Schröter 45). 

Es wurden also in der steinzeitlichen Niederlassung von 
fiutmir im ganzen vier verschiedene Kulturpflanzen gebaut 
— im Vergleich zu den in Ungarn und andern neolithischen 
Stationen Mitteleuropas gefundenen Arten eine winzige 
Zahl. Dieser Umstand, sowie die Kleinheit der Kömer sind 
Beweise für die Altertümlichkeit der rein neolithischen 
Kultur von Butmir. 

Zu den Kulturpflanzen kommen an weiteren pflanzlichen 
Resten noch zwei einheimische Unkräuter: eine Trespen- 
art, wahrscheinlich Bromus secalinus L., die Roggentrespe, 
und der Vogelknöterich, Polygonum aviculare L., femer 
ein Exemplareines Holzapfels (P/r ms wa/MSs/to^5/t/5) mit 
großem Kerngehäuse, fast ganz mit Heers „kleinem Holz- 
apfel" übereinstimmend, Fragmente von Haselnußschalen 
(Corylus avellana) und eine verkohlte Weißtannennadel 
[Ahies alba MilL). 

2. Ungarn. 

Literatur. Ascherson und Wittmack Zeitschr. f. Ethnol. 
1877, Verhandl. S. 314. M. Staub Prähistorische Pflanzen aus 
Ungarn. Englers Bot. Jahrb. 3, 281—287 (1882). Daselbst die 
einschlägige ungarische Literatur citiert. E. v. Deininger 
Pflanzenreste der prähistorischen Fundstätte von Lengyel in 
M. Wosinsky's Werk Das prähistor. Schanzwerk von Lengyel III 
256 — 281. Budapest 1891. Buschan Vorgeschichtl. Botanik 12 
{Tr.mäg)\ 17 (7r. comp. globif.\\ 29 (7r. monoc.)\ 39 {Hordeum)\ 
72 (Hirse); 206 {Ervumlens)\ 20S (Lathyrus); 21^ (Fada). Schröter 
bei Radimsky u. Hoernes Die ncolith. Station v. Butmir I 41. 

In Ungarn herrschte schon zur Steinzeit ein reich 
entwickelter Ackerbau. Wir haben Reste mehrerer neo- 
lithischer Niederlassungen, die unter einer Fülle von Alter- 
ttimem auch reichliche vegetabilische Reste geliefert haben. 
Die wichtigsten derselben sind die Tropfsteinhöhle Baradla 
bei Aggtelek im Gömörer Comitat, die Ansiedlung von 
Felsö-Dobsza im Comitat Abany und das Schanzwerk 
von Lengyel im Comitat Tolna. 



286 7* Kmp. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

In der Aggteleker Höhle fand man in einer Kultur 
Schicht von Vl^m menschliche Skelette und Schädel. Nah« 
bei dem Kopf jedes Skeletts stand ein Gefäß, das mit Gc 
treide gefüllt war, offenbar als Wegzehrung für den Ver 
storbenen — ein Beweis für die Rolle, welche Pflanzen 
nahrung und Feldbau im damaligen Ungarn schon gespiel 
haben muß. Auch ein verkohltes Weizenbrot ist gefunden 
worden. 

In Lengyel stieß man auf bienenkorbförmige GnibeE 
Wohnungen, Vorratskammern imd Feuerherde mit mächtigei 
Aschenschichten und zahlreichen Küchenabfällen. In de 
Vorratskammern, zum Teil auch in den Wohnimgen ode 
in Löchern neben dem Herde, einmal auch in einem Grabe 
fanden sich Getreidekömer, stellenweise in großen Mengei 
öfters lagen mehrere Getreidearten an demselben Ort, di 
also zweifellos gleichzeitig gebaut wurden; Deininger vei 
mutet, daß Weizen und Gerste durcheinander gesät werde 
seien. Brot wurde nach Deininger in Lengyel nicht g( 
backen ; die Kömer wurden entweder geröstet oder gekoct 
in Form von Brei genossen. Bei der Hirse war dies siehe 
der Fall, wie der Aufbewahrungszustand derselben beweis 

An den verschiedenen Fundstätten lagerten meis 
mehrere Kulturschichten übereinander. Leider ist bei dei 
Ausgrabimgen nicht genau angemerkt worden, aus welche) 
Schichten die Kömerfunde in jedem einzelnen Falle stammer 
so daß die Datierung einer gewissen Unsicherheit unterliegt 
Im allgemeinen scheinen die bis jetzt erforschten nee 
lithischen Niederlassungen Ungarns nicht gerade dei 
frühesten Abschnitten des ungarischen Steinalters anzu 
gehören. 

Nach den Bestimmungen Deiningers wurden zu 
jüngeren Steinzeit in Ungarn die folgenden Kulturpflanze] 
angebaut. 

1. Triticum vulgare Villars, der gemeine Weizer 
Er ist in Felsö-Dobsza, Aggtelek und Lengyel gefunden, ai 
den letztem zwei Orten in größter Menge, obwohl er h 
Lengyel hinter der Gerste an Häufigkeit ziulickstand. 



Q> Die KaltnipflAnzen d. einzehien Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. ^7 

2. Tr. contpactum var. glohiforme Buschan (nach Dei- 

flinger Tr. vulgare antiquorum Heer), Kugelweizen; an 

allen drei genannten Orten, bei Aggtelek nur spärlich, bei 

JLengyel in ziemlicher Menge. Besonders winzig und primitiv 

ist nach Deininger der von Lengyel, etwas größer der von 

Felsö-Dobsza, noch mehr der von Aggtelek. 

3. Tr. monococcum L., Einkorn; an allen drei Orten, 
teilweise in ziemlicher Menge. Das Einkorn war im neo- 
lithischen Ungarn jedenfalls eine Halmfrucht von einiger 
Sedeutung. Besonders winzig sind wieder die Kömer von 
lengyel. 

4. Hordeum, Gerste; an allen drei Orten. Die Kömer 
sind diu"chweg nackt. Die Zeilenzahl ist wegen Mangels 
an Ähren hier ebensowenig wie in Butmir festzustellen. 
Zwei Arten entsprechen nach Deininger der kleinen und 
großen Pfahlbautengerste Heers. Am häufigsten begegnet 
eine ganz kleine Art, von Deininger Hordeum polystichunt 
pannonicunt genannt. In Lengyel tritt sie unter allen Ge- 
treidearten in größter Menge auf, so daß hier die Gerste 
das Hauptgetreide gewesen zu sein scheint. 

5. Panicuntj Hirse; in Aggtelek und Lengyel, in ziem- 
licher Menge, aber zermahlen und in Klmnpen zusammen ge- 
backen, so daß die Art nicht zu erkennen ist. Nach Ascherson 
und Wittmack wäre es Panicum müiaceum. Bei dieser Ge- 
legenheit mag erwähnt werden, daß auch in einer spätneoli- 
thischen Niederlassung zu Coucouteni bei Jassy in Ru- 
mänien Hirsekömer gefunden worden sind.*) 

6. Faba vulgaris Mch., die kleine Pferdebohne: in 
Aggtelek (40 Kömer) und Lengyel (140 Körner). 

7. Lathyrus sativus L., die Platterbse. Sie tritt in 
Lengyel nur vereinzelt, in 5 Kömern, auf, während sie zu 
Aggtelek die häufigste Hülsenfmcht ist. Die Samen sind 
klein, doch ist die P^anze wahrscheinlich Gegenstand der 
Kultur gewesen. 

8. Pisum sativum L., Erbse: nur in geringer Menge in 

*) Buschan Vorgeschichtl. Bot. 72. 251. 



288 7* Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Aggtelek, kleiner als die kleinste jetzige Erbse und ein 
wenig länglich. 

9. Ervum lens L., Linse; an allen drei Orten, aber 
ebenfalls nur in geringer Menge; in Lengyel nur 1 Korn. 

Neben diesen Kulturpflanzen treten zahlreiche Un- 
kräuter auf, aber seltsamer Weise fehlen die Kombliune 
(Centaurea cyanus L.) und das kretische Leinkraut {Silene 
cretica L.), die in den steinzeitlichen Pfahlbauten der 
Schweiz vorkommen, in Ungarn gänzlich, imd die Kornrade 
(Agrostemma githago L.) ist nur in Lengyel nachgewiesen. 

3. Oberitalien. 

Literatur. Allgemeinere Schriften. M. P. Castelfranco Les 
villages lacustres et pcüusires et les Terremares. Revue d* Anthro- 
pologie i6 (1887), 607—619 (Lagozza); 17 (1888), 568—588 
(Varese-See und Peschiera). Zusammenfassende Arbeit mit 
weiteren Literaturnachweisen. Buschan Vorgesckichtl. Botanik 
passim. — Lagozza. F. Sordelli Sülle plante delia torbiera e 
della staziane preistorica della Lagozza. Atti della Soc. ital. dl sc. 
nat. Milano 23 (1880). Regazzoni La stazione preistorica della 
Lagozza. Bullett. di Paletnol. ital. 13(1887), i— 18; Vegetabilien 
S. 3 u. 12. Castelfranco aaO. 16, 614 — 618. — Varese-See. 
Regazzoni Dei nuovi scavi nell' Isola Virginia. Rivista archeol 
della prov. di Como 17 (1879), 1—22. Castelfranco aaO. 
17, 574 u. 581. — Monte Loffa. Stefani Sopra gli scavi /atti 
neue antichissime capanne di pietra del Monte Loffa. Atti dell' 
Accad. d'agricolt., arti e commerc. di Verona 62, ser. 3, S. i6r 
(nach Buschan 256 u. 267). — Casale. A. Parazzi Terramare^ 
e sottostante torbiera con palafitta nel Casale Zaffanella presr^ 
Viadana. Bullett. di Paletnol. ital. 12 (1886), 49-56; VegetaL- 
bilien S. 54 — 56. — Cogozzo. A. Parazzi La terramara di Co- 
gozzo nel Viadanese. Ebenda 8 (1882), S. 58—70; Vegetabilien 
S. 69. — Castellacio. G. Scarabelli Stazione preistorica nü 
Monte del Castellacio presso Imola. Imola 1887. S. 85 f. 

Die neolithischen Niederlassungen Oberitaliens sind, 
ähnlich wie die der nördlichen Vorländer der Alpen, vor- 
wiegend Pfahlbauten, die teils in Seen, teils in Mooren und 
Sümpfen errichtet sind. 

Eine Reihe solcher Pfahlbaudörfer aus der Steinzeit 
findet sich zwischen dem Lago di Lugano tmd dem SC1<1' 



n. Die Knltnrpflanxen d. einselneii Lftnder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 289 

ende des Lago Maggiore in einer Gruppe kleiner Seen, 
deren größter und östlichster der Varese-See, deren süd- 
lichster die Lagozza ist Schon 1863 wurden die ersten 
Pfahlbauten hier entdeckt. Im Varese-See selbst kennt 
man jetzt deren fünf, alle am Westufer gelegen; die 
wichtigste heißt Isolino oder Isola Virginia. Weitere drei 
Pfahlbauten fanden sich in den Torfmooren südlich und 
westlich des Vareser-Sees, darunter besonders Bardello; 
später kamen noch einige andere hinzu, die in zwei kleinen 
Seen etwas westlich vom Varese-See liegen. Die Anfänge 
der Pfahlbau-Niederlassungen im Varesiner Bezirk reichen 
noch ins Steinalter zurück, ihre Hauptzeit aber fällt in die 
Bronzeperiode. 

Rein steinzeitlich dagegen ist die Ansiedelung von 
Lagozza in der Gemeinde Besnate (Prov. Mailand). Sie 
ist zugleich die merkwürdigste dieser ganzen Gruppe. Sie 
zeichnet sich durch das vollständige Fehlen jeglicher Tier- 
reste aus: kein Knochen, kein Hörn, kein Zahn ist hier 
gefunden worden. Dagegen wurden reichliche Mengen 
Vegetabilien aufgedeckt ; richtige Kornkammern mit ganzen 
Haufen von Körnern kamen zutage. Alle diese Körner 
waren vor der Aufbewahrung augenscheinlich gedroschen, 
geworfelt tmd enthülst worden. Wir haben es hier also 
offenbar mit den Wohnsitzen eines friedlichen, ackerbauenden 
Volkes zu tim, das sich vorwiegend, wenn nicht ausschließ- 
Kch, von Pflanzenkost nährte. 

Weiter südlich treffen wir in der Gemeinde Breonio 
^ Verona den Monte Loffa, auf dem sich von der neo- 
Kthischen Periode an bis zum Einbruch der Gallier eine 
prähistorische Niederlassung befand. Bei Viadana am Po 
haben wir den neolithischen Pfahlbau von Casale^) und 
^ spätneblithische Terramare von Cogozzo, endlich bei 
feiola, südöstlich von Bologna, die spätneolithischen Hütten- 
Sniben von Castellacio. Die übrigen Niederlassungen 

*) Die dort gefundenen Samen von Triticum, Panicum, Vitis, Pirus, 
^^*«w, Comus, Fagus, Quercus sind von Prof. O. Mattiroloin Turin 
h^stimmt. 

Hoops, Waldblume u. Kulturpflansen. 19 



290 7. Kap. Die Kaltarpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

aus der Steinzeit kommen für vegetabilische Reste weniger 
in Betracht. 

Leider sind die pflanzlichen Einschlüsse der ober- 
italischen Pfahlbauten meist nicht so genau bestimmt, wie 
es in botanischer Hinsicht wünschenswert wäre ; eine Fest- 
stellung der Unterarten und Formen der Getreide zB. ist 
nur in einem Teil der Fälle erfolgt. 

1. Triticum vulgare L. fand sich in Lagozza imd auf 
der Isola Virginia im Varese-See. 

2. Tr. compactum globi forme Buschan*) bezw. Tr. vul- 
gare antiquorum Heer in Lagozza und nach Buschan (aaO. 17) 
auch auf Isola Virginia. 

3. Tr. turgidum L. in Castellacio und Monte Loffa, an 
ersterem Ort in der Menge von '/« kg. 

Außerdem ist auch in Casale und Cogozzo Weizen ge- 
funden worden, der aber nicht genauer bestimmt wurde. 
Triticum monococcum imd Tr. dicoccum sind aus den ober- 
italischen Niederlassungen der Steinzeit bis jetzt nicht be- 
kannt, was aber wohl nur auf der erwähnten UnvoUständig- 
keit der Forschimg beruht. 

4. Hordeum hexastichum L., 6zeilige Gerste, ist in 
Lagozza und Bardello zutage gefördert. 

5. Panicum miliaceum L., Rispenhirse, in Isola Vir- 
ginia und Casale. 

6. Ervum lens L., die Linse, imd 7. Fäba vulgaris 
Mch., die Bohne, sind bis jetzt nur vom Monte Loffa nach- 
gewiesen.*) 

8. Von Linum angustifolium Hudson, dem wilden 
Lein, liegen aus Lagozza Samenkapseln imd Körner vor. 
Weil daselbst außerdem auch Gewebe imd tönerne Spindeln 
gefunden wurden, so bauten die Pfahlbauem die Pflanze 
sicher, um Gewebstoff daraus zu gewinnen; vielleicht aber 
haben sie auch öl aus den Samen gepreßt oder Brotkuchen 
daraus gemacht, wie Heer einen in Robenhausen sah. 

Vorgeschichtl. Bot. lo. i6 f. 

') Vgl. Buschan Vorgeschichtl, Botanik 206. 213. 256. Passerini u. 
Buschan Bullettino di Paletnologia Italiana 15, 236 (1889). 



^- Die Knltaipflanzen d. einzelnen Länder Mitteleuropas z. jOngeren Steinzeit. 291 

9. Auch Papaver, Mohn, wurde gebaut; aber da nur 
fCdmer und keine Kapsehi gefunden wurden, läßt sich nicht 
•entscheiden, ob es P. setigerum oder somniferum war. 
TVahrscheinlich die erstere Art. 

10. Von Vitis vinifera L., der Weinrebe, kamen 
Kömer, zum Teil auch Holz, in Isola Virginia, Casale imd 
Cogozzo zutage. 

11. Apfelkerne sind in Lagozza, Bardello und Casale, 
Bimenkeme in Bardello, Steine einer Prunus-Art in Casale 
gefunden worden. Bemerkenswert ist, daß in Lagozza, 
genau wie in den schweizerischen Pfahlbauten, zwei Sorten 
von Pirus malus, eine kleinere und eine größere, vorkamen. 
Die kleinere entspricht mit ihrem großen Kerngehäuse, das 
fast das ganze Innere einnimmt, dem kleinen Pfahlbauten- 
apfel der Schweiz und dem heutigen Holzapfel (P. malus 
sävestris). Die größere Sorte entfernt sich, wie der größere 
Pfahlbautenapfel, sowohl durch die Größe als auch durch 
Äe Dicke des Fleisches nicht imwesentlich von dem völlig 
^den Apfel. Sie stellt wohl fraglos das Ergebnis der 
ersten Versuche einer Apfelkultur dar. 

4. Das nördliche Alpenvorland und das Bodensee- 
gebiet. 

Literatur. Allgemeinere Schriften. O. Heer Die Pflanzen 
der Pfählbauten, Separatabdnick aus d. Neujahrsblatt d. Natur- 
forsch. Ges. auf das Jahr i866. Zürich 1865. W. Schnarren- 
berg er Die Pfahlbauten des Bodensees. Beil. z. Jahresber. d. 
Gymnas. Konstanz 1891. G. Buschan Vorgeschichtliche Botanik ; 
passim. E. v. Tröltsch Die Pfahlbauten des Bodenseegebietes, Stutt- 
gart 1902. — Bodensee. Bleiche bei Arbon. J. Messikommer 
Die neuentdeckte Pfahlbaute Bleiche-Arbon. Ausland 58 (1885), 
1003 f. — Rauenegg (Steinzeit bis Hallstattzeit). Schnarrenberger 
aaO. 26. — Unter see. Steckborn. Heierli 9. Pfahlbauten- 
bericht 10 f. Mitt. d. Antiquar. Ges. Zürich 22, 42 f. (1888). 
Schnarrenberger 34f. — Wangen. Ferd. Keller Pfahlbauten, 2. Be- 
richt; Mitt. d. Antiquar. Ges. Zürich 12, 127 (1858). Heer aaO. 
passim. Schnarrenberger 33. — Hof bei Stein. Heierli aaO. 12 
(Mitt. 22,44). — Schweizersbild bei Schaifhausen. Jakob Nüesch 
Das Sckweizersbild. (Neue Denkschriften d. allgem. Schweiz. Ges. 

19* 



292 7* Kap. Die Kaltarpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

f. d. ges. Naturwiss. 35.) Zürich 1897. S. 285. — Oberlinge r 

See. Litzelstetten. Schnarrenberg^ 7. — Bodman. Lein er be^^i 

Heierli aaO. 6 (Mitt. 22, 38). — Nußdorf. Schnarrenberger 17. 

Centralschweiz. Niederwyl (bei Frauenfeld). Ferd. Kelle -^ 
Pfahlbauten, S.Bericht; Mitt. d. Antiquar. Ges. Zürich 14, is^p-« 
158 (1863). — Robenhausen (Pfäffiker-See). Heer passim. HeierBLv 
aaO. 14. 58 (Mitt. 22, 46. 90). — Stoore (Greifensee). J. Messi ^ 
komm er Die Pfahlbauten im Greifensee. Correspondenzbl. <§. 
Ges. f. Anthropol. 25 (1894), 34. — Westschweiz. Moosseedorf 
bei Münchenbuchsee. Heer 4. 14 uö. — Lüscherz (Bieter See). 
Bus Chan Vorgeschichtl. Bot. 6. 39. 200. 206. 256. — Cortaillod 
(Neuenburger See). A. Vouga Les statüms lacustres de CortaiüoL 
Anzeiger f. schweizer. Altertumsk. 16 (1883). 456 — 462. 17 (1884), 
36— 41 ; Vegetabilien S. 40. — Österreich. Mondsee. Buschan 
aaO. 6. 12. 39. 257. — Gemeindeberg in Wien. L. H. Fischer 
Eine neolithische Ansiedelung in Wien (Ober-St. Veit), Gemeindeberg. 
Mitt. d. anthropol. Ges. Wien 28, 112 (1898). 

Eine reiche, mit der oberitalischen nahe verwandte 
Kultur entfaltete sich zur jüngeren Steinzeit im nördlichen 
Vorland der Alpen, wo die zahlreichen Seen von selbst zur 
Anlage von Pfahlbauten einluden. Namentlich das Bodensee- 
gebiet, der natürliche Kreuzungspunkt der prähistorischen 
Straße, die aus dem Rhonetal über Genf nach Schaffhausen 
führte, mit der Rhein-Neckar- und Donauroute, ist ein ur- 
altes Kulturzentrum gewesen; war diese Gegend doch 
schon in paläolithischer Zeit besiedelt, wie die bekannten 
Stationen von Thayingen imd vom Schweizersbild bei Schaff- 
hausen beweisen, von denen die letztere auch in neolithischer 
Zeit wieder dem Menschen als Wohnstätte gedient hat. 

Zwar im eigentlichen Bodensee selbst sind nur 
wenige Pfahlbauten gefunden worden, von denen für imsere 
Zwecke auf dem nördlichen Ufer Haltnau, auf dem süd- 
lichen die sogenannte Bleiche bei Arbon imd das Rauen- 
egg bei Konstanz in Betracht kommen. Umso zahlreicher 
sind die neolithischen Stationen an den seichteren west- 
lichen Abzweigungen des Bodensees, dem Unter- und 
Überlinger-See. Am Untersee fanden sich vegetabilische 
Reste in den Pfahlbauten von Steckborn, von Hof bei 
Stein unterhalb des Ausflusses des Rheins aus dem See, 



^. Die Kalturpflanzen d. einzelnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 293 

Vor allem aber bei Wangen, wo an mehreren Pimkten 
<Jes Pfahlreviers das Getreide zentnerweise aufgehäuft 
gefunden wurde, und wo außer Körnern namentlich auch 
ganze Ähren zum Vorschein kamen. Am Überlinger 
See enthielten Reste von Kulturpflanzen die Stationen von 
Litzelstetten imd Bodman am südlichen, von Nußdorf 
auf dem nördlichen Ufer. 

Fast alle diese Niederlassimgen gehören der rein neo- 
Uthischen Periode an mit Ausnahme von Haltnau, das bis 
in die Kupferzeit, Hof bei Stein, das bis zur Bronze-, imd 
Rauenegg, das bis in die Hallstattzeit bestanden hat. Das 
Bronzealter haben überhaupt nur wenige der Pfahlbauten 
des Bodenseegebiets erlebt ; in die La T^ne- imd Römerzeit 
ragt wohl nur eine einzige hinein. Weitaus die meisten 
haben die Steinzeit nicht überdauert.*) 

Im Gegensatz dazu sind die neolithischen Stationen 
der Zentral- und besonders die der Westschweiz größten- 
teils auch in den folgenden Perioden oder doch wenigstens 
i^ der Bronzezeit besiedelt geblieben, und manche sind 
Vrährend der Metallzeit neu angelegt worden. 

Die meisten pflanzlichen Überreste hat neben Wangen 
^e Pfahlbau-Niederlassung von Robenhausen im Pfäffiker- 
See geliefert. Sie gehört in der Hauptsache noch der Stein- 
zeit an, hat aber in ihren obem Schichten den Übergang 
:zur Bronzeperiode erlebt. Vegetabilien fanden sich femer in 
den neolithischen Stationen von Stoore im Greifensee, 
von Niederwyl bei Frauenfeld, von Moosseedorf bei 
Münchenbuchsee zwischen Bern und Biel, von Lüscherz 
im Bieler und Cortaillod im Neuenburger See. 

Aus den österreichischen Alpenländem ist der 
kleine Mondsee östlich von Salzburg zu erwähnen. 
Endlich ist vor einigen Jahren auch in einer spätneolithischen 
Niederlassimg auf dem Gemeindeberg zu Ober-St. Veit 
in Wien unter den verkohlten Resten in einem Wohnraum 
Getreide gefunden worden. 

*) Schnarrenberger Die Pfahlbauten des Bodensees 4. 38. v. Tröltsch 
Die P/ahÜHmten des Bodenseegebiets 11 f. 



294 7-I^<P' ^^ Knltarpflanzen Mxttd- und Nordenropas im SteinzeiUdter. 

ENe Ausbeute an vegetabilischen Resten und spezieIE3 
an Kulturpflanzen aus den Pfahlbauten der Alpenländer isv:: 
eine staunenswerte gewesen. Oswald Heer hat in seinei^ 
trefflichen Arbeit Ober Die Pflansen der Pfahlbauten (18fö— 
im ganzen nicht weniger als 115 PYlanzenarten zusammen — 
gestellt. EHe Zahl der gefundenen wildwachsenden Pflanzen» 
hat sich seitdem noch um 82 vermehrt; die jüngst veröffent- 
lichte Liste Neuweilers*» zählt deren 177 auf. An Kultur- 
pflanzen sind in den österreichischen und schweizerischen 
Alpenländem einschließlich des Bodenseegebiets aus neoli- 
thischer Zeit bis jetzt die folgenden nachgewiesen. 

1. Triticum vulgare Villars, der gemeine Weizen: in 
den Stationen Mondsee, Wangen, Robenhausen. Vgl. Buschan 
S. 12. 

2. Tr. compactum Host, der Zwerg- oder Binkel- 
weizen, ist in den Pfahlbauten der Steinzeit verhältnis- 
mäßig selten, doch wurde er nach Heer (14) in Wangen, 
Robenhausen und Moosseedorf gefunden. Die Varietät 
Tr. compactum globiforme Buschan, der Kugelweizen, 
konmit nach Buschan (17) in Wangen imd Stoore vor. 
Inwieweit Heers kleiner Pfahlbauweizen, Tr. vulgare anti- 
quorum^ der nach ihm (S. 14) „in allen älteren Pfahlbauten 
das vorherrschende Getreide bildet", sich mit Buschans 
Kugelweizen, inwieweit er sich mit Tr. vulgare deckt, muß 
einer eingehenden Untersuchimg durch einen botanischen 
Fachmann vorbehalten bleiben. 

Heer (14 f.) will in Robenhausen auch eine Ähre von 
Tr. turgidum imd einzelne Kömer desselben sowohl in 
Wangen wie in Robenhausen gefunden haben, aber seine 
Bestinunimg wird von Kömicke imd Buschan bezweifelt; 
der letztere (S. 20) möchte Tr. turgidum überhaupt aus der 
Liste der vorgeschichtlichen Kulturpflanzen streichen imd 
als eine spätere Kulturform auffassen. Ist die Art wirklich 
von den oberitalischen Pfahlbauem kultiviert worden, so 
wäre natürlich auch ihr Auftreten in der Schweiz zur 

») Bei Früh u. Schröter Die Moore der Schweiz. (Beiträge zur Geo- 
logie der Schweiz; Geotechn. Ser. 3.) Bern 1904. S. 357 ff. 



^ ^ Die Kulturpflanzen d. einselnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 295 

Steinzeit in keiner Weise erstaunlich. Aber bis weitere Be- 
'^eismomente beigebracht werden, lassen wir diese Frage 
besser auf sich beruhen. 

3. Dagegen ist das Vorkommen des Emmer {Triticutn 
dicoccum Schrank) in den neolithischen Pfahlbauten der 
Alpenländer vollkommen sicher festgestellt. Heer fand 
unter den vegetabilischen Resten von Wangen eine ver- 
kohlte, zweifellose Ähre des Emmer, allerdings von einer 
unbegrannien Form, imd Messikommer hat 1887 auch in 
der untersten Fundschicht zu Robenhausen sehr gut 
erhaltene Ähren desselben nachgewiesen.*) 

4. Von Tr. monococcum L., dem Einkorn, besaß die 
antiquarische Sammlimg zu Zürich eine schöne Ähre aus 
Wangen, die aber schon 1865 verloren war (vgl. Heer 16). 

5. Nächst dem kleinen Pfahlbauweizen war nach Heer 
(4. 12) die kleine sechszeilige Gerste {Bordeum hexa- 
stichum sanctum Heer) das häufigste Getreide der Schweiz 
in prähistorischen Zeiten. Sie ist von Buschan (40) auch 
in einem Ährenrest aus der Pfahlbaute im Mondsee fest- 
gestellt worden. 

6. Viel seltner war die dichte sechszeilige Gerste 
{Hordeum hexastichum densum Heer). Sie ist bis jetzt aus 
der Steinzeit nur zweimal: von Heer (13) in einem Ähren- 
stück aus Robenhausen, von Buschan (41) in Körnern aus 
Lüscherz im Bieler See, nachgewiesen. 

7. Sehr selten war die zweizeilige Gerste {Hordeum 
distichunt L.). Heer (13) sah ein Ährenstück derselben aus 
Wangen, das leider später verloren ging. Andre Funde sind 
nicht bekannt geworden. 

8. In Wangen wurde ein großer Klumpen verkohlter 
Hirsekörner gefunden, die sich durch die langen, dünnen 
Stiele, an denen die Früchte befestigt waren, deutlich als 
Rispenhirse (Panicum miliaceum L.) charakterisierten 
(vgl. Heer 17). 

*) Heierli 9. Pfahlbautenber. S. 14. 58 (Mitt. d. Antiquar. Ges. 
Zürich 22, 46 u. 90; 1888). Schröter Zeitschr. f. Ethnol. 1895, Verhandl. 
S' 687, Anm. I. 



296 7* Kap. Die KulturpflaDzen Mittel- und Nordearopas im Steinzeitalter. 

9. Aus Kolbenhirse oder Fennich (Panicum italicun 
L.) waren nach Heer (9. 17 f.) die in Robenhausen entdeckte! 
Hirsebrote bereitet. 

Zum Brotbacken wurde von den schweizerischen Pfahl- 
bauem nur Weizen und Hirse benutzt, und zwar gab e» 
schon dreierlei Brotarten: am häufigsten findet sich eil 
Weizenbrot mit stark zerriebenen Körnern; daneben be 
gegnet eine gröbere Sorte Weizenbrot, bei der die Koma 
fast alle ganz geblieben sind; die dritte Brotart ist ei 
Hirsebrot, dem einzelne Weizenkömer imd Leinsamen an 
gestreut sind. Gerstenbrot, das gegenwärtig in den Täten 
Graubündens eine weite Verbreitimg hat,*) ist aus dei 
Pfahlbauten bis jetzt nicht zum Vorschein gekommei 
trotzdem an ziemlich vielen Stellen Brot gefunden worde 
ist. Die Gerste wurde wahrscheinlich geröstet oder al 
Brei genossen.*) 

In vielen Fällen sind die in den Pfahlbauten gemachte 
Getreidefunde nicht näher bestimmt worden. So wir 
•Weizen" im allgemeinen für Niederwyl,^) Steckbom, 
Stoore*) imdMondsee,^) 'Gerste* ohne nähere Spezialisienm 
für Niederwyl,») Steckbom,*) Stoore,*) Cortaillod, ') Monc 
see^), sowie für den Gemeindeberg in Wien®) angegebei 
In den Fimdberichten aus Litzelstetten imd Rauenegg®) ü 
gar nm- von Getreide überhaupt die Rede. 

Von Hülsenfrüchten kannte Heer (22 f.) aus de 
Pfahlbauten der Steinzeit nur 10. die Erbse {Pisum sativum 



*) Schellenbcrg Graubünäms Getreidevarietäten, Ber. d. schweize 
Bot. Ges. lo (1900). Vgl. Justs Bot. Jahresber. 28 (1900) I 271, Her. 11 

•) Näheres bei Heer 9 f. Vgl. auch oben S. 280. 

») F. Keller Mitt. d. Antiquar. Ges. Zürich 14, 154. 

*) Schnarrenberger Pfählb. d, Bodensees 34 f. 

^) Messikommer Die Pfahlbauten im Greifensee 34. 

•) M. Much Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 8 (1878), 246. 

') Vouga StatUms lacustres de Cortaälod 40. 

") L. H. Fischer Neolith, Ansiedelung in Wien S. 112. Es wurc 
ein kleiner Klumpen verkohlter Gerste mit Lehm vermischt gefunde 
S. die Abbildung 57 daselbst. 

•) Schnarrenberger aaO. 7. 26. 



^^^^'''^ I 0. Die Knltorpflanxen d. einselnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit 297 

L), die in einer auffallend kleinen Form in Moosseedorf 
zutage kam. Seitdem sind aber nach einer Mitteilung von 
Messikommer') zu Lüscherz im Bieler See außer Erbsen 
auch 11. Linsen (Ervum lens L.) nachgewiesen worden. 

12. Der Pastinak (Pastinaca sativa L.), dessen Früchte 
in Moosseedorf gefunden wurden, scheint ebenfalls schon 
Gegenstand der Kultur gewesen zu sein. Wenigstens sind 
Pastinakfrüchte auch in den oberitalischen Pfahlbauten von 
Mercurago und Fontanellata aus der Bronze- bezw. Eisenzeit 
zum Vorschein gekommen.*) 

13. Von der Möhre [Daucus carota L.) liegt bis jetzt 
nur ein Fund aus Robenhausen vor. Aber wenn der Pastiii^ 
von den Schweizer Pfahlbauem der Steinzeit wirklich ge- 
baut wurde, so ist dasselbe ftlr die Möhre wenigstens nicht 
unwahrscheinlich. 

Von Kohlarten, Zwiebeln und all den andern Gemüsen, 
die wir heute bauen, hat bis jetzt in den Pfahlbauten keine 
Spur nachgewiesen werden können. 

Daß die Pfahlbauleute schon irgend welche Gewürze 
gekannt haben, ist wohl wahrscheinlich, und es liegt am 
nächsten, außer dem Salz an die Samen der Doldenpflanzen 
zu denken. Indessen berechtigt uns das spärliche Vor- 
kommen unverkohlter Samenkörner des Kümmels {Carum 
carvi L.) unter dem Gesäm von Robenhausen kaum zu dem 
Schluß, daß diese Pflanze schon als Kulturpflanze gezogen 
worden sei 

14. Sicher kultiviert dagegen wurde der Mohn und 
zwar in einer Form, die dem Papaver setigerum DC, der 
nüttelländischen Stammpflanze unsers Gartenmohns, am 
nächsten steht. Seine Samen sind in ungezählten Mengen 
in den Kulturschichten von Robenhausen und Moosseedorf, 
nach Hartwich') auch in Niederwyl und Steckbom ge- 

^ Bei Baschan 200 f. 206 f. 256. 

^ Baschan aaO. 148. 253. 256. 

■) C. Hartwich Über 'Papaver somniferum' u. speziell dessen in dm 
^/ah&auten vorkommende Reste, Apotheker-Zeitung 1899. Vgl. Justs 
^t. Jahresber. 28 (1900) I 257. 



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Rk 



298 7* I^P> I^ic Kalturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalt^r. 

funden worden. In Robenhausen kam femer ein Moifl- 
kopf , sowie ein ganzer Kuchen von verkohltem Mohnsamen 
zum Vorschein, der aus Tausenden kleiner, zu einer Masse 
zusanmiengebackener Sämchen besteht. Es scheint also, 
daß die Samen in Form von Mohnkuchen genossen wiu-den; 
doch wurden sie außerdem wahrscheinlich in erster Linie 
zur ölgewinnung benutzt. Auch die berauschenden Eigen- 
schaften der Mohnsamen und des daraus gewonnenen Öls 
dürften den Pfahlbauem schwerlich entgangen sein. EHe 
Art der Verwendimg, sowie die große Anzahl der gefundenen 
Mohnsamen, die zu der Häufigkeit der Pflanze im wild- 
wachsenden Zustande in keinem Verhältnis steht, beweisen 
jedenfalls, daß wir es hier mit einer wichtigen Kulturpflanze 
der Pfahlbauem zu txm haben. 

15. Weit wichtiger noch war der Flachs. Kapseln 
imd Samen desselben aus Wangen, Robenhausen und Moos- 
seedorf sind von Heer als zu der schmalblättrigen Form 
Linum angustifolium Hudson, dem wilden Lein, gehörig 
erkannt worden. Von der gleichen Art stammen auch die 
im Mondsee gefundenen Samen.*) Der Flachs wurde wohl 
überall gebaut und in der verschiedensten Weise technisch 
verwertet, wie zahlreiche in Wangen, Steckbom, Hof, Nuß- 
dorf, Niederwyl imd Robenhausen entdeckte Fäden und 
Muster von Geflechten, Geweben imd Gespinnsten erkennen 
lassen. Die Leinsamen wurden aber wegen ihrer öligen 
Beschaffenheit, wie erwähnt, auch als Beimischimg zu 
Hirsebrot verwandt. Außerdem stieß man in Robenhausen 
auf ein aus Flachskapseln und -samen zusanunengesetztes 
Täfelchen, das wohl eine Art Flachskuchen darstellt. 

16. Reste von Obst- und Beerenfrüchten wurden 
überall in größeren oder geringeren Mengen gefunden. Vom 
Kernobst sind die ganzen Früchte in verkohltem Zustande 
teilweise vortrefflich erhalten; vom Stein- und Beerenobst 
sind nur die Steine und harten Kerne auf uns gekommen. 

Die meisten dieser von den Pfahlbauleuten genossenen 



*) Buschan VorgtschicktL Bot, 239. 



n. Die Knltorpflanzen d. einselnen Länder Mitteleuropas z. jflngeren Steinzeit 299 

Früchte sind jedenfalls in Wald und Feld von den wilden 
Bäumen und Sträuchern gesanunelt worden. Das gilt 
von der Birne (Pirus communis L.), die sehr selten ist; 
es gilt ebenso von der Süßkirsche (Prunus avium L.), 
Pflaume {Pr. insititia L.), Zwetsche (Pr. domestica L.), 
Schlehe {Pr. spinosa L.), Traubenkirsche {Pr, padus L.)^ 
dem Mehlbeerbaum (Sorbus aria Crantz), von den Früchten 
der Himbeere {Rubus idaeus L.), Brombeere {R, fruticosus 
und caesius L), Erdbeere {Fragaria vesca L.), Heidelbeere 
(Vaccinium myrtillus L.), Preißelbeere {Vaccinium vitis 
idaea L.), Hagebutte (Rosa canina L.), des Holunders (Sam- 
bticus nigra L.), Attichs oder Zwergholunders (S. ebulus 
L.), wolligen Schneeballs ( Viburnum lantana L.), sowie end- 
lich von Haselnüssen (Corylus avellana L.), Bucheckern 
(Fagus silvatica L.), Eicheln (Quercus) imd Wassernüssen 
{Trapa natans L.), von denen manche in Unmengen aufge- 
häuft lagen. 

Vom Apfel (Pirus malus L.) kannten die Pfahlbauem 
der Schweiz, gleichwie diejenigen Oberitaliens, zur Steinzeit 
bereits zwei Sorten: eine kleinere, aus Wangen, Roben- 
hausen und Moosseedorf belegt, mit großem Kerngehäuse 
und dünner Fleischhülle, gleicht in allen Stücken dem 
Holzapfel imsrer Wälder; ein andrer, größerer, runder 
Apfel, der zu Robenhausen neben den kleinen Holzäpfeln 
in beträchtlicher Zahl ziun Vorschein kam, mit verhältnis- 
mäßig dickerem Reisch,*) gehört aller Wahrscheinlichkeit 
nach einer kultivierten Sorte an. Die Pfahlbauem der 
Alpenländer haben also bereits zur Steinzeit die Elemente 
des Obstbaus gekannt und mindestens eine veredelte 
Apfelart gezogen. 

Bemerkenswert ist femer, daß zuHaltnau am Bodensee 
außer Haselnüssen imd Steinen von Kirschen, Schlehen und 
Pflaumen nach Schnarrenberger*) auch Zwet sehen steine 
(Prunus domestica L.) imd Walnüsse (Juglans regia L.) 



') S. die Abbildungen bei Heer 24. 
') Die Pfahlbauten des Baden sees 21. 



m» 7' bp. Dse EjikB^Ama McKi- 



oacb Heierli '-> Tkle Traabenkeme Tüf^is vinifera L.) g^^ 
fanden worden. Ob diese Vegecabäien ron Haltnaa wirklich 
der Steinzeit angehören, und ob es acii hier um kultivierte 
oder wildwachsende Sorten handelt, muß einstweilen dahm- 
gestellt bleiben. Wahrscheinlich hat Bnschan recht, der sie 
in spatere Zeiten verweist.'« Doch ist die Zwetsche audi 
in der neolithisdien Knlturschidit der Höhle beim Schwei 
zersbild nachgewiesen,'; so daß die Ansicht Heers, ^) de 
sie den Pfahlbauem ab^)radi, wohl nicht zu Recht besteht 

Das aus Robenhausen^; und Coitaillod*; gemeldet 
Voikommen der Felsenkirsche ^ Prunus mahaleb L. » schein 
auf falscher Bestimmung zu beruhen.'} 

Was endlich die von Heer < 18 ff.) und Xeuweiler gleict 
falls zusammengestellten Ackerunkräuter betrifft, s 
seien hier nur drei besonders bezeichnende hervor^ehobei 
die alle dem Pfahlbau von Robenhausen entnommen wurden 
die blaue Kornblume {Centaurea cyanus L.),') die rot 
Kornrade (Agrostemma githago L.) imd das kretische Leii 
kraut (Silene cretica L.). Wir werden später sehen, inwiefer 
dieselben für die Beurteilimg des Ursprungs der schweize 
rischen Kulturpflanzen von Bedeutimg sind. Eine derselbe! 
die Kornrade, ist ims schon aus den neolithischen Niedei 
lassungen Ungarns bekannt (S. 288). 

5. Süddeutschland und Böhmen. 
Literatur. Württemberg. Busch an Vorgeschichtl. Botanik i 
12. 2o6. 259; der S. 259 gegebene Literaturnachweis ist irrig. - 
Baden. A. Bonnet Die steinzeitliche Ansiedlung auf dem Michel 
berge bei Untergrambach. Veröffentl. d. Bad. Sammlungen f. Altei 
tums- u. Völkerk. in Karlsruhe 2 (1899), 39-54; Vegetabilie 



*) 9. Pfahlbautenber. 58 (Mitt. d. Antiquar. Ges. Zürich 22, 90; 1888 

*) Vorgesch. Bot. 226, Anm. 2. ") Nüesch Das Schweizersbild 281 

«) Pflanzen d. P/ahlb. 27. ») Heer aaO. 28. 

•) Vouga Stations lacustres de Cortaillod 40. 

*) Vgl. Buschan aaO. 186 und Neuweiler in seiner Übersicht übe 
die Flora der Pfahlbauten bei Früh u. Schröter DU Moore der Schwet 
(S. 360 f.), die mir in Korrekturbogen vorlag. 

•) Fehlt in Neuweilers Liste der wildwachsenden Pfahlbauten 
pfltnsen, weil sie ein eingewandertes Unkraut ist. Dir Vorkomme: 
in Robenhausen wird mir tber von Neuweiler brieflich bestätigt. 



^ Die Knltorpfluisen d. einxelnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 301 

S. 46. — Böhmen. Robert v. Weinzierl Du neolitkische Aß^ 
Siedlung bei Gross-Czemosek a. d. Elbe. Mitt. d. Anthropol. Ges. 
Wien 25 (1895), 29M9; Vegetabilien S. 38. 49. Derselbe Eine 
neoUikiscke Ansiedlung oberhalb Klein-Czemosek a. d. Elbe. Zeitschr. 
f. Ethnol. 1895, Verhandl. S. 684-689; speziell 686 f. 

Merkwürdig wenig Funde von prähistorischen Vege- 
tabilien liegen bis jetzt aus Deutschland vor, obgleich 
gerade hier in allen Teilen des Reiches eine unzählige 
Menge vorgeschichtlicher Ansiedlungen, Grabstätten, Opfer- 
plätze usw. aufgedeckt und erforscht sind. Es wäre indessen 
fekch, daraus zu folgern, daß in Deutschland der Ackerbau 
in vorhistorischer Zeit weniger verbreitet gewesen sei als in 
den Alpenländem oder in Nordeuropa. Jene Tatsache erklärt 
sich zum großen Teil dadurch, daß früher auf der Suche nach 
wertvollen Kunstgegenständen, von der die meisten Archäo- 
logen bei ihren Ausgrabungen geleitet werden, die unschein- 
baren imd doch so außerordentlich wichtigen pflanzlichen 
Oberreste in der Regel unbeachtet gelassen und nur in seltnen 
Fällen oberflächlich registriert wurden. Seitdem in den 
letzten Jahren die Aufmerksamkeit nachdrücklicher auf die 
^^etabilischen Reste gelenkt wurde, sind denn auch bald 
^e Anzahl von Funden dieser Art zur Kenntnis gelangt. 
An die Pfahlbaustationen des Bodenseegebiets reiht 
^ich zunächst eine neolithische Niederlassung bei Schusse n- 
iried im württembergischen Oberamt Waldsee, wo von 
Vegetabilien außer Eicheln, Bucheckern, Haselnüssen, Him- 
V>eeren und Unkrautsamen auch Kömer des gemeinen 
AVeizens {Triticum vtdgare)^^) Kugelweizens (TV. compactum 
^lobiformeY) und Einkorns {Tr. monococcumy)^ sowie Linsen 
{Ervum lens L.) und Leinsamen (Linum spec.) entdeckt 
'Wurden. 

Zahlreiche Getreide -Mühlsteine, die Koehl 1895 in 
einem steinzeitlichen Gräberfelde bei Worms fand,*) be- 

^) Nach Buschan 12 f. 16. 

•) Wittmack bestimmte die ihm übersandten Weizenkörner als Tr, 
^^onococcum und vielleicht dicoccum\ vgl. Bot. Centralbl. 64, 203 (1895). 

') C. Koehl Neue prähistor. Funde aus Worms u. Umgebung S. 36 f. 
Worms 1 896. S. auch Correspondenzbl. d.d. Ges. f. Anthropol. 27, 1 32 ( 1896). 



302 7« Kap> ^ic Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

weisen, daß auch in der Rheinebene schon zur Stein- 
zeit Getreide gebaut worden ist. Sie bestehen aus einem 
größeren Bodenstein und dem kleineren Läufer, mit dem 
die Kömer zerquetscht und zerrieben wurden. Der Umstand, 
daß diese Mühlsteine ausschließlich in Frauengräbem vor- 
kommen, zeigt, daß die Mehl- und Brotbereitung schon 
damals, wie noch in historischer Zeit bei den germanischen 
Völkern, Sache der Frauen war. 

Etwa gleichzeitig mit den Wormser Fimden wurden in 
andern neolithischen Niederlassungen der Rheinebene Ge- 
treidekömer entdeckt. Bei der vom Karlsruher Altertiuns- 
verein veranstalteten Ausgrabung der steinzeitlichen An- 
siedlung auf dem Michelsberg bei Untergrombach 
zwischen Bruchsal und Durlach fand man den Lehm des 
Hüttenbewurfs durchweg mit den Spelzen einer Getreideart, 
nach Wittmack anscheinend Gerste, vermengt Und „eine 
der zuletzt imtersuchten Gruben enthielt auf der Sohle eine 
20 cm hohe Schicht vericohlten Getreides",*) das mir durch, 
Herrn Geheimrat Wagner bereitwilligst zur Verfügung- 
gestellt wurde. Eine Prüfung der Kömer durch Professor- 
Schröter in Zürich, dem ich eine größere Probe davona 
einsandte, ergab, daß die Kömer durchweg Emmer {Triti — 
cum dicoccum Schrank) sind „in allerdings schlecht erhal- 
tenen, aber doch zweifellosen Resten." 

Im Mai 1903 nahm ich mit Dr. Schoetensack von hiei^ 
an Ausgrabimgen teil, die Professor Karl Pfaff auf deir^ 
Grunde einer neolithischen Niederlassung nordwestlich vor^ 
Handschuhsheim auf dem rechten Neckarufer gegenübei^ 
Wieblingen, etwa 3 km imterhalb Heidelberg, veranstaltete 
Hier fanden sich, in einer Tiefe von etwa Vfin, unter neo- 
lithischen Gefäßscherben zahlreiche verkohlte Getreide^ 
kömer, die einzeln über eine größere Fläche zerstreut ir::i 
der dimkeln Kulturschicht eingebettet lagen. Professor 
Schröter, dem ich auch von diesen Körnern Proben zu^ 
Bestimmung übersandte, teilt mir freimdlichst mit, daß 



*) Bonnet Die steinztitl. Ansüdiung auf d. Michelsberg 46. 



n. Die Koltaipflansen d. einzelnen Länder Mitteleuropas z. jüngeren Steinzeit. 303 

sie gleichfalls unzweifelhaft Emmer {Triticum dicoccum 
Schrank) seien. Die starke Abflachiing auf der Furchen- 
seite, die ausgeprägte Rückenkante, an der der Keimling 
saß, die etwas furchig eingedrückten Spelzennerven auf 
den Flächen und das geringe Aufgedunsensein: alles das 
mache die Diagnose ganz sicher. Die Kömer sind etwas 
gröfier als die gleich zu nennenden Emmer-Kömer von 
Klein-Czemosek in Böhmen. 

Diese beiden Funde von Untergrombach und Hand- 
schuhsheim sind insofern interessant, als sie die ersten sichern 
vorgeschichtlichen Emmer-Funde in Deutschland sind. 

In Böhmen fand R. von Weinzierl, der sich um die 
Erforschung der prähistorischen Stationen dieses Landes 
sehr verdient gemacht hat, in den neolithischen Ansied- 
langen von Lobositz und Groß-Czernosek an der Elbe 
aujBer den überall vorkommenden Mahlsteinen aus Granit 
oder Sandstein auch verkohlte Weizenkömer {Triticum 
vulgare VilL), die sich durch eine sehr gedrungene, kurze, 
an den Spitzen stark abgerundete Gestalt auszeichneten. 

Besonders groß aber war die Ausbeute in dem benach- 
1)arten Klein-Czernosek. Hier kam in dem Feuerherd 
eines Wohnplatzes ein zerbrochener, roh modellierter Topf 
zutage, der mit Getreide gefüllt war. Das vollkommen 
verkohlte, aber noch gut erhaltene Getreide in der Menge 
von mehreren Litern bestand nach Schröters Bestimmung 
zum größten Teil aus Emmer {Triticum dicoccum Schrank), 
dem einige Kömer Weizen beigemischt waren. Kömicke, 
dem ebenfalls eine Probe dieses Emmers von Klein-Czemosek 
übersandt wurde, schrieb mir allerdings unterm 2. Nov. 1899, 
daß die ihm eingeschickten Kömer ebenso gut zu Tr. spelta 
L. gehören könnten. 

Es sind also in Süddeutschland imd Böhmen bis jetzt 
die folgenden Getreidearten festgestellt worden: 

1. Triticum vulgare Villars: in Schussenried, Lobositz 
und Groß-Czernosek. 

2. Tr. compactum glohi forme Buschan in Schussenried (?). 

3. Tr. monococcum L. in Schussenried. 



904 7* Kap* I^ic Kaltarpflanzen Mittel- und Nordenropas im Steinzeitalter. 

4. 7r. dicoccum Schrank : in Untergrombach, Handschuhs- 
heim und Klein-Czemosek. 

5. Hordeum spec. in Untergrombach (?). 

6. Ervum lens L. in Schussenried. 

7. Linum spec. ebenda, 

6. Mittel- und Norddeutschland. 

Literatur. Mertendorf (Sachsen- Weimar). Klopfleisch 
Correspondenzbl. d. Anthropol. Ges. i88i, 139. Buschan 
VorgescHchtL Botanik 6. 12. 256. — Ettersberg (bei Weimar). 
Buschan aaO. 6. 12. 39. 252. Der von Buschan S. 252 gegebene 
Literaturnachweis trifft nicht zu. — Andreastor in Erfurt. 
P. Tschiesche Die Besudelung des unteren Geratales während der 
jüngeren Steinzeit, Mitt. d. Ver. f. d. Gesch. u. Altertumsk. v. 
Erfurt 13 (1887), 269—287; Vegetabilien S. 285 (nicht S. 19, 
wie Buschan 249 angibt). 

Schlinmier noch als in Süddeutschland und Böhmen ist 
es in Mittel- imd Norddeutschland um vegetabilische Funde 
aus der jüngeren Steinzeit bestellt. Doch beweist das 
häufige Vorkommen von Mühlsteinen in neolithischen Denk- 
mälern von Mecklenburg, Pommern, Westpreußen, Posen usw., 
daß auch in Norddeutschland schon zur Steinzeit Kömerbau 
getrieben wurde. ^) 

Aus Thüringen liegen allerdings drei Getreidefimde 
vor, die bereits von Buschan verzeichnet sind. Es ist be- 
merkenswert, daß sie alle drei dem nordthüringischen Hügel- 
land angehören, das als alter Steppenboden schon in inter- 
glacialer Zeit besiedelt war. 

In einem Opferhügel bei Mertendorf in Sachsen- 
Weimar aus der jüngeren Steinzeit entdeckte Klopfleisch 
sieben „inwendig mit gebranntem Ton ausgekleidete Gruben, 
die in den Grundboden des Hügels eingegraben" waren imd 
augenscheinlich als Kombehälter gedient hatten. In einer 
dieser sieben Cyündergruben lag gerösteter Weizen, in, 
andern Reste von Backformen imd Getreidereibem. 

In einer Lehmgrube des Ettersbergs nördlich voa 
Weimar wurde eine Niederlassung aus spätneolithischer 

*) Vgl. Much Heimat d. Indogermanen • 382 f. 



n. Die Knltorpflanzen d. einselnen Lflnder Mitteleuropas s. jüngeren Steinzeit. 305 

Zeit bloß gel^, worin Gerste, Weizen und Apfelkerne zum 
Vorschein kamen. 

Am Andreastor in Erfurt endlich fand Tschiesche, 
bei der Erforschimg neolithischer Ansiedlungen, auf dem 
Boden eines zertrümmerten Topfes einige verkohlte Weizen- 
kömer. 

Bei diesem Weizen handelt es sich nach der Angabe 
Baschans (S. 6 u. 12), der wenigstens vom Andreastor imd 
vom Ettersberg Proben erhalten hat, in allen drei Fällen 
um Triticum vulgare. 

Aus Norddeutschland ist mir aus neolithischer Zeit 
nur ein vereinzelter Getreideftmd bekannt geworden, der im 
Jahr 1896 in dem Bohrloch des Bremer Schlachthofs ge- 
macht wurde. C. A. Weber fand in der Schichtprobe aus 
einem Tonlager, das sich von 3,4 bis 4,4 m unter der Ober- 
fläche erstreckt, den obem Teil eines durch Feuer verkohlten 
Getreidekoms. *) Das Stück, welches 3,288 mm lang, 2,74 mm 
breit, 2,00 mm dick und mit einer wenig tiefen Längsfurche 
versehen ist, rührt nach Weber „von einer ziemlich groß- 
JrOchtigen Art von Hordeum oder Avena her". Da aber 
Hafer, der in Mitteleuropa erst im Bronzealter erscheint, 
für diese frühen Zeiten sicher nicht in Betracht kommen 
kann, werden wir es wohl mit einem Gerstenkorn zu ttm 
haben. „Ein zweites, weit kleineres, ebenfalls durch Feuer 
verkohltes und dadurch wohl stärker entstelltes Gramineen- 
kom" vermochte Weber „nicht irgendwie näher zu identi- 
fizieren". Die Kömer gehören zu derselben Tonschicht, die 
ich oben (S. 49) in das Eichenzeitalter datiert habe, weil sie 
direkt unter dem dort beschriebenen Erlenbruchmoor liegt, 
und weil die Probe ua. auch ein Pollenkorn von Quercus 
enthielt. Die Lagerungsverhältnisse machen es wahrschein- 
lich, daß wir es auch hier mit einem Getreidefund aus 
neolithischer Zeit zu tim haben. Weitere Nachgrabungen 
an der betreffenden Stelle des Bremer Schlachthofs, die 



*) S. seine Beschreibung (mit Abbildungen) in den Abhandl. hrsg. 
^> Naturwiss. Ver. zu Bremen 14 (1898), S. 478 f. 

Hoopt, Waldblume u. Kolturpflaazen. 30 



806 7* Kap. Die Kultarpflanzeii Mittel- nnd Nordearopas im Steinxeitalter. 

allerdings bei der beträchtlichen Tiefe wohl schwer aus; 
führen sind, würden vermutlich noch andere Spuren diej 
steinzeitlichen Siedelung am Weserstrande zutage forde: 

III. Die Kulturpflanzen Nordeiux>pas zur jüngeren Steinz< 

Literatur. Sophus MOller Nordische Altertumskunde, 
V. O. L. Jiriczek. Straßburg 1897. I 205 f. 458 f. Katalog 
Nationalmuseums zuKopenke^eniJ^^Ti. Sammlung): Steinzeit, d^utsi 
Ausg. 1899, S- 29* 53- 54* Georg Sarauw De aldste Spar 
Sadartemes Dyrkning i Sverige. Förhandlingar vid det 15^« skan 
naviska Naturforskaremötet i Stockholm d. 7. — 12. juli i& 
p. 293— 295 (1899). A. F. Madsen, Sophus Müller etc. Affai 
dynger Jra Stenalderen i Danmark, Kjebenhavn, C. A. Reit] 
Leipzig, Brockhaus, 1900. S. 144. 157. 171. 177. 194. Von herv 
ragender Wichtigkeit ist auch das von Sarauw im Kopenhagei 
Nation almuseum zusammengestellte reichhaltige Material, < 
ich an Ort und Stelle teilweise zu besichtigen im Sommer i\ 
Gelegenheit hatte. 

In Nordeuropa betreten wir wieder festeren Bod< 
Nachdem bereits 1874 in einem aus der Eisenzeit stammend 
„Königshügel" bei Alt-Upsala ein Gerstenkorn entdeckt u 
einige Jahre darauf in einem Depotfimd auf der Insel LoUa 
aus dem Bronzealter Hirse nebst Bruchstücken einer Weizc 
ähre und in einem jütischen Grab aus der Bronzez 
einige verkohlte Gerstenkörner gefunden waren, machte c 
jütischer Dorfschullehrer, Frode Kristensen, 1894 die wie 
tige Beobachtung, daß sich in prähistorischen Gefäßen öftc 
Abdrücke von Körnern oder verkohlte Kömer selbst find< 
die bei der Anfertigung der Gefäße zufällig in die Tonmas 
geraten waren. Damit war ein neuer Weg erschlossen, c 
zu zahlreichen weiteren Getreidefimden imd sichern Zc 
bestimmimgen führen sollte. 

Umfassende Untersuchungen an prähistorischen Tc 
gefäßen aus den Dänischen Inseln, aus Jütland, Schlesw 
und dem südlichen Schweden, die Georg Sarauw seit 18 
im Auftrag des Kopenhagener Nationalmuseums veranstj 
tete, haben eine überraschend große Ausbeute an v< 
kohlten Körnern und Kömerabdrücken aus allen Period( 
von der jüngeren Steinzeit an zutage gefördert 



m. Die Kalturpflaiuen Nordeuropas zar jÜDgeren Steinzeit 807 

Unter den Ablagerungen aus dem ältesten Abschnitt 
der neolithischen Periode Nordeuropas zwar, der Zeit der 
^tisch-dflnischen Muschelhaufen, sind bisher keinerlei Ge- 
treidesorten, überhaupt keine Spuren von Ackerbau und 
Viehzucht nachgewiesen worden. In den Muschelhaufen 
aus dem Beginn der jüngeren nordischen Steinzeit 
<lagegen, die wahrscheinlich noch dem 4. Jahrtausend vor 
Oir. angehören, wurden mehrfach Abdrücke und verkohlte 
Kömer von Weizen und sechszeiliger Gerste gefunden. 
Alle drei auf Veranlassimg des Nationalmuseums zu Kopen- 
hagen untersuchten Muschelhaufen der jüngeren Steinzeit 
lieferten Belege dafür. 

In dem Haufen von Örum Aa an dem ehemaligen 
Kolindstmd, südöstlich von Randers auf der jütischen 
Ostküste, zeigten sich Abdrücke von Weizenkömem in 
mehreren Gefäßscherben.^) Nach Ausweis der Sammlimgen 
im Nationalmuseum scheint es sich hier um Emmer (Tritt- 
cum dicoccum Schrank) zu handeln. Jedenfalls fand ich bei 
meinem Besuch im Museum 1899 dort Emmerkömer aus 
„Örumaa bei Grenaa" ausgestellt. 

In dem Haufen von Aalborg am Limfjord wies 
Sarauw in einigen der Tonklumpen und Tonscherben Ab- 
drücke von Gersten- imd Weizenkömem und Hüllspelzen 
nach; und durch Schlemmen von Kulturerde wurden an 
einer Stelle 15 einigermaßen ganze, verkohlte Gerstenkörner 
und 33 kleinere Bruchstücke von solchen festgestellt. Wahr- 
scheinlich handelt es sich dabei um sechszeilige Gerste.'') 

Auch in dem Muschelhaufen von Leire Aa unweit des 
Roeskild-Fjords auf Seeland fanden sich Scherben mit 
Abdrücken von Weizenkömem und -spelzen, sowie das 
Bruchstück eines verkohlten Gerstenkorns.^) 

Schon die Lage dieser jüngeren Muschelhaufen im 
Binnenlande weist auf Beschäftigimg der Bewohner mit 
Ackerbau hin. 



*) Affaldsdynger fra Stenaldtren 144. 
») Ebenda 157. 
■) Ebenda 171. 

20* 



308 7* I^P* I^ic Koltarpfltnzen Mittel- und Nordeuropas im Steinseitalter. 

Gerste und Weizen treten also hier beide von An- 
fang an gleichzeitig auf. Mit Beginn der Steingräber- 
Ära mehren sich die Funde, und es kommt mm auch die 
Hirse hinzu. 

Die Untersuchungen in Dänemark sind noch nicht ab- 
geschlossen; sie werden im Lauf der Jahre wohl noch 
manche weitere Funde zutage fördern. Aber so viel läßt 
sich nach Untersuchung vieler Tausende von neolithischen 
Topfscherben schon jetzt mit Sicherheit behaupten, daß zur 
jüngeren Steinzeit an vielen Stellen Dänemarks bereits 
mehrere Sorten Weizen, sechszeilige Gerste und Hirse 
gebaut worden sind. Proben dieser Getreidearten sind aus 
den verschiedenen vorgeschichtlichen Perioden Dänemarks 
zusammen über hundertmal nachgewiesen.*) 

Besonders ergiebig scheint eine neolithische Wohnstätte 
bei Lindskov gewesen zu sein, wo gewöhnlicher Weizen 
(Triticum vulgare Villars), Emmer (TV. dicoccum Schrank), 
Einkorn (TV. monococcum L.) imd Gerste {Hordeum) zu- 
sammen nachgewiesen wurden.*) Emmer ist von Sarauw 
auch in der neolithischen Station von Christians minde 
bei Svendborg auf der Insel Fünen gefunden.*) 

Nach den überraschenden Ergebnissen, die Sarauws 
Untersuchimgen der neolithischen Topfscherben in Däne- 
mark gehabt hatten, lag es nahe, diese Forschimgen auch 
auf Schweden auszudehnen. Die Auffindung des Abdrucks 
eines Gerstenkorns in einer neolithischen Tonscherbe zu 
Svenstorp, Kirchspiel Hoby, in der Provinz Blekinge,*) 
gab den Anstoß zur Ausführung dieses Gedankens. 

Eine flüchtige Durchsicht der schwedischen Museen, 
die Sarauw im Jahre 1898 unternahm, ergab bereits einige 
belangreiche Funde.*) 



«) S. Müller Nord. Altertumsk, I 206. 459. 
*) S. d. Sammlungen im Nationalmuseum zu Kopenhagen. 
•) Ebenso. 

*) Much Heimat der Indogermanen* 380, nach einer Notiz in der 
Zeitschrift Ymer von 1897, die mir hier nicht zugänglich ist. 
») De eUdste Spar af Sadartemes Dyrkning i Sverige. S. 294. 



m. Die Kulturpflanzen Nordeuropas zur jüngeren Steinzeit. 309 

In einer Topfscherbe aus einer frühneolithischen 
Wohnstätte in Blekinge endeckte Sarauw den Abdruck 
dnes Gerstenkorns, so daß also die Gerste auch im süd- 
lichen Schweden seit Beginn der jüngeren Steinzeit gebaut 
worden ist. Ob sie damals in Schweden das einzige Getreide 
war, müssen künftige Untersuchungen zeigen. 

Weitere Funde gehören der Hünengräber-Periode an. 
In zweiHünengräbemausSchonenimd einem ausBohuslän 
fanden sich Abdrücke und teilweise noch Reste der verkohl- 
ten Kömer von zwei Sorten Weizen, von Gerste und Hirse. 

Aus dem Schluß des Steinalters endlich stammen 
zwei Steinkistengräber in Westergötland, die ebenfalls 
Tongefäße mit Abdrücken von Weizen und Gerste enthielten. 

Nach den vorstehenden Ausführungen wurden zur 
jüngeren Steinzeit in Nordeuropa die folgenden Kultur- 
pflanzen gebaut: 

1. Triticum vulgare Villars, gewöhnlicher Weizen; 
auch in Nordeuropa wohl die häufigste der Weizenarten. 

2. Tr. dicoccnm Schrank, Emmer; nachgewiesen im 
Muschelhaufen von Örum Aa, femer in Lindskov und in 
Christiansminde bei Svendborg. 

3. Tr.monococcum L., Einkorn: in Lindskov. 

4. Hordeum sp., wahrscheinlich H.hexastichum L., die 
sechszeilige Gerste: in Dänemark wie im südlichen 
Schweden von den ältesten neolithischen Zeiten an überall 
verbreitet 

5. Panicum miliaceum L., Hirse: tritt in Nordeuropa 
anscheinend erst in dem mittleren Abschnitt des Steinalters 
auf, ist den jüngeren Muschelhaufen noch fremd. 

Es wm-de also in Nordeuropa zur Steinzeit schon eine 
ähnliche Mannigfaltigkeit von Getreidearten kultiviert, wie 
während der gleichen Periode in Mitteleuropa. Auf der 
andern Seite aber beschränkte sich die Zahl der nord- 
europäischen Kultiupflanzen zur Steinzeit ausschließlich auf 
die Getreide. Hülsenfrüchte waren in dieser Epoche in 
Nordeuropa, soviel wir jetzt wissen, noch imbekannt. Auch 
Flachs ist bislang nicht gefunden worden. 



310 7* I^* ^^ Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinieitalter. 

IV. Alter, Heimat und Verbreitung 
der steinzeitlichen Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas. 

1. Welches ist das älteste Getreide? 

Welche von den genannten Halmfrüchten die älteste 
überhaupt ist, darüber lassen die prähistorischen Funde in 
Mittel- imd Nordeuropa keine sichern Schlüsse zu. Denn von 
dem Moment an, wo hier die ersten Spuren des Ackerbaus 
erscheinen, treten ziun mindesten zwei derselben, Gerste 
und Weizen, fast überall ziemlich gleichzeitig auf. 

Es ist überhaupt sehr schwierig, über die Chronologie 
der verschiedenen Getreidekultiu^en sichere Daten zu 
gewinnen. Wenn Hahn in seinem schon erwähnten an- 
r^enden Schriftchen Demeter und Baubo meint, die Hirse 
sei die allerälteste Getreideart gewesen, ihr sei später die 
Gerste und dann erst der Weizen gefolgt, so ist dem gegen- 
über zu sagen, daß der Hackbau, auf den Hahn haupt- 
sächlich seine Schlüsse baut, doch nicht bloß bei der Hirse 
möglich ist, sondern ursprünglich bei den übrigen Getreide- 
arten ebenso üblich war. Der Weizen wird in manchen 
Ländern, von Mesopotamien bis nach England, stellenweis 
heute noch gedibbelt.*) 

Auch der zweite Hauptgrund Hahns ist nicht durch- 
schlagend. Die weite geographische Verbreitung der Hirse 
in der Gegenwart läßt zwar im allgemeinen auf hohes Alter 
imd ehemalige größere Bedeutimg der Hirsekultur schließen, 
aber daß dieselbe den Weizen- und Gerstenbau an Alter 
übertreffe, wird dadurch nicht bewiesen. 

Für Europa müssen wir den Alters Vorrang der Hirse 
nach dem jetzigen Stand der prähistorischen Forschung 
direkt bestreiten. Auch eine Priorität der Gerstenkultur 
läßt sich durch die prähistorischen Fimde, wie wir sie 
oben kennen lernten, bislang nicht erweisen. Eine Muste- 
rung der sämtlichen Getreidefunde aus der jüngeren Stein- 



t) Hartstein Vom engl, und sckott Ackerbau^ S.iii ff. Bonn 1858. 



nr. Alter, Heimat und Veibreitnng der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 311 

zdt Europas *) ergibt, daß der Weizen durch Häufigkeit des 
Vorkommens und Zahl der Kultursorten die übrigen Ge- 
treide bei weitem übertrifft. Er ist fast überall schon in 
mehreren Formen vertreten. Am nächsten kommt ihm die 
Gerste, während die Hirse zwar über das ganze Gebiet 
verbreitet, aber doch nur sehr sporadisch und verhältnis- 
mäßig selten belegt ist; in Deutschland und Böhmen ist sie 
Ms jetzt überhaupt nicht nachgewiesen, was allerdings wohl 
nur zufällig ist. Unter den zahlreichen Vegetabilien, die 
Schliemann in den Trümmern Trojas fand, waren weder 
Hirse noch Gerste vertreten. Wäre die Hirse die älteste 
Brotfrucht Europas gewesen, so sollte man doch erwarten, 
daß sie in diesen alten prähistorischen Zeiten, wenn auch 
nicht die erste, so doch wenigstens eine hervorragende Rolle 
^elte; sie scheint aber sclion damals nur eine sekundäre 
Bedeutui^ gehabt zu haben. 

Auf jeden Fall lehrt ims die prähistorische Forschung, 
dafi von einem ausschließlichen Vorkommen irgend 
eines Getreides in den ältesten Zeiten der neoli- 
thischen Periode in irgend einem Teile Europas 
nach dem jetzigen Stand der Untersuchimg keine Rede 
sein kann, daß vielmehr in allen Gegenden Nord-, Mittel- 
und Südeuropas, wo überhaupt Getreidefunde aus neoli- 
thischer Zeit gemacht worden sind, Weizen, Gerste, teil- 
weise auch Hirse von Anfang an zusammen auftreten. 

Es ist an sich natürlich sehr wohl möglich, daß die 
Hirsekultur in manchen Gebieten dem Gersten- und Weizen- 
bau voraufging; prähistorische Zeugnisse für ein höheres 
Alter derselben sind aber bis jetzt weder aus Asien noch 
Europa beigebracht. Selbst in China treten Kolben- und 
Rispenhirse 2800 v. Chr. bereits im Bunde mit Weizen, 
Gerste (?), Reis und Sojabohne auf. Der semitisch-ägyptischen 
Welt anderseits ist die Hirse bis in späte Zeiten überhaupt 
so gut wie fremd geblieben,*) während Weizen und Gerste 

') Auf Grund der Zusammenstellungen bei Buschan, sowie unsers 
vorstehenden Materials. 

«) Buschan Vorgeschickt/. Bot 68. 



312 7* I^P* I^ic Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzettalter. 

in Ägypten schon im 4. Jahrtausend vor Chr. in ausge- 
dehntem Maße kultiviert wurden tuid augenscheinlich damals 
bereits zu dem allerältesten Kulturgut des Landes gehörten. 
Nirgends im ganzen Gebiet der europäischen und vorder- 
asiatischen Kultur reicht die Hirse nach unsrer jetzigen 
Kenntnis in eine so frühe Periode zurück» wie Gerste und 
Weizen in Ägypten oder gar wie in jenen vomeolithischen 
Funden aus Nord- und Südfrankreich imd den Pyrenäen- 
höhlen. Die Hirse kann somit bislang auf ein 
höheres Alter als Weizen und Gerste einen wirk- 
lich begründeten Anspruch nicht erheben. 

Zwischen Gerste und Weizen schwankt der Streit 
um den Altersvorrang seit langem hin imd her. Es ist bei 
dem jetzigen Stand der Forschung gleichfalls unmöglich, 
über die Priorität der beiden zu sichern Schlüssen 
zu gelangen. In den ältesten literarischen Zeugnissen 
der Bibel, der ägyptischen Grabdenkmäler *) und chinesischen 
Schriften kommen bereits beide nebeneinander vor. Auch 
die paläolithischen Funde in Frankreich entscheiden die 
Frage nicht. Den Darstellungen von Kolbenweizen-Ähren 
aus der Grotte des Esp61ugues und den Weizenkömem 
vom Mas d'Azil steht die Abbildung einer Gerstenähre aus 
der Höhle von Lorthet und der Gerstenfund von Campigny 
gegenüber. 

Das Nebeneinander der beiden Getreidearten 
reicht also in die grausten prähistorischen Zeiten 
zurück. Zeugnisse, die nicht älter sind als das 4. Jahr^ 
tausend v. Chr., also zB. die sämtlichen Fimde aus der 
neolithischen Zeit Europas, können nach dem Gesagten für 
die Entscheidung der Prioritätsfrage überhaupt nicht in 
Betracht kommen. Sollten weitere Fimde in Frankreich 
aus paläo- oder mesolithischer Zeit ergeben, daß dort auch 
in diesen frühen Zeiten schon Gerste imd Weizen gleich- 
zeitig gebaut wurden, so bleibt nur eine genaue prähistorische 
Untersuchung über das relative Alter der beiden Getreide- 



•) Schweinfurth Zeitschr. f.Ethnol. 1891, Verhandl. 8.6520. Anm. i. 



IV. Alter, Heimat und Verbieitnng der steinzeitlichen Kulturpflansen etc. 313 

arten in ihrer gemeinsamen Heimat, die nach der gleich zu 

besprechenden Ansicht von Sobns-Laubach i) nicht, wie 

öisher meist angenommen wurde, in Vorder-, sondern in 

'Zentralasien zu suchen ist, als das letzte Mittel zur Lösimg 

<icr Frage übrig. Vielleicht war nur hier in der Nähe des 

Orsprungszentrums eins der beiden wirklich längere Zeit 

^as einzige bekannte Brotkom, während die beiden Pflanzen 

durch Kulturvermittlimg oder Völkerschiebimgen in viele 

^entlegenere Länder nicht mehr nacheinander, sondern 

gleichzeitig, zum Teil sogar schon mit der Hirse als dritter 

im Bunde ihren Einzug hielten. 

2. Weizen, Emmer, Einkorn. 

Alter und Heimat des Weizenbaus. Die wich- 
tigste Kultiupflanze in dem größten Teile der alten Welt, 
zumal in den südlichen Ländern, ist jedenfalls seit Urzeiten 
der Weizen {Eutriticum) mit seinen verschiedenen Rassen 
gewesen. Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung bereits 
hatte er eine Verbreitimg, die sich von China und Indien 
über Mesopotamien, Palästina imd Ägypten bis in den 
Norden und Westen von Europa erstreckte. Und selbst 
die ältesten prähistorischen Fimde haben fast überall schon 
das Vorhandensein einer Mehrzahl von Weizenarten 
erwiesen, die. zum Teil erst das Produkt einer langan- 
dauemden Kultiu' sein können. 

In China ist der Weizenbau bereits imi 2800 vor Chr. 
bezeugt. In Ägypten haben wir eine Reihe bildlicher imd 
schriftlicher Detrstellimgen sowie Funde aus dem 3. vor- 
christlichen Jahrtausend, die auf frühzeitige und ausgedehnte 
Kultur schließen lassen. Es wurden sicher schon 2—3 
Sorten gebaut: der gewöhnliche Weizen {Triticum vulgare 
Villars), der Emmer (TV. dicoccum Schrank), und vielleicht 
der welsche Weizen {Tr, turgidum L.). Die Völker des 
klassischen Altertimis kennen den Weizen sämtlich von 
ihren frühesten Anfängen an. In Nord- und Mitteleuropa 



«) Weizen u. Tulpe S. 28 ff. 31. 



814 7* Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

war er, wie wir gesehen haben, den Bewohnern der 
jüngeren jütisch -dänischen Muschelhaufen, der ältesten 
Pfahlbauten und anderer Niederlassungen aus der frühneo- 
lithischen Zeit bereits bekannt, also in einer Periode, die 
sicher bis ins 3. oder 4. Jahrtausend vor Chr. zurückreicht^ 
und auch hier tritt uns von Anfang an eine Mehrzahl von 
Weizensorten entgegen. 

Daß die Weizenkultur sich ursprünglich von einem 
Zentrum aus verbreitet hat, ist wahrscheinlich. Wo wir 
aber diese Urheimat des Weizens*) zu suchen haben, ist 
schwer zu entscheiden. Eine wilde Stammform kennen 
wir bis jetzt nur vom Einkorn, das in Serbien, Griechen- 
land, Taurien, Kleinasien, Kappadocien und Mesopotamien 
in spontanem Zustande in der Form Triticum aegüopoides 
gefunden worden ist. „Von allen übrigen Arten", sagt 
Solms-Laubach (aaO. 12), „ist es wohl unzweifelhaft, dafi 
von ihrer Spontaneität in irgend einem Gebiet, dessen Flora- 
bekannt ist, gar nicht die Rede sein kann." Kotschy wollte^ 
den Emmer 1855 am Antilibanon in einer Höhe von 400O 
Fuß wildwachsend gefunden haben. Kömicke hat diese 
angebliche wilde Stammform des Eftimer Triticum vulgare 
Villars var. dicoccoides genannt.*) Doch läßt sich auf einen 
so vereinzelten und schon darum zweifelhaften Fund hin, 
der der Bestätigung aus neuerer Zeit völlig entbehrt, kaum 
die Spontaneität einer Kulturpflanze behaupten. 

Auf Grund der Verbreitung des wilden Einkorns nahm 
man bisher meist das Gebiet zwischen dem Schwarzen 
Meer, Kaukasus, Kaspisee, Persien, Landenge von Suez und 
dem mittelländischen und ägäischen Meer, also Vorderasien, 
als das mutmaßliche Vaterland des Weizenbaüs in 
Anspruch. Dem gegenüber hat neuerdings Graf Solms- 



^) Vgl. hierüber De Candolle Ursprung der Kulturpflanzen 453. 
Körnicke und Werner Handbuch des Getreidebaues. I: Die Arten und 
Varietäten des Getreides, S. 33 ff. 109 ff. *Buschan VorgesckickiL Bot. 
33. Solms-Laubach Weizen und Ttäpe 13 ff. 

*) Vgl. Sitzungsber. d. Ges. f. Natur- und Heilkunde zu Bonn vom 
II. März 1889. 



nr. Aker, Heimat und Veibreitang der steinseitlichen Kultnrpflansen etc. 81^ 

Laubach (aaO. 28 ff.) die Vermutung ausgesprochen, „dafl 
de Wiege unseres Eutriticum- Stammes in Zentralasien 
gestanden habe'S von wo sich der Wohnsitz desselben 
oach der Austrocknung des Gobi- und Tarym-Beckens all- 
mählich nach Westen verschob. In der zentralasiatischen 
Heimat müssen nach Solms-Laubach zu einer Zeit, als die 
Gobi noch von einem Meer bedeckt war imd die Chinesen 
und westasiatischen Völker näher bei einander wohnten,. 
anch die wichtigsten der jüngeren Derivatformen des 
£ulriiicum- Typus schon entwickelt gewesen sein; „sie 
müssen dort der Kultur unterworfen und mit dem Menschen 
'bei der allmählichen Verschlechterung der Existenzbe- 
dingungen ihrer sowohl als des letzteren nach West und 
Ost auf offen stehenden Wegen hinauszentrifugiert worden 
sein." In anderer Weise lasse sich „der Gemeinbesitz der 
Weizenkultur bei den Völkern des Westens imd den 
Chinesen gar nicht erklären." Von den wilden Stamm- 
formen der Eutriticum ' Arten wäre nur die des Triticum 
monococcum mit den übrigen zentralasiatischen Floren- 
dementen spontan bis ins Mittelmeergebiet gelangt; die 
andern wären vorher ausgestorben, während ihre Kultur- 
formen mit menschlicher Htllfe sich über die ganze alte 
Welt verbreitet hätten. 

Einteilung der Weizenrassen. Die unzähligen 
Weizenrassen werden in der landwirtschaftlichen Botanik 
meist in zwei Hauptklassen geschieden: die eigentlichen 
Weizen, bei denen die Spindel der Ähre steif ist und die 
Samen bei der Reife sich von selbst aus ihrer Umhüllung 
Idsen, und die Spelze, deren Spindel zerbrechlich ist« 
und deren Samen bei der Reife in ihrer Umhüllung 
eng eingeschlossen bleiben, so daß es, nachdem sie ge- 
droschen sind, in der Mühle noch einer besondem Vor- 
kehrung (der „Gerbgänge") bedarf, um sie daraus zu lösen. 
Zu den eigentlichen Weizen zählen nach dieser Ein- 
teilung die folgenden Hauptformen : Triticum vulgare Villars, 
der gemeine Weizen; TV. compact um Host, Zwerg- oder 
Binkelweizen; TV. turgidum L., welscher oder englischer 



316 7- Kap* I^ic Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Weizen; Tr, durum Desfontaines, Hart-, Glas- oder Bart- 
weizen ; TV. polonicum L., polnischer Weizen. 

Zu den Spelzweizen gehören drei Arten: Triticum spelta 
L., der Spelt oder Spelz im engeren Sinne, auch Dinkel, 
Vesen oder Kernen genannt; Tr. dicoccum Schrank, der 
Emmer; und Tr. monococcum L., das Einkorn. 

Das Prinzip, auf dem diese Einteilimg beruht, ist nun 
allerdings, wie schon De CandoUe*) mit Recht bemerkt, 
mehr für den Landwirt als für den Botaniker von Bedeutung. 
Die neuere wissenschaftliche Botanik hat sich denn auch 
nicht daran gehalten und andere Gruppierungen versucht 

Das größte Verdienst an der Klarstellung der Verwandt- 
schaftsverhältnisse der verschiedenen Weizensorten hat 
Körnicke. Derselbe wies zuerst überzeugend nach, dafi 
das Einkorn {Triticum monococcum) botanisch eine Art für 
sich bildet, welcher die andern genannten Spelz- und Weizen- 
arten des EutriticumSt^xnmQs (unter dem Sammelnamen 
Triticum sativum Hackel oder nach Kömicke TV. vulgare^ 
Villars im weiteren Sinne) geschlossen gegenüber stehen^ 
Zwar ist es Beyerinck gelimgen, Bastardierungen zwischen 
Einkorn und Emmer zu erzeugen, aber sie blieben voll- 
kommen unfruchtbar. 

Triticum sativum Hackel zerfällt nach den Neueren 
wieder in drei Unterarten : die beiden Spelzweizen Triticum 
spelta L. und TV. dicoccum Schrank, und den eigentlichen 
Kulturweizen mit zäher Spindel, TV. tenax Ascherson- 
Graebner (= Tr. sativum tenax Hackel). 

Zu dem eigentlichen Weizen, TV. tenax^ endlich gehören 
dann die vier Formen : TV vulgare Villars im engeren Sinne, 
Tr. compactum Host, TV. turgidum L. und Tr. durum Desf. 
(nach Ascherson-Graebner TV. tenax vulgare, Tr. tenax 
compactum etc.). 

Zweifelhaft ist das Verwandtschaftsverhältnis von Tr. 
polonicum, der von Kömicke auch für einen Abkömmling 
von TV. sativum angesehen, von Hackel und Ascherson- 



«) Urspr. d, KtäturpJL 458. 



vr. Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 817 

Graebner dagegen als selbständige Art diesem zur Seite 
gestellt wird. 

Weichen schon Ascherson und Graebner in ihrer 
Klassifizierung von Körnicke in manchen wichtigen Punkten 
ab, so gehen die Auff asstmgen der übrigen neueren Botaniker 
über die Verwandtschaftsverhältnisse der Weizenrassen 
zum Teil noch viel weiter auseinander. Von einer Einigung 
ist man jedenfalls gegenwärtig noch ziemlich weit entfernt^ 
wenn auch Fortschritte in dieser Richtung nicht zu 
leugnen sind. 

Da mm die oben genannten Unterscheidungsmerkmale 
zwischen Spelzweizen und eigentlichen Weizen dem Laien 
jedenfalls am meisten in die Augen springen und zugleich 
für die landwirtschaftliche Praxis die maßgebendsten sind, 
und da anderseits diese Einteilung auch der Anschauungs- 
weise und natürlichen Klassifizienmg der primitiven Völker 
am nächsten kommen dürfte, so werden wir sie im folgenden 
iomier in erster Linie im Auge behalten. 

Es kommt hinzu, daß die drei Spelzarten unter sich, mit 
ihrer zerbrechlichen Spindel und den festhaftenden Körnern, 
zweifellos eine ältere Form der Deszendenz darstellen, aus 
der die eigentlichen Weizensorten mit zäher Spindel und 
ausfallenden Körnern wohl erst durch Kultur entstanden 
sind. Auch bei den übrigen Getreidearten haben die wilden 
Stammformen durchweg zerbrechliche Ährenspindeln, 
wahrend die Kultursorten sich durch zähe, bei der Reife 
nicht auseinander fallende Spindeln auszeichnen. Für die 
Fortpflanzung der wilden Arten ist das Zerfallen der Ähren 
in mehrere Teile ja offenbar günstiger als das Zusammen- 
haften. 

Da die eigentlichen Weizensorten von China bis 
nach Westeuropa verbreitet sind und schon in den ältesten 
prähistorischen Funden auftreten, muß ihre Stammform 
bereits in der gemeinsamen Urheimat entwickelt gewesen 
sein. Zweifeln kann man nur, ob diese Stammform dort 
als wildwachsende Pflanze existierte und als solche schon 
jene charakteristischen Eigenschaften des eigentlichen 



^18 7* Kap* Di^ Kulturpflanzen Mittel- nnd Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Weizens erworben hatte, oder ob dies eist ein Ergebnis der 
Kultur war. Solms-Laubach nimmt ersteres an; da das 
Zähwerden der Spindel und Ausfallen der Kömer aber bei 
den übrigen Getreidearten durchweg eine Kulturemmgen- 
Schaft ist, halte ich das Gleiche auch beim Weizen für das 
Wahrscheinlichere. 

Von den Spelzarten steht nach Kömicke der Dinkd 
oder Spelz (Triticum spelta L.), nach Wittmack der Emmer 
(TV. dicoccum Schrank) der Urform der eigentlichen Weizen- 
sorten am nächsten. Solms-Laubach (S. 12) setzt folgende 
Entwicklungsreihe der Glieder des EutriticumStQmmes an: 
Triticum monococcum — TV. dicoccum — Tr. spelta — Tr, 
vulgare, durum, turgidum, polonicum. Er scheint also mit 
Kömicke den Spelz für den nächsten Verwandten der 
eigentlichen Weizensorten anzusehen, hält aber anderseits 
mit Wittmack ua. den Emmer für eine ältere Deszendenz- 
form als den Spelz. Nach Schweinftuth*) wäre der Emmer 
die älteste der Weizenarten überhaupt. 

Haussknecht ^) möchte Einkorn, Emmer, Spelz und 
eigentlichen Weizen sämtlich auf drei Formen des wilden 
Einkorns {Tr. aegilopoides): eine kleinasiatische, eine südost- 
europäische imd eine thessalische, zurückführen ; die beiden 
ersten mit zerbrechlicher Spindel und zweizeiligen Ähren 
hält er für die Stammpflanze der drei Spelzweizen, die 
letzte mit zäher Spindel und vierzeiligen Ähren für die des 
eigentlichen Weizens. 

Daß der Emmer eine ältere Form in der Entwicklungs- 
reihe der Spelzarten repräsentiert als der Spelz, kann kaum 
zweifelhaft sein. Ich halte es auch mit Solms-Laubach für 
wahrscheinlich, daß der Emmer schon in der Heimat der 
Weizenarten als eine zwar mit dem Einkorn verwandte, 
aber doch selbstständige wildwachsende Pflanze vorkam» 
so daß man vielleicht die Hoffnung noch nicht aufzugebea 
braucht, ihn irgendwo einmal in wirklich spontanem Za- 

*) Zeitschr. f. Ethnologie 1891, Verhandl. 655. 
') Über die Abstammung des Saatweizen . Ost erreich. Bot. Zeitschr. 49» 
377 f. (1899). Vgl. Justs Bot. Jahresber. 27, 1, S. 272. 



Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 819 

^Stande zu finden. Und da der Spelz vom Emmer doch 
Kucht unwesentlich verschieden ist und Übergangsformen 
^iwischen beiden fehlen, so dürfte Solms-Laubach wohl 
recht haben mit seiner Annahme, daß der Spelz nicht, wie 
Schweinfurth und Buschan meinen, eine der jüngeren Kultur- 
formen des Emmer ist,') sondern daß auch er schon in 
der asiatischen Urheimat wildwachsend neben Einkorn tmd 
Emmer als besondere Art existierte. Zweifelhaft bleibt 
vuT, ob Spelz und Emmer ebendort schon in Kultur ge- 
nommen waren. Zweifelhaft ist femer, ob die Urform der 
eigentlichen Weizensorten dem Spelz oder dem Emmer 
naher steht Einige Anhaltspunkte zur Beantwortung dieser 
Frage wird uns später die Untersuchung über die Kultur- 
geschichte des Spelzes liefern. 

Verbreitung der einzelnen Weizenarten in 
Mittel- und Nordeuropa zur Steinzeit. Von den vor- 
stehend genannten Sorten des Kulturweizens war der 
gewöhnliche Weizen {Triticum vulgare Villars) schon 
im Steinzeitalter bei weitem die häufigste und verbreitetste. 
In fast allen Ländern, wo überhaupt Weizenfunde gemacht 
worden sind, ist auch der gewöhnliche Weizen vertreten, 
obschon er gelegentlich, wie zB. in Böhmen bei Klein- 
Czemosek, hinter andern Sorten zurücktritt. Er ist bis 
jetzt nachgewiesen aus neolithischen Niederlassungen in 
Oberitalien, Ungarn, den Alpenländem, Frankreich, Süd- 
deutschland, Böhmen, Thüringen, Dänemark und Süd- 
schweden. In Dänemark tritt er bereits in den jüngeren 
Muschelhaufen auf. 

Der Zwerg- oder Binkelweizen (TV. compactum 
Host) und seine prähistorische Varietät, der Kugel weizen 
(Tr. compactum globiforme Buschan), die in den Fund- 
berichten meist nicht geschieden werden, und die wir des- 
halb hier zusammenfassen, wurden in neolithischen 
Stationen von Bosnien, Ungarn, Oberitalien, der Schweiz . 
und Süddeutschland (Schussenried ?) gefunden. In Mittel- 



•) Schweinfurth aaO. 654 f. Buschan VorgesMchtl, Botanik 3. 24. 



320 7* Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

und Norddeutschland, in Böhmen und in den nordischen 
Ländern sind bis jetzt keine Reste von Tr. contpactum aus 
neolithischer Zeit zum Vorschein gekommen. 

Vom welschen Weizen {Tr. turgidum L.) liegen nur 
aus Oberitalien (Monte Loffa bei Verona und Castellado 
bei Imola) Funde vor, und selbst diese sind nicht über 
jeden Zweifel erhaben. Nördlich der Alpen ist Tr. turgidum 
mit Sicherheit nicht nachgewiesen, obgleich Heer sein Vor- 
kommen in steinzeitlichen Pfahlbauten der Schweiz angibt 

Der Emmer {Tr. dicoccum Schrank) war in vorhisto- 
rischer Zeit viel weiter verbreitet als in der Gegenwart. 
Er wurde im Pharaonenlande gebaut, er ist in den stein- 
zeitlichen Niederlassungen der Schweiz, Süddeutschlands 
und Böhmens, im letzteren Lande in reichlichen Mengen, 
aufgefunden, er ist auch in Dänemark von der Periode der 
jüngeren Muschelhaufen an nachgewiesen worden, während 
er heute in Nordeuropa nirgends mehr vorkommt. 

Eine ähnliche Verbreitung hatte in neolithischer Zeit 
das Einkorn {Tr. monococcunt L.). ^) Unter den Vege- 
tabilien, die Schliemann in den Trümmern von Troja fand, 
nahm Triticum monococcunt die erste Stelle ein; es war 
massenhaft aufgespeichert.") Identisch mit dem trojanischen 
Einkorn ist das zu Butmir in Bosnien gebaute, welches 
neben Tr. cotnpactum eine der wichtigsten Getreidearten 
der steinzeitlichen Bevölkerung Bosniens gewesen zu sein 
scheint. Auch in Ungarn war der Anbau des Einkorns 
zur jüngeren Steinzeit von ziemlicher Bedeutung. In den 
Pfahlbauten der Alpenländer dagegen ist diese Getreideart 
bis jetzt nur ein einziges Mal, zu Wangen, nachgewiesen. 
Daran reiht sich im südlichen Württemberg der Fund von 
Schussenried. Sonst ist in ganz Deutschland und Böhmen 
kein Einkorn gefunden, was freilich wohl nur auf mangel- 

«) Die bis 1895 bekannt gewordenen Fundorte des Einkorns 
sind von Buschan Vorgeschichtl. Bot 27 und von Schröter bei Radimskf 
und Hoernes Die neolith. Station von Butmir \ 41 zusammengestellt. Vgl. 
femer Körnicke Die Arten und Varietäten des Getreides iio. Wittmack 
Bcr. d. Bot. Ges. 4 (1886), S. XXXII f. 

■) Virchow u. Wittmack in Schliemanns Ilios S. 361 f. 



Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 321 

ifter Erforschung beruht, da es in Dänemark plötzlich 
ieder auftritt, wenn auch vorläufig nur in einem Beleg. 

3. Gerste. 

Die heutigen Kulturformen der Gerste {Hordeum 
irvum Jessen = H. vulgare L. im weiteren Sinne) zer- 
llen nach der verschiedenen Anordnung der Ährchen in 
ei Hauptgruppen: Hordeum distichum L. die zweizeilige, 
jrdeum tetrastichum Kömicke die 4zeilige, und Hordeum 
xasiichum L. die 6zeilige Gerste. Dieselben erzeugen 
irch Kreuzung miteinander fruchtbare Bastarde und 
?hen durch Zwischenformen ineinander über, sind also 
dne selbständigen Arten im botanischen Sinne. ^) Die 4- 
id özeilige Gerste bilden eine engere Gruppe für sich 
igenüber der 2zeiligen; sie sind deshalb wohl auch unter 
tm Namen Hordeum polystichum zusammengefaßt worden, 
ei der Gerste sitzen die Ährchen zu dreien in jedem Aus- 
:hnitt der Spindel ; von diesen dreien sind bei der 2zeiligen 
erste nur die mittleren, bei den beiden andern Sorten 
agegen alle drei Ährchen fruchtbar und begrannt. Die 
^.eilige Gerste hat eine Ähre mit 6 streng gesonderten 
eihen oder Zeilen, die aus den einzelnen übereinander 
ehenden Ährchen gebildet werden. Bei der 4zeiligen sind 
iir die gegenüberstehenden Mittelzeilen deutlich gesondert, 
ahrend die Seitenzeilen ineinander greifen. 

Die wilde Stammform der Gerste {Hordeum spon- 
meum C. Koch), 2) die gegenwärtig vom Kaukasus ab 
nerseits bis nach Persien und Belutschistan, anderseits 
ich Palästina, sowie in Nordostafrika verbreitet ist, steht 
BT 2zeiligen am nächsten. Sie unterscheidet sich von 
ir vor allem durch das Auseinanderfallen der Ähren- 
[rindel in die einzelnen Glieder bei der Reife, eine Eigen- 
chaft, die durch die Kultur beseitigt ist. Die 4- imd 6zeilige 

■) Vgl. hierzu und zum Folgenden die meisterhafte Darstellung 
lei Körnicke Handb. 141 ff. 

•) De Candüile Ursprung der Kulturpfl, 464 ff. Körnicke aaO. 188 f. 
^han VorgeschichtL Bot. 35f. Ascherson u. Graebner Synopsis II i, 723. 

Hoopt, Waldblume u. Kultuipflanten. 21 



322 ?• Kap. Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Gerste sind bisher auf dem ganzen weiten Gebiet nirgends 
wild gefunden und deshalb trotz der bedeutenden Ver- 
schiedenheit der Ähren wahrscheinlich erst durch Kultur 
aus der 2zeiligen abgeleitet. Diese Entwicklung muß aber 
schon in sehr früher prähistorischer Zeit, vor den An- 
fängen der ägyptischen Kultur, erfolgt sein, da in den 
ältesten ägyptischen Denkmälern sich bereits die mehr- 
zellige Gerste findet 

Die 6z eilige (meist in der Varietät pyramidatum Kör- 
nicke, mit pyramidenförmig zugespitzten Ähren) war an- 
scheinend im ganzen Altertum, bis in junge historische 
Zeiten hinein, die gewöhnlichste Kulturart. 

Die ägyptischen Denkmäler aus der Zeit von 3000 v. Chr. 
an weisen zwar außer der özeiligen auch die 4zeilige Gerste 
auf;^) in Europa aber ist die 4 zeilige, obschon sie heute 
hier wohl die verbreitetste Saatgerste ist, aus prähistorischer 
Zeit bis jetzt nirgends bezeugt. In den neolithischen und 
bronzezeitlichen Pfahlbauten der Schweiz, Savoyens und 
Oberitaliens wurden viele Exemplare der özeiligen Gerste 
gefunden ; nur einmal ist daneben vom Bodensee (Wangen) 
die 2 zeilige belegt, die 4 zeilige überhaupt nicht. In den 
zahlreichen Funden aus dem jüngeren Stein- und Bronze- 
alter Dänemarks und Schleswigs ist die 6 zeilige gleichfalls 
die herrschende Form.*) Hierbei ist allerdings zu beachten, 
daß sich bei den meisten prähistorischen Funden über die 
Zugehörigkeit zu der einen oder andern Form keine Ent- 
scheidung treffen läßt, weil in der Regel nicht Ähren, 
sondern nur Kömer erhalten sind. Solche Funde von 
Gerstenkörnern, die sich keiner der drei Sorten zuweisen 
ließen, liegen vor aus Bosnien, Ungarn, Süd- und Nord- 
deutschland (spärlich), Dänemark und dem südlichen 
Schweden. 

*) Sie wurde im alten Ägypten vielleicht sogar häufiger gebaut 
als jene. Vgl. Woenig Die Pflanzen im alten Ägypten 169. Buschan 
aaO. 37. Doch geben Ascherbon und Graebner (Synopsis H i, 729) 
an, sie sei in ägyptischen Gräbern nicht gefunden. 

*) Nach Müller Nord. Altertumsk. I 206. 459. Madsen etc. Affalds-^ 
dynger fra Stenalderen 157. Aber ist sie wirklich durch Ähren bezeugte 



IV. Alter, Heimat und Verbreitang der steinzeitlichen Kultnrpflanzen etc. S23 

Die Gerste war also zur jQngeren Steinzeit, und zwar 
Ton Beginn derselben an, bereits über ganz Mittel- und 
Nordeuropa rerbreitet 

4. Hirse. 

Wenn die Hirsekultur auch nicht älter ist als die von 
Weizen und Gerste, so reicht die Hirse doch jedenfalls mit 
den beiden genannten Getreidearten in einem großen Teile 
der Alten Welt bis in sehr frühe Zeiten menschlicher Kultur 
zurück, und viele Zeichen sprechen dafür, daß sie zeitweise 
ein noch weiteres Verbreitungsgebiet und eine größere Be- 
deutung hatte als heute. 

Die beiden wichtigsten, schon im Altertum gebauten 
Kulturarten der Hirse sind Panicum fniliacetitn L., die 
Rispenhirse, imd Panicum italicum L. {Setaria italica 
PB.), die Kolbenhirse. Die wilde Stammform der ersteren 
ist bisher imbekannt; es läßt sich deshalb auch über ihr 
Vaterland nichts Sicheres sagen.*) Die Mutterpflanze der 
Kolbenhirse ist Panicum viride L., ein weitverbreitetes 
Ackerunkraut, das im gemäßigten Europa bis nach Finland 
hinauf vorkommt und sich von der kultivierten Form nur 
durch geringere Größe und durch das spontane Abfallen 
der Fruchtährchen bei der Reife unterscheidet. In welcher 
Gegend diese Wildhirse zuerst in Kultur genommen ist, 
wird sich bei dem sehr großen Verbreitimgsgebiet derselben 
freilich auch nur schwer ermitteln lassen. 

Gewöhnlich wird die Heimat beider Hirsearten nach 
Indien verlegt, nach Kömicke ohne zwingende Gründe. 
Wir haben nur einen wichtigen Anhaltspunkt zur Bestimmung 



*) Ober Vaterland und Verbreitung der Hirsekultur vgl. Hehn 
Kulturpfiaiizen u. Haustiere^ 59. 543 ff. = »59. 558 ff. De Candolle Urspr, 
ä, Kuliurpfl. 475 ff. Körnicke Arien u. Varietäten d. Getreides 244 ff. Buschan 
Vorgesckicktl, Bot. 67 ff. Hahn Demeter vnd Baubo 10 ff. Schrader Reallex. 
ä, iftdcgerm. Aitertumsk. 374 ff. M. Heynes Ansicht {Fünf Bücher deutscher 
Hausaltertümer l\ 64; Leipzig 1901), daß die Heimat der Hirse „eigent- 
lich nur in den Südländern Europas zu suchen*' sei, ist unhaltbar. 



384 7* Kap. Die KnltorpfUnzen Mittel- nnd N ordenropas im Steinzeiulter. 

des Vaterlandes der Hirsekultur: die Empfindlichkeit gegen 
Kälte, welche sämtliche Panicum-Arten auszeichnet, und 
die auf einen frostfreien Winter in ihrer Urheimat hindeutet 
Für die Rispenhirse läßt Kömicke Ostindien als Heimat zu^ 
für die Kolbenhirse ist es als Ursprungsland nach Ansicht 
des Bonner Gelehrten ausgeschlossen, weil ihre wilde 
Stammform, Panicunt viride^ hier überhaupt nicht vor- 
komme. Er vermutet, daß beide Hirsearten in einem nörd- 
lich an Indien anstoßenden Lande zu Hause seien, wo milde 
Winter noch die Regel sind. 

Welche von den beiden Arten die ältere Kulturpflanze 
ist, läßt sich heute kaum noch feststellen. In den Angaben 
der antiken Schriftsteller über die Kultur der Hirse bei 
fremden Völkerschaften wird auf die Artbestimmimg kein 
genügendes Gewicht gelegt In den prähistorischen Funden 
anderseits sind die Hirsekörner gewöhnlich zu so unförm- 
lichen brotähnlichen Massen zerknetet, daß eine Bestimmung 
der Spezies nach den Körnern selten möglich ist. Wir werden 
unter diesen Umständen am besten, dem Beispiele Buschans 
folgend, die beiden Hirsearten zusammen behandeln. 

Von ihrer mutmaßlichen zentralasiatischen Heimat aus 
hat die Hirse in sehr frühen Zeiten bereits ihren Eroberungs- 
zug über die ganze Alte Welt angetreten. In Ostindien ist 
der Anbau beider Hirsearten uralt, da wir für beide schon 
Sanskritnamen haben: dnus m. für Paniaan müiaceum^ 
priyähgus m. f. oder priyangu neutr. und kangus f. für 
P, italicum.^) Der Name kangus hat sich für Panicum 
italicunt als kungne*) bis heute erhalten. Es ist bezeichnend, 
daß der arischen Gerste (yavas) die kangus als Speise der 
Mleccha, dh. der Barbaren, Nicht-Indogermanen, gegenüber 
gestellt wird, woraus wohl geschlossen werden darf, daß 
die Hirse das angestammte Nährkom der Ureinwohner war, 

*) Ich verdanke diese Namen der freundlichen Mitteilung meines 
Kollegen H. Osthoff. Vgl. auch Böhtlingk-Roth m6. s. v. A. Kuhn 
in Webers Indische Studien i, 355. Lassen Ina. Aliertumsk. ■ I 393» 
Anm. I. 963, Anm. 3. 

■) Von Lassen aaO. angeführt. 



«V. Alter, Heimat und Verbreitimg der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 325 

welches von den arischen Eroberem als minderwertig an- 
gesehen wurde. 

In China läßt der Hirsebau sich bis 2800 v. Chr. zurück- 
verfolgen. Die Hirse gehört, wie der Weizen, zu den fünf 
Getreidearten, die alljährlich in Gegenwart des Kaisers 
anter besonderer Feierlichkeit ausgesät wurden. In Nord- 
china spielt die Kolbenhirse noch heute eine wichtigere 
Rolle als Weizen und Reis; Hirsebrei ist das hauptsäch- 
lichste Nahrungsmittel des gewöhnlichen Volks, dem der 
Reis zu teuer ist; Hirsebrot wird zu Opferzwecken ver- 
wandt. Auch in Japan wird die Kolbenhirse in zahlreichen 
Varietäten und Formen gebaut. In Südchina wie im ganzen 
südöstlichen Asien ist die Reiskultur autochthon und hat 
von da ihre Herrschaft frühzeitig nordwärts und südwärts 
ausgedehnt; gleichwohl ernährt sich die Urbevölkerung 
Formosas noch heute zum beträchtlichen Teil von Hirse. 
Auf den Sundainseln und Molukken, wo der Sago einheimisch 
ond die Reiskultur in historischer Zeit eingeführt ist, hat 
daneben in älterer Zeit Hirsebau bestanden. 

Das eigentliche Zentrum der Hirsekultur aber ist heute 
das Gebiet, das sich in breitem Gürtel von Nordchina durch 
Zentralasien nach Südrußland erstreckt. Die mongolischen 
und kirgisischen Nomaden Zentralasiens bauen seit langen 
Zeiträumen Hirse als einziges Getreide; in Turkestan, in 
Transkaukasien, MingreUen, Imeretien, Gurien etc. bildet 
die Hirse die Hauptnahrung der Bevölkerung. In Südrußland, 
wo der Hirsebau vom Kaspischen Meer bis zur Donau- 
mündung noch heute sehr intensiv betrieben wird, war es 
bis vor fünfzig Jahren Sitte, dem Toten außer Brot und 
Branntwein einen Topf voll Hirse mit ins Grab zu geben. 

Prähistorische Funde fehlen bis jetzt aus diesem Gebiet, 
aber wir haben Grund zu der Annahme, daß der Hirsebau 
in jenen Gegenden uralte Überlieferung ist. Wissen wir 
doch aus Plinius,^) daß Hirse die Lieblingsspeise der Sar- 
maten und der übrigen pontischen Völker war. 

*) Sarmatarum quoque gen/es hac maxutne fuite [dh. ex milio /ac/a] 
ahmtur, sagt Plinius Aat, Hist i8, loo. Und gleich darauf (i8, loi): 
Ponticae gentes mälum panico pratfenmt cihum. 



386 7* Kap. Die Knltorpflanxen Mittel- und Nordeuropas im Steinxeitalter. 

Im mittleren Europa ist prähistorischer Hirsebau nach 
unserer früheren Zusammenstellung diu-ch Funde aus Ru- 
mänien, Ungarn, Oberitalien imd der Schweiz nachgewiesen. 
In den Alpengegenden waren sicher schon beide Arten be- 
kannt. Auch in den nordischen Ländern reicht die Hirse- 
kultiu* bis in neolithische Zeit zurück. Wenn aus Deutsch- 
land bislang keine Hirsefunde vorliegen, so dürfte das, 
wie beim Einkorn, niu- auf unvollständiger Erforschung 
beruhn. 

In Persien fand Marco Polo im 13. Jahrhundert viel 
Hirse beiderlei Art. In Kleinasien wird gegenwärtig wenig 
Hirse gebaut ; im Altertum scheint aber nach dem Zeugnis 
antiker Autoren die Kolbenhirse dort einige Bedeutung als 
Volksnahrungsmittel gehabt zu haben. 

Dagegen ist die Hirse der semitisch-ägyptischen Kultur- 
welt bis in späte Zeiten völlig fremd geblieben. Wenigstens 
haben wir bis jetzt noch keine sichern Funde oder Zeug- 
nisse aus diesem ganzen denkmälerreichen Gebiet.') In 
Ägypten wird sie selbst in der Gegenwart kaum gebaut. 
Rispen- und Kolbenhirse sind ausschließlich asiatisch-euro- 
päische Getreidearten; nach Afrika sind sie nie vor- 
gednmgen, werden hier vielmehr durch mehrere speziell 
afrikanische hirseartige Pflanzen ersetzt, insbesondere die 
Negerhirse {Pennisetum spicatum Körn.), Mohrhirse {Andro- 
pogon Sorghum Brot.) und den Tef {Eragrostis abessinica L.) 

Und da die Hirse, wie wir später sehen werden, auch 
in den europäischen Mittelmeerländem nie zu höherer Be- 
deutung gekommen ist, so ist es wahrscheinlich, daß sie 
nach Mittel- und Nordeuropa nicht von Süden her gelangte, 
sondern daß sich ihre Kultur in ost-westlicher Richtung 
direkt aus Asien über beide Ufer des Schwarzen 
Meeres nach Europa ausbreitete. 



*) Woenig Pflanzen im alten Ägypten 174. De CandoIIe Ursprung 
der Kulttirpfl, 476. 478. Körnicke Arten und Varietäten des Getreides 
253. 269. Buschan Vorgeschichtl. Bot. 68. Ober die umstrittene Deutung 
des dSchan der Bibel (Hesek. 4, 9) vgl. Low Aramäische Pflanzen- 
namen 10 1. Kömicke 303. Buschan 64. 68. Schrader Realtex, 375. 



/ 



rv. Alter, Heimat nnd Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 387 

5. Hülsenfrüchte. 

Keine eßbare Vegetabilie ist in Europa so frühzeitig 
angebaut worden, keine schon zur Steinzeit so verbreitet 
gewesen wie die Getreidearten Weizen, Gerste und Hirse. 
Am nächsten kommen ihnen zwei Hülsenfrüchte: die 
Linse imd Erbse. Sie wurden ebenfalls schon in neo- 
lithischer Zeit in einem großen Teil der Alten Welt kultiviert, 
können sich aber hinsichtlich ihrer Verbreitung wie ihrer 
kulturellen Bedeutung doch nicht entfernt mit den Halm- 
früchten messen. Sie waren in Mitteleuropa auf den 
südlichsten Teil beschränkt; in Mittel- und Nord- 
deutschland und in den nordischen Ländern hat man bis 
jetzt keine Hülsenfrüchte aus neolithischer Zeit, noch aus 
den älteren vorgeschichtlichen Perioden überhaupt gefunden. 

Die Linse (Ervum lens L.)') ist in Ägypten nach- 
weislich seit der 12. Dynastie gebaut worden.*) Nach den 
Angaben der klassischen Schriftsteller war sie im Nillande 
seit Alters her namentlich ein Hauptnahrungsmittel der 
ärmeren Volksklassen; in Zeiten der Not wurde ihr Mehl 
mit Gerstenmehl gemischt zu Brot verbacken. Der Anbau 
der Linse war dementsprechend in Ägypten ein sehr aus- 
gedehnter. Zur Römerzeit bildete die Frucht einen wichtigen 
Exportartikel des Landes. Auch heute noch wird daselbst 
eine kleinsamige Form der Linse, die mit der in den 
Gräbern der 12. Dynastie gefundenen identisch ist, im 
großen gebaut. 

Von der Beliebtheit und Bedeutung der Linse bei den 
Hebräern zeugt der bekannte biblische Bericht von Esau, 
der für ein Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verkaufte. 

Auch in Kleinasien muß diese Hülsenfrucht frühzeitig 
kultiviert worden sein, da sie zu den von Schliemann im 
steinzeitlichen Troja ausgegrabenen Vegetabilien gehört. 

*) Literatur. Heer Pflanzen der Pfahlbauten 2^. Hehn Kultur' 
pßamsen und Haustiere^ 209! 215 = ' 211 f. 218. De CandoUe Ursprung 
der Kulturpflanzen 404 ff. Buschan Vorgeschichtl. Botanik 203 ff. 

■) Schweinfurth Ber. d. Deutsch. Bot. Ges. i (1883), 546. 2 
(1884), 362. Woenig DU Pflanzen im alten Ägypten 214 f. 



828 7* Kap* I^ic Kalturpfltnzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitaltei. 

In Europa ist die Linse aus Niederlassungen der neo- 
lithischen Periode bis jetzt nachgewiesen in Bosnien, Ungarn, 
Oberitalien (Monte Loffa), der Schweiz (Lüscherz) und in 
dem südlichsten Teil Deutschlands (Schussenried). Dem 
übrigen Deutschland, sowie Nordeuropa ist sie fremd. Sie 
tritt in Norddeutschland zuerst in der älteren Eisenzeit auf. 

Die Größe der vorgeschichtlichen Samen ist nach 
Buschans vergleichender Prüfimg bedeutend geringer als 
bei den heute angebauten Sorten. Mit der Zunahme der 
Kultur läßt sich ein stetiges Anwachsen der Samengröße 
verfolgen. Die vorgeschichtlichen Linsen sind von 
Heer als zu der kleinen Feldlinse {Ervum lens micro- 
sperntunt) gehörig erkannt worden. Aus dieser Überein- 
stimmung und der fortschreitenden Größenzunahme unter 
dem Einfluß der Kultur hat dann Buschan mit Recht den 
Schluß gezogen, daß die Feldlinse die Stammform der 
Gartenlinse ist. 

Die Feldlinse ist in spontanem Zustande heute an- 
scheinend nicht mehr vorhanden; daher läßt sich auch die 
Heimat der Gartenlinse nicht mit Sicherheit angeben. 
Wahrscheinlich ist die Linse zuerst in den östlichen Küsten- 
gebieten des Mittelmeers in Kultur genommen worden. 

Die Erbse {Pisumy) war den Ägyptern und Hebräern 
unbekannt. Dagegen wurde sie in Kleinasien schon zur 
Steinzeit gebaut, wie die Fimde in Troja beweisen. Ihre 
Verbreitung in Europa zur Steinzeit scheint noch reichlich 
so beschränkt gewesen zu sein als die der Linse: bis jetzt 
ist sie nur einmal in Ungarn (Aggtelek) vmd zweimal in 
der Schweiz (Moosseedorf und Lüscherz) nachgewiesen. In 
Spanien tritt sie erst zu Ende der Bronzezeit, in Deutsch- 
land in der älteren Eisenzeit auf. 

Die prähistorischen Erbsen sind nach Buschans Unter- 
suchungen, wie die Linsen, durchweg kleiner als die 
Samen der heute kultivierten Gartenerbse. Letztere 



») Literatur. Heer aaO. 23. Hehn aaO. •2ioflF. 3i4=^2i2fif. 217. 
De Candolie aaO. 413 ff. Buschan aaO. 199 ff. 



IV. Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 329 

kommt spontan nirgends vor; sie stammt höchst wahr- 
scheinlich von der Felderbse ab, die im ganzen Mittel- 
meei^ebiet wildwachsend nachweisbar ist. Als Heimat 
der Kulturerbse sind vermutlich, ähnlich wie bei der Linse, 
die östlichen Mittelmeergebiete oder die südlichen Pontus- 
länder anzusehen. 

Die Bohne {Faba vulgaris Mch.), obwohl in Ungarn, 
Oberitalien und Spanien schon zur Steinzeit gebaut, war 
in Mittel- und Nordeuropa damals noch unbekannt und ist 
deshalb später zu behandeln. 

Die Platterbse {Lathyrus sativus L.), die in den öst- 
lichen Mittelmeerländern zu Hause ist und heute in Indien, 
im ganzen Orient, in Ägypten, Abessinien, sowie in Süd- und 
teilweise auch Mitteleuropa als Gemüsepflanze kultiviert 
wird,') ist prähistorisch niu- in Ägypten an zwei Stellen 
und in großen Mengen in den steinzeitlichen Niederlassungen 
Ungarns gefunden worden. Für ims fällt sie außer Betracht 

6. Andre Gemüse. 

Von sonstigen Gemüsen") sind aus der Steinzeit bis 
jetzt nur der Pastinak {Pastinaca sativa L.) und die 
Möhre (Daucus carota L.) nachgewiesen, beide in Pfahl- 
bauten der Schweiz. Der Anbau des Pastinak dürfte aus 
den Mittelmeerländem dahin eingeführt worden sein, ob- 
schon die Pflanze in Oberitalien erst in Pfahlbauten der 
Bronze- und Eisenzeit belegt ist (S. 297). 

Außer den genannten, archäologisch bezeugten Pflanzen 
werden in Mitteleiu^opa zur Steinzeit vielleicht auch schon 
Zwiebelgewächse kultiviert worden sein. Da diese 
meist durch Knollen, nicht durch Samen fortgepflanzt 
werden, darf man Samen von Zwiebelgewächsen in prä- 
historischen Niederlassimgen kaum zu finden hoffen. Die 
Zwiebeln selbst anderseits waren zu vergänglich, um sich 
längere Zeit zu erhalten. Und so berechtigt denn das Fehlen 



*) Buschan Vorgeschichtl. Bot, 208 f. 

') Literatur. Heer aaO. 22. 34. Buschan aaO. 148. 253. 256, 



330 7* Kap. Die KoltarpflmnMn Mittel- and Nordenropas im Steimeitalter. 

von Überresten der Zwiebelgewächse uns keineswegs zu 
dem Schlüsse, daß diese von den Bewohnern der be- 
treffenden Ansiedlung noch nicht gebaut worden seien. 
Schraders Verwunderung darüber, daß der Anbau von 
Zwiebelgewächsen im prähistorischen Europa bis jetzt voll- 
kommen unbezeugt sei'), ist demnach unbegründet. 

Anders liegt die Sache bei Rüben, Kohl und derartigen 
Gemüsen, die sich ausschließlich durch Samen fortpflanzen. 
Hier sind die eßbaren Teile allerdings auch vergänglich, 
aber man müßte doch bei einem einigermaßen intensiven 
Anbau der genannten Gemüsearten in den vorgeschicht- 
lichen Stationen gelegentlich wenigstens ihre Samen ent- 
decken. Da solche Funde bisher aus keiner prähistorischen 
Niederlassung bekannt geworden sind, während wir Früchte 
des Pastinaks und der Möhre tatsächlich besitzen, so 
dürfen wir, zumal angesichts der Reichhaltigkeit der 
Schweizer Pfahlbauten an vegetabilischen Funden, in diesem 
Falle allerdings mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ver- 
muten, daß Brassica- Arten in Mittel- und Nordeuropa zu 
neolithischer Zeit noch nicht gebaut worden sind. 

7. Flachs. 
Der heute überall in Europa angebaute gewöhnliche 
Flachs oder Lein {Linum tisitatissimum L.)*), der ein- 
oder zweijährig ist und große geschlossen bleibende 
Kapseln mit verhältnismäßig großen Samen hat, stammt 
von Linum angustifolium L. ab. einer meist perennierenden, 
selten zwei- oder einjährigen Pflanze, die von den Kana- 
rischen Inseln über die Mittelmeergebiete bis zu den süd- 
pontischen Ländern, dem Kaukasus und Palästina wild- 
wachsend verbreitet ist imd sich durch zahlreiche von der 

*) Reallexikon d. indogerman. Altertumskunde 1004. 

■) Literatur. Heer aaO. 35 ff. Hehn aaO. • 160 If . = ' 162 ff. und 
Englers Bemerkungen dazu • 182 f. = » 184 f. Heer Über den Flachs 
imd die Flachskultur im Altertum. Zürich 1872. De Candolle aaO. 
148 ff. Buschan Die Anfänge und Entwicklung der Weberei in der Vor- 
Meit, Zeitschr. f. Ethnologie 1889. Verhandl. 235 f. Derselbe Vorge- 
schichtl. Bot. 234 ff. 



TV. Aker, Heimmt und Verbreitung der steinzeitlichen Kulturpflanzen etc. 331 

"Wurzel aufsteigende Stengel, sowie kleinere, aufspringende 
Kapseln und kleinere Samen auszeichnet. 

Die An&nge der Flachskultur reichen in Ägypten bis 
ins 4. Jahrtausend vor Chr. zurück: Unger hat in einem 
Zi^el der Pyramide von Daschür Kapseln und Bastfasern 
des Flachses nachgewiesen.') Ein Jahrtausend später, zur 
Zeit der 12. Dynastie (etwa 2400—2200 v. Chr.), hatte der 
Flachsbau schon eine bedeutende Ausdehnung gewonnen.*) 
Nach Kömicke*) war damals die heutige Kulturform des 
Flachses, Linum usitatissimunt^ bereits in zwei Formen 
im Anbau. 

Aber so alt auch die Flachskultur im Nillande ist, sa 
kann sie doch daselbst nicht ihren Anfang genommen 
haben, da die Stammpflanze des Kulturleins, Linum 
angustifolium, in Ägypten weder aus älterer Zeit nach- 
gewiesen ist noch auch in der Gegenwart spontan vor- 
kommt. Vielmehr vermutet Kömicke wohl mit Recht, daß 
der Flachs schon in einer kultivierten Form mit geschlos- 
senen Kapseln von Osten ins Pharaonenland eingeführt 
wurde. Dazu stimmt die von De CandoUe und ßuschan 
im Anschluß an Maspero hervorgehobene Tatsache, daß 
der Flachs bereits in altchaldäischen Gräbern der vor- 
babylonischen Zeit auftritt. 

Die Heimat des Flachsbaus werden wir demnach 
wahrscheinlich in Kleinasien und den Kaukasusländem zu 
suchen haben. 

Nach Europa ist L. usitatissimum anscheinend erst 
sehr spät gelangt. Prähistorisch ist er bis jetzt nirgends, 
auch in den europäischen Mittelmeerländern nicht, nach- 
gewiesen. Überhaupt ist der Flachs, außer in den Alpen- 
gegenden, erst verhältnismäßig spät belegt: in Spanien 



•) Unger Sitzungsber. d. Mathem.-naturw. KI. d. Kais. Akad. d. 
Wiss. Wien 54, S. 46 ff. (1866). Braun Zeitschr. f. Ethnol. 9 (1877), 291. 

«) Schweinfurth Ber. d. Deutsch. Bot. Ges. i (1883), 546. 
2 (1884), 360. Woenig Pflanzen im alten Ägypten 181 ff. 

•) Bemerkungen über den Flachs des heutigen und alten Ägyptens. 
Ber. d. Deutsch. Bot. Ges. 6 (i888), 380—384. 



332 7* Kap. Die Kaitarpflanzen Mittel- and Nordeuropas im Steinzeitalter. 

datieren die frühesten Funde aus der Bronzezeit; in Nord- 
europa ist das Material der aus der Bronzezeit erhaltenen 
Gewebereste noch fast ausschließlich Wolle; erst in dem 
jüngeren Abschnitt der Bronzeperiode tritt in Dänemark 
ein vereinzeltes Leinengewebe auf.') Bei den neolithischen 
Pfahlbauem der Schweiz hingegen hatte die Leinenweberei 
schon einen hohen Grad der Vollendung erreicht Wir 
besitzen nicht nur grobe Schnüre, Fischnetze, Matten, 
sondern auch feinere Textilerzeugnisse, Fransen, Decken, 
Stickereien, Haarnetze u. dgl., von ihrer Hand.*) 

Alle prähistorischen Flachsfunde auf europäischem 
Boden gehören, soviel wir wissen, zu L. angustifolium. 
Sicher ist dies bei dem Flachs der neolithischen Stationen 
Oberitaliens und der Schweiz der Fall; und die Tatsache, 
daß der Flachs der Schweizer Pfahlbauem mehrstengeUg 
war imd geschnitten, nicht ausgerupft wurde, beweist, daß 
es die perennierende Sorte war. Da L. angustifolium 
in der Schweiz wildwachsend nicht gedeiht, kann er nicht 
dort an Ort und Stelle zuerst in Kultur genommen, sondern 
muß bereits als Kulturpflanze von auswärts eingeführt sein. 
Nach Heers Ansicht kam er aus Südeuropa, weil das Un- 
kraut Silene cretica L., das kretische Leinkraut, dessen 
Samen in den Pfahlbauten gefunden wurde, in Südeuropa 
auf Flachsfeldern sehr gemein sei. Es hat sich aber seither 
herausgestellt, daß dieses Ackerunkraut nicht bloß am 
Mittelmeere heimisch ist.') 

Daß zur Steinzeit in der Schweiz die mehrjährige 
Sorte gebaut wurde, ist einigermaßen auffallend, da der 
perennierende Flachs, wie De CandoUe bemerkt, „für 
gewöhnlich die jetzigen Winter der östlichen Schweiz nicht 
ertragen" würde.*) Der genannte Forscher vermutet des- 



*) Montelius DU Kultur Schwedens in vorchristl, Zeit 62 f. Buschan 
Anfänge und Entwicklung der Weberei\ Zeitschr. f. Ethnol. 1889, Verhandl. 
33s f. Olshausen ebenda 236 f. S. Maller Nord, AltertumskA 459. 

•) Vgl. Buschan aaO. 

•) Buschan VorgescHchtl. Bot. 238. 

*) Urspr, d. Kulturpfl. 154 u. Anm. 3. 



IV. Alter, Heimat und Verbreitung der steinzeitlichen Kalturpfltnzen etc. 33S 

halby daß das Klima der Schweiz zur Steinzeit ein gleich- 
mäßigeres gewesen sei als heutzutage. 

In Böhmen, Mittel- imd Norddeutschland und den 
nordischen Ländern ist bis jetzt aus der Steinzeit kein 
Flachs nachgewiesen. Die nördlichste neolithische Station 
Deutschlands, wo er gefunden wurde, ist Schussenried im 
südlichen Württemberg. Es mag sein, daß der Flachsbau 
damals schon etwas weiter in Süddeutschland verbreitet 
war, nach Norddeutschiand und dem nördlichen Europa 
kann er schwerlich vorgedrungen gewesen sein, da der 
perennierende Flachs das rauhe Klima der nördlichen Län- 
der nicht aushalten könnte. 

De CandoUe, der auf diesen Pimkt aufmerksam macht,*) 

ist deshalb der Ansicht, daß nach Nordeiu*opa direkt das 

einjährige Linum usitatissitnum L. eingeführt sei, imd zwar 

sieht er finnische Völkerschaften als Träger seiner Kultur 

an, die nach ihm aus Asien stammt. Durch die West-Indo- 

germanen sei der einjährige Flachs dann nach dem übrigen 

Europa gebracht imd an die Stelle des für kalte Länder 

weniger geeigneten perennierenden gesetzt worden. Daß 

im nördlichen Europa von vornherein die einjährige Art 

gebaut wurde, ist allerdings sehr wahrscheinlich, aber was 

De CandoUe über die Träger seiner Kultur mutmaßt, entbehrt 

jeder sichern Unterlage. Wann Linum usitatissitnum in 

£uropa erschien imd angustifolium verdrängte, ist einst- 

'weilen noch in völliges Dunkel gehüllt, und es sind weitere 

Forschungen über diese Frage sehr wünschenswert. Zu 

Flinius Zeiten wurde er jedenfalls in Italien schon gebaut, 

wie eine Stelle der Naturalis Historia (19, 7) beweist, wo 

es vom Flachs heißt: Vere satum aestate vellitur. 

8. Mohn. 
Der Gartenmohn {Papaver somniferum L.)*) ist bis 
jetzt nicht spontan gefunden und auch prähistorisch nicht 



») Ebenda 157. i6i. 

■) Literatur. De CandoUe aaO. 503 ff. Baschan VorgesMcfUl. 
Bot 245 ff* 



.334 7* Kap* ^^^ Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

bezeugt. Wahrscheinlich ist er durch Kultur aus P.seti- 
gerum DC. abgeleitet Dieser wächst im ganzen Mittel* 
meergebiet, besonders in Spanien, Algier, Corsika, Sidlien, 
<iriechenland und Cypem wild, während er in Ostasien 
fehlt. Wenn er wirklich die Stammpflanze des Garten- 
mohns ist, so dürfte die Kultiu- desselben also irgendwo 
im Mittelmeergebiet begonnen haben. 

In Ägypten und Palästina scheint die Mohnkultur in 
älterer Zeit unbekannt gewesen zu sein. Die ersten Zeug- 
nisse für einen Anbau der Pflanze in diesen Ländern 
stammen aus der Zeit der Römerherrschaft. Seitdem ist 
der Mohn gerade in Ägypten zur Gewinnung von Opium 
sehr viel gebaut worden. 

Auch in China ist der Mohnbau erst in jüi^erer Zeit 
eingeführt. Älter ist er in Indien. 

In Europa war die Pflanze schon sehr frühzeitig Gegen- 
stand der Kultur.*) Die griechische Stadt Sicyon*) führt 
in Hesiods Theogonie den Namen Mekone 'Mohnstadt*. In 
Mitteleuropa wurde der Mohn zur Steinzeit in den Pfahl- 
bauten Oberitaliens und der Schweiz gebaut, aber in einer 
Form, die dem Papaver setigerum noch näher steht. 
Vielleicht ist die Kulturform des Gartenmohns erst in 
jüngerer Zeit aus dem Orient neu nach Mitteleuropa ein- 
geführt worden. 

9. Anfänge des Obstbaus. 

Während ein ziemlich entwickelter Getreidebau sich 
in ganz Mitteleuropa und einem großen Teile Nordeuropas 
bis in die Steinzeit zurück verfolgen läßt, während ver- 
schiedene Gemüsearten, Flachs und Mohn wenigstens in 
den südlichen Gegenden Mitteleuropas schon zur neo- 
lithischen Periode gebaut wurden, sind von Baumzucht in 
iliesen frühen Zeiten nur die allerersten Ansätze bemerkbar. 
Ein primitiver Getreidebau ist sogar bei einem halb no- 

') Ober den Zweck des Mohnbaus im Altertum vgl. oben S. 298. 
«) Nicht Sinope am Schwarzen Meer, wie Buschan (aaO. 246) 
irrtümlich angibt. Vgl. Hehn Kulturpfl. u. Haust «306 = »311 f. 



IV. Alter, Heimat und Verbreitang der steinzeitlichen Kaitarpflanzen etc. 335 

madischen Kulturzustande möglich; Obstbau setzt eine 
vollkommen seßhafte Lebensweise voraus, weil er erst 
nach Ablauf einer Reihe von Jahren den Ertrag der Arbeit 
lohnt. 

Die nordalpinen Völker haben den Obstbau in der 
Hauptsache erst durch die Römer kennen gelernt 

Natürlich sind lange vor dem Beginn einer eigentlichen 
Baumzucht die Früchte der wilden Obstbäume und 
Beerensträucher als menschliche Nahrungsmittel ver- 
wertet worden, wie zahlreiche Fimde in den prähistorischen 
Stationen Südfrankreichs, Italiens, der Schweiz ua. zeigen. *) 
Die in den schweizerischen Pfahlbauten nachgewiesenen 
Obstarten imd Beerenfrüchte (oben S. 299) kehren auch an 
andern neolithischen Fundstätten Mittel- und Nordeuropas 
in größerer oder geringerer Mannigfaltigkeit wieder. 

Eine besonders wichtige Rolle als Nahrungsmittel hat 
unter den einheimischen Gewächsen die Wassernuß (Trapa 
natans L.) gespielt, eine Pflanze, die zu vorgeschichtlicher 
Zeit wildwachsend im ganzen mittleren und nördlichen 
Europa verbreitet war.*) Ihr mehlreicher Kern scheint 
stellenweise zur Brotbereitung gedient zu haben. Eine 
derartige Verwertimg dießer Nuß (lat. tribulus) wird ims 
durch Plinius') zB. bei den Thrakiem bezeugt. Und von 
den Mahlsteinen, die in dem Laibacher Pfahlbau mehrfach 
gefunden wurden, vermutet v. Sacken, daß sie zum Mahlen 
der Wassernuß gedient haben, da von Getreide trotz eif- 
rigen Suchens keine Spur zu entdecken war, während 
sonst in der Kulturschicht selbst feine Pflänzchen und 
Blätter sich gut erhalten zeigten.*) 

*) Piette Lßs plantes cultivüs de la piriode de transition au Mas 
ttAxil; Anthropologie 7, 7 ff. Heer Pflanzen der Pfahlbauten 24 fF. 
Buschan VorgcschiMl, Bot, passim. 

•) Vgl. Buschan Vorgeschicktl. Bot. 164 f. 

») Nat, Hist. 22, 27: Thraces, qui ad Strymona kabitant, folüs tri- 
huli equos saginant, ipsi nucleo viount panem facientes prae^ 
dulcem et qui contrahat ventrem. 

*) Ed. Frh. v. Sacken Djt Pfahlbau im Laibacher Moore. Mitteil. 
d. Central-Kommission z. Erforschung u. Erhaltung d. Kunst- u. histor. 



836 7* Kap« ^^^ Kultnrpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinxeitalter. 

Es ist nicht ausgeschlossen, dafi die Wassernuß, die 
im 18. Jahrhundert von den Mönchen des Klosters Sittich 
in Krain in ihren Teichen kultiviert wiu-de, auch in vor- 
historischer Zeit hie und da Gegenstand des Anbaus war. 

Auch sonst mögen hin und wieder mit der einen oder 
andern Obstart primitive Kulturversuche gemacht worden 
sein. Im allgemeinen aber sind die Obst- und Beeren- 
früchte, deren Reste wir in prähistorischen Ansiedlungen 
finden, unzweifelhaft von den wildwachsenden Bäumen 
und Sträuchem gesammelt worden. Sichere Beweise für 
Anbau haben wir nirgends. 

Nur ein Baum macht hiervon eine Ausnahme: der 
Apfelbaum {Pirus malus L.). Er ist der einzige Obstbaum, 
der in den südlichen Teilen Mitteleuropas schon zur 
jüngeren Steinzeit nachweislich in Kultur genommen war. 

Die größere, kultivierte Apfelsorte, die sowohl in der 
Schweiz (Robenhausen) wie in Oberitalien (Lagozza) 
neben bedeutenden Mengen gedörrter Holzäpfel zum Vor- 
schein kam, wird von Heer*) für „eine aus dem Holzapfel 
durch Kultur erzielte und daher wohl saure Sorte" 
gehalten, welche „wohl die Ursorte der überaus zahlreichen 
heutigen Apfelsorten bilde." Dem gegenüber ist jedoch 
Engler') der Ansicht, daß der europäische Holzapfel an der 
Ausbildung der heutigen Kulturformen der Äpfel wenig 
beteiligt gewesen, daß diese vielmehr aus verschiedenen, 
wahrscheinlich asiatischen Stammpflanzen hervorgegangen 
seien. Buschan') vermutet deshalb im Gegensatz zu Heer, 
daß der größere Pfahlbauapfel nicht eine von den Ein- 
wohnern an Ort und Stelle aus dem Holzapfel veredelte 
saure, sondern eine kultivierte süße Sorte osteuropäischen 
oder asiatischen Ursprungs gewesen sei, welche von den 



Denkmale. Wien. NF. 2 (1876), 31 f. Vgl. auch Deschmann Bericht über 
die P/ahWautenaufdeckungen im Laibacher Moore im J, 1876. Sitzungsber. 
d. Philos.-Hist. Kl. d. Kais. Akad. d. Wiss.Wien 84, 4S1 (1876). 

") Pflanzen der Pfahlbauten 26. 

•) Bei Hehn Kulturpfl, u. Haust, • 594= ^615. 

») VorgeschichtL Bot, 171 ff. 



V. Gesamtbild. 337 



Eahlbauem schon bei ihrer Einwanderung von Osten her 
itgebracht wäre. Das ist möglich, setzt aber voraus, daß 
iese Pfahlbauem in ihren östlicheren Wohnsitzen bereits 
ne sehr seßhafte Lebensweise führten. Selbst wenn die 
mutigen Kultursorten meist auf osteuropäisch -asiatische 
ormen zurückgehen, kann der größere Pfahlbauapfel 
!cht wohl an Ort und Stelle aus dem Holzapfel ver- 
lelt oder auch aus Italien bezogen worden sein, während 
ne in jüngerer Zeit neu eingeführt wären, ähnlich wie 
ir es bei dem Gartenmohn annahmen (S. 334). Entscheiden 
Snnen wir darüber vorläufig mit Sicherheit nichts. 

Aus Deutschland, Böhmen und den nordischen Län- 
em ist der steinzeitliche Kulturapfel bis jetzt nicht nach- 
ewiesen. Sein Anbau scheint in Mitteleuropa auf die 
Ipenländer beschränkt gewesen zu sein. 

V. Gesamtbild. 

Überblicken wir die Ergebnisse unsrer bisherigen 
htersuchungen über die Kulturpflanzen Mittel- undNord- 
iropas im Steinzeitalter, so fällt uns zunächst die früh- 
iitige und merkwürdig gleichmäßige Verbreitung 
er Getreidearten über das ganze Gebiet ins Auge. 
rüicum vulgare, Tr. dicoccum, Tr. monococcum, Hordeum 
id Panicum miliaceum sind schon zur Steinzeit in den 
>rdeuropäischen Ländern ebenso wohl wie im Alpen- 
»biet, in Oberitalien und Ungarn gebaut worden. Bei 
jr Gerste ist die Sorte meist nicht mit Sicherheit festzu- 
ellen, doch scheint es, daß Hordeum hexastichum durch- 
15 die herrschende Art war, während H. distichum nur ver- 
nzelt in den Alpenländem vorkam und H. tetrastichum 
:)rdlich der Alpen überhaupt fehlte. Die Verbreitung von 
*afucum italicunt läßt sich noch nicht überblicken. 

Gegenüber dieser verhältnismäßig großen Übereinstimm- 
ng hinsichtlich der Halmfrüchte besteht in der Verbrei- 
iing der übrigen Kulturpflanzen ein scharfer Gegensatz 
wischen Nord und Süd. Die nördlichen Vorländer der 
Upen bilden mit Oberitalien, Bosnien und Ungarn 

Hoops, Waldblume n. Kulturpflansen. 3^ 



338 7* Kap. Die Kultarpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

eine deutlich charakterisierte Kulturgruppe für 
sich, die wir die circum-alpine nennen wollen. Sie 
zeichnet sich vor den nördlicheren Ländern durch 
einen erheblich größeren Reichtum an ver- 
schiedenartigen Kulturpflanzen aus. Von Getreide 
arten war Triticum contpactutn mit seiner Abart Tr. com- 
pactum globifornte^ im Gegensatz zu den übrigen Halm- 
früchten, zur Steinzeit nach dem jetzigen Stand imserer 
Kenntnisse auf das drcumalpine Kulturgebiet beschränkt. 
Diesem speziell eigentümlich ist femer der Bau von 
Gemüsen (Linse, Erbse, Pastinak), die Mohnkultur, 
die außerordentlich wichtige Kenntnis des Flachsbaus 
und endlich die Anfänge der Obstbaumzucht (Apfel). 
Von diesen Kulturpflanzen ist allerdings bis jetzt bloß die 
Linse aus dem ganzen circumalpinen Gebiet bezeugt; von 
der Erbse haben wir nur aus der Schweiz und Ungarn 
Belege, von Pastinak, Mohn, Flachs und Kulturapfel aus 
der Schweiz imd Oberitalien. 

Ausstrahlungen der circumalpinen Kultur greifen in 
das benachbarte Süddeutschland hinein: Kugelweizen, 
Linse und Flachs sind auch in der neolithischen Station 
von Schussenried nachgewiesen worden. 

Den übrigen, nördlicher gelegenen Gebieten Mittel- 
und Nordeuropas sind die genannten Kulturpflanzen zur 
Steinzeit völlig fremd. Der circumalpinen steht eine 
nordisch-norddeutsche Gruppe gegenüber, die von 
Kulturpflanzen nur Getreidearten kennt— ein Gegen- 
satz, der für den weiteren Gang unsrer Untersuchung von 
Bedeutung werden wird. 

Beachtenswert ist noch die Tatsache, daß die neo- - 
lithischen Stationen Deutschlands bis jetzt eine auf- — 
fallend geringere Ausbeute an Kulturpflanzen ergeben-^ 
haben als die nordeuropäischen. Bisher sind in Deutsch — 
land, von dem südlichsten Teile abgesehn, nur Trittcunm^" 
vulgare, Tr. dicoccum und Hordeum, und auch diese nur^ 
spärlich, nachgewiesen. Aber da der Reichtum von nord- - 
europäischen Getreidefimden aus der Steinzeit auch ers"- 



V. Gesamtbnd. 



das Ergebnis einer in den letzten zehn Jahren systematisch 
dnrchgefohrten Untersuchung ist, so dürfte eine gründ- 
lichere Erforschung der neolithischen Fundstatten Deutsch- 
lands wohl sicher noch bessere Resultate zutage fördern, 
zumal angesichts der reichhaltigen Kömerfimde, die 
Böhmen in den letzten Jahren geliefert hat — 

Für die Beurteilung der Herkunft der mitteleuro- 
paischen Bodenkultur sind die paläolithischen und 
mesolithischen Funde im südlichen und nördlichen Frank- 
reich von Wichtigkeit. Nach Ausweis derselben wurden 
Gerste und Weizen im Westen Europas schon zu einer 
Zeit kultiviert, welche eine direkte Einführung aus Asien 
auf dem Wege über Rußland aus geologischen Gründen 
ausschließen dürfte. Es ist deshalb durchaus wahrschein- 
lich, daß die ältesten Getreide von Nordafrika aus über 
Südeuropa nach dem Nordwesten und der Mitte unsers 
Erdteils gelangten. 

Dieser südliche Ursprung der ältesten nütteleuropä- 
ischen Ackerbaugewächse wird uns für die schweizerischen 
Pfahlbauten durch die mit den Getreidekömem zusammen 
gefundenen Unkräuter bestätigt: der Leitfaden, den ihre 
Herkunft bietet, scheint ims ebenfalls nach den Mittel- 
meerländern zu führen. Besonders belangreich ist in 
dieser Beziehung das Auftreten der blauen Kornblume 
(Centaurea cyanus L.) in dem neolithischen Pfahlbau von 
Robenhausen im Kanton Zürich. Diese Pflanze kommt in 
Sicilien spontan vor und hat vielleicht aus dieser „Korn- 
kammer Italiens" mit dem Getreide zugleich ihre Wan- 
derung nordwärts angetreten. Das kretische Leinkraut 
(Silene cretica L.), das gleichfalls als gelegentlicher Gast 
im Flachsfeld der Pfahlbauern wuchs, ist zwar nach den 
neuesten Forschungen in seiner spontanen Verbreitung 
nicht auf die Mittelmeerländer beschränkt, aber der Um- 
stand, daß es mit der Kornblume zusammen in Roben- 
hausen gefunden wurde, während beide Unkräuter in den 
neolithischen Niederlassungen Ungarns imd Bosniens fehlen^ 
spricht doch wohl mehr für Herkunft aus Südeuropa. 

23* 



840 7* Kap* l^>e Koltnrpflanzen Mittel- und Nordeuropas im Steinzeitalter. 

Die neuesten Forschungen von Kossinna*) und Rei- 
necke*) haben übereinstimmend den überzeugenden Nach- 
weis geliefert, daß die Bandkeramik, die während eines 
großen Teiles der Steinzeit in Süddeutschland, den Alpen- 
und Donauländem herrschte, südeuropäischen Ursprungs 
ist. Der Getreide- und Flachsbau der steinzeitlichen Pfahl- 
bauem der Schweiz weist also nach der gleichen Richtung. 
An die Alpenländer aber lehnt sich, wie in der übrigen 
Kultur, so auch hinsichtlich der angebauten Pflanzenarten, 
Süddeutschland, wenigstens in seinen südlichsten Teilen, an. 

Unsre Untersuchung über die Herkunft der mittel- 
europäischen Kulturpflanzen der Steinzeit führt uns somit 
zu demselben Ergebnis, zu dem M. Much in der soeben 
(1904) erschienenen zweiten Auflage seines Buchs über Die 
Heimat der Indogermanen (S. 223 ff.) gekommen ist. 

Auf welchem Wege die Getreidekultur nach Nord- 
europa gelangte, läßt sich heute ebenso wenig sicher 
entscheiden, wie die Frage nach der Herkunft der stein- 
zeitlichen Kultiu" Nordeuropas überhaupt. Sollten weitere 
Untersuchungen ergeben, daß zwischen dem circumalpinen 
Kulturgebiet imd Nordeuropa keine direkte Verbindung 
über Norddeutschland bestand, so würden wir den Aus- 
gangspunkt des nordeuropäischen Getreidebaus wohl im 
Westen zu suchen haben, wohin zweifellos frühe Kultur- 
verbindungen zur See bestanden. Vorläufig aber spricht 
die größere Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Brücke 
zwischen den Alpenländem und Dänemark, die schon bis 
ins nördliche Böhmen ausgebaut ist, auch noch weiter 
durch Norddeutschland fortgeführt werden wird. Doch ist 
es anderseits durchaus nicht undenkbar, daß der Einfluß 
der circumalpinen Kulturgruppe im Steinzeitalter zunächst 
nur bis an die mitteldeutschen Waldgebirge reichte, und 
daß Norddeutschland und die nordischen Länder in der 



*) In seiner Abhandlung Die indogermanische Frage archäologisch 
beantwortet\ Zeitschr. f. Ethnol. 34, 166 f. 176 (1902). 

') In einem Aufsatz ^b^v Neolit/tische Streit/ragen, ebenda S. 243 f. 
(1902). 



V. Gesamtbild. 341 



ältesten Zeit vorwiegend von Nordfrankreich aus kolonisiert 
und kultiviert wurden, wozu dann erst später eine südliche 
und östliche Kulturstraße gekommen wären. 

Inwieweit die prähistorischen Getreidesorten der nor- 
dischen Länder im einzelnen, hinsichtlich der Struktur der 
Kömer usw., mit den in den schweizerischen Pfahlbauten 
und in den zahlreichen andern neolithischen Stationen Süd- 
deutschlands, Böhmens, Österreichs, Ungarns, Bosniens 
und Oberitaliens gefundenen Getreideresten übereinstimmen, 
muß eine eingehende botanische Vergleichung derselben 
lehren. Erst wenn diese vorliegt, und wenn die Frage 
nach den steinzeitlichen Kulturpflanzen Norddeutschlands 
gelöst ist, wird sich auch über die Herkunft des nordischen 
Getreidebaus mit größerer Wahrscheinlichkeit urteilen lassen. 



Achtes KapiteL 
Die Kultxirpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

Literatur. Schrader Sprackoer^Uickung u. C/rgeschicßäc* 
407 — 433. Jena 1S90. Derselbe bei Hehn Kulturpß.u. HausHen 
6. Aufl. Berlin 1894, S. 63 f.; 7. Aufl. 1902, S. 63 f. Hirt Der 
Ackerbau der Indogermanen, Idg. Forsch. s> 39S — 402 (1895). 
Derselbe Die wirtschaftlichen Zustände der Indcgermanen. Jahr- 
bücher f. Nationalök. u. Statist. 3. F. 15,456—463 (1898). Schra- 
der Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, Straßburg 
1901. M. Much Die Heimat der Indogermanen im Lichte der ur- 
geschichtlichen Forschung. 2. Aufl. Jena 1904. S. 221 ff. 379 ff. 

Nachdem wir in dem vorigen Kapitel die Frage nach 
den Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Steinzeit 
lediglich vom archäologischen Standpunkt aus untersucht 
haben, wenden wir uns nimmehr den Verhältnissen bei 
derjenigen Völkerfamilie zu, die nachweislich in späterer 
prähistorischer und älterer historischer Zeit in diesen Ge- 
genden gesessen hat: den Indogermanen. 

Die bekannte Tatsache, daß ein Metallname (lat aes 
n., got. ai3 n., ae. är n., ahd. er n. — aind. äyas n., avest. 
ayah' n.), der ursprünglich höchst wahrscheinlich 'Kupfer' 
bedeutete, den Sprachen der europäischen und asiatischen 
Indogermanen gemeinsam ist, beweist, daß die Indo- 
germanen zur Kupferzeit noch ziemlich eng beieinander 
saßen. Anderseits zeigt das Auseinandergehn sämtlicher 
übrigen Namen von Metallen und metallenen Gegenständen 
in den europäischen und asiatischen Sprachen, daß die 
Trennung in die beiden großen Sprach- und Völkerzweige 
schon vor dem Beginn der eigentlichen Metallperiode, noch 
im Lauf der Kupferzeit, erfolgt sein muß. 



I. Ackerbaa der Indogermanen in der Urzeit. 343 

Die Epoche des engeren Zusammenlebens der indo- 
germanischen Völker in einer Kulturgemeinschaft fällt so- 
ntlit ganz in das Steinzeitalter, als dessen letzter Abschnitt 
^e Kupferzeit aufzufassen ist. Wir werden deshalb keinen 
methodischen Fehlgriff begehen, wenn wir nach der archä- 
ologischen Auseinandersetzung über die Kulturpflanzen 
Nord- und Mitteleuropas zur Steinzeit im Folgenden nun 
festzustellen suchen, was die Sprachvergleichung ims über 
die Kulturpflanzen der Indogermanen vor ihrer Trennung 
lehrt, und wenn wir die Ergebnisse dieser Untersuchung 
dann mit jenem archäologischen Bilde vergleichen, um auf 
diese Weise zu ermitteln, ob das neolithische Mittel- und 
Nordeuropa als Heimat der ungetrennten Indogermanen in 
Frage kommen kann oder nicht. 

I. Ackerbau der Indogermanen in der Urzeit . 

Die Auffassung Victor Hehns, der den Indogermanen 
vor ihrer Trennung in Asiaten und Europäer die Kenntnis 
des Ackerbaus ganz absprach imd auch den europäischen 
Indogermanen für die Zeit vor ihrer Scheidung in Einzel- 
völker nur widerstrebend eine primitive Bodenkultur zu- 
gestehen mochte, ist von der neueren Forschung endgültig 
aufgegeben. Nach dem Hehn'schen Intermezzo ist man 
heute zu dem Standpunkt A. Kuhns zurückgekehrt, der 
schon 1850 schrieb: die Sprache stelle „entschieden fest, 
daß das Getreide und die Benutzung desselben als Brot- 
frucht bereits bekannt gewesen sein müsse, ehe die ver- 
schiedenen Völker sich trennten", und „daß die Ahnen der 
indogermanischen Völker bereits ein seßhaftes Volk waren."*) 
Auch Schrader, der noch in der zweiten Auflage seiner 
Sprachvergleichung und Urgeschichte (1890; S. 412) von 
einem Ackerbau der Indogermanen nicht viel wissen 
wollte, kommt neuerdings in seinem trefflichen Reallexikon 
ier indogermanischen Altertumskunde (1901; S. 10 f.) zu 
dem Ergebnis, daß ihnen die Kenntnis eines primitiven 



") Webers Indische Studien 1,355 bezw. 363. 



844 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogennanen. 

Feldbaus nach Art von Hahns Hackbau nicht abzuspre- 
chen sei. 

Eine Reihe sprachlicher Übereinstimmungen von 
Ackerbau- Ausdrücken in den europäisch- und 
asiatisch -indogermanischen Sprachen lassen einei 
solchen Schluß allerdings unausweichlich erscheinen. De 
folgenden Gleichungen sind heute wohl allgemein als 
einwandfrei anerkannt. 

lit jcwas "Same*, pl. javat 'Getreide'; gr. l^& aus *Ufa = 
idg. *ieuä (neben l^\& aus *ieuiä 'Spelzweizen*, (puof- 
2oo? "Getreide hervorbringend'; air. nir. eorna "Gerste' 

— aind. yävas m. "Korn, speziell Gerste', päl. yam 
"Gerste', hindust jau [diau]; avest. yava- m. "Getreide* 
(Gerste?), npers. afghan. bal. jav [d^av] 'Gerste", osset 
yau, yäu 'Hirse*.*) 

gr. iröpö^ "Weizen, Getreide*; akslav. pyro "far, milium*, 
nslov. pira 'Spelz*, czech. pyr "Queke*, russ. pyrej 
"Queke*; lit. pürai "Winterweizen*, lett. püri dass., 
preuß. pure 'Trespe*; ae. fyrs "Queke, Ackerunkraut* 

— aind. püras "Kuchen*. Weiteres über die Sippe 
später in meinem Buch über die Pflanzennamen der 
Angelsachsen. 

cymr. com. haidd, bret. heis "Gerste* aus *sasfiO'f älter 
*sasiO', gall. {sjasia "Roggen* (vgl. Kap. 10, V) — aind. 
sasydtn n. "Feldfrucht, Getreide, Korn*; avest. hahya- 
'Getreide*, 
lit. düna 'Brot* — aind. dhänds f. pl. 'Getreidekömer* 
avest. dänav- f. "Getreidekorn*, mpers. rfä«, npers^ 
däna 'Korn*; pämirdial./)/>ififi-rfäii^ 'Hirse* ('Fünfkom*)i 



') Körnicke Zeitschr. f. das gesamte Brauwesen ^(1882). Schrade 
Sprachvergl.u. Urgesch.* 409; RealUx, 10. v. Bradke Metkode und £rgd^ 
tusse d, arischen AUertutnswiss. 190 ff. Hübschmann Etymologie u, LautUkr" 
d. Ossetischen Sprache 42. Wackemagel KZs. 25, 278. Uhlenbeck Em 
fVb.d,altmd, Sprache 2^6, hdiVXYioXom^Q Altiran, Wärterb. 1265. 1268 f. — 
Für die folgenden Gleichungen s. besonders die zitierten Bücher vo^ 
Schrader, Uhlenbeck u. Bartholomaep sowie Fick VergL Wörterb. ^ 
idg. Sprachen; Kluge Et, Wh. d, deutsch, Spr, ua. 



L Ackerbau der Indogermanen in der Uneit. 846 

. dirvä *Acker, Saatfeld'; mnd. terwe^ ndl. tarwe 'Wei- 
zen', ne. tare 'Unkraut, Lolch" — aind. dürvä f. 'eine 
Hirsenart" {Panicum dactylon). 

. pelat pl. 'Spreu', preuß. pelwo 'Spreu"; akslav. pl&va 
'Spreu", russ. peläva, polöva 'Spreu*; ahd. spelta, 
spelaa\ lat pöiäa 'Spreu* — aind. paldvas 'Spreu'. 

. TdXcTov 'Grenzfurche' — aind. kar^ä^ f. 'Furche, Gra- 
ben"; avest. karSa- m. n. 'Furche*, karSü- f. 'Ackerland". 

. Xaiov; anord. nnd. l^ 'Sichel, Sense* — aind. laviß m. 
'Sichel*. 

. irrl(T(Tui 'stampfe, schrote", Tmadvii 'enthülste Gerste"; 
lat. pinso 'zerstoße, stampfe klein*, pistus 'zerstampft'; 
anord. fis, ahd. fesa 'Spreu, Spelze, Veese*; akslav. 
piSq 'stoße*, piseno 'Mehl* — aind. pind^i 'zerreibt, 
zerstampft*, pi^ds 'gemahlen', pi^tdm n. 'Mehl*; avest 
piSant' adj.' zerstoßend*, piätra- m. 'Mehl* (eig. 'Aus- 
gequetschtes*, npers. päm. piSt 'Mehl.' 

. broo, brö (gen. broon) 'Mühlstein, Handmühle', com, 
bron 'Mühlstein*, ncymr. breuan 'Handmühle' — aind. 
grdvan- 'Stein zum Auspressen des Somasaftes.' Da- 
zu wahrscheinlich auch die Sippe von got. -qatrnus^ 
anord. kvern^ ae. cweorn, ahd. quirn 'Mühle*; lit. gir- 
nos pl. 'Mühlsteine, Mühle*, lett. diirnus 'Mühle*; akslav. 
itrüny 'Mühle* und armen, erkan 'Mühlstein, Mühle." 
Femer zwei Wortreihen, die nur bis ins Armenische 

eben: 

'. dfpoTpov, kret. dparpov; lat. arätrum; ir. arathar\ aisl. 
ardr 'Pflug* — armen, araur 'Pflug* aus *arätrom, 
^arotrom oder *ardtrom.^) 

d. furche^ ahd. furuh f., ae. furh 'Furche'; lat porca 
'Ackerbeet"; abret rec^ air. rech, cymr. rhych 'Furche" 
aus *ip)rkä — armen, herk 'frisch geackertes 
Brachland*.«) 



*) S. HQbschmann Armen, Gramm, I. 444 f. 

■) S. HQbschmann ebenda 467. Kluge Deutsch, Et, Wb^ sv. Furche, 
tirader Realtex. 8. 



346 S. Kap. Die Knltnrpflanzen der nngetrennten Indogemianen. 

Die Zahl dieser gemeinindogermanischen Ackerbau- 
gleichimgen wird sich wohl mit der Zeit noch vermehren; 
aber auch so ist sie schon groß und beweisend genug, um 
allen Zweifel an dem Vorhandensein eines urindogerma- 
nischen Ackerbaus auszuschließen. 

Ein Einwurf, der verschiedentlich gemacht worden ist, 
sei hier noch ein für allemal zurückgewiesen, obgleich dies 
nach der vorstehenden Zusammenstellung kaum mehr 
nötig erscheint. Victor Hehn'), v. Bradke*) und auch 
Schrader in der zweiten Auflage seiner Sprachvergleichung 
und Urgeschichte (S. 412) haben die Ansicht ausgesprochen, 
daß der Name Ka, yavas etc. nur „irgend eine Grasart, 
vielleicht mit eßbarem Korn in der Ähre" bezeichnet habe; 
und ähnliche Auffassimgen sind auch sonst von Skeptikern 
gelegentlich geäußert worden. Dem gegenüber frage ich: 
was für eine Grasart sollte das sein, die wichtig genug 
wäre, tun von den Indogermanen auf ihren Wanderungen 
in Asien und Europa überallhin mitgenommen zu werden?*) 
Und weiter: wie sollte es sich erklären, daß der Name in 
allen Sprachen, in denen er sich erhalten hat, ein Getreide, 
nirgends aber eine wildwachsende Grasart bedeutet? Nach 
den Grundsätzen der vergleichenden Sprachforschung kann 
daraus nur der eine Schluß gezogen werden, daß der Name 
schon in der indogermanischen Urzeit eine Getreideart 
bezeichnete. Und ähnlich steht es mit den meisten andern 
dieser Gleichungen. 

An der Tatsache eines urindogermanischen Ge- 
treidebaus ist somit in keiner Weise zu rütteln. 

Und so ganz primitiv dürfte dieser Landbau kaiun 



») Kulturpfl, u. Haustiere • 58=7 59. 

■) Methode u. Ergebnisse d. indogerm, Altertumswiss. 187. 

■) Ähnlich äußert sich auch Hirt über die Gleichung kordeum: 
gersta : „Wenn man behauptet, daß die Indogermanen den Nameo 
einer wildwachsenden Grasart mit eßbaren Körnern ursprunglich mit 
dem erwähnten Ausdruck bezeichnet und diesen erst später auf die 
Gerste übertragen hätten, so vermisse ich einen Nachweis dafür, 
welche Grasart darunter verstanden werden soll** (Idg. Forsch. 5, 401). 



I. Ackerbaa der Indogennanen in der Urzeit. 847 

gewesen sein. Der alte europäische Name des Pflugs, 
lat arätrum etc., findet unter den asiatischen Sprachen 
allerdings nur im Armenischen seine Entsprechung; aber 
daß auch die Indoiranier vor ihrer Trennimg von den 
europäischen Indogermanen bereits mit der Kunst des 
Pflügens bekannt waren, beweist die Gleichimg gr. t^Xctov 
— aind. kar^äßy avest. karSa- Turche', die die Kenntnis 
des Pfluges voraussetzt. 

Der Feldbau der Indogermanen wird also schon 
vor der Scheidung des Urvolks in die beiden großen 
Gruppen das Stadium des Hackbaus, auf das Schrader ihn 
noch herabdrücken möchte,') überwunden und bereits 
unter dem Zeichen des Pflugs gestanden haben. 
Unter diesem indogermanischen Pflug haben wir uns 
natürlich keinen Räderpflug vorzustellen, sondern einen 
hölzernen Hakenpflug.*) Eine offene Frage muß es vor- 
läufig bleiben, ob die Indogermanen in diesen frühen Zeiten 
bereis gelernt hatten, das gezähmte Rind vor den Pflug zu 
spannen. Unmöglich erscheint auch dies nicht, wenn man 
bedenkt, daß wir aus dem Bronzealter Skandinaviens schon 
ein Felsenbild mit einem von Rindern gezogenen Pfluge 
kennen (s. Kap. 12, II.) 

Aber so zahlreich und schwerwiegend auch die lingu- 
istischen Zeugnisse für einen urindogermanischen Feldbau 
sind, so läßt sich auf der andern Seite doch nicht leugnen, 
daß die Ackerbau-Terminologie der indogermanischen 
Sprachen zum größeren Teile nicht in die Periode des 
arisch-europäischen Zusammenlebens zurückreicht. Nament- 
lich muß es auffallen, daß die europäisch-indogermanischen 
Idiome eine Reihe von übereinstimmenden Ackerbau- Aus- 
drücken besitzen, die den asiatischen fremd sind, während 
diese unter sich wieder eine Anzahl eigentümlicher Wörter 
entwickelt haben, die den europäischen Sprachen fehlen. 
Diese Tatsache ist um so auffallender, als wir eine ver- 



*) ReaUexikon ii. *) Ober die Gestalt der prähistorischen Haken- 
pflüge 8. unten Kap. 12, II. 



348 S. Kap. Die KulmrpflmDsen der ungetremiten Indogennanen. 

hältnismäßig recht bedeutende Menge urindogermanischer 
Ausdrücke besitzen, die sich auf die Viehzucht beziehen. 

Man hat diese Erscheinung auf zwiefache Weise zu 
erklären versucht Schrader zieht aus der verhältnis- 
mäßigen Armut der indogermanischen Ursprache auf dem 
Gebiete des Ackerbaus gegenüber dem Reichtum an Aus- 
drücken der Viehzucht den Schluß, „daß der Ackerbau in 
der ältesten an der Hand der Sprache erreichbaren Epoche 
der indogermanischen Urgeschichte volkswirtschaftlich 
neben der Viehzucht eine äußerst untergeordnete Rolle 
gespielt haben muß," ') und daß ein eigentlicher Ackerbau 
sich erst nach Abzug der arischen Völker bei den 
Europäern entwickelt habe, so daß die europäischen 
Ackerbau-Gleichungen als Neubildungen aufzufassen wären, 
an denen die Arier niemals Anteil hatten.*) 

Hirt dagegen, der den Ackerbau der Indogennanen 
in ihrer Urheimat schon für einen ziemlich entwickelten 
hält, ist der Meinung, daß jene gemeinsamen europäischen 
Ackerbau - Ausdrücke ursprünglich Gemeingut aller Indo- 
gennanen waren, daß aber die arischen Stämme auf ihren 
weiten Wanderungen durch Steppengebiete dieselben ein- 
gebüßt hätten.») 

Es kann nun meines Erachtens kaum zweifelhaft sein, 
daß, wenn die Indogermanen überhaupt schon Ackerbau 
trieben, ihre Sprache mehr auf denselben bezügliche Aus- 
drücke besessen haben muß als die oben aufgezählten. Die 
arischen Völker haben also ganz sicher nach ihrer Tren- 
nung von den Europäern eine größere oder geringere 
Anzahl urindogermanischer Ackerbau- Ausdrücke verloren; 
und es ist auch durchaus nicht verwunderh'ch, daß sich in 
den arischen Sprachen mehr auf die Viehzucht bezügliche 
Wörter aus der Ursprache bis in die Gegenwart gerettet 
haben, da die Arier während ihres nomadischen Wander- 
lebens in ausgesprochnen Steppengegenden naturgemäß 



1 



') Sfrackvergl. u. Urgesck. ■412. 

*) RtaUex. d, idg. Altertumsk, 9. >) Idg. Forsch, i, 474 ff. 5, 396. 



I. Ackerbau der Indogermanen in der Urzeit. 349 

fast ausschließlich von Viehzucht lebten. Es geht aus 
diesem Überwiegen gemeinindogermanischer Viehzucht- Aus- 
drücke eben höchstens hervor, daß die Arier nach ihrer 
Trennung von dem Hauptstock der Indogermanen eine 
Nomadenperiode durchmachten, nicht, wie Schrader meint, 
daß die Indogermanen überhaupt in ihrer gemeinsamen 
Urheimat Nomaden waren. 

Aber während so die Arier auf ihren Wanderungen 
sicher eine Anzahl urindogermanischer Ackerbau - Wörter 
eingebüßt haben werden, ist es auf der andern Seite wohl 
ebenso zweifellos, daß die europäischen Indogermanen nach 
dem Abzüge der Asiaten, und während sie selbst noch 
näher bei einander wohnten, neue Ackerbau - Ausdrücke 
schufen oder von auswärts erhielten, an denen die Arier 
niemals teil hatten. Die voUkommnere Ausbildung des 
Ackerbaus, die ja doch jedenfalls in die Zeit nach der Auf- 
lösung der indogermanischen Urgemeinschaft fällt, sowie 
das Bekanntwerden mit neuen Kulturpflanzen mußte das 
Aufkommen einer Reihe neuer Wörter imd Namen ziu* 
Folge haben ; dieselben werden meist von Volk zu Volk ge- 
wandert sein, sodaß die Neuschöpfung dieser gemeineuro- 
paischen Ackerbau-Gleichungen nicht notwendig, wie Hirt 
meint, eine engere europäische Spracheinheit zur Voraus- 
setzung zu haben braucht. 

Es wird sich bei diesen gemeineuropäischen Agrikultur- 
Ausdrucken nie mit Sicherheit entscheiden lassen, ob im 
einzelnen Falle die arischen Sprachen das betreffende 
Wort verloren, oder ob die europäischen es nach dem Ab- 
zug der Arier neu aufgenommen haben. 

Im Folgenden stelle ich diejenigen Namen von Kultur- 
pflanzen zusammen, die einer größeren Gruppe von 
europäischen Sprachen gemeinsam sind, den asia- 
tischen aber fehlen. 

lat far und seine Sippe, die in allen europäischen Spra- 
chen Vertreter hat. Über sie wird im dritten Abschnitt 
dieses Kapitels ausführlicher gehandelt werden, 
gr. XCvov "Flachs, Faden' (bei Homer 'Angelschnur, Spinn- 



350 S. Kap. Die Kulturpflanzen der nngetrennten Indogennanen. 

faden, Netz, Bettlaken'), daneben Xi-r-f, Xi-r-a leinene 
Decke, Gewand*; lat. linunt 'Flachs', neben lin-t-eum 
'Leinwand*; ir. ft'w, cymr. Hin, com. bret. lin 'Flachs'; 
ahd. lin 'Flachs* und ahd. anord. lina, ae. line 'Leine'; 
lit linas 'Flachsstengel', pl. Unat 'Flachs'; akslav. 
Itnü 'Flachs'. Also gleichfalls in sämtlichen europüisch- 
indogermanischen Sprachen vorhanden, 
lat. räpa "Rübe*; gr. ^diru^, ^6q)u^ 'Rübe', ^dcpavo^, ^acpdvri 
•Rettig'; alban. rep^ 'Rübe' (slavisches Lehnwort?); 
akslav. nslov. ripa 'Rübe', bulg. ripa "Rettig', serb. 
repa, czech. fepa, russ. ripa 'Rübe'; lit rope, rape 
'Rübe'; ahd. ruoba und räba f., mhd. ruobe, rüebe und 
räbe, nhd. rübe, obd. rube, Schweiz, rabij aschwed. 
röva^ nschwed. rofva. Also in sämtlichen europäischen 
Sprachen außer dem Keltischen. Die Lautverhältnisse 
sind vielfach nicht durchsichtig, 
^r. firi»^wjv, dor. fidKuüv ; ahd. magOy mhd. mage und mähen, 
man, nhd. mohnj aus urgerm. *magan- bezw. *mekan'\ 
apreuß. mofce; akslav. makü; alle 'Mohn, Papaver* 
bedeutend. In sämtlichen europ. Sprachen außer dem 
Italischen und Keltischen. 
gr. ^eXivn 'Hirse'; lat. milium 'Hirse'; lit. malnos f. pl. 
'Schwadengrütze' (zu Wz. mel-, mol- 'mahlen'). Also 
in drei Sprachen: dem Griechischen, Lateinischen, 
Baltischen, 
gr. öpoßoc, 4pdßiv0oq 'Kichererbse'; lat. ervum 'Wicke'; ahd. 

araweis f., and. erit, anord. ertr 'Erbse', 
lat. cicer 'Kichererbse'; gr. Kpioq aus *KeKpi6q dass.; apreuß. 
kecker s^ keckirs 'Erbse'. Die Zugehörigkeit von 
armen, sisefn 'Erbse' ist unsicher, vgl. Hübschmann 
Armen. Gramm. I 490. Schrader Reallex. 196. 
lat. faba 'Bohne'; alb. ba&^ 'Saubohne'; akslav. bobü 
'Bohne'; apreuß. babo 'Bohne'. 
Dazu kommt noch die gemeineuropäische Benennung 
«iner wildwachsenden Nutzpflanze, des Bärenlauchs {Allium 
ursinum L.), der vielfach verwandt, aber schwerlich kulti- 
viert sein dürfte: 



I. Ackerbau der Indogermanen in der Urzeit. 351 

gr. Kp6^uov aus *Kp6fiu(yov 'eine Zwiebelart* ; nslov. (rentoi^ 
poln. traemucha, russ. deremäa, alle 'Bärenlauch, wil- 
der Knoblauch*; lit. kertnusse 'wilder Knoblauch'; ae. 
hramsay ne. nhd, dän. schwed. rams 'Bärenlauch'; ir. 
creanth' wilder Knoblauch*. Also in allen europäischen 
Sprachen außer' dem Lateinischen. 
Von diesen Namen könnte /ar als Getreidename recht 
wohl in die gemeinindogermanische Periode zurückreichen; 
ebenso allenfalls Kpo^uov, da der Bärenlauch fast überall 
in Europa heimisch ist und jedenfalls schon frühzeitig teils 
als Futterkraut fürs Vieh, teils als Gemüse verwertet wurde. 
Aber daß auch der Name des Leins (Linum) urindoger- 
manisch war, ist mir, obwohl er durch sämtliche europäi- 
schen Sprachen geht und überall zahlreiche altertümliche 
Wortbildungen zeigt, vollkommen unwahrscheinlich. Denn 
es ist doch wohl kaum denkbar, daß die Arier eine so un- 
gemein wichtige Kulturpflanze wie den Flachs, wenn sie 
ihn in ihrer Heimat schon kannten, später auf ihren Wande- 
rungen nach Asien aufgegeben haben sollten. 

Für die Rübe ließe sich, wie für den Bärenlauch, gel- 
tend machen, daß die Pflanze überall im gemäßigten Europa 
heimisch ist ; aber der Name mit seinen verworrenen Laut- 
verhältnissen trägt trotz seiner weiten Verbreitung zu sehr 
das Gepräge eines jüngeren Wandemamens auf der Stirn, 
als daß er Anspruch darauf machen könnte, altes urindo- 
germanisches Erbgut zu sein. Zudem sind Samen von Bras- 
sica- Arien in neolithischen Niederlassungen bis jetzt nirgends 
nachgewiesen (vgl. S. 330). 

Bei den übrigen oben aufgeführten, speziell europäischen 
Namen, wird die Annahme eines höheren Alters umso un- 
wahrscheinlicher, je begrenzter ihre Verbreitung über das 
europäische Sprachgebiet ist, obgleich die Möglichkeit eines 
Hinaufreichens bis in die urindogermanische Zeit bei dem 
einen oder andern nicht geleugnet werden soll. 

Im allgemeinen müssen wir uns methodisch auf den 
Grundsatz stellen, daß ein Name, imd damit natürlich auch 
die betreffende Pflanze, so lange nicht als urindogermanisch 



862 ^ Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

ZU gelten hat, solange sie nicht auch in einer indoiranischen 
Sprache oder mindestens im Armenischen sicher nachge- 
wiesen ist. Das Auftreten eines den asiatischen Idiomen 
fremden Namens in einer Reihe von europäischen Sprachen 
werden wir ims dann durch spätere Einführung der be- 
treffenden Pflanze und ihres Namens von Volk zu Volk zu 
denken haben, in ähnlicher Weise, wie wir in frühhistori- 
scher Zeit die Einführung der Hanfkultur imd die Ausbrei- 
tung des Namens cannabis ostwestwärts von Stamm zu 
Stamm sich vollziehen sehn. 

Bei solchen Wanderungen von Kultumamen aus einer 
Sprache in die andere sind Verstümmelungen und ungesetz- 
mäßige Bildungen und Verbildungen der Namen unaus- 
bleiblich -- ähnlich wie ein Volkslied beim Wandern von 
Mund zu Mund immer mehr zersungen und verändert wird. 
So erklären sich die auffallenden Abweichungen in Namen, 
wie öpoßoq, ipdßiv9oq, ervum, araweis, oder räpa, ^ämi^, 
j!»dq>u^, ripa, ropiy ruoba^ räba. 

Mustern wir mm die sicher urindogermanischen 
Ackerbau- Ausdrücke, so bietet sich uns eine sehr bedeut- 
same Beobachtung dar: sie sind sämtlich nur Bezeich- 
nungen für Getreidepflanzen oder Wörter, die sich auf 
Getreidebau beziehen! Kein einziger Name für eine andre 
Kulturpflanze läßt sich bis jetzt in die gemeinindogerma- 
nische Epoche vor dem Abzug der Arier zurückverfolgen; 
selbst die Gleichung lat. cicerj gr. Kpio^, apreuß. keckers — 
armen, sisern 'Erbse' kann, wie wir sahen, nicht als gesichert 
gelten. Obwohl es mir durchaus wahrscheinlich ist, daß die 
Indogermanen in ihrer Heimat außer Getreide auch gewisse 
einheimische Gewächse, namentlich Zwiebelarten und 
Rüben, kultivierten, müssen wir nach dem jetzigen Stand 
der Forschung annehmen, daß ihnen in ihren ursprüng- 
lichen Stammsitzen andre aus wärtigeKulturpflanzen 
als die älteren Getreidearten noch unbekannt waren. 

Auf die Bedeutung dieses wichtigen Ergebnisses für 
die Beurteilimg der Lage der Urheimat der Indogermanen 
werden wir im neimten Kapitel zurückkommen. 



n. Die älteste Kornart der Indogermanen. 353 

II. Die filteste Komart der Indogermanen. 

Wenn es uns unmöglich war, auf Gnmd der prähi- 
storischen Forschung zu einer Entscheidung der Frage nach 
dem ältesten Getreide Europas zu gelangen, so wird ein 
Versuch zur Ermittlung des ältesten Nährkorns der 
Indogermanen von vornherein wenig Aussicht auf ein 
gesichertes Ergebnis haben. 

Schrader hält neuerdings, unter Berufung auf die 
Ausfahrungen Hahns, die Hirse für „die am frühsten in 
der idg. Welt angebaute Getreideart."*) Aber durchschla- 
gende Beweise für diese Vermutung bringt er nicht vor. 
Die Prähistorie stützt seine Ansicht, wie wir sahen, in 
keiner Weise. Auch die vergleichende Sprachwissenschaft 
gibt uns über das relative Alter der verschiedenen Ge- 
treidearten bei den Indogermanen keine Auskunft; noch 
weniger beweist sie etwas für den Altersvorrang der Hirse. 
Und die Zeugnisse der klassischen Schriftsteller und die 
Rolle der Hirse im Leben der indogermanischen Völker 
in historischer Zeit lassen zwar die Vermutung zu, daß 
diese Komart in vorgeschichtlichen Epochen auch bei den 
Indogermanen einmal eine größere Bedeutung hatte als 
später, aber daß sie das älteste, oder auch nur daß sie 
das wichtigste Getreide der Indogermanen war, ist nicht 
daraus zu erschließen. 

Wie im semitisch - ägyptischen Kulturkreis, so ist die 
Hirse auch im europäischen Mittelmeergebiet nie zu höherer 
Bedeutung gelangt. Da das Klima Südeuropas ihr durch- 
aus günstig ist, waren offenbar, als sie in den südeuro- 
päischen Ländern erschien, schon ältere Getreidearten dort 
eingebürgert, die sie aus ihrer herrschenden Stellung nicht 
verdrängen konnte. In den homerischen Gesängen wird sie 
nicht genannt, was immerhin zufällig sein kann ; doch ist es 
auffallend, daß imter den großen Massen von Vegetabilien» 
die Schliemann aus den Ruinen von Troja zu Tage förderte, 



*) Reallex, d. indogerm, Altertumskunde ii. 

Hoopt, Waldblume u. Kulturpflanien. 23 



354 8* Kap. Die Koltorpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

sich keine Hirse fand.*) Von den griechischen Autoren 
erwähnt sie zuerst Hesiod, aber in einer wahrscheinlich 
interpolierten Stelle. Den späteren Griechen war die Hirse 
wohlbekannt; wir haben nicht weniger als drei griechische 
Namen: die Rispenhirse wird k^txPo^i die Kolbenhirse lkv\ioq 
oder ^icXIvri genannt.*) Die Lacedämonier insbesondere 
werden uns als Hirseesser bezeichnet; aber auch in Athen 
war Hirsebrei ein gewöhnliches Gericht. Allgemeinere Be- 
deutimg jedoch hat die Hirse im alten Griechenland ebenso 
wenig gehabt wie im heutigen. 

Eine etwas größere Rolle spielte sie bei den Italikern. 
Auch hier wurden beide Arten gebaut: müium war die 
Rispenhirse (gr. kItxPo^)i pänicum die Kolbenhirse (gr. 
{Xu^io^, fieXiVTi).*) Beide wurden in erster Linie als Brei 
genossen, doch wurde namentlich die Rispenhirse, seltner 
die Kolbenhirse,*) auch zu Brot gebacken, das sich nach 
Columella (ü 9, 19) recht gut essen ließ, solange es warm 
war; Plinius (18, 100) nennt es sogar praedulcis. In den 
schweizerischen Pfahlbauten wurde zum Brotbacken um- 
gekehrt vorzugsweise Kolbenhirse verwandt.*) Daß auch 
in Italien die Kolbenhirse in älterer Zeit allgemeiner als 
Brotkorn benutzt sein muß, beweist ihr Name päniaim, 
der mit pänis^ pasci verwandt ist.*) Hirsekuchen wurden 
der altitalischen Feldgottheit Pales an ihrem Feste ge- 
opfert : 

Libaque de milio milii fiscella sequetur: 

rustica praecipue est hoc dea laeta cibo. 
(Ovid FasH 4, 7*3 f) 

') Vgl. Virchows Angaben in Schliemanns Ilios S. 362, Anm. 

*) Dioskorides 2, 120: "EXuinog ['Pui^aioi irdviKouin), ol b^ ^€X(v1lv, 
Ti&v otTiipOjv iOTX arrcp^druiv, K^yxp^M ö|Lio(a. 

^) Gr. lieXivii und lat. milium sind urverwandt (Brugmann Grundr} 
I 123), haben sich aber auf die entgegengesetzten Arten der Hirse 
fixiert Hehn (59) zieht ferner das lit. tnalms f. pl. 'Schwaden, Kolben- 
hirse' heran. Alle gehören nach Schrader {SprackogL u. Urgesck* 424; 
bei Hehn* 545=^559) zu molere 'malen*. 

*) Plin. 18, 54 Panis multifariam et e milio fit, e panico rarus. 

») Heer Pflanzen d, Pfahlbauten 9. 

•) Schrader aaO. 



IL Die älteste Kornart der IndogermaneD. 355 

Doch trat die Hirse in Italien, gleich der Gerste, vor dem 
Spelz und Weizen in den Hintergrund. Nur die Campanier 
bauten vornehmlich Hirse J) Wo sie sonst in späterer Zeit 
noch zum Brotbacken verwandt wurde, geschah es in der 
R^el aus Mangel an anderm Getreide.*) Hieronymus am 
Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. schreibt : Milium nistico- 
tum et agrestium et altilium cibus est.^) Gegenwärtig spielt 
sie in Italien eine ganz untergeordnete Rolle; sie dient haupt- 
sächlich als Hühnerfutter.*) 

Daß der Hirsebau imter den keltischen Stämmen ziem- 
lich verbreitet war, wird uns durch Polybius, Diodor, Strabo 
und Plinius bezeugt. Panico et Galliae quidem, sagt letz- 
terer {Nat. Hist. 18, 101), praecipue Aquitania utitur, sed 
et circumpadana Italia. Als Cäsar Massilia belagerte, er- 
nährten sich die Einwohner mit alter Hirse und verdorbener 
Gerste, die sie für derartige Zeiten der Not aufgespeichert 
hatten. In ähnlicher Weise wurden noch im Anfang des 
6. Jahrhunderts n. Chr. während einer Hungersnot zu Pavia 
und Tortona große Massen von Panicum aus den städtischen 
Magazinen zu sehr niedrigen Preisen an das Volk abge- 
geben, ein Beweis, daß der Hirsebau sich im altkeltischen 
Oberitalien auch unter römischer und gotischer Herrschaft 
behauptet hat. Anderseits ist das gänzliche Fehlen einer 
einheimischen keltischen Benennung für die Hirse in alter 
imd neuer Zeit beachtenswert; denn die heutigen cymrischen 
Namen meillion und mellicot^ sowie bret. mill sind, wie 
Kömicke (aaO. 252) mit Recht bemerkt, augenscheinlich Ent- 
lehnungen aus lat. milium. Wäre die Hirse das Hauptge- 
treide der Kelten gewesen, so würde ein derartig vollstän- 
diges Erlöschen des alten Namens doch zum mindesten sehr 
auffallend sein. 

Aus dem Gesagten geht nun zweifellos hervor, daß 



') Plinius i8, loo: Afilio Campania praecipue gaudet pultemque 
eandidam ex eo facit; fit et panis praedulcis. 

«) Galen De Aiim. Facult. i, 15; ed. Kühn S. 523. 
«) In Ezech, i, 4, 9 (Mignc Patrol. Lat. 25, 48). 
*) Körnicke Handb. d. Getreidebaus I 251. 

a3* 



866 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

die Hirse bei den indogermanischen Völkern in vorhisto- 
rischen Perioden einmal eine größere Rolle spielte als in 
historischer Zeit; aber daß sie das älteste oder das wich- 
tigste Nährkom der Indogermanen gewesen wäre, dafOr 
haben sich uns keinerlei Anhaltspunkte ergeben. Auch der 
verbreitetste Name der Hirse (lat. miliunt, gr. ^eXivri, lit. 
malnös) hat doch verhältnismäßig nur einen ziemlich be- 
schränkten Geltungskreis. 

Andere Forscher haben in der Gerste die älteste 
Halmfrucht der Indogermanen vermutet. 

Victor Hehn*) hat darauf hingewiesen, daß im Ger- 
manischen, Keltischen und Albanesischen die Wörter für 
•Weizen' und 'weiß' etymologisch zusammenfallen, daß also 
der Weizen bei diesen Völkerschaften übereinstimmend nach 
seinem weißen Mehl benannt ist : got. hwaiteis 'Weizen' und 
frweits 'weiß* (vgl. schwed. dial. kvite 'Weizen'); bret. gwenn 
•weiß* und gwinis 'Weizen' ; alban. barS^ (= got. bairkts) 
•weiß' und 'Weizen'. Das setzt offenbar die Kenntnis einer 
oder mehrerer schwärzerer Mehlsorten zur Zeit der Ent- 
stehung dieser Namen voraus, doch folgt daraus noch nicht, 
daß der Weizen den Indogermanen zeitlich später als jene 
dunkleren Getreide bekannt wurde, wie Hehn*) dies annahm. 
Sicher falsch ist die Ansicht MüUenhoffs,") der den Roggen 
für jenes „schmutzige, schwarze Korn" hielt und darum 



») Kulturpfl. u. Haust. • 536=» 549. Vgl. J. Grimm Gesch. d, datt- 
schm Sprache ♦! 45. G. Meyer Alban. Wb, 27. — Vielleicht hat auch 
ein semitischer Weizenname: altarab. burr, burrun 'Weizen*, 
narab. in Jemen berr 'Weizen' (Schweinfurth Zeitschr. f. Cthnol. 1891» 
Verhandl. 655, Anm. i), hebr. bar 'Getreide, besonders ausge- 
droschenes Getreide', in der weißen Farbe des Mehls seine 
Quelle. Die gemeinsame Wurzel dieser semitischen Namen ist brr, 
welche nach Gesenius mit der hebr. Wurzel brr 'reinigen' identisch 
ist; vgl. ferner assyr. baräru 'hell sein, glänzen' (Delitzsch Hand- 
warm. 187 b), worauf mich Kollege Bezold hinweist. Ich möchte 
vermuten, daß die Wz. brr 'Weizen* sich zur Wz. brr 'hell sein' ver- 
hält, wie alban. bar& 'Weizen' zu barS^ 'glänzend', wie weizenzM weist, 
wie gwiniz zu gwenn. 

•) AaO. «535 f. = '549. *) deutsche Altertumskunde IV 151. 



m. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 357 

meinte, der Roggen sei auf jeden Fall früher angebaut als 
der Weizen. Aber auch für das Altersverhältnis von Gerste 
und Weizen sind die genannten Weizennamen nicht zu ver- 
werten. Ihre etymologische Verschiedenheit untereinander 
zeigt, daß sie jüngeren Ursprungs sind imd erst aus einer 
Zeit stammen, als Gerste und Weizen seit langen Zeiträu- 
men zusammen gebaut wurden. Und angenommen selbst, wir 
hätten einen gemeinindogermanischen Namen für Weizen, 
der 'Weißkom' bedeutete, so würde sich auch daraus 
noch keineswegs ergeben, daß der Weizen später als 
die Gerste zu den Indogermanen gekommen wäre. Sie 
könnten doch auch beide gleichzeitig eingeführt sein; 
auch braucht selbst ein gemeinindogermanischer Weizen- 
name immer noch nicht der älteste Weizenname der 
Indogermanen zu sein. 

Dieses Argument beweist also nichts für die Priorität 
der Gerste. 

III. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 

Über das älteste Brotkom der Indogermanen vermag 
uns somit bis jetzt weder die Prähistorie noch die Sprach- 
wissenschaft Aufschluß zu geben. Eine andere Frage ist, 
welches ihr wichtigstes Getreide war. Daß die Hirse 
auch hierfür nicht emstUch in Betracht konunen kann, 
sahen wir schon. Die größere Verbreitung und über- 
wiegende Häufigkeit der Weizenfunde im südlichen Mittel- 
europa scheint dafür zu sprechen, daß für die Bewohner 
dieser Gegenden, in denen man mit Vorliebe Indogermanen 
vermutet, schon im jüngeren Steinzeitalter der Weizen das 
Hauptnährkom bildete. Und es kann ja nicht bezweifelt 
werden, daß in der historischen Epoche der Weizen bei 
vielen indogermanischen Völkern tatsächlich die erste 
Stelle unter den Halmfrüchten einnahm. 

Dem gegenüber gibt es aber eine Reihe von Tat- 
sachen, welche darauf hindeuten, daß bei den Indo- 
germanen in ältester Zeit die Rolle des wichtigsten Volks- 
nahrungsmittels vielmehr der Gerste zukam. Wir wollen 



368 8. Kap. Die Kalturpflanzen der nngetrennten Indogennanen. 

diese bisher wenig beachtete Frage im Folgenden einer 
eingehenden Prüfung unterziehn. 

1. Sprachliche Zeugnisse für die Bedeutung der 
Gerste bei den Indogermanen. 

a) Die gemeinindg. Gruppe von aind. yätfas. 

Die indoiranischen Sprachen haben in aind. yavas, 
avest. yava- einen übereinstimmenden uralten Namen für 
Gerste, welcher zugleich einer jener Getreidenamen ist, die 
der asiatische Zweig der indogermanischen Sprachen mit 
den europäischen gemein hat (s. oben S. 344). 

Die von Hehn, v. Bradke und zeitweilig auch von 
Schrader vertretene Ansicht, daß dieser Name ursprünglich 
nur eine wildwachsende Grasart, vielleicht mit eßbaren 
Körnern, bedeutet habe, ist von ims früher (S. 346) bereits 
zurückgewiesen worden. Schrader hat seine Meinung neuer- 
dings geändert: im Reallexikon S. 11 schreibt er, „es stünde 
nichts im Wege, in jener uralten Reihe ... ein Wort für 
Hirse zu vermuten.** Aber dieser Ansatz kann sich, soviel 
ich sehe, einzig und allein auf die isolierte und junge Be- 
deutung des Worts im Ossetischen stützen; im übrigen 
spricht nichts für denselben. 

Daß die Grundbedeutung des Namens im Indoiranischen 
•Gerste* war, wird sowohl durch den Sinn des Wortes in 
den heutigen indischen und iranischen Sprachen, wie durch 
die ältere Literatur bezeugt;*) für das Sanskrit verweise 
ich zB. auf die Stelle Nyäya Sütra II 56: „Die Ärya ver- 
stehen unter dem Worte j^a-üas eine Getreideart mit langen 
Grannen". Da nun der Name auch im Irischen 'Gerste' 
bedeutet, so spricht die größte Wahrscheinlichkeit jeden- 
falls dafür, daß er schon in der indogermanischen Grund- 
sprache eine Benennung für die Gerste war. Der aus- 
weichende Begriff des griechischen 1^6l 'eine Spelzart, 
wahrscheinlich Emmer' erklärt sich leicht als jüngere Über- 



*) Vgl. oben S. 344. Ferner A. Kuhn in Webers Ind. Studien i, 355. 
Lassen Ind. Altertumskunde* I 291 f., Anm. 4. 963, Anm. 2. 




in. Die Gerste als Haoptgetreide der Indogermanen. 359 

tragung, da die Spelzweizen meist auch begrannt sind. Ein 
Seitenstück zu diesem Bedeutimgswandel werden wir gleich 
in germ. *baris 'Gerste' — lat. far 'Spelz' kennen lernen. 

Da jtwas in der altertümlichen litauischen Sprache im 
Plural 'Getreide*, im Singular aber 'Same* bedeutet, liegt 
der Gedanke nahe, daß der ursprünglichste Sinn der Wort- 
reihe 'Korn' war, und daß sie speziell die Gerste als 
Hauptnährfrucht bezeichnete, ähnlich wie bei uns das 
Wort Korn vielfach als Benennung der Hauptkomart 
schlechthin gebraucht wird.*) 

Diese sprachliche Gleichung spricht also dafür, daß die 
Gerste dem indogermanischen Grund volk bereits vor seiner 
Trennimg in europäische und asiatische Indogermanen be- 
kannt, und daß sie damals das wichtigste Getreide war. 
Danach muß die Gerstenkultur bei den Indogermanen weit 
ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen. 

b) Die gemeineurop. Gruppe von lat. far. 

Ein zweiter altertümlicher Getreidename, der an Be- 
deutung und Verbreitimg innerhalb der indogermanischen 
Sprachen dem eben erörterten nahe kommt, ist die Sippe 
von lat. far. Sie ist allerdings auf die europäischen 
Sprachen beschränkt, hier aber unendlich viel häufiger und 
mannigfaltiger ausgebildet als die Gruppe yavas : Zied. 

Sie umfaßt die folgenden Namen. Germ an. *hari8 
•Gerste', ursprünglich ein neutraler ^s-Stamm : anord. harr 



*) Vgl. ua. Gradmann Der Dinkel «. die Alamatmen ; Württ. Jahrb. 
für Statistik u. Landeskunde 1902, S. ii4l> u. Anm. i : „So versteht 
man, wie schon oft hervorgehoben worden ist, unter Korn, /rumefUum, 
granum schlechtweg in den romanischen Ländern den Weizen, im 
größten Teil Deutschlands den Roggen, in Westfalen, Schottland 
und Nordengland den Haber, in Friesland, Schweden und Island die 
Gerste, in der ganzen deutschen Schweiz wie auch im größeren Teile 
Schwabens . . . den Dinkel." Im Unterschied von dem Alemannen nennt 
der Graubündner die Gerste, als seine Hauptgetreidefrucht, Chore 
(vgl. Volkart Dreijelder- u. Egertenwir tschaft in der Schweiz \ Frauen- 
feld 1902; S. 12). In den Vereinigten Staaten wird allgemein der 
Mais als com schlechthin bezeichnet. 



ydarsä'. HCl ben X^ersK". rrc bmiaams ady. "Gersten-*. - 
Ljo. /ar am V^ rS^isizV e. fmnis ans V^vscs; dazQ 
«DDbr /KSK, /icraip xik t^^vs^ ^SsraV ^aßL/ärima ans 
•fmr^mm 1fc±J.' Servier fenner zAcb Mannhardt«) der 
XaflDe der am Sur^cse Tvrcäinies FractegCttm Firönia^ Fär 
romim au ^Ftrromim ^Frrsimim ^ ^Fmwromia ^l^Klzbringerin'. 
der tratlwtfcrta Vertrescna der gnedsscbeii Persephoneia, 
ft<mie der griechische Xame #f|)OiE9ävi|, ^cpadqpaaao, 
TkiKKi^acH», TTcppe^acKnu lak. TTnp cy ciy o a selbst, der wohl 
1Con3ti»£Tis' bedemet.* \lei3eiciit findet Sdirader zatre£Fend 
ancb das Simplex in der Hes¥cli>Glosse qnipov * i\ -nSv 
Anonnr tennr Tpo^ vieder. falls dieselbe ans eiaer dorischen 
11 ondarc fibemoaunen ist. wo ^^cpocnr zn qpiipov wurde (& 
oben lak. TTr^pc^ovcia ; ich möchte hierzu Tergleichen die 
Stelle im ahnordischen Alzissmai 33: Bygg keiUr med 
m^nnum^ en harr mec goJum, — Ferner gehört zu der 
gleichen Wortfamilie die slarische Gruppe Mcni : akslav. 
büru 'eine Hirsenart*, nslov. ber^ serb. bar^ czech. bir^ bru 
•Fenchel', poln. ber TBrse* etc./) sowie das abgeleitete, dem 
laL farlna^ ^farshm entsprechende slavische Wort ^borSino 
aus *borchtno') 'Mehl, Speise* : akslav. brasino 'Speise*, 
nslov. kroat. brasno 'Speise*, serb. bulg. braSno *Mehl*, 



') Vgl. Sommer Hmdbuck d. lat. Laut- u. FarmatUkre S. 413. 

*) Bnigmann Grundr.^ I S. 124. 760. 

») Plinius Not. Hist. 18, 88: Farinam a farre dUtam nomine ipso 
adpartt, — Havct, Wharton and Lindsay setzen ^/arisna (Fem. eines 
adj. ^/arisnus) als Grundform an ; s. Lindsay-Nohl Lat. Spr, S. 409, der 
got. bariz^ns vergleicht. Stolz Hist, Gramm. I 225 und Sommer Handb, 
S. 294 entscheiden sich mit Recht für ^/arrlna aus ^/ars-^na. Vgl. noch 
Bnigmann Grundr.* I S. 815. 

*) Waid' u. Feldkulte II 328 f. (1877). Mannhardt verweist auf zwei 
Stellen bei Dionys von Halikarnass. Antiqu. Rom. II 49 : Oepuivta^ . . . 
f\v vOv^ ivd^ dXXarQ TPöi^MciTo?, OapuivCav KoXoOaiv. Und III 32 : e€ä^ 
0€pujv€(a( dvofiaZoM^vn<?/ l\v ol M€Taq>pdZovT€q ei? Tf|v 'EXXdba tXi&aaov 
ol ^^v Av6riq>6pov, ol hi 0iXo0T^q>avov, ol hi 0cpacq>6viiv KoXoOatv. 

•) S. Schrader Reallex. 870 f. 

•) MikloHich Etym, Wärtb. d. slav, Sprackm 25 f. Nemnich Polyglotten- 
UxüOH d, Natgesch. II 844. 

V) ürugmann Grundr. I S. 787. 



m. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 361 

klruss. boroäno 'Mehr.*) — Endlich sind auch die kel- 
tischen Ausdrücke für 'Brot' und 'Kuchen* hierher zu 
stellen: cymr. com. bret. bara m. (Grdf. *baragO') xmd mit 
fi-Erweiterung air. bairgen, nir. gäl. bairghean.*) 

Als indogermanische Grundform dieser europäischen 
Wortfamilie haben wir nach Maßgabe der obigen Formen 
^bher(e)S', *bhor(e)s-, *bhf(eJS' neben ^bher-, Hhor-, *bhf', 
*bhr- anzusetzen (so richtig Schrader im Reallex. 870, nicht 
*bhareS', *bhars-j wie Schrader bei Hehn ' 63 imd Brugmann 
Grundr. "IS. 162. 815 meinen). Die Grundbedeutung der 
Sippe festzustellen, hält angesichts der Divergenz der Be- 
deutungen in den Einzelsprachen schwer. Glücklicher Weise 
scheint uns die etymologische Forschung weitere Auf- 
schlüsse über Ursprung und Sinn der Wiu-zel geben zu 
können. 

J. Grimms Erklänmg,") wonach die Namen zu germ. 
berafiy lat. feto 'tragen* zu stellen wären und ursprünglich 
allgemein 'Getreide, Frucht' bedeutet hätten, wird zwar 
von Müllenhof f*) und neuerdings von Moriz Heyne*) noch 
vertreten, ist aber sonst wohl von allen aufgegeben. Pictet^) 
stellte die Sippe mit hebr. bar 'Getreide, besonders ausge- 
droschenes Getreide* (bereits in der Genesis vorkommend), 
altarab. fewrr, burrun 'Weizen* zusammen.') Er wollte die 
Übereinstimmung nach der früher beliebten Weise diu-ch 
Urverwandtschaft erklären. Ich selbst war zeitweise geneigt, 
den gemeineuropäischen Getreidenamen für ein altes Lehn- 
wort aus dem Semitischen zu halten, dessen Grundbedeu- 
tung 'Weizen* gewesen wäre ; doch ist mir jetzt eine andere 
Ableitung wahrscheinlicher. 

Ich halte den Namen für identisch mit der gleich- 



*) Miklosich aaO. 19. Brugmann Grundr.* I S. 760. 787. 

•) Vgl. Zeuß Gramm. Celt. 1122. Windisch Jr. Texte 384. Evans 
Dict. of the Welsh Lang. 439. Stokes bei Fick Vergleich. Wb.^ II 162 und 
Bezz. Beitr. 21, 129 (1895). £. Zupitza Kuhns Zeitschr. 36, 212 Anm. 

*) Gesch. ä. deutsch. Sprache* 46. *) Deutsche Altertumsk. 4, 151. 

») D. deutsche Nahrungswesen 13. •) Origines Indo-europ.^ 269. 

*) Ober dieses s. oben S. 356, Anm. i. 



362 8* Kap. Die Knltnrpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

lautenden gemeinidg. Sippe *bher(e)'Sj *bkor(e)s-, *bhfS', 
*bhtS' und ^bher-, ^bhor-, ^bhfr- 'Spitze, Nadel, Borste', 
welche in allen idg. Sprachen verbreitet ist und einen 
großen Reichtum von Bedeutungen entwickelt hat. Es ge- 
hört hierher zunächst die keltische Gruppe *barsO' (Grdf. 
*brso-) 'Spitze*: air. barr, bear^ cymr. com. bar 1. 'Spitze, 
Gipfer, 2. 'Speer, Lanze', 3. 'Büschel, Schopf ; dazu anord. 
barr n. 'Tannennadel, Büschel von Tannennadeln* (woher 
das adj. barlegr 'kräftig', eigentlich 'borstig, spitzig, barsch*) 
und ahd. parren 'starr emporstehen'.*) — Weiter schließt 
sich an der german. Fischname nhd. barsch, md. nd. bars, 
ndl. baars, ae. bcers, bearsy alle auf eine german. Grundform 
^barS'OJSf aus idg. *bhorsos oder *bhfsos weisend. Sodann 
das Adjektiv nhd. barsch, nd. barsk (germ. ^bars-kas) 'spitz, 
scharf*. — Femer mit Tiefstufe die Gruppe von nhd. börste: 
ahd. anord. burst, ae. byrst 'Borste* (Grdf. ^burs-tis aus idg. 
*bhrS'Hs)\ aind. bhrs-Us 'Spitze, Zacke*; Ist. fastlgium aus 
♦fars-tigium (idg. *bhfS') 'Spitze, Gipfel'. ■) — Mit nordgerm. 
barr 'Tannennadel' berührt sich nahe ags. bearu 'Hain', ur- 
sprünglich wohl 'Nadelwald*, und besonders auch die slav. 
Gmppe borüf deren Grundbedeutung 'Kiefer* sein dürfte: 
akslav, borü wahrscheinlich 'pinus", nslov. bor 'Kiefer*, bulg. 
bor 'Tanne*, kroat. bor 'Lärche*, serb. bor 'Kiefer*, czech. bor 
'Kiefernwald*, poln. bor 'Fichtenwald', russ. borü 'Nadel- 
wald*.«) 

Die Grundbedeutung dieser idg. Wortfamilie war augen- 
scheinlich 'Spitze, Nadel*, dann 'Borste*; die verschiedenen 
Bedeutimgen spalten sich in zwei Gruppen: die eine geht 
auf die Vorstellung einer einzelnen Spitze zurück ('Nadel, 
Speer, Borste* etc.), während die andere auf der Bedeutung 
'Büschel von Nadeln, Borsten, Schopf bemht ('Büschel von 
Tannennadeln, Bürste* u. dgl.). Zu letzterer Gmppe stellt 
sich auch unser Getreidename germ. *barijs 'Gerste', 

») Vgl. Stokes und Bezzenberger bei Fick V^rg/. IVb, * II 17a f. 
•) Vgl. A. Kuhn Zeitschr. f. vergl. Sprachf. 11, 372 ff. Bnigmann 
Grundr, «IS. 442. 479. Sommer Handb, d, lat. Laut- u. Formen!, S. 268. 
») Miklosich Et. Wb, 19. 



m. Die Gerste als Hanptgetreide der Indogermanen. dßS 

lat far 'Spelz', slav. bürü 'Hirse' etc., dessen Grund- 
bedeutung mithin 'Borstenschopf, Borstenähre% 
dann 'Grannenkorn*, dh. 'Gerste' als das Grannenkom 
KQT* iSoxnv, gewesen wäre. Der Name wäre also von den 
langen, scharfen Grannen als dem charakteristischesten 
Teil der Pflanze auf diese selbst ausgedehnt, ähnlich wie 
Triticum spelta seinen gewöhnlichen Namen spels^ sowie 
seine dialektische Benennung veesen, /äsen (s. oben S. 345) 
von den Spelzen erhalten hat. Auch in dem kyprischen 
dKOiXTn 'Gerste', das zu lat. dcuSy g. äceris n. 'Granne, 
Spreu', got. ahSf ahd. ehir 'Ähre' gehört, bilden die Grannen 
den Ausgangspunkt der Namengebung. 

Somit hätten die germanischen Sprachen den ursprüng- 
lichen Sinn bewahrt, während der Name im Slavischen imd 
Italischen auf andere Halmfrüchte übertragen wurde. Die 
Bedeutung 'Hirse* in den slavischen Sprachen könnte durch 
die allgemeinere 'Getreide, Korn' vermittelt sein. Für den 
Bedeutungswandel von far ist die Mitteilung der lateinischen 
Schriftsteller bedeutsam, daß die Pflanze in älterer Zeit 
senten adoretint 'adorisches Korn* oder far adoreum, dh. 
'adorisches /ar' und erst später einfach /ar genannt wurde.*) 
Sie zeigt, daß man frühzeitig bereits verschiedene Sorten 
far unterschied. Wahrscheinlich wurde der Name — viel- 
leicht schon in voritalischer Zeit - - von der Grund- 
bedeutung 'Gerste* aus zunächst auf die begrannten Spelz- 
arten, wie Emmer und Einkorn, erweitert und dann auch 
auf den unbegrannten Dinkel übertragen (s. Kap. 10 IV). 

Ist unsre etymologische Ableitimg der Gruppe far 
richtig, so ist sie ein weiterer Beweis dafür, daß die euro- 
päischen Indogermanen vor ihrer Trennung in Einzelvölker 
Gerste gebaut haben, und die große Verbreitung des Namens 
lehrt, daß die ursprünglich damit bezeichnete Getreideart 
eine bedeutende Rolle gespielt haben muß. 



^ Noch Varro De rc rusi. I 9,4 gebraucht die Bezeichnung far 
adoreum. Die Bedeutung von adoreum ist unsicher. 



364 8* Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

c) Die gemeinidg. Gruppe von kordeum : gerste. 
An diese beiden alten, in den indogermanischen Sprachen 
weit verbreiteten Gerstennamen reiht sich als dritter die 
Gruppe von lat. hordium n., ahd. and. gSrsta f., die viel- 
leicht sogar bis in die urindogermanische Zeit zurückreicht. 
Denn höchst wahrscheinlich gehört armen, gari (gen. garvoy) 
•Gerste' hierher, und auch gr. Kpi (aus *Kpie), Kpiei^ 'Gerste', 
sowie die iranischen Namen pahlv. Jurtäk bezw. surtäk 'Ge- 
treide, Gerste', bal. surt 'Gerste' lassen sich trotz der 
schwierigen Lautverhaltnisse doch kaum von dieser Gruppe 
trennen. 

Die Etymologie von hordeum: gerste ist viel umstritten. 
Nach der vulgaten Ansicht gehört hordeum aus *horsdeum 
zu horrere aus ^hors^e 'starren', so daß die Pflanze, wie 
bei der Reihe /ar, nach den langen, starrenden Grannen 
benannt wäre. 

Nur vor der Gerste 

Dich warnen kann ich. 

Borstig ist Gerste, 

Gerste ist grannig, 

Gerste hat starrende 

Spitzige Speere, 

Wie denn auch hordeum 

Kommt von horrere. 

So schreibt der Kladderadatsch in seiner Niunmer vom 
25. Januar 1903 (S. 14). und er kann sich für diese seine 
Etymologie auf neuere Forscher, wie Prell witz {Et, Wb. d, 
griech. Sprache 164), Zupitza {Germ. Gutturale 203), Kluge 
{Et. Wb. d, deutschen Spr. • sv. Gerste) berufen. 

Manches scheint in der Tat für diese Ableitung zu 
sprechen. Der eben von uns behandelten indogermanischen 
Wurzel *bher(e)S' *bhor(e)S' *bhr(e)S' *bhxS': *bher' ^bhor- 
*bhx- 'Spitze, Stachel, Borste" steht, wie schon Ad. Kuhn*) 

*) Vgl. Hübschmann KZs. 23, S. 20 u. 24. Osthoff ebenda S. 88. 
Hörn Grundriß d, Neupers, Etymol. Nr. 657. Schrader bei Hehn 
Kulturpfl, u. Haust. » 560. 

•) Zeitschr. f. vergl. Spracht, ii, 374 ff. 



m. Die Gerste als Haaptgetreide der Indogermanen. d62V 

richtig erkannt hat, eine gleichbedeutende und ähnlich ge- 
bildete Wurzel mit anlautendem Gutturallaut: *gher(e)s- 
^ghor(e)S' *ghx&-\ ^gher- 'Spitze, Stachel' gegenüber, die in 
lat horrere und aind. hrstas 'starrend*, und ohne -s in 
griech. xnp» lat ^ aus *h^ Igel' vorliegt. Hierzu hat 
neuerdings Uhlenbeck *) auch ae. gorst 'Stechginster' gestellt» 
wobei er sich mit mir in einer Vermutung begegnete, die 
ich in mein noch ungedrucktes Buch über die Pflanzen- 
namen der Angelsachsen aufgenommen hatte ; ich reihe der 
gleichen Wurzel weiter das ae. gyr 'Nadelholz' an, das 
man wohl auf urgerm. ^gurs-is zurückführen muß, wie 
me. burre^ ne. burr, bur, seh w ed. dän. borre 'Klette' auf 
^burs-an (zu idg. ^bhers-^ *bhiS' 'Borstenbüschel') zurückgeht. 

Wenn nun hordeum: gerste gleichfalls zu dieser Sippe 
gehörte, so würde uns das eine interessante Parallele zu 
der Geschichte des gemeineuropäischen Getreidenamens 
bariß: far an die Hand geben, welche geeignet wäre, die 
Richtigkeit unsrer Deutung des letztem zu stützen, imd 
welche ihrerseits von dieser gestützt würde. Wie barw: 
far zu der Wurzel ^bhers-^ so scheint sich gerste : hordeum 
zu der synonymen Wurzel *gherS' zu stellen. 

Aber dieser Verbindung von gerste : hordeum mit hor- 
rere steht einerseits der anlautende Velar von armen, gari 
•Gerste', anderseits der anlautende Palatal von aind. hf^s 
'starrend' und avest. sarS- aus iran. *3fS' 'sich sträuben' im 
Wege. Diese Satem-Wörter lassen sich nicht unter einen 
Hut bringen. Zwar aind. h^^äs könnte sowohl auf ein 
velares wie auf ein palatales gh zurückgeführt werden, 
aber avest. aarS- und armen, gari schließen sich aus. Ent- 
weder wir ziehen die Verbindung von gerste : hordeum mit 
armen, g^orr/ und pahlv.Jurtäk^ bal. jsurt vor — dann muß die 
Verknüpfung mit aarS- und horrere fallen; oder wir halten 
an der Deutung 'Grannenkom' fest — dann kann gerste 
nicht mit gari und Jurtäk zusammenhängen, sondern sein 
einziger Verwandter bleibt, wie bisher, lat. hordeum. 



>) Sievers' Beiträge zur Gesch. d. deutsch. Spr. u. Lit. 26, 569. 



,366 8. Kap. Die Kalturpflanzen der ungetrennten Indogennaneii. 

Nun ist die Gleichung gari : gerste nach Hübschmann*) 
allerdings unsicher, aber es erscheint doch bedenklicbi 
zwei begrifflich vollkommen und lautlich zum beträcht- 
lichen Teil übereinstimmende Wörter auseinanderzureifien, 
so daß wir eher geneigt sind, die Verbindung mit sarS- und 
hortete zu opfern. 

Unbedingt nötig ist das freilich auch so noch nicht. 
Die avest, Wurzel aatS- ist, wie Bartholomae mir freund- 
lichst mitteilt,*) nur einmal und zwar in der adjektivischen 
Form satSayamnö sicher belegt. An der betreffenden 
Stelle, für welche ältere Übersetzungen nicht vorhanden 
sind, scheint das Wort 'die Federn aufsträubend* (vom 
Vogel) zu bedeuten, aber absolut sicher ist diese Auslegung 
nach Bartholomae nicht. 

Indessen dürfte es schwer sein, eine bessere Erklärung 
4es Wortes zu finden, und solange eine solche nicht vor- 
liegt, werden wir an der obigen festhalten müssen. Da- 
durch sind wir also genötigt, hotdeutn von hottete zu 
trennen, und wir tun dies um so bereitwilliger, als sich 
uns eine andere Anknüpfimg bietet, die vielleicht noch 
reichlich so ansprechend ist wie jene. 

Ich möchte getste und hotdeutn trotz Uhlenbeck {Et. 
Wötterb, d. altind. Spt. 85) mit der gemeinidg. Wurzel 
*ghet- *ghet{e)S' 'reiben' verbinden, die in aind. ghät$ati 
Veibf, ghf^as 'gerieben' vorliegt.*) Die Grundbedeutung 



*) Armen. Gramm. I 432. 

*) S. jetzt auch sein Altiran. Wörtb, 1684. 

^) Auch F. A. Wood hat neuerdings in seinem Aufsatz „The IE. 
Base gJuro- in Germanic" (Mod. Philology i, 236; Oct. 1903) kordeum 
: gersta zu der Wurzel ghere-s- gestellt, als deren Bedeutung er 'rub 
: grate, creak; irritate, annoy; smear* ansetzt, und zu der er außer 
dem oben genannten altindischen Wort auch gr. x^P^^o^» X^PP<K 
•wüst, unfruchtbar*, ^^.gierran 'creak; chatter*, ursprünglich •scrapc, 
grate*, mnd. garren 'grunzen*, anord. gerstr 'mürrisch, unwillig*, gersta 
*annoy*, lit. grasüs 'widerwärtig*, ncymr. gwrm 'dark, black*, und 
viele andere zieht. Wie er sich die Verknüpfung von hordeum : gersta 
mit diesen Wörtern semasiologisch denkt, sagt er nicht. Da er mit 
•den beiden zusammen auch ae. gorst 'Stechginster* hinzunimmt, so 



UL Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 367 

vonidg. *gker3dä, *ghor3da dürfte demnach 'Geriebenes, 
Grütze, Graupen' gewesen sein. Bekanntlich kommt 
die Gerste ja noch heute hauptsächlich in Form von Grütze 
und Graupen zur Verwendung. 

Zu dieser Sippe stellt mm Uhlenbeck (aaO.) meiner 
Ansicht mit Recht die slavische Gruppe *gorchü^ die ver- 
schiedene Hülsenfrüchte bezeichnet: akslav. grahü "faba", 
nslov. grah "Erbse*, grahoty graUca 'Wicke*, bulg. grahol 
•Graupenhager, serb. grah^ groch *Erbse, Fasole*, grahor 
•Wicke*, czech. hrdch 'Erbse*, poln. groch 'Erbse*, russ. 
gorochü 'Erbse'.*) Aus dem Slavischen stammen alban. 
groS^ f. "Linse, Bohne*,*) sowie ngriech. tp^Xo?» ttirk. grax^ 
gerax- Die Grundbedeutung dieser Gruppe, die auf 
einen vorslav. Stamm *ghors- zurückweist, war offenbar 
nicht 'Bohne*, wie Schrader*) meint, sondern "Erbse*, so 
daß sie sich der Gruppe ^ghers-dä^ *ghors-dä 'Graupen, 
Gerste* ohne Schwierigkeit anreiht. 

Mit slav. *gorchü hat bereits Miklosich (aaO.) den 
baltischen Namen des Giersch (Aegopodium podagraria L.) : 
lit. garssväy lett. garsas verbunden, und mit vollem Recht 
stellt G. Meyer (aaO.) auch den deutschen Namen giers^ 
gierschj geerschy güers etc., sowie den albanesischen grozil'f,^ 
best. grokVa 'Lolch, Unkraut, Trespe* dazu, welch letzterer 
zunächst wohl aus dem Slavischen entlehnt ist. Der 
deutsche Name, der unendlich mannigfaltig ist*) und schon 
in althochdeutschen Glossaren in den Formen gers^ gires^ 



scheint er sie mit anord. gersta *annoy' zu verbinden und den Namen 
von den stachligen Grannen herzuleiten. Aber gorst gehört meines 
Erachtens sicher zu horrere und der palatalen Wurzel §heres' 'starren, 
struppig sein", und die Bedeutung von hordeum : gerste, wenn sie, wie 
auch ich meine, zu der velaren Wurzel gheres- gehören, ist direkt 
aus der Grundbedeutung derselben 'reiben' abzuleiten. 

») Nemnich Polyglotten-Lex. d. Natgesch. II 995 f. Miklosich Et. Wb, 
d. slav, Spr. 74. 

") G. Meyer Et. Wl. d. alban, Spr. 132. 

•) Rtallex. d. idg. Altcrtumsk, 107. 

^) Die zahlreichen Formen des deutschen Namens gürsch s. bei 
Graßmann Deutscht Pßanzennamefi S. 10 1 f. 



868 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

girst auftritt,*) bezeichnet teils das unausrottbare Un- 
kraut Aegopodium podagraria^ teils andere, ahnlich lästige 
Ackerunkräuter. Das begriffliche Verhältnis aller dieser 
Namen, die bald mit -»i-, bald mit -/-, bald mit -/-Ableitungen, 
bald direkt von der Wurzel idg. *gherS' *ghorS' gebildet 
sind, zu dem Getreidenamen hordeum : gersta : gart und 
dem Erbsennamen grochü fasse ich analog dem Verhältnis 
von russ. pyrej 'Queke*, czech. pyr 'Queke', preuß. pure 
Trespe*, ae. fyrs 'Queke', ne. furse 'Stechginster* zu gr. 
iröp6^ 'Weizen', akslav. /)yro 'far, miliiun', nslov. pira 'Spelz*, 
lit. pürai 'Winterweizen*, lett. püri dass. (s. oben S. 344) auf. 
Wie diese Namen ursprünglich ein weizenähnliches Un- 
kraut, Triticutn repens, die Queke, bezeichneten, so werden 
jene zunächst Benennungen für gerstenähnliche Unkräuter, 
wie Hordeum murinuniy dann auch für andere getreide- 
ähnliche Unkräuter, endlich für Ackerunkräuter überhaupt 
gewesen sein. 

Das lat. hordeum selbst, aus älterem *ghor3deiom, war 
der Form nach ursprünglich wohl ein Adjektiv, das von 
einem dem deutschen gersta entsprechenden Substantiv 
*ghor3dä abgeleitet war, wie farreus von far^ adoreus von 
ador. Wenn der vorhin behandelte gemeineuropäische Ge- 
treidename *bhereS' *bhrS'y unsrer Annahme gemäß (S. 363), 
frühzeitig im weiteren Sinne außer der Gerste auch die 
begrannten Spelzarten des Weizens bezeichnete, so hat der 
Italiker in älterer Zeit vielleicht zwischen far adoreum, 
dem Emmer oder Spelz, und */ar hordeum, der Gerste, 
unterschieden. Die Verbindung far adoreum hat sich, wie 
wir sahen (S. 363), in junge Zeit hinein erhalten, bis schließ- 
lich far allein die Bedeutung 'Spelz* übernahm, während 
aus der Verbindung *far hordeum sich umgekehrt das 
Attribut hordeum loslöste und allmählich zum selbständigen 
Namen für 'Gerste' auswuchs. So würde sich auch das 
neutrale Geschlecht des lateinischen Namens gegenüber 
dem femininen von ahd. gersta, armen, gari imd gr. KpiOn 
einfach und ungezwungen erklären. 

«) Vgl. Björkman Zeitsckr, /. deutsche Wortforschung 3. 268. 



m. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 



Und nun zu diesem letzten, dem Schmerzenskinde 
unsrer Wortfamilie! Alle Versuche, das griechische Kpien 
•Gerste* mit hordeum und gersta zusammen zu bringen,, 
sind bisher mißlungen, imd doch mochte man sich bei die- 
sem negativen Ergebnis nicht beruhigen, da es unnatürlich 
erschien, die begrifflich identischen und lautlich so nahe- 
stehenden Wörter zu trennen. Ich glaube, daß Wood in 
seinem Aufsatz über die Wurzel *gherO' im Germanischen*) 
den richtigen Weg zur Lösung des Problems gezeigt hat. 

Aus der Wurzel *gheres- läßt sich KpT(0) oder KpiGri 
nicht erklären, auch von einer einfachen Basis *ghero- aus 
konmit man direkt nicht ziun Ziel. Wood ninunt deshalb 
zunächst eine Erweitenmg der Wurzel *ghere' mit einem 
-lo- Suffix an, wodurch eine neue Basis *ghri-iO', und 
weiterhin *ghrei', *ghroi', *ghri- mit den Bedeutungen 
'rub; smear; Scratch; grate* ua. entsteht, die dann der 
Ausgangspunkt für eine Reihe neuer Bildungen wird. 
Mit einem -rf- Suffix ist von dieser Wurzel *ghrof das ae. 
grätan, ne. groats 'Grütze*, mit -dh- Suffix von der Wurzel- 
stufe *ghri' das gr. KpiGri (aus idg. *ghridha) gebildet, das 
nach Wood ursprünglich *a crushing ; anything crushed,. 
grain, particle' bezeichnete, woraus sich dann die Bedeutung 
•barley-com, barley* für KpiGri entwickelt hätte. 

Mir scheint, wie gesagt, daß Wood mit dieser etymo- 
logischen Ableitimg das Richtige getroffen hat. Nur in der 
Bedeutungsentwicklung werden wir vielleicht einen etwas 
andern Weg einschlagen müssen als er. 

Aus dem ursprünglichen Sinn von Kplöri, wie von ahd. 
gersta und lat. *ghor8dä 'Geschrotenes' werden wir nicht 
mit Wood die singularen Begriffe *grain, particle, barley-com* 
abzuleiten haben, sondern die Bedeutung jener Wörter dürfte 
längere Zeit eine kollektive: 'Grütze, Graupen* geblieben 
sein, woraus sich dann allmählich ein Name der Gerste als 
Getreideart spezialisierte. Bei KpiOrj scheint sich allerdings 
aus der kollektiven Bedeutung 'Gerstengrütze* weiterhin 



») Modern Philology i, 239 f. (Oct. 1903). 

Hoops, Waldbftume u. Kulturpflanien. 24 



370 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

auch die des einzelnen 'Gerstenkorns* entwickelt zu haben; 
hordeum und gersta kommen in diesem Sinne anscheinend 
nirgends vor. Dagegen heißen die geschälten Gerstengrau- 
pen nach Nemnich *) noch in neuerer Zeit an vielen Orten 
kollektiv gerste ohne weiteren Zusatz, worin vielleicht noch 
die ältere Bedeutimg des Wortes durchschimmert. 

Für die Übertragung eines Namens für Grütze oder 
Brei auf die Getreidepflanze selbst führt Kömicke in sei- 
nem Aufsatz Zur Geschichte der Gartenbohne*) eine inter- 
•essante Parallele an: „Die Hirse (Panicum miliacetim L.) 
wird bekanntlich in Form eines Breies genossen, imd daher 
nennt man die Hirsepflanzen auf dem Felde in Steier- 
noiark Hirsbrei und in anderen Gegenden Österreichs ein- 
fach 5m." Ähnliche Übertragungen des Namens eines Ge- 
richts auf die Pflanze selbst liegen vor in franz. haricot 
'Gartenbohne' (Pflanze und Frucht), älter five de haricot, 
weil die Bohnen einen Bestandteil des haricot de mouton 
•Ragout von kleingeschnittenem Hammelfleisch* bildeten; 
femer in span. cebada, port. cevada 'Gerste*, prov. civada 
'Hafer' zu lat. cibare 'füttern' ua. 

So hätten wir denn in der Sippe von hordeum: gersta 
^inen dritten uralten Gerstennamen nachgewiesen, der, ur- 
sprünglich von einer Grundbedeutung 'Grütze, Graupen' aus- 
gehend, schon in gemeinindogermanischer Zeit den spe- 
jdelleren Sinn 'Gerstengraupen, Gerste' angenommen 
hatte. 

Das schöne Verhältnis von hordeum imd horrere frei- 
lich, das vom Kladderadatsch poetisch verklärt worden war, 
hat sich im Lauf unsrer prosaischen Untersuchung inuner 
deutlicher als ein ungesetzliches entpuppt. Das Pärchen 
wird in Zukunft getrennte Wege gehn müssen. Statt dessen 
hat hordeum legitime Verwandte im Deutschen, Griechischen, 
Armenischen und Iranischen erhalten. 



*) Allgem. Polyglottm-Lex, d. Natgesch. II 174. 
•) Verhandl. d. Nathist. Ver. d. Rheinl. u. Westf. 1885, 147. Be- 
stätigt von Pritzel u. Jessen Die deiitsckm Volksnamen </. Pflanzen 261 f. 



in. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogennanen. 371 

Alle drei, im Vorstehenden behandelten Gersten- 
namen sind durch ihr hohes Alter, wie durch ihre 
weite Verbreitung in den indogermanischen Sprachen, 
worin sie von keinem andern Getreidenamen erreicht wer- 
den, schwerwiegende Zeugnisse für die Bedeutung, 
die die Gerstenkultur bei den indogermanischen 
Völkern in älterer Zeit gehabt haben muß. 

Diese sprachlichen Beweise aber werden durch wich- 
tige kulturhistorische Tatsachen gestützt. 

2. Bedeutsame Rolle der Gerste im Kulturleben der 
Inder, Griechen und Germanen. 

Gegenwärtig ist nächst dem Reis der Weizen die 
wichtigste Komart Ostindiens; im Altertum scheint die 
Gerste den zweiten Rang neben dem Reis eingenonunen 
zu haben, obwohl das Klima des Landes zum Anbau des 
Weizens mindestens ebenso geeignet ist wie zu dem der 
Gerste. 

Der Weizen {godhümas m.) wird in der altindischen 
Literatur als 'Barbarenessen' bezeichnet, was, wie Lassen*) 
bemerkt, „anzudeuten scheint, daß Weizen gegen Reis ge- 
halten in Indien nur wenig genossen wiu'de, aber als all- 
gemeines Brotkom der Nichtinder im Westen und Nord- 
westen bekannt war". 

An der schon (S. 358) angezogenen Stelle Nyäya Sütra 
n 56 heißt es : „Die Ärya verstehen unter dem Wort yavas 
eine Getreideart mit langen Grannen, die Mleccha dagegen 
die kangti^'. Hier wird der langgrannigen Gerste als dem 
Hauptkom (yavas) der Inder die Kolbenhirse {kangus) als 
Nährkom der Barbaren gegenübergestellt. 

Lassen, der die Gerste für die älteste von den arischen 
Völkern angebaute Komart ansieht, weist darauf hin, daß 
sie im Sanskrit dwyas 'himmlisch* genannt wird. Er zitiert 
eine Stelle aus Manu (9, 39), wo vrM^ (Reis), säli^ (wohl 
auch eine Art Reis, noch nicht hinreichend erklärt) tmd 

») Indische Altertumskunde^ 291 f., Anm. 4. 

24* 



372 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

yävas (Gerste) als die gewöhnlich angebauten Getreidearten 
bezeichnet werden.*) Und auch Plinius bestätigt uns die 
hervorragende Stellung des Gerstenbaus in Indien nächst 
der Reiskultur, wenn er {Nat. Hist. 18, 71) sagt: Hordeum 
Indis sativom et silvestre, ex quo panis apud eos prae- 
cipuus et alica, Maxume quidem orysa gaudent^ ex qua 
tisanam conficiunt quam reliqui mortales ex hordeo. 

Nicht minder bedeutsam ist die Rolle der Gerste im 
Kulturleben der alten Griechen, worauf Heer*) imd Kör- 
nicke') ihre Ansicht von dem höheren Alter der Gersten- 
kultur stützen. Die Angabe des Plinius : Antiquissimum in 
cibis hordeum (18, 72) kann nach Kömickes sehr wahr- 
scheinlicher Vermutimg nur aus einem griechischen Schrift- 
steller entnommen sein, da die Römer ja nach des Plinius 
eigener Erklärung die von ihnen far oder ador genannte 
Spelzweizenart für das älteste Getreide hielten. In der Tat 
berichtet der Grieche Artemidor (im 2. Jahrhundert n. Chr.), 
daß nach der Überliefenmg die Götter den Menschen als 
erste Nahrung die Gerste gegeben hätten. 

Der Umstand, daß die Griechen zu Opferzwecken 
Gerste verwandten, trotzdem auch bei ihnen der Weizen als 
das edlere Getreide galt, scheint allerdings mit ziemlicher 
Bestimmtheit für eine ehemalige höhere Bedeutimg, wenn 
auch nicht für ein höheres Alter, der Gerstenkultur bei den 
Protogriechen zu sprechen. Schon zu Homers Zeiten streute 
der Priester Gerstenschrot zwischen die Homer des Opfer- 
tiers. Im Tempel von Delphi und bei den eleusinischen 
Mysterien war die Gerste im Gebrauch; aus Gerstenähren 
wurde der Kranz der Demeter und der eleusinischen Kampf- 
sieger geflochten.*) 



*) Ebenda 292, Anm. i. 

«) Die Pflanzen d, Pfahlb, 10 f. 

') Die hauptsäMichstcfi Formen d. Saatgerste im öconomisck-botan, 
Garten d. Kgl. landwirtsch, Academie Poppeisdorf , Ausgestellt in Köln 1895. 
Bonn, Univ.-Buchdruckerei Georgi, 1895, S. 14 f. 

*) Lenz Bot. d. alten Griechen u. Römer 260. Magerstedt Bilder a. 
d. röm. Landwirtschaft 5, 294. 



HL Die Gerste alt Hauptgetreide der Indogennanen. 373 

Aber zu dieser wichtigen Rolle im Sakraldienst kommt 
ein anderer Umstand. Die Gerste war tatsächlich das Haupt- 
getreide der Griechen; in früherer Zeit meist geröstet in 
der altertümlichen Form der Alphita genossen, wurde sie 
später auch zu Brot verbacken. Auf den Münzen der griechi- 
schen Kolonie Metapont in Unteritalien finden wir schon im 
6. Jahrh. v. Chr. eine Gerstenähre abgebildet — der beste 
Beweis dafür, welche Bedeutung die Gerste für die Ein- 
wohner hatte, und wie zäh diese selbst in ihrer neuen Heimat 
an ihrem altangestammten Brotkom festhielten. Gerstenbrot 
ist bis in die Gegenwart das gewöhnliche Brot des ge- 
meinen Griechen geblieben und wird erst neuerdings durch 
Weizenbrot ersetzt. 

Kömicke betont nun mit Recht, es wäre sehr auffallend, 
„daß das Unedlere das Edlere in den Hintergrund gedrängt" 
haben sollte, wenn der Weizen wirklich einmal die Rolle 
des allgemeinen Volksnahrungsmittels gespielt hatte. Bei 
den meisten Völkern des Altertums wiu-de die Gerste all- 
mählich durch den Weizen aus dem Felde geschlagen, aber 
nicht umgekehrt. Die Römer liebten die Gerste nicht; ihre 
Hauptnahrung waren Weizen imd Spelz. Gerste wurde in 
Italien zwar auch viel gebaut, aber nur in der älteren Zeit 
allgemeiner zum Brotbacken verwandt;^) später diente sie 
in der Regel als Pferdefutter und wurde bloß in Zeiten der 
Not zu Brot verbacken. Hordearii 'Gerstenmänner* nannte 
man nach Plinius wohl verächtlich die Gladiatoren, weil sie 
sich von Gerste nährten. Auch bei den Ägyptern und Juden 
galt das Gerstenbrot als minderwertig.*) 

Die Vorliebe der Griechen für die Gerste er- 
klärt sich darum augenscheinlich nicht durch einen se- 
kundären Übergang zu einer später eingeführten gröberen 
Kornart, sondern durch konservatives Festhalten am 
Alten. War doch auch die Form der Alphita, in welcher 
die Gerste noch zur Blütezeit des Landes genossen wiu-de, 



>) Magerstedt 295. 

■) Buschan VorgtsckictUl, Bot, 37. 



S74 8. Kap. Die Kulturpflanzen der ungetrennten Indogermanen. 

wie Kömicke hervorhebt, eine sehr primitive. Die Gerste 
wurde schwach geröstet, dann grob zerkleinert, mit Wasser 
angerührt und unter Zutat von öl ua. gegessen. Geröstete 
Gerste war im Altertum auch sonst ein verbreitetes Nah- 
rungsmittel; es dürfte eine der frühesten Zubereitungsarten 
des Getreides überhaupt sein. Die neuerdings in der rein 
neolithischen Station Butmir bei Sarajevo in Bosnien gefun- 
denen verkohlten Weizen- und Gerstenkörner waren augen- 
scheinlich langsam geröstet.*) 

Alle diese Tatsachen drängen uns zu dem Schlüsse, daß 
die Gerste ihre Bedeutung als Hauptgetreide der Griechen 
nicht erst in Griechenland erlangt, sondern schon in der 
indogermanischen Heimat derselben besessen haben muß. 

Die Altertümlichkeit der indischen und griechischen 
Gerstenkultur wird weiter durch germanische Zeugnisse 
gestützt. Daß die Gerste in älterer Zeit das Hauptgetreide der 
Angelsachsen war, zeigt der gemeinags. Ausdruck ber-crn 
•Kornspeicher*, ursprünglich 'Gerstenkammer' (vgl. anord. 
hygg'hüSy bygg-hlada). Auch die bei den Angelsachsen 
wiederholt erwähnte Entrichtung einer Naturalsteuer in 
Gerste {bere-gafolj gafol-bcere) spricht für die Wichtigkeit 
dieses Getreides. Über die Bedeutung der Gerste als Brot- 
kom in den nordischen Ländern wird später noch zu handeln 
sein. *) 

3. Das Gerstenkorn als kleinstes Geweicht und 
Längenmaß bei den indogermanischen Völkern. 

Daß die eben geschilderten Verhältnisse bei den Indern, 
Griechen und Germanen wirklich altertümlich sind, daß die 
Gerste tatsächlich das Hauptgetreide der Indogermanen, 
wenigstens in der ältesten Zeit, war, dafür möchte ich noch 
einen andern Umstand anführen, der mir von besonderer 
Tragweite scheint. 

*) C. Schröter bei Radimsky u. Hoernes Die neolithische Station von 
Butmir hei Sarajevo in Bosnien, I. Ausgrabungen im Jahre 1893. Wien 

189s; S.39f. 

•) Weiteres in Kap. 9, 15 u. 16. 



m. Die Gerste als Hauptgetreide der Indogermanen. 375 

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß das Gersten- 
korn bei zahlreichen Völkern in älterer Zeit als das 
kleinste Gewicht und Längenmaß benützt wurde. Als 
Gewicht finden wir es angewandt bei den Indem, Arme- 
niern, Griechen, den Römern der späteren Zeit, den Nieder- 
deutschen und Angelsachsen ; als Längenmaß bei den Indem, 
Iraniem, Griechen, Czechen, Franzosen, Niederdeutschen 
(einschließlich der Niederländer), Engländern und Kelten.*) 
Die Liste ließe sich wohl unschwer vermehren. Nun sind 
die Völker bekanntlich in keinem Punkte konservativer als 
in den Grundlagen und Benennungen ihrer Zahl-, Maß- und 
Gewichtssysteme. Wenn daher ein großer Teil der asiatischen 
und europäischen Indogermanen übereinstimmend das Ger- 
stenkorn als kleinstes Längenmaß und Gewicht verwertet, so 
darf man daraus wohl den Schluß ziehen, daß zur Zeit der 
Entstehung der Maß- imd Gewichtsberechnungen, dh. in einer 
Periode, wo die Indogermanen seßhafter wurden und nach 
Einführung der Bodenkultur die gesellschaftlichen und kom- 
merziellen Beziehungen allmählich festere Formen anzu- 
nehmen begannen, die Gerste ihr wichtigstes Nahrungsmittel 
war. Wäre der Weizen damals die Hauptkomart gewesen, 
so hätte man doch wohl das Weizenkom zugrunde gelegt. 
Den Römern, bei denen die Gerste in ihrer Rolle als Haupt- 
nahnmgsmittel sehr frühzeitig durch den Spelz {far) ver- 
drängt war, diente tatsächlich das Spelzkom als Maßeinheit.*) 

Noch einer andern Übereinstimmung der europäischen 
Indogermanen möge hier gedacht werden. Die bekannte 
Geschwulst am Augenlid wurde und wird von den 



*) Vgl. Jacob Grimm Jahrbücher t. wissenschaftl. Kritik. Berlin 
1842, I 795 f. Körnickes Zusammenstellung in seinem Aufsatz über 
die Gerste in der Zeitschr. f. d. gesamte Brauwesen 5 (1882). Murray 
New Etigl. Dict, I 674 b {barleycom als Name des kleinsten Längenmaßes). 
Glaser Die Maß- u. Gewicht sbezeichnungeti des Franzosiscften \ Zeitschr. 
f. franz. Spr. u. Lit. 26 (1903), Abhandl. 116 f. (Verwendung von grain 
dorge im Sinne von ligne in früherer Zeit). Bartholomac Altiran. Wörterb, 
1269 (yava- als 'Linie*). S. femer Dioskorides Materia Medica 3, 161.. 

«) Körnicke aaO. 56. 



376 8. Kap. Die KulturpfUnxen der ongetreimten Indogermanen. 

meisten europäischen Völkern, den Griechen, den späteren 
Römern und den romanischen Nationen, von den Deutschen 
imd Slaven als 'Gerstenkorn* bezeichnet. 

Alle die genannten Gründe zusammen berechtigen uns 
wohl zu dem Schlüsse, daß in der Urheimat der Indo- 
germanen tatsächlich die Gerste das Hauptgetreide 
war. Aus diesem Faktum aber können wir einen weiteren 
Schluß auf die Lage dieser Urheimat ziehn. 



Neuntes Kapitel. 

Rückschlüsse auf die Lage der Heimat 
der Indogermanen. 

Unsre Untersuchung über die urindogermanischen 
Baumnamen im ersten Teil dieses Buchs führte zu dem 
Ergebnis, daß die Stammsitze der Indogermanen vor ihrer 
Trennung in Asiaten und Europäer in Mitteleuropa west- 
lich der Linie Königsberg -Odessa zu suchen seien. 

Sehen wir jetzt zu, wie sich die Resultate imserer 
Forschungen über die Kulturpflanzen der Indogermanen 
dazu stellen, ob sie sich mit jenem Ergebnis decken, und 
ob sie vielleicht gestatten, die im ersten Teil erschlossenen 
Grenzen noch genauer zu präzisieren. 

Die Prüfung der gemeinindogermanischen Namen von 
Kulturpflanzen im ersten Abschnitt des vorigen Kapitels 
hat uns gezeigt, daß den Indogermanen nach dem jetzi- 
gen Stand der Forschung außer den älteren Getreide- 
arten keine weiteren Kulturpflanzen bekannt waren, 
daß sie vor allem die Hülsenfrüchte und den Flachs noch 
nicht bauten (S. 352). Vergleichen wir dieses Ergebnis der 
indogermanischen Sprachforschung mit den Tatsachen, die 
wir im vorletzten Kapitel (S. 337 f.) aus der archäologischen 
Untersuchung über die Kulturpflanzen Nord- und Mittel- 
europas während der jüngeren Steinzeit gewannen, so er- 
gibt sich uns der wichtige Schluß, daß das, was wir als 
das circiunalpine Kulturgebiet bezeichneten, also das süd- 
liche Mitteleuropa, als Heimat der Indogermanen 
nicht in Betracht kommen kann, weU hier zur Stein- 



378 9' ^P« Rückschlüsse auf die Lage der Heimat der Indogermanen. 

zeit selbst in den ältesten, reinneolithischen Stationen schon 
eine Reihe von Kulturpflanzen gebaut wurden, die den 
Indogermanen in der Urzeit noch fehlten. 

Somit würde also das ganze Kulturgebiet der schwei- 
zerischen Pfahlbauten zur Steinzeit noch außerhalb des 
ursprünglichen Verbreitungsbezirks der Indogermanen ge- 
legen haben; die Pfahlbauern der Alpenseen waren, 
wenigstens während des größten Teiles der neo- 
lithischen Epoche, keine Indogermanen — ein Resul- 
tat, das uns in Gegensatz zu der herrschenden Anschauiuig 
setzt, das aber recht gut zu den Ergebnissen der neueren 
archäologischen Forschung stimmt, wonach das circumal- 
pine Gebiet der Mittelmeerkultur anzugliedern ist (s. oben 
S. 340), einem Kulturkreis, der sicher nicht uralt indoger- 
manisch warJ) Schraders Behauptung,-) daß „die in den 
ältesten Pfahlbauten hervortretende Kultur sich im wesent- 
lichen in der lu-europäischen Kulturperiode wiederfindet", 
trifft wenigstens für die Kulturpflanzen nicht zu. 

Die eben von uns gezogene Schlußfolgenmg, welche 
nur den größten Teil Deutschlands und Nordeuropa 
als mögliche Heimat der Indogermanen übrig läßt, 
ist auf dem gegenwärtigen Stand der archäologischen 
und philologischen Forschung aufgebaut. Aber die For- 
schung schreitet fort, imd wir müssen damit rechnen, daß 
die Prämissen unsers Schlusses sich ändern. In Nord- 
europa hat man erst seit zehn Jahren die prähistorischen 
Stationen systematisch nach den Resten von Kulturpflanzen 
diu-chforscht, und Deutschland ist bis auf den heutigen 
Tag in dieser Hinsicht für die älteren Perioden fast ganz 
eine terra incognita. Und wenn auch der Wortschatz der 
indogermanischen Sprachen seit Jahrzehnten aufs sorgfäl- 
tigste untersucht ist, so kommen doch auch auf philolo- 



<) Übrigens sagt auch Hirt (Jahrbücher f. Nationalök. u. Statist. 
3. F. 15, 458): „Für Indogermanen dürfen wir weder die Völker der 
ungeschliffenen Steingeräte, noch auch die Pfahlbauern der Schweiz 
und Oberitaliens mit Sicherheit oder auch nur Wahrscheinlichkeit 
halten." «) Bei Hehn Kulturpflanzen u. Haustiere'^ 567. 



Das circumalpme KultTxrgebiet nicht indogennanisch. 379 



gischem Gebiete jährlich noch neue und oft überraschende 
Ergebnisse zu Tage. 

Eine Verschiebung des augenblicklichen Standes der 
Dinge ist nach zwei Richtungen hin möglich. Einerseits 
können künftige Ausgrabungen lehren, daß Hülsenfrüchte, 
Flachs und Mohn doch weiter nach Norden verbreitet waren, 
als es jetzt scheint; anderseits könnte die Sprachforschung 
zeigen, daß die Indogermanen in der Urzeit doch schon 
mehr Kulturpflanzen kannten, als wir heute wissen. In 
ersterem Falle wären wir genötigt, die Südgrenze des Ver- 
breitimgsgebietes der Indogermanen weiter nordwärts 
zurückzuziehn ; im zweiten Falle müßten wir sie nach 
Süden ausdehnen. Mit den beiden extremen Möglichkeiten, 
daß alle bedeutenderen Pflanzen der schweizerischen Pfahl- 
bauten auch in nordeuropäischen Niederlassungen aus der 
Steinzeit entdeckt, oder daß sie umgekehrt sämtlich im 
Wortschatz des indogermanischen Urvolks nachgewiesen 
werden sollten, braucht heute wohl kaiun mehr gerechnet 
zu werden. Im großen und ganzen wird es wohl dabei 
bleiben, daß in Mittel- und Norddeutschland und den nor- 
dischen Ländern zur Steinzeit nur die älteren Getreidearten 
(Weizen, Emmer, Einkorn, Gerste, Hirse) und sonst keine 
Kulturpflanzen von Bedeutung gebaut wurden, und daß 
anderseits die Indogermanen in ihrer Urheimat von Kultur- 
pflanzen nur Halmfrüchte kannten. — 

Und nun haben wir noch ein drittes Ergebnis unsrer 
bisherigen Untersuchungen auf seine Bedeutung für die 
Heimatsfrage hin zu prüfen: was ist aus der Tatsache, 
daß das Hauptgetreide der Indogermanen die Gerste 
war, für die Lage ihrer Stammsitze zu schließen? 

Es läßt sich nicht leugnen, daß die Gerste eine gröbere 
Komart ist als der Weizen. Wenn ein Volk die freie Wahl 
zwischen beiden hat, wird es naturgemäß den Weizen vor- 
ziehen. Ist unsre Vermutung, daß die Indogermanen vor- 
zugsweise Gerste bauten, richtig, so müssen sie offenbar 
zwingende Gründe hierzu gehabt haben. Man könnte an 
die Möglichkeit denken, daß die Gerste das älteste Brot- 



H80 9* ^P* Rückschlflsse auf die Lage der Heimat der Indogermanen. 

kom der Indogermanen gewesen sei, an dem sie auch nach 
dem Bekanntwerden mit dem Weizen, wie die Griechen 
bis in die neueste Zeit hinein, konservativ festhielten. Aber 
ein höheres Alter der Gerstenkultur läßt sich, wie wir sahen, 
bis jetzt weder im allgemeinen, noch für die Heimat der 
Indogermanen im besondem durch prähistorische Funde 
oder sprachliche Zeugnisse irgendwie erhärten. Wir müssen 
also nach andern Gründen suchen. 

Nun hat die Gerste zwei wichtige Vorzüge vor dem 
feineren Weizen voraus: einmal ist sie von jeher den Völ- 
kern ein xmentbehrliches Ingredienz bei der Bierbrauerei 
gewesen;^) zweitens und vor allem ist sie ertragssicherer 
als der Weizen, da sie kürzere Zeit zu ihrer Entwicklung 
gebraucht imd teilweise schon vor der normalen Reifezeit 
der Getreide gleich nach der Heuernte geschnitten werden 
kann. Der englische Volkswitz hat deshalb ein Kind, das 
innerhalb sechs Monate nach der Hochzeit geboren wird, 
barley-child oder barley-bairn getauft.*) Infolge dieser früh- 
reifen Eigenschaft der Gerste kann sie bis weit hinauf nach 
Norden und in Höhenlagen gebaut werden, wo der Weizen 
der kurzen Sommer wegen nicht mehr reift. Sie bildet so 
die Nord- und Höhengrenze des Getreidebaus überhaupt.*) 

Wir werden somit zu dem Schluß gedrängt, daß die 
Urheimat der Indogermanen in einem Lande mit 
kurzen Sommern zu suchen ist, wo die empfindlicheren 
Weizen xmd Hirse keinen so sichern und regelmäßigen Er- 
trag gewährleisteten als die schnell reifende Gerste. 

Da mm nach unsern früheren Ausführungen nur Mittel- 
und Nordeuropa für die nähere Bestimmxmg der Heimat in 
Betracht kommen, so würde das eben erörterte Argument 

>) Über das Bier der alten Völker vgl. Volz Beiir. z. Kulttirgesch. 64. 
149 ff. Hehn Kulhirpfl. u. Hauste 141 ff. isyf. = ^i42ff. 158 f. Woenig 
Pflanzen im alten Ägypten 170 f. Lenz Bot, d, Gr. u, Rom. 260. 261 f. 
Buschan Vorgeschichte Bot. 41 ff. Schrader Reallex. 88 ff. 289. Heyne 
Das deutsche Nahrwigswesen (fünf Bücher deutscher Hausaltert. II) 338 ff. 

•) Wright Engl. DiaUct Dict. I 166. 

«) Über die Nord- und Höhengrenze der Gerste vgl. Körnicke 
Handb. d. Getreidehaus I 144 f. 



Die Urheimat ein Land mit kurzen Sommern. 381 

also die mutmaßlichen Stammsitze der Indoger- 
manen nach Nordeuropa, mit Einschluß des nörd- 
lichen Deutschlands, verlegen. Dazu stimmt die bemer- 
kenswerte Tatsache, daß die Gerste im europäischen 
Norden von den ältesten Zeiten bis in die Gegen- 
wart die Hauptbrotfrucht geblieben ist, so daß sie in 
vielen Gegenden Norwegens und Schwedens, wie auch in 
den friesischen Gebieten (Nordfriesland, Helgoland, Butja- 
dingen, Jeverland) noch heute als "Korn* schlechthin (schAved. 
körn, fries. koorn, kurn) bezeichnet wird, ') Auch der ge- 
wöhnliche nordische Name der Gerste, anord. bygg^ dän. 
bygy schwed. bjuggy der mit ags. beow 'Getreide* und anord. 
byggja "bauen* verwandt ist, bedeutet ursprünglich 'Ge- 
treide* im allgemeinen. Gunnar Andersson meint geradezu, 
daß die Gerste im mittleren und nördlichen Schweden in 
ältester Zeit die einzige bekannte Brotfrucht war. In dem 
größten Teil Norddeutschlands ist sie aus ihrer Stellimg als 
Brotkom in frühhistorischer Zeit durch den neu eindringen- 
den Roggen vertrieben worden. 

Bei den obigen Darlegimgen ist allerdings zu beachten, 
daß dieser aus der Hauptnährpflanze gewonnene Beweis- 
grund uns nicht notwendig in die Zeit unmittelbar vor der 
Tremumg der Indogermanen in Einzelvölker, sondern mög- 
licher Weise in eine ältere Periode zurückführt. Es ist recht 
gut denkbar, daß die Indogermanen in der Zeit kurz vor 
ihrer Trennung schon in Gebiete vorgedrungen waren, deren 
Klima an sich wohl auch ein anderes Hauptnährkom als 
die Gerste gestattet hätte, daß sie aber trotzdem konservativ 
noch an ihrer nordischen Gerste als Hauptgetreide fest- 
hielten. — 

Unsre Erörterungen über die Heimatsfrage der Indoger- 
manen führen also von drei verschiedenen Gesichtspunkten 
aus wenigstens annähernd zu einem einheitlichen Resultat. 

») Pritzel u. Jessen Die deutschen Volksnamen der Pflanzen S. 184. 
Körnicke Hatidb. des Getreidebaus I 145. G. Andersson Gesch. d. Vege- 
tation Sctmedms\ Englers Bot. Jahrb. 22, 518. MüUenhoff Deutsc/ie Alter- 
tumskunde IV 151. Helms Schwed. IVörtb.^ I 220. II 162. 



382 9' ^P* Rückschlüsse auf die Lage der Heimat der Indogermanen. 

Die Untersuchung der Baumnamen wies auf Mitteleuropa 
westlich der Linie Königsberg-Odessa hin, ein Vergleich 
der gemeinindogermanischen Kulturpflanzen mit den in 
Mitteleuropa zur Steinzeit gebauten schloß das circumalpine 
Gebiet aus, während endlich die hervorragende Bedeutung 
der Gerste als Nährkom der Indogermanen Norddeutsch- 
land oder Nordeuropa als Heimat vermuten ließ. Alle drei 
Argimiente stimmen mit Bezug auf Norddeutschland 
überein. Sollte die Buche nach Dänemark doch schon früher 
vorgednmgen gewesen sein, als wir S. 129f. nach dem 
jetzigen Stand der Forschung annehmen mußten, so würde 
auch dieses Land in den Bereich der indogermanischen 
Urheimat einzuschließen sein. Inwieweit Süddeutschland und 
Böhmen in Betracht kommen, müssen weitere archäologische 
Forschimgen lehren. Einstweilen hindert uns nichts, diese 
Länder ziun größten Teil gleichfalls in die Grenzen des ge- 
suchten Gebietes einzubeziehn. 

Die Heimat der Indogermanen vor ihrer Tren- 
nung ist somit am wahrscheinlichsten in Deutsch- 
land, besonders dem nördlichen Deutschland, viel- 
leicht mit Einschluß Dänemarks, zu suchen. 

In Norddeutschland werden wir ims ihre Verbreitung 
wohl nicht nur östlich der Elbe in den südbaltischen Küsten- 
ländern, sondern zweifellos auch südlich der Nordsee zu 
denken haben. Das Fehlen von gemeinindogermanischen 
Ausdrücken für Ebbe und Flut ist kein Gegenbeweis, da 
natürlich nur die Anwohner der Nordsee solche Ausdrücke 
entwickeln konnten, die sie bald genug mit dem Phänomen 
selbst vergessen mußten, wenn sie vom Meer weg land- 
einwärts vordrangen. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich einen Einwand gegen 
Schraders südrussische Hypothese geltend machen, der zu 
gleicher Zeit geeignet ist, unsre eignen Schlußfolgerungen 
zu stützen und zu ergänzen. Es gibt bekanntlich in den 
meisten indogermanischen Sprachen ein gemeinsames, alter- 
tümliches Wort für 'Meer* (die Sippe von lat. ntare, nhd. 
nteer), woraus man, da von einem Wandern eines solchen 



Norddeatschland und Dänemark. — Das Meer der Indogermanen. 383 

Wortes des Begriffes wegen keine Rede sein kann, den be- 
rechtigten Schluß gezogen hat, daß die Heimat der Indo- 
germanen an einem Meere gelegen haben müsse. Nur das 
Griechische und die asiatischen Sprachen haben an dieser 
Gleichxmg nicht teil ; sie haben Sonderausdrücke entwickelt, 
die aber unter sich auch nicht übereinstimmen. 

Nehmen wir nun mit Schrader an, daß die Heimat der 
Indogermanen im südlichen Rußland zu suchen, und daß xmter 
dem Meer das Schwarze Meer zu verstehen sei, so sollte 
man bei der bekannten verwandtschaftlichen Gruppierung 
der indogermanischen Sprachen erwarten, daß gerade die 
Sprachen der südlichsten, dem Schwarzen Meer ursprünglich 
am nächsten wohnenden Stämme, also das Griechische und 
Indoiranische, einen gemeinsamen Namen für 'Meer* ent- 
wickelt haben würden, an dem auch ihre nächsten Nachbarn 
noch Anteil haben mochten, während die weiter nördlich, 
dh. landeinwärts wohnenden Stämme, also vielleicht die 
Balten, Germanen und Kelten, den Namen nicht besessen, 
sondern erst später, als sie an die Gestade der Nordsee und 
Ostsee kamen, eigene Ausdrücke für "Meer* geschaffen hätten. 

In Wirklichkeit sehen wir, daß genau das Entgegenge- 
setzte der Fall ist. Und da liegt denn doch wohl die Er- 
klänmg am nächsten, daß das Meer der Indogermanen 
die Nordsee und Ostsee war, und daß die südlichsten 
der indogermanischen Völkerschaften in der letzten Zeit des 
engeren ethnischen Zusanmienlebens bereits fern vom Meer 
im Innern des Landes saßen, wo sie mit der Vorstellimg 
des Meers allmählich auch das Wort A'-erloren, wenn anders 
sie Vorstellujig und Wort je gehabt hatten. 

Also auch diese Erwägimg scheint unsre Vermutung 
zu erhärten, daß die Heimat der ungetrennten Indo- 
germanen in Deutschland, insbesondere in Nord- 
deutschland und vielleicht in Dänemark gelegen 
habe, nur daß wir nach unsrer letzten Auseinandersetzung 
geneigt sein werden, die Sitze der Griechen und Indo- 
iranier etwas weiter landeinwärts zu verlegen. — 

Unsre Endergebnisse begegnen sich demnach, in der 



384 9* Kap. Rückschlüsse anf die Lage der Heimat der Indogennanen. 

Hauptsache wenigstens, mit der Ansicht M. Muchs, der in 
seinem neuesten Werk über Die Heimat der Indogertnanen 
im Lichte der urgeschichtlichen Forschung (1902; 2. AufL 
1904) Norddeutschland xmd die westbaltischen Länder als 
Heimat zu erweisen sucht. Unsre Resultate decken sich 
auch ziemlich mit denen Kossinnas, der in seinem Aufsatz 
Die indogermanische Frage archäologisch beantwortet (1902) 
die Stammsitze der Indogermanen nach Norddeutschland 
xmd den nordischen Ländern verlegt. Dagegen müssen wir 
Schraders südrussische Hypothese, sowie die in dem 
jüngsten xmd ausführlichsten Werk über den Ursprung der 
Indogermanen, in E. de Michelis' LOrigine degli Indo- 
Europei (1903), vorgetragene Theorie, wonach die Wohnsitze 
des Urvolks an der mittleren Donau zu suchen seien, nach 
dem heutigen Stand der Forschung ablehnen. 

Doch sei noch einmal wiederholt, daß ich mir nicht an- 
maße, auf Grund von drei, wenn auch noch so wichtigen 
Kriterien ein endgültiges Urteil über eine so komplizierte 
Frage geben zu wollen, die von andern Forschem, wie von 
Schrader, Much und namentlich auch von Michelis in seinem 
imifassenden Buch, viel allseitiger und gründlicher erörtert 
ist, als es mir hier möglich war. 



Zehntes Kapitel. 

Die Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas 
zur Bronze- und älteren Eisenzeit. 

Mit dem Eintritt der Bronzezeit beginnen die ethno- 
graphischen Verhältnisse der von uns behandelten Gebiete 
sich allmählich zu klären. Es wird heute wohl allgemein 
2:ugegeben, daß die Bewohner Nord- und Mitteleuropas im 
Bronze- und Eisenalter indogermanische Völkerschaften 
waren. Nur die Verteilung der einzelnen Völker über das 
Gebiet, ihre Abgrenzung gegeneinander ist nicht mit völliger 
Sicherheit zu bestimmen. 

Bei Beginn der Bronzeperiode dürften im Süden und Süd- 
osten Mitteleuropas noch italische und griechische Stämme 
gesessen haben, die dann aber bald in ihre historischen süd- 
europäischen Sitze abrückten. Während der Hauptdauer der 
Bronze- und älteren Eisenzeit waren Süddeutschland imd die 
Alpenländer von Kelten bewohnt, deren Machtbereich sich 
zur Zeit ihrer größten Ausdehnung von der Balkanhalbinsel 
über Süddeutschland imd Frankreich bis nach Britannien 
und südwärts weit in die apenninische Halbinsel hinein er- 
streckte. Gleichzeitig breiteten sich in den nordischen Län- 
dern und in Norddeutschland germanische Stämme aus, 
welche die Kelten allmählich südwärts zurückdrängten. Zu 
Cäsars Zeit finden wir sie bereits am Oberrhein in Begriff, 
nach Gallien einzufallen. Auch die Donaulinie wird bald 
von ihnen überschritten und Böhmen in Besitz genommen. 

Also Germanen und Kelten sind es, die wir uns 
während des größten Teiles der Bronze- xmd Eisenperiode 

Hoopi, Waldbäume u. Kulturpflanien. 25 



386 lo. Kap. Koltorpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

als Bewohner der von uns behandelten mittel- und nord- 
europäischen Länder zu denken haben. Die mitteldeutschen 
Waldgebirge bildeten lange Zeit hindurch die Grenze zwischen 
beiden Volksstänmien. Sie sind die wahre „Mainlinie" ge 
wesen, die bis ins 19. Jahrhxmdert ihre Bedeutung als völker- 
trennende Scheidewand zwischen Nord- xmd Süddeutschland 
behauptet hat. 

Aber obwohl wir auf Gnmd der frühhistorischen Ver- 
hältnisse, der literarischen Zeugnisse, Ortsnamen usw. die 
ethnographische Gruppierung der Völker Nord- imd Mittel- 
europas in den späteren vorgeschichtlichen Zeiten im großen 
xmd ganzen richtig erschließen können, und obwohl auch 
die Archäologen ihre Fundobjekte auf Germanen xmd Kelten 
zu verteilen lieben, scheinen uns die Ergebnisse dieser Re- 
konstruktionen im einzelnen, ztmial für die Bronzezeit, doch 
noch so unsicher, daß wir es vorgezogen haben, an unserm 
Grundsatz einer strengen Scheidung der archäologischen und 
philologisch-ethnographischen Untersuchung auch weiterhin 
festzuhalten^ um dann die in beiden Fällen gewonnenen Re- 
sultate miteinander zu vergleichen. Doch werden wir zur 
Ergänzung der folgenden Darstellung verschiedentlich die 
Verhältnisse in den südeuropäischen Ländern heranzuziehen 
haben, wo wir uns bereits auf dem festen Boden historischer 
Tatsachen bewegen. 

Von der Eisenzeit beschäftigt ims in diesem Kapitel vor- 
nehmlich nur die vorrömische Epoche. Nur diejenigen 
Kulturpflanzen, die nachweislich schon vor dem Auftreten 
der Römer in Mitteleuropa verbreitet waren, werden wir 
auch in die ersten historischen Zeiten hinein, bis zum Ein- 
tritt der Völkerwanderung, verfolgen. Die von den Römern 
neu eingeführten Pflanzen fallen außerhalb des Rahmens 
dieses Kapitels. 

I. Die Schicksale der älteren Kulturpflanzen im Bronze-) 
und Eisenalter. 

Die Kulturpflanzen, die zur jüngeren Steinzeit in Mittel- 
und Nordeuropa gebaut wurden, haben sich im Bronze- und 



I. Schicksale der filteren Kulturpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 387 

Eisenalter der Mehrzahl nach nicht bloß in ihrem Besitz 
behauptet, sondern ihr Gebiet nach Norden zu allmählich 
erweitert. Nur in wenigen Fällen läßt sich eine rückläufige 
Bewegung erkennen. 

Leider steht ein zusammenfassendes Werk über die Er- 
forschung der prähistorischen Kulturpflanzen Dänemarks 
immer noch aus, und während wir über die Funde aus der 
Steinzeit durch das große Muschelhaufen -Werk von 1900 
(Affaldsdynger fra Stenalderen i Dantnark) einigermaßen 
unterrichtet sind, ist über Vegetabilienfunde aus der Bronze- 
und Eisenzeit bisher herzlich wenig an die Öffentlichkeit ge- 
drungen. Auch ein Besuch des Nationalmuseums zu Kopen- 
hagen im Sommer 1899 hat mir nur wenig Material geliefert. 

1. Weizen, Emmer, Einkorn. 

Von den Weizenarten ist Triticum vulgare Villars, der 
gemeine Weizen, aus der Bronze- und Eisenzeit verhält- 
nismäßig spärlicher bezeugt als aus der Steinzeit. Aus dem 
Bronzealter sind zuverlässige Belege, wenn wir von einem 
Fund zu Kölesd im Komitat Tolna in Ungarn*) absehen, 
überhaupt nicht bekannt geworden; doch dürften die in 
dänischen Niederlassimgen aus der Bronzeperiode entdeckten 
Weizenproben zum Teil hierher gehören. Der älteren Eisen- 
zeit entstammen Funde von Lobositz in Böhmen,*) von Ko- 
schütz bei Dresden*) und von Schlieben im Kreis Schweinitz 
(Prov. Sachsen).*) Aus der Römerzeit ist Tr. vulgare in 
einer Erdschanze des Kastells von Haltern an der Lippe,*) 



*) Buschan Vorgeschichtl. Botanik 7. 12. 254. 

•) Woldfich Mitteil. d. Anthrop. Ges. Wien 16 (1886), 95. Buschan 
7. 12. 256. 

») Buschan aaO. 7. 12. 255, wo Koschütz fälschlich in die Provinz 
Sachsen verlegt wird. 

*) Ebenda 7. 12. 259. M. Much Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 8 (1879). 
246. F. A. Wagners Buch Ägypten in Deutschland ist mir hier nicht 
zugänglich. 

*) Wittmack Mitteil. d. Altert.-Kommiss. f. Westf. 2, 69 (1901X 
vgl. auch 217 — 220. 



388 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

aus dem Mittelalter (10— 11. Jahrh.) in den Ruinen der Hünen- 
burg bei Rinteln a.d. Weser nachgewiesen. 

Triticum compactum Host, der Zwergweizen, und Tr. 
compactum globiforme Buschan, der Kugelweizen, die 
wir in der Steinzeit nur aus den zircumalpinen Ländern 
belegen konnten, haben im Lauf der Bronzeperiode (wenn 
nicht doch schon früher?) ihr Gebiet bis nach Dänemark 
ausgedehnt. Tr. compactum ist in der Schweiz von der 
Steinzeit bis in die römische Epoche ununterbrochen gebaut 
worden, wie die Fxmde von Montelier am Murtner See 
(Kanton Freiburg) und von der Petersinsel im Bieler See 
aus dem Bronzealter, sowie von Buchs im Kanton Zürich 
aus der helvetisch-römischen Periode beweisen. Er wird in 
der westlichen Schw^eiz noch heutigen Tags kultiviert.*) In 
Böhmen ist kürzlich (1901) von v. Weinzierl») dem Herd 
einer bronzezeitlichen Wohnstätte bei Fünfhimden verkohlter 
Binkelweizen entnommen worden. In Deutschland haben 
wir einen Fund aus der Eisenzeit (Lausitzer Typus) von 
einem Gräberfeld bei Starzeddel im Kreise Guben (Prov. 
Brandenburg).*) Ein anderer, aus der Hünenburg bei Rin- 
teln, gehört dem Mittelalter an.^) 

Auf der dänischen Insel LoUand hat Rostrup«) schon 
1876 in einem Gefäß aus der jüngeren Bronzezeit (ca. 
600 V. Chr.) eine Weizenart nachgewiesen, die er mit Heers 
kleinem Pfahlbau weizen identifizierte, und die Buschan') 
dementsprechend als zu seiner Unterart Tr. compactum globi- 



>) Wittmack u. Buchwald Berichte d. deutschen Bot. Ges. 20, 25 
(1902). 

•) Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 6. 14. 

*) Tätigkeits-Bericht d. Museums-Gesellschaft Teplitz 1902, 27. 
Der Weizen ist von Schröter in Zürich bestimmt. 

*) Jentsch Zeitschr. f. Ethnol. 18 (1886), Verhandl. 386. Der Fund 
ist von Wittmack bestimmt. 

•) Wittmack u. Buchwald aaO. 

•) En notits om plantevttxten i Danmark i Broncealderen. Aarboger 
für Nord. Oldkyndighed 1877, 78—82. 

') VorgescfuchtL Bot. 7 u. 17, wo LoIIand fälschlich zu Schweden 
gerechnet wird. 



^ 



i, Schicksale der filteren Kulturpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 389 

forme gehörig verzeichnet Triticum compactum hat sich 
in den nordischen Ländern bis in die Gegenwart erhalten; 
in Dänemark freilich wird er heute nicht mehr gebaut, aber 
in Schweden und Norwegen ist er noch ziemlich verbreitet.*) 
Zu der Form des Kugelweizens zählt Buschan auch noch 
einen von Much gemachten Fimd aus dem Burgwall von 
Stillfried in Niederösterreich, der wohl der jüngeren Eisen- 
zeit entstammen dürfte,*) sowie einen andern aus einem 
Pfahlbau in der Stadt Olmütz, der nicht mit Sicherheit zu 
datieren ist.") 

Hat der Zwergweizen seit der Steinzeit sein Gebiet nord- 
wärts erweitert, so scheint es dem Emmer, Tr. dicoccum 
Schrank, umgekehrt ergangen zu sein. Er ist zwar in der 
Schweiz nach einer Angabe von Prof. Warne zu Neuen- 
burg*) in dem bronzezeitlichen Pfahlbau von Auvemier am 
Neuenburger See gefunden worden, aber das ist bislang der 
einzige nachneolithische Fxmd in ganz Mittel- und Nord- 
europa geblieben.*) Ob der Emmer in Dänemark und Nord- 
deutschland zur Bronze- imd älteren Eisenzeit wirklich nicht 
mehr gebaut wiu-de, oder ob nur zufällig bislang keine 
Kömer gefunden sind, vermögen wir einstweilen nicht zu 
entscheiden. Tatsache ist, daß er sich seit der Steinzeit 
südwärts zurückgezogen hat. Heute wird er nördlich der 
Alpen nur in der Schweiz und Südwestdeutschland kultiviert. 
Nach Gradmann ist sein Anbau gegenwärtig anscheinend 
am stärksten in Spanien ; doch ist er außerdem in Frank- 



*) Vgl. Justs Bot. Jahresber. 28 (1900) I 271 f. 

«) Da Much (Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 8, 246; 1879) die Fund- 
stelle als „Quadenfestung" bezeichnet, muß sie offenbar in die junge 
Eisenzeit und nicht, wie Buschan (Vorgeschichtl, Bot, 7. 17) es tut, 
in die Bronzeperiode verlegt werden. 

^) Näheres über die Datierung später in dem Abschnitt über den 
Roggen. 

^) S. Buschan aaO. 250. 

*) Der von Heer als Triticum spelta L. bestimmte Weizen von der 
bronzezeitlichen Station auf der Petersinsel im Bieler See, worin 
Baschan (aaO. 24. 26) Tr. dicoccum vermutet, ist nach Schröter ganz 
zweifellos Spelz. 



390 lo.Kmp. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und Eisenxeit. 

reich, Italien, Serbien, Ägypten, Abessinien und Arabien 
verbreitet.^) 

Ein ähnliches Schicksal wurde dem Einkorn, Triticum 
ntonococcum L.y zuteil; auch dieses hat sich seit dem Stein- 
zeitalter aus dem Norden zurückgezogen. Wann dies ge- 
schehen ist, können wir bis jetzt ebenso wenig wie beim 
Emmer entscheiden. Belegt ist es aus der Bronzezeit nur 
zu Toszeg in Ungarn (Komitat Pest),*) aus der Eisenzeit in 
den Ruinen des altrömischen Aquileja.*) Aus Mittel- und 
Nordeuropa fehlt nach der Steinzeit bislang alle und jede 
Spur des Einkorns. Doch dürfte sein Anbau in Süddeutsch- 
land nie ganz aufgehört haben. Aus Dänemark und Nord- 
deutschland ist das Einkorn heute verschwunden; es ist 
wahrscheinlich schon in prähistorischer oder frühgeschicht- 
licher Zeit durch den ertragssichereren Roggen verdrängt 
worden. Seine Nordgrenze scheint es jetzt in Thüringen 
zu finden. Sein Anbaugebiet ist in der Gegenwart über- 
haupt wesentlich beschränkter als einstmals: es umfaßt 
außer Süddeutschland anscheinend nur noch die Schweiz, 
Frankreich, Spanien, die Herzegowina und vielleicht Ungarn 
und Italien.^) 

Zu diesen mehr oder minder zuverlässig auf die Sorte 
hin bestimmten Weizenfunden kommen schließlich noch 
einige unbestimmter Natur, wo in den Ausgrabungs- 
berichten nur von "Weizen* im allgemeinen die Rede ist. 
Dies ist zB. der Fall bei den Funden aus der Byöiskäla- 
Höhle bei Adamsthal in Mähren (Hallstattperiode), '^) bei 



*) Körnicke Handb. d, Getreidebaus I 83 f. Gradmann Württemberg. 
Jahrbücher f. Statistik u. Landesk. 1902, 105. 

•) Virchow Zeitschr. f. Ethnol. 8 (1876), Verh. 251. Undset Mittd. 
Anthrop. Ges. Wien 19(1889), 130». Beide sprechen nur von 'Weizen*; 
Buschan (aaO. 7. 29), dem Proben vorgelegen haben, bestimmt ihn 
als Triticum monococcum. 

•) Von Buschan bestimmt (aaO. 7. 29. 249). 

*) Körnicke Handb. d. Getreidebaus I iio. Gradmann aaO. 

•) Buschan VorgesckichtL Bot. 251. — S. 7 verlegt B. den Fund 
irrtümlich in die Bronzezeit; er gehört der ersten Eisenzeit an; vgl. 
Hoemes Urgesch. des Menschen 615. 



I. Schicksale der älteren Kulturpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 391 

denen von Karzen in Oberschlesien und von Aschersleben 
aiis der Zeit des Lausitzer Typus,*) endlich bei dem Weizen, 
der zentnerweise in der Karhofhöhle im Hönnetal (West- 
falen) zum Vorschein kam, und von dem nur gesagt wird, 
er scheine „in der Mitte zu stehen zwischen dem heute in 
dortiger Gegend gezogenen und dem kleinkörnigen der 
Pfahlbauten".«) 

2. Gerste. 
Gerste {Hordeum) ist auch während der Bronze- und 
Eisenzeit in ganz Mittel- und Nordeuropa gebaut worden. 
Bronzezeitliche Funde liegen vor aus der Schweiz von Mon- 
telier am Murtner See und von der Petersinsel im Bieler 
See.») Aus der älteren Eisenzeit sind namentlich in Öster- 
reich zahlreiche Reste von Gerste zutage gekommen. Der 
Hallstatt-Epoche gehören an die Funde im Salzbergwerk 
Heidengebirge bei Hallein*) und in den Grabhügeln von 
Bemhardsthal und Rabensburg in Niederösterreich.'*) Aus 
der Zeit des Lausitzer Typus stammen die Gerstenhtilsen, 
die im Hüttenbewurf zu Jägemdorf imd zu Kreuzendorf in 
Österreichisch-Schlesien entdeckt wurden,*) sowie auch die 
der untern Schicht des Burgwalls von Niemitsch bei Guben in 
der Provinz Brandenburg entnommene Gerste.') In die ältere 
Eisenzeit sind femer die Gerstenfxmde aus der Klusenstein- 
höhle und der Karhofhöhle im Hönnetal (Westfalen) zu ver- 
legen.*) Auch in Dänemark zählt die Gerste zu den in der 
Bronze- und Eisenzeit angebauten Getreidearten.*) 

*) Buschan aaO. 7. 250. 254. 

') Carthaus Nachr. über deutsche Altertumsfunde 1894, 71. 

') Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 12 f. 51. 

*) Stapf Die Pflanzenreste des Hallstätter Heidengebirges, Verhandl. 
d. zoolog. -bot. Ges. Wien 36 (1886), 412. 

») M. Much Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 8 (1879), 246. 

*) Kulka ebenda 19 (1889), 16. 

») Jentsch Zeitschr. f. Ethnol. 14 (1882), 121. 

") Carthaus Nachr. über deutsche Altertumsfunde 1894, 71. 

*) S. Müller Nord, Altertumsk. I 159. S. auch Sarauws Material im 
Kopenhagener Nationalmuseum. Ferner den Katalog des Museums: 
BroHzealderen, dän. Ausg. Nr. 176, 64. 



892 lo* Kmp. Koltorpflanzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- imd Eisenzeit. 

Über die Art, welcher diese prähistorischen Gersten- 
kömer und -hülsen angehören, läßt sich in den seltensten 
Fällen etwas Sicheres ausmachen. Auch die vereinzelten 
Gerstenkörner aus der römischen Niederlassung von Haltern 
an der Lippe waren nicht weiter bestimmbar. *) Wahrschein- 
lich war die özeilige Gerste, wie in der Steinzeit, so auch in 
den späteren prähistorischen Perioden, die herrschende Form 
in Mittel- und Nordeuropa. Die 2zeilige, die in neolithischer 
Zeit von den Pf ahlbauem von Wangen am Bodensee gebaut 
wurde, ist aus den folgenden Perioden nördlich der Alpen 
bislang nirgends wieder nachgewiesen. In der Schweiz 
liegen einige zuverlässige Funde der 6 zeiligen Art aus der 
Bronzezeit vor, und zwar sind in dem Pfahlbau von Mon- 
telier beide von Heer imterschiedenen Formen der özeiligen 
Gerste, Hordeum hexastichum sanctuw und densum, auf 
der Petersinsel nur die erstere entdeckt worden. Bei den 
übrigen mittel- und nordeuropäischen Gerstenfunden aus 
den jüngeren prähistorischen Epochen sind meist nur Kömer 
oder Hülsen oder gar bloß Abdrücke von Körnern gefunden, 
so daß sich über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten 
Art nichts entscheiden ließ. Nur die Gerste aus der Klusen- 
steinhöhle im Hönnetal wird uns als sechszeilig bezeichnet 

Auch die Schriftsteller des Altertums sprechen sich 
über die Verschiedenheit der Gerstensorten meist nicht 
deutlich genug aus. Aber die Gerste, die auf den Münzen 
der griechischen Kolonien Metapont in Unteritalien und 
Leontinon auf Sizilien vom 6. Jahrhundert v. Chr. an ab- 
gebildet ist, stellt zweifellos imd fast ausschließlich die 
kurze 6 zeilige dar.^) Nur sehr vereinzelt findet sich auch 
die 2zeilige; die 4zeilige fehlt ganz. Auch Coliunella (11 9, 
14. 16) kennt nur zwei Arten Gerste, die özeilige und die 
2zeilige, von denen er die letztere besonders rühmt 



>) Wittmack Mitteil. d. Altert.-Kommiss. f. Westf. 2, 69 (1901). 

») S. die Abbildungen bei Heer Pflanzen d. P/aklbauten, Ich habe 
zahlreiche Exemplare dieser Münzen in der Königlichen Münzsamm- 
lung und im Thorwaldsen-Museum zu Kopenhagen, sowie im Britischen 
Museum gesehn. 



I. Schicksale der filteren Kulturpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 393 

Die mittelalterlichen Autoren berichten uns über die 
verschiedenen Formen der Gerste nichts. Bei den Botanikern 
des 16. Jahrhxmderts tritt dann neben der 6- und 2zeiligen 
die 4zeilige deutlich in den Vordergnmd. Die 2- und 4zeilige 
scheinen im Lauf des Mittelalters und der Neuzeit beinahe 
das ganze Gebiet erobert zu haben, das einst der özeiligen 
gehörte, so daß diese aus Nordeuropa jetzt fast vollständig 
verdrängt ist. In Schottland soll sie noch vorkommen,*) 
was aber von Kömicke (151) bezweifelt wird. In Deutsch- 
land wird sie außer in Oberbayem und den Alpen heute 
fast nirgends mehr gebaut. 

Dagegen hat die 2 zeilige Gerste, namentlich die 
lange, großkömige Sorte (var. nutans Schübl.), ihr Gebiet 
im Lauf der Zeit erheblich erweitert. Obschon der wilden 
Stammform (/forflf^ww distichum L. var. spontaneum C.Koch) 
am nächsten stehend und deshalb wahrscheinlich die älteste 
durch Kultur erzeugte Form der Saatgerste, war sie, nach 
der geringen Anzahl von Funden zu luteilen, im Altertum 
anscheinend frühzeitig durch die jimgen mehrreihigen For- 
men in den Hintergrund gedrängt worden. Sie hat diese 
vorübergehende Einbuße in späterer Zeit reichlich wett 
gemacht. Gegenwärtig ist die große 2zeilige Sorte in Mittel- 
europa und England die am meisten kultivierte Sommer- 
gerste. In den Gebirgen Oberbayems und der Schweiz 
bildet sie mit dem Roggen die Kulturgrenze. Schon Colu- 
mella preist sie wegen ihres Gewichts und der Weiße ihres 
Mehls.*) Die Römer bauten sie als Sommergerste, während 
die özeilige ihnen als Winterkorn diente. Da die 2zeilige 
Gerste heute namentlich in den früheren Provinzen des 
römischen Reichs verbreitet ist, möchte ich vermuten, daß 
sie ihre Ausbreitimg in den Ländern nördlich der Alpen 



>) D. Low Elements^/ Practical Agriculture * 339 f. Vgl. in Kap. 15 
Turners Aussage. 

') De re rustica U, 9, 16: Alterum quoque genus ardei est, quod aln 
distichum^ Galaticum nannulli vocant, ponderis et candoris eximii, adeo 
ut tritico mistum egregia cibaria familiae praebeat, Seritur quam pinguis- 
simis sed frigidis locis circa Martium mensem. 



394 1 0. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit. 

hauptsächlich den Römern verdankt Jedenfalls sprechen 
wichtige sprachliche Gründe, auf die wir weiter unten zu- 
rückkommen, dafür, daß die 2 zeilige Gerste unter dem 
Namen balearicum (hordeum) schon zur Römerzeit ihren 
Einzug nach Gallien und Britannien hielt. In der Hünenbui^ 
bei Rinteln a. d. Weser aus dem 10.— 11. Jahrh. fanden sich 
außer Körnern einer mehrzelligen auch solche der zwei- 
zeiligen Gerste. ') 

Die 4 zeilige hat ihr gegenüber heute in manchen 
Ländern einen schweren Stand, ist aber wohl immer noch 
die verbreitetste Gerstenart, weshalb sie von Linn6 vulgare 
genannt wurde. Namentlich in den nördlichen Ländern ist 
sie gegenwärtig die herrschende Form, wie einst die özeilige. 
Wann sie sich in Mittel- und Nordeuropa eingebürgert hat, 
darüber sind wir bislang völlig im Unklaren. Die große Ver- 
breitimg, die ihre Kultur heute hier hat, sowie der Umstand, 
daß sie durchweg älter zu sein scheint als die zur Römer- 
zeit sich ausbreitende 2 zeilige, dürfte doch wohl darauf hin- 
deuten, daß ihre Einführung nach dem Norden noch in prä- 
historischen Zeiten stattfand. Die kleine, großenteils schief- 
kömige Gerstensorte aus der Hünenburg von Rinteln ist 
nach Wittmack und Buchwald') wahrscheinlich eine vier- 
zeilige Form, obschon es allenfalls auch die sechszeilige 
sein könnte. 

3. Hirse. 

Die Hirse {Panicum) ist aus der Bronzezeit der Schweiz 
in dem Pfahlbau von Montelier am Murtner See (Kanton 
Freiburg), und zwar in beiden Arten, der Rispen- und der 
Kolbenhirse, nachgewiesen.*) Daß sie auf schweizerischem 
Boden auch fernerhin kultiviert worden ist, beweist ein 



Wittmack u. Buchwald Ber. d. deutschen Bot. Ges. 20, 24 (1902). 

") Heer Pflanzen d, Pfahlbauten 17 f. Für Buschans Angabe (Vor- 
geschichtl. Bot 72), daß auch auf der Petersinsel Hirse gefunden sei, 
finde ich keinen Beleg in der Literatur, auch bei Buschan selbst 
S. 258 nicht. 



L Schicksale der älteren Kulturpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 395 

Fund in einer helvetisch-römischen Niederlassung von Buchs 
im Kanton Zürich.*) 

Deutschland und Österreich haben bislang aus der 
Bronzezeit, ebenso wie aus der Steinzeit, keine zuverlässigen 
Hirsefunde geliefert.") Um so zahlreicher sind aber die Be- 
lege für Hirsebau aus der älteren Eisenzeit. 

In die Hallstattperiode Österreichs gehören die Funde 
im Salzbergwerk Heidengebirge bei Hallein,") von Bemhards- 
thal und Rabensburg in Niederösterreich,*) aus der Byöiskäla- 
höhle in Mähren.*) Der Zeit des Lausitzer Typus entstammen 
die Hirsereste aus dem Gräberfeld von Zollfeld bei Klagen- 
furt,*) sowie die von Jägemdorf in Österreichisch-Schlesien.'^) 

Für Böhmen wird der prähistorische Anbau der Kolben- 
hirse {Panicum italicum L.) durch einen Fxmd von Wein- 
zierls aus der gleichen Kulturepoche bezeugt;*) und da 
auch die Hirse des Hallstatter Heidengebirgs nach Stapfs 
„ganz sicherer Bestimmung" (aaO.) Kolbenhirse (Fennich) 
ist, so wird Buschans Vermutung, die Kolbenhirse sei erst 
durch Vermittlung der Römer nach dem Norden gelangt,*) 
hinfällig. Daß ihr deutscher Name fennich^ ahd. pfenihy 
fenich aus IsLt.panicum stammt, ^^) ist kein zwingender Gegen- 



*) Heer aaO. i8. 

') Denn die prähistorische Station in der By£iskälahöhle in Mähren 
und der Heidenschacht bei Hallein, die Buschan ( Vorgeschichtl. Bot. 72) 
in die Bronzezeit verlegt, gehören in die Hallstattperiode, und der 
Fund aus dem Pfahlbau von Olmütz, in dessen Nachbarschaft ein 
eiserner Helm zutage kam (vgl. Jeitteles Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 
I, 241; 187 1), wird doch auch in die Eisenzeit zu datieren sein. 

•) Stapf Die Pflanzenreste des Haüstätter Heidengebirgts, Verhandle 
d. zoolog.-bot. Ges. Wien 36 (1886), 412. 416 f. 

*) M. Much Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 8 (1879), 246. 

*) Ebenda. 

•) Buschan Vorgeschichtl. Bot. 73. 262. 

'} Kulka Mitt. d. Anthropol. Ges. Wien 19 (1889), 16. 21. 24. 

•) Nach brieflicher Mitteilung. 

•) Vorgeschichtl. Bot. 72. 

*®) Graff Althochd. Sprachschatz 3, 526. Franz Lat. -romanische Ele^ 
menie im Althochdeutschen. Straßburger Dissert. S. 12. 



396 10- Kmp. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- and Eisenseit. 

grund. Auch milium bat trotz des heimischen hirsi ins 
Althochdeutsche Eingang gefunden. 

In die Lausitzer Periode fallen femer im östlichen 
Norddeutschland die Funde aus dem Gräberfeld Frd- 
walde im Norden des Kreises Luckau in der Niederlausitz ^) 
und aus demjenigen an der Elster bei Schlieben im Süd- 
osten der Provinz Sachsen.*) 

In Dänemark hat Rostrup in einem Bronzegefäß von 
Nagelsti auf der Insel LoUand aus der jüngeren Bronzezeit 
Hirse nachgewiesen,") und die Hirse gehört auch zu den 
Komarten, die zur Eisenzeit in Dänemark gebaut wurden,*) 
Dieser vorgeschichtliche Anbau der Hirse auf den Dänischen 
Inseln von der jüngeren Steinzeit bis ins Eisenalter hinein 
muß einigermaßen Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß 
die Hirse heute in Nordeuropa nicht mehr gebaut wird, 
weil sie bei ihrer Empfindlichkeit gegen Kälte in jenen 
Breiten einen gar zu unsichem Ertrag gibt. Eine sprach- 
liche Tatsache, die wir im nächsten Kapitel kennen lernen 
werden, deutet darauf hin, daß die Nordgrenze der Hirse- 
kultur sich noch in später vorhistorischer oder in früh- 
historischer Zeit wieder nach Deutschland zurückgezogen 



») Degner Zeitschr. f. Ethnol. 22 (1890), Verhandl. 627. 

•) Buschan aaO. 73. 259. — Dagegen hat sich der in der untern 
Schicht des Burgwalls von Niemitsch bei Guben gemachte Fund, 
den Buschan (aaO. 72. 257) nach der ersten Angabe von Jentsch 
(Zeitschr. f. Ethnol. 14, 121; 1882) als Hirse aufführt, später als eine 
Hülsenfrucht, entweder Linse oder Wicke, herausstellt, was Buschan 
übersehen zu haben scheint. Vgl. Jentsch Zeitschr. f. Ethnol. 19 (1887), 
Verhandl. 508 f. — Ferner ist die Datierung des Fundes von Pribbernow, 
Kreis Kammin (Pommern), den Buschan einmal in die Zeit des Lausitzer 
Typus, das andere Mal in die Bronzeperiode verlegt (aaO. 72. 259), 
nach Voss (Zeitschr. f. Ethnol. 16, 1884, Verhandl. 167) vollkommen un- 
sicher, da an der Fundstelle neben prähistorischen Urnen auch mittel- 
alterliche Scherben zutage getreten sind. 

") Aarbeger for Nord. Oldkyndighed 1877, 79—81. S. Müller Nord, 
Aitertumsk, I 458. 

*) Müller aaO. 459. S. auch die Zusammenstellung von Sarauws 
Material im Nationalmuseum zu Kopenhagen. Ferner den Katalog des 
Museums: Bronzealderen, dän. Ausg. Nr. 176, 64. 



L Schicksale der älteren Koltorpflanzen im Bronze- und Eisenalter. 397 

hat. Möglich, daß der zur Bronzezeit nach Norden vor- 
dringende Hafer diesen Rückzug beschleunigte — die Haupt- 
ursache des letztern scheint mir doch in klimatischen 
Veränderungen zu liegen. Ich möchte mit Rostrup (aaO.) 
annehmen, daß der prähistorische Anbau der kälteempfind- 
lichen Hirse auf den Dänischen Inseln auf ein wärmeres 
Klima Nordeuropas im jüngeren Steinzeitalter schließen 
läßt; und das Zurückweichen der Hirse nach Süden scheint 
mir eine Parallele zu dem früher (S. 38) erwähnten Rückzug 
des Haselstrauchs zu sein, den Gunnar Andersson in Schwe- 
den beobachtete. 

Freilich stellt sich uns die Geschichte der Hirsekultiu" 
auch sonst als die Geschichte einer zerfallenden Weltmacht 
dar. Nur in Nordchina, Zentralasien und Südrußland be- 
hauptet sie heute noch ihre alte Stellung; im größten Teile 
Europas ist sie zu einer Halmfrucht dritten Ranges herab- 
gesunken. Im Mittelalter, ja bis ins 17. Jahrhimdert in den 
mitteleuropäischen Gebieten immer noch von einiger Be- 
deutung als Volksnahrungsmittel, ist sie seitdem von drei 
auswärtigen Pflanzen, dem Reis, dem Mais und der Kar- 
toffel, stellenweise auch durch den Buchweizen imd Hafer, 
aus dieser Position ebenfalls verdrängt worden. 

4. Die übrigen steinzeitlichen Kulturpflanzen. 

Die Erbse (Pisum sativum L.) ist aus der Bronzezeit 
bislang nur einmal, auf der Petersinsel im Bieler See, nach- 
gewiesen.*) In der älteren Eisenzeit dagegen finden wir sie 
schon bis nach Norddeutschland verbreitet, wie die Fimde 
aus der Karhofhöble im Hönnetal (Westfalen),*) von Schlie- 
ben im Kreis Schweinitz (Provinz Sachsen)') und Freiwalde, 
Kreis Luckau (Niederlausitz),*) beweisen, die beiden letztem 
der Zeit des Lausitzer Typus angehörend. 

*) Heer Pflanzen d, P/ahlb, 23. 

•) Carthaus Nachr. über deutsche Altertumsfunde 1894, 71. 
>) M.Much Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien 8 (1879), 246. Buschan Vor- 
gesckichtL Bot, 200. 259. 

<) Degner Zeitschr. f. Ethnol. 22 (1890), Verh. 627, wo nur von 



398 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

Auch die Linse (Ervum lens L.) ist aus der Bronze- 
zeit nur von der Petersinsel belegt.*) An diesen schweize- 
rischen Fund reiht sich ein weiterer aus helvetisch-römischer 
Zeit von der öfters erwähnten Rtüne zu Buchs im Kanton 
Ztlrich.*) In Norddeutschland finden wir die Linse bei Be- 
ginn des Eisenalters in der Karhofhöhle im Hönnetal und 
zwar in der kleinkörnigen Form {Ervum lens tnicrosper- 
mum)f*) femer in den untern Schichten des Burgwalls von 
Niemitsch bei Guben in der Provinz Brandenburg aus der 
Lausitzer Periode.*) 

Der Flachs ist bislang in Mitteleuropa aus der Bronze- 
zeit nirgends nachgewiesen, was lun so auffallender ist, 
wenn man bedenkt, daß er zur Steinzeit in den schweize- 
rischen Pfahlbauten schon eine der wichtigsten Kultur- 
pflanzen war. In Dänemark sind in einem Funde aus der 
jüngeren Bronzezeit Reste eines feinen Leinenstoffes zutage 
gekommen,*) woraus freilich noch nicht zu folgen braucht, 
daß der Flachs damals bereits in Dänemark selbst gebaut 
wurde, da für das Leinen die Möglichkeit des Imports vor- 
liegt. Die ersten Leinsamen, die auf norddeutschem Boden 
gefunden sind, stammen aus der Karhofhöhle (ältere Eisen- 
zeit). Hier wurde eine Art grobgeschrotenes, aus Weizen 
und Hirse bereitetes Brot entdeckt, dem, ähnlich wie bei 
dem Brot der schweizerischen Pfahlbauten, zum Teil Lein- 
samen zugesetzt waren.^) Welcher Spezies der Flachs 
angehört, läßt sich nicht entscheiden. Der Fund aus dem 
slavischen Burgwall von Poppschütz in der Feldmark Frei- 
stadt (Schlesien) scheint nach Buschan (aaO. 242) eine Über- 
gangsform zwischen dem einjährigen Linum usitatissimum 

^,Leguminosenkörnern'< die Rede ist, während Buschan (aaO. aoof.), 
dem augenscheinlich eine Probe vorgelegen hat, sie als EJrbsen be- 
stimmt. 

») Heer Pflanzen d. Pfahlb, 23. 

•) Carthaus Nachr. über deutsche Altertumsfunde 1894, 71. 

») Jentsch (Zeitschr. f. Ethnol. 19, 1887, Verh. 508 f.) spricht nur 
von einer „Vicienart**, die entweder Linse oder Wicke sei. Baschan 
(aaO. 206) hat ein Korn als Linsenkorn bestimmt. 

*) S. oben S. 332. 



II. Bohne. 399 

und dem mehrjährigen L, angustifolium darzustellen, soweit 
aus den Samen allein ein Urteil möglich ist. 

Von dem Mohn {Papaver) und dem Kulturapfel 
{Pirus malus L.), die zur Steinzeit ebenfalls schon in der 
Schweiz gebaut wurden, haben sich aus den folgenden prä- 
historischen Perioden in ganz Nord- xmd Mitteleuropa keine 
weiteren Spuren gefxmden. 

Hingegen erscheinen im Lauf der Bronze- imd älteren 
Eisenzeit einige neue, wichtige Kulturpflanzen in 
Mittel- und teilweise auch in Nordeuropa: die Bohne {Vicia 
fäba L.), der Hafer {Avena sativa L.), der Spelz oder Dinkel 
(Triticum spelta L.) und der Roggen {Seeale cereale L.). 

Von diesen treten die ersteren drei zuerst in der Bronze- 
zeit im Norden der Alpen auf. Die Bohne imd der Hafer 
sind aus sprachlichen Gründen höchst wahrscheinlich schon 
vor dem Abzug der Italiker nach Süden in Mitteleuropa in 
Kultur genommen gewesen. Die Geschichte des Spelzes ist 
noch ziun großen Teil in Dimkel gehüllt. Der Anbau des 
Roggens dürfte im Osten ebenfalls bis in die Bronzeperiode 
zurückreichen ; nach Mittel- und Westeuropa hat er sich erst 
während des Eisenalters verbreitet ; in Südeuropa wurde er 
um den Beginn xmserer Zeitrechnung bekannt. 

II. Bohne. 

Literatur. Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 22 f. Wittmack 
Bohnen aus altperuanischen Gräbern \ Sitzgsber. des Bot. Ver. d. 
Prov. Brandenbg. 21 (1879), 176—184. De Candolle Urspr. d, 
Kulturpflanzen S. 397 ff. 425 if. Besprechung desselben durch 
Asa Gray u. Trumbull im American Journal of Science 26 
(1883), S. 130— 138. Kör nicke Zur Geschichte der Gartenbohne \ 
Verh. d. Naturhist. Ver. d. Rheinl. u. Westf. 1885, S. 136 ff. Referat 
über die vorigen Arbeiten von F. M. Die Herkunft der Bohne^ 
Globus 50, 72 ff^. (1886). Nachtrag dazu von R. A. Philippi Noch 
ein Wort Ober die Herkunft der Bohne, Globus 51, 157 (1887). 
Wittmack Die Heimat d. Bohnen u. Kürbisse \ Ber. d. deutsch. 
Bot. Gesellsch. 6 (1888), 374—380. K. E. H. Krause Die Bohne 
und die Vietzebohne; Jahrb. d. Ver. f. niederd. Sprachf. 1890, 53 ff. 
Engler u.Schrader beiHehn« 214— 216. 544 f. = »216 f. 218 f. 



400 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

559 f. V. Fischer-Benzon Altdeutsche Gartenflora 98. 100. 
B u s c h a n Vorgescßncktl. Botanik 209 ff. 

Unsere heutige Gartenbohne, Phaseolus vulgarisL., 
mit ihren Spielarten ist nach Wittmacks und Kömickes 
gründlichen Untersuchungen, die durch die Forschungen 
von Asa Gray und Hammond Trumbull bestätigt werden, 
kein Erbsttlck der Alten Welt, wie man früher annahm, 
sondern sie stammt aus Amerika. Die Pflanze kommt 
in der Alten Welt nirgends wild vor, ist auch prähistorisch 
weder in Europa noch im Orient nachgewiesen worden. 
Dagegen hat man in vorgeschichtlichen Gräbern Süd- wie 
Nordamerikas imzweifelhafte Gartenbohnen unter andern 
ausschließlich amerikanischen Samen gefunden, imd Asa 
Gray und Trumbull haben bewiesen, daß unsere Garten- 
bohne den nordamerikanischen Indianern schon vor der 
Entdeckung Amerikas durch die Europäer bekannt war. 
Der zufällige Gleichklang des amerikanischen Wortes /rtsro/ 
oder frtsoly woraus span. frijoly nhd. fisolen etc. stammen, 
mit lat. phaseolusj sowie die äußere Ähnlichkeit der Gattung 
Phaseolus mit den in Südeuropa von Alters her kultivierten 
Z>o//r/ros-Sorten sind der Grund, daß die Einführung der 
neuen Bohnen sich so imbemerkt vollzog. (Ähnlich ist es 
bei den Kürbissen gewesen.) 

Der q)dar|Xoq, q)aarioXoq, q)aaioXoq der Griechen, phäseluSj 
phäsiölus der Römer war eine Dolichos- Arty nach Kömicke 
wahrscheinlich Dolichos melanophthalmos DC, die aus dem 
Orient nach Südeuropa eingeführt war. Diese im tropischen 
Afrika heimische, ziemlich zarte Bohnenart ist im Mittel- 
alter nördlich der Alpen, wenigstens in Deutschland imd 
den nordeuropäischen Ländern, schwerlich gebaut worden, 
da sie nach Körnicke und Krause einen wärmeren Sommer 
verlangt, als diese ihn bieten. Den fasiolus Karls des 
Großen, der im Capitulare de villis 70 neben fabae maiores 
erwähnt wird, deutet Kömicke als die rotblühende Erbse, 
Pisum arvensey wogegen Fischer-Benzon ihn doch als eine 
DolichoS'Art auffassen möchte. Auch K. E. H. Krause kon- 



n. Bohne. 401 

statiert in seinem inhaltreichen Aufsatz über Die Bohne und 
die Vietsebohne (S.61), daß der Name phaseolus im Mittel- 
alter auf die Erbse übertragen wurde; fasöly faseln^ 
faseln^ fässlen ist in Oberdeutschland bis zum Bekannt- 
werden der amerikanischen Gartenbohne, ja noch bis ins 
17. Jahrhundert hinein der allgemeine volkstümliche Name 
für Erbsen; vom 16. Jahrhundert an geht er auf die neu 
eingeführte Gartenbohne über. 

Die einzige in prähistorischer Zeit in Mittel- und Nord- 
europa kultivierte Bohne ist Vicia faba L. maior und minor 
(JFaba vulgaris Mönch), unsere große oder Saubohne 
und Pferdebohne. Dies war die Bohne der alten Ger- 
manen, dies der Kuaiiog der Griechen, die faba der Römer. 

Die Bohne hat im Altertum nicht die gleiche Ver- 
breitimg gehabt wie die Erbse und Linse, aber bei manchen 
Völkern stand sie in um so höherem Ansehn. Die alten 
Ägypter kultivierten sie nicht, obwohl sie spontan im Lande 
wuchs. Bei den Hebräern dagegen war die Saubohne nach 
dem Zeugnis der Bibel schon ca. 1000 vor Chr. als Volks- 
nahrungsmittel bekannt In der Ilias werden Küaiioi iieXavö- 
Xpoeg erwähnt; in den Ruinen von Troja sind reichliche 
Vorräte von Pferdebohnen gefunden worden, und Vicia faba 
ist in der Troas noch heute eine der gewöhnlichsten Acker- 
früchte.*) In Griechenland und noch mehr in Italien war 
die Bohne von jeher ein beliebtes Volksnahnmgsmittel und 
ist es heute noch. Auf griechischem Boden tritt sie uns 
prähistorisch in einem bronzezeitlichen Fimd aus Heraklea 
auf Kreta entgegen. In Oberitalien ist sie in neolithischen und 
bronzezeitlichen Niederlassungen nachgewiesen.*) Welche 
bedeutende Rolle sie im Privatleben und Kultus der Römer 
gespielt haben muß, beweist der Geschlechtsname der Fa- 
bier, beweisen die Calendae Fabariae und manche alten 
Gebräuche. Bohnenmehl wurde in Italien nicht selten, allein 
oder mit anderm Mehl vermischt, sogar zum Brotbacken 



*) Schliemann Ilios 362 f. 

') S. oben S. 290; femer Baschan 213. 251. 260. 

Hoopi, Wftldbftume u. Kulturpflanten. ^^ 



402 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- and Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

verwandt.*) Auch in Spanien kommt die Saubohne schon 
in neolithischen und bronzezeitlichen Funden vor. 

Nach Mittel- und Nordeuropa dagegen ist sie erst ver- 
hältnismäßig spät gelangt. Zwar in Ungarn wird ihr An- 
bau durch die Funde in der Aggtelek-Höhle und zu Lengyd 
(s. oben S. 287) schon für die Steinzeit erwiesen, aber 
weiter nordwärts werden die Bel^e immer jünger. In den 
Alpenländern erscheint sie nicht vor der Bronze- 
periode: die Fimde in den Pfahlbauten auf der Petersinsel 
im Bieler See,') von Montelier im Murtner See (Kanton 
Freiburg)*) und von Corcelettes bei Granson am Neuen- 
burger See") sind die frühesten in Mitteleuropa. In Nord- 
deutschland stellt sie sich erst mit Beginn der Eisen- 
zeit ein. Sie ist in der Karhofhöhle im Hönnetal (Westfalen)*) 
gefunden, sie ist namentlich im östlichen Deutschland in 
den Niederlassimgen aus der Zeit des Lausitzer Typus mehr- 
fach belegt: Buschan*) führt Funde von Schlieben, Kreis 
Schweinitz (Prov. Sachsen), Freiwalde, Kr. Luckau (Nieder- 
lausitz), Müschen im Spreewald undKoschütz bei Dresden an. 

Im europäischen Norden haben wir Funde von Bohnen 
bislang erst aus der Völkerwandenmgszeit,*) aber sprach- 
liche Tatsachen, die wir im nächsten Kapitel kennen lernen 
werden, beweisen, daß sie auch hier schon in der vor- 
römischen Eisenperiode kultiviert sein müssen. 

Nach den verdienstlichen Untersuchungen Buschans 
sind unter den prähistorischen Bohnen mindestens zwei 
Varietäten zu unterscheiden: eine kleinere, rundliche, 

») Vgl. Plinius Nat. Hist. i8, 117 ff. Buschan 211. 

•) Heer Pflanzen d. Pfahlbauten 22. 

») Wittmack Zeitschr. f. Ethnol. 15 (1883), Verhandl. 248. 

^) Carthaus Nachr. über deutsche Altertumsfiinde 1894, 71. 

*) Vorgeschichtl. Bot. 213 f. 255. Es ist auffallend, daß Buschan 
S. 253 unter Freiwalde und 259 unter Schlieben keine Bohnen er- 
wähnt. — Zu den Bohnen von Müschen vgl. Wittmack aaO. 66 f. 
Die ebendaselbst von Bolle vertretene Ansicht, die Müschener Lego- 
minosenkömer seien Erbsen, ist von Wittmack S.248 widerlegt worden, 

*) Nach Ausweis der Sammlungen im Nationalmuseom zu Kopen- 
hagen, die ich im Sommer 1899 besuchte. 



m. Hafer. 403 

die unserer sogenannten Pferdebohne entsprechen würde, 
und eine längere, flache, die mit unserer großen oder 
Saubohne korrespondiert Die erstere Art ist den östlichen 
Fundstätten eigen: Kleinasien,Griechenland,Ungam, Schweiz; 
die letztere ist in Spanien, Stldfrankreich und Norddeutsch- 
land die alleinherrschende. In Oberitalien scheinen beide 
zusammen zu treffen. 

Die beiden Varietäten sind wahrscheinlich von entgegen- 
gesetzten Richtungen ausgegangen: die kleine, rundliche 
vom Orient aus, die lange, flache von Westen. 
Schon De CandoUe hatte diesen doppelten Ursprung ver- 
mutet: seine Ansicht ist durch Buschans Ergebnisse be- 
stätigt xmd ergänzt worden. Die Heimat der rundlichen 
Varietät ist nach Buschan in den stldkaspischen, klein- 
asiatischen imd vielleicht auch osteuropäischen Gebieten zu 
suchen, die der länglichen hingegen in Spanien und Nord- 
afrika oder andern Gegenden des westlichen Mittelmeers. 

Die beiden Abarten entsprechen jedenfalls schon zwei 
nahe verwandten Varietäten der wilden Wicke. Die Stamm- 
form der länglichen Art dtlrfte Vicia narbonensiSy „eine in 
den Mittelmeerländem und im Orient bis nach dem Kau- 
kasus, Nordpersien und Mesopotamien hin wildwachsende" 
Wickenart, sein (Buschan 215). 

III. Hafer. 

Literatur. Heer Pflanzen d, Pfahlbauten i6 f. Hehn Kultur- 
pflanzen u. Haustiere * 536 = ^ 550; Schraders Bemerkungen 
dazu • 539 = ' 553. De CandoUe Ursprung d. Kulturpflanzen 
47iff. Haußknecht Über die Abstammung des Saathabers ; Mitt. 
d. Geogr. Ges. Jena 3 (1885), 231 — 242. Kör nicke Handbuch des 
Getreidebaus I 200 fif. Ascherson Correspondenzbl. f. Anthropol. 
1890, 135. V. Fischer-Benzon Altdeutsche Gartenflora 165 ff. 
Busch&nVorgeschichtliche Botanik sy ff. Ascherson u.Graebner 
Synopsis der mitteleuropäischen Flora U 232 f. (1899). Schrader 
Reallexikon d. indogerman. Altertumskunde 320 ff. 

Die Mutterpflanze des Hafers (Avena satfva L.) ist 
aller Wahrscheinlichkeit nach Avena fatua L., der Wild- 
hafer, Flughafer, der sich vom Saathafer im wesentlichen 

26* 



404 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- and Eisenzeit 

nur durch stärkere Grannen, zerfallende Spindel und kleinere 
Kömer unterscheidet. Er ist ein Ackerunkraut, das sich 
heute mit der Getreidekultur tlber einen großen Teil der 
Alten Welt verbreitet hat. 

Die Bestimmung der engeren Heimat des Kulturhafers 
ist deshalb ebenso schwer wie bei der Kolbenhirse ; wir sind 
zur Beurteilung der Frage fast ausschließlich auf die Ver- 
breitung des Haferbaus in Altertum und Neuzeit, sowie auf 
das Zeugnis der vergleichenden Sprachwissenschaft ange- 
wiesen. 

Nach Haußknecht wäre der Wildhafer zuerst von 
deutschen Stämmen als Getreide in Kultur genommen. 
„Den in Deutschland eingedrungenen Germanen", meint 
er,*) „galt der Wildhafer im jimgen Zustande als ein vor- 
ztlgliches Grtlnfutter. Da er jedoch nicht in allen Teilen 
des Landes vorkam, wurde er zur Unterhaltung der zahl- 
reichen Viehherden kultiviert". Durch die fortgesetzte 
Kultur habe er allmählich die verfeinerten Eigenschaften 
angenommen, die den Saathafer vor dem Wildhafer aus- 
zeichnen und zu einem menschlichen Nahrungsmittel ge- 
eignet machen. In Südeuropa sei der Anbau des Hafers 
erst durch die Kriegszüge der Römer nach Germanien be- 
kannt geworden. 

Kör nicke (205), dem sich Ascherson und Graebner 
anschließen, hat diese Hypothese mit treffenden Gründen 
widerlegt. Avena fatua kommt in Deutschland auf Wiesen 
und Weiden nicht vor, tritt bei uns überhaupt nicht in 
größeren Mengen auf, sondern ist Ackerunkraut imd findet 
sich gelegentlich auf Schuttstellen und an Wegen. Er 
konnte also nicht als Weidefutter dienen. Wildhafer wie 
Kulturhafer sind empfindlich gegen Winterkälte: das weist 
uns, wie bei der Hirse, auf südlichen Ursprung hin. In süd- 
lichen Gegenden scheint der Wildhafer in der Tat stellen- 
weise massenhaft vorzukommen. Da nxm das Mittelmeer- 
gebiet nach den Mitteilungen der Alten, wie wir sehen 



^) Abstammung des Saatkabers 241 u. 233. 



in. Hafer. 405 

werden, als Vaterland des Kulturhafers nicht in Betracht 
kommen kann, verlegen Buschan (62) und Kömicke (205) 
dasselbe mit Recht weiter südöstlich. 

Kömicke möchte den Ursprung der Haferkultur in Klein- 
asien, Armenien oder noch östlicher in Zentralasien suchen. 
Er weist darauf hin, daß in Mysien nach Galen im 2. Jahrh. 
n. Chr. Hafer als Viehfutter viel gebaut wurde. Aber in 
den Trümmern von Troja ist kein Hafer gefunden worden. *) 
Auch scheint mir, daß Kleinasien xmd Armenien schon aus 
dem Grunde außer Betracht fallen, weil der Hafer gleich 
der Hirse und dem Roggen dem benachbarten semitisch- 
ägyptischen Kulturkreis im Altertum völlig fremd geblieben 
ist*) Allzu weit nach Zentralasien hinein dürfen wir das 
Vaterland des Hafers auch nicht setzen. Denn während 
die Hirse, deren Heimat von Kömicke nach Indien oder den 
nördlich angrenzenden Gebieten verlegt wird, sich schon 
drei Jahrtausende vor Chr. ostwärts bis China und west- 
wärts bis an die Küste des Atlantischen Ozeans ausgebreitet 
hatte, ist der Hafer in Indien und China erst verhältnis- 
mäßig spät bekannt geworden. Weder das Sanskrit noch 
die neueren indischen Sprachen haben einen Namen für 
Hafer;') in China wird das erste Auftreten der Pflanze erst 
in einem historischen Werke über den Zeitraum von 626 
bis 907 n. Chr. bezeugt.*) Im heutigen Turkestan xmd in 
Zentralasien kommt zwar der Wildhafer vor, aber der Saat- 
hafer scheint außer in einigen Berggegenden nirgends an- 
gebaut zu werden, wenngleich nach Kömicke (203 f. 206) 
gewisse Zeichen auf frühere Kulturen hindeuten. 

De CandoUe (475) suchte das Vaterland der prä- 
historischen Grundform des Hafers in dem gemäßigten Ost- 
europa und der Tatarei; ähnlich spricht sich Buschan (62 f.) 



») Vgl. Virchow in Schliemann's Ilios S. 362, Anm. 

") Low Aramäische Pflanzermamtn S. 128 f. Heute wird er aller- 
dings in Ägypten gebaut; vgl. De CandoUe Ursp, d, Kulturpfl, 472. 

*) Heute wird er von den Engländern in Indien bisweilen als 
Pferdefutter gesät (De CandoUe 472). 

*) De CandoUe ebenda. 



406 10. Kap. Kulturpflanxen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und EUemeit 

auS) und auch Ascherson und Graebner schließen sich dem 
an. *) Nach unsem vorstehenden Ausführungen dürften Süd- 
ostrußland, die kaspisch-kaukasische Ebene oder 
allenfalls noch das angrenzende turkestanische Tief- 
land in der Tat die größte Wahrscheinlichkeit für sidi 
haben. Was wir über Verbreitung und Alter der Hafer- 
kultur in den europäischen Ländern wissen, bestätigt diese 
Vermutung. 

Buschan (58. 62) meint freilich, daß sich außer im Osten 
auch bei den Kelten eine unabhängige, autochthone Hafer- 
kultur entwickelt habe, weil die Kelten einen eigenen Namen 
für Hafer besitzen und vorgeschichtliche Reste des Hafers 
bisher ausschließlich in keltischen Gegenden gefunden seien. 
Ähnlich hatte sich schon Kömicke (202) geäußert. Das zweite 
Argmnent wird durch Sarauws Untersuchimgen entkräftet, 
welche erwiesen haben, daß auch auf den Dänischen Inseln 
schon zur Bronzezeit Hafer gebaut wurde.') Aus dem 
keltischen Namen für Hafer aber ist nichts zu schließen. 
Wenn die Verschiedenheit der Benemumgen für eine Kultur- 
pflanze bei verschiedenen Völkern nur durch Annahme 
ebenso vieler selbständiger, autochthoner UrsprungssteUen 
ihrer Kultur zu erklären wäre, dann müßten wir ja für 
Nordeuropa mindestens vier unabhängige Kulturzentren 
für den Haferbau annehmen: bei den Kelten, Germanen, 
Slaven imd nochmals bei den Angelsachsen ; denn alle diese 
vier Völkergruppen haben von Anfang der literarischen 
Überlieferung an vier voneinander gänzlich verschiedene 
Namen für Hafer gehabt: kelt. ceirch, coirce, deutsch und 
nordisch hafer, hafr^ ags. äte (ne. oats\ slav. ovisü^ Trotz 
dieser Vielheit der Benennxmgen haben wir keine Ursache, 
eine mehr als einmalige Entstehung der Haferkultur zu ver- 
muten. 

Der Hafer ist heute ein typisch nordeuropäisches 
Getreide. Im Mittelmeergebiet, das von Haus aus unter 

») Synopsis d. mitteleurop. Fl. II 232 f. 

') S. Sarauws Material im Kopenhagener Nationalmuseam ; femer 
den Katalog des Museums: ßronzealderen, Dan. Ausg. No. 176, 64. 



ni. Hafer. 4ffl 

dem Einfluß der levantinisch-afrikanischen Kultur stand, 
hat er niemals eine bedeutendere Rolle als menschliches 
Nahrungsmittel gespielt. Manche Forscher bezweifeln, daß 
der Saathafer in Griechenland und Italien überhaupt, 
auch in der späteren historischen Zeit, jemals angebaut 
worden seL Hehn, De CandoUe, Haußknecht, Schrader imd 
Buschan möchten alle Nachrichten der Alten über Haferbau 
auf den Flughafer {Avena fattm L.) beziehen, während 
Kömicke sich für den Anbau des Saathafers ausspricht. 
Mir scheint, daß Kömicke im Recht ist. 

Bei Homer kommt der Hafer nicht vor; wir sahen 
schon, daß er auch in Ilios nicht gefunden ist. Der erste 
griechische Schriftsteller, der ihn erwähnt, ist der Arzt 
Dieuches aus dem Anfang des 4. Jahrh. vor Chr. Er setzt 
die Bereitimg des dXcpiTov aus Hafer (ßpöfiog) auseinander, das 
besser imd leichter verdaulich sei als das gewöhnlich ge- 
nossene Gersten- Alphiton. Kömicke macht mit Recht auf 
die Wichtigkeit dieses Zeugnisses aufmerksam, das kaum 
eine andere Deutimg als auf den Saathafer zuläßt.*) 
Theophrast (371—286 v. Chr.) zählt Ceid, Tfcpn. öXupa, ßpöiio^ 
und aiTiXumi zu den weizen- und gersteähnlichen Pflanzen. 
Von diesen sauge die Uxä den Boden am stärksten aus, dem- 
nächst der ßp6|iog. Die Ceid und Ticpn hätten am meisten 
Ähnlichkeit mit dem Weizen, atxiXumi und ßp6|iog aber seien 
iiicmep dTPi' *rra Kai dvri|i€pa. Vollständig wild sei der Lolch 
(aipa), ") der dadurch also zu den vorher genannten weizen- 
und gersteähnlichen Pflanzen in direkten Gegensatz gestellt 
wird. Aus diesen Äußerungen geht doch deutlich genug 
hervor, daß Theophrast den Hafer (ßpöiioq) nicht als „Un- 
kraut zwischen dem Getreide schildert", wie Haußknecht 
meint, sondem daß er in ihm nur eine minderwertige Kultur- 

*) Körnicke Handb. I 200. Schrader bei Hchn« 539 = '553. 

•) Theophrast Hist, Plant, 8, 9, 2 f.: TiDv hi ö^ol01T(ppulv xal 
6|AoiOKp(6(uv, oTov 2Ccid(, Ticpri^, ÖXOpa^, ßpÖMOU, a(TiXuiiTO(, (oxiipÖTarov 
Kai MdXiara Kap1TlZ6^€vov f\ t€\d . . . rCtiv hi AXXuiv 6 ßpÖMO^ . . . 'Eari 
hi bOo TaOra xal ö^ol6TaTa toi^ irupot^ f\ tc Zcid xal f\ Ticpr), 6 b' aCiriXunif 
Kol 6 ßpö^o^ iXiaiTcp ftrpi* &Tra xal dvfmcpa ... ^ hi alpa iravTcXiD^ 
öinTrpiuj^i^vov. 



406 10. Kap. Kaltorpflanxen Mittel- and Nordenropas zur Bronze- und Eisenzeit 

pflanze erblickt, die aber immerhin auch angebaut wurde. 
Wichtig ist die schon berührte Stelle bei Galen (131—200 
n. Chr.). *) Der Hafer, sagt derselbe, wachse am häuj5gsten 
in Asien, namentlich in Mysien oberhalb Pergamum. Er sei 
ein Futter für Zugtiere, kein Nahrungsmittel für Menschen; 
nur in Zeiten der äußersten Hungersnot werde auch aus 
seinem Korn Brot gebacken. In gewöhnlichen Zeiten werde 
er, wie die rCcpTi, in Wasser gekocht mit süßem Wein oder 
Saft u. dergl. genossen. 

Aus allen diesen Zeugnissen ergibt sich zweifellos, daß 
der Saathafer in Griechenland in historischer Zeit gut 
bekannt war und auch gebaut wurde. Er diente aber 
wohl in erster Linie als Futterkraut, wurde zum Brot- 
backen nur in Zeiten der Not verwandt, im übrigen als 
menschliches Nahnmgsmittel in Form von Brei bezw. 
Alphita genossen. Viel anders ist es ja auch bei uns nicht 
Im heutigen Griechenland wird der Hafer (ngr. ßpuifin) selten, 
nach Fraas ') nirgends gebaut. Er gilt als zu hitzig für die 
Pferde imd wird selbst als Grünfutter gefürchtet. Seine 
Rolle als Pferdefutter vertritt in Griechenland die Gerste. 

Aus den oben angeführten Stellen geht femer hervor, 
daß die Alten augenscheinlich zwischen dem Saat- und Wild- 
hafer, ähnlich wie zwischen Emmer xmd Spelz, keinen prin- 
zipiellen Unterschied machten ; sie behandelten beide als ein 
und dieselbe Pflanze, was bei ihrer äußern Ähnlichkeit be- 
greiflich genug ist. Durch diese Konfundierung erklären 
sich manche Unklarheiten in ihren Angaben. 

Ein weiteres, imwiderlegliches Zeugnis dafür, daß der 
Saathafer wenigstens um den Beginn imserer Zeitrechnung 
sowohl Griechen wie Römern bekannt war, bietet meines 
Erachtens eine Stelle des Plinius {Nat. Hist. 18, 143), wo 
derselbe von avena Graeca, cui semen non carf/7 spricht 
Es ist nicht nötig, hieraus zu schließen, daß der Kultiu-hafer 
erst aus Griechenland nach Italien importiert wurde. Der 



^) De Alimentorum Facultatibus i, 14 (ed. Kühn S. 522 f.). 
•) Fraas Synopsis plantarum florae classicae 304. 



III. Hafer. 409 

Ausdruck will wohl nur besagen, dafi der Anbau des Kultur- 
hafers von den Griechen damals in umfassenderem Maße 
und rationeller betrieben wurde als von den Römern. Letztere 
bauten zwar auch Hafer, aber anscheinend nur als Vieh- 
futter. Ob sie hierzu den Kultur- oder den Wildhafer ver- 
wandten, ist unsicher. Aber die Angabe des Coltunella 
(n 10, 32), der Winterhafer werde nur teilweise zu Futter- 
zwecken gemäht, teilweise zur Samengewinnxmg stehen 
gelassen, läßt doch wohl darauf schließen, daß wir es hier 
mit Avena sativa za tun haben.*) 

Sollte der lateinische Name des Hafers ävena^ wie ich 
mit Fick, Schrader, Pedersen und Zupitza annehme, mit 
dem slav. ovtsu tu^erwandt sein, so würde daraus folgen, 
daß die Italiker den Saathafer schon vor ihrem 
Abzug nach Süden von Osten her erhielten, und daß 
der Hafer nach ihrer Niederlassimg in Italien von seiner 
ursprünglichen Bedeutung als menschliches Nahrungsmittel 
zu einem mehr oder weniger ausschließlichen Futterkraut 
herabsank. 

In späterer Zeit kannten die Römer den Hafer jedenfalls 
nur als Unkraut, Viehfutter imd Arzneimittel; ein eigent- 
liches Getreide war er in ihren Augen nicht. Vergil und 
Ovid stellen die sterilis avena mit lolium auf eine Stufe.*) 
Wenn Cato') den Hafer auszurupfen empfiehlt, hat er 
natürlich den Wildhafer im Sinne. Plinius bezeichnet den 
Hafer direkt als eine Ausartung des Getreides: Primutn 
omnium frumenti Vitium avena est^ sagt er (18, 149), et 
hordeum in eam degenerat, sicut ipsa frumenti sit instar y 
quippe cum Germaniae populi serant eam neque alia pulte 
wvant. Aus dieser Stelle geht mit Bestinuntheit hervor, 
daß die Römer den Hafer als menschliches Nahnmgsmittel 
nicht bauten; daß sie ihn überhaupt nicht kannten, wie De 
Candolle (472) schließt, folgt daraus nicht. Anderseits lehren 
die Worte deutlich, daß man zwischen Saat- und Wildhafer 
keinen Unterschied machte. Was die Germanen bauten, 

*) Dies ist auch Fischer-Benzon's Meinung {Alfä, Gartenflara 165). 
») Vgl. Hehn • 536 = ' 550. ») De Agricultura 37, 5. 



410 10. Kap. Kolturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

war natürlich der Saathafer, die Römer aber sahen darin 
nichts anderes als den ihnen als lästiges Ackenmkraut be- 
kannten Flughafer; daher ihr Staunen über dies barbarische 
Brotkom. Noch Hesych im 5. Jahrhundert n. Chr. bezeichnet 
den Hafer als ßoTdvn 6^ola aliiii. *) Auch im Edictutn Diocle- 
tiani^) erscheint er nicht unter den Getreiden, sondern unter 
den Futterkräutem. Und Hieronymus») sagt: Avena, sive 
vitia et olyra^ bruta pascuntur anitnalia. Auch heute 
dient der Hafer in Norditalien nur als Pferdefutter.*) 

Das eigentliche Kulturgebiet des Hafers ist, wie gesagt, 
das nördliche Eiu'opa. Inden Alpenländern wurde er schon 
zur Bronzezeit kultiviert, wie die Haferfunde aus den Pfahl- 
bauten von Montelier und der Petersinsel in der West- 
schweiz*) und von Boiu-get in Savoyen*) beweisen. Daran 
reiht sich aus historischer Zeit ein Fund aus der römischen 
Ruine zu Buchs im Kanton Zürich.*) 

Aus Deutschland ist bisher nur ein prähistorischer 
Haferfund bekannt geworden : es ist der von F. A. Wagner 
auf dem Gräberfeld an der Elster bei Schlichen gemachte,') 
der aus neuerer Zeit keine Bestätigung erhalten hat. Doch 
wurde zweifellos bereits zur Bronzezeit in Deutschland 
Hafer gebaut, da Sarauws oben erwähnte Untersuchungen 
zeigen, daß die Haferkultur im Bronzealter schon bis nach 
Dänemark vorgedrungen war. Das Verschwinden der Hirse 
aus den nordischen Ländern tmd Schleswig in späteren prä- 
historischen oder historischen Zeiten (s. oben S.3%f.) scheint 
mir darauf hinzuweisen, daß die ertragstmsichere Hirse im 

*) Lexicon sv. ßpö^o^. 

") I, 17; ed. Mommsen u. Blümner S. 10 u. 65. 

*) In Ezech, I 4i 9 (Migne Patrol. Lat. 25, 48). 

*) Lenz Bot. d. alten Griechen u. Römer 243. 

^ Heer 16. 

*) Buschan 58. Der von Buschan erwähnte Fund von Haferkömem 
im Halistätter Heidengebirge wurde nach Stapf (Verhandl. d. zoolog.- 
bot Ges. Wien 36, 1886, S. 413) im 18. Jahrhundert gemacht und ist 
doch wohl zu wenig gesichert. Er würde außerdem der Hallstatt- 
periode und nicht der Bronzezeit zuzuzählen sein. 

') Vgl. Lenz Bot. d. alten Griechen u. Römer 245, Anm. 519. 



IV. Spd*. 411 

nördlichen Europa durch die in der Bronzezeit nordwest- 
wftrts vorrückende Haferkultur allmählich aus dem Felde 
geschlagen wurde. 

Auch aus historischer Zeit sind Haferfunde in Deutsch- 
land bis jetzt sehr selten. Ich kenne nur den einen von der 
Hünenburg bei Rinteln a. d. Weser (10.— 11. Jahrh.), wo 
Haferkömer ,,in geringer Anzahl als Beimischungen der 
übrigen Getreide" nachgewiesen wurden.*) 

IV. Spelz. 

Literatur. Magerstedt Bilder aus der römischen Landwirt- 
schüft 5, 283 fr. Sondershausen 1862. Heer Pflanzen d. Pfahl- 
bauten 15 (1865). De Candoile Ursprung der Kulturpflanzen 
458 ff. (1884). Körnicke Handbuch des Getreidebaues I 75 ff. (1885). 
Schrader Sprachvergleichung und Urgeschichte, 2. Aufl. S. 422 
u, 424. Jena 1890. Vgl. bei Hehn Kulturpflanzen u, Haustiere^ 
538f.(i894) = ' 553(1902). v.Fischer-Benzon Altdeutsche Garten- 
flora 163 f. Kiel u. Leipzig 1894. Buschan Vorgeschichtliche Bo- 
tanik 2 1 ff. ( 1 895). Schrader Reallexikon der indogerm. Altertums- 
kunde 947 ff. (1901). Gradmann Der Dinkel und die Alamannen. 
Württemberg. Jahrbücher f. Statistik u. Landeskunde. Jahr- 
gang 1901. Stuttgart, Kohlhammer, 1902. S. 103 — 158. 

Schwierig und viel umstritten ist die Frage nach Alter 
und Herkunft der Kultur des Spelzes oder Dinkels {Tri- 
ticutn spelta L.), über die wir uns nunmehr etwas ein- 
gehender zu verbreiten haben. 

1. Jüngste Hypothesen von Buschan und 
Gradmann. 

In neuester Zeit haben Georg Buschan in seiner Vor- 
geschichtlichen Botanik (1895) und namentlich Robert 
Gradmann in einer sehr gründlichen Arbeit Der Dinkel 
und die Alamannen (1902) über die Spelzfrage ausführlicher 
gehandelt. 

Buschan geht von der Voraussetzung aus, daß vege- 
tabilische Ftmde des Spelzes aus prähistorischer Zeit bis 
jetzt nirgends existieren. Im Anschluß daran konstatiert 

1) Wittmack u. Buchwald Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 20, 24 (1902). 



412 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

er das Fehlen eines Namens für Spelz im Chinesischen, im 
Sanskrit, in den neuindischen Sprachen tmd im Persischen, 
woraus er den Schluß zieht, „daß in diesen Ländern der 
Spelt unmöglich in vorgeschichtlicher Zeit Kulturpflanze 
gewesen sein kann." Den alttestamentlichen Namen ktisse- 
met, die griechischen lexi und SXupa, die lateinischen ador 
und far deutet er sämtlich auf den Emmer {Triticunt di- 
coccum Schrank), den er mit De CandoUe und Schweinfurth 
für „eine der ältesten Kulturformen des Speltes" hält. Die 
Umwandltmg des Emmer in den Spelz durch die Einwirkung 
der menschlichen Kultur hat nach Buschan erst in sehr 
junger historischer Zeit, ziemlich gleichzeitig mit dem ersten 
Auftreten des Namens spelta im Jahre 301 n. Chr., statt- 
gefunden, so daß der neue Name auch eine neue Pflanze 
bezeichnet hätte. Als Ursprungsland der Spelzkultur, „dh. 
als dasjenige Land, in dem sich dieser Umwandlimgsprozeß 
vollzog", sieht Buschan „das gemäßigte Osteuropa imd seine 
benachbarten asiatischen Gebiete" an. Hier im Osten reiche 
die Spelzkultur möglicherweise bis in prähistorische Zeiten 
zurück, was für Mittel- und Südeuropa nach seiner Ansicht 
ausgeschlossen ist. 

Nach Gradmann bildet der Spelz mit Roggen und 
Hafer zusammen eine nordische Gruppe von Getreidearten, 
denen Einkorn und Emmer als südliche, Weizen, Gerste 
und Hirse als kosmopolitische Gruppe gegenüberständen. 
Der Spelz ist seiner Meinimg nach „ebenso wie Roggen 
und Hafer zuerst von nordalpinen, keltischen imd germa- 
nischen Völkern in Kultur genommen" (S. 125) und „könnte 
recht wohl auch auf mitteleuropäischem Boden unmittelbar 
aus einem wildwachsenden Steppengras gezüchtet worden 
sein, nur müßte man diesen Vorgang in eine ziemlich frühe 
Zeit hinaufrücken, eine Zeit, in der das Klima einen etwas 
kontinentaleren Charakter hatte und von einer steppen- 
artigen Quartärflora noch mehr vorhanden war als in der 
Gegenwart" (S. 123^). 

Die Geschichte und Ausbreitimg der Spelzkultur ist nach 
Gradmann aufs engste verknüpft mit dem germanischen 



IV. Speh. 4ia 

Stamm der Alemannen. Die Sueben oder Alemannen 
seien schon in ihren Ursitzen östlich der Elbe im Besitz 
dieser Getreideart gewesen und hätten sie aus ihrer ost- 
elbischen Heimat nach Süddeutschland mitgebracht. 

Gradmann sucht darzutun, daß die scharfen Grenzen 
des heutigen Spelzgebiets sich weder mit klimatischen, noch 
mit geognostischen, noch mit wirtschaftsgeographischen 
Grenzlinien decken, sondern daß sie vom Standpunkt der 
physischen und Wirtschaftsgeographie aus völlig unver- 
ständlich bleiben und willkürlich erscheinen müssen. Er 
schließt sich danun denjenigen Forschem an, die sich einer 
historischen Erklärungsweise zugewandt haben, bekämpft 
jedoch die von Stalin, Titot und Volz vertretene Ansicht^ 
daß die Römer die Träger der Spelzkultur waren. 

Im Anschluß an Buschan unternimmt er es, auf Grund 
eines reichen, aus der klassischen Literatur zusammengetrage- 
nen Materials den Nachweis zu führen, daß die Namen öXupa, 
Zeid, ador,/armcht "Spelz*, sondern "Emmer* bedeuteten, daß 
die Römer in vorchristlicher Zeit den Spelz überhaupt noch 
nicht kannten, daß die Alemannen ihn nicht erst bei ihrer 
Niederlassung in den Agri Decumates von den Römern, 
sondern daß diese ihn umgekehrt etwa im 3. Jahrh. unserer 
Zeitrechnung samt dem germanischen Namen von den Ale- 
mannen erhielten. Er weist darauf hin, daß der Wohnbezirk 
des schwäbisch-alemannischen Stammes zugleich das Haupt- 
verbreitimgsgebiet des Spelzbaus sei, was schon Chr. Ed. 
Langethal in seiner Geschichte der teutschen Landwirtschaft 
I 47 (1847) tmd neuerdings Th. Engelbrecht in seinem Buch 
Die Landbausonen der außertropischen Länder I 41 (1899) 
bemerkt hatten, und er sucht es wahrscheinlich zu machen, 
daß das heutige südwestdeutsche Spelzgebiet im 5. Jahrh. 
zur Zeit der endgültigen Festsetzimg des schwäbisch- ale- 
mannischen Volkes entstanden sei, zumal der heutige Um- 
fang des Spelzgebiets fast bis ins einzelnste genau der 
gleiche geblieben sei wie im Mittelalter. 

Auch die verstreuten andern Spelzgebiete, in der Rhein- 
provinz, in Nordspanien, Italien, Ungarn, Herzegowina, möchte 



414 10. Kap. Kiiltaq>flanzen Bilittel- und Nordearopas zur Bronze- und Eisenzeit. 

Gradmann auf versprengte Alemannenscharen zurückführen, 
welche auf den zahlreichen, weitreichenden Kriegszügen 
dieses Volksstanmies in den fremden Ländern hängen ge- 
blieben seien. Nur für das belgische Spelzgebiet gesteht er 
selbständigen, keltischen Urspnmg zu, während er hinsicht- 
lich des Spelzbaus in Serbien und Südrußland bezweifelt, ob 
es sich hier wirklich um Triticutn spelta handle, und wenn 
ja, ob sich derselbe zeitlich weit zurückverfolgen lasse. 

Bei aller Anerkennung der Gründlichkeit Gradmanns 
muß ich gestehen, daß ich trotz mancher richtiger Einzel- 
heiten seine Theorie in ihren Hauptzügen für verfehlt halte. 
Ich werde hier bei Entwicklung meiner eignen Ansichten 
auf die wichtigsten Pimkte von Gradmanns Arbeit eingehen 
müssen, und bei der Gelegenheit werden auch die Aus- 
führungen Buschans zur Besprechung gelangen. 

2. Prähistorisches Vorkommen des Spelzes. 

Im Gegensatz zu Weizen, Einkorn und Emmer ist der 
Spelz in Fundstätten der Steinzeit bis jetzt nirgends nach- 
gewiesen. Oswald Heer*) hat Kömer und Ährchen des 
Spelzes in den bronzezeitlichen Pfahlbauresten der 
Petersinsel imBielersee entdeckt: — das ist aber auch 
bis heute der einzige vorgeschichtliche Fund dieser 
Getreideart geblieben. Auch Schröter in Zürich ist, wie er 
mir tmterm 8. August 1904 schreibt, kein weiteres Beispiel 
von prähistorischem Vorkommen des Spelzes bekannt Für 
Dänemark und Skandinavien, wo Weizen, Einkorn, Emmer 
in den letzten Jahren in zahlreichen Fällen gefunden wurden, 
wird mir das gänzliche Fehlen des Spelzes in vorgeschicht- 
lichen Fundstätten durch eine briefliche Mitteilung G. Sa- 
rauws bestätigt. Auch in historischer Zeit ist der Spelz 
nach Norddeutschland und den nordischen Reichen, wie es 
scheint, nie vorgedrungen. Bei Hillesheim in der Eifel 
<50<* 20' n. Br.) erreicht er heute seine Nordgrenze. 

Weil der Fund von der Petersinsel in der ganzen prä- 
historischen Botanik bisher vereinzelt dasteht, so bezweifelt 

«) Du Pflanzen der Pfahlbauten S. 15. 



IV. Spelz. 415 

Buschan, ^) daß es sich hier überhaupt um Spelz handle. 
Heer ^bt keine Beschreibung der Kömer; der Abbildung 
nach zu urteilen, möchte Buschan dieselben eher zu Triti- 
cum dicoccum stellen. Auf diesen Zweifel an der Richtigkeit 
der Bestinunung des Ftmdes von der Petersinsel und auf 
das vermeintliche Fehlen des Spelzes im klassischen Alter- 
tum gründet er dann weiter seine oben erwähnte Ansicht, 
daß der Spelz erst in ganz jimger historischer Zeit in 
Mittel- tmd Südeuropa bekannt geworden sei, eine Lehre, 
die bereits von Schrader in seinem Reallexikon der indo- 
germanischen Altertumskunde S. 948 (1901) angenommen und 
von Gradmann in seinem Aufsatz über Den Dinkel und die 
Alamannen zu weitgehenden Schlüssen über das Alter und 
die Herkunft des Spelzes verwertet worden ist. 

Von dem betreffenden Funde auf der Petersinsel 
befindet sich das einzige erhaltene Ährchen jetzt im bota- 
nischen Museum des eidgenössischen Polytechnikums zu 
Zürich. Auf eine Anfrage erklärt mir Prof. Schröter, er 
sei, trotz der gegenteiligen Ansicht von De CandoUe und 
Buschan, auf Grund einer sorgfältigen Vergleichung zu der 
vollendeten Überzeugung gekommen, daß das Ährchen ganz 
sicher Spelz sei. Damit fallen alle daran geknüpf ten Kom- 
binationen Buschans und Gradmanns über Alter und Her- 
kunft der Spelzkultur, über die Stanunesgeschichte der 
Alemannen ua. in sich zusammen. Es kann nicht mehr 
geleugnet werden, daß in der Schweiz schon zur 
Bronzezeit Spelz gebaut worden ist. 

3. Die Deutung der klassischen Spelznamen. 

Die Frage, ob auch die Völker des klassischen 
Altertums den Sp elz {Triticum speltaL.) gekannt haben, 
ist schwer zu entscheiden, weil die Deutung der klassischen 
Getreidenamen mit außergewöhnlichen Schwierigkeiten ver- 
knüpft ist. Einmal sind die Beschreibungen der verschiedenen 
Getreidearten bei den antiken Schriftstellern für eine wissen- 



*) VorgeschicktL Botanik 24. 



416 10. Kap. Koltarpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- imd Eisenzeit 

schaftliche Identifizierung meist viel zu allgemein und unzu- 
reichend; imd dann haben die Alten jedenfalls geradeso, wie 
unser heutiges Volk und Laienpublikum, die verschiedenen 
Getreide vielfach nicht scharf voneinander geschieden, 
sondern manchmal ähnliche Arten mit den gleichen Namen 
benannt oder für dieselbe Sorte verschiedene Benennungen 
gehabt, „Die Getreidearten sind nicht überall dieselben", 
sagt Plinius {Nat Hist. 18, 81), „und wo sie dieselben sind, 
führen sie nicht immer die gleichen Namen", Das beste 
Beispiel aus neuerer Zeit für die Mannigfaltigkeit bezw. 
Dehnbarkeit der Getreidenamen gibt der Spelz selbst. Für 
diesen kann man in ein und derselben Gegend Deutschlands 
außer Speis auch die BezeicJmtmgen Dinkel, Veesen oder 
Kern treffen. Anderseits werden auch die verwandten 
Spezies Triticum dicoccum und Tr. monococcum in dem 
Namen Speis einbegriffen. 

a) Spätlat. spelia. 

Das erste unanfechtbare Zeugnis für das Vorhandensein 
der Spelzkultur im klassischen Altertimi liefert das Auftreten 
des spätlateinischen Wortes spelta um die Wende des 3. und 
4. Jahrh. n. Chr. Der früheste Beleg desselben ist der im 
Edictum Diocletiani vom Jahre 301: Frumenti . .Hordei., 
Centenum swe sicale . . Mili pisti . . Mili integri . . Panicü . . 
Speltae mundae . . Scandulae sive speltae . . Fabe 
fressae etc.*) Auch in Glossaren kommt der Name von 
dieser Zeit an öfter vor, zB. Corp. Gloss. Lat, m 357, 2 
spelta : öXupa. 579, 8 trüicus : spelta. 630, 10 ebenso. 596, 8 
tredecus : spelta. 

DaU tmter spelta wirklich der Dinkel {Triticum spelta L.) 
zu verstehen ist, hat noch niemand bezweifelt und ist auch 
nicht zu bezweifeln, da der Name seitdem ununterbrochen 
an der Pflanze gehaftet hat.*) 

*) Der Maxifnaltarif des Diokletian, Hrsg. von Th. Mommsen. Er- 
läutert von H. Biümner. Berlin 1893. S. 9 u. 64. Vgl. v. Fischer-Benzon 
Altdeutsche Gartenflora 164. 

*) Vgl. auch Gradmann aaO. 118. 



IV. Spelz. 417 

Aus spätlat. s/>^//a Stammen die romanischen Namen: 
it. spelda tmd spelta^ span. portg. espelta^ franz. ipeautre. 
(Daneben it. scannella, span. escanda,^) aus lat. *scanda, 
scandella 'Spelz'.) Das Wort kehrt aber auch im Deutschen 
und Altenglischen wieder. In Deutschland kommt es in 
doppelter Gestalt tmd mit zwiefachem Geschlecht vor: ahd. 
spelta f., spelsa f. und einmal spelso m., alle in oberdeutschen 
Glossaren ; *) mhd. speltCy speise f. und speit y speis m. ; ^) nhd 
Spelte^ speise f. und spelty speis m. (die maskulinen Formen 
sind, wohl durch den Einfluß von weisen^ hafety roggetiy 
heute die herrschenden geworden);*) nmd. nur s/)^//^;*^) ndl. 
spelt^) Im Altenglischen haben wir eine maskuline (?) Form 
Spelt (gen. speltes)y die aber auf die Glossen beschränkt ist. 
Im Mittelenglischen fehlt der Name; ne. speit ist gelehrt 
wieder eingeführt. Auch die nordischen Namensformen, 
dän. schwed. spelty sind neuere gelehrte Lehnwörter aus 
dem Deutschen; im Altnordischen ist der Name nicht be- 
legt. Aus dem Germanischen drang er auch ins Slavische: 
poln. sspeltUy czech. sspalta; daneben die einheimischen 
Namen poln. orkisSy czech. reSy samopssey russ. polba. ') 

Die Etymologie des Namens spelta macht große 
Schwierigkeit. Man nahm das Wort begreiflicher Weise 
zunächst als echt lateinisch hin und faßte die ähnlichen 
deutschen Benennungen als Entlehntmgen daraus auf. So 
Franz,*) Pogatscher, **) Franck, ") Kluge") imd zuletzt 

*) Nemnich Polyglottm- Lexikon d. Naturgesck. 11 1494. 

«) Graff Althochd, Sprachschatz VI 336 f. Steinmeyer-Sievers Ahd, 
Glossen I 334, 7. III iii, 8. 

«) Benecke-Müller-Zarncke Mtid. Wörterb. II 2, 492a. Lexer MM, 
Hanäwö'rterb. II 1077. Steinm.-Siev. A/id, Glossen III 1 1 1, 8 : hss. A (12. jh.), 
G (13. ih.), F (15. Jh.). 

*) Vgl. Heyne in Grimms DWtb. 10, 2139 sv. Spelt. 

») Schiller-Lübben Mittelnüderd. Wörtb. sv. 

«) Franck Et. Woordenb. 933. ^) Nemnich aaO. 

®) Die latein.-roman. Elemente im Altßiochdeutschen S. 9. 38. 

•) Zur Lautlehre d. grieck,, latein. u, roman. Lehnwörter im Alteng- 
lischen § 10 1 — 103. 

»0) Et. Woordenb. d. Nedl. Taal 933. 

* Etym. Wörtb. d. deutschen Spr.^ sv. Pauls Gnindr. d. germ. Phil.« 1 345 . 

Hoops, Waldbftume u. Kulturpflanzen. ^7 



418 10. Kap. Kalturpflanzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und Eisenzeit 

Heyne/) Aber ein lateinisches Erbwort *spelta ist lautge- 
setzlich unmöglich ; nach Osthoffs Gesetz über den Velarum- 
laut vor dunkelm / im Lateinischen müßte daraus *spulta 
geworden sein ; ist doch sogar entlehntes griech. KaTOTrtXTn? 
im Lat. zu catapulta umgestaltet worden. Osthoff schließt 
danmi mit Recht, daß spelta Fremdwort sein müsse.') 

Nun vermutete schon Magerstedt,*) vielleicht sei die 
Frucht tmdeutsch, aber der Name deutsch. Auch Pictet,*) 
Waddington*^) imd O. Schrader*) halten das Wort für 
germanisch. Schrader hat versucht, den germanischen 
Namen durch Verwandtschaft mit lat. Pollen^ -iniSj n. 'feines 
Mehr aus ^spelden-^ ^spold-en zusammen zu bringen, womit 
er weiter ttciXii, ttöXtg^, polenta, puls verbindet ; er läßt aber 
die hochdeutschen Doppelformen mit / tmd 3 imerklärt und 
geht über gewisse begriffliche und sachliche Schwierigkeiten 
zu leicht hinweg. 

Der Getreidename spelt^ spela^ ahd. spelta^ spelsa kann 
von der Bezeichntmg speise für die Hüllblätter der Kömer, 
die Spreu, nicht getrennt werden, wiewohl ihr Sinn sich 
wesentlich voneinander entfernt hat und sie gelegentlich 
in bewußtem Gegensatz zu einander gebraucht werden, wie 
namentlich von Rückert in seiner 5. tmd 29. Makame: „wir 
unterscheiden Spelt von Spelzen, — hohe Beine von 
Stelzen", und: „erntend Dattehi und Dömer, sammelnd 
Spreu und Körner — , ziun Besten gebend Spelzen und 
Spelt — falsche Münzen und gutes Geld". Gerade diese 
Gegenüberstellung ist ein Beweis für die Zusammengehörig- 
keit der beiden Wörter, die zweifellos identisch sind. ') Eine 



») Grimms DWtb. sv. Spelt (1903). 

■) Transactions of the American Philol. Association 24, 59. 

*) Bilder aus d. röm, Landwirtschaft V 292. 

*) Les Origims Indo-europiennes ^ I 277 (1859). 

*) In seiner Ausgabe des &dit de DiocUtim\ Paris 1864, S. 8. 

•) Sprachvergleichung u. Urgeschichte ■ 424 ; bei Hehn • 538 f . = * 553; 
Reallexikon 949 f. 

^ Als solche werden sie auch von Heyne (aaO. 2142 sv. Spehe) 
behandelt. 



IV. Spelz. 419 

etymologische Erklärung des Wortes muß auf beide Be- 
deutungen Rücksicht nehmen. 

Auch ich glaube, daß der Name germanischen Ur- 
sprungs ist Ich möchte ihn, wie schon Pictet (aaO.) wollte, 
mit der Gruppe von deutsch spalten in Verbindung bringen. 
Vgl. ae. speld n. (plur. speldru)y speld f. 'Kienspan, Splitter* 
und Spelt "planca", me. speld "Splitter, Lanzensplitter", ne. 
spell "Splitter* ; ndl. speld dasselbe ; nnd. Spelte f. "Apf el- 
oder Bimenschnitte' ; *) mhd. Spelte swf. "Splitter, Lanzen- 
splitter* und speltery spilter m. f. "Splitter, Holzscheit*, nhd. 
dial. Spelte f. tmd Spelte^ Spelten m. "abgespaltenes Stück, 
Span* ; *) anord. speld y spjald n. "Tafel*, eigentlich 'dünnes 
Bretr, spilda f. "Schnitte*; got. spilda f. "Schreibtafer etc. 
Wenn man sich der oben (S. 315) erwähnten Eigenschaft 
der spelzartigen Weizensorten erinnert, daß die Ähre beim 
Dreschen in die einzelnen Ährchen zersplittert, während 
die Kömer von den Hüllspelzen umschlossen bleiben, so 
legt eine Vergleichung der obigen Wörter die Vermutung 
nahe, daß ahd. spelta zimächst vielleicht die Splitter der 
reifen Ähren mit den eingeschlossenen Körnern bezeichnet 
haben könnte. Von den abgedroschenen Ährchen wird der 
Name dann teils auf die leeren Hüllspelzen eingeschränkt, 
teils auf die ganze Pflanze ausgedehnt sein (wie körn für 
Roggen und andre Getreidearten, kirsche, Stachelbeere^ 
rose etc. auch für die zugehörigen Bäume und Sträucher 
gebraucht werden), so daß spelta also ursprünglich "Split- 
terkorn, Spaltkorn* bedeutet hätte. 

Diese Erklärung wird gestützt durch die Tatsache, daß 
als Übersetzung von lat. spelta außer ahd. spelta tmd spelsa 
auch spaltechorn vorkommt,*) das nach dem Gesagten nicht 
mit Ascherson tmd Graebner*) als Volksetymologie oder 
mit Heyne '^) als „Umdeutung des lat. Wortes" aufzufassen 

*) Schambach Göttingisch-Grubenhagensches Idiotikon 203b. 

■) Heyne aaO. 2x40 sv. Spelte. 

») Spelta : spaltechorn Graff Ahd. SpracJischatz IV 495 = Steinmeyer- 
Sievers Ahd, Glossen III 616, 50 (12. jh.). 

*) Synopsis d. tnitteleurop. Flora II 676, Anm. 2. 

*) Grimms D. Wärtb. sv. Spelt, 

27* 



420 lo. Kap. KalturpfUnzen Mittel- und Nordeuropas zar Bronze- und Eisenzeit 

ist. Ebenso wird in dem altenglischen Rubens-Glossar lat 
scandulUy das schon erwähnte Synonymon von spelta^ mit 
twisld com übersetzt. *) Aus beiden Glossen geht hervor, 
daß die Zusammengehörigkeit der zwei Wortgruppen vom 
Sprachgefühl der Deutschen wie der Angelsachsen noch 
deutlich empfunden wurde. 

Die hochdeutschen Doppelformen mit / und a sind 
ebenso zu beiuteilen wie in dem Bergnamen hi Hart und 
HarSy nd. Hard und Hartj oder wie in ae. milde gegenüber 
meltan oder in ahd. milti neben smelsafiy^) dh. wir haben 
auszugehen von einer Wurzel spel-^ die mit verschiedenen 
dentalen Suffixen erweitert ist. Der gleiche Wechsel liegt in 
den oben angeführten altenglischen Wörtern speld 'Splitter' 
und Spelt "planca" vor — ein weiterer Beweis für die Iden- 
tität dieser Wörter mit dem Pflanzennamen. 

Mit germ. ^speld- : *spelt' 'Spelz' sind zahlreiche Aus- 
drücke für "Spreu* in den übrigen indogermanischen 
Sprachen urverwandt, welche die Wurzel spei- : pel- 
mit andern Ableitungssuffixen zeigen. Es gehören hierher: 
lit. pelaf pl. 'Spreu', pelüde 'Spreubehälter*, lett. pl. peius, 
pelavas "Spreu*, preuß. pelwo 'Spreu*; akslav. nslov. pl&va 
'Spreu*, serb. pljeva^ russ. pelevUy polöva etc. 'Spreu'; lat 
pälia 'Spreu, Kaff ; aind. paldvas m. 'Spreu, Hülse*, pdlälas 
m. 'Halm, Stroh*. Weiter möchte ich noch auf lit. spalcd 
m. pl. "Schaben, die holzigen Abfälle beim Brechen von 
Flachs und Hanf, also etwa = "Splitter, Spahn, Spreu*, hin- 
weisen, welches von Fick^) ebenfalls mit d. spalten zu- 
sammen gebracht wird. 

Schwerer ist es, die von Schrader angezogene Gruppe 
gr. ttäXti "Mehr, Tra-cTTTdX-Ti und Trai-TraX-n 'feines Mehl*, lat 

») Wright-Wülker Anglo-Saxon and Old Engl. Vocabularüs I 148, 25. 

•) OsXho^ Etymol. Parerga I51. — DieFormen speit und sptH 
scheinen, ähnlich wie die Namen Hart und Harz far die Pfälzer 
Haardt, in ein und demselben Dialekt unterschiedslos durch- 
einander gebraucht zu werden; wenigstens habe ich, trotx 
mannigfacher Erkundigungen, keine Abgrenzung der beiden Formen 
nach Dialekten feststellen können. 

") Vergleichendes Wörtb. d, idg. Sprachen » II 501. 



IV. Spelz. 421 

pollen 'feines Mehl, Staubmehl*, polenta (nach Osthoff Etym. 
Parerga 1 40 aus *pollentaY Gerstengraupen*, pulvis 'Staub', 
femer puls (pultis) f. "dicker Brei aus Spelzmehr, gr. ttoXto^ 
'Brei* begrifflich mit der obigen zu vereinigen. Aber da die 
Wörter sich lautlich gut zu den andern stellen, und da auch 
begriffliche Übergänge ('Graupen' imd 'Brei*) vorhanden 
sind, so ist eine Verwandtschaft der beiden Gruppen doch 
wohl kaum abzuweisen. Man muß eine Bedeutimgsentwick- 
lung 'Spelzen (mit eingeschlossenem Korn) — Graupen, 
Grütze — Mehl — Staub' annehmen; der Übergang 'Mehl 
— Staub' liegt deutlich vor bei polletty das zunächst 'feines 
Mehr, dann 'Staub' bedeutet. Auch Sommer*) sX.^YLt pollen 
aus *poluen und pulvis aus *poluis *pölouis zu preu&.pelwOj 
akslav. pliva^ aind. palävas 'Spreu*. — 

Der Name spelta ist also germanischen Ursprungs; er 
dürfte eins der frühesten deutschen Lehnwörter im Latei- 
nischen sein. Nach Hieronymus war das lat. spelta ein 
pannonischer Provinzialismus ; in der schon erwähnten Stelle 
des Hesekiel-Kommentars (I 4, 9) spricht er von 24a^, svve 
Zeia^ . . . ., quas nos vel far vel gentili Italiae Panno- 
niaeque sermone spicam speltamque dicitnusj wo sich 
speltam auf Pannoniae zu beziehen scheint. Pannonien war 
im 3. Jahrhundert längst im Besitz germanischer Scharen. 
Mit Gradmann anzunehmen, daß spelta ein speziell ale- 
mannisches Wort gewesen sei, haben wir keinerlei Veran- 
lasstmg ; im Gegenteil, wir sahen, daß der Name nicht bloß 
in verschiedenen ober- und niederdeutschen Dialekten, son- 
dern auch im Altenglischen vorkommt. 

Nur mit einer sachlichen Schwierigkeit haben wir uns 
noch abzufinden. Ist spelta ein Lehnwort aus dem Ger- 
manischen, so liegt der Schluß nahe, daß die Römer mit 
dem Namen auch die Pflanze von den Germanen erhalten 
haben. Dies ist Gradmanns Ansicht, nur daß er speziell 
die Alemannen als die Träger der Spelzkultur ansieht. Da 
es jedoch keinerlei Belege von einem prähistorischen oder 



^) Handtuch d, lat. Laut- und Formenlehre S. 226. 



422 10. Kap. Kultnrpflanzeii Mittel- and Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit. 

auch frühhistorischen Anbau des Spelzes in Deutschland 
und den nordischen Ländern gibt, während die schweize- 
rischen Pf ahlbauem der Bronzezeit ihn sicher gebaut haben; 
da anderseits auch im Mittelalter und in der Neuzeit außer- 
halb des Alpengebiets und des südwestlichen Deutschlands 
in Mittel- und Nordeuropa nirgends Spelzbau getrieben 
worden ist: so spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dai 
die Germanen in ihren ursprünglichen Wohnsitzen in Nord- 
deutschland und den nordischen Ländern den Spelz nicht 
besaßen — eine Tatsache, die wir später auch noch durch 
ein pflanzenbiologisches Argument erhärten werden — , son- 
dern daß sie ihn erst bei ihrem Vorrücken nach Süddeutsch- 
land und den Alpenländem kennen lernten. Wenn nun der 
Name spelta trotzdem germanischen Ursprungs ist und so- 
gar schon in die gemeinwestgermanische Periode zurück- 
reicht, so muß man annehmen, daß er ursprünglich nicht 
Triticum spelta ^ sondern den nahe verwandten Emmer, 
Tritictitn dicoccum^ oder das Einkorn, Triticum monococcum^ 
bedeutet hat, die beide ja schon seit der Steinzeit in Mittel- 
und Nordeuropa gebaut wurden, imd daß er von den nach 
Pannonien eingednmgenen Germanen bei ihrem Bekannt- 
werden mit dem Spelz auf diesen ausgedehnt wurde. 

Wir kommen also ungefähr auf die Vermutung Mager- 
stedts hinaus, daß der Name spelta zwar deutsch, die 
Frucht aber undeutsch sei. 

Es erhebt sich nun die weitere Frage, woher denn die 
Römer den Spelz erhielten, wenn nicht von den Germanea 
Haben sie ihn vielleicht doch schon vor dem Erscheinen 
des Namens spelta besessen, obwohl wir bis jetzt keine 
prähistorischen Funde der Pflanze auf italischem Boden 
kennen? — Ein neuer Name braucht nicht notwendig eine 
neue Pflanze zu bezeichnen. Wenn Buschan dies annimmt, 
so schimmert hier dieselbe irrige Voraussetzung durch, die 
ihn auch bei der Geschichte des Hafers und Roggens zu 
Fehlschlüssen verleitet hat. 

Gibt es nicht vielleicht noch sonst einen klassischen Ge- 
treidenamen, der Triticum spelta bezeichnet haben könnte? 



IV. Spelz. 423 

b) Die andern antiken Namen für Spelzweizen. 

Es existierte im Altertum eine ganze Reihe von Namen 
für spelzartige Weizensorten : im Hebräischen kussemet\ im 
Griechischen Tfcpri, Ceid oder Zed, öXupa; im Lateinischen 
/ar, ador^ arinca, semen^ spica^ sandalUy scandula ; im Gal- 
lischen brace (Plinius NatHist. 18, 62). In den Wörterbüchern 
werden diese Namen in der Regel übereinstimmend mit 
•Spelz' {Triticum spelta L.) erklärt. Gradmann hat wohl 
nicht Unrecht, wenn er (S. 119) diese traditionelle Über- 
setzung zum Teil bis auf die Väter der Botanik im 16. Jahr- 
himdert, wie Brunfels, Hieronymus Bock, Leonhard Fuchs, 
Valerius Cordus, Conrad Gesner, zurückführt, die fast alle 
in Südwestdeutschland zu Hause waren und den Dinkel oder 
Spelz aus ihrer Heimat als Hauptbrotfrucht kannten, wes- 
halb sie ihn auch in den Schriften der Alten nachzuweisen 
suchten. Der Dinkel ist ja überhaupt die einzige der spelz- 
artigen Weizensorten, die im Mittelalter und in neuerer Zeit 
noch in größerem Umfange als Brotkom gebaut wird; die 
andern Spelzweizen konunen in den meisten Ländern nur 
ganz sporadisch vor tmd sind heute sehr vielen Menschen, 
ja sogar Botanikern von Fach, gar nicht oder doch nur 
dem Namen nach bekannt. Kein Wunder deshalb, das auch 
im 19. Jahrhundert zahlreiche Gelehrte, die über die Botanik 
der Alten gehandelt haben, wie Fraas, Volz, Lenz, Mager- 
stedt und Langkavel,*) in den Fehler verfallen sind, die 
verschiedenartigen oben genannten Ausdrücke ohne nähere 
Prüfung mit 'Dinkel* oder 'Spelz* {Triticum spelta L.) zu 
übersetzen. Doch fassen die meisten derselben den Begriff 
•Spelz* oder "Dinkel* in weiterem Sinne von Spelzweizen 
überhaupt; nur das Einkorn {Tr, monococcum L.) scheiden 
manche ausdrücklich davon aus. 

Den verschiedenen oben aufgeführten Namen ent- 

*) Fraas Synopsis plantarum florae classicae S. 307 (1845). Volz 
Beiträge zur Kulturgeschichte 69. 108 (1852). Lenz Botanik d, alten 
Griechen u. Römer 257 f. (1859). Magerstedt Bilder aus d, räm, Land- 
wirtschaß V 283 ff. (1862). Langkavel Botanik d, späteren Griechen 
S.125 (1866). 



424 10. Kap. Kulturpilanzeii Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit. 

Sprachen zum Teil verschiedene Spelzarten, zum Teil waren 
es nur synonyme Bezeichnungen für die gleiche Art oder 
für gewisse Varietäten oder Sorten einer Art. Aus Grad- 
manns verdienstlicher Zusammenstelltmg sämtlicher auf 
Spelzweizen bezüglicher Stellen der alten Schriftsteller er- 
gibt sich mit völliger Sicherheit, daß im Altertiun schon 
mehrere voneinander verschiedeneSpelzarten gebaut wurden. 
Theophrast*) nennt drei Arten: £eid, Ticpri, 6Xupa Kai e! n 
?Tepov 6)ioi67Tupov ; und weiterhin (Vül 9, 2) sagt er: Tuuv bk 
6)ioi07Tupu)v Kai ö^olOKp(6u)v, olov 2eidg, xlcpii^, öXupa^, 
ßp6)iou, aiTiXujTTog, iaxupoTaiov Kai )idXicTTa Kap7n£6|ievov f\ Ceid. 
Dioskorides") tmterscheidet ebenfalls drei Arten, von denen 
er zwei unter dem Namen lern enger zusammenfaßt : Zeid 
biTTTi* f\ ixiv Tdp dTrXfi, f\ bk blKOKKog KaXeirai . . . Kai f\ öXupa 
bk iK Toö auToö fivov^ iarx Tf\(; lexäq. Daß es sich hier wirk- 
lich lun spelzartige Weizen handelt, geht ua. aus der Be- 
merkung des Galen:*) tö bi aTT^pina xö Tf\<; T\(pr\<; Ix^x \ibf 
KuiGev Xe)i)ia, KaGdirep Kai 6Xüpa Kai KpiGri, sowie aus der An- 
gabe des Hesych (O 662) öXupa .... lieiaEu alrov Kai KpiGii^ 
hervor. Auch andere bei Gradmann aufgeführte Stellen der 
alten Autoren lassen darüber keinen Zweifel zu. 

Von Columella*) erfahren wir, daß die Römer nicht 
weniger als vier Arten Spelz bauten: Adorei , . . pleriim- 
que videmus in usu gener a quatuor: far, quod appellatur 
Clusinum, candoris nitidi; far, quod vocatur vennuculutn, 
rutilum, atque alterum candidum, sed utrumque ntaioris 
ponderis quam Clusinum; semen trimestre, quod dicitur 
halicastrum, idque pondere et bonitate est praecipuum. 

Es dürfte heute kaum noch möglich sein, die genaue 
Bedeutimg all dieser mannigfachen Benennungen festzu- 
stellen, aber über die Hauptarten lassen sich doch vielleicht 
einigermaßen begründete Vermutungen aussprechen, und 
das soll im folgenden versucht werden. 

*) Hist. Plant, Vm i, 3. 
") Mat. Med, II in u. 113. 
«) De Alim.Facult. I 13. 
*) De Re RusUca II 6, 3. 



IV. Spelz. 425 

Griech. Ticpri, Ceid, oXupa. Es ist zunächst bemerkens- 
wert, daß sowohl Theophrast wie Dioskorides drei Arten von 
Spelzweizen unterscheiden: ersterer nennt sie TicpTi, ^Itidi, 
öXupa, letzterer £eid dtirXfi, £eid biKOKKoq, oXupa. 

Da die sonst überall erwähnte -ricpTi bei Dioskorides fehlt, 
die andern beiden Namen sich aber mit den von Theophrast 
ua. aufgeführten decken, so sind Tlcpri und Ceiä diTXfi aller 
Wahrscheinlichkeit nach identisch. Beide bezeichnen augen- 
scheinlich das Einkorn {Triticum monococcum L.), eine 
Deutung, die heute wohl allgemein angenommen ist, und 
die, wenigstens soweit die Ceid diTXfi in Betracht kommt, 
vernünftiger Weise überhaupt nicht bezweifelt werden kann. 
Der Gegensatz zu Ceid biKOKKo? weist hier so bestimmt, wie 
es bei solchen Beschreibungen überhaupt nur möglich ist, 
auf Triticunt monococcum hin. 

Schwieriger ist die Frage nach der Bedeutung von Ceid 
(öCkokko?) und öXupa. Diese schon bei Homer begegnenden 
griechischen Namen, sowie die lateinischen ador tmd/ar, 
die in den Wörterbüchern, wie wir schon sahen, einfach mit 
"Spelz* übersetzt zu werden pflegen, werden von Buschan *) 
und nach ihm von Schrader *) sämtlich auf den Emmer be- 
zogen. Beide Deutungen treffen in dieser allgemeinen 
Fassimg schwerlich das Richtige. Die Sache liegt offenbar 
so einfach nicht 

Zur botanischen Identifizienmg der Namen scheint mir 
die Dioskorides-Stelle besonders wichtig. Wenn Dioskorides 
Zeid dirXfi und Zieid bfKOKKo? unterscheidet, und wenn erstere 
sicher das Einkorn ist, so muß Ceid biKOKKo? offenbar ein 
dem Einkorn ähnlicher Spelzweizen sein, der sich äußerlich 
vor allem durch die Zahl der Kömer in den Ährchen von 
jenem unterscheidet. Hier kann nur der Emmer {Triticum 
dicoccum Schrank) gemeint sein; der Dinkel (Tr. spelta L.) 
ist in dem Habitus seiner Ähre — selbst wenn wir davon 
absehen, daß er gewöhnlich unbegrannt ist, während Ein- 



*) Vorgeschichtl. Botanik 23 f. 

") RealUx, d, indogerm, Altertumsk, 949. 



426 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

kom und Emmer begrannt sind — zu verschieden vom Ein- 
korn, lun eine so enge Zusammenstellung zu rechtfertigen. 
Die lexa biKOKKoq des Dioskorides ist also Emmer. 

Diese Deutimg wird bestätigt durch die Angabe des 
Galen/) die le\& des Mnesitheos sei identisch mit dem Ge- 
treide, das Galen selbst in Thracien und Macedonien unter 
dem Namen ßpfCa kennen gelernt hatte. Die thracische 
ßpita, die ein schwarzes, schwer verdauliches Brot lieferte, 
ist nach der allgemein herrschenden Auffassung imser 
Roggen. Wenn nun Galen die lern mit dem Roggen ver- 
gleicht, so geht auch daraus hervor, daß die Ceid begrannt 
gewesen sein muß. 

Es konunt aber noch ein sprachlicher Grund hinzu, der 
nach derselben Richtxmg weist. Wie wir gesehen haben, 
ist der Name leä oder lei& aus KeJFd bezw. *leF\ä gemein- 
indogermanisch. Er bezeichnet in der Mehrzahl der Sprachen 
die Gerste; diese Bedeutimg dürfte ihm darum wohl auch 
in der indogermanischen Urzeit zugekommen sein. Wenn 
nun lexä im Griechischen, abweichend von den übrigen 
Sprachen, einen Spelzweizen bedeutet, so kann damit offenbar 
zunächst nur ein gerstenähnlicher, dh. begrannter Spelz- 
weizen gemeint sein; es konmien somit in erster Linie nur 
Einkorn und Emmer in Betracht, und eben diese haben wir 
ja in der leiä &n\\\ und Ziem öikokko? des Dioskorides erkannt 
Da nun die leia dirXfi bei den andern Schriftstellern unter 
dem besondem Namen Ticpri erscheint, so wird teict im all- 
gemeinen 'Enmier' bedeutet haben. 

Wenn Dioskorides anderseits sagt : i?| öXupa ^k tou aÖToO 
fiwov<; imi Tf]q Ceiclq, so muß die von ihm gemeinte 6Xupa 
ein dem Enuner nahe verwandter Spelzweizen gewesen sein, 
und da wird man konsequenter Weise zunächst an den 
Dinkel {Triticum spetta L.) zu denken haben, der ebenfalls 
biKOKKo? ist und auch sonst dem Emmer zweifellos am 
nächsten steht. Auch die Glosse Corp. Gloss. Lat. m 357, 2 
spelta : oXupa bestätigt diese Deutimg. Ich vermute deshalb. 



») De A/im. Facult I 13. 



IV. Spelz. 427 

daß die oXupa desDioskorides der Dinkel oder Spelz 
im engeren Sinne war. 

Wahrscheinlich haben aber die Bedeutungen der beiden 
Namen lei& und oXupa nach Gegenden und Zeiten gewechselt. 
Schon Herodot (11 36) sagt mit bezug auf Ägypten: dirö 
dXupdujv TTOieövrai mria, rdq lexäq |ui€T€EdT€poi KaX^ouai. Nament- 
lich in späterer Zeit laufen die Namen arg durcheinander, 
imd ihre Bedeutimg wird immer unsicherer. Es rührt dies 
zimi Teil wohl daher, daß ein Name in gewissen Gegenden 
verallgemeinert und auf die verwandten Spelzarten ausge- 
dehnt wm^de, wie das ja auch heute noch sehr gewöhnlich 
vorkommt. Schon bei Galen macht sich diese Verwimmg 
bemerkbar; sie steigert sich in den folgenden Jahrhunderten. 
Bezeichnend ist in dieser Beziehung die Angabe des Hiero- 
nymus im Hesekiel-Kommentar, die öXupa werde von den 
einen für Hafer, von den andern für Roggen erklärt. *) Auch 
Hesych (O 662) drückt sich über die Bedeutimg von 6Xupa 
recht unbestimmt aus : SXupa • exhoq air^piuiaTG?. fi ßpai|uid xi 
^leraEu aiiou xal KpiGfiq • oi ^^ aOxfiv Tf|v xpiGriv . dXXoi Kapiröv 
Tiva aiTiKov, Ceidv • Txyiq liay. 

Es ist ein tröstliches Gefühl für unsere eigene Un- 
wissenheit, daß schon die Kirchenväter und die antiken 
Philologen sich über den Begriff dieser Namen nicht mehr 
klar waren. 

Lat. far. Hinsichtlich der Getreideart, die die Römer 
/ar, in älterer Zeit far adoreum, adoreum oder ä4ör (g. ädöriSj 
n.) nannten, und die nach Angaben der römischen Autoren 
lange die Hauptbrotpflanze der alten Römer war,") hatte 



*) In Ezech, I 4, 9 (Migne Patrol. Lat. 25, 47): ÖXupav, quam alii 
avenam, alii sigalam putant, 

") Nach Plinius Nat. Hist. 18, 62. 81—84. Auch die Verwendung 
des far im Opferkult {far pium) und bei der Eheschließung {con-- 
farreatiö) spricht für das hohe Alter der Kultur dieser Spelzart. 
,,Farra tarnen veteres iaciebant, farra metebant, 
Primitias Cereri farra resecta dabant'S 
heißt es bei Ovid Fasti 2, 517 f. Vgl. auch Plinius 18, 8—10. 14. 
Femer Magerstedt aaO. 5, 283. 



428 10. Kap. KulturpflAnzen Mittel- und Nordearopas zur Bronze- and Eisenzeit 

schon vor Buschan De Candolle^) die Vermutung ausge- 
sprochen, daß wir es hier vielleicht nicht mit dem Spelz, 
sondern mit dem Einkorn oder Emmer zu tun hätten. Über- 
zeugende Gründe für diese Ansicht führen aber weder De 
Candolle noch Buschan an. Ich glaube, daß uns die ver- 
gleichende Sprachforschung bei der Beurteilung dieser Frage 
wichtige Dienste leisten kann. 

Wir haben S. 359 ff. gesehen, daß lat./ar aus ♦/ars mit 
germ. *bari8y ae. bere 'Gerste* urverwandt ist. Da die Be- 
deutimg der entsprechenden Namen in den andern Sprachen 
auseinandergeht, so läßt sich aus der Vergleichung der 
Sprachen in diesem Falle kein auf Übereinstimmung ge- 
stützter Rückschluß auf die botanische Grundbedeutung 
dieser gemeineuropäischen Sippe ziehen; aber eine etymo- 
logische Untersuchung des Namens ergab, daß er dem Sinne 
nach ursprünglich höchst wahrscheinlich 'Grannenkom' be- 
deutet hat. Das Grannenkom kot' dHoxriv ist die Gerste; 
von den Weizenarten sind Triticum turgidum L., TV. durum 
Desf. und Tr, polonicum L., von den Spelzarten Einkorn 
und Emmer begrannt. Wenn nun lat. far eine Spelzart 
bedeutet, so kann also nur Einkorn (TV. monococcum L.) 
oder Emmer {Tr. dicoccum Schrank) gemeint sein. Vom 
Dinkel kommen zwar auch begrannte Sorten vor, aber in 
der Regel ist er unbegrannt. 

Die Sprachforschung bestätigt also die Vermutung von 
De Candolle, Buschan und Gradmann insofern, als die 
Grundbedeutung sowohl des lat. /ar, wie die des 
griech. Zieid, nach Aussage der Etymologie 'Einkorn' 
oder 'Emmer* gewesen sein muß. 

4. Literarische Zeugnisse für Spelzbau bei den 

Römern. 

Nun gibt es aber eine Reihe von Tatsachen, die direkt 
gegen diese Auslegung sprechen. Da ist zimächst die 
schon von Gradmann (S. 118») angezogene Bemerkung des 

«) Ursfr. d. Kulturpfl, 459. 



IV. Spelz. 429 

Plinius (iVa/. //irs/. 18, 92) hervorzuheben: Far sine arista 
est, item siligOj excepta quae Laconica appellatur. *) Diese 
Angabe scheint mir die Deutung "Emmer* teilweise, •Ein- 
korn* völlig auszuschließen, da letzteres stets, der Emmer 
fast immer begrannt ist, während Dinkel und Weizen be- 
grannt tmd unbegrannt vorkommen, aber doch häufiger 
unbegrannt sind.*) Ein ander Mal sagt Plinius (18, 82): Qui 
sea utuntur, non hahent far. Diese Stelle ist für die gegen- 
seitige Entsprechung der griechischen und lateinischen Be- 
nennungen von Wert. Wenn Zied, wie wir sahen, Emmer, 
im weiteren Sinne auch Einkorn war, so muß far nach der 
Auffassung des Plinius eine hiervon verschiedene, aber 
doch wohl nahe verwandte Spelzart gewesen sein: auch 
das scheint auf den Dinkel zu deuten. Vor allem aber 
möchte ich auf eine bislang nicht genügend beachtete An- 
gabe des Plinius hinweisen, welche der oben zitierten Be- 
merkimg Far sine arista est (18, 92) vorangeht: Ex arinca 
dulcissimus panis; ipsa spissior jjuamfar, et maior 
spica, eadent et ponderosior. Aus einer Vereinigung dieser 
beiden Angaben geht also hervor, daß das/ar eine lockere, 
grannenlose Ähre hatte, und das scheint mir doch deut- 
lich und positiv auf Triticnm spelta zu weisen. 

Danach kann es kaum zweifelhaft sein, daß Plinius 
unter far den Dinkel oder Spelz verstand, daß 
letzterer also mindestens zwei bis drei Jahrhunderte vor 
dem Auftreten des Namens spelta in Italien bekannt ge- 
wesen sein muß. Dies wird auch durch weitere Tatsachen 
aus späterer Zeit bestätigt. So muß es auffallen, daß im 
Edictunt Diocletiani, wo spelta zuerst auftritt, far voll- 
ständig fehlt. Es ist doch kaum denkbar, daß der Spelz 
gleich nach seiner Einführung bereits den nach Buschans 
imd Gradmanns Auffassung vielleicht seit einem Jahrtausend 
als Brotkom ersten Ranges gebauten Emmer völlig ver- 
drängt haben sollte. 

*) Ober die anscheinend widersprechende Stelle i8, 298 wird 
weiter unten gehandelt werden. 

•) Vgl. Körnicke Handb, d. Getreidebaus I 75. 81. 105. 



430 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

Sodann wird spelta von den Schriftstellern und Glossa- 
toren des 4. und 5. Jahrhunderts ausdrücklich mit far iden- 
tifiziert. Besonders belangreich ist in dieser Beziehung die 
Angabe des Hieronymus an der schon besprochenen 
Stelle des Hesekiel- Kommentars: tdaq, sive Zeiag . . ., quas 
nos vel far vel gentili Italiae Pannoniaeque sermone 
spicanty speltamque dicimus}) Hier werden also spka 
und spelta ausdrücklich als provinzielle Synonyma für far 
bezeichnet. Ein weiteres solches Synonymon war scanäula 
oder scandella, das übrigens schon von Plinius erwähnt 
wird imd ursprünglich vermutlich speziell den noch un- 
geschälten Spelz bezeichnete.*) 

Wir scheinen also zu zwei einander diametral entgegen- 
gesetzten Ergebnissen zu kommen. Während die Etymo- 
logie des Wortes /ar, wie die von Ced, die Bedeutung 
•Einkorn' oder "Emmer* erschließen läßt, beweisen 
zahlreiche Zeugnisse der römischen Schriftsteller, 
daß far "Spelz, Dinkel* bedeutete und mit spelta 
synonym war. Wie kommen wir aus diesem Dilemma 
heraus ? 

Ich glaube, daß lea und far ziemlich parallele Wege 
gegangen sind. Wenn die Bedeutxmg der den beiden zu- 
gnmde liegenden indogermanischen Wörter, imserer An- 
nahme entsprechend, wirklich 'Gerste' war, so kann sich 
diese schon in vorethnischer Zeit auch auf die begrannten 
Spelzweizen ausgedehnt haben, da ja sowohl Einkorn wie 
Emmer in dem größten Teil von Europa schon zur jüngeren 
Steinzeit neben der Gerste gebaut wurden. Nachdem sich 
dann für die Gerste im Griechischen und Lateinischen neue 
Namen gebildet hatten und lea und far an den Spelzweizen 
hängen geblieben waren, konnten die beiden Namen nun 
auch auf die imbegrannten Spelzarten, dh. vor allem auf 
den Dinkel (Triticum spelta), verallgemeinert werden. 

») In Ezech. i, 4, 9 (Migne Patrol. Lat. 25, 47). 

*) Im Edict. Dioclet. erscheint der Spelz in doppelter Form: als 
speltae mundae und scandulae sive speltaCy dh. geschälter und unge- 
schälter Spelz. 



IV. Spelz. 431 

Diese Verallgemeinerungen und Übertragungen der Be- 
nennungen für Spelzweizen aber, welchen wir sowohl bei 
griech. lea und oXupa als auch bei lat far begegneten, 
wurden höchst wahrscheinlich durch einen sachlichen Grund 
gefördert. Ich glaube, wir gehen nicht fehl, wenn wir den 
Wirrwarr der klassischen Namen für Spelzarten zum Teil 
darauf zurück führen, daß die Alten zwischen Triticutn 
dicoccum und Tr. spelta überhaupt nicht so scharf 
unterschieden wie unsre heutige wissenschaftliche 
Botanik.*) Schon Kömicke") bemerkt sehr richtig: wenn 
-wir die Geschichte des Spelzes verfolgen wollen, „so müssen 
-wir zunächst darauf Verzicht leisten, Spelz und Emmer 
unterscheiden zu wollen". Hat doch sogar Linnä, der Vater 
der modernen Botanik, die Existenz des Emmer völlig 
übersehen. 

Auch die meisten modernen Sprachen benennen beide mit 
den gleichen Namen. Gradmann •) weist mit Recht darauf 
hin, daß franz. ipeautre als Bezeichnung für alle drei Spelz- 
weizen dient. Ebenso führt in Catalonien eine Einkorn-Sorte 
den Namen espelta communa. Auch in den deutschen 
Mundarten herrscht in der Benennung der Spelzarten, wie 
wir schon sahen, das größte Durcheinander. Und selbst in 
der amtlichen Statistik des Deutschen Reichs werden, wie 
Gradmann hervorhebt, neuerdings Einkorn und Emmer mit 
Spelz ausdrücklich zusammen geworfen, offenbar weil eine 
grundsätzliche Scheidung der drei Arten praktisch nicht 
durchführbar wäre. 

Angesichts dieser Tatsachen können wir uns nicht 
wundem, wenn es im Altertum ähnlich war, wie in der 
heutigen Praxis, wenn die volkstümlichen Benennungen 
für Spelzweizen in ihrer Bedeutung vielfach in- 
einander flössen oder in weiterem Sinne auf Formen an- 
gewandt wurden, die die moderne wissenschaftliche Botanik 

>) Vgl. oben S. 408 f. das über Saat- und Wildhafer Gesagte. 
•) Hcoidb. des Getreidebaues I 76. Ähnlich Ascherson-Graebner 
Synopsis d. mitteleurop, Flora II i, 676 Anm. 2. 
•) AaO. 105, Anm. 4. 118. 



432 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- and Eisenzeit. 

voneinander trennt. So erklärt sich vielleicht auch die von 
Gradmann (S. 118) herangezogene Stelle Plinius 18, 298: 
Siliginis et tritici eadem ratio in area horreoque. Far, quia 
difficulter excutitur, convenit cum palea sua condi, et sti- 
ptila tantum et aristis liberatur, welche der oben er- 
wähnten Angabe des gleichen Autors Far sine arista est 
(18, 92) direkt zu widersprechen scheint. Der Gegensatz 
zwischen den beiden Stellen ist wohl nur entweder so zn 
verstehen, daß Plinius das eine Mal Kolben-, das andere Mal 
Grannenspelz im Sinne hatte, oder aber daß far an der 
Stelle 18, 298 alle Spelzweizen im allgemeinen bezeichnete. 
Daß Plinius über den landwirtschaftlichen Sprachgebrauch 
hinsichtlich des Ausdrucks far nicht zuverlässig imterrichtet 
gewesen sei, können wir kaum annehmen. Bei manchen 
klassischen Schriftstellern, namentlich der späteren Zeit, ist 
allerdings, wie wir schon sahen, eine gewisse Unsicherheit 
über die Bedeutimg der Namen für Spelzweizen häufig 
nicht zu verkennen, was bei der äußern Ähnlichkeit der 
verschiedenen Spelzarten und dem Schwanken der volks- 
tümlichen Nomenklatxu- ja verzeihlich genug ist. 

Die Versuche, die klassischen Spelznamen gnmdsätzUch 
der einen oder andern Art zuzuteilen, werden deshalb voraus- 
sichtlich zum Teil nie zu gesicherten Ergebnissen führen. 
So möchte ich über die vier Sorten far des Columella, so- 
wie über die arinca, sandala und brace des Plinius keinerlei 
Vermutung wagen. 

Hinsichtlich der Namen Ced und/ar dagegen dürfen 
wir wohl Folgendes als gesichertes Ergebnis unsrer vor- 
stehenden Ausführungen festhalten: Die beiden Aus- 
drücke waren zwar in ältester Zeit Namen für be- 
grannte Spelzsorten, dh. Einkorn oder Emmer, ihr 
Begriff wurde aber später erweitert und der von 
far aufs neue verengt; von Plinius wird/ar bereits, 
außer für Spelzweizen überhaupt, im besondern als 
Benennung für Triticum spelta gebraucht, von den 
Späteren wird es direkt als Synonymon von spelta 
behandelt. 



IV. Spelz. 433 

Wann far diese spezielle Bedeutung 'Dinkel, Spelz' 
angenommen hat, läßt sich gegenwärtig noch nicht ent- 
scheiden. Namentlich ist es auch zweifelhaft, was unter 
far adoreum zu verstehen ist. Ador aus *ados wurde zuerst 
von Lottner *) mit got. atisk 'Saatfeld' verknüpft. Pogatscher ") 
will es femer mit ae. etelond 'Weideland', sowie durch a : e- 
oder ^.'^- Ablaut auch mit ae. äte, ne. oats 'Hafer* zusammen- 
bringen. Alle diese Erklänmgsversuche sagen über den 
ursprünglichen etymologischen Sinn des Wortes nichts aus 
und sind deshalb auch für die Feststellung der botanischen 
Bedeutxmg belanglos. Wir sind also rein auf Vermutungen 
angewiesen. 

Weil nun far zur Zeit des Plinius bestimmt Triticum 
spelta bedeutete, weil anderseits far und far adoreum, 
senten adoreum oder einfach adoreum oder ador anscheinend 
überall als identische Begriffe behandelt werden, so glaube 
ich, daß auch unter dem far adoreum, von dem die Römer 
in der ältesten Zeit ausschließlich lebten, und das später 
noch eine bedeutende Rolle im Kultus spielte, tatsächlich 
der Dinkel oder Spelz zu verstehen ist, daß also der 
Spelz die eigentliche Hauptbrotfrucht der alten 
Römer war. Ich zweifle auch nicht, daß die archäologische 
Forschung früher oder später Reste der alten Spelzkultur 
auf italischem Boden zutage fördern wird.* 

Die angestammten klassischen Namen far und ado- 
reum allerdings sind in den meisten romanischen Volks- 
sprachen ausgestorben tmd durch die ursprünglich provin- 
ziellen oder vulgären Ausdrücke spelta und scandella ersetzt 
worden. Nur im Italienischen hat sich neben spelta und 
spelda aMchfarro oder farre bis heute erhalten.») In dem 
Zurückweichen des Wortes far vor spelta mit Buschan ein 
Zeichen für den Sieg des vermeintlich neu eingeführten 
Spelzes über den angeblich bis dahin vorherrschenden alt- 
italischen Emmer zu erblicken, haben wir lunso weniger 

>) Zeitschr. f. vcrgl. Sprachforschung 7, 163. 

^ Engl. Studien 27, 221; 31, 255. 

») Körnicke Bänäb. d. Getreidebaues I 77. 

Hoops, Waldbftame u. Kulturpflanxen. 28 



434 10* Kap. KolturpflAnzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und Eisenzeit 

Veranlassung, als sich ja die wesentlich ältere Bezeichnung 
scandella mit spelta in die Erbschaft des far teilt Es handelt 
sich in beiden Fällen offenbar nur um die Verdrängung 
eines altangestanunten Namens durch jüngere, einen Vor- 
gang, der bei Getreidenamen nichts Seltenes ist; in ähn- 
licher Weise werden in oberdeutschen Dialekten die alten 
Benennungen speis und dinkel in der Gegenwart teils durch 
den allgemeineren Ausdruck korn^ teils durch den spezielleren 
veesen verdrängt, welch letzterer ebenso wie scandella und 
spelta ursprünglich bloß die abgedroschenen Ährchen samt 
den Spelzblättem bezeichnet. Auch Osthoff*) meint, spelta 
sei „augenscheinlich niu* ein spät aufgekonmiener Ersatz 
für die dem alten Latein geläufigen ehrwürdigen Kultur- 
ausdrücke far, ador, far adoreumy 

Daß in diesem Falle das alteinheimische far durch das 
germanische Fremdwort spelta ersetzt wurde, steht auch 
nicht so ganz einzig da, wie Gradmann (aaO. 119) meint 
In ähnlicher Weise ist ae. furh 'Föhre' diu*ch das lat, Lehn- 
wort ptntreoWj nhd. nachen in der Schriftsprache durch das 
engl. Lehnwort hoot, das alte hochdeutsche sund durch 
das niederdeutsche südettj das mittelenglische Intensivadverb 
ful 'sehr' durch das französische very verdrängt worden, 
ohne daß mit den Fremdwörtern neue Gegenstände oder 
Begriffe eingeführt worden wären. Die Verdrängung von 
far durch spelta ist natürlich nicht „plötzlich um das Jahr 
300 n. Chr." erfolgt, wie Gradmann sagt, sondern allmählich. 

Die Ursache der Einführung des germanischen Fremd- 
worts spelta aber hat Gradmann selbst, obwohl in anderm 
Zusammenhang, schon richtig berührt. Er weist (S. 122) 
darauf hin, daß zur Kaiserzeit viel Getreide aus Germanien 
nach Italien eingeführt wurde, so daß Probus sogar über- 
treibend behaupten konnte, alle römischen Schelmen seien 
voll germanischen Korns. Das germanische Wort spelta 
ist den Römern offenbar durch den Getreidehandel 
bekannt geworden; es hat sich im Lauf des 3. und 



*) Transactions of the American Philol. Assoc. 24, 59. 



IV. Spelz. 1,35 

4. Jahrhunderts von einem Provinzialwort aus alhnählich 
allgemeinere Geltimg errungen und ist dann entweder 
durch die römischen Soldaten und Kolonisten*) von Italien 
aus oder durch die vordringenden Germanen selbst in die 
westlichen Provinzen getragen worden. 

5. Verbreitung und Träger der Spelzkultur. 

Gradmann sucht in seiner Arbeit über Den Dinkel 
und die Alamannen zu beweisen, daß „überall da, wo für 
das Mittelalter Dinkelbau nachweisbar ist, auch heute noch 
Dinkel gebaut" wird (S. 115*>). „Die Behauptimg, daß der 
Dinkelbau seit alter Zeit beständig zurückgegangen sei", 
sagt er, „hat demnach zum mindesten für das deutsche 
Sprachgebiet keine Geltimg. Das heutige Dinkelgebiet hat 
seine enge Umgrenzung nicht erst allmählich im Laufe der 
Zeit erhalten; vielmehr hat der Dinkelbau die gleichen 
Grenzen wie heute schon im frühen Mittelalter innegehabt, 
imd erst in den letzten Jahrzehnten hat die Intensität des 
Anbaus besonders in der Schweiz und im Oberelsaß be- 
trächtlich abgenommen, wodurch jedoch das geographische 
Verbreitungsbild kaum eine Veränderung erlitten hat" 
(S. llö*»). Dieses geographische Verbreitungsbild der deut- 
schen Spelzkultur aber fällt mit der Verbreitung der Ale- 
mannen zusammen, welche nach Gradmann die Hauptträger 
des Spelzbaus waren. 

Es wäre nun töricht, leugnen zu wollen, daß die Dinkel- 
kultur in Deutschland vorzugsweise eine Eigentümlichkeit 
des schwäbischen Stammes ist, und es ist Gradmanns un- 
bestreitbares Verdienst, dies auf Grund eines umfassenden 
Materials für die Gegenwart wie für das Mittelalter im 
einzelnen erwiesen zu haben. Aber die Alemannen 
waren nicht die Urheber des Spelzbaus, er ist nicht 
durch sie nach Südwestdeutschland eingeführt worden.") 

») Das ist Kömickes Ansicht {Handb. d, Getreideb. I 77). 

") Auch Ascherson und Graebner {Synopsis d. mitteleurvp. Flora 
II 675; 1901) verwerfen Gradmanns Ansicht, daß der Spelz ein ur- 
altes Sondergut der Alemannen gewesen sei. 

28* 



436 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- und Eisenzeit 

Wir haben oben (S. 414) gesehen, daß in der ostelbischen 
Heimat des alemannischen Stammes, soweit wir jetzt wissen, 
niemals Spelz gebaut worden ist, während er den Schweizer 
Pfahlbauem schon zur Bronzezeit bekannt war. Gradmann 
gibt ersteres übrigens mit merkwürdiger Inkonsequenz an 
einer Stelle selbst zu. Während er S. 120 meint, „wir müssen 
fortan mit der Möglichkeit rechnen, daß das Volk der Ale- 
mannen seine eigentümliche Getreideart bereits aus seinen 
Ursitzen östlich der Elbe mitgebracht hat", erklärt er es 
S. 115 für „äußerst unwahrscheinlich", „daß im nördlichen 
oder östlichen Deutschland einmal irgendwo der Dinkelbau 
zu Hause gewesen sein sollte." 

Die Alemannen haben ihn also erst im Dekiunatenlande 
kennen gelernt, ^ sie sind hier sozusagen in die Dinkel- 
kultur hineingewachsen, haben sie vielleicht in manchen 
Gegenden eingeführt, wo sie vorher noch nicht zu Hause 
war, imd haben auf jeden Fall bis auf den heutigen Tag 
mit großer Zähigkeit an ihr festgehalten. 

Aber wenn Gradmann meint, das Dinkelgebiet decke 
sich überall genau mit dem Siedelungsbereich des schwä- 
bischen Stammes und sei früher sogar noch schärfer mit 
demselben zusammengefallen, so geht er wahrscheinlich 
auch darin zu weit. Dr. A. Volkart in Zürich weist mich 
in einem Schreiben vom 1. Okt. 1902 darauf hin, daß die 
alte Grenze des alemannischen Stammes in der Schweiz 
nach den neueren Untersuchimgen Stadelmanns über Orts- 
namen und Lüthis über Personennamen nicht, wie Grad- 
mann unter Anlehnimg an Herm. Christ annimmt, mit der 



») Langethal, auf den sich Gradmann S. io8 beruft, stellt die Sache 
vollkommen richtig dar. In seiner Geschichte der teutschcn Landmri" 
Schaft I 47 (1847) sagt er: „Während dieser Ereignisse faßten die 
Allemannen in Rhätien, Helvetien, im Zehntland und in dem Elsaß 
festen Fuß und fanden dort jene edle Spelzart als Brotfrucht 
vor, welche die Römer Zea hießen, von uns aber Triticum Spelia, 
Dinkelweizen, Schwabenspelt, genannt wird. Dieses Getreide 
nahmen auch sie als Brotfrucht an und haben es noch bis zum 
heutigen Tage«*. 



IV. Spelz. 437 

heutigen deutsch-französischen Sprachgrenze im Aaregebiet 
zusammenfalle, sondern daß sich die Siedelungen der Ale- 
mannen bis nach Savoyen hinein erstreckt haben müssen, 
was nach Lüthi auch durch eine Mitteilung des Servius 
Honoratus (geb. 375) bestätigt wird. Und doch wird dort, 
speziell in der Waadt, auch nach neuerdings von Volkart 
eingezogenen Erkundigungen kein Spelz gebaut. Umgekehrt 
ist es nach Volkart wahrscheinlich, „daß das Verbreitimgs- 
gebiet dieser Getreideart im obem Rheintal früher viel 
weiter hinaufgriff als heute. Sicher ist, daß die Mühlen in 
Malaus imd in Igis (Graubündner Rheintal) den Spelzgang, 
der die "Kernen* des Spelzes von der Spreu befreit, noch 
besitzen. Auch Wassali, der vor etwa 30 Jahren über 
bündnerischen Getreidebau schrieb, sagt, daß der Spelz, 
wenn auch selten, in Graubünden gebaut wiu-de". 

Eine genauere Einzelforschung wird vielleicht zeigen, 
daß auch in andern Gegenden die Grenzlinien des Dinkel- 
gebietes imd des Alemannenstammes sich doch nicht so 
vollkommen decken, wie Gradmann annimmt. Aber hier 
kann es sich immerhin nur um unbedeutende Abweichungen 
handeln, die sich schließlich als sekundäre Verschiebungen 
erklären ließen. 

Verhängnisvoller ist es für Gradmanns Theorie ge- 
wesen, daß er seine Untersuchimgen ausschließlich auf das 
südwestdeutsche Dinkelgebiet beschränkt hat. Hätte er auch 
die außerdeutschen Gebiete herangezogen, so würde er 
höchst wahrscheinlich gefunden haben, daß hier der Rück- 
gang der Dinkelkultur gegenüber den mittelalterlichen Ver- 
hältnissen ein wesentlich größerer ist. „Daß das Dinkel- 
gebiet der Ardennen sich in alter Zeit weiter in südwest- 
licher Richtimg nach Frankreich hinein erstreckte, als dies 
heute der Fall ist", hebt er selbst hervor (S. 115, Anm. 1). 
Schon diese Tatsache hätte ihn stutzig machen und zur 
Vorsicht bei seinen weiteren Schlüssen mahnen sollen. Es 
wäre sehr verdienstlich, wenn jemand sich der Mühe unter- 
ziehen und das Urkundenmaterial Frankreichs und Spaniens 
einer ebenso gründlichen Durcharbeitung auf Nachrichten 



438 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und EisenzeiL 

Über Dinkelbau hin unterwerfen wollte, wie es Gradmann 
für Südwestdeutschland getan hat 

Wie aber auch das Ergebnis einer solchen Arbeit aus- 
fallen möge: die außerschwäbischen Dinkelgebiete sind 
noch heute so zahlreich und ausgedehnt, daß es durchaus 
unnatürlich und gekünstelt erscheinen muß, alle diese Ge- 
biete auf dem Hunsrück, in der Eifel, in Frankreich, Spa- 
nien, Italien und Österreich mit Gradmann auf iTv^andemde 
Alemannenscharen zurückzuführen. Wäre es nicht ein viel 
näherliegender Schluß gewesen, daß diese zerstreuten 
Komplexe die Reste eines einstmals weit ausge- 
dehnten Dinkelreiches darstellen? Sofasse ich jeden- 
falls die Sache auf, und ich befinde mich in diesem Punkte 
in Übereinstinunung mit Volkart und mit älteren Forschem.*) 

Über die Ursachen der gegenwärtigen zerstreuten 
Verbreitung des Dinkelbaus hat neuerdings Engelbrecht*) 
die auch von Gradmann (S. 106*) hervorgehobene scharf- 
sinnige Bemerlamg gemacht, daß die Dinkelgebiete sämt- 
lich in der Grenzzone zwischen den Gebieten überwiegenden 
Weizen- und überwiegenden Roggenbaus liegen, und daß 
es klimatische Verhältnisse sein werden, welche den Dinkel 
auf eben die Zone beschränken, wo Weizen xmd Roggen 
um den Vorrang streiten. Er ist etwas anspruchsvoller 
als der Roggen, dagegen weniger empfindlich als der Weizen. 
Wo Boden und Klima es gestatten, wird man als Brotfrucht 
im allgemeinen lieber Weizen als Dinkel bauen, und wo der 
Dinkel nicht mehr genügenden Ertrag liefert, wird man 
seine Zuflucht zxun Roggen als Hauptbrotkom nehmen. 

Aber es gibt in den heutigen Dinkelbezirken zweifellos 
Gegenden, die sich recht gut zum Weizenbau eignen würden^ 
und andere, wo man besser zum Roggenbau überginge. 
Wenn in diesen Gegenden gleichwohl am Dinkelbau fest- 



^) „Sein Anbau ist seit den alten Zeiten sehr zurückgegangen, 
und er verschwindet mehr und mehr", sagt Kömicke Handb. d. Ge- 
treidebaus I 78. 

") Theod. Engelbrecht Die Landbauzonen der außertropischen Länder 
I 40 f. (1899). 



IV. Spelz. ^9 

gehalten wird, so läßt sich das allerdings nur durch historische, 
namentlich stammesgeschichtliche Ursachen erklären. Darin 
hat Gradmann zweifellos Recht. Inwieweit die einen oder 
die andern Ursachen eingewirkt haben, wird in jedem Falle 
besonders zu untersuchen sein. 

Sind aber die heutigen Dinkelgebiete in Europa nicht 
auf den Stamm der Alemannen zurückzuführen, sondern 
als Reste eines ehemaligen größeren Dinkelareals aufzu- 
fassen, so erhebt sich nun die weitere Frage, wann denn 
jenes große Dinkelreich entstanden ist, imd ob bei der 
Ausbreitimg desselben vielleicht irgend ein Volk in be- 
sonderem Maße beteiligt war. 

Es ist schon lange aufgefallen, daß das deutsche Dinkel- 
gebiet sich genau innerhalb der Grenzen des alten römischen 
Reiches hält, imd Stalin, Titot und Volz haben deshalb an 
die Römer als Träger der Spelzkultur gedacht Das 
sind sie auch zweifellos gewesen, mehr jedenfalls als es 
später in ihrer Nachfolge die Alemannen für Südwestdeutsch- 
land wurden. Da die Römer in ihrer Heimat den Spelz 
kannten und schätzten, haben sie gewiß zur Einführung 
oder Förderung der Spelzkultur in ihren Provinzen viel bei- 
getragen. Der Verlauf der Spelzgrenze in Deutschland, der 
nach Gradmanns Untersuchungen im Mittelalter der Haupt- 
sache nach schon der gleiche war wie heute, läßt sich 
meines Erachtens nur durch Annahme römischen Einflusses 
ungezwungen erklären. Auch das belgische Spelzgebiet ist 
vielleicht auf die Römer ziullckzuführen. 

Aber man darf die Bedeutxmg der Römer für die Aus- 
breitimg der Spelzkultur anderseits nicht überschätzen. Zu 
der Zeit, als sie ihr Weltreich begründeten, hatte der Spelz 
längst aufgehört, ihre Hauptbrotfrucht zu sein; sie bauten 
ihn im allgemeinen nur noch auf solchem Boden, wo der 
Weizen keinen guten Ertrag versprach, und bei ihrem 
praktischen Sinn kann man von vornherein erwarten, daß 
sie auch in ihren Provinzen nur in Gegenden mit derartigen 
Bodenverhältnissen die Einführung des Spelzbaus begünstigt 
haben werden. 



440 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeoropas zur Bronze- und F.isenxrit. 

Sodann aber ist vor allem an die Tatsache zu er- 
innern, daß in der Umgegend der Schweizer Seen schon 
zu einer Zeit Spelz gebaut worden ist, als man von den 
Römern dort noch gar nichts wußte, ja als die Römer als 
vorherrschende Nation der Apenninen-Halbinsel überhaupt 
noch nicht existierten. Wenn aber der Spelz zur Bronze- 
zeit schon nördlich der Alpen bekannt war, so wurde er 
sicher auch in Südfrankreich kultiviert, denn die alte Völker- 
verkehrsstrasse vom Mittelmeer nach der Westschweiz fahrte 
das Rhönetal aufwärts. Wahrscheinlich war der Spelz 
zur Bronzezeit schon im ganzen Mittelmeergebiet 
heimisch, und ich bin überzeugt, daß bei genauerer archäo- 
logischer Nachforschung nicht nur in Italien, sondern auch in 
andern Mittelmeerländem noch Spuren einer prähistorischen 
Spelzkultur zum Vorschein kommen werden. 

Angesichts dieser frühzeitigen Verbreitimg des Spelz- 
baus kann von einer Beantwortung der Frage, welchem 
Volk wir die Ausbreitung desselben verdanken, katun noch 
die Rede sein. 

6. Heimat und Alter der Spelzkultur. 

Auch die Frage nach der Heimat des Spelzes wird 
durch dieses Hinaufrücken in graue vorgeschichtliche Zeit- 
räume natürlich wesentlich erschwert 

Gradmanns Theorie, daß der Spelz zuerst von nord- 
alpinen, keltischen und germanischen Völkern „auf mittel- 
europäischem Boden unmittelbar aus einem wildwachsenden 
Steppengras gezüchtet worden sei" in einer Zeit, „in der 
das Klima einen etwas kontinentaleren Charakter hatte und 
von einer steppenartigen Quartärflora noch mehr vorhanden 
war als in der Gegenwart" (S. 123*»), haben wir oben (S. 422) 
bereits aus archäologischen Gründen zurückgewiesen. Aber 
auch ein sehr gewichtiges pflanzenbiologisches Moment, 
welches Volkart in einer Besprechung von Gradmanns 
Hypothese im Zürcher Bauer (vom 5. Sept. 1902, S. 320) 
hervorgehoben hat, läßt sich dagegen geltend machen. Der 
Spelz ist ein Wintergetreide und tritt uns schon in den 



IV. Spelz. 441 

ältesten Urkunden als solches entgegen. Als Sommerfrucht 
wird er äußerst selten gebaut. Es ist aber durchaus un- 
wahrscheinlich, daß die Alemannen in ihrem ostelbischen 
Stammland mit seinen langandauemden kalten Wintern ein 
wildwachsendes Steppengras als Wintergetreide gezüchtet 
haben sollten. „Die Entstehung der Winterfrüchte erklärt 
man sich vielmehr", wie Volkart mit Recht betont, „durch 
ihre Herkunft aus den Mittelmeerländem. Dort wird das 
Getreide im Herbst gesät und im Frühjahr geemtet und 
entgeht so der sommerlichen, sengenden Hitze. Denselben 
Entwicklungsgang haben dort viele Gewächse, die, in unsre 
Gegenden eingewandert, ihn auch hier noch zeigen." Es 
gilt dies zB. von den Trespenarten und einigen andern 
Gräsern, „die bei uns im September keimen, über Winter 
wachsen, im Juli ihre Früchte reifen und dann absterben. 
So hat auch das mittelländische Getreide bei seiner Wande- 
rung nach Norden als Kulturpflanze die Aussaat im Herbst 
beibehalten. Aus dem Wintergetreide entstanden dann in 
hohen Lagen, die erst spät besiedelt wurden, nach imd nach 
auch Sommergetreideformen, ein Prozeß, den wir heute noch 
beim Roggen verfolgen können." 

Ich glaube, dieser Einwurf Volkarts ist auf jeden Fall 
so schwerwiegend, daß von einem nördlichen Ursprungs- 
land des Spelzes ganz abgesehen werden muß. Haben doch 
die Römer selbst im Rheinlande mit dem Versuch, nach 
ihrer heimischen Gewohnheit Wintergetreide zu bauen, ge- 
legentlich böse Erfahnmgen gemacht. Plinius (18, 181) er- 
zählt von einem Fall, wo in der Gegend von Trier in einem 
kalten Winter die Saaten erfroren, so daß man im März 
die Felder nachsäen mußte. 

De Candolle^) und Buschan") geben das südöst- 
liche Europa als Heimat der Spelzkultur an, von wo sie 
nach Mittel- und Südeuropa eingeführt wäre. Das ist 
vom pflanzenbiologischen Gesichtspunkt aus eher möglich; 



*) Ursprung d. Kulturpflanzen 460. 
■) VargeschichtL Bot 24. 



442 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronz«- und Eisenzeit 

ist doch auch der Roggen, ebenfalls ursprünglich eine 
Winterfrucht, höchst wahrscheinlich in diesen Gegenden za 
Hause. Aber durchschlagende Gründe für De Candolles 
und Buschans Hypothese sehe ich vorläufig nicht, solange 
der Spelz in Osteuropa nicht wildwachsend, wie der Roggen, 
oder doch in sehr frühen prähistorischen Fundstätten nach- 
gewiesen ist. 

Solms-Laubach*) verlegt die Heimat des Spelzes, wie 
die der andern Hauptkultiuiormen des Eutriticum-StammeSj 
weiter östlich nach Zentralasien. Volkart anderseits 
meint, der Spelz sei ursprünglich mediterraner Herkunft 
Gegen Solms-Laubachs Ansicht läßt sich geltend machen, 
daß der Spelz, soweit wir bis jetzt wissen, in Zentral- und 
und Ostasien weder in früherer noch in neuerer Zeit kulti- 
viert worden ist. Es scheint dies doch mehr für einen 
europäischen oder allenfalls westasiatischen Ursprung 
der Spelzkultur zu sprechen. Ob aber dem Mittelmeergebiet 
oder Südosteuropa in diesem Punkte der Vorrang gebührt, 
muß vorläufig imentschieden bleiben. Nur so viel läßt sich 
auf Grund des obigen pflanzenbiologischen Arguments wohl 
mit Sicherheit sagen, daß der Spelz zuerst in einem 
Lande mit kurzen Wintern und heißen Sommern 
in Kultur genommen sein muß. 

Das Alter der Spelzkultur ist nach dem Gesagten zwar 
wesentlich höher anzusetzen, als Buschan und Gradmann 
meinen, aber aus dem gegenwärtigen Stand der prä- 
historischen Forschung gewinnen wir doch den Eindruck, 
daß der Spelz als Kulturpflanze jünger als Einkorn und 
Enuner und jünger auch als die Hauptsorten des eigent- 
lichen Weizens ist, die ja zu dem allerältesten menschlichen 
Kulturgut überhaupt gehören. Und wenn wir auch früher 
(S. 319), angesichts der botanischen Verschiedenheit von 
Enrnier und Spelz, es mit Solms -Laubach für wahrschein- 
lich erklärten, daß der Spelz, obwohl er bisher wildwachsend 
nirgends gefimden wurde, doch bereits in der Urheimat der 



») Weizen u, Tulpe 28. 



V. Roggen. 44^ 

Weizenrassen spontan als gesonderte Art vorkam, so haben 
wir anderseits aus nnsem Untersuchungen den Eindruck 
gewonnen, daß der Spelz noch nicht ebendaselbst in Kultur 
genommen war, sondern daß er vielmehr ein jüngeres 
Kulturerzeugnis ist. 

Dadurch erledigt sich auch die Frage seines Verwandt- 
schaftsverhältnisses zu den eigentlichen Weizensorten 
von selbst: diese können in ihrer Mehrzahl unmöglich auf den 
verhältnismäßig jungen Spelz zurückgehen. Hierin stimme 
ich mit Gradmann (S. 123) überein. Nur insofern mögen 
Ascherson und Graebner mit ihrer Vermutung, daß die 
Varietäten des Tritictim tenax vom Emmer und vom Spelz 
abstammen,*) vielleicht das Richtige treffen, als einige der 
jüngeren Kultiuiormen des eigentlichen Weizens möglicher- 
weise vom Spelz herzuleiten sind. Anderseits ist es durchaus 
nicht imdenkbar, daß die Stammform der eigentlichen Weizen- 
arten, wie Solms-Laubach meint, eine ausgestorbene, von 
Emmer und Spelz verschiedene Rasse des Triticum sativum 
wair. Nur glaube ich, daß diese Grundform auf jeden Fall 
eine spelzartige Rasse mit zerbrechlicher Spindel war, und 
ich halte es für ausgeschlossen, daß man jemals wirklich 
wildwachsende Arten mit den charakteristischen Eigentüm- 
lichkeiten von Triticum tenax finden wird. 

V. Roggen. 

Literatur. H^^r Pflanzen der Pfahlbauten 16, U ehn Kultur- 
pflanzen u. Baustüre* 537 f. = * 551 f. De CandoIIe Ursprung 
der Kulturpflanzen 468 ff. Kör nicke Handbuch des Getreidebaues 
I 124 (f. B a t a I i n Das Perenmeren des Roggens, Verhandl. d. Bot. 
Ver. d. Prov. Brandenburg 32 (1890) S. XXIX ff. (1891 erschienen). 
v.Fischer 'Benzon Altdeutsche Gartenflora 164 f. 169. Buschan 
Vorgeschichtl. Botanik 50 ff. Schrader Reallexikon der indogerman, 
Altertumskunde 692 f. Ascherson u. Graebner Synopsis der 
mitteleuropäischen Flora H 716 (1902). F. Pax Ein Fund prä- 
historischer Pflanzen aus Schlesien, 80. Jahresbericht d. Schles. 
Ges. f. Vaterland. Cultur (1902), üb: Sitzungen d. zoolog.-bot. 
Section S. i — 4. 



Sepsis d. mitteleurop, Flora II 675. 



444 10. Kap. Kalturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- and Eisenzeit 

Der Roggen ist unter den angestammten Getxeidearten 
der Alten Welt die jüngste. 

Als der früheste prähistorische Beleg, den wir von ihm 
haben, wird gewöhnlich ein angeblich noch der Bronzezeit 
angehörender Fund angeführt, den Jeitteles 1864 in einem 
Pfahlbau zu Olmütz in Mähren gemacht hat') Ich möchte 
die Zuverlässigkeit der Datierung dieses Fundes bezweifeln. 
In den Olmützer Pfahlbauten sind wiederholt auch eiserne 
Gegenstände zu Tage gekommen, und wenn Jeitteles S. 240 
seiner Mitteilungen den Fundort, wo der Roggen ausge- 
graben wurde, in die Bronzezeit datiert, so möchte er an 
anderer Stelle (S. 223) das Alter der Olmützer Ansiedlungen 
doch „nicht höher hinauf als in das erste oder zAveite Jahr- 
hundert vor Christi Geburt setzen". Ein Teil der Funde 
gehöre vielleicht sogar noch einer etwas jüngeren Zeit an. 
Das bronzezeitliche Alter des Olmützer Roggens steht also 
keineswegs so sicher fest, wie Buschan*) und Pax*) an- 
nehmen. 

Vor kurzem wurden bei Camöse (Kreis Neumarkt) in 
Schlesien gelegentlich eines prähistorischen Fundes aus 
dem 6. Jahrhundert vor Chr. verkohlte Getreidekömer ent- 
deckt, deren Identifizierung als Roggen nach einem Bericht 
von F. Pax (aaO. 3 f.) „einen Zweifel kaum zuläßt". Und 
im Breslauer Museum für schlesische Altertümer finden 
sich drei Urnen von Carlsruhe (Kreis Steinau) aus dem 
7. bis 6. Jahrhundert vor Chr., die an ihrer äußeren Ober- 
fläche neben Kömerabdrücken auch eingebackene oder 
festhaftende Getreideblätter imd Halme enthielten, welche 
sich bei genauer mikroskopischer Prüfung ihrer Struktur 
nach Pax gleichfalls als zur Roggenpflanze gehörig erwiesen. 

Sind die Datierungen und botanischen Bestimmungen 



*) L. H. Jeitteles Die vorgeschichtlichen Altertümer der Stcuit Olmütz 
u. ihrer Umgebung, Mitteil. d. Anthropol. Ges. Wien i (1871), 217 ff. 
238 ff. 2 (1872), 18 ff. 

•) Vorgeschichtl. Bot. 53. Heer {Pflanzen d. Pfahlbauten i6) drückt 
sich viel vorsichtiger aus. 

') Ein Fund prähistor. Pflanzen aus Schlesien (s. Lit.) S. 2. 



V. Roggen. 4tö 

dieser Funde richtig, so würden sie, wenn wir den un- 
sichem Olmützer Fund beiseite lassen, die ältesten bis jetzt be- 
kannten archäologischen Belege für die Kultur des Roggens 
sein. Sie gehören anscheinend dem früheren Eisenalter 
oder der Übergangsperiode der Bronze- zur Eisenzeit an. 

Alle sonstigen Funde entstammen dem jüngeren Eisen- 
zeitalter imd sind kaum als prähistorisch zu bezeichnen. 
Ein Roggenfund aus dem Pfahlbau Bor im Gardasee 
dürfte in die spätere Zeit der römischen Republik zu setzen 
sein, wo im keltischen Oberitalien vielleicht schon Roggen 
gebaut wurde.*) Den Pfahlbauten der Schweiz fehlt der 
Roggen gänzlich. Dagegen wurde er zur Römerzeit in der 
Schweiz gebaut, wie einige Roggenkörner beweisen, die 
1849 nebst Weizen, Hafer und Fennich am Herde des öfter 
erwähnten römischen Gebäudes von Buchs im Kanton 
Zürich gefunden wurden, das nach Heer (S. 16) aus dem 
2. Jahrh. n. Chr. stammt. Auch in einer römischen Ruine 
beiGrädistia in Ungarn hat man Roggenkörner entdeckt.*) 

Auf norddeutschem Boden sind imter den Getreide- 
resten der römischen Niederlassung bei Haltern an der 
Lippe drei Roggenkörner nachgewiesen. ») Aus dem 10. bis 
11. Jahrh. haben wir einen größeren Roggenfund von der 
Hünenburg bei Rinteln an der Weser.*) In Dänemark tritt 
der Roggen in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten 
auf.*) Am allerhäuf igsten aber findet er sich in den früh- 
mittelalterlichen slavischen Niederlassungen (Burg- 
wäUen und Pfahlbauten) in Holstein, Mecklenburg, Branden- 
burg und Schlesien, ein Umstand, der für die Heimats- 
bestimmung des Roggenbaus von Wichtigkeit ist.*) 

*) Goiran, Nuovo Giornale Botanico Italiano 22 (1890), S. 19 fr. 
Buschan aaO. 

■) Heer Pflanzen d. Pfalübauten 16. 

•) Von Wittmack bestimmt: Mitteil. d. Altertums-Kommiss. f, 
Westfalen 2, 69 (1901). 

*) Wittmack u. Buchwald Ber. d. deutsch. Bot. Ges. 20, 23 (1902). 

^) Vgl. Sarauws Material im Nationalmuseum zu Kopenhagen, sowie 
den Katalog des Museums : Bronzealderen^ Dänische Ausgabe No. 176, 64. 

•) Buschan aaO. 53 f. 



4i6 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- und Nordeuropas zur Bronze- and Risenzeit. 

Die Stammform des Saatroggens {Seeale cerealt L) 
ist eine perennierende Pflanze : Seeale montanutn Guss. mit 
ihren Varietäten Seeale anatolicum Boiss. und daltftatieum 
Vis. Von Ascherson, Regel imd Kömicke schon seit Jahr- 
zehnten behauptet, ist diese Abstammung neuerdings von 
dem Russen Batalin überzeugend dargetan worden.*) Der 
Wildroggen unterscheidet sich von der Kulturform nur 
durch die Zerbrechlichkeit der Spindel, die Kleinheit und 
feste UmhüUimg der Früchte und durch die perennierende 
Lebensdauer. Einjährige wilde Seeale-PiXten gibt es über- 
haupt nicht. An die perennierende Eigenschaft der Urform 
erinnert noch unser Roggen: er schlägt wieder aus, wenn 
die Stoppeln längere Zeit auf dem Felde stehn. Weizen und 
Gerste tim das nicht. In einigen Gouvernements Südrufr 
lands wird der Roggen noch heute als mehrjähriges Ge- 
wächs gebaut. 

Seeale niontanum findet sich nach Kömicke wild heute 
im ganzen Mittelmeergebiet: Südspanien, Marokko, Sizilien, 
Dalmatien, Serbien, Griechenland, Kleinasien, femer in Ar- 
menien, am Kaukasus, in Kurdistan imd in Zentralasien. 
Seeale fragile M. B. fand von Bieberstein wild in der kaspisch- 
kaukasischen Ebene. In Shugnan und Taschkent sind die 
Wiesen nach E. Regel so dicht mit Seeale montanutn be- 
wachsen, daß es aussieht, als wäre er gesät. Er dient dort 
als Viehfutter. 

Für die Feststellimg der Heimat des Roggenbaus fällt 
von den genannten Ländern zimächst das Mittelmeergebiet 
außer Betracht, weil der Kulturroggen hier nachweislich 
erst sehr spät auftritt. De Candolle*) sucht den Ursprung 
der Roggenkultur zwischen den österreichischen Alpen und 
dem Norden des Kaspisees; Regel und Kömicke verlegen 
sie nach Zentralasien. Hiergegen ist zu bemerken, daß das 
Vaterland des Kulturroggens, wie das des Kulturhafers, 
jedenfalls nicht zu weit östlich angesetzt werden darf. 

') S. den Bericht in d. Naturw. Wochenschrift 1890, No. 52, S.520. 
Correspondenzbl. f. Anthropol. 1890, 134. Buschan aaO. 55. 
■) Urspr. d. Kultur pfl. 471. 



V. Roggen. 447 

Während der Hafer, wenn auch spät, doch bis China vor- 
gedrungen ist, hat sich der Roggenbau nach Osten und 
Süden merkwürdigerweise gar nicht verbreitet. In China 
wird, soviel wir wissen, noch heute kein Roggen gebaut. 
Weder das Sanskrit noch die neueren indischen Sprachen 
kennen einen Namen für Roggen. Auch der semitischen 
und ägyptischen Welt ist er, gleich der Hirse und dem Hafer, 
fremd geblieben. In den ägyptischen Denkmälern hat man 
ihn nicht gefunden, imd in den semitischen Sprachen, selbst 
den neueren, ist kein Name für Roggen vorhanden/) Die 
Pflanze ist im größten Teil des Orients noch heute un- 
bekannt. In den zentralasiatischen Gebirgen wird sie ge- 
legentlich gebaut ; im allgemeinen aber ist der Roggen eine 
Pflanze des Nordens; im Süden gedeiht er nicht. Nord- 
europa imd Sibirien sind die eigentlichen Roggenländer. 

Die Roggenkultiu* hat also ein ähnliches Verbreitimgs- 
gebiet wie die des Hafers. WEihrscheinlich war auch die 
Heimat beider nicht weit voneinander entfernt. Der Anbau 
perennierenden Roggens in Rußland einerseits, das massen- 
hafte Auftreten des wilden Roggens in Taschkent, Shug- 
nan etc. anderseits weist auf die großen Ebenen von Süd- 
rußland bis Turkestan als das mutmaßliche Vaterland 
der Roggenkultur. Sie hat sich von hier vorwiegend west- 
wärts und nordwärts ausgebreitet. 

Zu dem gleichen Ergebnis führt ims die vergleichende 
Sprachforschung. Die germanischen, baltisch-slavischen 
und finnischen Sprachen haben einen gemeinsamen Namen 
für 'Roggen' : ahd. rokko^ as. roggo aus germ. ^roggan-^ 
*ruggn'y älter *rug'n'\ ae. ryge^ anord. rugr aus germ. 
*rug-i3\ lit. rugys 'Roggenkorn* (pl. rw^af 'Roggen'), lett. 
rudsi; akslav. rüity russ. roia" etc.; esthn. rukkiSy finn. ruiSj 
läpp, rok. 

Diesen germanisch -slavisch- finnischen Roggennamen 
haben Gustav Meyer*) imd Hirt») mit dem bei Galen 

») De Candollc aaO. 468. 

') Bezzenbergers Beiträge z. Kunde d. indog. Spr. 20, 120 f. (1894). 

*) Sievers Beiträge z. Gesch. d. deutsch. Spr. u. Lit. 22, 235 f. (1897). 



448 10. Kap. Kulturpflanzen Mittel- and Nordeoropas zur Bronze- und Eisenzeit. 

Überlieferten thrakischen Namen des Roggens ßpila, der in 
nordgriechischen Dialekten als ßptta (gespr. vrisa) oder 
ßpula heute noch vorkommt, in verwandtschaftlichen Zu- 
sammenhang gebracht, indem sie ßpila aus einer Grundform 
*uru§iä erklärten. Hirt setzt neuerdings*) wereg als urindo- 
germanischen Roggennamen an, was aber angesichts der 
sehr späten Einführung des Roggenbaus in ganz Mittel- und 
Nordeuropa unhaltbar ist Wie wollte gerade Hirt diese 
Tatsache wohl mit seiner Hypothese einer südbaltischen 
Heimat der Indogermanen in Einklang bringen, wenn der 
Roggenname wirklich bis in die indogermanische Urzeit 
zurückreichte? Ich halte Hirts frühere Ausführungen für 
richtiger: der germanische Name ist wahrscheinlich nicht 
direkt urverwandt mit dem slavischen, die Germanen dürf- 
ten ihn vielmehr mit der Pflanze von irgend einem südost- 
europäischen Volke entlehnt haben, ähnlich wie sie vor dem 
Roggen den Hanf und seinen Namen aus Südosteuropa 
bezogen. Von den Germanen und Balten ist er dann zu den 
finnischen Völkern weiter gedrungen. Aus dem Slavischen 
anderseits stammt mag. rossj mordwin. roSj tscheremiss. räa, 
ruSa etc. 

Meyer meint, ngriech. vrisa sei „in der Tat ein lu*- 
sprüngliches thrakisches Wort", das „aber in Thrakien 
selbst vielleicht vorarisch" sei. Bei der Bedeutimg, die 
Thrakien für die Ausbreitung des Roggenbaus zweifellos 
gehabt hat, wäre das an sich recht gut denkbar; es findet 
sich aber bei einer Anzahl ostfinnischer und türkischer 
Völker übereinstimmend ein von Meyer und Hirt nicht be- 
achteter Name des Roggens, der augenscheinlich mit der 
obigen Sippe verwandt ist imd der ganzen Frage ein anderes 
Aussehen gibt. Der Roggen heißt bei den Samojeden ariS^ 
bei den Ostjaken ariiS^ Wogulen oroSj Tscheremissen arSa 
(neben dem jüngeren, aus dem Slavischen entlehnten ru§a\ 
bei den Tschuwaschen iraSy den Tataren areSy oroä usw.*) 

^) Der indogerman. Miaut § 604 (1900). 

*) Zu den finnisch-ugrischen und türkischen Benennungen des 
Roggens vgl. Nemnich Polyglotten-Lexikon d. Natgesck, U 1269. Grimm 



V. Roggen. 4iQ 

Die Sibilanten könnten alle diese Namen, gleich den vorhin 
genannten magyarischen, mordwinischen und tscheremis- 
sischen, als jüngere Entlehnungen aus dem Slavischen er- 
scheinen lassen, aber der dem Slavischen fehlende an- 
lautende Vokal charakterisiert sie als eine ältere selbständige 
Gruppe und stellt sie in engste Beziehimg zu thrak. ßplla 
und dem ihm zugrunde liegenden *uru§iä. Es ist ja immer- 
hin möglich, daß die Namen aus dem Slavischen entlehnt 
sind; dies müßte dann zu einer Zeit geschehen sein, wo die 
slavischen Sprachen zwar die Assibilierung der Palatale 
schon durchgeführt, aber das anlautende u noch nicht ab- 
geworfen hatten. Sie können jedoch ebenso wohl aus einer 
skythischen oder indoiranischen Sprache stammen, wie so 
manche Wörter der Turkidiome (vgl. oben S. 123), — wenn 
nicht die indogermanischen Namen umgekehrt einer tür- 
kischen Sprache entlehnt sind.*) 



Gesch. d, d. Spr.^ 45 f. Pictet Orig. Indo-europ,^ I 273 f. Hehn Kulturpfl. 
u. Haustiere^ 538 = ' 552. Ahlqvist Die Kulturwörter d. westßnnischen 
Sprachen 37. Miklosich Et. Wörtb. d. slav, Sprachen 285. Buschan Vor- 
geschichtl. Bot. 52. Des letzteren Zusammenstellung des tatar. arei mit 
dem bei Plinius erwähnten Namen asia der Tauriner ist sprachlich 
unmöglich. Vgl. unten S. 452 u. oben S. 344. 

*) Ist letzteres der Fall, so könnte auch der indoiranische Name 
des Reis, aind. vrxhi^^ afghan. rr/;^«, npers. 3/Wi«/ etc. (Hom Grundr. 
d. npers. Etym. S. 48. Uhlenbeck Etym. Wb. d. aind. Spr. 300), unbedenk- 
lich aus derselben Quelle abgeleitet werden, wie schon Jacob Grimm 
und Pictet wollten, was bei Annahme indogermanischer Herkunft des 
Wortes wegen der Verschiedenheit des Wurzelvokals nicht möglich ist. 
Die Arier hätten den Roggennamen dann auf ihrer Wanderung durch die 
sarmatischen und kaspischen Ebenen mit der Pflanze zugleich kennen 
gelernt und später im Osten auf den Reis übertragen. Mit dem Reis, 
der wahrscheinlich schon im 5. Jahrh., sicher aber durch die Feld- 
züge Alexanders des Großen in Griechenland bekannt wurde, bürgerte 
sich der iranische Name auch im Griechischen ein und zwar in 
doppelter Gestalt: einmal als dpivba, öpivbiov, der nasalierten iranischen 
Form entsprechend, wie sie in npers. birinj, armen, osset. brinj vor- 
liegt (Hehn* 487 = ' 497), anderseits als dpu21a, dpu21ov, das auf eine 
nicht nasalierte ostiran. Form wie afghan. vriie zurückgeht (Hörn aaO.). 
"OpuZa, wie Hirt will, direkt mit thrak. ßptZa und den verwandten 
Namen des Roggens zu verbinden, geht der Bedeutung wegen nicht an. 

Hoops, Waldbftuxne u. Kulturpflansen. 29 



460 10. Kap. Kultorpflanzen Mittel- und Nordearopas zar Bronze- und Eisenzeit 

Sei dem, wie ihm wolle, auf jeden Fall scheint mir 
durch den angeführten, weit verbreiteten ostfinnisch- tür- 
kischen Namen des Roggens das Schwergeveicht dieser 
ganzen Namenfamilie von Thrakien aus weiter ost- 
wärts nach den Ländern nördlich vom Schwarzen 
Meer verschoben zu werden, und das stimmt auffallend 
zu unsem obigen Ausfühnmgen, wonach die Heimat der 
Roggenkultur in der sarmatischen oder kaspischeo 
Ebene zu suchen wäre. Von hier aus hat sich die Pflanze, 
von hier aus auch der Name nordwärts zu den Slaven, 
Germanen und Westfinnen, westwärts nach Thrakien aus- 
gebreitet. 

Buschan, dem sich Pax*) anschließt, ninmit nun 
außerdem, wie beim Hafer, noch ein zweites selbständiges 
Ursprungsgebiet für den Roggen an, weil dem eben be- 
sprochenen Namen desselben eine besondere südeuropäische 
Benennimg sicali^ secale unvermittelt gegenüberstehe. Er 
meint, gleichzeitig mit der Entstehung einer Roggenkultur 
in der kaspisch-kaukasischen Ebene, bezw. dem Gebiet der 
untern Wolga, müsse man „auch in den nördlichen Balkan- 
ländem Versuche mit seinem Anbau angestellt haben, jedoch 
nicht in so ausgedehntem Maße wie im Osten Europas". 
In Thrakien imd Makedonien sei damals vielleicht das Wort 
sicale entstanden. 

Diese letztere Vermutung Buschans über die Heimat 
des etymologisch bislang unerklärten Namens sicale^ secale 
hat auch mir viel Wahrscheinliches ; ich möchte namentlich 
auf den neugriechischen Namen aiKaXi, den albanesischen 
Qäkere und walach. Sfcärf^) für Roggen mit altem inter- 
vokalem k hinweisen. Im übrigen kann ich aber dieser 
Hypothese gegenüber nur wiederholen, daß das Vorhanden- 
sein etymologisch verschiedener Namen einer Kulturpflanze 
in literarischer Zeit nicht notwendig eine multilokulare Ent- 

*) Vorgeschickt l. Bot. 5a. 56. 

») Ein Fund prähist. Pflanzen aus Schlesien (s. Lit.) S. 2. 
») Diez Et. Wtb. d. roman. Spr.^ 289. ^tmmcYi (Polyglotten-Lex, d. 
Natgesck. II 1268) schreibt ssikari. 



V. Roggen. 461 

Stehung ihrer Kultur bedingt. Die Gegend, in der zuerst das 
Wort sicale für Roggen auftritt, ist allerdings zu einem 
Ausstrahlungszentrum für diesen Namen geworden, der 
durch Vermittlung des Latein i